Was trägt, wenn alles wankt (2)

Zwischen Rinde und Borke – Leitung und Führung in der mittleren Ebene

Sprache hat Macht. Sie schafft Wirklichkeit, oft ohne dass wir es bemerken. Manchmal eröffnet sie Räume, manchmal begrenzt sie unseren Blick. Und gelegentlich bringt sie uns ins Stocken – hält uns an, noch einmal hinzusehen, genauer zu hören, weiterzudenken.

So ist es mir mit einer Redewendung ergangen, die mir lange vertraut war und die mir doch erst in den vergangenen Monaten neu zu denken gegeben hat: „Zwischen Rinde und Borke“.

Vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Situation. Seit nunmehr einem Jahr bewege ich mich in einer mittleren Leitungsebene, wachse in diese Rolle hinein und merke zugleich, wie sehr sich die Kirche, in der ich arbeite, in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess befindet. Vieles ist im Fluss, manches noch unklar, anderes bereits spürbar in Bewegung geraten.

In diesem Zusammenhang hat sich die vertraute Redewendung anders zu Wort gemeldet. Nicht mehr nur als Beschreibung einer unangenehmen Lage, sondern als ein Bild, das Fragen stellt. Fragen danach, was dieses „Dazwischen“ eigentlich meint – und ob es tatsächlich nur Enge beschreibt.

Was als beiläufige Irritation begann, hat meinen Blick auf Leitung in dieser mittleren Ebene verändert.

In diesem Blogeintrag will ich Sie auf diese Entdeckungsreise mitnehmen.


Meine Hand lag ruhig und schwer auf der Rinde des großen Baumes, der sich nahe unserer Wohnung auf dem kleinen Gedenkplatz erhob. Ich strich über die raue Oberfläche und spürte, wie die harte Rinde an meiner Haut rieb. Mein Blick folgte meiner Handbewegung – immer wieder etwaige Zwischenräume suchend. „Zwischen Rinde und Borke“, wo war nur dieser Zwischenraum?

Plötzlich war ich nicht mehr im schattigen Grünen des kleinen Platzes, sondern abendlich in einer digitalen Besprechung, die einiges von mir gefordert hatte. In Windeseile war ich zwischen Ebenen geraten. Seufzend hatte ich daher impulsiv Unbehagen über diese Situation zwischen Rinde und Borke geäußert. Eigentlich hatte es sich eher wie ein Zermalmen zwischen Mühlsteinen angefühlt als nach einem lebendigen Ort wie dem eines Baumes.

Die Handbewegung kam zum Stocken während sich mein Ehering an einer Hervorwölbung der Rinde verkeilte. Da ich den benannten Zwischenraum zwischen Borke und Rinde nicht finden konnte, gab ich nun auf und nahm mir vor, der Redewendung etwas mehr auf den Grund zu gehen.

Die Suche nach diesem Zwischenraum ließ mich in den nächsten Tagen nicht los. Vielleicht gerade deshalb, weil das Bild so selbstverständlich daherkommt, als müsste es ihn geben. „Zwischen Rinde und Borke“ – das sagt sich leicht. Fast beiläufig. Und doch trägt diese Redewendung eine eigentümliche Schwere in sich. Sie beschreibt nicht nur ein Dazwischen, sondern ein Dazwischen, das keinen eigenen Raum kennt. Eine Lage, in der man sich nicht einfach zuordnen kann, in der man weder ganz auf der einen noch auf der anderen Seite steht. Ein Ort ohne eindeutige Verortung.

So kam ich mir manchmal als Rektorin und damit als Teil der mittleren kirchlichen Leitungsebene vor.

Die Erfahrung, zwischen Erwartungen zu stehen, zwischen unterschiedlichen Blickrichtungen, die sich nicht ohne Weiteres miteinander in Einklang bringen lassen riß mich immer wieder hin und her – und manchmal hatte ich das Gefühl, dass mir die Luft abgeschnitten wurde.

Botanisch betrachtet gibt es den von der Redewendung implizierten Zwischenraum gar nicht. Die Borke ist kein Gegenüber zur Rinde, sondern ihr äußerster Teil. Was wir im Alltag als Rinde bezeichnen, umfasst bereits das, was wir sprachlich von ihr so leichtfertig abgrenzen.

Näher betrachtet besteht ein Baum aus dem inneren Holz – für mich ein Sinnbild für Kirchenleitung, Synode und kirchliche Strukturen. Dann aber wird es spannend, denn daraufhin folgen Kambrium und Bast, die für mich die mittlere Leitungsebene symbolisieren.

