Ein Mensch sieht was vor Augen ist… Von biblischen Lehren im Aufzug

Ich betrat den Aufzug und drückte auf den Schließknopf, da ich allein war. Doch anstatt, dass sich die Türen schlossen, gingen sie immer wieder auf. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Nachdem sich das Spiel drei Mal wiederholt hatten, erlaubte ich mir den Scherz und drückte auf den Türöffnungsknopf. Und tatsächlich: Wie von magischer Hand schlossen sich die Türen und der Aufzug machte sich beende auf den Weg in das nächste Stockwerk. Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf und erinnerte mich an einen meiner liebsten biblischen Verse aus dem ersten Samuelbuch. Dieser Aufzug schien es mit biblischen Lehren in sich zu haben!

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

1. Sam 16, 7b

Wie oft lassen wir uns vom Äußeren, der Kleidung, dem Auftreten einer Person beeinflussen und fällen unser Urteil über den Wert dieser Person? Die biblische Geschichte der Salbung des Davids macht dabei sehr nachdenklich. Sie lehrt uns anhand des berühmten, erfahrenen Propheten Samuel, dass sich Menschen schnell von Äußerem leiten und vielleicht sogar täuschen lassen. Gott hatte Samuel zu Isai gesandt, damit er unter dessen Söhnen den neuen König auswählen würde. Sieben Söhne gingen an ihm vorüber und bei jedem dachte Samuel, dass dies der neue König Israels sei. Ausgewählt hatte Gott aber den Jüngsten unter ihnen, der all das Aufsehen rund um die Suche eines neuen Königs verpasste und stattdessen auf dem Feld die Schafe für die Familie hütete. Ihn sollte Samuel schließlich zum König salben. (1)

Nicht selten kamen über die Jahre Konfirmandinnen und Konfirmanden, Schülerinnen und Schüler zu mir mit ihrer Verzweiflung, dass sie aufgrund ihres Alters, aber oftmals auch aufgrund ihrer fehlenden Markenkleidung als weniger wert angesehen würden. Die Salbungsgeschichte Davids kann dann eine Hoffnungsgeschichte bei einer solch schwierigen Erfahrung sein. Welch ein Segen, dass Gott tiefer blickt und sich nicht von Äußerem blenden lässt. Er sieht wie es wirklich um uns und unser Herz steht.

Ob die Aufzugsfirma beim Einbau wusste, dass einmal eine Theologin diesen Aufzug benutzen und regelmäßig zum Schmunzeln gebracht werden würde? Seit dieser biblischen Lehre im Aufzug erinnert mich jede Fahrt, an der ich die verwechselten Knöpfe drücke daran, dass wir Menschen sehen, was vor Augen ist, aber Gott tiefer sieht bis in unser Herz und wie es um uns wirklich steht.


(1)

Und der HERR sprach zu Samuel: Wie lange trägst du Leid um Saul, den ich verworfen habe, dass er nicht mehr König sei über Israel? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen. Samuel aber sprach: Wie kann ich hingehen? Saul wird’s erfahren und mich töten. Der HERR sprach: Nimm eine junge Kuh mit dir und sprich: Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern. Und du sollst Isai zum Opfer laden. Da will ich dich wissen lassen, was du tun sollst, dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.
Samuel tat, wie ihm der HERR gesagt hatte, und kam nach Bethlehem. Da entsetzten sich die Ältesten der Stadt und gingen ihm entgegen und sprachen: Bedeutet dein Kommen Friede? Er sprach: Ja, Friede! Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern; heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer. Und er heiligte den Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer.
Als sie nun kamen, sah er den Eliab an und dachte: Fürwahr, da steht vor dem HERRN sein Gesalbter. Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen. Und er sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. Da ließ Isai vorübergehen Schamma. Er aber sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. So ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorübergehen; aber Samuel sprach zu Isai: Der HERR hat keinen von ihnen erwählt.
Und Samuel sprach zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; und siehe, er hütet die Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen; denn wir werden uns nicht niedersetzen, bis er hierhergekommen ist. Da sandte er hin und ließ ihn holen. Und er war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Und der HERR sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist’s. Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN geriet über David von dem Tag an und weiterhin. Samuel aber machte sich auf und ging nach Rama.

