My dear Jewish friend 8: Remembering and committing as Police

I carefully placed the large candles on both sides of the table, then arranged the white framed picture, book and the program in the center. As the candles burned I waited in the quietness of the morning for my colleagues for the briefing and the following holocaust remembrance. For me it was a tripple commitment as a German citizen, Christian pastor, and now working for the Federal Police since almost a year. The epaulet with a golden cross on my shoulder visiualized my double responsibility for the church and the Federal Police.

When I broke the news to you over a year ago that I would be leaving New York to be called to the Federal Police we shed tears. We instantly knew that something special would very soon be no longer part of our routine: the strolls in our neighbourhood chatting about our lives, working together in your food pantry for the poor, and sharing joy, laughter, and tears.

Even though I still can’t get used to be so far away – to be exact 3.923 miles – this January morning gave me the feeling that our pain of distance at least makes some sense as I remembered with other leading police officers the crimes of the Holocaust. When the Police director spoke of the responsibility remembering and committing to never forget what had happened to your people and so many others during the Nazi horrors, my heartbeat increased. I was proud to hear that the German Police, which was complicit like many other institutions including my Bavarian Lutheran Church, commits to securing human rights and the German constitution.

This commitment is central as I teach young police trainees in ethical decision making. But let me try to briefly recall what happened back then with policing making the Police force a significant element of the muderous Nazi-regime. (For further information follow the link to the German article about Policing during the Third Reich)

The rise of the Hitler movement began against the background of economic and
political crisis of the Weimar Republic. The brutal regime took advantage of the difficult situation of million Germans. Hitler and others in power legally created system of injustice that was aimed at installing a National Socialist-oriented community, which was „liberated“ from any „un-German spirit“.

Essential feature was the so-called „Verreichlichung“, in which the Police force was centralised by the Nazi rulers and became its outward appearance through the „Reichssicherheitshauptamtes“ (Reich Security Main Office) in 1939. From spring 1933 until the end of the war in 1945 the police apparatus received extensive new possibilities to intervene and monitor. In addition, the boundary between „law enforcement“ and „security police“ become blurred in favour of the SS, which ultimately held all powers. To make things worse, the population supported the daily terror of the Secret State Police by
willingly denunciating their fellow citizens.

Police battalions and task forces not only took part in the organisation of the Holocaust in the Germany and occupied areas, but were involved in mass shootings in East Europe and therefore directly took part in the Nazi genocide.

After celebrating six very meaningful Holocaust Remembrance Days in New York, it was this day that added an important mew layer to my commitment as a German citizen, and a pastor working in and for the German Federal Police. May we learn from the disaster of the Holocaust to never make it happen again to anyone, no matter what religion, nationality, or skin color the person might have.

Gedanken am Rand von Kirche

Als ich die kleine Knopfschublade öffnete, begrüßte mich buntes Durcheinander. Während ich den einen oder anderen Knopf in die Hand nahm, erinnerte ich mich an manches Kleidungsstück und Situationen, in denen ich es trug. Wie z.B. meinen beigen Regenmantel, der im Frühling und Herbst in New York mein treuer Begleiter gewesen war. (1) Mit einigem Erstaunen entdeckte ich mitten im Knöpfechaos die Teile meiner Ü-Ei-Kirche, die mich seid fast zwanzig Jahren begleitete. Ich fischte die Einzelteile aus der Schublade. Vor vielen Jahren war ich zum Dank zu einem sonntäglichen Mittagessen bei meinem Religionslehrer, der Pfarrer war, eingeladen worden. Über Monate hinweg hatte ich für ihn als Prädikantin im Alter von 19 Jahren Gottesdienste übernommen, da seine Arbeitslast hoch und eine Entlastung nicht in Sicht war. Zum Nachtisch gab es für dessen Kinder und mich jeweils ein Ü-Ei. Als ich dieses öffnete und eine kleine Kirche aus dem Inneren der süßen Verpackung schälte, war mein Erstaunen groß. Ob dies wohl ein Zeichen sei?, hatten wir uns damals gefragt, als mein Berufswunsch noch nicht festgestanden war.