AspektBast (Phloem)Kambium
Botanische EinordnungInnerer Leitungsbereich der RindeWachstumszone (lebende Zellschicht)
Funktion im BaumTransportiert Nährstoffe und Informationen in alle Teile des BaumesBildet neue Zellen – nach innen Holz, nach außen Bast
Bedeutung für den BaumVerbindet alle Teile und sorgt für VersorgungLässt den Baum wachsen, stärkt ihn und macht ihn zukunftsfähig
Charakterverbindend, weiterleitend, vernetzenden Fluss ermöglichendentwickelnd, erneuernd, tragfähige Veränderung hervorbringend
Übertragung auf LeitungBringt Informationen, Erfahrungen und Bedürfnisse zwischen Praxis und Leitung in BewegungEntwickelt tragfähige Lösungen und verarbeitet Spannungen zu neuen Wegen
Wirkrichtungfördert Austausch, Verständnis und Beteiligungübersetzt Unterschiede in gemeinsame Formen und ermöglicht Weiterentwicklung
Bedeutung für das Systemhält Verbindung lebendig und überträgt, was trägt, in den Alltagstärkt das, was Zukunft trägt, und ermöglicht strukturelle Entwicklung
Wenn es fehltkein Austausch → keine echte Verbindungkein Wachstum → keine Zukunft

Als ich die Informationen in einer Tabelle zusammenfügte, fing ich an, einiges zu verstehen und versuchte es in eine Abbildung zusammenzufassen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen, die dies liest:

Gesehen auf die gesamte Kirche ist das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen sehr interessant – von der Wurzel, die in der Heiligen Schrift ihren Halt, ihre Nahrung und Kraft erhält bis hin zum Blätterdach und den Früchten, die das Evangelium durch das Wirken vieler bringt, habe ich meine Gedanken und meiner Fantasie freien Lauf gelassen.

Nun hatten sich endlich Bilder und Begriffe geklärt. Statt einer Enttäuschung über diese Metapher, wich dies einer stillen Einsicht, die mir nun half, meine Situation und die vieler auf der mittleren Leitungsebene in neue Bilder zu gießen. Das Bild vom „Zwischen Rinde und Borke“ ließ sich botanisch nicht verifizieren.

Und doch zeigte sich unter der sprachlichen Oberfläche der Metapher etwas, das ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte.

Dort, wo die äußere Schicht endet, liegt nicht Leere, sondern eine feine, lebendige Zone. Der Bast, der verbindet und weiterleitet. Das Kambium, das neue Zellen bildet und Wachstum ermöglicht. Keine starre Grenze, sondern ein Bereich, in dem Bewegung ist, Austausch geschieht und Neues entsteht.

Was ich zunächst als ein eingeengtes Dazwischen verstanden hatte, erwies sich bei genauerem Hinsehen als ein Ort, der alles andere als leer ist. Nicht sichtbar im Vordergrund, aber entscheidend für das Ganze.

Für mich tröstliche Gedanken, damit ich mich weniger zwischen Fronten, Ansprüchen und Anforderungen fühle, sondern Teil einer hochwirksamen Schicht innerhalb des Baumes zwischen Kirchenleitung, Synode, kirchlichen Einrichtungen und dem zu was wir berufen sind: der Weitergabe des Evangeliums in Wort und Tat.

Was trägt, wenn alles wankt (1)

Was beim Schritt ins Ungewisse trägt: gelebte Verantwortung

Vielleicht lässt sich gerade in Umbruchszeiten erst wirklich ermessen, was Leitung trägt und worauf sie gegründet ist. Nicht im Allgemeinen, sondern im Konkreten, im Erlebten, im Rückblick auf Menschen und Erfahrungen, die uns geprägt haben. Mir ist in den vergangenen Monaten aufgrund meiner eigenen Führungsrolle neu aufgegangen, wie sehr eine solche Erfahrung meinen Blick auf Leitung geformt hat. Von ihr ausgehend möchte ich nun eine Spur aufnehmen, die nach den Grundlagen fragt, die Führen und Leiten angesichts des Ungewissen gegenwärtiger Umbrüche trägt.


