Helles Strahlen erleuchtete den sonst sehr nüchternen Bamberger Maxplatz an diesem kalten Dezemberabend. Mein Blick wanderte über die XXL-Weihnachtspyramide, die sich vor uns imposant am Rand des Bamberger Weihnachtsmarktes erhob. Geschäftiges Treiben mit freudig strahlenden Menschen, die einen Glühwein erworben hatten und ihn zu den wartenden Liebsten brachten, ergoss sich von der strahlenden Pyramide aus über Teile des Marktes.
Mein Blick löste sich langsam vom Gedränge unterhalb der Pyramide und fand Halt an ihrer untersten Ebene. Dort, wo die Krippenszene aufgebaut war, wirkte alles überraschend ruhig. Maria saß still, nicht idealisiert, sondern gegenwärtig. Josef stand etwas seitlich, nicht im Zentrum, eher wachend als präsentierend. Das Kind lag zwischen ihnen, nicht herausgehoben, sondern eingebettet. Ochs und Esel rahmten die Szene, als hielten sie den Raum. Die Figuren drehten sich gemächlich, als hätten sie alle Zeit der Welt, und ich hatte den Eindruck, dass genau darin ihre Wirkung lag.
Direkt darüber erschienen die drei Weisen. Sie standen bereits nahe beim Kind, nicht mehr unterwegs, sondern angekommen. Ihre Gaben hielten sie nicht erhoben, sondern zurückhaltend, beinahe vorsichtig. Ihre Körper waren dem Geschehen unter ihnen zugewandt, ihr Blick gesammelt. Es war kein Moment des Triumphs, sondern einer des Erkennens. Ein Verweilen, das nichts forderte.
Noch eine Ebene höher veränderte sich die Wahrnehmung. Hier löste sich der Blick vom Irdischen. Schließlich blieb er beim Engel stehen. Er erhob sich über die anderen und drehte sich langsam mit der Pyramide. Seine Arme waren geöffnet wie zwei Schalen oder wie eine Geste, die abwog.
Ich musste unwillkürlich lachen. Diese Geste war gerade in aller Munde. 67, so wurde sie genannt. Entstanden aus einem kurzen Video und Meme, vielfach geteilt, kommentiert, ironisiert. Eine Bewegung zwischen Abwägen und Achselzucken, zwischen Unsicherheit und stillem Einverständnis. Dass sie mir hier begegnete, in Holz geschnitzt und der Eile entzogen, wirkte zugleich komisch und erstaunlich passend.
Beim Engel jedoch verlor diese Geste ihre Flüchtigkeit. Sie wirkte nicht beiläufig, nicht witzig, nicht resigniert. Seine geöffneten Hände hielten nichts fest. Sie zeigten auf nichts. Sie ließen Raum. Vielleicht war er ratlos. Nicht grundsätzlich, nicht existenziell, sondern auf diese leise, freundliche Weise, die entsteht, wenn alles Wesentliche da ist und sich dennoch die Frage stellt, ob es auch wahrgenommen wird.
Vielleicht galt sein Blick nicht der Darstellung unter ihm, sondern den Menschen. Dem bunten Treiben auf dem Maxplatz, dem Kommen und Gehen, dem Lachen, den Gesprächen, die sich mit Musik und Glühweinduft vermischten. Vielleicht fragte er sich, ob die Botschaft, die dort unten so klar vor Augen stand, hier auch gehört wurde. Ob sie ankam zwischen Bechern und Begegnungen. Ob das Wort, das Fleisch geworden war, Resonanz fand.
Und doch lag in seiner Haltung nichts Forderndes. Keine Ungeduld. Keine Mahnung. Vielleicht wusste dieser Engel um den Unterschied der Zeiten. Darum, dass Gottes Zeit nicht mit der unseren zusammenfällt. Dass Menschen hören, wenn sie hören wollen – nach ihrem eigenen Belieben. Und dass das göttliche Wort nicht vergeht, auch wenn es vielleicht übersehen wird.
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Joh 1,14 (Lut 2017)
Vielleicht war diese Geste deshalb so vertraut. Nicht, weil sie gerade populär war, sondern weil sie älter ist als jeder Trend. Offene Hände. Ein Abwägen ohne Ungeduld. Ein Wissen darum, dass sich Wahrheit nicht beschleunigen lässt.
Bei den Engeln, dachte ich, ist diese Bewegung zeitlos. Kein Schulterzucken. Kein Zeichen von Ratlosigkeit im menschlichen Sinn. Eher ein Aushalten dessen, was noch unterwegs ist. Ein Halten der Zwischenzeit.
Der Engel drehte sich weiter. Gelassen. Mit offenen Händen.
Ich tauchte erheitert und zugleich getröstet aus meinen Gedanken auf, als mein Mann meine Hand drückte und mich ansah. Ob wir einen Glühwein trinken wollten, fragte er, ganz selbstverständlich, als wäre nichts geschehen.
Ich nickte.
Bevor wir uns umdrehten, hob ich noch einmal den Blick. Der Engel drehte sich weiter, gelassen, die Hände offen. Ich schickte ihm ein stilles, dankbares Lächeln. Für die Erinnerung daran, dass nicht immer alles erklärt, nicht alles begriffen, nicht alles sofort klar sein musste.
Zu Gottes Zeit würde offenbar werden, was jetzt noch offen blieb. Das Wort Gottes war längst da. Und für diese Zwischenzeit war das genug.
Der fröhliche Klang von feierlich erhobenen Sektgläsern und dem darauffolgenden vieltonigen Anstoßen war verklungen. Die freudigen, beglückwünschenden Reden durch verschiedene kirchliche Vertreterinnen und Vertreter den frisch examinierten Theologinnen und Theologen waren überbracht und die Zeugnisse als strahlender Ausdruck ihrer akademischen Leistung ausgehändigt worden. Nun war es Zeit für etwas Gemütlichkeit bei einem leckeren Abendessen im festlich eingedeckten Speisesaal des bayerischen Landeskirchenamtes.
Seitdem ich vor einigen Wochen die Einladung zur Examensfeier erhalten hatte, hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, an dem ich den neuen theologischen Nachwuchs kennenlernen durfte. Es würde mein erster Kurs sein, den ich als frisch gebackene Rektorin begleiten würde. Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus wusste ich, dass solche gemeinsamen Anfänge besonders wichtig sind und einen bewegenden Tiefgang haben können, denn darin verschränken sich Neubeginne auf unterschiedlichen Ebenen. Als ich damals vor einigen Jahren in der Bundespolizei meinen Dienst als hauptamtliche Polizeiseelsorgerin und Lehrerin für das Fach Ethik begann, war es eine Lehrklasse (besondere Grüße an „meine“ BA 21 II Dez 4-1 😘❤️), mit der ich den Ausgang aus der damaligen Tätigkeit als Pfarrerin in New York und den Eingang als Seelsorgerin erleben durfte. Mit und durch sie wuchs ich in eine neue, erfüllende Tätigkeit hinein, indem wir miteinander auf ihrer Ausbildungsreise unterwegs waren.
