Von Thermometern und kulturellen Segensspuren

Ich öffnete das Fenster und sog die warme Herbstluft ein, die nach goldenem Oktober roch. Während ich mich auf das Fensterbrett stützte, schloß ich die Augen. Bilder der vergangenen Indian Summer zogen an mir vorüber. Erinnerungen an bunte Wälder im Upstate New York, die in unterschiedlichen Nuancen von strahlendem Gelb, kräftigen Rot und sattem Braun wie von magischer Hand gemalt sich vor uns auf unseren Spaziergängen entfaltet hatten.

Ich wurde abrupt aus meinen Erinnerungen gerissen und wieder zurück in das Bamberger Klassenzimmer geholt. „Hallo, Frau Groß! Sollen wir die anderen Fenster auch öffnen?“, fragte ein Anwärter und sah mich fragend an. „Ja. Das ist eine gute Idee.“ Mein Blick streifte an einem Thermometer vorbei, das als Zeichen der längst vergangenen Zeit der einstigen US-amerikanischen Kaserne in großen Lettern die Temperatur in Fahrenheit und in kleineren in Celsius anzeigte.

Und schon stürzten wir uns in den berufsethischen Unterricht. Mit meinem Dienstbeginn in der Bundespolizei war bei mir die alte Hoffnung meiner Kindheit wieder wach geworden, endlich ganz in Deutschland anzukommen. Doch immer wieder tauchten in den Unterhaltungen und Nachfragen meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter Fragen zu meinem eigenen interkulturellen Aufwachsen auf deutsch-amerikanischem Horizont, und meine mehrfachen Auslandserfahrungen auf.

In gewisser Weise glich mein Leben dem Thermometer, das am äußeren Rahmen des Klassenfensters angebracht war. Wie die Temperaturanzeige oszilliere ich zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Systemen hin und her. Oft rast- und ruhelos ohne wirklich in Deutschland oder USA anzukommen.

Viele meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter teilen die Erfahrung zwischen Kulturen aufzuwachsen. Wie ich sehen sie sich als Deutsche. Sie meistern gleichzeitig die Herausforderung, die Kulturen ihrer Familien in sich zu vereinen und ihnen eine Heimat zu schenken. Ich weiß, wie schwer dies sein kann und bin nach mehreren Auslandserfahrungen zu dem Entschluss gekommen, dass ich nie ganz an einem Ort ankommen werde. Deutsch, aber immer mit einem amerikanischen Anteil. Während ich als Kind dadurch eher die Ausnahme in einer kleinen fränkischen Stadt war, wird Deutschland zunehmend kulturell vielgestaltig. Diese Erfahrung teilen zahlreiche Polizeianwärterinnen und -anwärter. Sie machen die Bundespolizei stärker, denn sie bringen vielfältige interkulturelle Kompetenzen, wichtige Sprachkenntnisse und religiöse Erfahrungshintergründe mit. Solche Fertigkeiten können in polizeilichen Situationen von großer Hilfe sein, um wertvolle Brücken der Verständigung zu schlagen. So wie das Thermometer zwischen Fahrenheit und Celsius die Temperatur in eine jeweils verständliche Einheit übersetzten.

Die Unterrichtsstunde war wie im Flug verstrichen. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrgruppe, die in fleißiger Eile zum nächsten Unterricht ging. Während ich das Fenster schloß, blieb mein Blick dankbar am Thermometer haften. Es würde mich Woche um Woche daran erinnern, welch ein Segen Menschen sein können, die Kulturen in sich vereinen.

My dear Jewish friend 2: The Star of David and the guild emblem of brewers

It was a crisp winter day with clear skies and the sun shining bright. A perfect day to stroll through my new home town Bamberg. As my eyes wandered from the old medieval buildings to the beautiful light blue sky my thoughts wandered to you, my dear Jewish friend. The color reminded me of the beautiful New York sky that accompanied us as we walked through our Westchester neighborhood and chatted about our lives, our faith communities, and our shared involvement at your lovely pantry.

As my glance wandered back from the New York colored sky I halted my steps in great astonishment. Right in front of me I could see a golden Star of David at the historic smoke beer brewery „Schlenkerla“. The brewery has a long and old tradition. It was first mentioned in 1387 and is in operation since 1405.

As a Franconias I really enjoy the name „Schlenkerla“. It roughly derives from the English verb „dangling“ or even better „swinging along“. The -la suffix is typical of the East Franconian dialect. The name reportedly comes from a brewer with a gait whose image as it can be seen on the „Aecht Schlenkerla Rauchbier“ bottle. This brewery is run by the Trum family since six generations. A real traditional family business, where tradition and passion for exquisite beers make it a unique place of hospitality.

