Sisyphos und die Kunst, in Zeiten des Wandels nicht zu verzweifeln

Die Lampe musste ich einfach haben. In der Auslage des Geschäftes fiel sie mir bei der Suche nach einer Schreibtischlampe umgehend auf. Käuflich erworben hatte ich sie schnell, doch dann stand sie lange, in einer Tüte verborgen und von meinem Schreibtisch verdeckt, in meinem Amtszimmer, während die täglichen Aufgaben einer Rektorin mich Tag für Tag übermannten. Tief im Inneren fühlte ich mich wie Sisyphos, der noch in der Verpackung der Lampe schlief und wartete.

Nun nahm ich in einem stillen Moment meinen Mut zusammen und packte sie aus. Es war Zeit, mich meiner sisyphos’schen Realität einer Rektorin zu stellen, die immer wieder Aufgaben wie große Steine den Berg hinaufrollte, um sie dann – wie in einer Rille – am kommenden Tag wieder am Fuß des „Dienstberges“ auf die eine oder andere Weise mutiert erneut den Berg hochzurollen.

Nun stand sie da, die Sisyphos-Lampe, und war damit direkt in meiner Sichtweite. Aber im Gegensatz zu dem fleißigen, unablässigen und durchaus inhaltlich hoffnungslos arbeitenden Protagonisten des griechischen Mythos, der in der Dunkelheit seiner ewigen Beschäftigung nachging, leuchtete mir die Lampe in der Unendlichkeit der Herausforderungen den Weg.

Vom Prometheus der Zuversicht zum Sisyphos der Gegenwart

In diesen Tagen denke ich oft an Jürgen Moltmann, den großen Theologen der Hoffnung. Seine Biografie – vom jungen Kriegsgefangenen zum Begründer einer zukunftsorientierten Theologie – erzählt von einem Leben, das durch die Erfahrung der Dunkelheit hindurch auf das Licht Gottes vertraute.

Moltmann beschreibt in seiner Theologie der Hoffnung die Haltungen der Menschheit im Wandel der Zeiten anhand zweier antiker Figuren: Prometheus und Sisyphos.

Prometheus, der Feuerbringer, steht für die Aufbruchszeit der Moderne – für Wachstum, Wohlstand und den Glauben an unbegrenzte Entwicklung. Diese prometheische Haltung prägte lange auch unser kirchliches und gesellschaftliches Selbstverständnis: Wir konnten gestalten, verändern, planen.

Doch heute, so Moltmann, hat sich Prometheus verwandelt. Sein Nachfolger heißt Sisyphos. Er steht für das unermüdliche Arbeiten ohne klare Aussicht auf Erfüllung, für das Ringen in einer Zeit ohne einfache Lösungen, für das Aushalten von Dauerwandel, Unsicherheit und Überforderung.

„Am Beginn des 19. Jahrhunderts […] wurde Prometheus der Heilige der Neuzeit. […] In der Mitte des 20. Jahrhunderts […] hat sich der heilige Prometheus in die Figur des Sisyphus verwandelt […]. Weder in der Vermessenheit noch in der Verzweiflung liegt die Kraft der Erneuerung des Lebens, sondern nur in der ausharrenden und gewissen Hoffnung. […] Allein die Hoffnung ist ‚realistisch‘ zu nennen, weil nur sie mit den Möglichkeiten, die alles Wirkliche durchziehen, ernst macht.“

Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, Gütersloh 1964, S. 20–21

Diese Worte treffen auch unsere Gegenwart. Wir leben in einer Zeit, in der Steine sich vervielfachen: Der Stein des Krieges in der Ukraine. Der Stein der Gewalt im Heiligen Land. Und dazu die persönlichen, kleinen und großen Steine des Alltags – Überforderung, Verantwortung, Erwartungen, die eigene Erschöpfung.

Doch Moltmann lehrt uns: Hoffnung ist keine Illusion, sondern Teilhabe an Gottes Zukunft. Wer hofft, leugnet nicht die Schwere, sondern sieht im Dunkeln das Licht. Hoffnung ist nicht die Flucht vor der Realität, sondern der Mut, sie im Vertrauen auf Gottes Verheißung zu gestalten.

Wenn ich auf meine Lampe schaue, sehe ich darin dieses Leuchten:
Wir arbeiten – nicht im Kreis, sondern auf ein Licht hin.
Nicht, weil wir alles schaffen, sondern weil Gott vollendet.
Nicht, weil wir keine Steine mehr tragen, sondern weil sie im Licht leichter werden.

Hoffnung als Haltung des Führens

Die Tätigkeit einer Rektorin, die ein neues Ausbildungssystem im Auftrag des Landeskirchenrates etablieren soll und diesen massiven Paradigmenwechsel in der Ausbildung neuer Pfarrerinnen und Pfarrer in die landeskirchliche Wirklichkeit zu bringen hat, hat etwas von der Tätigkeit des griechischen Sisyphos. Noch dazu, wenn nun diese noch sich im Etablieren befindliche Ausbildung für zwei Landeskirchen, die bayerische und sächsische, angeboten werden soll.

Aber im Gegensatz zu ihm arbeite ich Tag für Tag gen Hoffnung, die mir durch den Glauben an Jesus Christus geschenkt wurde. Sie inspiriert mich und lässt mich nicht resigniert die Hände in den Schoß legen. Vielmehr gibt sie mir Kraft. Das Leuchten der Lampe, in der Sisyphos ausdauernd und behände den Stein Tag um Tag gen Licht rollen würde, ist eine tägliche Erinnerung daran.

Herr,
wir rollen unsere Steine den Berg hinauf –
die großen der Welt und die kleinen des Alltags.
Du gibst uns Hoffnung durch Christus,
und dein Licht stärkt uns, wenn wir müde werden.
Lass uns im Glauben an deine Zukunft weitergehen,
bis unser Werk im Licht deiner Ewigkeit ruht.
Amen.

Der Duft des Lavendels – von Dankbarkeit über Schritte zur Gleichberechtigung

Meine Hand griff magisch angezogen in das gut gefüllte Regal und zog eine lila Seife aus der Reihe der Seifenarmee. Als ich den von ihr ausgehenden Duft des Lavendels einsog, schloss ich unwillkürlich die Augen und wurde durch den Nebel der Erinnerung in meine Kindheit zurückversetzt.

Eine kleine, zart gebaute Frau mit einem Dutt aus lichtem, weißen Haar öffnete die Tür zum schmalen Zugang des kleinen, unscheinbaren Hauses an der Stadtmauer und nahm mich herzlich in die Arme. Ein schlichtes Wohnzimmer mit Küche, am Fenster der Arbeitsbereich eines Schuhmachers. Eine enge, knarzende Treppe führte zum elterlichen Schlafzimmer und einem kleinen Kinderzimmer hinauf. In jeder Schublade lag ein kostbares Stück Lavendelseife, das beim Öffnen einen Wohlgeruch verströmte.

Aus dem Nebel der Erinnerung war mir meine Urgroßmutter plötzlich wieder so nah, obwohl sie vor über dreißig Jahren verstorben war. Der Duft des Lavendels, vor allem der Lavendelseife, ist für mich unwiderruflich mit ihr verbunden, wenn auch meine Erinnerung im Nebel der Zeit nur ab und an wie ein verstecktes Objekt aus dem Dunst meiner Gedanken auftaucht.

Frauen wie ihr haben wir nachfolgenden Generationen es zu verdanken, dass Gleichberechtigung einen Fortschritt gemacht hat. Noch befinden wir uns mitten in einem Ringen um ein Leben auf Augenhöhe, aber ohne die Kraft, den Schweiß und auch die Tränen vieler Frauen vor uns hätten die nachfolgenden Töchter nie die Möglichkeiten erhalten, von der jene nur hätten träumen können.

