Gedanken zum Dienstbeginn bei der Bundespolizei

In ordentlichen Reihen hatten sich die Auszubildenden der Bundespolizei aufgereiht und lauschten aufmerksam den Worten ihrer Vorgesetzten, die die auf sie zukommende Aufgabe und deren Vorgehen beschrieben. Während ich ihnen gegenüberstand, konnte ich ihre angespannte Aufmerksamkeit gut verstehen – und ich war mindestens genauso aufgeregt, da ich eingeladen worden war, einen geistlichen Impuls und Segen für ihren Einsatz zu sprechen.

Mitte Januar hatte ich New York als „Heimat auf Zeit“ verlassen, um in der Bundespolizei als Seelsorgerin arbeiten zu dürfen. Der Wunsch war meiner ehrenamtlichen Seelsorgetätigkeit bei dem New York Police Department (NYPD) erwachsen. Durch meine Berufung war das New Yorker Ehrenamt zum Hauptamt geworden. Das Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in der fränkischen Stadt Bamberg bildet ca. 3.000 Auszubildende im Alter von sechzehn bis Mitte dreißig für den wichtigen und systemrelevanten Beruf des Bundespolizisten und -polizistin aus. Noch stehe ich ganz am Anfang dieser Tätigkeit, doch bereits jetzt bin ich beeindruckt von der überall zu spürenden Gemeinschaft. Nicht umsonst hat man mich mehrfach in der Familie der Bundespolizei willkommen geheißen.

Nun darf ich Teil dieser Familie sein und junge Menschen auf ihrem Ausbildungsweg begleiten, indem ich den überwiegenden Teil meiner Tätigkeit auf den Bereich des ethischen Unterrichtes ausrichten darf. Viel gibt es zu lernen, denn so wie die Auszubildenden ihren neuen Beruf Schritt um Schritt erlernen, werde auch ich in eine ganz neue Tätigkeit hineinwachsen. Möge Gott zu beidem seinen reichen Segen dazu geben.

(Foto: Bundespolizei)

Liebe gewinnt immer – von Nelkenherzen und christlichen Perspektiven

Nelke an Nelke reihten sich in zarter Abfolge zu einem duftenden Herz. Ich strich vorsichtig mit meinem Daumen über die wunderschöne Struktur, die mit einem strahlendgrünen bzw. violettem Dekorationsband verziert war. Dabei stellte ich mir vor, wie die fleissigen Hände von Familie Weyermann in filigraner Handarbeit vorsichtig Reihe um Reihe die einzelnen Gewürznelken zu einem kleinen Kunstwerk aufreihten. Als ich die beiden Herzen mit einem Brief zum Valentinstag in meinem Briefkasten vorgefunden hatte, war ich tief über diese wunderschöne Willkommensgeste angerührt.

Die Symbolik, die dieses Geschenk trug, wurde durch den beiliegenden Brief unterstrichen: „Liebe gewinnt immer!“ stand darauf in zart geschwungener Schrift. Als Theologin konnte ich diesem Satz vollen Herzens zustimmen. Gewürznelken standen im Mittelalter für die Passion Jesu Christi, der unsere Sünden auf sich nahm, damit wir befreit leben und Perspektiven bis in die Ewigkeit hinein haben konnten. In der Form der Gewürznelken sah man bildhaft die Nägel symbolisiert, die bei Jesu Kreuzigung verwendet worden waren. Vielen von uns ist dieses Bild durch das Abendlied „Guten Abend, gute Nacht“ bekannt, indem von den „Näglein“ die Rede ist. Der Wohlgeruch und die antiseptische Wirkung wiesen den Nelken nicht nur eine christliche Bedeutung zu, sondern hatten und haben weiterhin einen unterstützenden Einfluss auf die Gesundheit.

Nun zieren diese beiden Herzen unsere neue Wohnung und erinnern uns an die wichtige Botschaft, dass Liebe, wie wir sie durch Christus erfahren, immer gewinnt. Und wie Nelke um Nelke sich zu kleinen, duftenden Herzen reiht, so können auch wir durch unsere Taten und Lebensführung gemeinsam einen Unterschied in dieser Welt vollbringen.


Sollten Sie Interesse an einem solch wunderschönen, duftenden Herz haben, so können Sie dieses käuflich bei Firma Weyermann erwerben. Der Erlös geht einem guten Zweck zu.

