Lesen gegen Hass: Graphic Novels als pädagogische Waffe gegen Antisemitismus

Als Seelsorgerin bei der Bundespolizei wurde mir die wichtige Aufgabe einer ethischen Unterrichtung unseres polizeilichen Nachwuchses und deren Begleitung sowie aller im Aus- und -fortbildungszentrum tätigen Personen übertragen. Mein Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und jegliche Form des Hasses stellt einen wichtigen Schwerpunkt meiner Arbeit dar – und führt fort, was ich in meiner New Yorker Zeit begonnen hatte: dem Hass die Stirn mit Bildung und Engagement zu bieten.

Gerade jetzt, in einer solch krisenhaften Zeit, in der Israel durch die Hamas mit unaussprechlichem Leid überzogen wird, ist es wichtiger denn je gerade mit den heranwachsenden Generationen über die Häresie des Antisemitismus auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.

Aber wie nur?, fragt sich sicher der eine oder die andere Pädagogin.

Graphic Novels sind für mich ein Schlüssel, der Generationen, die visueller geprägt sind, einen Zugang zu dem vielschichtigen und schweren Thema des tödlichen und menschenverachtenden Antisemitismus schenken kann. Ein Startpunkt für wichtige Diskussionen, die mit denen geführt werden müssen, die unsere Demokratie stärken sollen – mögen sie Bürgerinnen und Bürger oder Polizistinnen und Polizisten sein.

Ich gebe zu, dass die Welt der Comics sich mir als Kind und Jugendliche nie wirklich erschlossen hat. Einen Zugang fand ich erst als mir eine jüdische Freundin aus New York den Graphic Novel „Belonging“ (dt. „Heimat“) von der deutschen Schriftstellerin Nora Krug schenkte. Ab diesem Moment war ich fasziniert von Inhalt und Kunst, die in tiefgründigen Büchern zusammen kamen.

Dieser Blogeintrag soll euch eine Hilfe in dieser schweren Zeit sein, in der ihr vielleicht in euren Schulklassen, Seminaren, Gesprächskreisen oder Tagungen aus der Sprachlosigkeit herausfindet in ein Thema das so wichtig, wie seit der Katastrophe des Nationalsozialismus kaum sein: eine Bekämpfung des immer noch gravierenden Antisemitismus.

Lesen gegen Hass!

Die einzelnen Graphic Novels wurden von mir aufgrund der geschichtlichen Abfolge in dieser Art und Weise geordnet, da sie in ihren Inhalten aufeinander aufbauen oder korrelieren. Alle Novels gibt es in Deutsch.

„Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ von Will Eisner

Will Eisner (1917-2005) ist der wohl bekannteste US-amerikanische Comiczeichner, der die Entwicklung des Comic maßgeblich geprägt hat. Auf ihn geht die Form des „Graphic Novel“ zurück. „Das Komplott“ ist seine letzte große Arbeit und nimmt ein Thema ins Visier, das grundlegend für den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts bis zur Neuzeit ist: es stellt die Entstehung und Wirkung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ da. Die Schrift wurde zur Grundlage des Hasses im Nationalsozialismus und schmerzlich betrachtet darüber hinaus bis zum heutigen Tage. Trotz eines Verbotes werden die Protokolle in viele Sprachen übersetzt und in alle Welt exportiert, um so zu einer Grundlage für Hass gegen Jüdinnen und Juden zu sein.

Ein Wissen über die Entstehung dieser Schrift sowie einer Warnung über dessen konstatierte „Weltverschwörung“ kann zu einer Aufklärung maßgeblich beitragen.

„Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelman

Art Spiegelman (* 1948) erzählt in „Maus“ die Geschichte seiner Eltern, die Holocaust-Überlebende waren und nach der Ermordung seines Bruders und weiter Teile seiner Familie 1951 nach USA ausgewandert waren. Spiegelman zeichnete viele Jahre für The New Yorker. „Maus“ ist und bleibt sein wichtigstes Werk, wobei ihn dieses aufgrund dessen Rezeption und Verbreitung belastend begleitet. Im Februar 2022 war das Buch im US-Bundesstaat Tennessee aus dem Lehrplan der 8. Klasse gestrichen worden.

„Maus“ ist ein Buch voller Hadern und Ringen um eine schwere Familiengeschichte, in der ein Sohn die Wahrheit über den familiären Hintergrund und das Leid seiner Eltern sowie Verwandten im Holocaust erfahren möchte. Die symbolträchtigen Figuren (Mäuse und Katzen) geben eine optische Tiefe, die das Herz berühren und große Betroffenheit hervorrufen.

„Beate & Serge Klarsfeld – die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange

Berühmt wurde Beate Klarsfeld durch die Ohrfeige des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1968 bei einem CDU-Parteitag. Hiermit beginnt auch dieser Graphic Novel als einem perfekten Einstieg in die Nachkriegsgeschichte und dessen gebrochene Justiz, die die Täter des Nationalsozialismus nur punktuell zur Rechenschaft gezogen hatte.

Im Graphic Novel begleitet der Leser und die Leserin mit der deutschen Beate und dem französischen Juden Serge ein mutiges Paar, das sich aufgrund dessen persönlicher Betroffenheit der Jagd nach Nazis verschrieben hat: Serges Vater wurde Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Beate hingegen will Gerechtigkeit für die Tätergeneration des Nationalsozialismus herbeiführen.

Ein Buch voller Emotionen und Menschlichkeit – und vor allem der Botschaft, dass sich Gerechtigkeit mit viel Engagement und Durchhaltevermögen seinen Weg bahnen kann.

„Heimat: ein deutsches Familienalbum“ von Nora Krug

In ihrer Suche nach der eigenen Familiengeschichte, dessen Gebrochenheit und einer eigenen Heimat, holt Nora Krug viele der Enkel- und Urenkelgeneration durch dieses Ansinnen ab.

Nora lebt seit 17 Jahren in New York und tut sich selbst schwer mit ihrer deutschen Herkunft. Ein Gefühl, das viele in dieser Generation ebenso trägt. Durch ihren jüdischen Mann geht sie daher auf die Suche nach der eigenen Familienvergangenheit und der Frage, was Heimat eigentlich für sie bedeutet. Ein wunderbar ehrliches autobiografisches Werk entfaltet sich Seite um Seite vor dem Leser.