Von mehr Möglichkeiten, von Entfaltung und Unabhängigkeit träumte auch die Schriftstellerin Virginia Woolf, die achtzehn Jahre vor meiner Urgroßmutter 1882 in London geboren worden war. Während meine Urgroßmutter in ärmliche Bedingungen in Franken geboren war und als Magd vor ihrer Hochzeit in einem Haushalt gearbeitet hatte, war die „Vorreiterin des Feminismus“ in eine wohlhabende Londoner Familie hineingeboren. Schon früh war sie aufgrund ihres Elternhauses von berühmten Autoren umgeben gewesen und war daher in jungen Jahren zum Schreiben gelangt. In dem 1929 veröffentlichen Essay „A Room of One’s Own“ schrieb Woolf über die eingeschränkten Möglichkeiten weiblicher Schriftstellerinnen und avancierte so zu einer frühen Kämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen.

Als ich nach meinem Besuch des Drogeriemarktes – der Duft des Lavendels begleitete mich immer noch in Gedanken – den erwähnten Essay, den ich schon lange vor gehabt hatte zu lesen, zur Hand nahm, staunte ich nicht schlecht. Hier schrieb Virginia Woolf:

Intellectual freedom depends upon material things. Poetry depends upon intellectual freedom. And women have always been poor, not for two hundred years merely, but from the beginning of time. Women have had less intellectual freedom than the sons of Athenian slaves. Women, then, have not had a dog’s chance of writing poetry. That is why I have laid so much stress on money and a room of one’s own. However, thanks to the toils of those obscure women in the past, of whom I wish we knew more, thanks, curiously enough to two wars, the Crimean which let Florence Nightingale out of her drawing-room, and the European War which opened the doors to the average woman some sixty years later, these evils are in the way to be bettered.

Woolf, Virginia: A room of ones own, Schweden: Wisehouse Classics, 2018, p. 67.

Intellektuelle Freiheit hängt von materiellen Dingen ab. Dichtung hängt von intellektueller Freiheit ab. Und Frauen sind immer arm gewesen, nicht nur seit zweihundert Jahren, sondern seit aller Zeiten anfang. Frauen hatten weniger intellektuelle Freiheit als die Söhne der Sklaven aus Athen. Frauen haben also nicht die geringste Chance gehabt, Gedichte zu schreiben. Deshalb habe ich so viel Nachdruck auf Geld und ein Zimmer für sich allein gelegt. Aber dank der Mühsal jener undeutlichen Frauen in der Vergangenheit, von denen ich wünschte, dass wir mehr über sie wüssten, seltsamerweise auch dank zweier Weltkriege, des Krimkriegs, der Florence Nightingale aus ihrem Wohnzimmer entliess und des Ersten Weltkriegs, der etwa sechzig Jahre später den Durchschnittsfrauen die Türen öffnete, sind diese übel auf dem Wege der Besserung.

In diesem Textauszug des berühmten Essays berichtet Woolf von der Mühsal der Frauen, die über Generationen klein gehalten und eingeschränkt wurden. Deren jeweiligen Engagement ist es zu verdanken, dass Emanzipation Stück um Stück Wirklichkeit wird.

Bei dem Verweis auf diese Frauen hat Woolf das englische Adjektiv „obscure“ verwendet, das im Deutschen mit „obskur“, aber auch „vernebelt“ oder „undeutlich“ übersetzt werden. Aufgrund des Textzusammenhanges habe ich dies in meiner Übersetzung mit letzterwähnten Adjektiv wiedergegeben. Woolf geht in ihrem Text ein interessantes literarisches Spiel mit Obskurität / Verneblung / Vergangenheit ein. Denn: Nicht selten liegt die Vergangenheit wie ein Nebel hinter uns.

Ab und an treten „undeutliche“ Frauen wie meine Urgroßmutter aus dem Nebel der Vergangenheit hervor. Dabei wird mir dann immer wieder klar, wie viele Entbehrungen, welche Leidensfähigkeit, Selbstaufgabe und Engagement sie und andere Frauen aufwiesen, damit ich heute die sein darf, die ich gegenwärtig bin.

Dabei denke ich an die Vorbilder, die meine eigene Biografie beeinflussten. Immer wieder treten sie an der einen oder anderen Stelle inspirierend aus dem Nebel meiner Gedanken hervor. Ihr Wirken hat mich auf unterschiedlichen Ebenen geprägt – privat, beruflich und ideell. Einige seien hier stellvertretend für viele starke Frauengenannt, die in meinem Leben wirkten:

Meine Urgroßmutter kümmerte sich um ihre einzige Tochter, die ein liebevolles Zuhause, Bildungschancen und ein Gesangsstipendium erhielt. Leider wurde dieses aufgrund des zweiten Weltrkrieges hinfällig und ihr Traumberuf dadurch unerreichbar.

Meine Schwiegermutter, die die Verwirklichung ihrer eigenen beruflichen Biografie hinten anstellte und meinen Mann zu einem Ehemann aufzog, der Frauen nicht nur als gleichberechtigt schätzt, sondern meiner Berufung als Kirchenfrau den Vorrang gab.

Meine Mentorin Andrea Rößler, deren Liebe für Unterricht im Vikariat auf mich abfärbte und mir nach einer Phase im „klassischen“ Pfarramt meine gegenwärtige Ausrichtung in der Ausbildung schenkte. Nicht nur im Rahmen der Bundespolizei, sondern seit einigen Monaten als Rektorin des Evangelischen Studienseminars für Pfarrausbildung (ESP) in Bayern und Sachsen.

Regionalbischöfin i.R. Susanne Breit-Keßler, die ich bei Hospitationen begleiten durfte und dadurch wertwolle Einblicke in Tätigkeit, Freude, aber auch Herausforderung einer Regionalbischöfin erhielt.

Generalkonsulin i.R. Brita Wagener, die ich in meiner Zeit in New York kennenlernen und deren Weitblick, Engagement und Standfestigkeit im politischen Kontext der Vereinten Nationen, New Yorks und der USA mich tief beeindruckt hat.

Als ich am Abend an der Ablage zur Küche vorbeilief, fiel mein Blick auf die gekaufte Lavendelseife, die vor einigen Stunden von mir aus der duftenden Seifenarmee des Drogeriemarktes herausgelöst und mitgenommen worden war. Nun lag sie etwas verloren da. Ich nahm sie vorsichtig in beide Hände, sog den vollblumigen Geruch des Lavendels ein, der eine Flut von Dankbarkeit über diese und andere besondere Frauen meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auslöste. Und wer weiß, vielleicht würde auch ich irgendwann für eine andere Frau aus dem Nebel ihrer eigenen Gedanken als eine hervortreten, die sich für sie und Gleichberechtigung einsetzte? Ich lächelte still vor mich hin, während ich die Seife in eine noch nicht duftende Wäscheschublade legte, die hoffentlich irgendwann den Duft des Lavendels und dankbarer Erinnerungen haben würde.

Von Zugfahrten, Vikariatsbeginn und biblischen Reisegeschichten

Der fröhliche Klang von feierlich erhobenen Sektgläsern und dem darauffolgenden vieltonigen Anstoßen war verklungen. Die freudigen, beglückwünschenden Reden durch verschiedene kirchliche Vertreterinnen und Vertreter den frisch examinierten Theologinnen und Theologen waren überbracht und die Zeugnisse als strahlender Ausdruck ihrer akademischen Leistung ausgehändigt worden. Nun war es Zeit für etwas Gemütlichkeit bei einem leckeren Abendessen im festlich eingedeckten Speisesaal des bayerischen Landeskirchenamtes.