My dear Jewish friend

A few weeks ago we sat on the steps to our kitchen. As you presented me with a flat package containing my farewell gift, I could feel my throat go dry. Over the last months we grew together in ways our ancestors would have never even envisaged. I, the descendant of perpetrators during World War II, and you, carrying the weight of Jewish people murdered during the Holocaust, have been bound together by caring for those, who have been hit hardest by the economic implication the pandemic. You welcomed me in your pantry in such loving ways seeing the person and not the historic background I carry on my shoulders.
As I opened the gift, tears poured down my face in streams. The white plate lying in my hands had the most beloved verses of Jesus Christ imprinted: “For I was hungry and you gave me food, I was thirsty and you gave me something to drink, I was a stranger and you welcomed me.” What a gift to receive out of the hands of my Jewish friend.
You have welcomed me as a German stranger into your Jewish pantry. You empowered me to help those, who were most in need, and helped me to overcome some of the hurt of my nations broken past.
It is this commitment that drives me as I am called to serve the German Federal Police. Soon I will be teaching young police officers in ethical decision making. I will stand strong against any form of Antisemitism, Racism, and other shapes of hatred. I will hopefully be able to commit many others tho this important deed. Germany has changed. It is still a working progress, but there are many of us, who take the courage to stand strong against Antisemitism and Racism.
I miss you dearly, my Jewish friend. I miss the special times we had together. The coffees and chats. The afternoon strolls around our neighborhood. The times of serving together for those in need – every Thursday I become silent as my hands dream of placing food into bags at your lovely pantry.
I know, that what happened in Nazi-Germany to your people, was a pure evil and murderous crime. It has left deep scars on your soul and those of others. When I broke the news to you that I would need to return to Germany, I could see the fright on your face. I am dreaming of welcoming you to Germany someday. This year we are celebrating 1,700 years of Jewish life in Germany. As I am waiting for this pandemic to pass, I will start writing about Jewish life in Germany, and signs of hope and glimpses of faith that connects us on a deep spiritual and personal level.

Love from Germany!
Miriam

Grüß Gott, Bamberg!

Das Klingeln meines Handys unterbrach die Stille des Morgens. Ich schreckte aus meinen trüben Quarantäne-Gedanken auf. Als ich meine Teetasse hastig absetzte, ergoß sich die Hälfte auf der Küchenplatte. Ich schimpfte leise vor mich hin und nahm das Telefon ab. „Guten Morgen!“, sagte eine freundliche, junge Stimme, „Spreche ich mit Miriam Groß?“ Als ich dies bestätigt hatte, tönte es fröhlich durch das Telefon: „Ihr COVID-Test war negativ. Sie dürfen nun Ihre Quarantäne beenden.“ Ein Jubel brach bei mir aus. Ich bedankte mich für ihren Anruf und zog mich eilends an. Schon seit Tagen hatte mich die herrliche Aussicht auf Bamberg gelockt. Nun durfte ich erste Schritte in diese traditionsreiche fränkische Stadt machen, die meine neue Heimat geworden war. Während meiner Quarantäne hatten mir einige Fremdenführer Geschmack auf Bamberg gemacht, das liebevoll als „fränkisches Rom“ bezeichnet wurde, deren Inselstadt als „Klein Venedig“ und mit der Gärtnerstadt ein wahres Unikat in Deutschland darstellte. Dazu kam, dass dieses fränkische Kleinod eine reichhaltige Bierkultur besaß, die ihren Ausdruck in den zahlreichen Brauereien und Brauereigaststätten fand, die von uns hoffentlich nach der Überwindung der Pandemie erkundet werden konnten. Aber dies hatte zu warten, dafür nahm ich mir vor, Schritt für Schritt meine neue Umgebung so gut es eben zu Corona-Zeiten ging zu erkunden.

Mein erster Gang führte mich zur nahegelegenen Bäckerei, deren beleuchtete Aufschrift aufgrund des trüben Regentages mir noch heller und einladender entgegen leuchtete. Auf deutsche Bäckereiprodukte musste ich in meinen über sechs Jahren Auslandsdienst zumeist verzichten, da es in Übersee ein teures Luxusprodukt ist. Brot stellt in unserem deutschen Alltag eine große Bedeutung da. Daher war für mich Jesu Worte, dass Er das Brot des Lebens ist (Joh 6,35), ein Bild, das mir nah ist.