So wie diese kleine Ü-Ei-Kirche zerstreut und in ihren Einzelteilen im Chaos meiner Knöpfe lag, so befinden sich die großen kirchlichen Institutionen in einem sehr zerbrechlichen Status. Die Corona-Jahre haben an deren Relevanz stark gekratzt, die Mitgliederzahlen fallen lassen, und nun erschüttert der massive Missbrauchsskandal der römisch-katholischen Kirche nicht nur diese Institution, sondern ebenso die evangelischen Kirchen. Die Austrittszahlen sind so hoch wie nie zuvor.

Ich schüttelte den Kopf, während ich den kleinen dunkelbraunen Hahn, der auf der Spitze des Kirchturms seinen Platz hatte, in meinen Händen drehte. Trotz vehementer Versicherungen hatte Petrus Jesus drei Mal verleugnet. (2) Wie die Glaubwürdigkeit des Paulus so steht nun die der Kirchen auf dem Spiel und ihre Relevanz für das soziale Gefüge. Als Pfarrerin, die am Rand von Kirche tätig ist, nämlich dort wo Kirche aufhört und durch die Bundespolizei der Dienst für die Bundesrepublik beginnt, darf ich angehende Polizistinnen und Polizisten im Fach Berufsethik unterrichten. Für mich ist es ein Privileg, diese jungen Menschen unterrichten und unterstützten zu dürfen. Wann hat man im Raum der Kirche eine solche Kontaktmöglichkeit, während die Gemeinden überaltern, wenige Jugendgruppen oder ähnliches haben? Die meisten meiner Anwärterinnen und Anwärter stammen aus „religions- und glaubensfernen“ Familien. Die wenigsten haben eine direkte Erfahrung mit einer Glaubensinstitution gemacht und noch weniger sind praktizierende Gläubige. Schon vor der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie innerhalb der römisch-katholischen Kirche war deren Vertrauen in „Kirche“ auf einem der letzten Plätze – schlechter schnitten zumeist nur noch die privaten Rundfunksender ab. Als Pfarrerin und Theologin, die vor vielen Jahren sich für eine berufliche Tätigkeit in der evangelischen Kirche entschieden hat, ist dies schmerzhaft. Es ist ein direktes, ungeschminktes Bild, das bereits jetzt die Zukunft von Kirche zeigt- und zwar die einer religiösen Minderheit, der eine Mehrheit religionsneutraler bzw. distanzierter Personen gegenübersteht.

Aber sollten sich Kirchen dem Chaos des Zersetzungs- und Verkleinerungsprozesses ergeben? Eine durchaus interessante Frage, denn schon bald werden sich noch drängendere Fragen der Finanzierbarkeit und personelle Engpässe aufgrund von hohen Ruhestandszahlen und fallender Nachwuchszahlen stellen. In Schottland hatte ich 2007-2010 erlebt, wie die damalige Church of Scotland, die sich als Nationalkirche verstand, massiv verkleinern, Kirchengebäude abstoßen und auch mit personellem Mangel umgehen musste. Doch diese reformierte ging den schmerzhaften Prozess mutig und proaktiv an, um weiterhin ihrem Ruf als Stimme für Gerechtigkeit und Frieden im Norden Europas gerecht werden zu können und sich durch aufgebrauchte Ressourcen nicht ganz aufzulösen.

Es gibt Theologen, die dieses Verständnis einer öffentlichen Stimme und Berufung nicht unterstützen. Der methodistische Theologe Stanley Hauerwas postuliert, dass Gemeinden wie ein sicherer Hafen seien sollten, die Gedanken Jesu separiert von jeglicher Umwelt erhalten und pflegen sollten bis einst der jüngste Tag eintreten sollte. (3) Doch was der Theologe übersieht ist die grundsätzliche Ausrichtung am höchsten Gebot, das Christen aufgetragen ist:

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Mk 12,29-31

Wenn die Kirchen dieses Gebot in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellen, anstatt wie leider oft erlebt, sich um ihre exklusive Entität der Stagnation zu kümmern und um sich selbst zu kreisen, dann besteht Hoffnung und Glaubwürdigkeit, die über die eigene Institution hinausstahlt. Solche Gemeinden, die wie z.B. Vesperkirchen oder Kirchen mit Tafeln um Bedürftige kümmern. Die durch die Unterhaltung einer Pflegeeinrichtung diakonisch tätig sind, kommen dem Ruf Jesu nach. Dietrich Bonhoeffer hat einst zur Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus, in der die Kirchen ihre Berufung zunehmend verloren und zu Mittätern wurden, hervorgehoben:

Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S. 560.