Auf der Rückfahrt klangen die Begegnungen dieses Tages in mir nach, als wollten sie sich nicht so rasch einordnen lassen, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Das schlichte Trauerbild lag auf dem Beifahrersitz, und immer wieder fiel während der Rückfahrt mein flüchtiger Blick darauf. Vor wenigen Stunden war meine Mentorin, die mir im Vikariat zu einer wichtigen Begleiterin geworden war, bestattet worden. Die Traurigkeit war noch da, und sie ließ sich auch nicht einfach beiseite schieben, aber sie hatte sich verändert. Sie war durchzogen von einer leisen, stillen Dankbarkeit, die sich nicht in den Vordergrund drängte und doch spürbar wurde.

Dankbarkeit für eine Zeit, in der ich geführt worden war und lernen durfte.

Lange hatte ich diese Erfahrung mit Begleitung und Zuwendung beschrieben, und vielleicht waren diese Begriffe auch nicht falsch, und doch merkte ich, während die Straße vor mir gen zuhause hinzog und die Gedanken sich ihren eigenen Weg suchten, dass sie allein nicht ausreichten, um zu erfassen, was mich damals eigentlich getragen hatte.

Denn meine Mentorin hatte sich nicht darin erschöpft, Nähe herzustellen und mich zu begleiten, so wesentlich dies gewesen ist. Vielmehr hatte sie in all dem etwas gelegt, das darüber hinausging, etwas, das sich erst im Rückblick deutlicher zeigte.

Wenn ich versuche, ihr Leitungshandeln in einen größeren Zusammenhang zu stellen, dann führt mich mein Denken zu einem Bild, das sich durch die biblische Überlieferung zieht und das vielleicht gerade deshalb eine solche Kraft entfaltet, weil es so schlicht und zugleich so tragfähig ist: das Bild des Hirten.

Ich weiß, dass viele nun vielleicht beim Lesen etwas gelangweilt mit den Schultern Zucken mögen. Das Bild mag alt sein. Manchmal auch abgegriffen. Es bleibt dennoch ein gutes Bild für Leitungshandeln.

Schon im Alten Testament wird Gott selbst als der beschrieben, der führt, der trägt und der für sein Volk sorgt, und in der Vertrautheit des Psalters verdichtet sich dies in die Worte:

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Psalm 23,1

Es ist ein Bild, das von Nähe spricht, von Verlässlichkeit, von einer Form von Leitung, die nicht von oben herab geschieht, sondern aus einer Beziehung heraus, die trägt.

Und zugleich wird dieses Bild dort geschärft, wo Leitung genau dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Beim Propheten Ezechiel wird mit großer Deutlichkeit ausgesprochen, was geschieht, wenn Leitung sich von dieser Fürsorge löst:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“

Ez 34,2

Es ist, als würde hier ein Maßstab sichtbar werden, der über Zeiten hinweg gilt: dass Leitung sich daran erweist, ob sie sich tatsächlich um die kümmert, die ihr anvertraut sind, und dass sie dort ins Leere läuft, wo sie sich von dieser Aufgabe entfernt.

Im Evangelium nach Johannes wird dieses Bild aufgenommen und zugleich in einer neuen Tiefe entfaltet, wenn Jesus von sich selbst als dem guten Hirten spricht:

„… und er geht vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“

Joh 10,4

Und an anderer Stelle:

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

Joh 10,14

Beide Sätze stehen nicht nebeneinander, sondern gehören zusammen. Der Hirte kennt, und er geht; und die, die ihm folgen, tun dies nicht aus Zwang oder aus bloßer Erwartung heraus, sondern weil sie ihn kennen und ihm vertrauen.

Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das den Unterschied ausmacht. Gerade dort, wo Wege ins Unbekannte führen und wo sich nicht im Voraus sagen lässt, wohin ein Schritt führen wird. Denn in solchen Situationen genügt es nicht, sich auf Zuständigkeiten oder Strukturen zu berufen, so notwendig diese auch sein mögen. Ohne Vertrauen lässt sich niemand in das führen, was noch nicht absehbar ist.

Und dieses Vertrauen entsteht nicht in dem Moment, in dem Entscheidungen getroffen werden müssen. Es wächst lange zuvor.

Meine Mentorin hat genau das gelebt, ohne es je programmatisch auszusprechen. Lange bevor größere Zukunftsfragen unserer Landeskirche thematisch aufgenommen wurden, lebte sie bereits ein Konzept, das mir viel gelehrt hat. In der Art, wie sie sich Zeit nahm, wie sie zuhörte, wie sie wahrnahm, was uns bewegte, entstand eine Verlässlichkeit, die nicht laut war und doch trug. Auch duckte sie sich nicht weg, wenn es um Verantwortung in heiklen Situationen ging und stellte sich nie in den Vordergrund, wenn es um ein hierarchisches „Wahrgenommen-Werden“ handelte.