Als ich die Türe zur kleinen Bäckerei öffnete und in den hellerleuchteten Raum eintrat, wurde ich von dem typischen herrlichen Duft von frischem Brot und Gebäck eingehüllt, der aufgrund der Intensität durch die enganliegende FFP-Maske drang. Mir lief regelrecht das Wasser im Mund zusammen. Nun hatte ich es plötzlich eilig. Ich gab meine Bestellung auf und trug wenige Minuten später den kostbaren Broteinkauf ohne weitere Umwege nach Hause. Weitere Erkundungstouren würden geduldig bis zum nächsten Schritt vor die Türe warten müssen, aber meine Zeit in dieser traditionsreichen fränkischen Stadt hatte ja auch gerade erst begonnen.

(Hier ein paar erste Fotos von der wunderschönen Bamberger Altstadt)

Zwischenwelt – Quarantäne, Bibel und persönliche Perspektiven

Meine Hände umfassten die warme Teetasse während ich mich mit meinen Ellbogen auf der Küchenplatte abstützte und den sich Sonnenaufgang betrachtete, der den kalten Winterhimmel mit warmen Gelb- und Rottönen erleuchtete. Mein Blick schweifte über das langsam erwachende Bamberg, das nun meine neue Heimat war. Ich freute mich auf die Erkundung dieser fränkischen Stadt, die aufgrund seines UNESCO-Weltkulturerbe und der reichen Kultur so berühmt war. Doch noch befand ich mich in einer Art Zwischenwelt. Aufgrund meiner Anreise mitten in der Pandemie war eine Quarantäne erforderlich geworden.

„Mama, sag mal: Warum sagt man eigentlich „Karantäne“, wenn es mit „Q“ geschrieben wird?“, meine jüngste Tochter hatte mich fragend angesehen als ich meiner Familie am Küchentisch nochmals alle notwendigen Regularien meiner Einreise erklärte. Nun war sie viele Meilen weit entfernt, da sie aufgrund des unterschiedlichen Datums von Dienstbeginn und Schulhalbjahr mit der gesamten Familie noch in New York geblieben war.

Ihre Frage war allzu verständlich gewesen. Denn das Wort „Quarantäne“ stammt vom italienischen Wort „quaranta“, das aufgrund einer großen Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert üblich geworden war. Die Handelsstadt Venedig beschloss aufgrund der drohenden Gefahr, die Pest einzudämmen, indem man vierzig Tage die Besatzungen der anlegenden Handelsschiffe im Hafen isolierte. Diese Zahl hatte keinerlei infektionsmedizinische Gründe, sondern war der biblischen Zahlensymbolik entsprungen, die Schutz vor dieser Gefahr erwirken sollte. Sechs Wochen Quarantäne stellen eine lange Zeit da. Ich seufzte während ich mir nochmals Tee in die inzwischen leere Tasse nachgoß. Wie gut, dass mir höchstens zehn Tage Isolation vorgeschrieben waren. Vielleicht sogar weniger, wenn das Ergebnis des COVID-Tests dementsprechend ausfiel.

Während mich die Dauer der mittelalterlichen Quarantäne sehr erschreckte, faszinierte mich als Theologin deren Zahlensymbolik. Viele biblische Geschichten waren mir umgehend bei der Zahl 40 präsent: Bei der Sintflut regnete es vierzig Tage und Nächte ununterbrochen; Mose verbrachte auf dem Berg Sinai vierzig Tage in der Gegenwart Gottes; das Volk Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste, bis es endlich das Gelobte Land erreichte. Auch bei Jesus findet die Zahl mehrfach Erwähnung: So zog er sich für diesen Zeitraum in die Einsamkeit der Wüste zurück, bevor Er Sein öffentliches Amt begann und als Wanderprediger mit einer wachsenden Zahl an Jüngern umherzog. Weiterhin erschien Er nach seiner Auferstehung vierzig Tage lang immer wieder Seinen Jüngerinnen und Jüngern.

Alle diese biblischen Geschichten durchzog ein gemeinsames Thema, das die Bedeutung der Zahl Vierzig deutlich macht: die Zahl Vierzig steht im biblischen für Besinnung und Buße, für Wende und Neubeginn.

