Zwischenwelt – Quarantäne, Bibel und persönliche Perspektiven

Meine Hände umfassten die warme Teetasse während ich mich mit meinen Ellbogen auf der Küchenplatte abstützte und den sich Sonnenaufgang betrachtete, der den kalten Winterhimmel mit warmen Gelb- und Rottönen erleuchtete. Mein Blick schweifte über das langsam erwachende Bamberg, das nun meine neue Heimat war. Ich freute mich auf die Erkundung dieser fränkischen Stadt, die aufgrund seines UNESCO-Weltkulturerbe und der reichen Kultur so berühmt war. Doch noch befand ich mich in einer Art Zwischenwelt. Aufgrund meiner Anreise mitten in der Pandemie war eine Quarantäne erforderlich geworden.

„Mama, sag mal: Warum sagt man eigentlich „Karantäne“, wenn es mit „Q“ geschrieben wird?“, meine jüngste Tochter hatte mich fragend angesehen als ich meiner Familie am Küchentisch nochmals alle notwendigen Regularien meiner Einreise erklärte. Nun war sie viele Meilen weit entfernt, da sie aufgrund des unterschiedlichen Datums von Dienstbeginn und Schulhalbjahr mit der gesamten Familie noch in New York geblieben war.

Ihre Frage war allzu verständlich gewesen. Denn das Wort „Quarantäne“ stammt vom italienischen Wort „quaranta“, das aufgrund einer großen Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert üblich geworden war. Die Handelsstadt Venedig beschloss aufgrund der drohenden Gefahr, die Pest einzudämmen, indem man vierzig Tage die Besatzungen der anlegenden Handelsschiffe im Hafen isolierte. Diese Zahl hatte keinerlei infektionsmedizinische Gründe, sondern war der biblischen Zahlensymbolik entsprungen, die Schutz vor dieser Gefahr erwirken sollte. Sechs Wochen Quarantäne stellen eine lange Zeit da. Ich seufzte während ich mir nochmals Tee in die inzwischen leere Tasse nachgoß. Wie gut, dass mir höchstens zehn Tage Isolation vorgeschrieben waren. Vielleicht sogar weniger, wenn das Ergebnis des COVID-Tests dementsprechend ausfiel.

Während mich die Dauer der mittelalterlichen Quarantäne sehr erschreckte, faszinierte mich als Theologin deren Zahlensymbolik. Viele biblische Geschichten waren mir umgehend bei der Zahl 40 präsent: Bei der Sintflut regnete es vierzig Tage und Nächte ununterbrochen; Mose verbrachte auf dem Berg Sinai vierzig Tage in der Gegenwart Gottes; das Volk Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste, bis es endlich das Gelobte Land erreichte. Auch bei Jesus findet die Zahl mehrfach Erwähnung: So zog er sich für diesen Zeitraum in die Einsamkeit der Wüste zurück, bevor Er Sein öffentliches Amt begann und als Wanderprediger mit einer wachsenden Zahl an Jüngern umherzog. Weiterhin erschien Er nach seiner Auferstehung vierzig Tage lang immer wieder Seinen Jüngerinnen und Jüngern.

Alle diese biblischen Geschichten durchzog ein gemeinsames Thema, das die Bedeutung der Zahl Vierzig deutlich macht: die Zahl Vierzig steht im biblischen für Besinnung und Buße, für Wende und Neubeginn.

Nun befand ich mich in dieser Zwischenwelt der Quarantäne, die mir Zeit zum Nachdenken, Erfreuen, und Trauern gab, aber ebenso die Möglichkeit mich neu auszurichten auf die neue Heimat und die Aufgabe, die ich schon bald einnehmen würde.

Was erwartete mich hinter all den Fenstern, die langsam durch die hellen Lichter zum Leben erwachten? Wie die Sintflut nach vierzig Tagen ein Ende hatte, Mose zum Volk zurückgekehrt war, das Volk Israel das Gelobte Land erreicht hatte, Jesus die Wüste verließ, um zu Predigen und die Jünger anstatt mit Seiner Präsenz bei dessen Verabschiedung mit dem Heiligen Geist als Tröster gestärkt worden waren, so würde auch meine Quarantänezeit nach einigen Tagen ihr Ende finden.

Noch war es die Zwischenwelt, in der ich mich befand und die meinen Gedanken Raum zu Spekulationen über die neue Heimat gab. Aber schon bald würde ich hinaustreten in die neue Welt und als eine von vielen Menschen in ihre bunte Vielfalt eintauchen.

Goodbye, New York!

Voller Anspannung sah ich aus dem Fenster während das Rollgeräusch des Flugzeuges immer lauter wurde bis es schließlich behände in die Luft abhob. Ich presste mein Gesicht gegen die Scheibe und betrachtete ein letztes Mal die New Yorker Skyline, die mir in den letzten sechseinviertel Jahren so vertraut geworden war und nun in der Ferne verschwand.

Nun musste ich Abschied nehmen von leibgewonnenen Personen und Orten, die mich tief geprägt hatten. Unweigerlich kamen mir zahlreiche biblische Abschiedsgeschichten in den Sinn, die jeweils einen Abschied durchlebt hatten:

  • Abraham musste von seiner Heimat Abschied nehmen, weil Gott ihn an einen neuen, unbekannten Ort rief (Gen 12).
  • Jakob zog mit seiner gesamten Familie nach Ägypten und findet dort eine neue Heimat. (Gen 46)
  • Der Prophet Samuel legt nach langer Dienstzeit sein prophetisches Richteramt nieder. Bei seiner Verabschiedung vom Volk legt noch einmal Rechenschaft über sein Amt ab und lässt sich von den Zuhörenden entlasten. (1. Sam 12)
  • Der Apostel Paulus unternahm viele Reisen, um das Evangelium an verschiedene Orte zu bringen. Dabei nahm er immer und immer wieder Abschied von Menschen, die er kennengelernt hatte und die ihm ans Herz gewachsen waren. (Zum Beispiel Apg 20,17ff.)
  • Im Johannesevangelium hören wir Abschiedsreden Jesu. Hier spricht er davon, dass er seine Jünger verlassen und zum Vater zurückkehren muss. Aber er lässt sie nicht trostlos zurück. Vielmehr macht er ihnen Mut und stärkt sie durch den Tröster, indem er ihnen den Heiligen Geist schenkt. (Joh 14,16ff.)

