Solidarität in Uniform: Gedenken von Sternenkinder bei der NYPD

Hastig sah der Polizist auf die große Uhr in der Eingangshalle der kleinen Polizeistation während er seine Kolleginnen und Kollegen zur schweren Eingangstür hinaus schickte. Es war fast sieben Uhr. In wenigen Minuten würde das Gedenken der Sternenkinder auf den Treppenstufen der Polizeistation beginnen. Während sich eine angespannte Stille langsam unter den sonst so lebendigen Polizistinnen und Polizisten ausbreitete, schweifte mein Blick an ihnen vorüber. Die Gruppe reflektierte durch die unterschiedlichen Hautfarben, Herkunftsorte und Traditionen die Vielfalt New Yorks. An keinem anderen Ort durfte ich eine solch bunt zusammengesetzte Gemeinschaft erleben wie am Big Apple. Die Polizeistation spiegelte in ihrem Mikrokosmos den sie umgebenden Makrokosmos wieder.

Nun setzten sie in Uniform Zeichen der Solidarität für ein sensibles Thema: An diesem Abend würden sich alle im Gedenken an all die Sternenkinder vereinen und Teil der globalen Bewegung #waveoflight sein, die rund um die Welt um dieselbe Uhrzeit Zeit ihnen gedachte und der Trauer Raum und Zeit gab.

Der Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft oder dessen Stillgeburt bzw. schnelles Versterben ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu-Thema. Viele Betroffene scheuen sich, über diesen tiefgreifenden und erschütternden Verlust zu sprechen. An diesem Abend durchbrachen etliche Polizeistationen dieses Schweigen durch Zeichen der Solidarität. In den USA sterben laut CDC 24.000 Kinder während der Schwangerschaft, in oder nach der Geburt.

Als “Clergy Liaison” (eine Art ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin und Brückenbauerin zwischen Anwohnern und Polizeistation) war ich eingeladen worden, einige Worte mit den Anwesenden zu teilen und ein Gebet zu sprechen. Keine einfache Aufgabe, denn das Thema betraf auch mich beruflich und privat. Ich schluckte noch einmal tief, während ich meinen NCO (Neighborhood Community Officer) ansah, dann begann ich zu sprechen…

I am humbled and honored to speak at today´s Pregnancy and Infant Loss Awareness Day at the 10thPrecinct.

It is a day to remember, to grieve, to give thanks, to share, to be silent, to give our losses expression through thoughts, prayers and support for those, who have been affected by losing a child too early as young lives have barely begun and cut short.

The 10th Precinct is setting a sign of solidarity and reflection as our society in a whole is mostly silent about Pregnancy and infant loss.  It is a loss that many of us suffer in silence.  I speak out of own experience.

But we have come together to remember.  Some of us present have experienced this loss personally or know someone, who had to struggle with a life cut short too early and shattered dreams of holding a healthy child in their arms.

We come to the Precinct from many backgrounds reflecting the beauty of New York.  Our skin color, our families history, our upbringing might have been different from one another, but we embrace this diverse community as a strength that helps us to understand one another, support each other and learn in beautiful ways. This is what makes New York so special: We stand together as a diverse community and support each other in times of need and grief.

Today we will light 12 candles to visualize the hope we have amongst pain. The support we give by standing together as one.

Darkness can overwhelm you, but even a single light can make the dark look less frightening giving hope and direction. May we always be for others a light, when they experience hard and dark times in their lives.

I will therefore now offer a small prayer, which is worded in a inclusive way. I invite you to either join in or reflect on its words no matter from which faith or none you might be.

In Psalm 46 we read:
“Be still, and know that I am God! I am exalted among the nations, I am exalted in the earth.” The LORD of hosts is with us; the God of Jacob is our refuge.” (Psalm 46:10-11)

Let us pray.

Heavenly father, creator of life and Lord of all nations,

We pray that during the quiet and still moments where our mind is racing and our hearts are hurting for others and maybe for ourselves, that you would help us to find peace amidst the pain.

We pray for the families, who have lost their children in pregnancy and infancy. As they are grieving, we ask that they may find peace and comfort.

They longed to get to meet this baby and see him or her grow up but now they won’t be able to. Help us to support them as a diverse and strong community that they may not become bitter but to rely on you for strength and healing.

Amen.

(Photo: NYPD 10th Precinct)

Die Farben der Welt – wenn bunte Vielfalt von Kindesbeinen an gelernt wird

Voller Faszination drehte ich die Packung der Malkreiden hin und her. Neben großen und kleinen Kartons, die gefüllt waren mit allen erdenklichen Farben, stach mir an diesem Einkaufsnachmittag eine kleinere Verpackung mit insgesamt 24 verschiedenen Kreiden ins Auge. Aus meiner Kindheit kannte ich die US-amerikanische Marke “Crayola” gut. Es war immer ein Festtag für mich gewesen, wenn ich eine neue Packung geschenkt bekam. Besonders die großen Kartonboxen mit ihren interessante Farben, wie Gold, Silberglitzer oder schillerndem dunklen Violett hatten es mir angetan. Ich hütete diese Packungen wie meinen Augapfel.

Viele Jahre später war es gerade eine kleine Crayola-Packung, die mich in ihrem inneren Wert anrührte. Aus dem kleinen Mädchen, das stundenlang malen konnte und sich bei etwaigen Geschäftsbesprechungen ihrer Eltern in ihre Kunstwerke vertieft hatte, war inzwischen eine Frau und Mutter von vier Kindern geworden. Voller Erstaunen blickte ich auf die Aufschrift: “Colors of the World” – “Farben der Welt”. Welch eine wunderbare Idee des US-amerikanisches Unternehmens “Crayola”, das hauptsächlich für seine Textmarker und Buntstifte vor allem im englischsprachigen Raum bekannt wurde. Crayola war eines der ersten Unternehmen, das Buntstifte, Kreiden, Textmarker und andere Schreibmittel sowie anderen Künstlerbedarf ohne giftige Begleitstoffe herstellt. Nun hat das US-Unternehmen mit seinen neuem Sortiment von Malkreiden in diesem Sommer ein weiteres Kapitel der Geschichte geschrieben: Mit dem Angebot von Wachsmalkreiden in verschiedenen Hauttönen hilft es, dass Kinder und hiermit ihre Eltern die bunte Vielfalt an Hautfarben lernen und in ihrer Kunst spielerisch als selbstverständlich einüben.