Ihre grafische und schriftstellerische Kunst ist beeindruckend und wirft beim Leser Fragen zur eigenen Reflexion auf. Ein Buch, das Menschen in ihrer Frage nach den eigenen Wurzeln, der Suche nach Heimat und der gebrochenen deutschen Geschichte abholt.

„Weisse Wölfe – eine grafische Reportage über den rechten Untergrund“ von David Schraven und Jan Feindt

Die Reportage thematisiert die heiklen Themen eines international verwobenen Naziterrors sowie punktuell auch die gefährlichen „Turner-Tagebücher“, die in Deutschland verboten sind. Sie erzählen die Geschichte einer fiktiven rechten Terrorzelle in den USA und wurden Grundlage eines rechten Terrors, die ihren schmerzhaften und menschenverachtenden Ausdruck im Terror des NSU in Deutschland fanden.

Der Leser und die Leserin begleiten den Journalisten Schraven bei seinen Recherchen in der rechten Szene von Dortmund, seine Treffen mit Informationen und Informanten aus der Antifa und Neonazikreisen. Gleichzeitig wird in einem zweiten Handlungsstrang von der Radikalisierung eines seiner Dortmunder Informanten sowie dessen Verstrickungen in militante Neonazikreise berichtet.

Die Radikalisierung eines Schülers ist der schmerzhafte Dreh- und Angelpunkt dieses Graphic Novels, der sicher viel Diskussions- und Gesprächsstoff über Einflussnahme, Freundesgruppen und Sog in Hassnetzwerke bietet.

„Über Tyrannei – zwanzig Lektionen für den Widerstand“ von Timothy Snyder, illustriert von Nora Krug

Im Jahr 2017 verfasste der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder (* 1969) auf dem Hintergrund starker politischer Umwälzungen in den USA eine Schrift, die den politischen Nerv unserer Zeit trifft: die zunehmend bedrohte Demokratie und der unter Umständen notwendige Widerstand zu deren Verteidigung. Dabei geht es darum, dass wir nicht erst handeln, wenn diese bereits sich in Gefahr befindet, sondern bereits bei den ersten Anzeichen.

Wie bei „Heimat“ ist Nora Krug mit ihrer Gestaltung ein künstlerisches Meisterwerk gelungen, das aufgrund seiner Ästhetik und der Zuhilfenahme tiefgründiger Kunst über die Wortebene hinaus wirkt.

Einige von vielen Büchern, die helfen können, zu sensibilisieren und eine pädagogische Waffe gegen Antisemitismus darstellen.

Lest gegen den Hass! Mit euren Schülerinnen und Schülern. Mit euren Kolleginnen und Kollegen. In Familien und Freundeskreisen.

Und kommt durch Unterhaltungen und Diskussionen auf Antisemitismus zu sprechen – einer menschenverachtenden und tödlichen Irrlehre, die Demokratie und Menschenwürde diametral entgegengesetzt ist. Damit sie in den Herzen und Gedanken nicht auf fruchtbaren Boden falle.

My dear Jewish friend 18: As if the world is set on fire

My voice shock as I read the names of victims. I didn’t dare to look up and concentrated on their names hoping to pronounce them rightly.

Elyona Estpank

Emil Smoylov

Erez Ariel

Erez Biton

Eric Yehuda Marciano

Eti Zak

After a small pause I stepped off the stone paved plateau. Dustin, a young politician and German Jew, lit a candle in a red protective cover, which we set on graves and places of mourning to show our grief. With a whispered „Danke“ and a slight nod he laid it into my outstretched hands. I cradled the candle in my hands as I searched for an appropriate spot to set it into the sea of sorrowful lights.

We had gathered in the center of Bamberg to commemorate and mourn the victims of the terror Hamas had spread over Israel taking precious lives all in a sudden. Jews and Christians. Believers and Non-Believers. Young and old. Politicians and citizens. All were gathered to express the grief inflicted through the horrors inflicted on thousands.

Shirt Yam Amar

Shiraz Brodash

Shirel Mor

Shlomi Molcho

Ayelet Molcho

Shlomi Mathias

My throat felt dry as I red the next six of hundreds of names. As a German I couldn’t wrap my head around the fact that so many Jews had lost their lives through terror, hate and unbelievable evilness – the largest number since the Holocaust. My nations and family´s history had committed me to counteract Antisemitism. As my friend you know about so many personal stories I had entrusted you with. They have formed me into the person I am now.

A cold shiver ran down my spine as I suddenly had to think of you. I remember, when I broke the news to you that I would return to Germany. I was called to become a chaplain within the German Federal Police. The sadness was lightened by the fact that I would infuse the commitment to counteract Antisemitism through teaching and involvement in this important part of our German democracy and state.

Sahar Zion Machlof

Salman Abu Mar´i

Samdar Mor Idan

Segev Schwartz

Segev Shalom

Shachar Kedem

As I read the names on the last sheet that was handed to me little did I know, what would come just a day later. Last night a synagogue in Berlin was attacked with Molotov cocktails last. Tonight protesters erected burning barricades. Police officers are actively attacked while they try to ensure security to sensitive areas. The Holocaust memorial in the center of Berlin is protected by hundreds of police officers.

Violence is erupting around the world.

It feels as if the world is set on fire.

But be assured, together with thousands I have committed myself to stand strong. We will not back down and give in to hate. Not in Germany. Never again.

Von biblischen Sprüchen, dem Umgang mit anderen und wichtigen Prägungen

Predigt zur Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Oktober 2023

Was gibt man jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf den Ausbildungs- und Studienweg, wenn sie mit dem Eid den wichtigsten Schwur ihres Berufslebens sprechen? Als Pfarrerin beschäftigt mich diese Frage mal um mal. Es ist eine große Verantwortung, denn ich erinnere mich noch sehr genau an meine eigene Ordination, an dessen Wortlaut und die Predigt des zuständigen Oberkirchenrates Herrn Völkel. Daher hoffe ich, dass die Worte meiner Predigt sie auf ihrem beruflichen Weg stärken, begleiten und vielleicht auch herausfordern.

Für den 80. Studienjahrgang habe ich einen besonderen biblischen Vers ausgewählt, der den Umgang mit anderen und wichtige Prägungen in den Blick nimmt:

Anbei der Wortlaut meiner Predigt – hierbei sei darauf hingewiesen, dass das gesprochene Wort gilt:

Vor wenigen Wochen durften wir Sie, liebe Polizeikommisarsanwärterinnen und -anwärter, in Bamberg begrüßen. Für viele war es so, als ob sich ein neues Universum öffnete und sie sich in einer neuen Welt und einem anderen Kontext befanden.