Darin liegt die hoffnungsvolle Perspektive einer gegenwärtigen und zukünftigen Kirche, die sich neu findet, indem sie gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt durch die Umsetzung des Doppelgebots der Liebe schenkt.

Nachdenklich setzte ich die kleine Kirche wieder zusammen. Ob meine Gedanken am Rand von Kirche innerhalb Gehör finden würden?


(1) Knopf rechts unten im Bild.

(2) Mk 14,30

(3) Stanley Hauerwas and William H. Willimon, Resident Aliens: A provocative Christian assessment of culture and ministry for people who know that something is wrong, 25th ed. (Nashville: Abingdon Press, 2014).

Zu Gast bei Initiative 27. Januar

Am Abend des Epiphanienfestes war ich zu Gast bei Initiative 27. Januar. Im neuen, modernen Talkformat bei Instagram durfte ich mit Herrn Matthias Böhning meine biografischen und theologischen Zugänge zu Friedens- und Versöhnungsarbeit, Rassismus und Antisemitismus in Übersee und Deutschland sprechen. Es war eine spannende Unterhaltung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich danke Herrn Böhning sehr für diese Einladung und lege die Initiative allen Leserinnen und Lesern ans Herz! Mitmachen könnt ihr bereits jetzt ganz konkret durch die Unterstützung des Projekts „Weiße Rosen und Briefe für Holocaustüberlebende“ (Link).

Hier ist der Zugang zum Video, der auf IGTV gepostet wurde:

Von Thermometern und kulturellen Segensspuren

Ich öffnete das Fenster und sog die warme Herbstluft ein, die nach goldenem Oktober roch. Während ich mich auf das Fensterbrett stützte, schloß ich die Augen. Bilder der vergangenen Indian Summer zogen an mir vorüber. Erinnerungen an bunte Wälder im Upstate New York, die in unterschiedlichen Nuancen von strahlendem Gelb, kräftigen Rot und sattem Braun wie von magischer Hand gemalt sich vor uns auf unseren Spaziergängen entfaltet hatten.

Ich wurde abrupt aus meinen Erinnerungen gerissen und wieder zurück in das Bamberger Klassenzimmer geholt. „Hallo, Frau Groß! Sollen wir die anderen Fenster auch öffnen?“, fragte ein Anwärter und sah mich fragend an. „Ja. Das ist eine gute Idee.“ Mein Blick streifte an einem Thermometer vorbei, das als Zeichen der längst vergangenen Zeit der einstigen US-amerikanischen Kaserne in großen Lettern die Temperatur in Fahrenheit und in kleineren in Celsius anzeigte.

Und schon stürzten wir uns in den berufsethischen Unterricht. Mit meinem Dienstbeginn in der Bundespolizei war bei mir die alte Hoffnung meiner Kindheit wieder wach geworden, endlich ganz in Deutschland anzukommen. Doch immer wieder tauchten in den Unterhaltungen und Nachfragen meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter Fragen zu meinem eigenen interkulturellen Aufwachsen auf deutsch-amerikanischem Horizont, und meine mehrfachen Auslandserfahrungen auf.

In gewisser Weise glich mein Leben dem Thermometer, das am äußeren Rahmen des Klassenfensters angebracht war. Wie die Temperaturanzeige oszilliere ich zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Systemen hin und her. Oft rast- und ruhelos ohne wirklich in Deutschland oder USA anzukommen.

Viele meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter teilen die Erfahrung zwischen Kulturen aufzuwachsen. Wie ich sehen sie sich als Deutsche. Sie meistern gleichzeitig die Herausforderung, die Kulturen ihrer Familien in sich zu vereinen und ihnen eine Heimat zu schenken. Ich weiß, wie schwer dies sein kann und bin nach mehreren Auslandserfahrungen zu dem Entschluss gekommen, dass ich nie ganz an einem Ort ankommen werde. Deutsch, aber immer mit einem amerikanischen Anteil. Während ich als Kind dadurch eher die Ausnahme in einer kleinen fränkischen Stadt war, wird Deutschland zunehmend kulturell vielgestaltig. Diese Erfahrung teilen zahlreiche Polizeianwärterinnen und -anwärter. Sie machen die Bundespolizei stärker, denn sie bringen vielfältige interkulturelle Kompetenzen, wichtige Sprachkenntnisse und religiöse Erfahrungshintergründe mit. Solche Fertigkeiten können in polizeilichen Situationen von großer Hilfe sein, um wertvolle Brücken der Verständigung zu schlagen. So wie das Thermometer zwischen Fahrenheit und Celsius die Temperatur in eine jeweils verständliche Einheit übersetzten.