Wunderbare Farben wie “Mandel”, “Rosé” und “Gold” in helleren und dunkleren Schattierungen machen nicht nur Lust auf ein spielerisches Ausgestalten, sondern setzen in der Bilderwelt, in der Menschen zunächst denken, tiefer an als Worte es je können. Durch solche Farbenwelten wird die Dominanz einer einzigen Farbe, die als “Hautfarbe” bezeichnet wurde und zumeist einen hellen Beigen- oder Rosafarbenen, aufgelöst in die bunte Vielfalt der Schöpfung, die Gott geschaffen hat. Nur wenn ernst damit gemacht wird, dass die Schöpfung Gottes gut war, wie dies das Buch Genesis im ersten Bericht erwähnt, und mit der Schöpfung auch der Mensch in Gottes Angesicht mannigfaltig mit verschiedenen Hautfarben erschaffen ist, geben wir der wahren Vielfalt unserer Welt ihren angestammten und verdienten Raum. Und dies geschieht am besten zu Beginn eines jeden Menschenlebens – mit Kinderhänden, die Kunstwerke in herrlicher Farbenpracht und diversen Hautfarben Wirklichkeit werden lassen, und Erwachsenen, die diesen bewundernd und wertschätzend als Spiegel unserer vielgestaltigen Menschheit Raum geben.

Coffee with a Cop

Der warme Kaffee ran wohltuend meine Kehle hinunter während meine Hände den warmen Kaffeebecher umschlossen. “Es ist wie bei einer Verletzung,” sagte Hakim* während er seine Maske zurechtrückte, “erst muss die Wunde gereinigt werden, dann kann sie langsam wieder zusammenwachsen. Beides ist schmerzhaft und wichtig, damit Heilung stattfinden kann.” Nachdenklich schweifte mein Blick an meiner rechten Hand entlang, die von einer großen Narbe gekennzeichnet war. Aus eigener Erfahrung wusste ich nur zu gut, dass bei einer Verletzung beides wichtig war: die Reinigung und medizinische Versorgung, aber auch die Schmerzen der Heilung.

Doch in unserer Unterhaltung ging es nicht um meine physische Verletzung, die mich an einen Fahrradunfall vor geraumer Zeit erinnerte, sondern um die gegenwärtige gesellschaftliche Situation und die vorhandenen Spannungen in New York und vielen anderen Orten der USA.

An dem strahlenden Herbstvormittag hatten Mitglieder des “Community Outreach” Büros der NYPD die neue Initiative “Coffee with a Cop” gestartet, mit der Polizisten mit Passenten über einer Tasse Kaffee oder einem Erfrischungsgetränk miteinander ins Gespräch kommen konnten. Als Clergy Liaison war ich hierzu eingeladen worden.

Seit mehreren Jahren versucht das Programm des Community Policing Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den örtlichen Polizeistationen wachsen zu lassen. Doch in den letzten Monaten hat sich ein tiefer Graben aufgetan, der ein grundsätzliches Problem der USA zu Tage treten lässt. In der US-amerikanischen Gesellschaft klaffen alte Wunden auf, die nie richtig versorgt wurden: Rassismus und Benachteiligung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft durchziehen alle gesellschaftlichen Strukturen. Die Ermordung mehrerer afro-amerikanischer Personen durch Polizisten ließ das Land in vergangenen Frühling und Sommer in einem heiligen Zorn erbeben.

Der zu Tage getretene Rassismus und die offensichtliche Polizeigewalt darf in keiner Weise entschuldigt werden, sondern Täter und Verantwortliche müssen stringent zur Rechenschaft gezogen werden. Hierauf hat die NYPD reagiert und seit einigen Monaten einen neuen Verhaltenscodex für Polizistinnen und Polizisten erlassen, dessen Missachtung zu umgehenden Konsequenzen führt. Die in Gewalt involvierten Personen werden umgehend suspendiert und ihnen drohen hohe Strafen.

Bei allem Ringen um Gerechtigkeit ist aber ebenso wichtig die Person hinter der Uniform zu sehen. Polizistinnen und Polizisten der NYPD spiegeln in ihrer Herkunft und Hautfarbe New Yorks multikulturelle Welt wieder und verstehen das Ringen um Gerechtigkeit aufgrund ihrer eigenen Wurzeln. Einige haben die Benachteiligung am eigenen Leib erlebt und möchten daher Brücken der Verständigung und der Zusammenarbeit bauen.

“Ich verstehe sie ja!”, sagt Polizistin Sandra*, die neben mir steht während sie einem Passanten einen Kaffee reicht. “Gestern habe ich bei einer Demonstration arbeiten müssen. Ich finde auch, dass endlich Gerechtigkeit einziehen muss. Die Demonstranten verstehen gar nicht, dass ich gestern für ihre Sicherheit da war und nicht gegen sie bin. Die Worte gehen mir immer noch nach. Sie kennen mich gar nicht, aber überhäufen mich mit Ausdrücken, die mir zuvor noch nie ins Gesicht gesagt wurden.”

Einen Tag danach aber steht sie zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen unablässig im Rahmen von “Coffee with a Cop” auf einem Gehsteig in Chelsea, um mit Passanten und Vertreterinnen und Vertretern der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen. Dabei wird der Mensch hinter der Uniform sichtbar und erfahrbar, wobei manche Unterhaltung sicherlich schwer ist. Aber nur so kann Heilung geschehen.

