Lesen gegen Hass 6: Nie wieder, schon wieder, immer noch!

Voller Erstaunen drückte ich auf den rot beleuchteten Knopf in meinem iPhone-Display und starrte auf die bunte Vielfalt der verschiedenen Apps. Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Der Hörer hatte frech, aber kokett danach gefragt, warum ich immer wieder Partei für Jüdinnen und Juden ergreifen würde. Ich sei doch Christin und gehörte einer anderen Religion an. Das alles ginge mich nichts an. Und ob es dies tut!, hatte ich gekontert. Wenn er als sogenannter Christ wirklich Bibel lesen würde, wüsste er um die tiefe Verbundenheit, die wir als Christen mit dem Judentum haben.

Plötzlich war das „Nie wieder“, das ich immer wieder betonte, vor meinen Augen zu einem „Schon wieder“ geworden.

Jesus war Jude, entgegnete ich. Und Paulus schrieb davon, dass nicht wir die Wurzel tragen, sondern die Wurzel uns. (Röm 11,18; siehe Anmerkung 1) In den darauf folgenden Versen führte der Völkerapostel an die Gemeinde in Rom aus, dass ganz Israel erwählt und erlöst sei.

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Und just wurde aus dem „Schon wieder“, das eigentlich ein „Nie wieder“ sein sollte, ein „Immer noch“.

Daher ist es mir wichtig, in diesem Blogeintrag für Pädagoginnen und Pädagogen, Lehrende und Interessierte zwei wichtige Bücher zu dieser Auseinandersetzung vorzustellen. Er ist einzureihen in eine Folge von Leseempfehlungen gegen den Hass, die ich vor geraumer Zeit begann. Die weiteren Einträge seien ebenso ans Herz gelegt.

Der 7. Oktober mit dem Hamas-Terroranschlag auf Israel erscheint mir wie eine Zeitenwende – wie ein tiefer Einschnitt in der gesellschaftlichen und politischen Struktur, der Antisemitismus unverhohlen hervortreten lässt. Es geht um nichts weniger als um unsere Demokratie, die damit auf dem Spiel steht. Aus dem „Nie wieder“, scheint ein „Schon wieder“ geworden zu sein – vielleicht aber handelt es sich, wie Philipp Peyman Engel bitter betrachtet, um ein „Immer noch“.

Daher sei Ihnen, liebe Blogleserin, lieber Blogleser, die beiden folgenden Bücher besonders sehr ans Herz gelegt.

„Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus“ von Michael Wolffsohn, erschienen 2024 bei Herder

Wie oft betonen viele, dass nie wieder geschehen darf, was einst durch ein mörderisches NS-System geschah. Dieses Bekenntnis scheint aber vielfach leicht ausgesprochen, nun aber aufgrund des blutigen Angriffs der Hamas ins Wanken zu geraten. Im vorliegenden Buch geht der bekannte Historiker Michael Wolffsohn auf den menschenverachtenden Hass des Antisemitismus ein.

Antisemitismus, genauer: Antisemitismen, gibt es seit 3000 Jahren. […] Unsere nun wieder auch zunehmend – freilich nicht ausschließlich – sichtbar antisemitische Gegenwart knüpft an die Vergangenheit an. Sie ist ein reaktionärer Rückfall, auch wenn einige seiner Träger sich als Vorreiter des Fortschritts verstehen und präsentieren.

Wolffsohn: Nie wieder? Schon wieder! S. 12.

Nach diesen Ausführungen sind im Buch zum einen die nicht gehaltene Rede „Der deutsche 9. November – Gedanken zum Gedenken“ sowie die gehaltene Rede „85 Jahre „danach“ – Antisemitismus, hausgemacht und importiert“ enthalten.

Die erste Rede atmet vor dem 7. Oktober 2023 einen gewissen „Optimismus“, wage ich zu schreiben, der an eine Herzensbildung glaubt:

Das dringend notwendige neue deutsche Gedenken an Kristallnacht, Judenmorde und andere NS-Verbrechen muss nicht nur am oder zum Jahrestag des 9. November zielgruppengerechte Gedanken und vor allem eine Ethik entwickeln, sprich: Herzensbildung für die Sicherung und Festigung unserer humanen und notwendigerweise wehrhaften Demokratie.

Wolffsohn, Nie wieder? Schon wieder!, S. 46

Die zweite Rede wurde von Herrn Wolffsohn nach dem dem Hamas-Terrorüberfall auf Israel verfasst. In ihr schlägt er wichtige und deutliche Töne an, die uns alle nicht nur nachdenklich machen sollte, sondern uns zum Handeln bringen sollten. Deutschland steht auf einem sehr gefährlichen Grad.

Die Jüdische Weltgeschichte zeigt: Wo und wenn es Juden gut geht, geht es dem Land gut. Deutschland hatte bis 1933 die Wahl. Es entschied falsch, und es erging ihm schlecht. Es hatte ab 1949 wieder die Wahl – und entschied richtig. Deutschland ging es bestens. Heute steht Deutschland wieder vor der Wahl. Wie wird es entscheiden? So wie die zahlreichen echten Freunde, die Juden und Israel in Deutschland haben? Hoffen wir es.