Von wohligen Gedanken an die zurückliegende Erinnerung und einem wohlschmeckenden Abendessen gestärkt gesellte ich mich an einen Tisch und nahm neben OKR Reimers, dem Leiter der Personalabteilung unserer Landeskirche, Platz. Mitten im Gespräch über die im Herbst beginnende Ausbildungskooperation zwischen Bayern und Sachsen sah er zu mir und sagte: „… aber das können Sie am Besten von Frau Groß erklärt bekommen.“ Ich schluckte erstaunt, und stürzte mich mutig in die Beschreibung. Als Theologin und reiseaffine Person bediente ich mich daher dem Aspekt des Reisens und Unterwegssein, wie er in der Bibel und in unserem Leben präsent ist. In all seiner Ambivalenz bediente ich mich einer Metapher, die uns allen geläufig ist: der der Bahn.
Vor der „Abfahrt“ dieses Zuges gab es einen langen Konsultationsprozess, der unterschiedliche Ebenen der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) an einen Tisch brachte, um möglichst viele Anforderungen zu berücksichtigen und eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung anbieten zu können. Horizont hierbei war das Jahr 2026. Nun war Zug bereits drei Jahre früher zu seiner ersten Fahrt gestartet. Ich hingegen stieg als „Zugführerin“ gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen (EvLKS) nun in den Zug ein.
Nicht umsonst hatte ich an diesem lauen Juliabend etwas locker, aber durchaus bestimmt das Bild der „Bahn“ verwendet, denn diese Metapher symbolisiert im Optimum einen Weg, der von Anfang bis Ende geplant und strukturiert ist, mit klaren Haltestellen und Zielen. Die Ausbildung kann mit einer Zugfahrt verglichen werden, die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit beginnt, verschiedene Stationen (also Lerninhalte und Praktika hat) durchläuft und schließlich am Zielort in einen erfolgreichen Abschluss und dem Einstieg in den Probedienst als Pfarrerin und Pfarrer mündet.
Schon bald würden wir gemeinsam mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen diese aufregende Zugfahrt beginnen. Zumeist in denselben Abteilen (denn es gibt nur eine Zugklasse!), manchmal aufgrund der unterschiedlichen Erfordernisse der Landeskirchen uns während der Zugfahrt in extra Waggons begeben. In einem gemeinsamen Zug, dessen Gleise der Landeskirchenrat der ELKB vor längerem gelegt hatte und in einiger Zeit aufgrund eines Evaluationsprozesses anpassen wird, würden wir dem Ziel „Pfarramt“ entgegenfahren.
Etwas mulmig ist mir zugegebenermaßen schon während ich in die Rolle der Zugführerin hineinwachse. Denn trotz einiger Probefahrten (danke, lieber F23 und H23 für all eure Beharrlichkeit) und Streckenanpassungen wird es weiterhin vielfältige Herausforderungen geben. Vom realen Zugverkehr kennen wir das zu genüge. Verspätungen, Störungen, schlechte Wetterverhältnisse und Streckenschäden sind nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen werden. Dann wird es auf die gesamte Besatzung des Zuges ankommen, die zusammenhält und gemeinsam mit mir kreative Lösungen zur Sicherstellung der Fahrt findet.
Letztendlich befinden wir uns gemeinsam auf einer Reise. Als Evangelisches Studienseminar für Pfarrausbildung (ESP) dürfen wir Menschen begleiten, die in einen der spannendsten Berufe hineinwachsen wollen: nämlich das Pfarramt. Wir sind „Reiseabschnittsbegleiterinnen“ und „-begleiter“ für unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die sich wagemutig auf diese „Ausbildungsreise“ begeben.
Ein Blick in die Bibel kann trösten, aufmuntern und vielleicht auch nachdenklich stimmen. Denn die Bibel selbst ist voll von Reisegeschichten, die von Menschen und Gottes Führung auf ihrem Lebensweg berichten. Von Herausforderungen, Zurücklassen und Neubeginn – von Abkehr, Neugierde und Wachstum:
Abraham verließ seine Heimat, um in ein neues unbekanntes Land zu ziehen, das ihm Gott noch zeigen würde.
Das Volk Israel zog nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung von Mose durch die Wüste ins gelobte Land.
Jona wurde von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen, um dort zu predigen (diesem Auftrag versuchte er zu entkommen und lernte ein besonderes „Reisevehikel“ von Innen kennen).
Josef wurde von seinen Brüdern verkauft, erlangte nach schweren Jahren der Herausforderung eine wichtige Position und sicherte dadurch seiner Familie und seinem Volk das Überleben.
Die prächtige Königin von Saba machte sich auf den Weg nach Jerusalem, um Salomo und seine Weisheit höchstpersönlich kennenzulernen.
Der Apostel Paulus unternahm vier Missionsreisen, bei denen er wahnsinnig beeindruckende 15.000 km zurücklegte.
Die Reisegeschichten der Bibel sind so vielfältig wie die Menschen, die Reisen unternehmen. Was ihnen allen gemein ist: Diese Geschichten zeigen, dass Reisen in der Bibel nicht nur geografische Bewegungen sind, sondern eine spirituelle und persönliche Entwicklung mit sich bringen. Viele unserer Vikarinnen und Vikare werden an neue Orte in ihre jeweiligen Ausbildungsregionen ziehen, doch noch viel interessanter und bewegender wird deren innere Reise zum Ausbildungsziel Pfarrerin und Pfarrer sein.
Ich freue mich, sie auf ihrer Ausbildungsreise im Herbst als „Zugführerin“ mit einem engagierten Team von Studienleiterinnen und -leitern aus Bayern und Sachsen begleiten zu dürfen und hoffe, dass sie beim Erreichen des Ausbildungszieles wie die biblischen Erzählungen es tun, Geschichten von Vertrauen, Herausforderung, Glauben und der eigenen Suche nach Gottes Willen erzählen werden.
Voller Begeisterung schlug ich das kleine gelbe Reclams-Buch im voll besetzten Regionalexpress auf und tauchte nach einem durchaus nachdenklich stimmenden Arbeitstag in die wohltuende Welt von Charlie Brown ein.
Charlie Brown, Snoopy und Co. haben es mir wirklich angetan. Schon früh habe ich die Freunde gerne bei ihren immer wiederkehrenden Abenteuern mit ähnlichem Ausgang begleitet. Dabei ist Charlie Brown kein Gewinnertyp. Er steht nicht auf einem Siegertreppchen und wird von Medaillen übersät. Vielmehr coacht er ausdauernd, aber erfolglos eine Baseballmannschaft, der einfach kein Sieg zuteil wird.
Charlie Browns Ausdauer und seine Leidensfähigkeit üben auf mich eine besondere Faszination aus. Er nimmtNiederlagen fast stoisch hin und lässt trotz allem nicht ab, um die stets um die Zuneigung von Lucy zu werben.
An diesem Spätnachmittag im Regionalexpress erfreute ich mich dieses behutsamen Eintauchens in eine altbekannte Welt und blieb erstaunt an einem Comic gedanklich hängen, in dem er sich mit Linus an ihrem Mauervorsprung befindet:
Charlie Brown offenbart nicht nur, dass er wieder einen Schicksalsschlag erlebt hat, sondern findet in Linus einen emphatischen Freund. Beide teilen diese Erfahrung, aber wie fast immer hat Linus eine sehr pragmatische Lösung parat: Die Idee Schutzhelme zu tragen.