Vielleicht hat Sie auch ein kleines Star Wars-ähnliches Gefühl ereilt, frei nach dem Motto:

[Vor langer Zeit] in einer Galaxie, weit, weit entfernt…

Weit entfernt von dem, wie Ihr Leben vorher strukturiert war. Mit den Notwendigkeiten, bürokratischen Erfordernissen, aber auch den Vorzügen einer großen Sicherheitsbehörde.

Sie tauchen nun Stück für Stück in die dienstliche Welt der Bundespolizei ein, die Sie auf einen wichtigen und essentiellen Beruf vorbereiten wird, damit Demokratie und Menschenwürde geschützt und gestärkt werden.

Der wichtigste Bestandteil Ihrer Studienzeit stellen all diejenigen da, die Ihnen helfen in dieser Galaxie Bundespolizei zu wachsen, geformt und geschliffen zu werden – ob Lehr-, Stamm- oder Rahmenpersonal – viele Lehrmeisterinnen und Lehrmeister werden für Sie da sein und sie begleiten.

Durch das Zusammentreffen und den Umgang mit unterschiedlichsten Personen werden Sie einen besonderen Schliff erhalten, der Sie befähigen wird, diesen verantwortungsvollen Beruf durchzuführen.

Nicht umsonst heißt es im Buch der Sprüche 27,17:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Die Beziehung zu Personen, von denen wir lernen und durch die wir wachsen können, ist ein elementarer Bestandteil jeder Ausbildung, jedes Studiums und jeder weiteren Fortbildung.

In der neuen Disney Plus Star Wars-Serie „Ahsoka“, deren 8. und erst einmal letzte Folge vorgestern veröffentlicht wurde – vielleicht hat der eine oder die andere sie ebenso am Mittwoch angesehen- , wird die Beziehung zwischen der Lehrmeisterin „Ahsoka“ und ihrem Padawan bzw. Lehrling Sabine zum eigentlichen Mittelpunkt eines Geschehens, das sich rund um die junge Republik im Star Wars-Universum dreht und den Gefahren eines wiedererstarkenden, bösen Imperiums, gegen das es sich zu wehren gilt.

Während erstere demokratische Werte vertritt und die Würde jedes Lebewesens hochhält, ist das dunkle Imperium an Macht und Gewinn, aber wenig an einem Recht Einzelner orientiert.

Die beiden Hauptfiguren machen mitten in dieser Auseinandersetzung von Demokratie und Diktatur transparent, wie wichtig das Vertrauen zu anderen ist. Ob romantischer, freundschaftlicher, familiärer oder disziplinierender Natur – die Suche nach einer authentischen Beziehung zu einer anderen Person erfordert Mut und Vertrauen.

Lehrmeisterin Ahsoka aber tut sich aufgrund ihrer vorhergehenden Erfahrungen schwer, solchen Mut und solches Vertrauen anderen gegenüber aufzubringen. Viel lieber gibt sie ihr Schicksal in die Hände des Droiden Huyang als einem Repräsentaten künstilicher Intelligenz. Manchmal frage ich mich, ob auch wir mehr technischen Mitteln – einem Computer, einem Smartphone oder unserer Digitaluhr – näherstehen, als Menschen aus Fleisch und Blut.

Der biblische Vers soll uns Mahnung und Anspruch zugleich sein, denn er nimmt zwar das Bild eines technischen Mittels, nämlich des Eisens auf, überträgt aber das Geformt- und Geprägt-Werden auf den menschlichen Umgang mit anderen.

Die Star Wars-Serie zeigt durch Ahsoka eine Person, die hadert, sich auf andere zu verlassen. Nur zögerlich lässt sie ihre ehemalige mandalorianische Padawan Sabine aufgrund einer strategischen Notwendigkeit wieder in ihr Leben.

Dabei heißt es:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Ahsoka und Sabine sind beide auf ihre Art eisern und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich gegenseitig zu schärfen. Erst als Ahsoka beschließt, Sabine zu vertrauen und sie zusammenarbeiten, wachsen sie jeweils auf eine unterschiedliche Art und Weise. Und doch weigern sie sich an vielen Stellen, sich voll und ganz auf eine solche Teamarbeit einzulassen, und entscheiden sich gelegentlich immer noch dafür, Herausforderungen allein anzunehmen.

Das erinnert mich an Worte Jesu in Johannes 15, wo Jesus die Metapher des Weinstocks und der Reben verwendet, und sagt, dass „keine Rebe aus sich selbst Frucht bringen kann“. Wir stehen nie im luftleeren Raum, sondern sind in soziale Systeme, dienstliche Institutionen und Organisationen eingeflochten.

Das Prinzip einer tiefverbundenen Gemeinschaft und dessen Notwendigkeit ist auch Ihr Studieren und Ihren Dienst in der Bundespolizei von essentieller Wichtigkeit.

Oder anders ausgedrückt: Wenn wir versuchen, ein Leben in Selbstgenügsamkeit und Isolation wie Ahsoka zu führen, machen wir uns anfällig für eine Vielzahl von Fallstricken, die wir hätten vermeiden können, wenn wir jemanden gehabt hätten, auf den wir uns stützen könnten.

Erst am Anfang dieser Woche hat eine Studiengruppe aus Ihrem Jahrgang im berufsethischen Unterricht davon erzählt, dass sie eine starke Dienstgemeinschaft durch das Studium hindurch und darüber hinaus sein möchte, die sich stützt und trägt, aber auch an der einen oder anderen Stelle ermahnt und eventuell korrigiert.

Ein praktischer Ausdruck des heutigen Bibelverses:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Möge Gott Sie auf dem Weg Ihres Studiums begleiten und möge Er Ihnen Menschen auf diesem Weg schenken, durch deren Umgang Sie den nötigen Schliff und Prägung für Ihren Dienst in der Bundespolizei erhalten.

Amen.

Predigt anlässlich der Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Okt 2023

Gebet für Israel

Ein Gebet ist manchmal das Einzige, was bleibt. Ich habe versucht, meinem Entsetzen Worte zu verleihen. Psalm 61 war mir dabei eine große Hilfe.