Seitdem ich vor einigen Wochen die Einladung zur Examensfeier erhalten hatte, hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, an dem ich den neuen theologischen Nachwuchs kennenlernen durfte. Es würde mein erster Kurs sein, den ich als frisch gebackene Rektorin begleiten würde. Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus wusste ich, dass solche gemeinsamen Anfänge besonders wichtig sind und einen bewegenden Tiefgang haben können, denn darin verschränken sich Neubeginne auf unterschiedlichen Ebenen. Als ich damals vor einigen Jahren in der Bundespolizei meinen Dienst als hauptamtliche Polizeiseelsorgerin und Lehrerin für das Fach Ethik begann, war es eine Lehrklasse (besondere Grüße an „meine“ BA 21 II Dez 4-1 😘❤️), mit der ich den Ausgang aus der damaligen Tätigkeit als Pfarrerin in New York und den Eingang als Seelsorgerin erleben durfte. Mit und durch sie wuchs ich in eine neue, erfüllende Tätigkeit hinein, indem wir miteinander auf ihrer Ausbildungsreise unterwegs waren.

Von wohligen Gedanken an die zurückliegende Erinnerung und einem wohlschmeckenden Abendessen gestärkt gesellte ich mich an einen Tisch und nahm neben OKR Reimers, dem Leiter der Personalabteilung unserer Landeskirche, Platz. Mitten im Gespräch über die im Herbst beginnende Ausbildungskooperation zwischen Bayern und Sachsen sah er zu mir und sagte: „… aber das können Sie am Besten von Frau Groß erklärt bekommen.“ Ich schluckte erstaunt, und stürzte mich mutig in die Beschreibung. Als Theologin und reiseaffine Person bediente ich mich daher dem Aspekt des Reisens und Unterwegssein, wie er in der Bibel und in unserem Leben präsent ist. In all seiner Ambivalenz bediente ich mich einer Metapher, die uns allen geläufig ist: der der Bahn.

Vor der „Abfahrt“ dieses Zuges gab es einen langen Konsultationsprozess, der unterschiedliche Ebenen der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) an einen Tisch brachte, um möglichst viele Anforderungen zu berücksichtigen und eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung anbieten zu können. Horizont hierbei war das Jahr 2026. Nun war Zug bereits drei Jahre früher zu seiner ersten Fahrt gestartet. Ich hingegen stieg als „Zugführerin“ gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen (EvLKS) nun in den Zug ein.

Nicht umsonst hatte ich an diesem lauen Juliabend etwas locker, aber durchaus bestimmt das Bild der „Bahn“ verwendet, denn diese Metapher symbolisiert im Optimum einen Weg, der von Anfang bis Ende geplant und strukturiert ist, mit klaren Haltestellen und Zielen. Die Ausbildung kann mit einer Zugfahrt verglichen werden, die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit beginnt, verschiedene Stationen (also Lerninhalte und Praktika hat) durchläuft und schließlich am Zielort in einen erfolgreichen Abschluss und dem Einstieg in den Probedienst als Pfarrerin und Pfarrer mündet.

Schon bald würden wir gemeinsam mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen diese aufregende Zugfahrt beginnen. Zumeist in denselben Abteilen (denn es gibt nur eine Zugklasse!), manchmal aufgrund der unterschiedlichen Erfordernisse der Landeskirchen uns während der Zugfahrt in extra Waggons begeben. In einem gemeinsamen Zug, dessen Gleise der Landeskirchenrat der ELKB vor längerem gelegt hatte und in einiger Zeit aufgrund eines Evaluationsprozesses anpassen wird, würden wir dem Ziel „Pfarramt“ entgegenfahren.

Etwas mulmig ist mir zugegebenermaßen schon während ich in die Rolle der Zugführerin hineinwachse. Denn trotz einiger Probefahrten (danke, lieber F23 und H23 für all eure Beharrlichkeit) und Streckenanpassungen wird es weiterhin vielfältige Herausforderungen geben. Vom realen Zugverkehr kennen wir das zu genüge. Verspätungen, Störungen, schlechte Wetterverhältnisse und Streckenschäden sind nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen werden. Dann wird es auf die gesamte Besatzung des Zuges ankommen, die zusammenhält und gemeinsam mit mir kreative Lösungen zur Sicherstellung der Fahrt findet.

Letztendlich befinden wir uns gemeinsam auf einer Reise. Als Evangelisches Studienseminar für Pfarrausbildung (ESP) dürfen wir Menschen begleiten, die in einen der spannendsten Berufe hineinwachsen wollen: nämlich das Pfarramt. Wir sind „Reiseabschnittsbegleiterinnen“ und „-begleiter“ für unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die sich wagemutig auf diese „Ausbildungsreise“ begeben.

Ein Blick in die Bibel kann trösten, aufmuntern und vielleicht auch nachdenklich stimmen. Denn die Bibel selbst ist voll von Reisegeschichten, die von Menschen und Gottes Führung auf ihrem Lebensweg berichten. Von Herausforderungen, Zurücklassen und Neubeginn – von Abkehr, Neugierde und Wachstum:

Abraham verließ seine Heimat, um in ein neues unbekanntes Land zu ziehen, das ihm Gott noch zeigen würde.

Das Volk Israel zog nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung von Mose durch die Wüste ins gelobte Land.

Jona wurde von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen, um dort zu predigen (diesem Auftrag versuchte er zu entkommen und lernte ein besonderes „Reisevehikel“ von Innen kennen).

Josef wurde von seinen Brüdern verkauft, erlangte nach schweren Jahren der Herausforderung eine wichtige Position und sicherte dadurch seiner Familie und seinem Volk das Überleben.

Die prächtige Königin von Saba machte sich auf den Weg nach Jerusalem, um Salomo und seine Weisheit höchstpersönlich kennenzulernen.

Der Apostel Paulus unternahm vier Missionsreisen, bei denen er wahnsinnig beeindruckende 15.000 km zurücklegte.

Die Reisegeschichten der Bibel sind so vielfältig wie die Menschen, die Reisen unternehmen. Was ihnen allen gemein ist: Diese Geschichten zeigen, dass Reisen in der Bibel nicht nur geografische Bewegungen sind, sondern eine spirituelle und persönliche Entwicklung mit sich bringen. Viele unserer Vikarinnen und Vikare werden an neue Orte in ihre jeweiligen Ausbildungsregionen ziehen, doch noch viel interessanter und bewegender wird deren innere Reise zum Ausbildungsziel Pfarrerin und Pfarrer sein.

Ich freue mich, sie auf ihrer Ausbildungsreise im Herbst als „Zugführerin“ mit einem engagierten Team von Studienleiterinnen und -leitern aus Bayern und Sachsen begleiten zu dürfen und hoffe, dass sie beim Erreichen des Ausbildungszieles wie die biblischen Erzählungen es tun, Geschichten von Vertrauen, Herausforderung, Glauben und der eigenen Suche nach Gottes Willen erzählen werden.

Von Charlie Brown und Schutzhelmen

Voller Begeisterung schlug ich das kleine gelbe Reclams-Buch im voll besetzten Regionalexpress auf und tauchte nach einem durchaus nachdenklich stimmenden Arbeitstag in die wohltuende Welt von Charlie Brown ein.

Charlie Brown, Snoopy und Co. haben es mir wirklich angetan. Schon früh habe ich die Freunde gerne bei ihren immer wiederkehrenden Abenteuern mit ähnlichem Ausgang begleitet. Dabei ist Charlie Brown kein Gewinnertyp. Er steht nicht auf einem Siegertreppchen und wird von Medaillen übersät. Vielmehr coacht er ausdauernd, aber erfolglos eine Baseballmannschaft, der einfach kein Sieg zuteil wird.

Charlie Browns Ausdauer und seine Leidensfähigkeit üben auf mich eine besondere Faszination aus. Er nimmtNiederlagen fast stoisch hin und lässt trotz allem nicht ab, um die stets um die Zuneigung von Lucy zu werben.

An diesem Spätnachmittag im Regionalexpress erfreute ich mich dieses behutsamen Eintauchens in eine altbekannte Welt und blieb erstaunt an einem Comic gedanklich hängen, in dem er sich mit Linus an ihrem Mauervorsprung befindet:

Charlie Brown offenbart nicht nur, dass er wieder einen Schicksalsschlag erlebt hat, sondern findet in Linus einen emphatischen Freund. Beide teilen diese Erfahrung, aber wie fast immer hat Linus eine sehr pragmatische Lösung parat: Die Idee Schutzhelme zu tragen.