Die Unterrichtsstunde war wie im Flug verstrichen. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrgruppe, die in fleißiger Eile zum nächsten Unterricht ging. Während ich das Fenster schloß, blieb mein Blick dankbar am Thermometer haften. Es würde mich Woche um Woche daran erinnern, welch ein Segen Menschen sein können, die Kulturen in sich vereinen.

Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion

Die Turnschuhe glitten über den roten Belag der Laufbahn. Ich drückte meine AirPods fest und grüßte mit einer Handbewegung meinen Kollegen, der ebenso im nebligen Halbdunkel des Morgens seine Bahnen auf dem leeren Sportplatz des polizeilichen Ausbildungszentrums zog. Mein Atem nahm einen regelmäßigen Rhythmus an, der sich langsam an das dumpfe Laufgeräusch meiner Füße anglich. Es tat gut, den Herbstmorgen so zu begrüßen und Kraft zu sammeln, denn ein langer und spannender Fortbildungstag zur Berufsethik stand uns bevor.

In vielem gleicht unser Dienst als Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Bundespolizei einem Lauftraining, bei dem es gilt Ausdauer zu zeigen, Etappenziele zu erreichen und nie das Ziel eines gelingenden berufsethischen Unterrichtes und einer einfühlsamen Seelsorgebegleitung derer, die uns anvertraut sind, aus dem Blick zu bekommen. Die berufsethische Fortbildung, die ich im südlichen Schwarzwald besuchte, war hierbei eine Art „Lauftraining“, die mir half Atem zu finden, Lauftechniken zu erlernen und mit anderen „Laufpartnerinnen und -partnern“ zu trainieren. Doch an diesem Morgen hatte ich jenseits der Fortbildung einen besonderen Grund trotz der Müdigkeit und der frühen Morgenstunde auf die Laufbahn zu treten: In dieser Woche sammelte das Aus- und Fortbildungszentrum, an dem ich Seelsorgerin war, im Rahmen des bundesweiten Schulnetzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Schritte gegen rechts.

Paulus selbst war das Bild des Laufens sehr bekannt. Während seines eineinhalbjährigen Aufenthalts in Korinth im Jahr 51 und 52 hatte er Isthmischen Spiele besucht, die nach den Olympischen Spielen die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt waren. Hierbei war der Streckenlauf einer der Königsdiziplinen gewesen.

Nachdem Paulus diese pulsierende und kosmopolitische Hafenstadt verlassen hatte, schrieb er an die Gemeinde einen Brief, indem er das Bild des Laufes aufnahm, um ihnen Trost in ihren Herausforderungen zu spenden:

24 Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Kor 9,24-27

Seine Worte klangen an diesem milden Herbstmorgen, an dem sich der Südschwarzwald von seiner lieblichen Seite zeigte, allzu vertraut. Als Christinnen und Christen befinden wir uns kontinuierlich auf einem Lauf immer das Ziel von Gottes Gerechtigkeit und einer besseren Welt im Blick. Dabei gilt es, dass wir uns selbst herausfordern und erden, damit nicht anderen predigen, selbst den gesetzten Maßstäben aber nicht entsprechen. Da ich mit vielen anderen im Aus- und Fortbildungszentrum mich für eine „Schule ohne Rassismus“ einsetzte, war es ein Muss soviel Schritte wie möglich in dieser Woche zu sammeln und nicht nur darüber zu reden.