Höre, Gott,

mein Schreien

und merke auf

mein Gebet!

Es ist Krieg in Israel.

Das Heilige Land wird von unbeschreiblichem Hass und ungeahnter Brutalität erfasst.

Unschuldige Menschen werden verschleppt, gequält und getötet.

Vom Ende der Erde rufe ich zu dir,

denn mein Herz ist in Angst.

Warum fügen Menschen anderen Leid zu?

Wo bist du, Herr?

Krieg überzieht Israel mit abgrundtiefem Grauen.

Krieg und gewaltsame Auseinandersetzungen toben an vielen Orten

dieser Erde.

Ukraine

Somalia

Kongo

Jemen

Äthiopien

Syrien

Sahelzone

Haiti

und so viele mehr!

Kyrie eleison!

Höre, Gott,

mein Schreien

und merke auf

mein Gebet!

Amen.

My dear Jewish friend 17: Lederhosen, lessons of the past for a brighter future

– Updated Version (Aug 27, 16:50 GMT +2) : including Rick Landmans memories of his father –

I stood in awe as I looked down at the brown lederhosen, which had been carefully placed in my hands. My gloved hands touched the matured leather. I could see by look and experience that this pair of German traditional clothing had been devotedly worn and looked after neatly as well. What I held in hands was the Lederhosen of Henry Landman. His son Rick, a dear friend, had told me about this special piece of clothing. Now Mrs. Müller, the deputy director of the Jewish Museum Augsburg Schwaben had especially brought it from the archives for me to see as I visited the museum on this hot August afternoon.

I was moved to tears, because it not only made me feel close to Rick, but held an important artefact of history in my hands. If the Lederhosen could speak, they would tell the hurtful, but ever so strong story of Henry Landman.

Rick Landman writes about this difficult chapter in his fathers life via Facebook:

The Gestapo arrested my dad on the day after Kristallnacht (November 10, 1938) at 5 am while he was still in bed. When he got up he put on his Lederhosen and when he reached Dachau he turned them in. They put them in a brown paper bag with his Dachau Number on it. When he was later released they returned them to him to be able to go home. His father who was released earlier was able to get him a Temporary Transit visit to get to London. He was 18 and too old for the Kindertansport.
On April 15, 1939, my dad as an unaccompanied teenager made his way to London and he either took the Lederhosen with him, or packed them in the lift that he sent to NYC the week before.
Growing up in NYC I remember my dad wearing them while doing the gardening. [If you check out my COMMENTS] you can see a photo of my dad trying on the Lederhosen before we sent them to the Museum, and a photo of me wearing my Lederhosen in the Catskills when I was a child.

Rick Landman, via Facebook

Henry had been arrested in this very traditional German clothing I held in my hands many years later in Augsburg. At his release he was handed all his belongings back, which included the Lederhosen. Henry emigrated to the U.S. just in time and returned six years later in the very different clothing of a US-Soldier to Germany to liberate the Jewish people.

Father like son, Rick is a very inspiring person. On his website he gives touching insights in to his biography. For the 70th anniversary of the liberation of Dachau he wrote for the „Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ Dachau“ about his late fathers experience as a liberator of Dachau:

[…] In 1945, the town of Dachau had one major road with a few side streets off to the sides.  When he arrived the street was full of people shouting, eating, looting, and running around either in exuberance of their new freedom or fear of what will happen next.   Colonel Porter gave him a jeep, and while riding down the street, a woman in a long black dress jumped into the middle of the street waving her hands trying to get my father’s attention. His jeep stopped and my father hopped out in his U.S. Army uniform, carrying his rifle and went up to her asked her what she wanted.  Her face showed a combination of urgency and fear, but she calmed down and motioned him to go with her into a small house with a bakery on the ground floor.  She wanted to get off the street before she would tell him why she was so frantic.  When inside, she explained that someone was hiding downstairs who wanted to surrender directly to an American soldier.  She said that she just wanted him out of her house and didn’t know what to do.

The man who ran into her store was still wearing his S.S. uniform and was more afraid of the newly liberated concentration camp prisoners than he was of the U.S. Army.  My father went down a spiral staircase pointing his rifle as he slowly descended, and there hovering in the corner, was probably a former Captain in charge of the S.S. officers at Dachau Concentration Camp.  When the Nazi officer saw my father, he stood up and saluted him with an American salute and he said that he wanted to surrender to an American, and be away from the mob of former inmates.  The whole thing was so bizarre to my father who could still remember being in Dachau as an inmate.  Even if this man was not the same Captain as in 1938, the thought of my father being the savior of an S.S. officer was quite ironic.  In retrospect, my father wondered if the Captain was actually the son of the screaming woman, and she tricked him into saving her son.

My father didn’t explain who he was and why he spoke German and just let them wonder if all of the U.S. soldiers were as conversant as he.  The Captain walked upstairs with his hands over his head, and then my father and the other soldier who was watching the jeep put the Captain on the hood of the jeep and told him to hold on to the metal bar that was attached to the front bumper.  This bar was the latest invention of the Americans to try to keep them from being decapitated.  The Germans would tie a thin wire around a tree on one side of the street and then cross the street and tie it to another tree, hoping that the American soldiers in the convertible jeeps would ride by and have their heads sliced off.

My father didn’t have to worry this day about any decapitation.  In addition to the outreaching metal stick, he had a Nazi officer in the front who would feel any wire before they would.  As my father drove down the main street of Dachau with this prominent Nazi on the hood, he remembered that six years earlier he was released from Dachau and was told that he better get out of Germany, because the next time he ended up in that camp, he wouldn’t be getting out alive.  Now six years later, he was an American soldier saving the life of a man in charge of all that killing.

Rick Landman, https://www.gedaechtnisbuch.org/henry-heinz-landman-and-70/

Such remarkable and moving experiences – I do not know, how Henry was able to see it all through. Both, the Lederhose I was allowed to see on this remarkable day in August, and the jacket of Henry Landman´s uniform, are in the safe keeping of the Jewish Museum Augsburg Schwaben as an important reminder of history. While this part of history is well documented thanks to the Landman family, Rick and I want to work on reconciling the broken past of our Franconian home town.

You have to meet him! He’s only a few miles away in Manhattan. What a delight it would be, to connect two of my favourite people and maybe someday have both of you with us here in Germany as we try to reconcile history through friendship and important lessons of the past for a brighter future.

