Zwischen Rinde und Borke – Leitung und Führung in der mittleren Ebene
Sprache hat Macht. Sie schafft Wirklichkeit, oft ohne dass wir es bemerken. Manchmal eröffnet sie Räume, manchmal begrenzt sie unseren Blick. Und gelegentlich bringt sie uns ins Stocken – hält uns an, noch einmal hinzusehen, genauer zu hören, weiterzudenken.
So ist es mir mit einer Redewendung ergangen, die mir lange vertraut war und die mir doch erst in den vergangenen Monaten neu zu denken gegeben hat: „Zwischen Rinde und Borke“.
Vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Situation. Seit nunmehr einem Jahr bewege ich mich in einer mittleren Leitungsebene, wachse in diese Rolle hinein und merke zugleich, wie sehr sich die Kirche, in der ich arbeite, in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess befindet. Vieles ist im Fluss, manches noch unklar, anderes bereits spürbar in Bewegung geraten.
In diesem Zusammenhang hat sich die vertraute Redewendung anders zu Wort gemeldet. Nicht mehr nur als Beschreibung einer unangenehmen Lage, sondern als ein Bild, das Fragen stellt. Fragen danach, was dieses „Dazwischen“ eigentlich meint – und ob es tatsächlich nur Enge beschreibt.
Was als beiläufige Irritation begann, hat meinen Blick auf Leitung in dieser mittleren Ebene verändert.
In diesem Blogeintrag will ich Sie auf diese Entdeckungsreise mitnehmen.
Meine Hand lag ruhig und schwer auf der Rinde des großen Baumes, der sich nahe unserer Wohnung auf dem kleinen Gedenkplatz erhob. Ich strich über die raue Oberfläche und spürte, wie die harte Rinde an meiner Haut rieb. Mein Blick folgte meiner Handbewegung – immer wieder etwaige Zwischenräume suchend. „Zwischen Rinde und Borke“, wo war nur dieser Zwischenraum?
Plötzlich war ich nicht mehr im schattigen Grünen des kleinen Platzes, sondern abendlich in einer digitalen Besprechung, die einiges von mir gefordert hatte. In Windeseile war ich zwischen Ebenen geraten. Seufzend hatte ich daher impulsiv Unbehagen über diese Situation zwischen Rinde und Borke geäußert. Eigentlich hatte es sich eher wie ein Zermalmen zwischen Mühlsteinen angefühlt als nach einem lebendigen Ort wie dem eines Baumes.