Es ist eine schmerzhafte und notwendige Aufarbeitung des systematischen Rassismus, die vor Ort und auf einer sehr persönlichen Ebene stattfindet. Nur wenn diese gesellschaftliche Wunde gereinigt ist, kann der lange und schwierige Prozess der Heilung beginnen.

Hierzu braucht es Brückenbauerinnen und Brückenbauer, die wie Hakim* und Sandra* mutig Brücken innerhalb einer gebrochenen Gesellschaft bauen, wo Gräben Menschen voneinander trennen und wagen, gegen die tiefe Verletzung der Menschlichkeit vorzugehen, die seit Jahrhunderten in den USA durch Rassismus alle Strukturen eines der mächtigsten Länder der Welt durchzieht.


* Name geändert

#aCollarforRBG – Einladung zum theologischen Häkeltreff

Wir freuen uns sehr, euch am 1. Oktober 16:30-17:30 Uhr zu einem theologischen Häkeltreff via Zoom einzuladen. Miriam Groß, Pfarrerin in New York, USA wird Einblicke in die Biographie der vor kurzem verstorbenen US-amerikanischen Richterin Ruth Bader Ginsburg geben. Clara (10 Jahre), Tochter von Imke Sander, Pastorin in Hamburg-Eidelstedt (Deutschland) wird uns davon erzählen, warum die Richterin für sie und viele andere Mädchen ein großes Vorbild ist. Danach wird uns Gerlinde Feine, geschäftsführende Pfarrerin in Böblingen (Deutschland) beim Häkeln anleiten. Janine Liechti-Marangon, Pfarrerin, Niederscherli (Schweiz), wird uns zum Abschluss dieses Treffens mit einem Segen in unserer Arbeit um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit stärken.

Für das Treffen benötigt ihr: weißes Baumwollgarn und eine passende Häkelnadel

Bis zu 100 Personen können sich für diese private und kostenlose Veranstaltung anmelden.

Anmeldungslink

Ruth Bader Ginsburg, Spitzenkrägen und der Ruf zu einem Engagement um Gleichberechtigung

Die metallfarbene Häkelnadel glitt an der weißen Wolle entlang, die mit feinen silbernen Fäden durchsetzt war. Masche um Masche entstand zwischen meinen kalten Fingern ein Muster, das so vertraut durch Bilder und Beschreibungen war während ich aufmerksam den Berichten des Radiomoderators auf NPR (National Public Radio) zuhörte. Ruth Bader Ginsburg, die Richterin am US-amerikanischen Obersten Gerichtshof gewesen war, war am Abend von Rosh Hashanah (18. September) verstorben. Gerade hatte ich noch an meine jüdischen Freunde und Bekannte einen Gruß zum jüdischen Neujahrsfest versandt, als die Nachricht wie ein kalter Hagelschauer über dem jüdisch geprägten New Yorker Umfeld hereinbrach. Auch bei mir saß der Schock tief, denn seit Jahren war diese Frau für mich in ihrer Arbeit und ihrem Engagement um Gleichberechtigung und ein gerechteres juristisches System ein großes Vorbild. Nun griff ich zur Häkelnadel. Mit jeder neuen Masche entstand vor meinen Augen eine Nachahmung des Spitzenkragens, den sie über ihrer Richterrobe getragen hatte. Diese Tätigkeit gab mir die Möglichkeit meiner Trauer Ausdruck zu verleihen und ihr dadurch etwas näher sein zu können.

“Welch ein passender Tag für eine solch große Person zu sterben!”, dachte ich leise bei mir. Nun war sie eine צדיקה (Tsedikah). In jüdischer Tradition ist jemand, der am jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana verstirbt, eine gute und rechtschaffene Person, die sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat.

Wenn im Jüdischen von צדקה (Zedaka) gesprochen wird, so meint dies Gerechtigkeit, die die Nächstenliebe einschließt und ein aktiver Einsatz für Gerechtigkeit bedeutet.

Maimonides (1135/38-1204) definierte im Mittelalter acht Stufen der צדקה (Zedaka), von denen die höchste zur Selbstversorgung bzw. zu einer Handlung führt, die eine nachhaltige Form der Gerechtigkeit schafft. Die zweithöchste Form ist, wenn der Rechtsschaffende und der Umsorgte einander unbekannt sind. Dies ermöglicht die Würde des Empfängers zu erhalten und dass der Geber frei von persönlicher Motivation und Belohnung ist. Im Konzept der צדקה (Zedaka) schwingt der Auftrag Gottes, eine gerechtere Welt zum Wohle von Menschen zu schaffen, die wir nicht kennen, ohne Lob, Dankbarkeit oder Belohnung zu erwarten.

In der Torah werden zum Beispiel Abraham aufgrund seiner Güte, Isaak aufgrund seiner Zurückhaltung, Jakob aufgrund seiner Barmherzigkeit, Moses aufgrund seiner Ausdauer, Aaron aufgrund seines Ruhms, Joseph aufgrund der Stiftung des Landes, David aufgrund des Königtums benannt. Aber auch Frauen können als rechtschaffen bezeichnet werden.

Ruth Bader Ginsburg gehört meines Erachtens in diese Tradition. Sie war eine solche צדיקה (Tsedikah), die sich unermüdlich für eine gerechtere Welt einsetzte. Eine Welt, in der Gleichheit, soziale und ökonomische Gerechtigkeit allen zugänglich gemacht werden sollte – egal welchen Geschlechtes, Hautfarbe oder Herkunft sie sein mögen. Durch Ruth Bader Ginsburg wurde wie durch keine zweite Person das Streben nach Gerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft und dessen Rechtssystem so tiefgreifend beeinflusst.