Von Achterbahnen und Halt im Leben

Das lange Warten hatte endlich ein Ende. Nun stand ich direkt vor dem Einstieg der Achterbahn „Silver Star“, einer der größten und höchsten Stahlachterbahnen Europas. Die 73 m hohe und bis zu 130 km/h schnelle Achterbahn des Europapark Rust lockt vor allem mit ihren rasanten Höhenflügen und enormen Fliehkräften.

Während aufgeregte Fahrgäste den mir zugewiesenen Schlitten jauchzend, manche ächzend, andere etwas unsicher taumelnd hurtig entstiegen und Platz machten, nutzte ich die kurze Wartezeit, um meinen baldigen Sitzplatz näher zu inspizieren. Neben einer ergonomisch eng anliegenden Form der Sitzschale gab es einen robusten Schoßbügel, der dafür sorgen würde, dass ich festangeschnallt die turbulente Fahrt sorgenfrei genießen konnte. Der Betreiber des Europaparks versprach Fliehkräfte bis 4 g und „[…] eine besondere Kombination des Gefühls, der Geschwindigkeit und der Schwerelosigkeit […].“ 1

Nun aber war es Zeit einzusteigen und sich auf das Erlebnis einzulassen. Der Geschwindigkeitsmesser war bereits am Laufen und gut verstaut. Ich lehnte mich zurück und genoß den steilen Lifthill und dessen Anfahrt zur ersten Abfahrt. „Irgendwie gleicht mein Leben einer Achterbahn“, ging mir dabei durch den Kopf. Doch über mehr konnte ich nicht mehr nachdenken, denn die Schlitten kippten auf dem Schienensystem bereits der ersten Abfahrt entgegen. Weder Angst noch Bedenken erfüllten mich in diesem Moment, denn ich wusste mich gut im Spezialsitz aufgehoben.

Mein Leben gleicht in vielem tatsächlich einer Achterbahnfahrt. Viele Höhen und Tiefen habe ich erlebt: die Geburten meiner Kinder, aber auch schwere eigene Krankheiten. Wunderschöne Orte durfte ich erleben und an dunklen Plätzen habe meinen Dienst versehen. Japan – Schottland – Deutschland – New York – Deutschland. Dabei habe ich als Pfarrerin wertvolle Innenansichten verschiedener Konfessionen und Religionen erhalten: lutherische, reformierte und methodistische Kirche; Buddhismus, Shintoismus, Judentum. Eine wahrlich internationale dienstliche Achterbahnfahrt durch Länder, Konfessionen und Religionen. Viele spektakuläre Höhen darf ich mein Eigen nennen, aber auch schmerzhafte Tiefen, bei denen ich manchmal dachte, dass es nicht tiefer gehen würde.

Sicherheit hierbei gab mir in all den Herausforderungen – und hierbei sei unterstrichen: nicht nur die negativen, sondern auch die positiven! – die tägliche Bibellese, die mir Tag um Tag Mut, Stärkung, manchmal auch Kritik zuspricht. Psalm 119 spricht von der Sicherheit, die das Wort Gottes schenken kann:

Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.

Psalm 119,114

Ein wenig würde ich das tägliche Lesen in Gottes Wort mit einem solchen sichernden Spezialsitz wie dem der „Silver Star“ vergleichen, denn in der Achterbahn meines Lebens hatte ich durch diese Worte sicher Höhen und Tiefen gemeistert. Egal wie hoch die Fliehkraft gewesen sein mag und ich fürchtete, aus der Bahn geworfen zu werden.

Viel zu schnell war die Achterbahnfahrt zu Ende. Ich stieg glücklich jauchzend aus. Nicht schlecht staunten wir als Familie über die nebenbei eruierte Geschwindigkeitsmessung: 4 g war mehrfach auf unserer Fahrt erreicht worden. An einer Stelle sogar 6 g.

Ja, es gab Situationen, in denen es sich anfühlte als würde ich aus dem „Lebenssitz“ geschleudert werden. Krankheit, Verlust, Trennung von liebgewonnenen Orten und Menschen… Das ist das 6g des Lebens, das uns durchaus mit Angst erfüllt. Keiner von uns weiß, was wir vielleicht morgen für Fliehkräfte aushalten müssen. Mögen wir uns dann getragen wissen von Gottes Wort und seiner Zusage bei uns zu sein.

Aufgeregt tauschten meine Kinder und ich die jeweiligen Erfahrungen aus – dabei waren wir uns alle sehr schnell einig: Eine wirklich tolle Achterbahnfahrt, die nach Wiederholung nur so lechzte.


  1. https://www.europapark.de/de/freizeitpark/attraktionen/silver-star ↩︎

Ein Regen an Segen

Als Polizeiseelsorgerin am größten bundespolizeilichen Aus- und -fortbildungszentrum unterrichte ich nicht nur das Fach „Berufsethik“, sondern begleite die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter sowie das Stamm- und Abordnungspersonal, das diese große Ausbildungseinrichtung und die komplexe Ausbildung betreut. Ein offenes Ohr zu haben, die zu begleiten, die hier lernen und arbeiten, ist ein wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit.

Durch Andachten darf ich Gottes Wort als Stärkung und Ermutigung weitergeben – dienstags durch einen kleinen Bibelvers, freitags als Segen für das Wochenende, sowie einmal monatlich durch eine Mittagsandacht.

Zur Sommerpause habe ich einen „Regen an Segen“ als kleines Video mit den schönsten Segensworten erstellt. Beides, das Segensvideo sowie die dort verwendeten Segensworte, füge ich hier an. Solltet ihr diese verwenden, würde ich mich freuen, von euch zu hören. Möge Gottes Wort durch euch als Zeichen der Stärkung, Hoffnung und Ermutigung in unsere Welt gesprochen werden.

Habt einen gesegneten Sommer!

Eure Miriam Groß

Von Wanderungen, geschwollenen Füßen und prägenden Erfahrungen

Mein Blick schweifte über das spektakuläre Panorama, das sich vor mir ausbreitete, während ich meine geschwollenen, heißen Füße von mir streckte, die in den von trockenem Staub überzogenen Dienststiefeln steckten. Die Aussicht, die der Staffelberg in das Maintal und das Coburger Land schenkte, war eine wunderbare Belohnung für einen stundenlangen Marsch, der viele von uns an die Grenzen der Leistungsfähigkeit geführt hatte. Im ersten Ausbildungsjahr durchlaufen angehende Polizistinnen und Polizisten begleitet durch ein engagiertes Lehrpersonal mehrere Außenausbildungen – der Orientierungsmarsch ist hierbei der anstrengendste Abschnitt.