Mein Theologinnenherz schlug beim mehrmaligen Lesen des kurzen Comics sofort höher, denn ich fühlte mich von diesen beiden Comic-Helden meiner Kindheit und Jugend verstanden. Das Leben ist voller Niederlagen, Tiefpunkten und schweren Herausforderungen. Der Hinweis auf einen Schutzhelm erinnerte mich umgehend an einen besonderen Ratschlag des Apostel Paulus:
Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
Epheser 6,16-17
Christen und Christinnen haben neben anderen erwähnten Bestandteilen einer Waffenrüstung einen besonderen Schutzhelm – nämlich den „Helm des Heils“, den sie tragen. Der Helm schützt sie in schweren Lebenslagen mit der Gewissheit, dass durch Jesus eine Perspektive bis in die Ewigkeit geschaffen ist.
Charles Schulz hätte man dies nicht erklären müssen, denn er war in einer lutherischen Gemeinde im mittleren Westen der USA aufgewachsen, dann zum Methodismus konvertiert. Gott und Glaube waren für Schulz nicht einfach nur „Nebengedanken“, vielmehr atmen seine Comics den Versuch, die Welt durch die Augen des Glaubens zu ergründen. Dabei spielen für ihn die Themen von Leid (wie fehlender Sieg seiner Baseballmannschaft oder andauernder Verlust seines Drachens im Baum) und Barmherzigkeit (schwierige Beziehung zu Lucy) eine wichtige Rolle.
Mit einem Seufzer schloss ich das kleine Reclams-Buch während mein Blick den herannahenden Bahnhof und damit meinen Ausstieg fixierte. Ob Schulz bei besagtem Comic an den Ausschnitt aus dem Epheserbrief beim Zeichnen dachte und ihn anklingen ließ, werde ich wohl nie erfahren. Aber Charlie Brown und seine Gang werden mir immer wieder Anregung und Trost schenken.
Mein Blick war vor Müdigkeit noch ganz verschwommen. Ich setzte in der Dunkelheit einen Fuß vor den anderen während meine Lehrgruppe um kurz vor fünf Uhr in einem gleichmäßigen, schweigenden Rhythmus vom dumpfen Stapfen der Dienststiefel angetrieben durch die kalte Winternacht marschierte. Um diese Uhrzeit würde ich mich normalerweise noch einmal umdrehen, mich in die wohlig warme Daunendecke wickeln und eine weitere Stunde schlafen, bevor mein Tag und kurz danach mein Dienst als Polizeiseelsorgerin beginnen würde.
Aber Jesus sagte einst in den berühmten Worten der Bergpredigt (Mt 5,41): „Geh die Extrameile mit!“ Ich seufzte beim Gedanken an einen warmen Kaffee leise und lief in der Dunkelheit stoisch weiter.
Kurze Zeit später hielt die Lehrgruppe umgeben von dunklen fränkischen Wäldern an während die angehenden Kollegen, die mit dem Finden des Weges betraut worden waren, über eine Karte gebeugt und im Schein von Taschenlampen den besten Weg zum Zielort eruierten. Sie würden in dieser Nacht viele Meilen bzw. Kilometer als Teil ihrer Ausbildung durch die Dunkelheit gehen.
Die Extrameile.
Nächtliche Alarmübungen sind ein wichtiger Bestandteil des ersten Ausbildungsjahres in der Bundespolizei. Bei einer solchen Übung müssen sie als Lehrgruppe Durchhaltevermögen, Orientierungssinn und Kameradschaft und die aufgetragenen Extrameilen gemeinsam bezwingen.
Das Wörterbuch von Pons definiert diesen Ausdruck in folgender Weise:
„Die Extrameile gehen“, Jargon (Anglizismus nach engl. „go that extra mile“): seine persönlichen Grenzen hinausschieben; mehr leisten als erwartet oder gefordert wird.
Die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter müssen in ihrer Ausbildung diese „Extrameile“ im literalen, aber ebenso im übertragenen Sinn gehen. Neben dem Weg war ihnen eine Gemeinschaftsaufgabe aufgegeben worden: 2000 Liegestützen und 2000 Kniebeugen mussten ebenso absolviert werden. So wurde der Weg durch die fränkische Winternacht immer wieder von zusätzlichen sportlichen Übungen unterbrochen und so mancher Muskel noch mehr belastet. Doch meine Lehrgruppe nahm dies nicht nur tapfer hin, sondern setzte die Aufgabe motiviert durch die sonore Ansage eines ihrer Kollegen um.
Die Extrameile.
Ein biblisches Motto, das auch mich durch so manche dienstliche Herausforderung und Aufgabe trägt. Der Kontext, aus dem Jesus Seine Worte schöpfte ist kein einfacher, denn hier geht es um ein feindlich gesinntes Umfeld und Vergeltung, auf die ein Nachfolger und eine Nachfolgerin im Falle einer Auseinandersetzung verzichten sollten. Hier sagt er:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist ( 2. Mose 21,24) : »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt , so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
Mt 5,38-41
Die Rede der Extrameile hat über christliche Gemeinschaften im angloamerikanischen Raum ihren Eingang auch in den deutschen Sprachgebrauch gefunden. Das „Neue Testament Jüdisch erklärt“ beschreibt den durchaus bedenkenswerten Hintergrund dieser Redewendung in folgender Weise:
Eine Meile, römische Soldaten hatten das Recht, Einheimische einzuziehen, damit diese ihre Ausrüstung für eine Meile trugen: Die zusätzliche Meile verdeutlicht die fehlende Gegenwehr.
Neues Testament Jüdisch erklärt, S. 26.
In der Ausbildung müssen Auszubildende diese Extrameile gehen, wenn es sich hierbei auch nicht um einen feindlichen, sondern einen selbstgewählten Kontext und damit den zu beschreitenden Ausbildungsweg zum Wunschberuf handelt.
Aber nicht nur sie gehen diese Extrameile. Auch ihre Ausbilderinnen und Ausbilder, sowie alle, die für ihren Lernweg das Notwendige bereitstellen. Das merkte ich in dieser Nacht als Seelsorgerin ebenso während das Gewicht meines Rucksacks dessen Riemen in meine Schultern drückten und ich dem langsam hereinbrechenden Tag sehnsuchtsvoll entgegenlief. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem Engagement derer, die für die bundespolizeiliche Ausbildung sorgen. Angeführt von ihrem Lehrgruppenleiter PHK Ralf Obermaier hatte mich die Lehrgruppe nicht nur herzlich in ihrer Mitte aufgenommen, sondern mich dies miterleben und durchleben lassen. Stringenz, Teamgeist, Durchhaltevermögen. Schritt um Schritt brachten diese die Lehrgruppe zu ihrem Ziel durch die dunkle Nacht.
Die Extrameile.
Endlich lag diese und viele andere (genauer gesagt laut Fitnessuhr 21 km) hinter mir. Ich atmete durch und genoß die spektakuläre Aussicht am Staffelberg. Welch ein Segen Teil ihrer polizeilichen Ausbildung sein zu dürfen. Sie begleiten zu dürfen in dunklen Zeiten der Herausforderung und hellen Freudenmomenten.