An diesem Abend erfasste die Trauer und Dankbarkeit um diese צדיקה (Tsedikah) unsere ganze Familie. Meine Kinder hörten interessiert von verschiedenen Lebensstationen Bader Ginsburg. Während ich häkelnd von meinem Vorbild erzählte, wurde mir bewusst, dass wir nun in der Nachfolge dieser rechtschaffenen Person sowie vieler anderer waren. Unsere Generation musste sich nicht nur für eine gerechtere Welt einsetzen, sondern die nächste Generation von Friedens- und Gerechtigkeitsstiftern erziehen. Die Spitzenkragen waren RBG´s Weise, sowohl die weibliche Identität über einer männlichen Robe zu unterstreichen als auch durch diese ihren Protest sichtbar werden zu lassen. In unendlicher Geduld und jahrzehntelangem Engagement hatte sie in den USA wichtige Schritte für die Gleichberechtigung von Frauen bewirkt- daher hatte sie einst gesagt: “Real Change, enduring change, happens one step at a time.” (1)

Während der Abend durch unser Reden und meine Häkelarbeit schnell dahinfloß, reifte in mir eine Idee, die ich am Sonntag umgehend umsetzten würde: Nicht nur ich würde über meinem Talar ein “Ginsburg Collar” tragen, sondern auch meine Töchter in Erinnerung an Ruth Bader Ginsburg und als Zeichen der Nachfolge im Engagement um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Wenn viele über Generationen, Nationen und Herkunft hinweg sich für Gleichberechtigung einsetzen und jeder einige kleine Schritte macht, können wir diese Welt in eine gerechtere für alle verwandeln.


Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr ebenso ein Zeichen setzten würdet, dass auch ihr engagiert seid um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Wenn ihr könnt, so tragt ebenso ein solches #GinsburgCollar über eurem Kleid, Talar, Bluse oder Hemd. Wenn ihr könnt, dann postet ein Bild unter #ACollarforRBG und #RBG

Als Häkelanleitung kann ich die von Sheila Toy Stromberg sowie eine kostenlose von unter diesem Link empfehlen.

Verwendet habe ich weißes Baumwollgarn, das ich danach mit Sprühstärke zum Tragen etwas gefestigt habe.

(1) Übersetzung: “Wirkliche Veränderung, langanhaltende Veränderung, geschieht ein Schritt nach dem nächsten.”

Struggling for the Soul of a Nation

Eine Nation ringt um ihr eigenes Selbstbild

Mit jedem weiteren Schritt sank ich tiefer in den dunkelbraunen Ackerboden ein, dessen regelmäßiges Muster aus frisch gepflügten Ackerfurchen von wirr verstreuten plattgewalzten Panzerspuren unterbrochen war. Lachen und aufgeregtes Jauchzen erfüllte die frische Septemberluft während wir Kinder über das Feld stolperten, um die amerikanischen Soldaten zu begrüßen, die um unsere kleine Stadt das jährliche Herbstmanöver durchführten.

Für uns Zehnjährige war es eine wunderbare und willkommene Unterbrechung des Herbsteinerleis. Die amerikanischen Soldaten hatten stets allerlei Leckereien dabei, die sie uns schenkten. Noch heute erinnere ich mich an die Freude, das Lachen und die Bewunderung, die wir diesen Männern und Frauen entgegenbrachten. Wir als zweite Generation nach dem Krieg waren in dem Bewusstsein erzogen worden, dass die USA uns als Besatzungsmacht Demokratie und Fortschritt gebracht hatte. Daher waren für uns dessen Kultur und Gepflogenheiten von großem Vorbildcharakter.

Wenn ich erschöpft von diesen Herbstausflügen mit meiner Beute und Schuhen, die mit schweren Erdklumpen übersät waren, nach Hause kam, achtete ich stets darauf, dass ich sie reinigte. Denn jegliche Aufregung meines amerikanischen Ziehvaters musste aufgrund dessen schwerer Erkrankung durch seinen Militäreinsatz in Vietnam musste unbedingt vermieden werden. Von Kindesbeinen an war ich nicht nur aufgrund der engen Verzahnung des süddeutschen Raumes mit dessen Besatzungsmacht, sondern meines amerikanischen Vaters im Bewusstsein einer tiefen Wertschätzung für die Vereinigten Staaten von Amerika erzogen worden. Die USA schenkten Deutschland nach dessen Fall unter Hitler Demokratie, Fortschritt und Wohlstand. Immer wieder betonte mein Vater als US-Veteran, was viele andere ebenso unterstreichen: “The Greatest Nation on Earth”.

Jahrzehnte später lebe ich nun seit sechs Jahren in den USA. Als Pfarrerin einer deutschsprachigen Gemeinde in New York habe ich die schwerste Dienstzeit seit meiner Berufung in das Pfarramt erlebt: die Pandemie, dessen gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen erschüttern diese große Nation wie noch nie in diesem Ausmaß da gewesen war. Doch ein weiteres Beben erfasst das Land mit wachsender Intensität, das mit der pandemischen Krise verwoben ist. Denn die Ungleichheit von Chancen und ein ungerechtes soziales System basierend auf Hautfarbe und Herkunft werden hierdurch schonungslos aufgedeckt. So werden zum Beispiel Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe, solche von lateinamerikanischer Herkunft und auch solche indigener Herkunft werden fünf mal öfter aufgrund einer COVID-Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert. Dies liegt daran, dass diese zumeist keinen Arbeitsplatz haben, der ein Homeoffice ermöglicht. Sie sind überproportional häufig als sogenannte “Frontline Workers” tätig – als Kassierer, Pflegekräfte, Busfahrer und so viele mehr. Dies ist nur ein Ausdruck von vielen, die ein zugrundeliegendes rassistisches System offenlegt, das Personen mit dunkler Hautfarbe in Bildung, Ökonomie und Gesundheitsversorgung benachteiligt.