The symbol displayed on the outside of the historical brewery and tavern is the guild emblem of brewers. This hexagram is the same as the Star of David, which is the most important symbol of Judaism I truly honour and cherish. How could this shared symbolism come about? Matthias Trum outlines in his final thesis at the Technical University Munich that symbol was used for the first time as explicitly Jewish sign in Prague in 1350 on the flag of the Jewish militia and then appears as brewing emblem for the first time in Nürnberg in 1425.

„… the hexagram was in those days in Franconia and northern Bavaria widely used symbol for protection and in this form used by everyone including both jews and brewers . The exiled jews of Nürnberg brought the star with them to Prague, where it became symbol of the jewish community and was then spread all over the world through letterpress. The brewing star remained however in south Germany and developed into a tapping sign.“

Matthias Trum, Historical depictions, guild signs and symbols of the brewing and malting handcraft, TU Munich, 2002.

My dear Jewish friend, what a fascinating interconnection and shared history of our forbearers! I wished my ancestors would have embraced these shared roots, and as I have discovered, shared symbols instead of committing the crimes of Hitlers Nationalism.

I dream of having a stroll like today with you while the blue Bamberg sky will guide us to the historical tavern and we will have a nice cold beer with delicious Franconian food. On the way home, I am sure we will be swinging like the gait on the „Schlenkerla“.

Love across the miles from your Christian friend.

Hoffnungszeichen Impfung – Impfbeginn bei der Bundespolizei

Hunderte Male war ich mit meinem kleinen grauen Dienstauto an der Westseite des Henry Hudsons entlang gefahren. Vorbei an der massiven Wand an Hochhäusern, die diesen Schnellweg säumen. Als ich an einem Spätnachmittag Ende März mein Auto Richtung Chelsea lenkte, eröffnete sich mir ein atemberaubend hoffnungsvoller Blick: die USNS Comfort, ein Hospitalschiff der US-Navy lag an Pier 90 vor Anker und brachte mit dessen Ankunft so viel Hoffnung nach New York.

Seit Anfang März 2020 war die Metropolregion New Yorks und vor allem New York City zu einem pandemischen Hotspot geworden. Die Bilder und Erfahrungen dieser Zeit verfolgen mich noch ein Jahr später und haben sich wie wenige andere in mein Gedächtnis eingebrannt.

Als ich nun an meinem neuen Dienstort des Aus- und Fortbildungszentrums der Bundespolizei Schilder entdeckte, die auf die anlaufenden Impfungen hinwiesen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich habe gesehen, was dieses Virus anrichten kann und habe Menschen, die verstarben oder durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen in Notlagen geraten sind begleitet.

Für mich ist das Angebot einer Impfung ein wunderbares Hoffnungszeichen. Die Bundespolizei hat Anfang März mit der Impfung der Beschäftigten in eigenen Impfzentren begonnen, damit die Impfzentren der Länder und das dort tätige medizinische Personal entlastet wird. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei arbeiten als Einsatzkräfte in Gefahrenzonen an der Grenze, auf der Schiene oder an Flughäfen. Daher müssen sie wie auch Lehrkräfte und medizinisches Personal geschützt werden, damit sie für unseren Schutz sorgen können.

Aus dem Erleben meiner nun zurückliegenden New Yorker Zeit weiß ich um die Gefahren des Virus. Doch durch die notwendigen Maßnahmen wie Schutzmaske, Abstand und Co., sowie Geduld und einer Impfbereitschaft können wir diese gesellschaftliche und ökonomische Herausforderung als Gemeinschaftswesen überstehen.

Gedanken zum Dienstbeginn bei der Bundespolizei

In ordentlichen Reihen hatten sich die Auszubildenden der Bundespolizei aufgereiht und lauschten aufmerksam den Worten ihrer Vorgesetzten, die die auf sie zukommende Aufgabe und deren Vorgehen beschrieben. Während ich ihnen gegenüberstand, konnte ich ihre angespannte Aufmerksamkeit gut verstehen – und ich war mindestens genauso aufgeregt, da ich eingeladen worden war, einen geistlichen Impuls und Segen für ihren Einsatz zu sprechen.