  1. Sam 16,1-13

Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion

Die Turnschuhe glitten über den roten Belag der Laufbahn. Ich drückte meine AirPods fest und grüßte mit einer Handbewegung meinen Kollegen, der ebenso im nebligen Halbdunkel des Morgens seine Bahnen auf dem leeren Sportplatz des polizeilichen Ausbildungszentrums zog. Mein Atem nahm einen regelmäßigen Rhythmus an, der sich langsam an das dumpfe Laufgeräusch meiner Füße anglich. Es tat gut, den Herbstmorgen so zu begrüßen und Kraft zu sammeln, denn ein langer und spannender Fortbildungstag zur Berufsethik stand uns bevor.

In vielem gleicht unser Dienst als Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Bundespolizei einem Lauftraining, bei dem es gilt Ausdauer zu zeigen, Etappenziele zu erreichen und nie das Ziel eines gelingenden berufsethischen Unterrichtes und einer einfühlsamen Seelsorgebegleitung derer, die uns anvertraut sind, aus dem Blick zu bekommen. Die berufsethische Fortbildung, die ich im südlichen Schwarzwald besuchte, war hierbei eine Art „Lauftraining“, die mir half Atem zu finden, Lauftechniken zu erlernen und mit anderen „Laufpartnerinnen und -partnern“ zu trainieren. Doch an diesem Morgen hatte ich jenseits der Fortbildung einen besonderen Grund trotz der Müdigkeit und der frühen Morgenstunde auf die Laufbahn zu treten: In dieser Woche sammelte das Aus- und Fortbildungszentrum, an dem ich Seelsorgerin war, im Rahmen des bundesweiten Schulnetzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Schritte gegen rechts.

Paulus selbst war das Bild des Laufens sehr bekannt. Während seines eineinhalbjährigen Aufenthalts in Korinth im Jahr 51 und 52 hatte er Isthmischen Spiele besucht, die nach den Olympischen Spielen die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt waren. Hierbei war der Streckenlauf einer der Königsdiziplinen gewesen.

Nachdem Paulus diese pulsierende und kosmopolitische Hafenstadt verlassen hatte, schrieb er an die Gemeinde einen Brief, indem er das Bild des Laufes aufnahm, um ihnen Trost in ihren Herausforderungen zu spenden:

24 Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Kor 9,24-27

Seine Worte klangen an diesem milden Herbstmorgen, an dem sich der Südschwarzwald von seiner lieblichen Seite zeigte, allzu vertraut. Als Christinnen und Christen befinden wir uns kontinuierlich auf einem Lauf immer das Ziel von Gottes Gerechtigkeit und einer besseren Welt im Blick. Dabei gilt es, dass wir uns selbst herausfordern und erden, damit nicht anderen predigen, selbst den gesetzten Maßstäben aber nicht entsprechen. Da ich mit vielen anderen im Aus- und Fortbildungszentrum mich für eine „Schule ohne Rassismus“ einsetzte, war es ein Muss soviel Schritte wie möglich in dieser Woche zu sammeln und nicht nur darüber zu reden.

Inzwischen ging mein Atem schwer und ich sog die kalte Luft in großen Atemzügen ein. Es fühlte sich an als ob meine Lunge zu brennen beginnen würde. Noch zwei Runden, sprach ich mir selbst zu, dann hast du dein Etappenziel erreicht und eine Menge Schritte gelaufen. Ich freue mich über diese und andere Initiativen, die ein Zeichen gegen Extremismus und für eine gerechtere Welt, die allen Menschen so wie sie gemacht sind, einen Platz schenkt. Für eine Bildungseinrichtung ist dieses Projekt eine wunderbare Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv in positiver Weise mitzugestalten und bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt vorzugehen. Ein wichtiges Signal nach innen und außen, das die Bundespolizei damit setzt – in dieser Woche durch das Sammeln von Schritten und dem Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion. Ein wahrhaft biblisches Bild, das Paulus gut verstanden hätte. Leise nickte ich, während ein verschmitztes Lächeln über meine Lippen glitt. Ob Paulus auch ein Morgenläufer war? Zu gerne hätte ich das gewusst.

Ich konzentrierte mich wieder auf meinen morgendlichen Lauf, denn die Anstrengung forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Endlich kam die Ziellinie der letzten Runde in den Blick. Ich nahm die letzten Kraftreserven zusammen und sprintete auf die Ziellinie zu.