Während viele Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Politologen dieses Thema vielfach beleuchten, scheint für mich als Theologin die zugrundeliegende Thematik tiefer zu gehen. Die USA ist trotz der zunehmenden Gruppe der Konfessionslosen und der voranschreitenden Säkularisierung ein zutiefst religiöses Land, das in seinem Ringen um das eigene Selbstbild mit dem grundsätzlichen Glaubensgrundsatz des Imago Dei, also der Gottebenbildlichkeit allen menschlichen Lebens ringt.

Spürbar wird dies durch den immer deutlicher zutage tretenden Rassismus, auf dessen Existenz nicht nur systemisch hingewiesen, sondern auch zunehmend zu einem Thema der bevorstehenden Wahl des Präsidenten wird. Jim Wallis wies darauf hin, dass diese Wahl ein Test für Demokratie und Glauben sein würde.

Während in Übersee um das Selbstverständnis der USA gerungen wird, bin ich mir als eine Person, die auf deutsch-amerikanischem Horizont aufgewachsen und beruflich verflochten bin, der Auswirkungen dieses Ringens bewusst: Hier geht es um mehr als “nur” um ein Land. Da Amerika vielfach als die führende Nation der Welt gesehen wird, überträgt sich dieses Ringen auf andere Länder und deren gesellschaftliche Systeme. Sehen wir unseren Nächsten als ein Ebenbild Gottes, wie dies im Buch Genesis 1,26a (1) bezeugt ist? Räumen wir anderen dieselben Chancen, Lebensbedingungen und Bildungsmöglichkeiten ein, auch wenn sie sich von uns aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder ihres Glaubens von uns unterscheiden?

Was gäbe ich dafür, noch einmal die Sicherheit von damals zu verspüren… Während ich dies schreibe, schließe ich meine Augen und hole tief Luft. Aufgrund meiner Erinnerung hat sie einen erdigen Geruch, der nach frischen Septembertagen, Ausflügen auf durchpflügten Ackerfeldern und der Zuversicht geborgen in einer geschenkten Demokratie und Chancengleichheit zu sein, riecht.

Blogeintrag “Struggling for the Soul of a Nation” als Podcast

(1) “Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn”

Wenn nun das Salz nicht mehr salzt…

Der Frühstückstisch war reich gedeckt. Feiertage, an denen wir als Pfarrfamilie gemeinsam ausgiebig frühstücken können, sind selten und umso wertvoller, denn neben dem für Pfarrer*innen üblichen sonntäglichen Dienst haben Auslandspfarrer*innen selten einen Sonntag außerhalb der Urlaubszeit frei.

Ein fröhliches Gespräch rund um die beginnende Schule, das Einsetzen eines von der Pandemie geprägten neuartigen Alltages, aber auch so manchem vorsichtigen Fragen entspann sich zwischen Bacon, Semmeln, Frühstücksei und Co. Mein Blick blieb am kleinen Salzstreuer hängen, der wie immer bereit stand. “Ihr seid das Salz der Erde” – war dort in weißen Lettern auf blauem Hintergrund aufgedruckt. Vor vielen Jahren hatte ich mit diesen Salzstreuern des Amt für Gemeindedienstes in meiner damaligen Gemeinde in Bayern einen Gottesdienst gestaltet. Das Lachen meiner Familie verschwand in einer Gedankenwolke, die mich immer weiter in die biblische Worte Jesu hineinzog:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

Matthäus 5,13

Salz spielt in der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt war es über Jahrhunderte hinweg wertvoller als Gold. Heute ist Salz unser wichtigstes Würzmittel und für unseren Körper von großer Wichtigkeit.
Das sogenannte Kochsalz ist ein wichtiger Mineralstoff für unseren Körper, das den Wasserhaushalt, die Gewebespannung und die Grundlage für die Arbeit von Nerven und Muskeln ist. Es spielt sogar als Mineralstoff eine wichtige Rolle beim Knochenbau und bei der Verdauung. Kurz gesagt: Salz ist elementar wichtig für unseren Körper. Jeder Mensch braucht diesen Mineralstoff in Maßen, um nicht zu erkranken.

Zur Zeit Mahatma Gandhis war Salz nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der damaligen britischen Kolonie, sondern elementar wichtig zur Zubereitung des Reis als Grundnahrungsmittel und ebenso notwendig, um den täglichen Elektrolytverlust auszugleichen, der durch das heiße Klima evoziert wurde.

In einem 24-tägigen Salzmarsch zog Gandhi mit 78 seiner Anhänger im März 1930 von seinem Wohnort über 385 Kilometer nach Dandi am Arabischen Meer. Dort hob er als Symbolhandlung einige Körner Salz auf, um damit gegen das britische Salzmonopol zu demonstrieren. Tausende von Anhängern folgten seiner Zeichenhandlung. Weil aber jede Form der Salzgewinnung, des Salztransports und des Salzhandels per Gesetz nur den Briten vorbehalten war, wurden an die 50.000 Inder in der Folge verhaftet. Die Gefängnisse wurden mit Insassen überflutet. Letztendlich führte dieser friedliche, zivile Ungehorsam zur Unabhängigkeit Indiens.