Nun befand ich mich in dieser Zwischenwelt der Quarantäne, die mir Zeit zum Nachdenken, Erfreuen, und Trauern gab, aber ebenso die Möglichkeit mich neu auszurichten auf die neue Heimat und die Aufgabe, die ich schon bald einnehmen würde.

Was erwartete mich hinter all den Fenstern, die langsam durch die hellen Lichter zum Leben erwachten? Wie die Sintflut nach vierzig Tagen ein Ende hatte, Mose zum Volk zurückgekehrt war, das Volk Israel das Gelobte Land erreicht hatte, Jesus die Wüste verließ, um zu Predigen und die Jünger anstatt mit Seiner Präsenz bei dessen Verabschiedung mit dem Heiligen Geist als Tröster gestärkt worden waren, so würde auch meine Quarantänezeit nach einigen Tagen ihr Ende finden.

Noch war es die Zwischenwelt, in der ich mich befand und die meinen Gedanken Raum zu Spekulationen über die neue Heimat gab. Aber schon bald würde ich hinaustreten in die neue Welt und als eine von vielen Menschen in ihre bunte Vielfalt eintauchen.

Goodbye, New York!

Voller Anspannung sah ich aus dem Fenster während das Rollgeräusch des Flugzeuges immer lauter wurde bis es schließlich behände in die Luft abhob. Ich presste mein Gesicht gegen die Scheibe und betrachtete ein letztes Mal die New Yorker Skyline, die mir in den letzten sechseinviertel Jahren so vertraut geworden war und nun in der Ferne verschwand.

Nun musste ich Abschied nehmen von leibgewonnenen Personen und Orten, die mich tief geprägt hatten. Unweigerlich kamen mir zahlreiche biblische Abschiedsgeschichten in den Sinn, die jeweils einen Abschied durchlebt hatten:

  • Abraham musste von seiner Heimat Abschied nehmen, weil Gott ihn an einen neuen, unbekannten Ort rief (Gen 12).
  • Jakob zog mit seiner gesamten Familie nach Ägypten und findet dort eine neue Heimat. (Gen 46)
  • Der Prophet Samuel legt nach langer Dienstzeit sein prophetisches Richteramt nieder. Bei seiner Verabschiedung vom Volk legt noch einmal Rechenschaft über sein Amt ab und lässt sich von den Zuhörenden entlasten. (1. Sam 12)
  • Der Apostel Paulus unternahm viele Reisen, um das Evangelium an verschiedene Orte zu bringen. Dabei nahm er immer und immer wieder Abschied von Menschen, die er kennengelernt hatte und die ihm ans Herz gewachsen waren. (Zum Beispiel Apg 20,17ff.)
  • Im Johannesevangelium hören wir Abschiedsreden Jesu. Hier spricht er davon, dass er seine Jünger verlassen und zum Vater zurückkehren muss. Aber er lässt sie nicht trostlos zurück. Vielmehr macht er ihnen Mut und stärkt sie durch den Tröster, indem er ihnen den Heiligen Geist schenkt. (Joh 14,16ff.)

Diese Wolke der Zeugen sprach mir durch die vielen biblischen Geschichten mutmachend entgegen. Ich wusste: viele ließen Gewohntes, Liebgewonnenes, aber auch Schweres los, und richteten sich auf Neues aus -so wie ich mich in diesem Flugzeug mitten in einer Pandemieauf den Weg zu einer neuen Berufung in meinem Heimatland aufmachte. Denn letztendlich wusste ich, dass wir als Menschen hier keine bleibende Statt haben, sondern die zukünftige suchen. (siehe Hebr 13,14)

Natürlich stellte meine gerade begonnene Reise einen großen Abschied da, der auch einen Lebensabschnitt abschloss. Und dennoch wusste ich tief in meinem Herzen: Es würde nicht der letzte Abschied sein, denn unser menschliches Leben besteht durch und durch aus großen und kleinen Abschieden. Solange wir leben, sind wir unterwegs auf der Durchreise in die Ewigkeit und nehmen von etwas Abschied. Manchmal bewusster. Manchmal weniger bewusst.