Mein Theologinnenherz schlug beim mehrmaligen Lesen des kurzen Comics sofort höher, denn ich fühlte mich von diesen beiden Comic-Helden meiner Kindheit und Jugend verstanden. Das Leben ist voller Niederlagen, Tiefpunkten und schweren Herausforderungen. Der Hinweis auf einen Schutzhelm erinnerte mich umgehend an einen besonderen Ratschlag des Apostel Paulus:

Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

Epheser 6,16-17

Christen und Christinnen haben neben anderen erwähnten Bestandteilen einer Waffenrüstung einen besonderen Schutzhelm – nämlich den „Helm des Heils“, den sie tragen. Der Helm schützt sie in schweren Lebenslagen mit der Gewissheit, dass durch Jesus eine Perspektive bis in die Ewigkeit geschaffen ist.

Charles Schulz hätte man dies nicht erklären müssen, denn er war in einer lutherischen Gemeinde im mittleren Westen der USA aufgewachsen, dann zum Methodismus konvertiert. Gott und Glaube waren für Schulz nicht einfach nur „Nebengedanken“, vielmehr atmen seine Comics den Versuch, die Welt durch die Augen des Glaubens zu ergründen. Dabei spielen für ihn die Themen von Leid (wie fehlender Sieg seiner Baseballmannschaft oder andauernder Verlust seines Drachens im Baum) und Barmherzigkeit (schwierige Beziehung zu Lucy) eine wichtige Rolle.

Mit einem Seufzer schloss ich das kleine Reclams-Buch während mein Blick den herannahenden Bahnhof und damit meinen Ausstieg fixierte. Ob Schulz bei besagtem Comic an den Ausschnitt aus dem Epheserbrief beim Zeichnen dachte und ihn anklingen ließ, werde ich wohl nie erfahren. Aber Charlie Brown und seine Gang werden mir immer wieder Anregung und Trost schenken.

Im Zeichen von „Schutz und Fürsorge“

Vertrauensvoll folgte ich einer durch mehrere Telefonate und Online-Meetings bekannten Stimme, die mich durch den Beton-Dschungle des hannoverschen Messegelände lotste. Zugegebenermaßen aufgeregt öffnete ich die schwere Glastür zu einem langen lichtdurchfluteten Gang, von dem in pragmatischer Weise verschiedene Büroräume betretbar waren. Am Ende des Ganges kam mir Lea D. lächelnd entgegen und begrüßte mich herzlich. Endlich war ich am Kirchentag angekommen.

(Bild: James Mucha)

Ende April war ich aufgebrochen, um als Teil der Gruppe „Schutz und Fürsorge“ mit anderen Fachkräften am Kirchentag ehrenamtlich mitzuarbeiten. 1949 war der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) als Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus und den fehlenden Widerstand der Amtskirche in seiner jetzigen Form gegründet worden. Mit dieser Gruppe begann bereits am vorhergehenden 38. Kirchentag in Nürnberg in kleiner, engagierten Weise, nun aber noch mutiger, starker und beherzter am 39. DEKT in Hannover eine aus meiner Sicht längst überfällige Reaktion auf ein schlimmes kirchliches und gesellschaftliches Thema, das viel zu lange verschwiegen, verdrängt und tabuisiert wurde: Straftaten sexualisierter Gewalt fanden und finden in Schutzumgebungen wie Kirche und Gemeinde statt. Hiergegen muss rigoros vorgegangen und Betroffene mit Schutz und Fürsorge umgeben werden. Ich bin dankbar, dass Detlev Zander mit solcher Kraft auf die bittere Realität sexualisierter Gewalt hinweist, mahnt und trotz vieler schmerzhafter Gegenreaktionen nicht müde wird, dagegen seine Stimme zu erheben.

Das nunmehr zweite Mal war diese besondere Gruppe unter der Leitung von Lea D. als hauptamtliche, sowie Alina und Ari als ehrenamtliche Leitungspersonen an diesem besonderen kirchlichen Ereignis für Betroffene sexualisierter Gewalt da. In diesem Jahr in Hannover mit einem größeren Team von Fachkräften aus unterschiedlichen kirchlichen, sozialen und staatlichen Bereichen, die sie zusammengerufen hatten.

Als ich unsere Einsatzräumlichkeiten betrat, begrüßten mich die anwesenden Kolleginnen und Kollegen herzlich. Die liebevolle Dekoration an unseren Arbeitsplätzen strahlte so viel Liebe und Fürsorge aus.

Umgehend wusste ich, dass nach Jahren als Teilnehmerin nun mein Ort „hinter den Kulissen“ als Einsatzkraft für „Schutz und Fürsorge“ der richtige war. Meine Aufregung ebbte langsam ab und machte großer Dankbarkeit Raum während ich den Erklärungen und der Einführung in Dienst und Technik folgte.

Das Motto des Kirchentages – mutig, stark, beherzt – war spürbar das Motto dieser besonderen Gruppe, die Personen während der Veranstaltungstage mit Schutz und Fürsorge umgaben. Ob 24/7-Hotline, Schutzraum, Veranstaltungsbegleitung, Einzelgespräche oder Einsatz – in allem atmeten diese intensiven Tage das biblische Wort, unter dem der 39. DEKT stand:

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!

1. Kor 16,13-14

Während ich in diese besondere ehrenamtliche Tätigkeit eintauchte, geschah still und unaufgeregt ein für mich einschneidender Übergang, indem die letzten offiziellen Diensttage bei der Bundespolizei verstrichen und ich wieder in den Dienst meiner Landeskirche zurückkehrte. So wurde auch ich ohne große Aufregung eingebettet in dieses Netz der Fürsorge, das meinen Schmerz über nunmehr Vergangenes linderte und meine Freude auf eine neue, besondere berufliche Aufgabe wachsen ließ. Eine tiefgreifende Erfahrung, in der ein Team nicht nur für andere sorgte, sondern füreinander da war. Dies steht und fällt mit der Leitung solcher Gruppen – durch Lea, Alina und Ari waren wir stets von fürsorglichen, engagierten Fachkräften umgeben.

Ich wünschte, es wäre auch anderorts so selbstverständlich, dass man auf Betroffene sexualisierter Gewalt achtet, sie mit Schutz und Fürsorge bei einem eventuellen Vorkommnis umgibt. Die Landeskirchen müssen noch sehr viel lernen und Schutzmaßnahmen etablieren, damit zum Selbstverständnis wird, was ich es am 39. DEKT in dieser Gruppe erleben und mit begleiten durfte.

Lasst uns mutig, stark, beherzt gegen sexualisierte Gewalt vorgehen. In Kirche, Staat und Gesellschaft. Den Opfern und den uns anvertrauten Personen sind wir dies in schuldig!

Sechs Tage später war mir der Beton-Dschungel der hannoverschen Messe sehr vertraut. Die Wege, Gebäude und Büros strahlten nach sehr geschäftigen Veranstaltungstagen ungewohnte Ruhe aus. Als eine der wenigen waren Teile unseres Teams noch im Einsatz und steuerten als eine der letzten Gruppen mit schwerem Gepäck beladen die Rückgabe der Kirchentags-Technik an. Als wir uns später verabschiedeten, erfüllte mich tiefe Dankbarkeit für eine besondere Zeit. Ich war froh, Teil eines größeren Engagements gegen sexualisierte Gewalt gewesen zu sein, dass sich hoffentlich an den darauf folgenden Kirchentagen als Selbstverständlichkeit etablieren wird. Zu verdanken ist es dem Mut unseres Dreier-Führungsteams und den inspirierenden Kolleginnen und Kollegen, die ich dort kennenlernen durfte.

Lasst uns, egal wo wir uns gerade ehren- oder hauptamtlich engagieren, mutig, stark, beherzt gegen sexualisierte Gewalt einsetzen!