Jahrzehnte später hatte die gewaltfreie Philosophie Gandhis den jungen Theologen Martin Luther King Jr. während seines Studiums zutiefst beeindruckt. Die Vorlegung Mordecai Johnsons, des damaligen Präsidenten der Howard University, zu Ghandis Leben, seiner Sozialethik und dem Konzept des “Satyagraha” (1) hinterließen tiefe Spuren in King, die er im christlichen Glauben Jesu Christi wiederfand und zum Grundkonzept seines politischen Handelns machte. Dabei war ihm eine Verbindung von Wort und Tat des Einzelnen durch Gewaltfreiheit wichtig. Beides, das Geschenk des Glaubens und die daraus resultierende, gewaltfreie und dem anderen zugewandte Handlung des Einzelnen stellte das Zentrum der Berufung des Glaubenden da. Dabei war es ihm wichtig, Unrecht zu benennen und die Verantwortlichen zur Verantwortung zur rufen. Nicht umsonst hatte er in einer Ansprache bei der Jahresversammlung der “Fellowship of the Concerned” im November 1961 darauf hingewiesen, dass alles, was Hitler damals in Deutschland vorgenommen hatte, legal gewesen sei:

It was illegal to aid and comfort a Jew, in the days of Hitler´s Germany. But I believe that if I had the same attitude then as I have now, I would publicly aid and comfort my Jewish brothers in Germany if Hitler were alive today calling this an illegal process.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 50.
(Übersetzung: Siehe Anmerkung 2)

Es ist eine schmerzhafte und umso wichtigere Mahnung, dass im Nationalsozialismus viele Vorgehensweisen, Gesetzgebung und Handlungen juristisch verifiziert und gerechtfertigt worden waren. Dies reichte von einer Verfolgung und Tötung von Juden und Minderheiten, über die Unterdrückung von Gegenstimmen bis hin zur Gleichschaltung von Kirchen und Universitäten. In schmerzhafter Weise sollte uns weiterhin bewusst sein, dass evangelische Kirchen in weiten Bereichen die nationalsozialistische Ideologie annahmen und umsetzten. Pfarrer, die sich gegen die vorherrschende politische Meinung aussprachen, wurden dienstrechtlich und disziplinarisch zum Schweigen gebracht.

Jesus Christus aber sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. – Identität im Glauben und Handeln müssen eine elementare Einheit im und durch den Glaubenden darstellen. Nur wenn wir als starke Gemeinschaft auftreten, die aus der Kraft des Glaubens schöpft und sich den Ungerechtigkeiten der Welt entgegenstellt, mögen sie offiziell legitimiert sein oder nicht, so können wir dem Reich Gottes den Weg bahnen.

Viele in den USA und an anderen Orten dieser Welt üben in diesen Tagen und Wochen eines bewegten Jahres 2020 diese Form des friedlichen Protests, um der Gerechtigkeit, Gleichheit und dem Frieden Vorschub zu leisten. Die Worte Dr. Kings gegenüber Robert Williams, einem Befürworter für militante Selbstverteidigung Schwarzer, können uns auch heute einen Weg jenseits eines Schweigens hin zu gelebter Solidarität für Unterdrückte und Benachteiligte aufzeigen:

There is more power in socially organized masses on the march than there is in guns in the hands of a few desperate men. Our enemies would prefer to deal with a small armed group rather than with a huge, unarmed but resolute mass of people. However, it is necessary that the mass-action method be persistent and unyielding. Gandhi said the Indian people must “never let them rest,” referring to the British. He urged them to keep protesting daily and weekly, in a variety of ways. This method inspired and organized the Indian masses and disorganized and demobilized the British. It educates its myriad participants, socially and morally. All history teaches us that like a turbulent ocean beating great cliffs into fragments of rock, the determined movement of people incessantly demanding their rights always disintegrates the old order.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 31. (Übersetzung: Siehe Anmerkung 3)

Eine direkte gedankliche Verbindung des gewaltfreien Widerstandes von Jesus Christus über Gandhi bis hin zu Martin Luther King Jr. kann uns Zuspruch und Anspruch zugleich sein. Die Kirchen sind hierbei in eine besondere Verantwortung gerufen, die auch nicht vor legitimierten Strukturen Halt machen darf, wenn diese dem Doppelgebot der Liebe als dem höchsten Gebot des Glaubens widersprechen. Der US-amerikanische Frühling und Sommer stellt dies auf eine harte Probe.

“Mama, kannst du mir das Salz bitte geben?” Ich tauchte aus meiner tiefen Gedankenwolke wieder auf. Meine Tochter sah mich ungeduldig an während ihre ausgestreckte Hand auf den Salzstreuer deutete. Behutsam strich ich nochmals über die Aufschrift des Salzstreuers, der bereits durch jahrelangen Gebrauch Spuren aufwies und reichte ihr schließlich den kleinen Streuer.

Wenn das Jahr 2020 zuneige gegangen sein wird, wird sich herausstellen, ob wir in unseren Handlungen in diesen schweren Monaten wirklich das Salz der Erde waren.


(1) Gewaltlose Grundhaltung, die versucht den Feind durch Vernunft zur Einsicht zu bewegen und zum Freund zu gewinnen)

(2) Übersetzung: In den Tagen von Hitlers Deutschland war es illegal, einem Juden zu helfen und ihn zu trösten. Aber ich glaube, wenn ich damals die gleiche Einstellung hätte wie heute, würde ich meinen jüdischen Brüdern in Deutschland öffentlich helfen und sie trösten, wenn Hitler heute noch am Leben wäre und dies als eine illegale Handlung bezeichnen würde.

(3) Übersetzung: In sozial organisierten Massen auf dem Marsch gibt es mehr Macht als in Waffen in den Händen einiger verzweifelter Männer. Unsere Feinde würden es vorziehen, sich mit einer kleinen bewaffneten Gruppe zu befassen, anstatt mit einer großen, unbewaffneten, aber entschlossenen Masse von Menschen. Es ist jedoch notwendig, dass die Aktionsmethode der Masse dauerhaft und unnachgiebig ist. Gandhi sagte, das indische Volk dürfe “sie niemals ruhen lassen” und bezog sich dabei auf die Briten. Er forderte sie auf, täglich und wöchentlich auf verschiedene Weise zu protestieren. Diese Methode inspirierte und organisierte die indischen Massen und desorganisierte und demobilisierte die Briten. Es formt seine unzähligen Teilnehmer sozial und moralisch aus. Die ganze Geschichte lehrt uns, dass wie ein turbulenter Ozean, der große Klippen in Felsbrocken schlägt, die entschlossene Bewegung von Menschen, die unablässig ihre Rechte fordern, immer die alte Ordnung auflöst.