Inzwischen ging mein Atem schwer und ich sog die kalte Luft in großen Atemzügen ein. Es fühlte sich an als ob meine Lunge zu brennen beginnen würde. Noch zwei Runden, sprach ich mir selbst zu, dann hast du dein Etappenziel erreicht und eine Menge Schritte gelaufen. Ich freue mich über diese und andere Initiativen, die ein Zeichen gegen Extremismus und für eine gerechtere Welt, die allen Menschen so wie sie gemacht sind, einen Platz schenkt. Für eine Bildungseinrichtung ist dieses Projekt eine wunderbare Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv in positiver Weise mitzugestalten und bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt vorzugehen. Ein wichtiges Signal nach innen und außen, das die Bundespolizei damit setzt – in dieser Woche durch das Sammeln von Schritten und dem Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion. Ein wahrhaft biblisches Bild, das Paulus gut verstanden hätte. Leise nickte ich, während ein verschmitztes Lächeln über meine Lippen glitt. Ob Paulus auch ein Morgenläufer war? Zu gerne hätte ich das gewusst.

Ich konzentrierte mich wieder auf meinen morgendlichen Lauf, denn die Anstrengung forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Endlich kam die Ziellinie der letzten Runde in den Blick. Ich nahm die letzten Kraftreserven zusammen und sprintete auf die Ziellinie zu.

Explodierende Kätzchen, Interventionen, Polizeiseelsorge & Co.

Etwas blechern, aber dadurch noch amüsanter strömte mexikanische Volksmusik aus der kleinen Kartenverpackung. Ich schaukelte vergnügt vor mich hin während ich meiner Tochter dabei zusah, wie sie die Karten für das in unserer Familie beliebtes Kartenspiel „Exploding Kittens“ an die um den Küchentisch versammelten Personen verteilte.

Die verrückten Regeln des Spiels hatten es unserer Familie angetan! Wo sonst gab es eine freundlich grinsende Taco-Katze, mit der man anderen eine Karte stehlen oder eine Einhorn-Enchilada, mit der man die Zukunft des Kartenstapels auskundschaften konnte? Und mit etwas Glück konnte man das spielerische Gegenüber einfach so explodieren und damit aus dem Spiel werfen. Geschützt war man gegen diese aggressiven Angriffe nur durch die „Defuse“-Karte.

Das verrückte Kartenspiel ist seit Monaten der absolute Spielhit, doch seit einigen Tagen hat besonders die Schutzkarte eine wichtige Bedeutung für mich. „Defusing“ ist in eine wichtige Technik im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte, die nach einem potentiell belastenden Ereignis als wichtiges Angebot für die Begleitung professionell verankerter Berufsgruppen verwendet werden kann. Diese kurze Nachbesprechung ist wichtig, damit Einsatzkräfte das Erlebte zuordnen und den Weg einer Bearbeitung des Ereignisses beginnen können.

In dieser Woche durfte ich mit vielen besonderen und bereichernden Personen, die bei der Feuerwehr, Polizei, Zoll, im Transportbereich und der Notfallseelsorge tätig sind, diese und andere Techniken durch einen Kurs der „Bundesvereinigung für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen e.V.“ erlernen. Kursleiter Oliver Stutzky half uns Schritt um Schritt in die Einsatzbegleitung und Nachsorge nach belastenden Ereignissen hineinzuwachsen. Für mich war es ein segensreiches Umdenken, das meine pastorale Praxis nun als Seelsorgerin in der Bundespolizei neu ausrichtet.

Durch „Defusing“ & Co. wird bei Einsatzkräften dafür gesorgt, dass das Lebenshaus nicht wie in der Karte unseres Spiels am heimischen Küchentisch explodieren, sondern dass sie den heilsamen Weg einer Verarbeitung beschreiten können.

Vor diesem Kurs habe ich die hellgrüne „Defuse“-Karte erleichtert, aber doch etwas leichtfertig schmunzelnd ausgespielt. Ab dieser Woche wird das Schmunzeln nun von einer Dankbarkeit für eine neue Methode und Menschen wie Oliver Stutzky verbunden sein, die sie lehren, damit Einsatzkräfte gut begleitet durch schwere Zeiten gehen können.

Glaube verpflichtet – vom notwendigen Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus

„Justice is served“ – ich rieb meine Augen nach einer unruhigen Nacht und versuchte meinen noch müden Blick auf die Nachricht meiner amerikanischen Freundin zu fokussieren. Plötzlich war ich hellwach. Ich setzte mich im Bett viele Meilen weg von meiner vergangenen New Yorker Heimat auf und schaltete umgehend die Nachrichten ein. Während draußen die Natur langsam erwachte, wanderten die Bilder des vergangenen Jahres über meinen deutschen Bildschirm und riefen die Erinnerungen einer sehr bewegten Zeit in meinem Herzen wach.