Erst vor diesem Hintergrund wurde es möglich, dass die Gemeinde damals mutige Schritte ging, die nicht selbstverständlich waren. Schritte, die Unsicherheit mit sich brachten und die ohne dieses gewachsene Vertrauen kaum hätten gegangen werden können.

Ein Wort aus demselben Evangelium führt diesen Gedanken noch einmal weiter und vertieft ihn in einer Weise, die mir erst im Rückblick ihre Tragweite erschlossen hat:

„Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“

Joh 15,15

Es ist, als würde sich hier der gedankliche Horizont noch einmal öffnen. Der Hirte, der vorangeht, bleibt nicht auf Distanz, sondern nimmt die Seinen hinein in das, was ihn selbst bewegt. Was zuvor Vertrauen geschaffen hat, wird hier zu einer Form von Teilhabe, die nicht mehr von außen bestimmt ist, sondern von innen her verstanden werden kann.

Vielleicht liegt gerade darin eine entscheidende Spur für das, was Leitung im Ungewissen trägt. Dass sie nicht darin aufgeht, Wege vorzugeben oder Entscheidungen zu treffen, sondern dass sie Menschen hineinführt in ein Verstehen dessen, was geschieht. Nicht mehr Knechte, die ausführen, sondern Freunde, die mit gehen, teilhaben und mitgehalten.

Und doch bleibt auch dies gebunden an das, was vorausgeht. Denn diese Form von Teilhabe lässt sich nicht herstellen, wenn nicht zuvor Vertrauen gewachsen ist. Sie kann nicht verordnet werden, sondern entsteht dort, wo Beziehung verlässlich geworden ist.

Gerade darin unterscheidet sich eine solche Form von Leitung von einem rein hierarchischen Agieren, das sich vor allem über Zuständigkeit und strukturelle Bevollmächtigung definiert. Das auf eine direktive Umsetzung jenseits von Mitgestaltung pocht. Solche Formen mögen in manchen Institutionen wie Sicherheitsbehörden notwendig sein, da sie Ordnung und Klarheit für den Einsatz und Ernstfall schaffen. Aber in einer Kirche, die sich in einem massiven Umbruch befindet, ist eine starre Hierarchie und damit eine absolute Befehlsstruktur, die die Anvertrauten weder ernst noch wahr nimmt und sie eher als Gegenstände als als Subjekte sieht, aus meiner Sicht fehl am Platz. Denn ohne Vertrauen auf einen Hirten oder eine Hirtin wird eine Herde keine gemeinsamen guten Schritte in die unbekannte Zukunft finden.

Harte Hierarchie ist keine Lösung in Zeiten kirchlicher Ungewissheit. Was trägt, ist etwas anderes.

Es ist das Vertrauen, das gewachsen ist, oft über längere Zeit hinweg und vielleicht dadurch, dass eine Person, die mutig Verantwortung für die ihr Anvertrauten übernimmt. Es ist die Erfahrung, nicht allein zu sein, sondern gesehen und ernst genommen zu werden. Und es ist die Bereitschaft, sich auf dieser Grundlage gemeinsam auf den Weg zu machen, auch dann, wenn der Weg noch im Nebel liegt.

Als ich schließlich zuhause ankam, fuhr ich das Auto in die Garage und schaltete den Motor aus. Plötzlich war es ganz still geworden. Ich griff nach dem Trauerbild auf dem Beifahrersitz, barg es vorsichtig in meiner Hand während die andere beim langsamen Lesen über den Innentext strich.

Ich war einfach dankbar.

Dankbar für ein Vorbild, das mich geprägt hat, weit über diese Zeit hinaus. Dankbar für eine Mentorin, die mir lange bevor Fragen kirchlicher Veränderung überhaupt in der ELKB in den Blick kamen, etwas Entscheidendes gelehrt hat:

Vor einem Schritt ins Ungewisse steht gelebte Verantwortung, die Vertrauen schafft und damit den gemeinsamen Weg in die unklare Zukunft öffnet.

Vielleicht ist es genau das, was trägt, wenn alles wankt.