Mich erfüllte an diesem heißen Sommernachmittag tiefe Dankbarkeit und erinnerte mich an eine Bibelstelle, die eine solche zum Mittelpunkt ihrer Gedanken hat. Hierbei reflektiert ein unbekannter Autor die Geschichte Israels, deren Wüstenwanderung und die Überwindung dieser schweren Herausforderung in dankbaren Worten der erfahrenen Bewahrung. Mit etwas Amüsement stellte ich fest, dass die Israeliten laut Bibel selbst nach vierzig Jahren keine geschwollenen Füße hatten. Meine Füße hingegen fühlten sich an wie in einer viel zu heißen Sauna, pochten und schmerzten trotz einer durchaus weniger weiten Distanz als das Volk Israel durchlaufen hatte.

Deine Kleider sind nicht zerrissen an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre.

Dtn 8,4

Als Mittvierzigerin und Seminarälteste hatte mich dieser Orientierungsmarsch zugegebener Maßen an das Maximum meiner physischen Leistungsfähigkeit gebracht. An jedem beruflichen Ort, an den ich berufen wurde, ist es mein Anspruch, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Verstand präsent zu sein. Das galt für jeden beruflichen Abschnitt- ob Land-, Insel-, Großstadt-, EKD-Auslandspfarrerin oder Polizeiseelsorgerin. Die geschwollenen Füße nebst anderem kleinen „Souvenir“ nahm ich dabei gern in Kauf, denn es ist meine Aufgabe, meine Nächsten in deren Lebens- und Arbeitsumfeld zu begleiten. Nahe bei den Menschen zu sein, die uns Gott anvertraut hat, ist aus meiner Sicht die Aufgabe von Gottes „Bodenpersonal“.

An diesem heißen Sommertag, an dem wir Temperaturen bis 32C hatten und meine Uhr am Ende von unserer Wanderung 34,4 km anzeigte, war ich die Beschenkte. Denn ich durfte miterleben, wie eine Lehrgruppe weiter zusammenwuchs, einander in schweren Phasen der Wanderung unterstützte und auch ich als Teil ihrer Gruppe in meinem persönlichen Tiefpunkt vom Seminarleiter und Auszubildenden gestützt wurde.

Die Gruppe angehender Polizistinnen und Polizisten durchzog das tiefe Tal einer herausfordernden Wanderung in imponierender Weise und ging von einer Kraft zur anderen bis sie endlich gemeinsam mit uns als Lehrpersonal den spektakulären Staffelberg erklommen hatte. Und vielleicht war es ja für den einen oder die andere wie für mich eine spirituelle Erfahrung, die Gemeinschaft, Umgang mit Grenzen, tiefen Leistungstälern und Kraftorten miteinander verband.

Psalm 84 bettet dies in wunderbare Glaubensworte, die ich auch meinen Auszubildenden von ganzem Herzen wünsche:

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, /
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

Psalm 84,6-8

Frauen.Taten.Werke – von mutigen Frauen und katholischen Perspektivwechseln

Gebannt starte ich auf ein Kunstwerk, auf dessen schwarz gehaltenem Untergrund sich verschiedene Konturen von Personen und Symbolen, mal dominant, mal zart, mal fast durchsichtig scheinend abhoben. Während durch ein hell erleuchtetes Fenster, dessen Sims sich bei genauerer Betrachtung fast dreidimensional abhob, gleißendes Licht auf die Mitte des Bildes fiel, sah ich wie gebannt auf das diagonal im Bild unten liegende und bekannte Antlitz Martin Luthers. Wer kannte das Gemälde des bekannten Reformators nicht, das aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren stammte und so manches Lutherbuch oder Publikation über den ehemaligen Augustinermönch und Theologieprofessor zierte, dessen Thesen die Welt und die religiöse Welt veränderten?

Gerade in dieser Ausstellung des Diözesanmuseums Bamberg, an dessen Ausstellungseröffnung ist stellvertretend für den Leiter unseres Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrums teilnehmen durfte, hätte ich nie das Gesicht des evangelischen Reformators vermutet. Nachdem ich vielfach durch die Welt gereist bin, andere Religionen und Kulturen kennenlernen und ergründen durfte, ist es nun die römisch-katholische Glaubens- und Religionswelt, in die ich seit kurzem in Bamberg als dem „fränkischen Rom“ eintauchen darf.

Bevor ich ins Grübeln verfallen konnte, holte mich die Künstlerin Marion Albrecht in meinen Gedanken ab, indem sie Element um Element von der bekannten Darstellung Luthers aus das Leben und Wirken Caritas Pirckheimers, der Äbtissin des Klarissenklosters ausführte. Eine völlig neue Gedankenwelt eröffnete sich mir bei dieser Ausstellungseröffnung, die Frauen, ihre Lebensgeschichten und ihre Berufung zum Mittelpunkt von Kunst und Geschichte aus katholischer Perspektive in den Mittelpunkt rückten.

In meiner Identität als Lutheranerin und Frau rührte mich die Geschichte der mutigen Äbtissin an, denn sie zeigte eine überraschende Facette der Reformationsgeschichte auf, die mir in dieser Weise erst durch das Darstellungsmittel der Kunst emotional in seiner Tiefe bewusst wurde.

Während das eine Bild mich durch das Antlitz Luthers angezogen hatte, sprach mich das zweite Bild, das aus einer Kombination von Stoff und Malerei bestand, durch einen fast brutal wirkenden Riß an.

Ein Blick in die Geschichte half mir im Nachhinein, die Vehemenz dieser Darstellung verstehen zu können. Aber erst einmal der Reihe nach:

Eine wahrlich bedrohliche Situation muss es damals gewesen sein, als die Reformation so manche (damals noch nicht als römisch-katholisch bezeichnete) kirchliche Institution ereilte. Die damals noch eine Kirche war dringend reformbedürftig und durch die Thesen Martin Luthers und seiner Mitstreiter, die Gnade als Zugang zu Glaube und Erlösung im Gegensatz zu jeglichem Werk hervorhoben, in Frage gestellt worden. Nun wankte die römisch-katholische Kirche in ihren Grundfesten und damit alle betroffenen Bereiche.