„0013 meldet sich ab vom Dienst.“

Mit hängendem Kopf stand ich mit einer Kollegin vor meinem Fahrrad und hantierte mit einer Schere an einer dunkelblauen Plakette, die mit einem Kabelbinder am Lenkrad festgemacht worden war. Der Kabelbinder wehrte sich gegen mein Bemühen gewaltig, aber nach einigem Hin und Her sowie einigen leichten Kratzern an der dunkelgrauen Lenkstange konnte ich die Verbindung endlich durchschneiden. Ich seufzte und atmete tief ein und aus.

Vor einigen Monaten staunte ich nicht schlecht als ich die Plakette für mein Fahrrad aus meinem Postfach nahm. Für die dienstliche Verwendung meines Fahrrades war mir die Nummer 0013 zugewiesen worden.

Damals ging mir etwas scherzhaft der von Daniel Craig alias James Bond bekannte Satz durch den Kopf, den er nach längerer Abwesenheit gegenüber M aussprach: „007 meldet sich zum Dienst.“ (Hier der Videoausschnitt – in Minute 2:16) Adaptiert hätte es beim Anbringen der Plakette heißen müssen: „0013 meldet sich zum Dienst.“ … Doch weder war meine Personalnummer 007, noch war ich Geheimagentin. Die Lizenz zum Töten, die die Doppelnull symbolisierte, hatte ich selbstverständlich auch nicht – bis dato habe ich keine Schusswaffe in Händen gehalten. Aber dennoch war ich amüsiert über diesen numerischen Anklang an die berühmten britischen Agententhriller, die ich durchaus schätze. Die Zahl 13 fügte in ihrer Ambivalenz noch ihr Eigenes hinzu, denn sie kann als Glücks- oder Unglückszahl gedeutet werden.

In vielen Kulturkreisen trägt die Dreizehn eine negative, manchmal sogar unheilvolle Bedeutung. So wird in manchen römisch-katholischen Traditionen Judas Iscariot, der Jesus verraten hatte, als 13. Jünger bezeichnet. Die Zahl scheint vor allem durch einen subjektiv-assoziierten Aberglauben zu einigen interessanten Ausprägungen im Alltag zu führen: so gibt es Gebäude, die kein 13. Stockwerk haben, einige Passagierflugzeuge verfügen nicht über die 13. Sitzreihe und im Sozialgesetzbuch (SGB) wird auf die Benennung des 13. Buches verzichtet.

Im Gegensatz dazu schreibt so mancher der Dreizehn eine positive Konnotation zu: Ich kenne eine Reihe von Personen, die sie als persönliche Glückszahl sehen. Einige Prominente, wie Taylor Swift, sehen sie als Glücksbringer. Im Judentum findet am 13. Geburtstag mit der Bar Mitzwa bzw. Bat Mitzwa der Übergang zum Erwachsenwerden für Jugendliche statt und stellt ein positives Ereignis dar, das mit dieser Zahl verbunden ist.

Ob man mit der 13 Gutes oder Schlechtes in Verbindung bringen würde, war mir gelinde geschrieben, völlig egal. Darüber hinaus war die Plakette neben meiner „Segensklingel“ angebracht, die mich an den Segen erinnerte, den eine Freundin für meinen Fahrradgebrauch und jeden privat oder dienstlich zurückgelegten Kilometer ausgesprochen hatte.

Mit meinem dienstlichen Ausscheiden aus der Bundespolizei und der Rückkehr in den kirchlichen Dienst der Bayerischen Landeskirche musste auch diese Plakette zurückgegeben werden. Durch einen kräftigen Schnitt mit der Schere war das letzte Stück Verbindung zu einem liebgewonnen Arbeitsbereich durchtrennt. Die Kollegin legte die Plakette nochmals kurz auf die Segensklingel, umarmte mich herzlich als sie meinen traurigen Gesichtsausdruck sah und verschwand schweigend mit der Plakette in der Hand in das Verwaltungsgebäude.

Während ich auf das Rad stieg und in die Pedale trat einer neuen beruflichen Zukunft entgegen, sagte ich leise traurig, aber auch dankbar für die zurückliegende Dienstzeit vor mich hin: „0013 meldet sich ab vom Dienst einer Polizeiseelsorgerin.“


Mein herzlicher Dank gilt allen im AFZ Bamberg und darüber hinaus in der Bundespolizei, die ich in den letzten viereinhalb Jahren begleiten und kennenlernen durfte. Mögen es Polizeimeisteranwärterinnen und – anwärter, Polizeikommissarsanwärterinnen und -anwärter, Stamm-, Abordnungs- oder Rahmenpersonal gewesen sein. Mein Dank sei auch denen gegenüber ausgesprochen, die mich in dieser Dienstzeit unterstützt und mit mir kollegial zusammengearbeitet haben.

Das AFZ Bamberg wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Und seien Sie und ihr euch gewiss: Da „draußen“ ist eine Pfarrerin, die für euch betet und anderen die Augen für euren wichtigen Dienst öffnet.

Von Orangen, Sedertellern und neuen Traditionen

Die Schale der kleinen Frucht wurde in einem festlichen Moment des Innehaltens vorsichtig von Yael geöffnet. Zum Vorschein kamen in den Händen von Rabbinerin Dr. Yael Deusel zarte Fruchtsegmente einer im heimischen Zuhause gewachsenen Orange, die gemeinsam mit dem Sroa in einer im Porzellan eingebetteten Kuhle gelegen hatte. Traditionell steht der Knochen auf dem Sederteller für das Pessachlamm, das am ersten Abend des Auszugs der Israeliten aus Ägypten geopfert wurde. Manche meinen sogar, dass dieser Knochen, geformt wie ein Arm, Gottes „ausgestreckten Arm“ bei der Befreiung des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft in Ägypten symbolisiert.

Voller Faszination betrachtete ich den Sederteller in seinem für mich ungewohnten Ensemble. Schlomo Weißenfels, der mir schräg gegenüber saß und der Vorsitzende der Bamberger liberalen Gemeinde Mischkan ha-Tfila ist, sah mein Erstaunen und erklärte mir, dass die Orange ein relativ neue Addition zur jüdisch-liberalen Tradition sei. Im Volksmund habe ein Mann gesagt: „Die Idee von Rabbinerinnen macht so wenig Sinn, wie eine Orange auf dem Sederteller.“ Seitdem sei die Orange ein feministisches Symbol im Pessach.

Keine Geringere als Prof. Susannah Heschel, die Tochter des Rabbiners Abraham Joshua Heschel, war das Gegenüber dieser verbalen Äußerung. In New York hatte ich die Ehre, mit ihr aufgrund meiner Kooperation mit dem Leo Baeck Institut zusammen arbeiten zu dürfen. Die jüdische Feministin hat mich in dieser Zeit sehr inspiriert, da sie nicht nur für Frauenrechte einstand, sondern ihre Stimme für Marginalisierte erhob. Dass dieser neuzeitliche jüdische Brauch von ihr stammte, wärmte mein Herz an diesem Abend des Pessachfestes.

In einer Korrespondenz berichtete Susannah Heschel, wie die Zitrusfrucht ihren Weg in das wichtige jüdische Fest fand:

Anfang der 1980er Jahre lud mich die Hillel Foundation ein, an einem Podiumsgespräch am Oberlin College zu sprechen. Auf dem Campus stieß ich auf eine Haggada, die von einigen Oberlin-Studentinnen verfasst worden war, um feministische Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Ein von ihnen entwickeltes Ritual bestand darin, eine Brotkruste auf den Sederteller zu legen – als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Lesben, ein Zeichen des Widerstands gegen die Aussage einer Rebbezin: „Im Judentum ist für eine Lesbe genauso viel Platz wie für eine Brotkruste auf dem Sederteller.“

Beim nächsten Pessach legte ich eine Orange auf den Sederteller unserer Familie. Während des ersten Teils des Seder bat ich alle, sich eine Orangenspalte zu nehmen, den Segen über die Frucht zu sprechen und sie als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Lesben und Schwulen sowie anderen, die innerhalb der jüdischen Gemeinde marginalisiert sind, zu essen.