Was trägt, wenn alles wankt

Führen und Leiten im Umbruch

Zögerlich nahm ich auf einem der mittleren Stühle Platz. Mit einem unsicheren Lächeln
grüßte ich in die Runde all jener Gesichter, die mir schon bald sehr vertraut sein würden.

An der Fensterseite des schlichten Tagungsraumes hatte sich ein Team versammelt, aus dem sich nun ein Mann löste. Einer, dem man ansah, dass er mitten im Leben stand. Er trat ans Mikrofon und räusperte sich.

Ich rückte meine Sitzhaltung auf dem einfachen Stuhl zurecht, während ich hinter vorgehaltener Hand herzhaft gähnte. Mein Blick fiel auf die Armbanduhr und mit ihm
wanderten meine Gedanken an einen ganz anderen Ort, fast 250 Meilen entfernt. Zeitgleich zum Beginn meines zweiten Vikariats in der Church of Scotland waren meine beiden älteren Kinder um diese Zeit bereits in der Grundschule und im Kindergarten. Mein drittes Kind machte vermutlich seinen Mittagsschlaf im Kinderwagen.

Gemeinsam mit meinem Mann waren sie auf einer abgelegenen schottischen Insel –
unserer neuen dienstlichen Heimat.

Da ich mit einem „Red-Eye“-Flug hatte anreisen müssen, um rechtzeitig zum
mittäglichen Beginn im kleinen Hotel nahe Stirling Castle zu sein, lagen Welten
zwischen uns. In Bayern war die Anfahrt zum Predigerseminar so einfach gewesen. Nun
sollte ich mich auf eine Ausbildung einlassen, die mit jedem Kurs an einem anderen Ort
stattfand: mal Hotel, mal Unterkunft bei einem militärischen Standort, mal ein
Kongresszentrum. Trotz der gewagten Reisekombination aus Flugzeug, öffentlichen
Verkehrsmitteln und Mitfahrgelegenheit durch Kollegen war ich nun rechtzeitig hier
angekommen.

Ich seufzte schwer und sehnsuchtsvoll. Der Kollege neben mir sah mich nachdenklich
an. „Are you alright?“, fragte er mit besorgtem Blick. Ich nickte. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, ergriff der Leiter der Ausbildung das Wort zur Begrüßung.

Nach einem erfolgreich abgeschlossenen bayerischen Vikariat hatte mich eine Probedienststelle im hohen Norden Schottlands aus der Heimat gelockt. Doch auf die anfängliche Freude über die erste Pfarrstelle folgte eine unvorhergesehene Hürde nach der anderen. Die größte unerwartete Herausforderung jedoch begann mit meiner Berufung auf diese Pfarrstelle: ein weiteres Vikariat. Diesmal nicht im lutherischen, sondern im reformierten Kontext. Trotz bestehender kirchlicher Vereinbarungen war dies über mich hereingebrochen und ich fragte mich, wie ich all das schultern sollte.

Eine volle Pfarrstelle. Mehrere Vikariatskurse fern von meinen drei Kindern und meinem
Mann. Wochenlange Abwesenheiten. Klausuren. Arbeiten. Und schließlich noch ein Examen, dabei war das letzte doch gerade erst verklungen …

Der Leiter der Ausbildung sprach von den Erwartungen der Church of Scotland, von
Voraussetzungen, von Klausuren und Deadlines. In mir begann sich alles zu drehen.
Denn neben diesen Herausforderungen war mir in der Woche zuvor von meinem
gemeindlichen Finanzgremium eröffnet worden, dass ich innerhalb kürzester Zeit drei Kirchengebäude verkaufen müsse.

Die Immobilienkrise 2007–2008 begann sich zu dieser Zeit erst abzuzeichnen. Erste Verwerfungen auf den Finanz- und Immobilienmärkten warfen ihre Schatten voraus und ich ahnte, dass dies nicht folgenlos bleiben würde.

Wie sollte ich all das schultern?

Als ich erneut seufzte, sah mich mein Sitznachbar mit wachsendem Unbehagen an. Nun aber wurde auch der Leiter der Ausbildung auf mich aufmerksam. Er öffnete den Raum für unsere Fragen und Sorgen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde hörte er aufmerksam zu: was uns bewegte, welche
Träume uns ins Vikariat geführt hatten, welche Befürchtungen wir in diese dichte und
fordernde Ausbildung mitbrachten.

Dann seufzte auch er und sah nachdenklich in die Runde. Schließlich deutete er auf den
Eingang des Konferenzraumes. Über der Tür hing ein schlichtes Kreuz.