Während die Skyline New Yorks unter der dichten Wolkendecke verschwand, legte ich in einem einem stillen Gebet alles in Gottes Hände, was ich in den letzten sechseinviertel Jahren erlebt hatte. An mir zogen Zeiten der Freude und Fülle vorüber. Aber ebenso Zeiten der Trauer, der Entmutigung und des Scheiterns. Am Big Apple hatte ich die gesamte Bandbreite des Lebens erlebt. Alles war in Gottes guten Händen wohl aufgehoben während mich das Flugzeug in den neuen Lebensabschnitt trug.

Ich lehnte mich zurück und schloss vertrauensvoll meine Augen, denn ich wusste, dass Gott, wie Er Abraham, Jakob, Samuel, Jesus, Paulus und so viele biblische Zeugen begleitet hatte, durch die Kraft des Heiligen Geistes auch bei mir sein würde.

Ein Brief an Amerika

Die rauchige Stimme von Bruce Springsteen war wie eine Zeitmaschine. Sie versetzte mich umgehend in längst vergangene Zeiten als ich an der Hand meines Vaters in Deutschland durch die amerikanische Kaserne ging. Damals war es der Hit-Song „Born in the U.S.A.“ von Bruce Springsteen, der meine Erinnerungen mit der rauchigen Stimme verbunden und in mein Zeitgedächtnis eingebrannt hatte.

Viele Jahre später ist es nun ein weiterer Song des legendären und erfolgreichen Rockmusikers, der in meinem Zeitgedächtnis eine neue Brücke zwischen eigenem Erleben und den USA in ganz anderer Weise bildet: mein Kollege Christoph Borries fokussiert in seinem Podcast 7Tage1Song jeweils sieben Tage lang auf einen besonderen Song und bietet hierzu durch Gedanken die Möglichkeit des Nach- und Weiterdenkens. Vor einigen Wochen hat mich Christoph eingeladen, bei ihm zu Gast zu sein. Als er mir das neueste Album des Rockidols vorgeschlagen hatte, schlug mein Herz umgehend höher.

Beim ersten Hören des Songs rief die Stimme des Rockmusikers bei mir die Erinnerungen an meinem damals noch jungen amerikanischen Vater und die Liebe für ein Land wach, indem ich seit über sechs Jahren als Auslandspfarrerin leben darf.

Im Song „Letter to you“ schreibt Bruce Springsteen seine Gedanken zu Amerika nieder und trägt sie in gesungener Form seinem Publikum vor. Es ist ein sehr nachdenklicher Rocksong, den er als Briefform an sein Heimatland schreibt und in Ambivalenzen von Schönem und auch Schwierigen spricht.

Auch mein Brief, den ich im Podcast an Amerika schreibe und an euch weitergebe, ist nachdenklich. In vier Gedanken, die in dem Podcast entfaltet werden, drücke ich meine ambivalenten Gedanken für ein Land aus, mit dem ich seit Kindesbeinen verbunden bin. Aber als Christin weiß ich durch den Glauben, das wir auf Hoffnung hin geschaffen sind (Kol 1,5).

Hört morgen (16.11.) doch einmal rein!

Hybride Trauung – wenn das Ja-Wort durch digitale Medien Distanzen überwindet

Voller Tatendrang wuselten Bräutigam und Trauzeuge durch die hell erleuchtete Kirche während der Gottesdienstraum sich zunehmend in ein Hightech-Studio verwandelte. Leinwand, Mac, iPhone und Co. wurden in Windeseile aufgestellt, denn die Zeit drängte. Die ersten Gäste wurden schon in wenigen Minuten erwartet. Auch ich kümmerte mich gemeinsam mit der Braut um die Einstellung eines iPhones, das auf den Flügel gerichtet wurde. Nachdem wir etwas experimentiert hatten, waren wir mit dem visuellen Ergebnis sehr zufrieden.

Vor einigen Wochen hatte mich das junge Paar mit dem Wunsch einer Trauung kontaktiert. In COVID-Zeiten zu heiraten, stellt große Hürden da. Neben der Limitierung der Gottesdienstteilnehmer sind die Gefahren des Reisens besonders zu beachten. Erst recht, wenn die Familie wie in diesem Fall von verschiedenen Kontinenten anreisen müssen. Im ersten Traugespräch wies ich daher auf diese schmerzhaften Grenzen hin. Da ich bereits seit mehreren Monaten hybride Gottesdienste für meine Gemeinde anbiete, schlug ich ihnen aufgrund meiner Erfahrung mit anderen Kasualien eine „hybride Trauung“ vor. Eine solche Trauung schlägt via digitaler Möglichkeiten die Brücke zwischen einer Feierlichkeit vor Ort und anderen, durch das Internet verbundenen Bereichen. Dies würde die Distanzen zwischen USA, der Schweiz und Abu Dhabi im Nu schmelzen lassen und sogar die Möglichkeit einer virtuellen Mitgestaltung für Familie und Freunde bieten. Das Brautpaar war umgehend begeistert und wir machten uns sofort an die Planung dieser besonderen Trauung.