Die Einführung der neuen Lehre in Nürnberg 1525 bedeutete das Ende des mittelalterlichen Klosterwesens und brachte damit die Klarrissen in Existenznöte.

Eva Schlotheuber: Willibald und die Klosterfrauen von Sankt Klara – eine wechselhafte Beziehung, in: Willibald Pirckheimer und sein Umfeld, Pirckheimer Jahrbuch für Renaissance- und Humanismusforschung, Band 28, Wiesbaden 2014, S. 59.

Hierbei sei angemerkt, dass Nürnberg bereits ein Jahr vorher Veränderungen der Reformation umsetzen wollte. So sollten ab 1525 alle Klöster nach einer Forderung Luthers in Schulen umgewandelt werden. (1) Viele gingen dieser Veränderung wohlwollend und freiwillig nach. Doch beim Nürnberger Klarrissenkloster bot sich ein anderes Bild: Die Nonnen wollten sich dieser Forderung nicht anschließen, da sie in ihrer klösterlichen Gemeinschaft, die für sie wie eine Familie war, eine für sie stimmige Glaubens- und Lebensform gefunden hatten. Nun aber drohte die Auflösung dieser Glaubensgemeinschaft. Bei diesen Auseinandersetzungen erwies Caritas Pirckheimer unglaublichen Mut und nutzte die durch ihr familiäres und humanistisches Umfeld zugute gekommene Bildung, um zu überzeugen:

Pirckheimer verteidigte den Konvent mit allen Kräften, schrieb Eingaben und Briefe. Dabei berief sie sich – wie Luther in Worms – auf ihr gewissen und erinnerte die Evangelischen an die tolerante Haltung der Türken, die Andersgläubige unter ihrer Religion duldeten. […] In ihrer Not wandte sich Pirckheimer an ihren Bruder, den Humanisten Willibald Pirckheimer. Dieser schrieb im Frühjahr 1525 einen Brief an seinen alten Freund Melanchthon, schilderte ihm mit herzergreifenden Worten die Situation und bat ihn zu intervenieren.

Martin Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 41-42.

Auf die Bitten des Freundes hin besuchte Melanchthon die Klarrissinnen und als Caritas die Gnade Gottes als Mittelpunkt ihres Glaubens hervorhob, wurde zu einem ihrer Fürsprecher. Nur in der Frage des Gelübdes waren Melanchthon und die mutige Klarrissin nicht überein gekommen. Dennoch setzte Melanchthon sowie ihr Bruder Willibald sich beim Rat der Stadt für die Nonnen ein, die schließlich in der von ihnen gewählten Gestaltung des Glaubenslebens in ihrem Kloster verbleiben durften.

Kein Wunder, dass die Künstlerin Marion Albrecht aufgrund der großen Bedrohung für das Klarrissenkloster solch einen großen Riss in ihr Kunstwerk eingebracht hatte. Doch wie das Kunstwerk, hielt diese Gemeinschaft durch eine mutige, kluge Frau den negativen Auswirkungen Sturm der Reformation stand.

Als evangelische Pfarrerin, die in einer Ehe mit Kindern leben darf, ist mir der Gedanke der Ehelosigkeit fremd. Den Mut und das Opfer eines Verzichts auf Ehe und Familie, den meine katholischen Glaubensgeschwister für eine vollumfängliche Berufung leben, bewundere ich sehr. Solch ein schmerzhaften Verzicht könnte ich kaum leben.

Jenseits dessen war es der überraschende Perspektivwechsel durch die Künstlerin, die die Biografie einer standhaften Frau emotional greifbar machte und mich nachdenklich stimmte: letztgültig kämpfte Caritas Pirckheimer um eine von ihr gewählte Gestaltung ihres Glaubenslebens, die wir heute unter dem Grundrecht der Religionsfreiheit verorten würden. Dieses war damals vor über 500 Jahren durch die Reformation in Gefahr geraten. Eine düstere Facette der Reformationsgeschichte, die durch eine mutige katholische Frau mir als evangelische Pfarrerin eine andere, schmerzhafte Seite des Ursprungs meiner Konfession aufzeigt: in der Freude und Befreiung des einen kann unter Umständen der Schmerz und das Leid einer anderen liegen. Eine wichtige Mahnung aus der Zeit der Reformation, die uns verpflichtet für die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit in der Gegenwart einzutreten.

Ich kann Ihnen, lieber Leser und liebe Leserin, diese Ausstellung zu einem Besuch sehr anempfehlen. Diese wird bis zum 10.10.2023 im Diözesanmuseum Bamberg angeboten. Weitere Informationen erhalten Sie auf deren Webseite. Sicherlich werde ich dort noch öfter zu Gast sein und mich als evangelische Theologin von den katholischen Perspektiven mutiger Frauen inspirieren lassen.


(1) Martin Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 41.

Erdbeermarmelade als großer Gleichmacher – oder: von Erdbeeren, Fruchtsorten und Gleichberechtigung

Meine Hände griffen nach den prallen, verlockenden Früchten, die noch naß vom morgendlichen Gießen in der Sonne strahlten. Ich pflückte eine kleine, reife Erdbeere und barg sie gemeinsam mit ihren Nachbarfrüchten in einem meiner beiden großen Eimern. Der letzte „Pflücksamstag“ hatte mich nochmals auf das Feld des Erdbeerhofes Schuster gelockt, um nach Pflücken und Einkochen hoffentlich mit getanem Tagewerk viel Geschmack nach Sommer für Herbst und Winter in unseren Marmeladegläsern eingefangen zu haben.

Da ich einen möglichst süßen, aromatischen Fruchtaufstrich machen wollte, hatte mich die freundliche Dame an der Kasse zu einem Abschnitt des Erdbeerfeldes gewiesen, wo kleinere, aromatische Früchte der Sorte „Korona“ geerntet werden konnte. Ganz zu meiner Freude hatte es am vorhergehenden Tag geregnet und die Erdbeeren reichlich reifen lassen. Nachdem ungefähr die Hälfte meines Leergutes mit Früchten gefüllt war, beschloss ich zur Zeitersparnis den Rest mit größeren Erdbeeren anderer Sorten zügig aufzufüllen. Also ging ich querfeldein zu benachbarten Pflanzenreihen, die voller praller Früchte hingen.