Brot auf dem Sederteller beendet Pessach – es macht alles chametz. Und es suggeriert, Lesbischsein sei transgressiv und verletze das Judentum. Ich hatte das Gefühl, dass eine Orange noch etwas anderes symbolisierte: die Fruchtbarkeit für alle Juden, wenn Lesben und Schwule sich aktiv am jüdischen Leben beteiligen. Außerdem enthielt jedes Orangenstück ein paar Kerne, die ausgespuckt werden mussten – eine Geste des Ausspuckens, die die Homophobie des Judentums ablehnte.

In Vorträgen erwähnte ich meinen Brauch oft als eines von vielen neuen feministischen Ritualen, die sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben. Doch irgendwie kam es zu dem typisch patriarchalischen Manöver:

Meine Vorstellung von einer Orange und meine Absicht, Lesben und Schwule zu bekräftigen, veränderten sich. Nun kursiert die Geschichte, ein Mann habe zu mir gesagt, eine Frau gehöre auf die Bima wie eine Orange auf den Sederteller. Die Worte einer Frau werden einem Mann zugeschrieben, und die Bekräftigung von Lesben und Schwulen wird schlichtweg ausgelöscht.

Ist nicht genau das im Laufe der Jahrhunderte mit den Ideen von Frauen geschehen? Und ist es nicht genau diese Auslöschung ihrer Existenz, die schwule und lesbische Juden bis heute ertragen müssen?

Recustom (Übersetzung: Miriam Groß) https://www.recustom.com/clips/4054948

Betrachtet man die Geschichten, die am Abend des Pessachfestes erzählt werden, so sind sie dominiert von männlichen „Zentralpersonen“ – von Mose, Aaron, der Pharao und vielen anderen. Frauen nehmen hier eher eine Randstellung ein. Erschreckend ist für mich als Frau, dass in einigen Haggadot in der Darstellung der vier fragenden Kinder ausgerechnet das Einfältige (Tam) und das, welches noch nicht zu fragen versteht (Ejno Jodea LiSchol) in einigen Illustrationen der Pessach-Erzählungen als Mädchen oder Frau dargestellt werden.

Wir sind noch lange in Sachen Geschlechterberechtigung nicht an einem Punkt der Gleichheit angekommen. In einer meiner ehemaligen Dienstgemeinden habe ich dies schmerzhaft erleben müssen als eine Reihe von Gemeindegliedern und Gottesdienstbesuchern mich regelmäßig und direkt damit konfrontierten, dass eine Frau nicht auf die Kanzel gehöre. Dies setzt sich bedauerlicher Weise in vielen anderen Tätigkeitsbereichen fort, wenn auch eher subkutan.

Die Orange am Sederteller hat mich an diesem Abend daran erinnert, dass die Geschichten der mutigen Frauen erzählt werden sollten, die für den Glauben einstanden und z.B. am Exodus teilnahmen. An diesem Abend wieß mich die Orange nicht nur auf Frauen auf der Bima hin, sondern auf alle Marginalisierten, die einer Befreiung und atemschenkender Freiheit bedürfen. Sie sticht als Erinnerung an all die Menschen hervor, die sich irgendwann in ihrem Leben nicht dazugehörig fühlen.

Die deplatziert aussehende Orange auf dem Sederteller ist ein Zeichen dafür, dass wir uns stets bemühen sollten, für Ausgegrenzte und Marginalisierte einzustehen, damit sie sich einbezogen werden – Freiheit für alle, so wie es dieses jüdische Freiheitsfest verspricht. Wie die Kerne der Orange ausgespuckt werden, so soll alles, was der Freiheit hinderlich ist, zurückgewiesen werden. Mir gefällt, dass meine jüdischen Geschwister um einen Platz für die Orange kämpfen. Ja, die Orange passt nie ganz hinein … und ja! Genau darum geht es.

Ich nahm das zarte Fruchtblatt aus der Hand meiner Freundin, der Rabbinern, an diesem Abend dankbar entgegen. Als ich auf das kleine Fruchtblatt biss, füllte ein bitter-beißender Geschmack meinen Mund und ich spuckte die Kerne auf den Essensteller. Möge die Orange auf vielen anderen Sedertellern ihren diskutablen Platz erhalten, der an den Kampf und das Engagement um Freiheit erinnert.

Lesen gegen Hass (7) : Visuelle und sprachliche Mahnung mit ironischer Würze

Sehen, hören, riechen, schmecken und tasten – mit diesen fünf Sinnen nehmen wir Menschen physiologisch zumeist unsere Umwelt wahr. In diesem Blogeintrag möchte ich drei Bücher vorstellen, die Sie und euch wappnen soll gegen Hass, wie er im Nationalsozialismus in verheerender Weise Deutschland, Europa und die ganze Welt erfasst hat.

Visuell durch das Betrachten eines grafischen Romans.

Auditiv durch die Reflexion von Sprache anhand eines berühmten Notizbuchs.

Gustatorisch und olfaktorisch durch ein ironisch-makaberes Kochbuch.

„Die letzten 100 Tage Hitlers“ von Jean-Pierre Pécau, Filip Andronik, Senad Mavric und Jean Verney, erschienen in der deutschen Ausgabe bei Knesebeck 2025

Die Graphic Novel führt die letzten hundert Tage des grausamen NS-Regimes in all seiner Brutalität visuell vor Augen und zeigt das erbarmungslose und wahnhafte Festhalten an einer krankhaften Ideologie. Eine Mahnung gegen das Erstarken rechtsextremer Strömungen und die Gefahren der „Neuen Rechten“, die sich gleicher Mittel bedienen und die Menschenwürde mit Füßen treten.

Wenn auch aufgrund des Umfangs verkürzt, so ist diese packende Graphic Novel historisch gut fundiert vom Stauffenberg-Attentat bis zum Nerobefehl und künstlerisch beeindruckend mit interessanten Details ausgestaltet. Die Brutalität des mörderischen Regimes wird in eindrücklich bewegender Weise dargestellt und zeigt auf, das sich diese in einer makaberen Zuspitzung selbst gegen das eigene Land und dessen Bewohnter richtete als eine Niederlage abzusehen war:

„Was sagt Hitler dazu?“ … „Ich zitiere wortwörtlich: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil. Es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“

S. 61

Die betrachtenden Personen begleiten den Wahnsinn, die Ängste und die tiefen Abgründe des Naziregimes bis in die letzten Stunden im Berliner Führerbunker. Eine visuelle Chronik einer grausamen Zeit, die die Betrachter vehement anregt über das Geschehene nachzudenken, damit es nie wieder in dieser oder anderer brutaler Weise geschehe.

„LTI – Notizbuch eines Philologen“ von Victor Klemperer, erschienen bei Reclam 1975 (Erstveröffentlichung 1947)

Eine auditive Wahrnehmung ist für unseren Alltag grundlegend. Sprache umgibt uns als Hörende und Sprechende. Nicht immer reflektieren wir unseren eigenen Wortschatz oder das uns entgegenkommende Wort. Victor Klemperer hat uns durch seine tiefsinnige Dokumentation ein Sprachwissen überliefert, das uns in einer Zeit erstarkendem Extremismus hellhörig werden lassen sollte.

Bereits der Titel des Notizbuchs enthält den ersten massiven Seitenhieb gegen ein mörderisches Regime, das zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung zwei Jahre zuvor brutal zu Ende gegangen ist. Victor Klemperer als Autor dieses wichtigen Buches nimmt uns persönlich beschreibend in fachlich tiefer Reflexion mit in das wohl wirkungsreichste Mittel des mörderischen Nationalsozialismus: die deutsche Sprache.

Victor Klemperer (1881-1960) als Jude geboren, zum Protestantismus konvertiert und Professor der Sprachwissenschaft, war durch die Rassengesetze der NS-Diktatur von dessen Auswirkungen direkt betroffen. 1947 veröffentlichte er die vorliegende Sprach-Analyse des Dritten Reiches, „LTI“ (Lingua Tertii Imperii), um vor den Gefahren von Sprache als Waffe zu warnen.