Diese Wolke der Zeugen sprach mir durch die vielen biblischen Geschichten mutmachend entgegen. Ich wusste: viele ließen Gewohntes, Liebgewonnenes, aber auch Schweres los, und richteten sich auf Neues aus -so wie ich mich in diesem Flugzeug mitten in einer Pandemieauf den Weg zu einer neuen Berufung in meinem Heimatland aufmachte. Denn letztendlich wusste ich, dass wir als Menschen hier keine bleibende Statt haben, sondern die zukünftige suchen. (siehe Hebr 13,14)

Natürlich stellte meine gerade begonnene Reise einen großen Abschied da, der auch einen Lebensabschnitt abschloss. Und dennoch wusste ich tief in meinem Herzen: Es würde nicht der letzte Abschied sein, denn unser menschliches Leben besteht durch und durch aus großen und kleinen Abschieden. Solange wir leben, sind wir unterwegs auf der Durchreise in die Ewigkeit und nehmen von etwas Abschied. Manchmal bewusster. Manchmal weniger bewusst.

Während die Skyline New Yorks unter der dichten Wolkendecke verschwand, legte ich in einem einem stillen Gebet alles in Gottes Hände, was ich in den letzten sechseinviertel Jahren erlebt hatte. An mir zogen Zeiten der Freude und Fülle vorüber. Aber ebenso Zeiten der Trauer, der Entmutigung und des Scheiterns. Am Big Apple hatte ich die gesamte Bandbreite des Lebens erlebt. Alles war in Gottes guten Händen wohl aufgehoben während mich das Flugzeug in den neuen Lebensabschnitt trug.

Ich lehnte mich zurück und schloss vertrauensvoll meine Augen, denn ich wusste, dass Gott, wie Er Abraham, Jakob, Samuel, Jesus, Paulus und so viele biblische Zeugen begleitet hatte, durch die Kraft des Heiligen Geistes auch bei mir sein würde.

Stürmische Zeiten

Ausdauernd prasselte Regen auf die Dachfenster des Pfarrhauses während sich der Rhythmus der Regenbänder immer schneller wurde. Ich starrte nachdenklich aus dem Fenster und sah den ersten Ausläufern des tropischen Sturmtiefs zu, das im Laufe des Tages in rotierenden Regenbändern eine signifikante Menge an Niederschlag und bis zu 50 miles/h an Winden mit sich bringen sollte.

Seit Monaten fühle ich mich wie von einem großen, andauernden Sturm erfasst. Corona, Rassenunruhen, Polizeigewalt, Kampf gegen Armut und Hunger… Wie in einem immer währenden Zyklus kreisen diese Traumata wie gegenwärtig der tropische Sturm Fay über der Metropolregion New York und der gesamten USA. Es gibt Phasen, an denen meine Nerven sehr strapaziert sind. Nicht selten frage ich mich, ob meine Schlechtwetterkleidung als Pfarrerin, die vor allem aus einer tiefen Verwurzelung im Glauben besteht, ausreichend ist.

Søren Kierkegaard wies in seiner Auslegung von Mt 11,30 auf die besondere Kraft des Glaubens hin, der in angeblich unmöglichen und aussichtslosen Situationen die Perspektive nicht verliert. In der Bibelstelle betont Jesus, dass sein Joch sanft ist und seine Last leicht. Während viele diese Aussage als ein Paradoxon bezeichnen würden, weißt Kierkegaard auf das Vorbild des Kreuzes hin, die alle menschliche Logik auf den Kopf stellt und aus dem angeblichen Scheitern den Sieg Gottes macht.

Klugheit erreicht oft in Zeiten der Not ihre Grenzen. In diesem Moment sehe ich aus meiner eigenen Erfahrung, dass die Kraft des Glaubens beginnt. Kierkegaard schreibt:

Wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln.

Søren Kierkegaard, Zwölf Reden, Halle 1886.

Gerade in dieser dichten und schwierigen Zeit des Auslandspfarramtes erlebe ich genau dies: Ich spüre die richtungsweisende Kraft des Glaubens in dieser dunklen Zeit, die mir andauernd zuspricht, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiter in dem voranzuschreiten, was für uns Christen zentral ist: Unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Dies bedeutet in stürmischen Zeiten wie diesen im Auslandspfarramt neben den klassischen Tätigkeiten wie Gottesdienst, Seelsorge und Gemeindearbeit mich noch stärker für die Speisung einer stetig wachsenden Zahl von Bedürftigen zu widmen, einem deutlichen Aussprechen gegen Rassismus und Antisemitismus, aber auch der Polizeiseelsorge zu engagieren. Und hätte ich, mit Paulus gesprochen, meinen Glauben nicht, so wäre ich nichts.

Stürmische Zeiten bringen uns an die Grenzen unserer Kräfte, aber sie zeigen uns auch in bewegender Weise die Wichtigkeit des Glaubens auf, der im Dunkeln am besten sieht.