„You don’t have to put yourself on a cross during your training period. Someone else has already done this for you many years ago. Look out for yourself – God has called you into our Kirk for a reason, and He does not want you to break apart. He wants you to proclaim His word in deed and action.“

Lange ist dies her. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, und ich begleite als Rektorin
die Vikariatsausbildung der ELKB und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen
(EVLKS). Damals hätte ich als frisch ordinierte bayerische Pfarrerin und schottische Vikarin nicht zu träumen gewagt, dass ich fast zwanzig Jahre später selbst eine
kirchliche Ausbildung im Umbruch als Leitungsperson mitverantworten würde.

Und doch ist es genau diese Erfahrung, die mich heute umtreibt: Wie wird Leitung gelebt
in Zeiten kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruchs? Welche biblisch-theologischen
Grundlagen tragen uns – gerade dann, wenn Sicherheiten wegbrechen?

Dies soll Gegenstand meiner weiteren Überlegungen sein, in die ich Sie nun mitnehmen möchte. Es sind persönliche Einblicke und Gedanken mit Ecken und Kanten, die Ihnen, so hoffe ich, zum Segen werden können: als Einladung, einen eigenen Weg zu finden, immer mit dem Blick auf das Kreuz in diesen herausfordernden Zeiten.

6 7. Weihnachten. Ein Engel mit offenen Händen

Oder: Zwischen Glühwein und Krippe

Helles Strahlen erleuchtete den sonst sehr nüchternen Bamberger Maxplatz an diesem kalten Dezemberabend. Mein Blick wanderte über die XXL-Weihnachtspyramide, die sich vor uns imposant am Rand des Bamberger Weihnachtsmarktes erhob. Geschäftiges Treiben mit freudig strahlenden Menschen, die einen Glühwein erworben hatten und ihn zu den wartenden Liebsten brachten, ergoss sich von der strahlenden Pyramide aus über Teile des Marktes.

Mein Blick löste sich langsam vom Gedränge unterhalb der Pyramide und fand Halt an ihrer untersten Ebene. Dort, wo die Krippenszene aufgebaut war, wirkte alles überraschend ruhig. Maria saß still, nicht idealisiert, sondern gegenwärtig. Josef stand etwas seitlich, nicht im Zentrum, eher wachend als präsentierend. Das Kind lag zwischen ihnen, nicht herausgehoben, sondern eingebettet. Ochs und Esel rahmten die Szene, als hielten sie den Raum. Die Figuren drehten sich gemächlich, als hätten sie alle Zeit der Welt, und ich hatte den Eindruck, dass genau darin ihre Wirkung lag.

Direkt darüber erschienen die drei Weisen. Sie standen bereits nahe beim Kind, nicht mehr unterwegs, sondern angekommen. Ihre Gaben hielten sie nicht erhoben, sondern zurückhaltend, beinahe vorsichtig. Ihre Körper waren dem Geschehen unter ihnen zugewandt, ihr Blick gesammelt. Es war kein Moment des Triumphs, sondern einer des Erkennens. Ein Verweilen, das nichts forderte.

Noch eine Ebene höher veränderte sich die Wahrnehmung. Hier löste sich der Blick vom Irdischen. Schließlich blieb er beim Engel stehen. Er erhob sich über die anderen und drehte sich langsam mit der Pyramide. Seine Arme waren geöffnet wie zwei Schalen oder wie eine Geste, die abwog.

Ich musste unwillkürlich lachen. Diese Geste war gerade in aller Munde. 67, so wurde sie genannt. Entstanden aus einem kurzen Video und Meme, vielfach geteilt, kommentiert, ironisiert. Eine Bewegung zwischen Abwägen und Achselzucken, zwischen Unsicherheit und stillem Einverständnis. Dass sie mir hier begegnete, in Holz geschnitzt und der Eile entzogen, wirkte zugleich komisch und erstaunlich passend.

Beim Engel jedoch verlor diese Geste ihre Flüchtigkeit. Sie wirkte nicht beiläufig, nicht witzig, nicht resigniert. Seine geöffneten Hände hielten nichts fest. Sie zeigten auf nichts. Sie ließen Raum. Vielleicht war er ratlos. Nicht grundsätzlich, nicht existenziell, sondern auf diese leise, freundliche Weise, die entsteht, wenn alles Wesentliche da ist und sich dennoch die Frage stellt, ob es auch wahrgenommen wird.