Die Sprache des Nationalsozialismus wurde „… 1933 aus einer Gruppen- zu einer Volkssprache…“ (S. 25) und bemächtigte sich „… auch, und sogar mit besonderer Energie, des Heeres; aber zwischen Heeressprache und LTI liegt eine Wechselwirkung vor, genauer: erst hat die Heeressprache auf die LTI gewirkt, und dann ist die Heeressprache von der LTI korrigiert worden.“ (S. 25)

Der Sprachwissenschaftler dokumentierte die um sich greifende Versachlichung und „Maschinisierung“ menschlicher Existenz und Identität, der sich als „Erlöserfigur“ darstellende Führer, Verniedlichung von massiven Eingriffen in Bürgerrechte und -pflichten und so vieles mehr.

[…] die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewußtem Denken oder bewußtem Fühlen in sich aufnehmen musste.

Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden.

S.21

Schnell wird dem Leser und der Leserin bewusst, welch eine Macht Sprache tagtäglich auf uns ausübt und wie sehr sie uns im Denken und Handeln lenken kann. Daher sei dieses Buch allen dringend zur Lektüre anempfohlen.

Nazi Goreng. 33 urdeutsche Rezepte – ganz ohne Fremdobst, Exotik und Geschmack von Horst Kessel, erschienen bei riva 2023

Mit dem vorliegenden „Kochbuch“ wird es nun gustatorisch und olfaktorisch (bei dessen Durchführung) interessant für jeden, der sich gegen Hass auch in der Küche „wappnen“ möchte. Denn die Grundsätzlichkeit und Wichtigkeit des Essens ist uns allen gut bekannt.

Mit scharfem, dunklen Humor warnt der Autor durch seine dreiunddreißig Rezepte sprachlich tiefgründig vor Rechtsextremismus. Nach einem Grundrezept der „braunen Soße“ wird Kochwissen in Vor-, Haupt-, Süß- und Nachspeisen weitergegeben. „Deutsche Buchstabensuppe“, „Himmleermarmelade“, „Leckeres Apfelmussolini“ sind nur einige der vielen Rezepte, die durch geschickte Wortspiele dunkelste NS-Zeit bissig aufs Korn nehmen.

Zu „Heilbutt in Dill-Senf-Soße“ schreibt der Autor:

Das besondere an diesem Gericht ist, dass man es selbstverständlich ausschließlich mit der linken Hand zubereiten kann, da die rechte ja beschäftigt ist.

S. 29

Im Buchgeschäft wurde ich beim Kauf darauf hingewiesen, dass die Rezepte auch tatsächlich zubereitet werden könnten. Das Lesen derselbigen war erhellend und führt die Macht der Sprache in praktischer Weise vor Augen. Ein „Nachkochen“ überlasse ich lieber anderen, doch die Warnung wirkt nachhaltig und sensibilisierend.

Die Extrameile gehen…

Mein Blick war vor Müdigkeit noch ganz verschwommen. Ich setzte in der Dunkelheit einen Fuß vor den anderen während meine Lehrgruppe um kurz vor fünf Uhr in einem gleichmäßigen, schweigenden Rhythmus vom dumpfen Stapfen der Dienststiefel angetrieben durch die kalte Winternacht marschierte. Um diese Uhrzeit würde ich mich normalerweise noch einmal umdrehen, mich in die wohlig warme Daunendecke wickeln und eine weitere Stunde schlafen, bevor mein Tag und kurz danach mein Dienst als Polizeiseelsorgerin beginnen würde.

Aber Jesus sagte einst in den berühmten Worten der Bergpredigt (Mt 5,41): „Geh die Extrameile mit!“ Ich seufzte beim Gedanken an einen warmen Kaffee leise und lief in der Dunkelheit stoisch weiter.

Kurze Zeit später hielt die Lehrgruppe umgeben von dunklen fränkischen Wäldern an während die angehenden Kollegen, die mit dem Finden des Weges betraut worden waren, über eine Karte gebeugt und im Schein von Taschenlampen den besten Weg zum Zielort eruierten. Sie würden in dieser Nacht viele Meilen bzw. Kilometer als Teil ihrer Ausbildung durch die Dunkelheit gehen.

Die Extrameile.

Nächtliche Alarmübungen sind ein wichtiger Bestandteil des ersten Ausbildungsjahres in der Bundespolizei. Bei einer solchen Übung müssen sie als Lehrgruppe Durchhaltevermögen, Orientierungssinn und Kameradschaft und die aufgetragenen Extrameilen gemeinsam bezwingen.

Das Wörterbuch von Pons definiert diesen Ausdruck in folgender Weise:

„Die Extrameile gehen“, Jargon (Anglizismus nach engl. „go that extra mile“): seine persönlichen Grenzen hinausschieben; mehr leisten als erwartet oder gefordert wird.

Die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter müssen in ihrer Ausbildung diese „Extrameile“ im literalen, aber ebenso im übertragenen Sinn gehen. Neben dem Weg war ihnen eine Gemeinschaftsaufgabe aufgegeben worden: 2000 Liegestützen und 2000 Kniebeugen mussten ebenso absolviert werden. So wurde der Weg durch die fränkische Winternacht immer wieder von zusätzlichen sportlichen Übungen unterbrochen und so mancher Muskel noch mehr belastet. Doch meine Lehrgruppe nahm dies nicht nur tapfer hin, sondern setzte die Aufgabe motiviert durch die sonore Ansage eines ihrer Kollegen um.

Die Extrameile.

Ein biblisches Motto, das auch mich durch so manche dienstliche Herausforderung und Aufgabe trägt. Der Kontext, aus dem Jesus Seine Worte schöpfte ist kein einfacher, denn hier geht es um ein feindlich gesinntes Umfeld und Vergeltung, auf die ein Nachfolger und eine Nachfolgerin im Falle einer Auseinandersetzung verzichten sollten. Hier sagt er:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist ( 2. Mose 21,24) : »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt , so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Mt 5,38-41

Die Rede der Extrameile hat über christliche Gemeinschaften im angloamerikanischen Raum ihren Eingang auch in den deutschen Sprachgebrauch gefunden. Das „Neue Testament Jüdisch erklärt“ beschreibt den durchaus bedenkenswerten Hintergrund dieser Redewendung in folgender Weise:

Eine Meile, römische Soldaten hatten das Recht, Einheimische einzuziehen, damit diese ihre Ausrüstung für eine Meile trugen: Die zusätzliche Meile verdeutlicht die fehlende Gegenwehr.

Neues Testament Jüdisch erklärt, S. 26.

In der Ausbildung müssen Auszubildende diese Extrameile gehen, wenn es sich hierbei auch nicht um einen feindlichen, sondern einen selbstgewählten Kontext und damit den zu beschreitenden Ausbildungsweg zum Wunschberuf handelt.

Aber nicht nur sie gehen diese Extrameile. Auch ihre Ausbilderinnen und Ausbilder, sowie alle, die für ihren Lernweg das Notwendige bereitstellen. Das merkte ich in dieser Nacht als Seelsorgerin ebenso während das Gewicht meines Rucksacks dessen Riemen in meine Schultern drückten und ich dem langsam hereinbrechenden Tag sehnsuchtsvoll entgegenlief. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem Engagement derer, die für die bundespolizeiliche Ausbildung sorgen. Angeführt von ihrem Lehrgruppenleiter PHK Ralf Obermaier hatte mich die Lehrgruppe nicht nur herzlich in ihrer Mitte aufgenommen, sondern mich dies miterleben und durchleben lassen. Stringenz, Teamgeist, Durchhaltevermögen. Schritt um Schritt brachten diese die Lehrgruppe zu ihrem Ziel durch die dunkle Nacht.

Die Extrameile.