Mit der Osterkrippe die Kar- und Osterzeit erleben

Wie können wir die Kar- und Osterwoche in dieser turbulenten Zeit der Pandemie begehen? Gerade in der gegenwärtigen Situation braucht es liebgewonnene Rituale, die zu uns sprechen und die tief in unserer Erinnerung verankert sind.

Solch ein Ritual ist unsere Osterkrippe, die sich in der Kar- und Osterwoche vielfach verändert und uns die Geschichte von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi vor Augen führt. Ich wünsche euch viel Freude beim Betrachten der Bilder und Videos und grüße herzlich aus Bamberg.

Palmsonntag

Video mit Osterkrippe und Bibeltext:

Joh 12,12-19:
Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Gründonnerstag: Garten Gethsemane

Video mit Bibeltext:

Mk 14,43-52:

Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn. Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab.
Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen? Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden. Da verließen ihn alle und flohen.
Und ein junger Mann folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt.

Karfreitag

Video mit Bibeltext:

Mk 15, 20-41

Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage. Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte. Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.
Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum, wer was bekommen sollte. Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden. Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.
Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Der Christus, der König von Israel, er steige nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!
Aber Jesus schrie laut und verschied.
Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria Magdalena und Maria, die Mutter Jakobus des Kleinen und des Joses, und Salome, die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.

Karsamstag

Video mit Bibeltext:

Mk 15, 42-47

Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete; der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot war, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon länger gestorben wäre. Und als er’s erkundet hatte von dem Hauptmann, überließ er Josef den Leichnam. Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab vom Kreuz und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür. Aber Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses, sahen, wo er hingelegt war.

Ostersonntag

Video mit Bibeltext:

Mk 16, 1-10

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.
[Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.]

Zwischenwelt – Quarantäne, Bibel und persönliche Perspektiven

Meine Hände umfassten die warme Teetasse während ich mich mit meinen Ellbogen auf der Küchenplatte abstützte und den sich Sonnenaufgang betrachtete, der den kalten Winterhimmel mit warmen Gelb- und Rottönen erleuchtete. Mein Blick schweifte über das langsam erwachende Bamberg, das nun meine neue Heimat war. Ich freute mich auf die Erkundung dieser fränkischen Stadt, die aufgrund seines UNESCO-Weltkulturerbe und der reichen Kultur so berühmt war. Doch noch befand ich mich in einer Art Zwischenwelt. Aufgrund meiner Anreise mitten in der Pandemie war eine Quarantäne erforderlich geworden.

„Mama, sag mal: Warum sagt man eigentlich „Karantäne“, wenn es mit „Q“ geschrieben wird?“, meine jüngste Tochter hatte mich fragend angesehen als ich meiner Familie am Küchentisch nochmals alle notwendigen Regularien meiner Einreise erklärte. Nun war sie viele Meilen weit entfernt, da sie aufgrund des unterschiedlichen Datums von Dienstbeginn und Schulhalbjahr mit der gesamten Familie noch in New York geblieben war.

Ihre Frage war allzu verständlich gewesen. Denn das Wort „Quarantäne“ stammt vom italienischen Wort „quaranta“, das aufgrund einer großen Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert üblich geworden war. Die Handelsstadt Venedig beschloss aufgrund der drohenden Gefahr, die Pest einzudämmen, indem man vierzig Tage die Besatzungen der anlegenden Handelsschiffe im Hafen isolierte. Diese Zahl hatte keinerlei infektionsmedizinische Gründe, sondern war der biblischen Zahlensymbolik entsprungen, die Schutz vor dieser Gefahr erwirken sollte. Sechs Wochen Quarantäne stellen eine lange Zeit da. Ich seufzte während ich mir nochmals Tee in die inzwischen leere Tasse nachgoß. Wie gut, dass mir höchstens zehn Tage Isolation vorgeschrieben waren. Vielleicht sogar weniger, wenn das Ergebnis des COVID-Tests dementsprechend ausfiel.

Während mich die Dauer der mittelalterlichen Quarantäne sehr erschreckte, faszinierte mich als Theologin deren Zahlensymbolik. Viele biblische Geschichten waren mir umgehend bei der Zahl 40 präsent: Bei der Sintflut regnete es vierzig Tage und Nächte ununterbrochen; Mose verbrachte auf dem Berg Sinai vierzig Tage in der Gegenwart Gottes; das Volk Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste, bis es endlich das Gelobte Land erreichte. Auch bei Jesus findet die Zahl mehrfach Erwähnung: So zog er sich für diesen Zeitraum in die Einsamkeit der Wüste zurück, bevor Er Sein öffentliches Amt begann und als Wanderprediger mit einer wachsenden Zahl an Jüngern umherzog. Weiterhin erschien Er nach seiner Auferstehung vierzig Tage lang immer wieder Seinen Jüngerinnen und Jüngern.