„Justice is served“ – ein tiefer Seufzer entfuhr mir in Erleichterung um einen Schuldspruch, der so notwendig war und endlich ein deutliches Zeichen gegen Rassismus in den USA setzte. Vor einem guten Jahr war ich mit anderen auf die Straße gegangen, um gegen den Mord des schwarzen Amerikaners und den tief im Land verwurzelten Rassismus zu demonstrieren. Immer wieder brach dieser durch Polizeigewalt hervor.

Aber ich kannte als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin auch die andere Seite: Polizistinnen und Polizisten, die sich gegen ein zutiefst rassistisches System engagieren. Die selbst dunkle Hautfarbe trugen und versuchten von Innen heraus die Polizeikultur zu verändern. Fünfeinhalb Jahre durfte ich in New York als ehrenamtliche Seelsorgerin Polizistinnen und Polizisten begleiten, sie unterstützten, ihnen zuhören und als Brückenbauerin Verbindungen zwischen der örtlichen Polizeistation und den Anwohnern herstellen. Dies war besonders im vergangenen Jahr dringend notwendig geworden, um miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsame gelingende Wege zu suchen und zu heilen.

Aus meiner Sicht ist es ungemein wichtig, dass wir uns aufgrund der engen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindung von Deutschland und USA über die grundlegende und beunruhigende Nähe von Rassismus und Antisemitismus bewusst werden. Beide sind gefährliche Irrlehren, die zutiefst der christlichen Botschaft widersprechen. Sie sind ideologische Zwillinge, die nicht nur Hass verbreiten, sondern auch Menschenleben kosten.

Wie aber entsteht dieser Hass gegen Menschen? Unvergeßlich ist mir ein Seminar, das ich im Rahmen meines Zusatzstudiums bei Professorin Beverly Mitchell, die am Wesley Theological Seminary, Washington, D.C. lehrt, besuchen durfte. Sie stellte uns ihre Arbeit zum systemischen Vergleich von Konzentrationslagern und Sklavenplantagen vor. Die zum Himmel schreienden systemischen Analogien öffneten mir die Augen und ließen mich verstehen, warum sie bei Rassismus und Antisemitismus von „Zwillingen des Hasses“ (Engl.: „Twins of Hate“) sprach. Diese tödlichen Irrlehren haben ihre Wurzeln in der grundlegenden Ideologie, bestimmte Gruppen unter Verwendung von Ausschlussgesetzen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Sklaverei, Mord und anderen Formen der Ungerechtigkeit auszuschließen und niederzudrücken.

Rassismus und Antisemitismus sind somit ideologische Zwillinge, die ihre Wurzeln tief in einer nährenden Grundlage haben: Im Hass gegen andere, in der Ausgrenzung, Ausbeutung und sogar Tötung wie im Falle George Floyds und zahlreichen anderen. Sie sind Irrlehren, die die von Gott geschenkte Gottebenbildlichkeit verletzen und mit dem uns von Jesus gebotenen Doppelgebot der Liebe brechen.

Dieses Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus, das tief verwurzelt in dem Gebot der Nächstenliebe und Gottebenbildlichkeit ist, begleitet mich auch nun als Seelsorgerin in der Bundespolizei in Bamberg als dem größten polizeilichen Aus- und Fortbildungszentrums Europas. Hier darf ich junge Polizeianwärterinnen und -anwärter in ihrer Ausbildung begleiten und für alle in dieser Lehreinrichtung Tätigen als Seelsorgerin arbeiten. Ein Privileg und gleichzeitig eine große Verantwortung.

„Justice is served“ – an diesem Morgen blickte ich mit Dankbarkeit auf die jubilierende Nachricht meiner amerikanischen Freundin. Der in der letzten Nacht getroffene Schuldspruch war von so unglaublicher Wichtigkeit, denn ein wertvolles Menschenleben war aufgrund einer rassistischen Einstellung ermordet worden. Gleichzeitig verpflichtet er rund um die Welt Menschen, dass sie überall dort, wo Menschen als Ebenbilder Gottes verletzt und ermordet werden, aufstehen im Namen des Schöpfers unserer Welt und sich für Gerechtigkeit und Frieden jenseits von Hautfarbe, Nation, Herkunft und finanzieller Leistungsfähigkeit einsetzen. Dafür will ich einstehen, wo mich Gott in den Dienst beruft.