Selbstverständlich kann eine hybride bzw. digitale Gottesdienstgestaltung nicht sämtlich ein Feiern vor Ort ersetzen. Aber in Zeiten wie diesen bietet sie die Möglichkeit einer wertvollen und tröstlichen Partizipation, die in keiner Weise zu unterschätzen ist. Auch jenseits der Pandemie sollten die Kirchen diese gottesdienstlichen Möglichkeiten weiter beschreiten. Da denke ich z.B. an Personen, die ans Krankenbett gefesselt sind, oder solche, die aufgrund ihrer physischen Mobilität eingeschränkt sind. Welch ein Segen für sie und viele andere, wenn sie digital „barrierefrei“ am Leben der anderen in solch wichtigen Momenten Anteil nehmen und sogar mit gestalten können.

Ich bin mir darüber bewusst, dass nicht jeder meiner Kolleg*innen begeistert sein wird. Mancher wird vielleicht sogar sagen, dass er oder sie dies nicht auch noch neben den zahlreichen anderen Aufgaben und erarbeiteten Kompetenzen machen kann. Dies verstehe ich gut. Aber ich träume mutig davon, dass meine eigene Landeskirche und die EKD vielleicht Wege für Kolleg*innen eröffnet, die dies als Spezialist*innen anbieten können und auf die im Bedarfsfall dann verwiesen wird. Eine Art Kompetenz- und Personalzentrum „digitale Gottesdienste und Kasualien“. Das würde Kirche in die Zukunft führen, damit sie dort ist, wo Menschen sie brauchen und begleitet an den Fest- und Trauermomenten des Gott geschenkten Lebens.

Als der Vater des Bräutigams auf der großen Leinwand im Altarraum zu sehen war und die ersten Worte der biblischen Lesung aus Abu Dhabi via Zoom erklangen, wurde mir wohlig warm ums Herz. So sollte Kirche sein. Bei den Menschen vor Ort – egal ob analog oder digital.

Digitale Trauerfeier & Co.

Ich hob meine Hände zur Segensgeste, um der digital versammelten Gemeinde den Segen für die Trauerzeit als Stärkung zuzusprechen. Nach einem Moment des Schweigens, der mir fast wie eine kleine Ewigkeit vorkam, verabschiedete sich eine nach der anderen Person von der betroffenen Familie und verließ das Zoom-Meeting bis auch ich mich letzte verbleibende Person von ihnen verabschiedete und das digitale Treffen schloß.

Müde rieb ich mir die Augen während die plötzlich um mich eingesetzte Stille laut in meinem Kopf dröhnte. Trauerfeiern zu gestalten fordert viel von denen, die diese gestalten und Betroffene in einer schweren und wichtigen Lebenssituation begleiten. Der Zuspruch von Trost und Hoffnung durch den Glauben angesichts des Versterben eines nahestehenden Menschen steht für mich als Pfarrerin im Mittelpunkt der inhaltlichen Gestaltung und des liturgischen Handelns. Doch an diesem Samstagvormittag musste ich vieles vor allem liturgisch und technisch neu denken, da uns aufgrund von COVID die Durchführung einer Trauerfeier vor Ort untersagt worden war. So begab ich mich mit dem Angebot einer digitalen Trauerfeier auf pfarramtliches „Neuland“, das nötig geworden war, um trotz allem Trost und Hoffnung in einem sicheren Rahmen zu schenken. 

Vieles muss in der Pandemie in Kirche neu gedacht werden. Bereits vor dem Ausbruch von COVID hatte ich aufgrund der großen Fläche meiner Auslandsgemeinde, die sich über drei US-amerikanische Bundesstaaten erstreckt, einen digitalen Konfirmandenunterricht angeboten. Daher verlief auch eine Umstellung unserer Gottesdienste, Andachten und Treffen zügig und problemlos.