Lieber Blogleser, liebe Blogleserin: Jesus sagt: „Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Als Polizeiseelsorgerin ist mein Herz voll nach einer solchen Alarmübung, mein Mund geht über und meine Finger fliegen über die Tasten meines Mac-Books während ich diesen Blog schreibe.
Ich wollte Sie an diesem wichtigen Bestandteil bundespolizeilicher Ausbildung teilhaben lassen, damit auch Sie die Extrameile gehen und für unseren Nachwuchs tun, was möglich ist. Das Gebet wäre einer dieser Möglichkeiten, die auch in der Ferne leicht möglich sind. Gegenwärtig geht mein Blick vor allem in Richtung unseres polizeilichen Nachwuchses, da ich für sie mitverantwortlich bin. Beten Sie für deren schwere Aufgaben, die sie zu meistern haben. Aber beten Sie auch für den Nachwuchs anderer Berufsgruppen – ob Kirche, Gesellschaft oder Politik. Sie alle sind unsere Zukunft und brauchen unsere verlässliche, ermutigende, manchmal mahnende, aber auch richtungsweisende Begleitung, damit sie zum Ziel ihres Wunschberufes gelangen. Aus meiner Sicht als Seelsorgerin benötigen sie vor allem Gottes ständige Präsenz, damit sie in der Dunkelheit ihres Dienstes den Weg und ihre Aufgaben meistern, um mit dem angebrochenen Tag zu noch größerer Stärke und Verantwortung zu gelangen.
Das Kalenderjahr 2024 geht zu neige. Dieses Jahr scheint in einer besonderen Dichte und Intensität an mir „vorbei gerast“ zu sein. Vielleicht geht es Ihnen auch so? Politisch, gesellschaftlich und sozial war 2024 ein anstrengendes Jahr.
In vielem scheint dieses zu neige gehende Kalenderjahr von zwei Themen geprägt zu sein: von großem Schmerz und „Exnovation“.
Schmerz und Leid durch den Krieg in der Ukraine, im Heiligen Land, in Libanon und an so vielen Orten dieser Welt. Durch Terroranschläge wie in Magdeburg ebenso in unserem eigenen Land. Wann hört das Kriegen und Töten endlich auf? Wann verstehen wir Menschen, dass wir einander Brüder und Schwestern sind, da wir einen Schöpfer und Herrn der Welt haben? Die Missbrauchsstudie und die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in meiner eigenen Kirche machen mich wütend und sprachlos. Warum fügen Menschen anderen so viel Leid zu und dann auch noch dort, wo sie sich eigentlich in Sicherheit befinden sollten?
Der Begriff „Exnovation“ beschreibt das Gegenteil von „Innovation“, also die Rücknahme von Systemen, Prozessen, Praktiken oder Technologien, die abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen wurden. Ein eigentlich normaler Schritt im wiederkehrenden Zyklus von Entstehung, Etablierung und eventueller Auflösung, bevor Neues sich etablieren kann. Vieles an gewohnten politischen und gesellschaftlichen Ordnungen ist in diesem Jahr abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen worden. Nun halten wir angespannt unseren Atem an, denn wir wissen nicht, wie sich die Verhältnisse in 2025 neu ausbilden werden, sei dies die neue Regierung in USA, die Neuordnung Syriens und die anstehenden Neuwahlen in Deutschland.
Was wird 25 bringen?
Die 25 ist mathematisch betrachtet eine ungerade Zahl, aber ebenso eine Quadratzahl und bildet die Summe der fünf ungeraden, einstelligen Zahlen: (1 + 3 + 5 + 7 + 9 = 25).
Die Zahl 25 steht für das chemische Element Mangan, das ein silberweißes, hartes, sehr sprödes Übergangsmetall, das Eisen ähnelt. Mangan wird in der Natur in großen Mengen abgebaut und vor allem in der Stahlindustrie verwendet.
Als Polizeiseelsorgerin geht mein neugieriger Blick juristisch auch ins Strafgesetzbuch (StGB). In §25 geht es um die „Täterschaft“:
(1) Als Täter wird bestraft, wer die Straftat selbst oder durch einen anderen begeht. (2) Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft (Mittäter).
Besonders interessant erscheint mir ein Blick in die Heilige Schrift und die darin enthaltende Numerologie. Die Zahl 25 steht für „überquellende Gnade“ – dies ergibt sich aus der Summe von 20, die für „Erlösung“ und 5, die für „Gnade“ steht. Auch kann man 5×5 als Gnade über Gnade übersetzen. Mit dieser Zahl sind verschiedene Ereignisse in der Bibel verbunden: König Josaphat regierte 25 Jahre, während Hesekiel im 25. Jahr seiner Gefangenschaft seine Vision des Tempels erlebte. Die Bücher Judas und Philemon bestehen jeweils aus 25 Versen.
Neben diesen interessanten biblischen Aspekten der Zahl 25, sind auch die gesellschaftlichen und sozialen Konnotationen aufschlussreich. In unserer Gesellschaft spielt der 25. Jahrestag eine bedeutende Rolle. Silberne Hochzeiten, Dienstjubiläen und viele andere Ereignisse, die ein Vierteljahrhundert umspannen, werden als besondere Meilensteine gerne gefeiert.
Die katholische Kirche feiert das 27. Jubeljahr. Seit 1300 werden mit Papst Bonifatius VIII. diese hervorgehobenen Feierlichkeiten in der katholischen Kirche begannen. Biblisch betrachtet findet ein Erlass- oder Jubeljahr alle fünfzig Jahre statt (siehe Lev 25,8-55) und bezog sich ursprünglich auf sog. „Schuldsklaven“ und deren Befreiung von einer verpflichtenden Schuldarbeit. Im Mittelpunkt des katholischen Jubeljahres steht für Gläubige die Chance auf einen vollkommenen Ablass ihrer Sünden und damit einen Neuanfang. Doch dies geschieht nur unter der Voraussetzung, dass sie nach Rom pilgern, um dort die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen und die Heilige Pforte der Apostelkirche bis zum 6. Januar 2026 zu durchschreiten. Die Stadt Rom wird in 2025 daher nicht nur über diesen Zuspruch für katholische Christinnen und Christen, sondern auch über den Zustrom von Pilgern jubeln können.
Viele kirchliche Publikationen nehmen in ihren Veröffentlichungen die jeweilige Jahreslosung in den Blick – wie z.B. das evangelische Sonntagsblatt.
Prüft aber alles und das Gute behaltet.
Thess 5,21
Analog zum letzten Jahreswechsel (2023 und 2024) werde ich hingegen meine Segenswünsche zum kommenden neuen Jahr an Psalm 25 anlehnen.
Ich danke allen Leserinnen und Lesern meines Blogs, dass Sie und ihr meinen Worten und Gedanken Raum und Zeit geschenkt habt. Möge Gottes Segen euch in 2025 begleiten!
Ihre / eure Miriam Groß
Nach dir, HERR, verlangt mich. (Vers 1)
Mögest du im neuen Jahr die Nähe Gottes, des Herrn über Welt und All, suchen.
Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.(Vers 2)
Möge Er dich Seine Nähe spüren lassen – besonders dann, wenn du schwere Zeiten durchlebst.
Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret; aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter. (Vers 3)
Mögest du geborgen in Gott sein – auch im Angesicht deiner Verächter, denn Er sieht und schützt die, die Seine Gegenwart suchen.
HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! (Vers 4)
Möge der Herr unseres Lebens dir den Weg zeigen, den du dieses Jahr beschreiten sollst, und dich Schritt um Schritt führen.
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft;täglich harre ich auf Dich. (Vers 5)
Möge die göttliche Wahrheit dir Richtschnur und Gott Dir eine Hilfe in allem sein, was du im neuen Jahr tun und erleben wirst.
So segne und behüte dich Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist in 2025.
Ein kalter Wind pfiff durch die schmale Straße. Ich rieb mir die Hände und zog die blaue Weihnachtsmütze tiefer ins Gesicht während ich in die erwartungsvoll-freudigen Gesichter meines polizeilichen Nachwuchs blickte, der auf den Einlass in der Diskothek im Herzen Bambergs geduldig wartete.
Als Polizeiseelsorgerin versuche ich so oft wie möglich an „Blaulichtparties“ präsent zu sein, um gemeinsam mit Ehrenamtlichen der Gewerkschaft der Polizei als Ansprechpartnerin verfügbar zu sein. Denn der Nachwuchs, dessen Sicherheit und ihre Anliegen liegen uns – Seelsorge und Gewerkschaft – sehr am Herzen. Hand in Hand zeigen Kirche und Gewerkschaft durch Personen vor Ort ein gemeinsames Gesicht.
Und das ist notwendig, denn die nächste Generation von Beamtinnen und Beamten ist unsere Zukunft. Ob dies Polizistinnen und Polizisten, oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind, so sollten wir uns bewusst sein, dass diese Berufsgruppen vieles begleiten, was ein Bürger oder eine Bürgerin hoffentlich nur selten oder nie erleben muss. Beide Berufsgruppen machen diese Erfahrungen sehr früh in ihrer beruflichen Laufbahn – meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter beginnen ihre Ausbildung teilweise mit sechzehn Jahren.
Unser Nachwuchs benötigt daher unsere Begleitung und unser unablässiges Gebet. Paulus schreibt weise Worte über die Gestaltung unseres Lebens und das Gebet in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki, die auch wir zu Herzen nehmen sollten:
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.
1. Thess 5,16
Fröhlichkeit stand an diesem Dezemberabend kurz vor dem Weihnachtsurlaub meiner Auszubildenden im Mittelpunkt derer, die dorthin gekommen waren. Inzwischen war mir vom Stehen neben der Security am Eingang der Diskothek in der zugigen Straße kalt geworden. Ich entschuldigte mich bei meinem Gewerkschafts-Kollegen und stieg die Treppe hinunter in den dunklen und warmen Gastraum, während ich in die rhythmische Musik der Feierenden eintauchte. Obwohl ich am Rande der Tanzfläche in meiner Leuchtweste stand, wurde ich in den fröhlichen Sog mit hineingetragen und lies mich einige Minuten vom Rhythmus tragen.
Seid allezeit fröhlich!, fordert Paulus auf.
Doch jenseits all des Feierns erwartet unseren Nachwuchs ein schwerer beruflicher Alltag. Das wusste ich durch meine eigene Ausbildung, aber auch durch meine Erfahrungen in der Begleitung von polizeilichen Einsatzkräften und kirchlichen Seelsorgenden. Sie sind eingestellt in ein weites berufliches und privates Spannungsfeld. Dabei dankbar zu sein, ist eine große, ja fast lebenslange Herausforderung.
Seid dankbar in allen Dingen!, fordert Paulus auf.
Tod, Trauer, Verlust, Übergriffe und Extreme prasseln auf diese zumeist jungen Menschen ein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich meine ersten beruflichen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Endlichkeit mit Mitte zwanzig gesammelt hatte. Prägende Momente, die sich teilweise in die Seelen der jungen Menschen einbrennen. „Die erste Leiche, den ersten Toten vergißt du nie“, hatte man mir damals in der Seelsorgeausbildung gesagt. Diese und andere Erfahrungen hinterlassen ihren unauslöschlichen Eindruck, der unseren Nachwuchs während seiner Ausbildung verändert und formt. Als Lehrende, Mentorinnen und Mentoren können wir nicht immer vor Ort sein. Daher braucht es etwas, worauf Paulus zu recht hinweist:
Betet ohne Unterlass!, fordert Paulus.
Gott hört. Er ist da. Und manchmal braucht es andere, die für einen beten, wenn man selbst keine Worte mehr findet oder sich mitten im Geschehen befindet. Kein Wunder also, dass Dekanin Kerstin Baderschneider aus Kitzingen die Synode aufgefordert hatte, den Gemeinden eine Bitte um den Nachwuchs in die Fürbittengebete aufzunehmen (siehe Artikel Sonntagsblatt). „Es liegt Kraft im gemeinsamen Gebet“, so Dekanin Baderschneider. Dem kann ich nur zustimmen! Für mich kommen dabei als Seelsorgerin der kirchliche und der polizeiliche Nachwuchs in den Blick, der so viel erleben und schon während seiner Ausbildung begleiten muss – Gebet ist neben einer guten Ausbildung das, was wir alle für sie tun können. Als die Synode diese Eingabe abgelehnt hat, war es für mich ein bitterer Moment. Aber vielleicht überlegt es sich die Synode nochmals, wenn sie im neuen Kalenderjahr sich mit der sechs Verse später stehenden Jahreslosung auseinandersetzen wird?
Prüft aber alles und das Gute behaltet. So rät es Paulus.
Zu hoffen ist es allemal, dass die Synode dies ernst nimmt und nochmals diese Eingabe als geistliches Gremium prüft.
Inzwischen war es kurz nach Mitternacht. Nachdem die letzten unter Sechzehn sich auf den Weg zurück zur Ausbildungsstätte gemacht hatten, konnte auch ich in den Feierabend gehen. Ich verabschiedete mich von meinem Kollegen und tauchte mit Leuchtweste in die dunkle Nacht ein. Nur wenige Fenster waren noch beleuchtet als ich durch die Kälte nach Hause radelte, aber eins wusste ich gewiss: Mein Engagement und unablässiges Gebet als Polizeiseelsorgerin würde meine Auszubildenden begleiten, denn das war notwendig.
… Und liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie etwas Zeit haben, beten Sie für unseren Nachwuchs, den polizeilichen und kirchlichen. Denn wir brauchen sie in ihrer jeweils eigenen beruflichen Kompetenz, damit Gerechtigkeit und Hoffnung in diese Welt einziehen möge.
Nach all der Aufregung hatte meine Dosenöffnerin beschlossen, die Küche geschlossen zu lassen. Ach, das ist aber schade! Denn neben den Dosen fallen für mich manchmal Leckereien von ihrem Essen ab. Selbst als ich mein herzzerreißendes Miauen auspackte, erweichte sie nicht. Stattdessen verschwand sie plötzlich in die Dunkelheit der kalten Dezembernacht. Diese Dosenöffner sind äußerst seltsam. Mich würde diese Kälte nicht reizen. Dafür strecke und räkle ich mich gerne vor dem warmen Ofen und lasse mich von dem Knistern in den Schlaf singen.