Überlebenskampf der anderen Art

Wie Kirchen in USA in Zeiten von Corona um ihr Bestehen kämpfen

Betroffenes Schweigen breitete sich im digitalen Meeting der Pfarrkonferenz aus. Die sonst so fröhlichen und positiven Gesichter meiner Kolleginnen und Kollegen spiegelten den gemeinsamen Schmerz und die in ihnen aufkeimende Angst wieder. “Man! I am so sorry to hear that! We´ll be prayin` for you and your congregation.” Während der sonst immer so fröhlichen Ankommensrunde, hatte ein Kollege von seiner gegenwärtigen Situation berichtet. Nachdem er selbst im Frühling mit COVID erkrankt war, musste er sich zusammen mit seiner Gemeinde nun einem Überlebenskampf der anderen Art stellen: Aufgrund der stark gefallenen Einnahmen seiner Gemeinde, die sich aus Mitgliedsbeiträgen und Vermietungen des Gebäudes speisten, hatte die Gemeindeleitung ihm mitgeteilt, dass sie in den kommenden Wochen sein Gehalt nicht mehr zahlen könne.

In den USA finanzieren sich protestantische Kirchengemeinden selbst. Sie speisen sich weder aus einer Kirchensteuer wie in Deutschland, noch einem Solidaritätsprinzip wie in Schottland. Sie sind dem Gesetz des Marktes ebenso ausgesetzt wie ein Geschäft oder ein Sportverein. Auf diesem religiösen Markt müssen sie sich mit ihrem Angebot behaupten und sind direkt auf die Unterstützung ihrer Mitglieder angewiesen. Im Zuge der Pandemie erleben die Vereinigten Staaten eine der schwersten dokumentierten wirtschaftlichen Krisen. Allein im Staat New York sind laut dem “Bureau for Labor Statistics” 15.7 % der Arbeitnehmer im Juni 2020 arbeitslos. Diese Entwicklung betrifft umgehend Kirchen, die in direkter Weise von den Zuwendungen ihrer Mitglieder abhängig sind. Da aufgrund der Pandemie weitere Einnahmequellen wie Vermietungen und Veranstaltungen ebenso entfallen, haben zahlreiche Kirchengemeinden existenziellen Probleme, die selbst vor einem Pfarrgehalt nicht Halt machen.

Erste Initiativen wie “Churches helping Churches“, die von Justin Giboney gegründet worden war, versuchen basierend auf den biblischen Vorbild ein Solidaritätsangebot in dieser Notsituation bereitzustellen. Im Mittelpunkt steht hierbei ein Bericht aus der Apostelgeschichte:

Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

Apg 2,45 (Lut 2017)

Inzwischen ist mit einer Pandemie, die über ein halbes Jahr die Vereinigten Staaten und deren ökonomische Talfahrt prägt, jede Form der Hilfe vor allem für kleine und mittlere Gemeinden überlebenswichtig, denn fast ein Fünftel der protestantischen Kirchen verfügt laut einer in 2017 durchgeführten Umfrage von LifeWay Research verfügt nur die Hälfte der Kirchen 2017 über lebensnotwendige Reserven, die ein Weiterbestehen im extremen Einnahmeausfall von höchstens 15 Wochen (sog. “Rainy Day Funds”) sichert. Besonders betroffen sind hierbei Minoritätskirchen, die auf eine besondere Zielgruppe zugehen und durch eine überschaubare, kleine Mitgliederschaft gekennzeichnet sind. Besonders kleine afro-amerikanische Kirchen seien hierbei laut Barna in großer Gefahr. Doch dieser Trend gilt ebenso für andere, kleine und vielleicht in ihrem Profil spezialisierte Kirchen.

Durch die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie wird sich in den USA die Vielfalt der religiösen Landschaft massiv verändern. Es ist davon auszugehen, dass manche Glaubensrichtung in gewissen Landstrichen unterversorgt sein wird, da schlicht ein adäquates und räumlich zugängliches Angebot fehlt. Selbstverständlich kann ein digitales Angebot Entfernungen überbrücken und Zugang zu gottesdienstlichen und geistlichen Veranstaltungen ermöglichen. Doch aus meiner Sicht zeichnet Kirche vor allem aus, dass sie mit Bonhoeffer gesprochen für andere da ist und sich um die Bedürfnisse derer kümmert, die sich am Rande der Gesellschaft befinden. Gerade in den USA, wo es keine vergleichbare Institution wie die Diakonie gibt, sind viele angewiesen auf greifbare Hilfe vor Ort durch Tafeln, Kleiderkamern und andere diakonische Initiativen, die bis dato von Kirchengemeinden übernommen wurden. Durch das Sterben kleiner Gemeinden wird auch die Hilfe für die Ärmsten der Armen weniger zahlreich und zugänglich werden. Eine weitere bittere Auswirkung der Pandemie.

Selbstverständlich spürt auch die Kirche in Deutschland die finanziellen Auswirkungen der Pandemie. Die neuesten Kirchenaustrittszahlen sind sicherlich auch dieser weltweiten Krise mit geschuldet. Doch nehme ich ein sehr besonnenes Handeln in Kirchenleitungsebenen wahr, die bereits vor der Pandemie wie der bayerische Zukunftsprozess “Profil und Konzentration”. Hier wird versucht, Zukunft nicht nur zu denken, sondern bereits in der Gegenwart durch Projekte und Umstrukturierung zu ermöglichen.

Vor allem in Zeiten wie Corona wäre ein etabliertes Solidaritätsprinzip und ein Reformprozess dringend notwendig, aber dieser aufgrund der losen Verbindung bzw. kompletten Eigenständigkeit von Kirchengemeinden undenkbar. Dafür trifft diese die ökonomischen Auswirkungen in oftmals existenzieller Weise.