Wenig später waren die beiden Eimer bis zum Rand gefüllt. Auf dem Rückweg zur Kasse las ich interessiert die Schilder der einzelnen Sorten:

„Sonata“ versprach große, feste, helle Erdbeeren, die besonders haltbar waren und sich perfekt für Kuchen eignen würden.
„Allegro“ sei eine Sorte, die mittelgroße Früchte haben würde und ebenso gut für Kuchen sei.
„Magnum“ – nomen es omen – würde sich durch sehr große Erdbeeren auszeichnen, die festes Fleisch besäßen und eher dunkel seien. Wahre Allrounder für den Genuss.

Bei der Erdbeersorte „Asia“ blieb ich erstaunt stehen. Schwarz auf weißem Hintergrund stand dort:

Riesengroße Früchte

Männersorte – sehr schnell gepflückt

Ideal für Facebook und Instagram-Posts 😉

Erdbeerhof Schuster

Dass der Erdbeerhof früher oder später in meinen Posts erwähnt werden würde, war mir vorher schon klar gewesen, denn das Erdbeerfeld ist zu einem der Herzensorte geworden, die ich im Umkreis von Bamberg gefunden habe. Dass es aber unter den Erdbeeren „Männersorten“ gab, war mir neu. Qualifizierte die Größe einer Frucht, welchem Geschlecht eine Erdbeere zugewiesen werden sollte? Irritiert sah ich das Schild nochmals genauer an, denn mit Erdbeeren hatte ich noch nie ein Geschlecht verbunden – weder mit der Pflanze an sich, noch eine Relation zwischen der Größe der Frucht und der konsumierenden Person gezogen.

Wollte man durch die Größe der Früchte darauf hinweisen, dass Männer lieber riesengroße Früchte verzehren wollen? Oder dass sie beim Pflücken schneller Erfolge sehen möchten? Erstaunt grübelte ich über die Andeutungen nach, die verschiedentlich (wahrscheinlich auch etwas scherzhaft) Vorurteile transportierten. War dieses harmlose Schild vielleicht ebenso eine kleine kulturelle Projektionsfläche, die gewisse Vorstellungen transportierte und im alltäglichen, harmlosen Gewand sich in unser Alltagsleben verborgen einweben würde?

Die US-amerikanische Ethikerin Emilie M. Townes beschreibt dies mit dem Fachausdruck der „Fantastic Hegemonic Imagination“:

The set of ideas that dominant groups employ in a society to secure the consent of subordinates to abide by their rule. The notion of consent is key because hegemony is created through coercion that is gained using the church, family, media, political parties, schools, unions and other voluntary associations –the civil society and all its organizations. This breeds a kind of false consciousness (the fantastic in neocultural and sociopolitical drag) that creates societal values and moralities such that there is one coherent and accurate viewpoint in the world.

Emilie M. Townes, Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil, (New York, NY: Palgrave, Macmillan, 2006), Seite 20.

Übersetzung:

Ideen, die dominante Gruppen in einer Gesellschaft anwenden, um die Zustimmung der Untergebenen zur Einhaltung ihrer [gesellschaftlichen] Dominanz sicherzustellen. Der Gedanke der Zustimmung ist von entscheidender Bedeutung, da Hegemonie durch Zwang geschaffen wird, der durch die Hilfe von Kirche, Familie, Medien, Parteien, Schulen, Gewerkschaften und anderen freiwilligen Vereinigungen – der Zivilgesellschaft und all ihren Organisationen – erzwungen wird. Dies erzeugt eine Art falsches Bewusstsein (das Fantastische in neokultureller und gesellschaftspolitischer Tragödie), das gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen schafft, als ob es einen kohärenten und genauen Standpunkt auf der Welt gäbe.

In ihrem Buch „Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil“ erklärt sie anhand größerer und kleinerer Beispiele aus der US-amerikanischen Gesellschaft, wie Vorstellungen einer von einer dominanten Gruppe gewünschten Primärkultur tradiert und von Kindesbeinen an erlernt werden. Hierbei wählt sie vor allem Beispiele, die den in USA tiefverwurzelten Rassismus offen legen.

Aber wer kennt es nicht? Dass Vorstellungen, vielleicht sogar Vorurteile anhand von Produkten transportiert werden? Inzwischen gibt es – Gott sei Dank! – Diskussionen rund um unseren deutschen Bild- und Sprachwelten, die versuchen, dies zu verändern. Ob Gesellschaft, Politik oder Kirche. Kein Bereich ist von der „Fantastic Hegemonic Imagination“ ausgenommen. Es bedarf daher eines genauen Hinsehens, Nachdenkens und einer aktiven Veränderung in den jeweiligen Bereichen. Da denke ich zum Beispiel an den „Sarotti-Mohr“, der als Markenzeichen der gleichnamigen Schokolade bis 2004 verwendet wurde und nun durch einen umgestalteten Magier ersetzt wurde. Aber auch Spiele, Bezeichnungen für gewisse Speisen und so vieles mehr prägen Vorstellungen ein, ehe wir dies vielleicht reflektieren und tradieren ein Gedankengut, dass wir nicht unterstützen wollen – ob Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Sexismus oder andere diskriminierende Irrlehren und Einstellungen.

Wie lang ich gedankenversunken am Rande des Erdbeerfeldes gestanden haben muss, weiß ich nicht mehr. Doch als es mir schließlich unter meinem Sonnenhut heiß geworden war, gab ich mir einen Ruck, denn nicht nur sehnte ich mich nach all dem fleissigen Erdbeerpflücken nach etwas kühlem zum Trinken, sondern die Früchte, ob von Sorte „Korona“, „Sonata“, „Allegro“, „Magnum“ oder „Asia“, sollten heute noch ihrer Bestimmung im Marmeladeglas zugeführt werden. Als diverse Gemeinschaft von unterschiedlicher aromatischer Geschmacksdichte und Fruchtkonsistenz in einem Glas, die gerade durch die Unterschiedlichkeit den Gaumen meiner Familienmitglieder erfreuen sollte.

Ich grinste verschmitzt in mich hinein. Das Einkochen der Erdbeeren würde der große Gleichmacher für alle schmackhaften Früchte sein. Sozusagen Gleichberechtigung für alle, denn im Glas wären sie alle Teil eines Ganzen: leckere Erdbeermarmelade, die meine Familie an Sommer, Sonne und warme Temperaturen erinnern würde.