Als meine Dosenöffnerin kurze Zeit später zwei köstlich duftende, bunte Packungen auf den Küchentisch stellte und sich mit der Nachwuchs-Dosenöffnerin hinsetzte, sprang ich auf ihren Schoß und dann, um es noch genauer sehen zu können, auf meinen Lieblings-Aussichtspunkt, den sie „Schultern“ nennt. Dort werde ich zumeist verlässlich und stabil durch die Wohnung getragen.
Heute aber schüttelte meine Dosenöffnerin ein herzhaftes Lachen. Neugierig beugte ich mich noch weiter nach vorne, um genau zu sehen, was der eigentliche Grund ihres rätselhaften Verhaltens sein könnte, das das leckere Essen so lang heraus zögerte.
Aber hört doch selbst:
„Ein Vorgeschmack auf die Vergangenheit“ – so wie es auf der Pizzaverpackung steht, darauf habe ich so gar keine Lust. Ich habe nur wenige Erinnerungen an die Zeit vor meinem jetzigen Katzentempel, aber das, was ich noch weiß, ist dunkel und düster.
Obwohl ich mir Mühe gab, erhielt ich keinen einzigen Bissen der lecker duftenden Pizza. Also blieb mir nichts weiter als es mir nach deren Festmahl auf dem Schoß meiner Dosenöffnerin gemütlich zu machen. Kaum war ich eingenickt, stand sie auf und holte sich ein großes Glas Wasser, das sie in einem Zug lehrte. Ja, ja, diese Pizza – sie riecht immer lecker und die Salami darauf soll angeblich vorzüglich schmecken, aber zusammen mit dem Käse ist es doch eher eine recht salzige Angelegenheit. Kein Wunder also, dass sie so viel Durst hatte! Dabei murrte sie vor sich hin und schimpfte über die Aufschrift auf der Pizzaverpackung. Ich sehe, wir verstehen uns! Dabei kramte sie in einem dicken Buch, das sie „Bibel“ nennt und las eine Geschichte von Jesus, der in eine Stadt gekommen war und eine Frau um Wasser bat:
Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.
Joh 4,7-14 LUT
Etwas verwirrend finde ich diese Geschichte schon, denn wenn man so wie die Dosenöffnerin an Jesus glaubt, sollte man doch keinen Durst haben? Vielleicht ist damit aber etwas anderes gemeint als der Durst, der uns nach einer salzigen Pizza zum Wasserhahn treibt? Der Durst nach Ewigkeit, sagt sie, wird durch den Glauben an den Messias gelöscht. So wie es die Geschichte von Jesus und der Frau aus Samarien erzählt.
Wie bedauerlich, dass es heute Abend nicht auch für den körperlichen Durst meiner Dosenöffnerin gilt. Kaum habe ich es mir wieder auf ihrem Schoß gemütlich gemacht, steht sie schon wieder auf und eilt zum Wasserhahn. Ja, seltsam sind sie oft, diese Dosenöffner.
Heute Abend bin ich nach einem langen anstrengenden Tag wieder satt und müde. Durst habe ich im Gegensatz zu ihr keinen. Wer weiß? Vielleicht habe ich etwas von diesem Wasser getrunken, von dem die Jesus-Geschichte erzählt? Auf jeden Fall träume ich heute Abend im Schein des Ofens von leckeren Dosen. Am liebsten von solchen gefüllt mit Pute mit Zucchini und wunderbar cremiger Sauce.
Fasziniert betrachtete ich den Aufmarsch der Studiengruppen. Die Marschformation, Aufstellung und Durchführung geschah wie von unsichtbarer Hand geführt. Man konnte die Mühe, aber auch die Genauigkeit erahnen, die darin verborgen war und von einer höher geordneten Person in diese Form gebracht worden war. Der Aufmarsch verlieh uns an diesem Tag Sicherheit und symbolisierte einen besonderen Ehrengruß.
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, 27. Januar 2023
Seit meines Dienstbeginns in der Bundespolizei tauche ich als Pfarrerin und Theologin in ein hierarchisches geführtes System ein, mit dem ich in ähnlicher Weise punktuell durch meine Tätigkeit in der NYPD und meinen familiären Berührungspunkten mit der US-Army in Berührung gekommen war. Die polizeilichen Führungsstrukturen, und auch die der evangelischen Seelsorge in der Bundespolizei sind stark hierarchisch gegliedert. Während in meiner dienstlichen Verwendungszeit die Notwendigkeit besteht, sich hierin einzuordnen, hilft mir diese Erfahrung, Führen und Leiten in meinem ursprünglichen kirchlichen Tätigkeitsbereich zu reflektieren und für die berufliche Zukunft daraus zu lernen.
Besonders aufgrund der massiven Veränderungen in den Kirchen, die durch Mitgliederrückgang, massiv rückläufige Finanzen und einen Bedeutungsverlust der Kirchen im öffentlichen Leben evoziert sind, lohnt sich ein Blick auf das Thema, wie es in Bibel und Bekenntnis wahrnehmbar ist. Die folgenden Erwägungen sind daher für all diejenigen gedacht, die sich mit Amt, Führung und Leitung auseinandersetzen wollen oder müssen, um dies bibel- und bekenntnisgemäß zu gestalten.
Während straffe Hierarchie aufgrund der Einsatzstruktur und -notwendigkeit ein Merkmal der Bundespolizei ist, sollten die Kirchen kritisch auf ihre eigene (oftmals auch offen oder verdeckt hierarchische) Struktur sehen. Wagen wir also einen Blick in Schrift und Bekenntnis:
Wenn wir die Bibel befragen, so ist der Ursprung jedes Amtes in einem königlichen Priestertum zu sehen. Bei der Ankunft des Volkes Israel am Sinai verkündete Mose im Auftrag Gottes, das sie ein Königreich von Priestern seien:
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Ex 19,5
Aus diesem Königreich von Priestern wurde schließlich in der biblischen Entwicklungsgeschichte ein königliches Priestertum, das zum Priestertum aller Getauften wurde. Nun waren alle vor Gott gleich würdig und wehrt.
… und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Off 1,6
Doch blieb es nicht nur bei diesem intrinsischen Wert, der den Gläubigen zugesprochen wurde, sondern dieser Zuspruch wurde mit einem ganz konkreten Anspruch verbunden, den man am Ende des Matthäusevangeliums wahrnehmen kann:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Mt 28,18
Zuspruch und Anspruch sind eng miteinander verknüpft und werden doch relativiert, denn im Leib Christi sind alle gleichberechtigt mit einem Haupt, das Christus ist:
Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied. Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann gab er die Kraft, Wunder zu tun, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede.
1.Kor 12,27f.
Nun kann man im neuen Testament drei Ämter wahrnehmen: Apostel, Propheten und Lehrer. Diese sind alle gleichwertig im Amt. In der paulinischen Chrismentheologie, die in der Paulusschule ausgebildet wurde, sind diese Ämter um Evangelisten und Hirten erweitert worden. Alle Ämter aber sind dazu da, „damit die Heiligen zugerüstet werden“ und sind als Teile des Leibes auf das Haupt hin, also Christus ausgerichtet. „Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum“.
Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi. Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe, hat Gefangene in die Gefangenschaft geführt und den Menschen Gaben gegeben.« Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle. Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.
Eph 4,7-16
Wenn wir hier in V. 12 blicken, so wird hervorgehoben, dass die erwähnte Personengruppe dazu da ist, die „Heiligen“ zuzurüsten. καταρτισμός bedeutet „zurüsten“, „trainieren“, aber auch „schulen“. Pfarrpersonen sollen daher Gemeindeglieder befähigen, nicht betreuen. Um dem biblischen Bild gerecht zu werden müssen wir dringend weg vom Selbstverständnis der Betreuungskirche hin zur Beteiligungskirche. Ein längst überfälliger Schritt, denn das im Kaiserreich eingeführte und nach dem zweiten Weltkrieg als notwendig weiterausgebaute System der Betreungskirche greift nicht mehr. Es braucht neue und andere Wege, auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen und Hirtinnen und Hirten, im Großen und Kleinen, die dies ernsthaft umsetzen.
Davon erfahren wir in den Pastoralbriefen mehr. In ihnen spürt man danach sehr deutlich, dass diese sich mit dem ausbreitenden Christentum praktischen Fragen zuwenden mussten. Wie sieht z.B. solch ein Hirtenamt aus? Wie hat sich ein Bischof, also der geistige Führer einer Gemeinde, oder ein Diakon sich zu verhalten? Mehr erfahren wir im ersten Timotheusbrief:
Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt erstrebt, begehrt er eine hohe Aufgabe. Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.
1. Tim 3,1-7
Das sind hohe Ansprüche für gemeindliche Führungspersonen, die nicht ohne Zuspruch bleiben dürfen. Nur ein Kapitel später wird daher die Gabe hervorgehoben, die wir heute als Ordination bezeichnen würden:
Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung des Rates der Ältesten.
1. Tim 4,14
Gestärkt durch diese Zusage kann eine offiziell beauftragte Person ihren Dienst vollführen immer mit dem Blick auf die „heilsamen Worte“ (2. Tim 1,13) , die diese Person gehört hat. Weiterhin wird es interessant, wenn wir von diesem biblischen Blick uns den Bekenntnisschriften zuwenden.
All diese Gedanken sind schließlich in CA V (Predigtamt), VII (Kirche) und XIV (Kirchenregiment) eingegangen. Im Wittenberger Ordinationsformular von 1535 spiegelt sich diese Beauftragung nach Innen und Außen wieder.
In besonderer Weise sei hier Barmen IV erwähnt, das einhergehend mit Mt 20,25.26 nochmals die Gleichrangigkeit der verschiedenen Ämter betont:
Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.
Barmen IV
Ein massiver Unterschied zu Amt, Führung und Leitung, wie ich sie gegenwärtig in der Einsatzorganisation der Bundespolizei wahrnehme und wie dies für Polizistinnen und Polizisten alltäglich erscheint. Selbstverständlich sei an dieser Stelle betont, dass es in einer solchen aufgrund der zu versorgenden Geschehnisse eine hierarchische Befehlsstruktur geben muss. In kirchlichen Strukturen hingegen ist Amt, Führung und Leitung nach biblischen Befund auf Christus als dem Kopf des Leibes hin ausgerichtet, der alle als gleichberechtigte Glieder sieht. Dort gibt es keine Höherwertigkeit des einen über die andere. Nicht umsonst hat Steffen Bauer im Bezug auf die notwendigen Veränderungsprozesse in den Landeskirchen gesagt:
Die Führung des Wandels benötigt einen Wandel der Führung.
Noch deutlicher sollte ich hinzufügen: Wir müssen weg von dem überholten Bild der Versorgungskirche hin zu einer Beteiligungskirche, in der jeder und jede als Teil dieser Kirche seine Wirkrelevanz als Glaubende einbringen und gestalten kann. Pfarrpersonen sollten hierbei befähigen und ermöglichen, nicht schlicht „versorgen“.
Mit dem wachsenden Druck auf Kirche werden wir sehen, wie ernst Kirchen es meinen oder ob sie wie die Church of Scotland viel zu spät reagieren und dann in den teils selbst kreierten Abgrund blicken werden.
Was ich mir nach dieser kleinen Reise durch Schrift und Bekenntnis ersehne: eine Kirche der Menschen vor Ort, die Glauben in seiner Pluriformität leben und erfahrbar machen.
Zahlreiche Lehr- und Studiengruppen sind in den letzten Jahren an mir vorüber marschiert. Bei einigen habe ich mich eingereiht und diese bei nächtlichen Alarmübungen und Orientierungsmärschen begleitet. Es sind wertvolle Einblicke in eine besondere und wichtige berufliche Welt, die für unsere Sicherheit sorgt. Ich habe großen Respekt vor deren Leistungs- und Leidensbereitschaft im Namen des Grundgesetzes. Als evangelische Seelsorgerin, die irgendwie Teil der Organisation, dann aber auch eine ganz andere Anbindung hat, werde ich sie aufgrund meiner kirchlichen Beurlaubung nur eine gewisse Zeit begleiten dürfen. Manchmal ist diese Begleitung ein wahrer „Drahtseilakt“ zwischen Eingliederung in eine straffe Hierarchie und einer andersartigen Verortung, die aus Bibel und Bekenntnis entspringt und den Menschen, nicht die Hierarchie und Funktion in den Mittelpunkt stellt. Ich bin dankbar um das mir entgegengebrachte Vertrauen, das mein Herz in besonderer Weise anrührt und auch mich verändert.
Nicht selten sehe ich auf grauen Flächen, an Bahnhöfen und offenen Betonmauern so manche „Graffiti-Verzierung“. Die erste, die mich auf meinem Nachhauseweg von der Kirche begrüßte, war eine graues, voluminöses Etwas, das weiß umrandet worden war. Schmunzelnd musste ich an das berühmte Gemälde Rembrandts „Das Gastmahl des Belsazars“ denken, das er 1635 gemalt hatte. Hier waren es eine weiße hebräische Schrift, die dem Betrachter auf dem Dunkel der Wand entgegen strahlt: מְנֵ֥א מְנֵ֖א תְּקֵ֥ל וּפַרְסִֽין –mənēʾ mənēʾ təqēl ûp̄arsîn in Lautschrift.
Laut biblischer Geschichte (Dan 5) konnte keiner der Anwesenden dem erschrockenen König Belsazar die wie aus dem Nichts erschienene göttliche Schrift übersetzen und erklären. Hieraufhin wurde der Prophet Daniel gerufen, der für seine Weisheit und sein wahrsagerliches Können berühmt war, um die Schrift zu entziffern.
„Menetekel“ – „the writing on the wall“ (engl.) wird oft im Deutschen als „Zeichen der Zeit“ wiedergegeben. Dabei wurde das Wort „Menetekel“ der biblischen Geschichte zum Inbegriff eines drohenden Unheils.