Wolffsohn, Nie wieder? Schon wieder!, S. 67

„Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch“ von Philipp Peyman Engel, erschienen 2024 bei dtv

Philipp Peyman Engel zeigt in seinem Buch „Deutsche Lebenslügen“ die schmerzhafte Realität des Antisemitismus in Deutschland auf und rechnet mit denen ab, die zum Terror schweigen. Hierbei zeigt er auf, dass sich unser Land in einer tiefen moralischen Krise befindet, die nichts weniger als unsere Demokratie gefährdet.

Dabei greift er ein Tabuthema auf: Islamistischer Antisemitismus, dessen Entstehung und Verbreitung in Deutschland.

[…] Noch immer ist es in Deutschland ein Tabu, den enthemmten Hass auf Juden unter muslimischen Migranten anzusprechen.

Engel, Deutsche Lebenslügen, S. 11

Ein schmerzhaft ehrliches und direktes Buch, das mich als Leserin hineingenommen hat in eine unglaubliche Welt des Hasses. Ich bin sehr dankbar um den Mut, den der Autor hier erwiesen hat, um uns die Augen für die Vorgänge in Deutschland zu öffnen. Denn der Zyklus dieses Hasses wurde von Deutschen im Nationalsozialismus begonnen und kehrt nun in Gestalt des islamistischen Antisemitismus zu uns zurück.

Folgt man der These von Jeffrey Herf, haben die Deutschen den muslimischen Antisemitismus in dieser Form überhaupt erst erschaffen – und er kehrt nun über Einwanderer und Migranten aus vielen arabischen und muslimischen Staaten zu uns zurück. In ihm verbindet sich das antijudaistische Element des Korans mit dem rassistisch-mörderischen des Nationalsozialismus.

Engel, Deutsche Lebenslügen, S. 160

Beide Bücher rütteln auf ihre jeweils eigene, aber direkte Sprache, klare Worte und Einblicke in das durch Antisemitismus ausgelöste Leid auf. Das Lesen beider Bücher wird nicht spurlos an den Lesenden vorüberziehen. Nun ist zu hoffen, dass darauf auch Taten in vielerlei Weise zum Schutz von Jüdinnen und Juden sowie unserer Demokratie darauf folgen mögen.


(1) Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

#WeRemember : Bildung als wichtigste „Waffe“ gegen Antisemitismus

Gedanken einer Polizeiseelsorgerin

Grußwort zum Internationalen Tag des Holocaust-Gedenken, Israelitische Kultursgemeinde Bamberg

Das folgende Grußwort habe ich im Rahmen der Gedenkveranstaltung anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts in der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg gesprochen. Es sind persönliche Perspektiven, einer Polizeiseelsorgerin, die nicht nur das Gedenken, sondern auch die Tätigkeit angesichts schwieriger gesellschaftspolitischer Entwicklungen in den Mittelpunkt stellt:

(Es gilt das gesprochene Wort)

Die Zeit vergeht wie im Flug. Vor drei Jahren saß ich im Flugzeug und sah gespannt aus dem Fenster während meine alte Heimat New York immer kleiner wurde und schließlich unter den Wolken verschwand. Unendlich viele Gedanken gingen mir durch den Kopf während ich eine Stadt und ein Land hinter mich ließ, das fast sieben Jahre meine Heimat war.

Besonders schmerzhaft war es, meine jüdische Freundin Pam, ihre so wunderbar engagierte jüdische Tafel und ihre Synagoge, die mir eine geistliche Heimat geworden war, zurücklassen zu müssen.

Tröstlich für uns beide war der Grund meines Rückzuges nach Deutschland – ein Auftrag, zu dem ich berufen worden war: im größten bundespolizeilichen Aus- und Fortbildungszentrum als Seelsorgerin die nächsten Generationen von Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärterinnen nicht nur zu begleiten, sondern sie innerhalb des Faches Berufsethik zu wappnen, um gegen Antisemitismus, Rassismus und jegliche Form des Extremismus vorzugehen und als Hüterinnen und Hüter unser Grundgesetz gegen jedweder Angriffe tätig zu schützen.

Es waren Tränen der Trauer, aber auch der Zuversicht, die damals flossen, denn wir beide wussten aufgrund der Geschehnisse in USA, wie notwendig dies war. Dort hatten wir gemeinsam die sehr diskutable Trump-Administration durchlebt, gingen gemeinsam zu hunderttausenden aufgrund eines antisemitischen Anschlages in New Jersey auf die Straßen und setzten Zeichen gegen diese schlimme, mörderische Irrlehre, die unverhohlen in einer der ältesten Demokratien zu Tage trat, durch Wort und Tat. Damals war ich froh und dankbar, dass dies in Deutschland nicht so war. Doch um dem vorzuschützen drang ich zu einer Rückkehr, um im Herzen der Demokratie die zu wappnen, die für sie im Extremfall einzustehen hätten: Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei.

