Die Waffe der Frau – von Bildung, Gleichberechtigung und eigenen Erfahrungen

Erstaunt sah ich auf die Werbung, die im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt enthalten war. Normalerweise warf ich diese mit einem beherzten Schwung umgehend ins Altpapier. Doch heute stutzte ich, denn angeblich war dem monatlichen Blatt des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrervereins in großen weißen Lettern auf einem pinken Umschlag ein wichtiger Inhalt angekündigt:

DIE WAFFE DER FRAU.

Als Adressatinnen waren im durchsichtigen Sichtfeld als „alle Frauen in Deutschland“ angegeben – abgesandt von Senta Berger, Birgit Schrowange und Marion Knecht.

Nun war meine Neugierde geweckt, denn das monatliche Blatt war nicht unbedingt dafür bekannt, dass dort Frauen ihre Stimme erhoben. In der gegenwärtigen Ausgabe stammte einer von insgesamt zwölf Artikeln aus der Feder einer Frau.

Die Post warb für eine Patenschaft eines Mädchens in einem Schwellenland. Zurecht hob man dort die Wichtigkeit von Bildung hervor, die eine essentielle Voraussetzung für Gleichberechtigung ist. Ich pflichte den drei Verfasserinnen des Briefes bei, dass Bildung von großer Wichtigkeit ist, damit Frauen ihr Potential erreichen und ein besseres Leben zugänglich wird.

Ich hatte das Glück in einem reichen Land geboren worden zu sein, in dem viele Bildungschancen zugänglich sind. Schule, Abitur, Studium, Vikariat, Examen in Bayern und Schottland, Dissertation in USA. Ich hatte das Privileg, mehrere Sprachen lernen zu dürfen und einige weitere Zusatzqualifikationen zu erwerben. Schon immer war ich davon überzeugt, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Gleichberechtigung darstellt – oder wie die Autorinnen schrieben, die Waffe einer Frau darstellen.

Also erweiterte ich ständig meinen fachlichen Horizont. In allem wurde ich von meinem Mann unterstützt, der den Mut besaß, mir den Vorrang im beruflichen Werdegang zu schenken. Er wurde Familienmanager. Ich kehrte nach dem damals durchaus kurzen Mutterschutz stets umgehend in den Beruf zurück. Elternzeit oder ähnliches hatte ich nie in Anspruch genommen.

Doch leider fügt sich zu all dem „westlichen“ Privileg mit etwas Bitterkeit die gesammelte Erfahrung über die Grenzen dieses Systems hinzu. Es ist wie ein roter Faden, der sich durch meinen beruflichen Werdegang zieht: die Grenzen des Systems stellen oftmals nicht die für eine Position notwendigen Qualifikationen und Abschlüsse da, sondern Männer in Schlüsselpositionen. Manchmal scheint es mir, so als ob es sich hierbei um Männer handelt, die ungern auf Augenhöhe zusammenarbeiten wollen. Oder Männer, die von der ihnen zugesprochenen Macht wenig abgeben wollen und einer Frau dieselbe Funktion nicht zutrauen.

Liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogeintrags, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich spreche nicht für eine Frauenquote, sondern dafür, dass ich anhand meiner Qualifikationen und Fähigkeiten mein ganz persönliches berufliches Potential leben darf. Aber leider ist es meine Erfahrung, dass ich aufgrund der simplen Tatsache meines Geschlechts doppelt so hart arbeiten muss, um eine annähernde Anerkennung zu erhalten. Und manchmal ist es sogar noch bitterer: vor geraumer Zeit musste ich miterleben, wie ein Mann eine Funktion erhielt, obwohl er offensichtlich die dafür notwendige fachliche Eignung nicht vorweisen konnte – einfach weil er ein besseres (Männer-)Netzwerk hatte. In ökumenischen Kontexten habe ich sogar noch schlimmeres erlebt. Da wurde ich von einer Mitwirkung in einem Gottesdienst ausgeschlossen, WEIL ich eine Frau war.

Erfahrungen, die nachdenklich machen.

Zustimmend und dennoch mit einem bitteren Geschmack auf den Lippen steckte ich den Werbebrief zurück in seinen pinkfarbenen Umschlag. Ja, Bildung ist die Waffe einer Frau. Aber sie öffnet nicht von sich aus Türen und gibt Zutritt zu größerem Potential. Das geht nur, wenn die Männer, die diese Türen der beruflichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten bewachen, es auch zulassen.