Schmerzhaft jedoch waren und sind die Momente, in denen ich Nähe nicht oder nur modifiziert anbieten kann. Besonders ein Trauerfall bedarf auch der physischen Nähe, um Trost und Geborgenheit spenden zu können. Einer Familie sagen zu müssen, dass man am Sterbebett nur via digitaler Möglichkeiten dabei sein könne, oder erst nach vielen Diskussionen und Telefonaten unter massiven Sicherheitsvorkehrungen den Kranken vor Ort durch Gebet zu begleiten, hat Spuren hinterlassen. Eine Umarmung, wie physische Nähe insgesamt lassen sich nicht durch digitale Mittel abbilden. Ich verstehe die Worte von Margot Käßmann, der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden, die sich gegen eine erneute Beschränkung der Teilnehmerzahl bei Trauerfeiern aussprach, dennoch steht das Wohl der Teilnehmenden in diesem Moment im Mittelpunkt und muss gegenüber einer physischen Gestaltung präferiert werden. Dies kann bedeuten, dass man komplett umdenken und kirchliche Begleitung von Lebensstationen neu denken muss, wie zum Beispiel durch das Angebot einer digitalen Trauerfeier.

Ich bin froh um die digitalen Möglichkeiten, die uns vor zehn oder fünfzehn Jahren so nicht zur Verfügung gestanden haben. Sie haben mir geholfen, meinem Auftrag als Pfarrerin auch in der extremen Situation der Pandemie und unter erschwerten Bedingungen durchführen zu können. So können wir als Kirche trotz der Hürden und notwendiger Sicherheitsvorkehrungen präsent und erfahrbar sein, um Gottes Trost und Seine Begleitung anderen zuzusprechen.

Des Amerikaners liebstes Nahrungsmittel als Zeichen der Nächstenliebe

Nachdem wir unter den Anweisungen von Pam, der Leiterin der kleinen jüdischen Tafel von Kol Ami, alle Packstationen mit der gleichen Anzahl von Lebensmitteln versorgt hatten, verstummten die durch den großen Raum hallenden Unterhaltungen. Es wurde geschäftig still. Nur das Rascheln der braunen Papiertüten, die beim Auffalten leicht Ächzten und an ein leises Seufzen über die erwarteten Lebensmittel erinnerte, die nach und nach im Bauch der Tüten verschwanden, war in der großen Packhalle zu hören.

Wie jeden Donnerstagmittag seit dem Beginn der Pandemie hatte sich eine inzwischen eingeschworene Gemeinschaft an Personen eingefunden. Wie eine gut geölte Maschinerie vollzog sich das Packen von zahlreichen Essenstüten, die schon bald von einer weiteren Gruppe von Freiwilligen an undokumentierte Immigranten und diverse Einzelpersonen ausgegeben wurde. Fruchtsaft, Kartoffel-, Karotten-, Pfirsich-, Aprikosen- und Hühnerfleischdosen fanden am Boden der Tüten ihren Platz. Darauf stapelten sich eine Tüte Reis, Tortillas, Rosinen und Cracker. Und auch Peanutbutter, des Amerikaners liebstes Nahrungsmittel.

Während ich die durchsichtigen Gläser an ihren neuen Platz beförderte, tippte mich Pam mit einer Verpackung an. „Kannst du das lesen?“, fragte sie schmunzelnd. Ich sah mir den Karton näher an. Dort stand in großen Lettern weiß auf blau aufgedruckt in Deutsch „Erdnussbutter – Verschiedene Sorten“. Ich staunte nicht schlecht. Des Amerikaners liebstes Lebensmittel wurde heute als deutsches Produkt in einer New Yorker jüdischen Tafel für bedürftige Personen zum Austragen vorbereitet. Mich erfasste umgehend eine Welle der Dankbarkeit für diese Essensspenden und die Möglichkeit als Pfarrerin, deren Herkunftsland durch den Holocaust so viel Leid über andere gebracht hatte, diese Essensspenden weitergeben zu können.

Mein Dank gelte daher an dieser Stelle all denen, die in den letzten Monaten diese Arbeit durch ihre Spenden an Feeding Westchester mit unterstützt haben. Ihr seid solch ein Segen!