Alle diese biblischen Geschichten durchzog ein gemeinsames Thema, das die Bedeutung der Zahl Vierzig deutlich macht: die Zahl Vierzig steht im biblischen für Besinnung und Buße, für Wende und Neubeginn.

Nun befand ich mich in dieser Zwischenwelt der Quarantäne, die mir Zeit zum Nachdenken, Erfreuen, und Trauern gab, aber ebenso die Möglichkeit mich neu auszurichten auf die neue Heimat und die Aufgabe, die ich schon bald einnehmen würde.

Was erwartete mich hinter all den Fenstern, die langsam durch die hellen Lichter zum Leben erwachten? Wie die Sintflut nach vierzig Tagen ein Ende hatte, Mose zum Volk zurückgekehrt war, das Volk Israel das Gelobte Land erreicht hatte, Jesus die Wüste verließ, um zu Predigen und die Jünger anstatt mit Seiner Präsenz bei dessen Verabschiedung mit dem Heiligen Geist als Tröster gestärkt worden waren, so würde auch meine Quarantänezeit nach einigen Tagen ihr Ende finden.

Noch war es die Zwischenwelt, in der ich mich befand und die meinen Gedanken Raum zu Spekulationen über die neue Heimat gab. Aber schon bald würde ich hinaustreten in die neue Welt und als eine von vielen Menschen in ihre bunte Vielfalt eintauchen.

Goodbye, New York!

Voller Anspannung sah ich aus dem Fenster während das Rollgeräusch des Flugzeuges immer lauter wurde bis es schließlich behände in die Luft abhob. Ich presste mein Gesicht gegen die Scheibe und betrachtete ein letztes Mal die New Yorker Skyline, die mir in den letzten sechseinviertel Jahren so vertraut geworden war und nun in der Ferne verschwand.

Nun musste ich Abschied nehmen von leibgewonnenen Personen und Orten, die mich tief geprägt hatten. Unweigerlich kamen mir zahlreiche biblische Abschiedsgeschichten in den Sinn, die jeweils einen Abschied durchlebt hatten:

  • Abraham musste von seiner Heimat Abschied nehmen, weil Gott ihn an einen neuen, unbekannten Ort rief (Gen 12).
  • Jakob zog mit seiner gesamten Familie nach Ägypten und findet dort eine neue Heimat. (Gen 46)
  • Der Prophet Samuel legt nach langer Dienstzeit sein prophetisches Richteramt nieder. Bei seiner Verabschiedung vom Volk legt noch einmal Rechenschaft über sein Amt ab und lässt sich von den Zuhörenden entlasten. (1. Sam 12)
  • Der Apostel Paulus unternahm viele Reisen, um das Evangelium an verschiedene Orte zu bringen. Dabei nahm er immer und immer wieder Abschied von Menschen, die er kennengelernt hatte und die ihm ans Herz gewachsen waren. (Zum Beispiel Apg 20,17ff.)
  • Im Johannesevangelium hören wir Abschiedsreden Jesu. Hier spricht er davon, dass er seine Jünger verlassen und zum Vater zurückkehren muss. Aber er lässt sie nicht trostlos zurück. Vielmehr macht er ihnen Mut und stärkt sie durch den Tröster, indem er ihnen den Heiligen Geist schenkt. (Joh 14,16ff.)

Diese Wolke der Zeugen sprach mir durch die vielen biblischen Geschichten mutmachend entgegen. Ich wusste: viele ließen Gewohntes, Liebgewonnenes, aber auch Schweres los, und richteten sich auf Neues aus -so wie ich mich in diesem Flugzeug mitten in einer Pandemieauf den Weg zu einer neuen Berufung in meinem Heimatland aufmachte. Denn letztendlich wusste ich, dass wir als Menschen hier keine bleibende Statt haben, sondern die zukünftige suchen. (siehe Hebr 13,14)

Natürlich stellte meine gerade begonnene Reise einen großen Abschied da, der auch einen Lebensabschnitt abschloss. Und dennoch wusste ich tief in meinem Herzen: Es würde nicht der letzte Abschied sein, denn unser menschliches Leben besteht durch und durch aus großen und kleinen Abschieden. Solange wir leben, sind wir unterwegs auf der Durchreise in die Ewigkeit und nehmen von etwas Abschied. Manchmal bewusster. Manchmal weniger bewusst.