Vielleicht galt sein Blick nicht der Darstellung unter ihm, sondern den Menschen. Dem bunten Treiben auf dem Maxplatz, dem Kommen und Gehen, dem Lachen, den Gesprächen, die sich mit Musik und Glühweinduft vermischten. Vielleicht fragte er sich, ob die Botschaft, die dort unten so klar vor Augen stand, hier auch gehört wurde. Ob sie ankam zwischen Bechern und Begegnungen. Ob das Wort, das Fleisch geworden war, Resonanz fand.

Und doch lag in seiner Haltung nichts Forderndes. Keine Ungeduld. Keine Mahnung. Vielleicht wusste dieser Engel um den Unterschied der Zeiten. Darum, dass Gottes Zeit nicht mit der unseren zusammenfällt. Dass Menschen hören, wenn sie hören wollen – nach ihrem eigenen Belieben. Und dass das göttliche Wort nicht vergeht, auch wenn es vielleicht übersehen wird.

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.“

Joh 1,14 (Lut 2017)

Vielleicht war diese Geste deshalb so vertraut. Nicht, weil sie gerade populär war, sondern weil sie älter ist als jeder Trend. Offene Hände. Ein Abwägen ohne Ungeduld. Ein Wissen darum, dass sich Wahrheit nicht beschleunigen lässt.

Bei den Engeln, dachte ich, ist diese Bewegung zeitlos. Kein Schulterzucken. Kein Zeichen von Ratlosigkeit im menschlichen Sinn. Eher ein Aushalten dessen, was noch unterwegs ist. Ein Halten der Zwischenzeit.

Der Engel drehte sich weiter. Gelassen. Mit offenen Händen.

Ich tauchte erheitert und zugleich getröstet aus meinen Gedanken auf, als mein Mann meine Hand drückte und mich ansah. Ob wir einen Glühwein trinken wollten, fragte er, ganz selbstverständlich, als wäre nichts geschehen.

Ich nickte.

Bevor wir uns umdrehten, hob ich noch einmal den Blick. Der Engel drehte sich weiter, gelassen, die Hände offen. Ich schickte ihm ein stilles, dankbares Lächeln. Für die Erinnerung daran, dass nicht immer alles erklärt, nicht alles begriffen, nicht alles sofort klar sein musste.

Zu Gottes Zeit würde offenbar werden, was jetzt noch offen blieb.
Das Wort Gottes war längst da.
Und für diese Zwischenzeit war das genug.

Im Zeichen von „Schutz und Fürsorge“

Vertrauensvoll folgte ich einer durch mehrere Telefonate und Online-Meetings bekannten Stimme, die mich durch den Beton-Dschungle des hannoverschen Messegelände lotste. Zugegebenermaßen aufgeregt öffnete ich die schwere Glastür zu einem langen lichtdurchfluteten Gang, von dem in pragmatischer Weise verschiedene Büroräume betretbar waren. Am Ende des Ganges kam mir Lea D. lächelnd entgegen und begrüßte mich herzlich. Endlich war ich am Kirchentag angekommen.

(Bild: James Mucha)

Ende April war ich aufgebrochen, um als Teil der Gruppe „Schutz und Fürsorge“ mit anderen Fachkräften am Kirchentag ehrenamtlich mitzuarbeiten. 1949 war der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) als Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus und den fehlenden Widerstand der Amtskirche in seiner jetzigen Form gegründet worden. Mit dieser Gruppe begann bereits am vorhergehenden 38. Kirchentag in Nürnberg in kleiner, engagierten Weise, nun aber noch mutiger, starker und beherzter am 39. DEKT in Hannover eine aus meiner Sicht längst überfällige Reaktion auf ein schlimmes kirchliches und gesellschaftliches Thema, das viel zu lange verschwiegen, verdrängt und tabuisiert wurde: Straftaten sexualisierter Gewalt fanden und finden in Schutzumgebungen wie Kirche und Gemeinde statt. Hiergegen muss rigoros vorgegangen und Betroffene mit Schutz und Fürsorge umgeben werden. Ich bin dankbar, dass Detlev Zander mit solcher Kraft auf die bittere Realität sexualisierter Gewalt hinweist, mahnt und trotz vieler schmerzhafter Gegenreaktionen nicht müde wird, dagegen seine Stimme zu erheben.