Die Handbewegung kam zum Stocken während sich mein Ehering an einer Hervorwölbung der Rinde verkeilte. Da ich den benannten Zwischenraum zwischen Borke und Rinde nicht finden konnte, gab ich nun auf und nahm mir vor, der Redewendung etwas mehr auf den Grund zu gehen.
Die Suche nach diesem Zwischenraum ließ mich in den nächsten Tagen nicht los. Vielleicht gerade deshalb, weil das Bild so selbstverständlich daherkommt, als müsste es ihn geben. „Zwischen Rinde und Borke“ – das sagt sich leicht. Fast beiläufig. Und doch trägt diese Redewendung eine eigentümliche Schwere in sich. Sie beschreibt nicht nur ein Dazwischen, sondern ein Dazwischen, das keinen eigenen Raum kennt. Eine Lage, in der man sich nicht einfach zuordnen kann, in der man weder ganz auf der einen noch auf der anderen Seite steht. Ein Ort ohne eindeutige Verortung.
So kam ich mir manchmal als Rektorin und damit als Teil der mittleren kirchlichen Leitungsebene vor.
Die Erfahrung, zwischen Erwartungen zu stehen, zwischen unterschiedlichen Blickrichtungen, die sich nicht ohne Weiteres miteinander in Einklang bringen lassen riß mich immer wieder hin und her – und manchmal hatte ich das Gefühl, dass mir die Luft abgeschnitten wurde.
Botanisch betrachtet gibt es den von der Redewendung implizierten Zwischenraum gar nicht. Die Borke ist kein Gegenüber zur Rinde, sondern ihr äußerster Teil. Was wir im Alltag als Rinde bezeichnen, umfasst bereits das, was wir sprachlich von ihr so leichtfertig abgrenzen.
Näher betrachtet besteht ein Baum aus dem inneren Holz – für mich ein Sinnbild für Kirchenleitung, Synode und kirchliche Strukturen. Dann aber wird es spannend, denn daraufhin folgen Kambrium und Bast, die für mich die mittlere Leitungsebene symbolisieren.
| Aspekt | Bast (Phloem) | Kambium |
|---|---|---|
| Botanische Einordnung | Innerer Leitungsbereich der Rinde | Wachstumszone (lebende Zellschicht) |
| Funktion im Baum | Transportiert Nährstoffe und Informationen in alle Teile des Baumes | Bildet neue Zellen – nach innen Holz, nach außen Bast |
| Bedeutung für den Baum | Verbindet alle Teile und sorgt für Versorgung | Lässt den Baum wachsen, stärkt ihn und macht ihn zukunftsfähig |
| Charakter | verbindend, weiterleitend, vernetzenden Fluss ermöglichend | entwickelnd, erneuernd, tragfähige Veränderung hervorbringend |
| Übertragung auf Leitung | Bringt Informationen, Erfahrungen und Bedürfnisse zwischen Praxis und Leitung in Bewegung | Entwickelt tragfähige Lösungen und verarbeitet Spannungen zu neuen Wegen |
| Wirkrichtung | fördert Austausch, Verständnis und Beteiligung | übersetzt Unterschiede in gemeinsame Formen und ermöglicht Weiterentwicklung |
| Bedeutung für das System | hält Verbindung lebendig und überträgt, was trägt, in den Alltag | stärkt das, was Zukunft trägt, und ermöglicht strukturelle Entwicklung |
| Wenn es fehlt | kein Austausch → keine echte Verbindung | kein Wachstum → keine Zukunft |
Als ich die Informationen in einer Tabelle zusammenfügte, fing ich an, einiges zu verstehen und versuchte es in eine Abbildung zusammenzufassen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen, die dies liest:

Gesehen auf die gesamte Kirche ist das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen sehr interessant – von der Wurzel, die in der Heiligen Schrift ihren Halt, ihre Nahrung und Kraft erhält bis hin zum Blätterdach und den Früchten, die das Evangelium durch das Wirken vieler bringt, habe ich meine Gedanken und meiner Fantasie freien Lauf gelassen.

Nun hatten sich endlich Bilder und Begriffe geklärt. Statt einer Enttäuschung über diese Metapher, wich dies einer stillen Einsicht, die mir nun half, meine Situation und die vieler auf der mittleren Leitungsebene in neue Bilder zu gießen. Das Bild vom „Zwischen Rinde und Borke“ ließ sich botanisch nicht verifizieren.
Und doch zeigte sich unter der sprachlichen Oberfläche der Metapher etwas, das ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte.
Dort, wo die äußere Schicht endet, liegt nicht Leere, sondern eine feine, lebendige Zone. Der Bast, der verbindet und weiterleitet. Das Kambium, das neue Zellen bildet und Wachstum ermöglicht. Keine starre Grenze, sondern ein Bereich, in dem Bewegung ist, Austausch geschieht und Neues entsteht.
Was ich zunächst als ein eingeengtes Dazwischen verstanden hatte, erwies sich bei genauerem Hinsehen als ein Ort, der alles andere als leer ist. Nicht sichtbar im Vordergrund, aber entscheidend für das Ganze.
Für mich tröstliche Gedanken, damit ich mich weniger zwischen Fronten, Ansprüchen und Anforderungen fühle, sondern Teil einer hochwirksamen Schicht innerhalb des Baumes zwischen Kirchenleitung, Synode, kirchlichen Einrichtungen und dem zu was wir berufen sind: der Weitergabe des Evangeliums in Wort und Tat.




