Während die Skyline New Yorks unter der dichten Wolkendecke verschwand, legte ich in einem einem stillen Gebet alles in Gottes Hände, was ich in den letzten sechseinviertel Jahren erlebt hatte. An mir zogen Zeiten der Freude und Fülle vorüber. Aber ebenso Zeiten der Trauer, der Entmutigung und des Scheiterns. Am Big Apple hatte ich die gesamte Bandbreite des Lebens erlebt. Alles war in Gottes guten Händen wohl aufgehoben während mich das Flugzeug in den neuen Lebensabschnitt trug.

Ich lehnte mich zurück und schloss vertrauensvoll meine Augen, denn ich wusste, dass Gott, wie Er Abraham, Jakob, Samuel, Jesus, Paulus und so viele biblische Zeugen begleitet hatte, durch die Kraft des Heiligen Geistes auch bei mir sein würde.

Stürmische Zeiten

Ausdauernd prasselte Regen auf die Dachfenster des Pfarrhauses während sich der Rhythmus der Regenbänder immer schneller wurde. Ich starrte nachdenklich aus dem Fenster und sah den ersten Ausläufern des tropischen Sturmtiefs zu, das im Laufe des Tages in rotierenden Regenbändern eine signifikante Menge an Niederschlag und bis zu 50 miles/h an Winden mit sich bringen sollte.

Seit Monaten fühle ich mich wie von einem großen, andauernden Sturm erfasst. Corona, Rassenunruhen, Polizeigewalt, Kampf gegen Armut und Hunger… Wie in einem immer währenden Zyklus kreisen diese Traumata wie gegenwärtig der tropische Sturm Fay über der Metropolregion New York und der gesamten USA. Es gibt Phasen, an denen meine Nerven sehr strapaziert sind. Nicht selten frage ich mich, ob meine Schlechtwetterkleidung als Pfarrerin, die vor allem aus einer tiefen Verwurzelung im Glauben besteht, ausreichend ist.

Søren Kierkegaard wies in seiner Auslegung von Mt 11,30 auf die besondere Kraft des Glaubens hin, der in angeblich unmöglichen und aussichtslosen Situationen die Perspektive nicht verliert. In der Bibelstelle betont Jesus, dass sein Joch sanft ist und seine Last leicht. Während viele diese Aussage als ein Paradoxon bezeichnen würden, weißt Kierkegaard auf das Vorbild des Kreuzes hin, die alle menschliche Logik auf den Kopf stellt und aus dem angeblichen Scheitern den Sieg Gottes macht.

Klugheit erreicht oft in Zeiten der Not ihre Grenzen. In diesem Moment sehe ich aus meiner eigenen Erfahrung, dass die Kraft des Glaubens beginnt. Kierkegaard schreibt:

Wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln.

Søren Kierkegaard, Zwölf Reden, Halle 1886.

Gerade in dieser dichten und schwierigen Zeit des Auslandspfarramtes erlebe ich genau dies: Ich spüre die richtungsweisende Kraft des Glaubens in dieser dunklen Zeit, die mir andauernd zuspricht, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiter in dem voranzuschreiten, was für uns Christen zentral ist: Unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Dies bedeutet in stürmischen Zeiten wie diesen im Auslandspfarramt neben den klassischen Tätigkeiten wie Gottesdienst, Seelsorge und Gemeindearbeit mich noch stärker für die Speisung einer stetig wachsenden Zahl von Bedürftigen zu widmen, einem deutlichen Aussprechen gegen Rassismus und Antisemitismus, aber auch der Polizeiseelsorge zu engagieren. Und hätte ich, mit Paulus gesprochen, meinen Glauben nicht, so wäre ich nichts.

Stürmische Zeiten bringen uns an die Grenzen unserer Kräfte, aber sie zeigen uns auch in bewegender Weise die Wichtigkeit des Glaubens auf, der im Dunkeln am besten sieht.