Endlich lag diese und viele andere (genauer gesagt laut Fitnessuhr 21 km) hinter mir. Ich atmete durch und genoß die spektakuläre Aussicht am Staffelberg. Welch ein Segen Teil ihrer polizeilichen Ausbildung sein zu dürfen. Sie begleiten zu dürfen in dunklen Zeiten der Herausforderung und hellen Freudenmomenten.

Lieber Blogleser, liebe Blogleserin: Jesus sagt: „Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Als Polizeiseelsorgerin ist mein Herz voll nach einer solchen Alarmübung, mein Mund geht über und meine Finger fliegen über die Tasten meines Mac-Books während ich diesen Blog schreibe.

Ich wollte Sie an diesem wichtigen Bestandteil bundespolizeilicher Ausbildung teilhaben lassen, damit auch Sie die Extrameile gehen und für unseren Nachwuchs tun, was möglich ist. Das Gebet wäre einer dieser Möglichkeiten, die auch in der Ferne leicht möglich sind. Gegenwärtig geht mein Blick vor allem in Richtung unseres polizeilichen Nachwuchses, da ich für sie mitverantwortlich bin. Beten Sie für deren schwere Aufgaben, die sie zu meistern haben. Aber beten Sie auch für den Nachwuchs anderer Berufsgruppen – ob Kirche, Gesellschaft oder Politik. Sie alle sind unsere Zukunft und brauchen unsere verlässliche, ermutigende, manchmal mahnende, aber auch richtungsweisende Begleitung, damit sie zum Ziel ihres Wunschberufes gelangen. Aus meiner Sicht als Seelsorgerin benötigen sie vor allem Gottes ständige Präsenz, damit sie in der Dunkelheit ihres Dienstes den Weg und ihre Aufgaben meistern, um mit dem angebrochenen Tag zu noch größerer Stärke und Verantwortung zu gelangen.

Von Jahreswechseln und Segenswünschen für 2025

Das Kalenderjahr 2024 geht zu neige. Dieses Jahr scheint in einer besonderen Dichte und Intensität an mir „vorbei gerast“ zu sein. Vielleicht geht es Ihnen auch so? Politisch, gesellschaftlich und sozial war 2024 ein anstrengendes Jahr.

In vielem scheint dieses zu neige gehende Kalenderjahr von zwei Themen geprägt zu sein: von großem Schmerz und „Exnovation“.

Schmerz und Leid durch den Krieg in der Ukraine, im Heiligen Land, in Libanon und an so vielen Orten dieser Welt. Durch Terroranschläge wie in Magdeburg ebenso in unserem eigenen Land. Wann hört das Kriegen und Töten endlich auf? Wann verstehen wir Menschen, dass wir einander Brüder und Schwestern sind, da wir einen Schöpfer und Herrn der Welt haben? Die Missbrauchsstudie und die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in meiner eigenen Kirche machen mich wütend und sprachlos. Warum fügen Menschen anderen so viel Leid zu und dann auch noch dort, wo sie sich eigentlich in Sicherheit befinden sollten?

Der Begriff „Exnovation“ beschreibt das Gegenteil von „Innovation“, also die Rücknahme von Systemen, Prozessen, Praktiken oder Technologien, die abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen wurden. Ein eigentlich normaler Schritt im wiederkehrenden Zyklus von Entstehung, Etablierung und eventueller Auflösung, bevor Neues sich etablieren kann. Vieles an gewohnten politischen und gesellschaftlichen Ordnungen ist in diesem Jahr abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen worden. Nun halten wir angespannt unseren Atem an, denn wir wissen nicht, wie sich die Verhältnisse in 2025 neu ausbilden werden, sei dies die neue Regierung in USA, die Neuordnung Syriens und die anstehenden Neuwahlen in Deutschland.

Was wird 25 bringen?

Die 25 ist mathematisch betrachtet eine ungerade Zahl, aber ebenso eine Quadratzahl und bildet die Summe der fünf ungeraden, einstelligen Zahlen: (1 + 3 + 5 + 7 + 9 = 25).

Die Zahl 25 steht für das chemische Element Mangan, das ein silberweißes, hartes, sehr sprödes Übergangsmetall, das Eisen ähnelt. Mangan wird in der Natur in großen Mengen abgebaut und vor allem in der Stahlindustrie verwendet.

Als Polizeiseelsorgerin geht mein neugieriger Blick juristisch auch ins Strafgesetzbuch (StGB). In §25 geht es um die „Täterschaft“:

(1) Als Täter wird bestraft, wer die Straftat selbst oder durch einen anderen begeht.
(2) Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft (Mittäter).

Besonders interessant erscheint mir ein Blick in die Heilige Schrift und die darin enthaltende Numerologie. Die Zahl 25 steht für „überquellende Gnade“ – dies ergibt sich aus der Summe von 20, die für „Erlösung“ und 5, die für „Gnade“ steht. Auch kann man 5×5 als Gnade über Gnade übersetzen. Mit dieser Zahl sind verschiedene Ereignisse in der Bibel verbunden: König Josaphat regierte 25 Jahre, während Hesekiel im 25. Jahr seiner Gefangenschaft seine Vision des Tempels erlebte. Die Bücher Judas und Philemon bestehen jeweils aus 25 Versen.

Neben diesen interessanten biblischen Aspekten der Zahl 25, sind auch die gesellschaftlichen und sozialen Konnotationen aufschlussreich. In unserer Gesellschaft spielt der 25. Jahrestag eine bedeutende Rolle. Silberne Hochzeiten, Dienstjubiläen und viele andere Ereignisse, die ein Vierteljahrhundert umspannen, werden als besondere Meilensteine gerne gefeiert.

Die katholische Kirche feiert das 27. Jubeljahr. Seit 1300 werden mit Papst Bonifatius VIII. diese hervorgehobenen Feierlichkeiten in der katholischen Kirche begannen. Biblisch betrachtet findet ein Erlass- oder Jubeljahr alle fünfzig Jahre statt (siehe Lev 25,8-55) und bezog sich ursprünglich auf sog. „Schuldsklaven“ und deren Befreiung von einer verpflichtenden Schuldarbeit. Im Mittelpunkt des katholischen Jubeljahres steht für Gläubige die Chance auf einen vollkommenen Ablass ihrer Sünden und damit einen Neuanfang. Doch dies geschieht nur unter der Voraussetzung, dass sie nach Rom pilgern, um dort die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen und die Heilige Pforte der Apostelkirche bis zum 6. Januar 2026 zu durchschreiten. Die Stadt Rom wird in 2025 daher nicht nur über diesen Zuspruch für katholische Christinnen und Christen, sondern auch über den Zustrom von Pilgern jubeln können.

Viele kirchliche Publikationen nehmen in ihren Veröffentlichungen die jeweilige Jahreslosung in den Blick – wie z.B. das evangelische Sonntagsblatt.

Prüft aber alles und das Gute behaltet.

  1. Thess 5,21

Analog zum letzten Jahreswechsel (2023 und 2024) werde ich hingegen meine Segenswünsche zum kommenden neuen Jahr an Psalm 25 anlehnen.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern meines Blogs, dass Sie und ihr meinen Worten und Gedanken Raum und Zeit geschenkt habt. Möge Gottes Segen euch in 2025 begleiten!

Ihre / eure Miriam Groß

Mögest du im neuen Jahr die Nähe Gottes, des Herrn über Welt und All, suchen.

Möge Er dich Seine Nähe spüren lassen – besonders dann, wenn du schwere Zeiten durchlebst.

Mögest du geborgen in Gott sein – auch im Angesicht deiner Verächter, denn Er sieht und schützt die, die Seine Gegenwart suchen.

Möge der Herr unseres Lebens dir den Weg zeigen, den du dieses Jahr beschreiten sollst, und dich Schritt um Schritt führen.

Möge die göttliche Wahrheit dir Richtschnur und Gott Dir eine Hilfe in allem sein, was du im neuen Jahr tun und erleben wirst.

So segne und behüte dich Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist in 2025.