Mitte Januar hatte ich New York als „Heimat auf Zeit“ verlassen, um in der Bundespolizei als Seelsorgerin arbeiten zu dürfen. Der Wunsch war meiner ehrenamtlichen Seelsorgetätigkeit bei dem New York Police Department (NYPD) erwachsen. Durch meine Berufung war das New Yorker Ehrenamt zum Hauptamt geworden. Das Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in der fränkischen Stadt Bamberg bildet ca. 3.000 Auszubildende im Alter von sechzehn bis Mitte dreißig für den wichtigen und systemrelevanten Beruf des Bundespolizisten und -polizistin aus. Noch stehe ich ganz am Anfang dieser Tätigkeit, doch bereits jetzt bin ich beeindruckt von der überall zu spürenden Gemeinschaft. Nicht umsonst hat man mich mehrfach in der Familie der Bundespolizei willkommen geheißen.

Nun darf ich Teil dieser Familie sein und junge Menschen auf ihrem Ausbildungsweg begleiten, indem ich den überwiegenden Teil meiner Tätigkeit auf den Bereich des ethischen Unterrichtes ausrichten darf. Viel gibt es zu lernen, denn so wie die Auszubildenden ihren neuen Beruf Schritt um Schritt erlernen, werde auch ich in eine ganz neue Tätigkeit hineinwachsen. Möge Gott zu beidem seinen reichen Segen dazu geben.

(Foto: Bundespolizei)

Grüß Gott, Bamberg!

Das Klingeln meines Handys unterbrach die Stille des Morgens. Ich schreckte aus meinen trüben Quarantäne-Gedanken auf. Als ich meine Teetasse hastig absetzte, ergoß sich die Hälfte auf der Küchenplatte. Ich schimpfte leise vor mich hin und nahm das Telefon ab. „Guten Morgen!“, sagte eine freundliche, junge Stimme, „Spreche ich mit Miriam Groß?“ Als ich dies bestätigt hatte, tönte es fröhlich durch das Telefon: „Ihr COVID-Test war negativ. Sie dürfen nun Ihre Quarantäne beenden.“ Ein Jubel brach bei mir aus. Ich bedankte mich für ihren Anruf und zog mich eilends an. Schon seit Tagen hatte mich die herrliche Aussicht auf Bamberg gelockt. Nun durfte ich erste Schritte in diese traditionsreiche fränkische Stadt machen, die meine neue Heimat geworden war. Während meiner Quarantäne hatten mir einige Fremdenführer Geschmack auf Bamberg gemacht, das liebevoll als „fränkisches Rom“ bezeichnet wurde, deren Inselstadt als „Klein Venedig“ und mit der Gärtnerstadt ein wahres Unikat in Deutschland darstellte. Dazu kam, dass dieses fränkische Kleinod eine reichhaltige Bierkultur besaß, die ihren Ausdruck in den zahlreichen Brauereien und Brauereigaststätten fand, die von uns hoffentlich nach der Überwindung der Pandemie erkundet werden konnten. Aber dies hatte zu warten, dafür nahm ich mir vor, Schritt für Schritt meine neue Umgebung so gut es eben zu Corona-Zeiten ging zu erkunden.

Mein erster Gang führte mich zur nahegelegenen Bäckerei, deren beleuchtete Aufschrift aufgrund des trüben Regentages mir noch heller und einladender entgegen leuchtete. Auf deutsche Bäckereiprodukte musste ich in meinen über sechs Jahren Auslandsdienst zumeist verzichten, da es in Übersee ein teures Luxusprodukt ist. Brot stellt in unserem deutschen Alltag eine große Bedeutung da. Daher war für mich Jesu Worte, dass Er das Brot des Lebens ist (Joh 6,35), ein Bild, das mir nah ist.

Als ich die Türe zur kleinen Bäckerei öffnete und in den hellerleuchteten Raum eintrat, wurde ich von dem typischen herrlichen Duft von frischem Brot und Gebäck eingehüllt, der aufgrund der Intensität durch die enganliegende FFP-Maske drang. Mir lief regelrecht das Wasser im Mund zusammen. Nun hatte ich es plötzlich eilig. Ich gab meine Bestellung auf und trug wenige Minuten später den kostbaren Broteinkauf ohne weitere Umwege nach Hause. Weitere Erkundungstouren würden geduldig bis zum nächsten Schritt vor die Türe warten müssen, aber meine Zeit in dieser traditionsreichen fränkischen Stadt hatte ja auch gerade erst begonnen.