Aber die Zeit vergeht wie im Flug. Drei Jahre sind so schnell ins Land gegangen und was ich vorher als Prävention betrachtete, die eine weit weg stehende, vielleicht sogar in Deutschland eher unwahrscheinliche Variante von besorgniserregenden Geschehnissen betrachtete, trat nun sichtbar in unserem Land die Öffentlichkeit:

mit der Enthüllung einer Zusammenkunft rechter Kräfte in der Villa Adlon am Lehnitzsee in Potsdam am 25. November 2023 wurde bittere Realität, was ich befürchtet hatte und daher mit Bildung dagegen vorgehen wollte.

Während ich den Berichterstattungen lauschte, wurde Anklänge an die lang vergangene Geschehnisse umgehend vor meinem inneren Auge wach. Vielleicht ging es Ihnen ja genau so wie mir?

Damals, am 20. Januar 1942, waren hochrangige Vertreter des NS-Regimes zu einer Besprechung in einer Villa in Berlin-Wannsee zusammengekommen, die als Wannsee-Konferenz in die Geschichte einging, um ihren mörderischen Plan zu vereinbaren, auszuarbeiten und schließlich umzusetzen.

Aus meiner Sicht ein wahrer Alptraum.

Die Analogien haben viele aufgeschreckt und zu Demonstrationen auf die Straßen Deutschlands gegen das menschenverachtende Gedankengut gesandt. Ich bin dankbar um diese wichtigen Zeichen der Demokratie – denn mit dem Grundgesetz ist das Demonstrationsrecht in Art. 8 GG gesichert. Ich kenne eine Reihe von Pfarrkolleginnen und -kollegen, die das erste Mal dieses Recht in Anspruch nahmen und an einer der Demonstrationen gegen rechts teilnahmen. Auch ich war selbstverständlich Teil dieser Zeichensetzung, so wie ich es in meiner New Yorker Zeit gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen des Hasses war. Noch gut erinnere ich mich an eine Demonstration, wo wir zu hunderttausenden über die Brooklyn Bridge marschierten, um gegen den unverhohlenen Antisemitismus, der in der Amerikanischen Gesellschaft zu Tage getreten war, mit meiner Partnerorganisation American Jewish Committee ein unübersehbares Zeichen zu setzen: wir sind viele und eine Mauer gegen Hass! Was damals so war, erlebte ich nun hier in Bamberg ebenso.

Dennoch bin ich als Pädagogin, Ethikerin und Pfarrerin der Meinung, dass es mehr bedarf als Zeichen der Solidarität. Bildung ist die wichtigste Waffe, die wir haben, um die gegenwärtigen und kommenden Generationen zu stärken und für unseren Kampf um Demokratie, Menschenrechte und ein Grundgesetz, das alle schützt, zu gewinnen.

Nie wieder darf geschehen, was im damaligen mörderischen NS-Regime geschah. Über 6 Millionen Menschen wurden brutal ermordet. Aber auch dies ist nicht nur das dunkelste Kapitel unserer Menschheitsgeschichte, sondern es wird seit dem 7. Oktober weitergeschrieben!

Nie wieder darf geschehen, was am 7. Oktober durch den brutalen Überfall der Hamas und deren Morden geschehen ist. Ich habe keine Worte für diese Geschehnisse – aber für mich sind sie eine Fortsetzung des Holocaust und zwar auf dem Boden des Heiligen Landes, das eigentlich ein Schutzort und eine sichere Heimat für Jüdinnen und Juden sein soll.

Die evangelische Seelsorge in der Bundespolizei steht mit ihren Seelsorgerinnen und Seelsorgerinnen im gesamten Bundesgebiet und wir als Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum vor Ort hier in Bamberg dafür ein,

dass Menschenhass mit keinem Wimpernschlag, keiner Geste geduldet wird,

dass Mord und Qual aufgrund von Religion, Abstammung und Nationalität keinen Ort in unserem Land hat,

dass unser Grundgesetz, das zum Mittelpunkt die Menschenwürde hat, geschützt und als für alle gleichermaßen gültig umgesetzt wird.

Dies habe ich nicht nur damals als ich New York verließ, meiner jüdischen Freundin versprochen, sondern dem bin ich als deutsche Staatsbürgerin zutiefst verpflichtet. Wir stehen mit Israel und verurteilen jegliche Form des Antisemitismus, Rassismus und Extremismus. Unsere Hauptwaffe hierbei ist Bildung, die jeder angehende Polizist und Polizistin erhält.

Lassen Sie uns daher zusammenstehen – Zeichen der Solidarität und der aktiven Geschwisterlichkeit nicht nur punktuell setzen, sondern es durch unser Leben und Handeln weben.

Am Israel Chai.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

Pfarrerin Miriam Groß, IKG Bamberg, 28.1.2024
(Bild: Patrick Nitzsche, Antisemitismusbeauftragter der Stadt Bamberg)