Das spürt nun die Gemeinde des Kollegen in direkter Form. Nachdem er diese Nachricht an uns weitergegeben hatte, wich das Schweigen erst nach langen Schrecksekunden einer geschäftigen Runde von Fragen und Ratschlägen. Allen dämmerte sehr schnell, dass je länger die Pandemie anhalten würde, diese Situation keine einzelne bleiben würde.

“Good Trouble” – Amerika nimmt Abschied von John Lewis

Amerika gedenkt John Lewis, einem der berühmtesten Vertreter der Bürgerrechtsbewegung neben Martin Luther King Jr., der am 17. Juli verstorben ist. Sein Aufruf “Good Trouble” im Namen der Gerechtigkeit auszulösen, kann uns heute rund um die Welt inspirieren während wir uns für eine gerechte und inklusive Gesellschaft engagieren. Mehr dazu in diesem Vlog.

Von Pandemien und geschichtlichen Lektionen

Trotz der hochsommerlichen Temperaturen lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunter während ich voller Unglauben den Worten Trumps zuhörte. Normalerweise mied ich FOX News, doch dieser Sonntag zog mich und viele andere magisch vor den Fernseher. Chris Wallace, Moderator von FOX News Sunday, befragte den Präsidenten auf viele für seine Amtszeit relevante Themen. Die Unterhaltung führte schnell auf das brennende Thema der Pandemie. Selbstbewusst äußerte Trump, dass die USA eine der niedrigsten Mortalitätsraten der Welt habe. Auf Widerspruch des Moderators hin bat Trump sein Team um einen aktuelle. Ausdruck mit den neuesten Zahlen, die dem Weißen Haus vorlagen. Innerhalb von Augenblicken händigte eine Mitarbeiterin dem Präsidenten einen in großem schwarzen Lettern gestalteten Ausdruck. “Sehen Sie!”, sagte er während er stolz mit dem Zettel wedelte, “Ich habe recht!”

Laut eines Berichtes der New York Times hingegen haben die Vereinigten Staaten von Amerika die acht höchste Mortalitätsrate aller vom Coronavirus betroffener Länder. Eine orwellianische Situation sondergleichen offenbarte sich in diesem Interview vor meinen Augen, in der Wahrheit durch die Person im höchsten US-amerikanischen Amt passend gemacht wurde.

Das Interview zeigte wie kein zweites, mit welcher Ruchlosigkeit und kalkuliertem Umgang mit falschen Informationen die gegenwärtige Regierung versuchte, ihren eigenen Fall zu verdecken und als Sieg über einen unsichtbaren Feind zu maskieren. Doch selbst der Rahmen des sonst so Trump-freundlichen TV-Senders konnte dies nun nicht mehr verdecken und war für eine noch breitere Masse offenbar geworden.

Während sich Trump im Interview nervös von einem Thema zum nächsten hangelte, wanderten meine Gedanken in ferne, längst vergangene Jahrhunderte, in der schon einmal eine Seuche das die Machtverhältnisse von Mächten verändert hatte:

Unter Kaiser Justinian (527–565) war eine Pandemie ausgebrochen, die in Ägypten ihren Ursprung genommen hatte, dann 542 Konstantinopel erreichte und sich danach im gesamten Mittelmeerraum verbreitete. Die sogenannte Justinianische Pest rief eine Hungersnot und unglaubliches soziales Elend hervor, an die mich in USA die Auswirkungen der gegenwärtigen Pandemie in besorgniserregender Weise erinnern.

Klaus Bergdolt beschreibt in seinem Buch “Der schwarze Tod Europas” (1):

Wir wissen heute, daß die Justinianische Pest unabsehbare politische Konsequenzen hatte. […] Pest und Politik bildeten zur Zeit der Völkerwanderung zeitweise zwei Seiten einer Medaille.

Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod Europas: Die große Pest und das Ende des Mittelalters, München 2003, 5. Auflage, S. 16.

Daher ist es für mich kaum verwunderlich, dass auch in den Vereinigten Staaten von Amerika Politik und Pandemie eine enge und durchaus makabere Verbindung eingegangen sind, indem das Agieren mancher Politiker wenig Sorge um die Betroffenen trägt als um den eigenen politischen Erfolg und das persönliche Fortkommen.

Und es geht in den USA um nichts weniger als um die Gestalt einer ganzen Nation. Ibram X. Kendi hebt hierbei hervor:

Ich denke, Amerikaner müssen entscheiden ob diese Nation eine multikulturelle Nation ist oder nicht. […] Wir haben noch nicht entschieden, als Staat, nicht einmal als Progressive und Liberale, ob wir eine multikulturelle Nation oder eine monochrome Nation sind.

Daniel Bergner, Whiteness Lessons, The New York Times Magazine, July 19, 2020, p. 50.

Das Beispiel der Justinianischen Pest zeigt deutlich, dass Pandemien Machtverhältnisse verändern und sogar Imperien, die Menschen ausbeuten und ihren Reichtum auf den Schultern anderer aufbauen, in die Knie zwingen können. Es sei an dieser Stelle deutlich hervorgehoben, dass wir gegenwärtig noch nicht das gesamte Ausmaß der Pandemie, ihre zukünftigen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, einzelne Länder oder die Gestaltung des globalen Machtverhältnisses absehen können. Für mich aber bleibt auf dem geschichtlichen Hintergrund ein Hoffnungsschimmer am Horizont der Pandemie: dass die wahre Agenda der jeweiligen Regierung entblösst wird und unter Umständen einem Wechsel zum Besseren weicht.

Hoffentlich ist dies nicht zu spät für eine Weltmacht, die sich über Jahrzehnte als Hüterin der Demokratie und Menschenrechte versteht, und gezwungen wird sich ehrlich mit ihrer eigenen gebrochenen Existenz auseinanderzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass sie dann endlich ihren selbstgegebenen Idealen von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück für alle gerecht wird.


(1) Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod Europas: Die große Pest und das Ende des Mittelalters, München 2003, 5. Auflage.