Die Zeichen der Zeit schnellstmöglich erkennen und entziffern. Das haben die evangelischen Landeskirchen dringend notwendig. Die Bedrohung ist bereits deutlich sichtbar und in der Mitte vieler Landeskirchen angekommen. So muss sich die Evangelische Kirche von Westfalen mit massiven Problemen auseinandersetzen, die von einer Nachfolge ihrer Präsens bis hin zu massiven Einsparmaßnahmen, Stellenkürzungen und komplette -streichungen, Gebäudeschließungen und -verkäufen reichen.
Solch massive Einschnitte habe ich in meinen drei Jahren Auslandsverwendung ab 2007 in einer konkreten Gemeinde in Orkney begleitet, als die Church of Scotland massive Einsparungen aufgrund der Immobilien- und Wirtschaftskrise und einer erodierenden Mitgliederzahl vornehmen musste. Als ich meinen Dienst in der schottischen Kirche begann, waren es über eine Millionen Mitglieder. Bei meinem letzten Besuch in 121 George Street, Edinburgh (dem dortigen Landeskirchenamt) erzählte man mir 2023 von massiven Sorgen, da die Mitgliedszahlen nunmehr 260.000 betrugen und man genau überlegen müsse, welche Gemeinden, Gebäude und Angebote man erhalten könne. (Davon berichtete ich im Blogeintrag „Church of Scotland: Eine Kirche im freien Fall“.) Vor kurzem wurden die neuesten, bitteren Zahlen bekannt: bis 2027 plant die Church of Scotland aufgrund einer prognostizierten Zahl von 36.000 Mitgliedern die Zahl der Pfarrstellen um die Hälfte auf 47 zu reduzieren. Schlicht und schmerzhaft wage ich zu schreiben: die einstige stolze schottische Nationalkirche befindet sich in einem Auflösungsprozess. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren beobachte ich diese rasante Entwicklung mit viel Sorge.
Haben wir in Deutschland das Menetekel gesehen? Haben wir die Zeichen der Zeit erkannt? In der Evangelischen Kirche in Westfalen sicherlich. Auch anderorts scheint es manchen zu dämmern. Andere entgegnen mir schlicht, dass wir keine anglikanischen Verhältnisse hätten und zum Beispiel in den skandinavischen Ländern dies ganz anders aussähe.
Ich kann es nur hoffen, aber die rasante Entwicklung der Church of Scotland und auch die erlebte Realität in USA lässt mich anderes befürchten. In meiner Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin, die vornehmlich in einem der größten Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum tätig ist, erlebe ich, dass Religionszugehörigkeit die Ausnahme darstellt. Hierbei sind Musliminnen und Muslime eher auszumachen. Christinnen und Christen in der absoluten Minderheit. Der noch auszubildende polizeiliche Nachwuchs scheint vornehmlich ohne religiöse Affinität zu sein. Hier erlebe ich, was in der Mitte der Gesellschaft schon sehr bald Normalität darstellen und kirchliche Strukturen massiv in Frage stellen wird.
Kurze Zeit später lief ich an einer weiteren „Graffiti-Verzierung“ vorbei. In großen bunten Lettern prangte hier „SICK“ (engl. „krank“) deutlich lesbar an der grauen Wand der Parkgarage. Vielleicht müssen wir die Zeichen der Zeit schlicht erkennen und an dem gesunden, an dem unsere Kirche krankt?
Als kleine Pfarrerin hoffe ich, dass die Zeichen der Zeit von denen in Macht und Einfluss erkannt, Maßnahmen ergriffen, von Unnötigem (Exnovation) Abstand genommen und neue Wege (Innovation) versucht werden. Damit die Zeichen der Zeit nicht zu einem wahren biblischen Menetekel für Landeskirchen werden, wie sie bereits andernorts auf europäischen Boden sind.
Anempfohlen sei hierbei die Lektüre eines wichtigen Buches:
Sandra Bils und Gudrun Töpfer:Exnovation und Innovation: Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen (Systemisches Management)
Als ich unseren Schrank im Eingang öffnete, um meine Jacke herauszunehmen, fiel mein Blick auf den leeren Platz meines Hutes. Ich seufzte traurig. Vor Monaten hatte ich in einem unbedachten Moment meinen Lieblingsbegleiter verloren. Mein schwarzer Filzhut hatte mich seit meinem Vikariat treu begleitet. Er hatte mit mir nasse fränkische Herbsttage, schottische Stürme, eiskalte Münchner Winter und verschneite New Yorker Blizzards erlebt. Über zwanzig Jahre hatte er mich gewärmt, vor Erkältung beschützt und daran erinnert, dass ich durch Gott in allem, was ich als Pfarrerin und Familienfrau erlebe, gut behütet bin.
Im Buch der Psalmen steht:
Liebet den HERRN, alle seine Heiligen! Die Gläubigen behütet der HERR und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.
Psalm 31,24 (LUT 2024)
Für mich war mein verlorengegangener Hut seit meines Dienstbeginns in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern die Verkörperung dieses biblischen Verses, der eingebetet in Psalm 31 von so viel Geborgenheit spricht. Als Gläubige sind wir in Gottes Händen geborgen und werden in allem, was wir erleben behütet. Dies mag nicht bedeuten, dass in unserem Leben nasse Herbsttage, angsterweckende Stürme und eiskalte Winter erspart bleiben. Aber durch Jesus Christus wissen wir, dass Leid, Endlichkeit und Tod nicht das letzte Wort haben. Behütet durch Gottes Zusage können wir der Ewigkeit entgegen leben. Komme was wolle!
An diesem sonnigen Spätherbstnachmittag wollte ich mich nun nach Monaten der Trauer nach einem neuen Begleiter umsehen, denn Herbst und Winter standen kurz bevor. Als ich kurze Zeit später durch die Tür des Hutgeschäfts trat, grüßte mich eine Verkäuferin aufmunternd und führte mich in einen schillernd bunten und liebevoll ausgestalteten Ausstellungsraum für Damenhüte.
Aufmerksam meiner Schilderung folgend, nickte sie wissend und verschwand, um kurze Zeit später mit einem schwarzen, schicken Damenhut zurückzukehren. Als ich den Hut aufsetzte, wusste ich, dass ich den richtigen „Hut-Begleiter“ für die nächsten Monate und hoffentlich Jahre gefunden hatte. Das biblische Wort von Psalm 31,24 hatte eine neue Verkörperung in diesem Hut gefunden – er würde mich an das göttliche Versprechen stetig in kaltem Wetter und stürmigen Zeiten erinnern.
Als ich kurze Zeit später voller Stolz mit dem Hut vor die Tür des kleinen Geschäftes in die warme Herbstsonne Bambergs trat, war ich frohgemut und gespannt darauf, was wir wohl gemeinsam erleben würden. Noch weiß ich nicht, welche Stürme und Schlechtwetterphasen uns ereilen würden, aber ich wusste, dass ich gut behütet in die Zukunft gehen kann.
Wer auf der Suche nach ebenso einem solchen treuen Begleiter und sich vielleicht auch an die stärkende Symbolik erinnern will, dem sei Schneiders Hutmanufaktur im Herzen Bambergs wärmstens empfohlen. Neben den hochwertigen Marken kann man auch liebevoll hergestellte Unikate erwerben. Mein Hut zum Beispiel ist solch ein einzigartiger Begleiter.