Hoffnungszeichen Impfung – Impfbeginn bei der Bundespolizei

Hunderte Male war ich mit meinem kleinen grauen Dienstauto an der Westseite des Henry Hudsons entlang gefahren. Vorbei an der massiven Wand an Hochhäusern, die diesen Schnellweg säumen. Als ich an einem Spätnachmittag Ende März mein Auto Richtung Chelsea lenkte, eröffnete sich mir ein atemberaubend hoffnungsvoller Blick: die USNS Comfort, ein Hospitalschiff der US-Navy lag an Pier 90 vor Anker und brachte mit dessen Ankunft so viel Hoffnung nach New York.

Seit Anfang März 2020 war die Metropolregion New Yorks und vor allem New York City zu einem pandemischen Hotspot geworden. Die Bilder und Erfahrungen dieser Zeit verfolgen mich noch ein Jahr später und haben sich wie wenige andere in mein Gedächtnis eingebrannt.

Als ich nun an meinem neuen Dienstort des Aus- und Fortbildungszentrums der Bundespolizei Schilder entdeckte, die auf die anlaufenden Impfungen hinwiesen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich habe gesehen, was dieses Virus anrichten kann und habe Menschen, die verstarben oder durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen in Notlagen geraten sind begleitet.

Für mich ist das Angebot einer Impfung ein wunderbares Hoffnungszeichen. Die Bundespolizei hat Anfang März mit der Impfung der Beschäftigten in eigenen Impfzentren begonnen, damit die Impfzentren der Länder und das dort tätige medizinische Personal entlastet wird. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei arbeiten als Einsatzkräfte in Gefahrenzonen an der Grenze, auf der Schiene oder an Flughäfen. Daher müssen sie wie auch Lehrkräfte und medizinisches Personal geschützt werden, damit sie für unseren Schutz sorgen können.

Aus dem Erleben meiner nun zurückliegenden New Yorker Zeit weiß ich um die Gefahren des Virus. Doch durch die notwendigen Maßnahmen wie Schutzmaske, Abstand und Co., sowie Geduld und einer Impfbereitschaft können wir diese gesellschaftliche und ökonomische Herausforderung als Gemeinschaftswesen überstehen.

Gedanken zum Dienstbeginn bei der Bundespolizei

In ordentlichen Reihen hatten sich die Auszubildenden der Bundespolizei aufgereiht und lauschten aufmerksam den Worten ihrer Vorgesetzten, die die auf sie zukommende Aufgabe und deren Vorgehen beschrieben. Während ich ihnen gegenüberstand, konnte ich ihre angespannte Aufmerksamkeit gut verstehen – und ich war mindestens genauso aufgeregt, da ich eingeladen worden war, einen geistlichen Impuls und Segen für ihren Einsatz zu sprechen.

Mitte Januar hatte ich New York als „Heimat auf Zeit“ verlassen, um in der Bundespolizei als Seelsorgerin arbeiten zu dürfen. Der Wunsch war meiner ehrenamtlichen Seelsorgetätigkeit bei dem New York Police Department (NYPD) erwachsen. Durch meine Berufung war das New Yorker Ehrenamt zum Hauptamt geworden. Das Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in der fränkischen Stadt Bamberg bildet ca. 3.000 Auszubildende im Alter von sechzehn bis Mitte dreißig für den wichtigen und systemrelevanten Beruf des Bundespolizisten und -polizistin aus. Noch stehe ich ganz am Anfang dieser Tätigkeit, doch bereits jetzt bin ich beeindruckt von der überall zu spürenden Gemeinschaft. Nicht umsonst hat man mich mehrfach in der Familie der Bundespolizei willkommen geheißen.

Nun darf ich Teil dieser Familie sein und junge Menschen auf ihrem Ausbildungsweg begleiten, indem ich den überwiegenden Teil meiner Tätigkeit auf den Bereich des ethischen Unterrichtes ausrichten darf. Viel gibt es zu lernen, denn so wie die Auszubildenden ihren neuen Beruf Schritt um Schritt erlernen, werde auch ich in eine ganz neue Tätigkeit hineinwachsen. Möge Gott zu beidem seinen reichen Segen dazu geben.

(Foto: Bundespolizei)