(Hier ein paar erste Fotos von der wunderschönen Bamberger Altstadt)

Zwischenwelt – Quarantäne, Bibel und persönliche Perspektiven

Meine Hände umfassten die warme Teetasse während ich mich mit meinen Ellbogen auf der Küchenplatte abstützte und den sich Sonnenaufgang betrachtete, der den kalten Winterhimmel mit warmen Gelb- und Rottönen erleuchtete. Mein Blick schweifte über das langsam erwachende Bamberg, das nun meine neue Heimat war. Ich freute mich auf die Erkundung dieser fränkischen Stadt, die aufgrund seines UNESCO-Weltkulturerbe und der reichen Kultur so berühmt war. Doch noch befand ich mich in einer Art Zwischenwelt. Aufgrund meiner Anreise mitten in der Pandemie war eine Quarantäne erforderlich geworden.

„Mama, sag mal: Warum sagt man eigentlich „Karantäne“, wenn es mit „Q“ geschrieben wird?“, meine jüngste Tochter hatte mich fragend angesehen als ich meiner Familie am Küchentisch nochmals alle notwendigen Regularien meiner Einreise erklärte. Nun war sie viele Meilen weit entfernt, da sie aufgrund des unterschiedlichen Datums von Dienstbeginn und Schulhalbjahr mit der gesamten Familie noch in New York geblieben war.

Ihre Frage war allzu verständlich gewesen. Denn das Wort „Quarantäne“ stammt vom italienischen Wort „quaranta“, das aufgrund einer großen Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert üblich geworden war. Die Handelsstadt Venedig beschloss aufgrund der drohenden Gefahr, die Pest einzudämmen, indem man vierzig Tage die Besatzungen der anlegenden Handelsschiffe im Hafen isolierte. Diese Zahl hatte keinerlei infektionsmedizinische Gründe, sondern war der biblischen Zahlensymbolik entsprungen, die Schutz vor dieser Gefahr erwirken sollte. Sechs Wochen Quarantäne stellen eine lange Zeit da. Ich seufzte während ich mir nochmals Tee in die inzwischen leere Tasse nachgoß. Wie gut, dass mir höchstens zehn Tage Isolation vorgeschrieben waren. Vielleicht sogar weniger, wenn das Ergebnis des COVID-Tests dementsprechend ausfiel.

Während mich die Dauer der mittelalterlichen Quarantäne sehr erschreckte, faszinierte mich als Theologin deren Zahlensymbolik. Viele biblische Geschichten waren mir umgehend bei der Zahl 40 präsent: Bei der Sintflut regnete es vierzig Tage und Nächte ununterbrochen; Mose verbrachte auf dem Berg Sinai vierzig Tage in der Gegenwart Gottes; das Volk Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste, bis es endlich das Gelobte Land erreichte. Auch bei Jesus findet die Zahl mehrfach Erwähnung: So zog er sich für diesen Zeitraum in die Einsamkeit der Wüste zurück, bevor Er Sein öffentliches Amt begann und als Wanderprediger mit einer wachsenden Zahl an Jüngern umherzog. Weiterhin erschien Er nach seiner Auferstehung vierzig Tage lang immer wieder Seinen Jüngerinnen und Jüngern.

Alle diese biblischen Geschichten durchzog ein gemeinsames Thema, das die Bedeutung der Zahl Vierzig deutlich macht: die Zahl Vierzig steht im biblischen für Besinnung und Buße, für Wende und Neubeginn.

Nun befand ich mich in dieser Zwischenwelt der Quarantäne, die mir Zeit zum Nachdenken, Erfreuen, und Trauern gab, aber ebenso die Möglichkeit mich neu auszurichten auf die neue Heimat und die Aufgabe, die ich schon bald einnehmen würde.

Was erwartete mich hinter all den Fenstern, die langsam durch die hellen Lichter zum Leben erwachten? Wie die Sintflut nach vierzig Tagen ein Ende hatte, Mose zum Volk zurückgekehrt war, das Volk Israel das Gelobte Land erreicht hatte, Jesus die Wüste verließ, um zu Predigen und die Jünger anstatt mit Seiner Präsenz bei dessen Verabschiedung mit dem Heiligen Geist als Tröster gestärkt worden waren, so würde auch meine Quarantänezeit nach einigen Tagen ihr Ende finden.

Noch war es die Zwischenwelt, in der ich mich befand und die meinen Gedanken Raum zu Spekulationen über die neue Heimat gab. Aber schon bald würde ich hinaustreten in die neue Welt und als eine von vielen Menschen in ihre bunte Vielfalt eintauchen.