Das nunmehr zweite Mal war diese besondere Gruppe unter der Leitung von Lea D. als hauptamtliche, sowie Alina und Ari als ehrenamtliche Leitungspersonen an diesem besonderen kirchlichen Ereignis für Betroffene sexualisierter Gewalt da. In diesem Jahr in Hannover mit einem größeren Team von Fachkräften aus unterschiedlichen kirchlichen, sozialen und staatlichen Bereichen, die sie zusammengerufen hatten.

Als ich unsere Einsatzräumlichkeiten betrat, begrüßten mich die anwesenden Kolleginnen und Kollegen herzlich. Die liebevolle Dekoration an unseren Arbeitsplätzen strahlte so viel Liebe und Fürsorge aus.

Umgehend wusste ich, dass nach Jahren als Teilnehmerin nun mein Ort „hinter den Kulissen“ als Einsatzkraft für „Schutz und Fürsorge“ der richtige war. Meine Aufregung ebbte langsam ab und machte großer Dankbarkeit Raum während ich den Erklärungen und der Einführung in Dienst und Technik folgte.

Das Motto des Kirchentages – mutig, stark, beherzt – war spürbar das Motto dieser besonderen Gruppe, die Personen während der Veranstaltungstage mit Schutz und Fürsorge umgaben. Ob 24/7-Hotline, Schutzraum, Veranstaltungsbegleitung, Einzelgespräche oder Einsatz – in allem atmeten diese intensiven Tage das biblische Wort, unter dem der 39. DEKT stand:

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!

1. Kor 16,13-14

Während ich in diese besondere ehrenamtliche Tätigkeit eintauchte, geschah still und unaufgeregt ein für mich einschneidender Übergang, indem die letzten offiziellen Diensttage bei der Bundespolizei verstrichen und ich wieder in den Dienst meiner Landeskirche zurückkehrte. So wurde auch ich ohne große Aufregung eingebettet in dieses Netz der Fürsorge, das meinen Schmerz über nunmehr Vergangenes linderte und meine Freude auf eine neue, besondere berufliche Aufgabe wachsen ließ. Eine tiefgreifende Erfahrung, in der ein Team nicht nur für andere sorgte, sondern füreinander da war. Dies steht und fällt mit der Leitung solcher Gruppen – durch Lea, Alina und Ari waren wir stets von fürsorglichen, engagierten Fachkräften umgeben.

Ich wünschte, es wäre auch anderorts so selbstverständlich, dass man auf Betroffene sexualisierter Gewalt achtet, sie mit Schutz und Fürsorge bei einem eventuellen Vorkommnis umgibt. Die Landeskirchen müssen noch sehr viel lernen und Schutzmaßnahmen etablieren, damit zum Selbstverständnis wird, was ich es am 39. DEKT in dieser Gruppe erleben und mit begleiten durfte.

Lasst uns mutig, stark, beherzt gegen sexualisierte Gewalt vorgehen. In Kirche, Staat und Gesellschaft. Den Opfern und den uns anvertrauten Personen sind wir dies in schuldig!

Sechs Tage später war mir der Beton-Dschungel der hannoverschen Messe sehr vertraut. Die Wege, Gebäude und Büros strahlten nach sehr geschäftigen Veranstaltungstagen ungewohnte Ruhe aus. Als eine der wenigen waren Teile unseres Teams noch im Einsatz und steuerten als eine der letzten Gruppen mit schwerem Gepäck beladen die Rückgabe der Kirchentags-Technik an. Als wir uns später verabschiedeten, erfüllte mich tiefe Dankbarkeit für eine besondere Zeit. Ich war froh, Teil eines größeren Engagements gegen sexualisierte Gewalt gewesen zu sein, dass sich hoffentlich an den darauf folgenden Kirchentagen als Selbstverständlichkeit etablieren wird. Zu verdanken ist es dem Mut unseres Dreier-Führungsteams und den inspirierenden Kolleginnen und Kollegen, die ich dort kennenlernen durfte.

Lasst uns, egal wo wir uns gerade ehren- oder hauptamtlich engagieren, mutig, stark, beherzt gegen sexualisierte Gewalt einsetzen!

„0013 meldet sich ab vom Dienst.“

Mit hängendem Kopf stand ich mit einer Kollegin vor meinem Fahrrad und hantierte mit einer Schere an einer dunkelblauen Plakette, die mit einem Kabelbinder am Lenkrad festgemacht worden war. Der Kabelbinder wehrte sich gegen mein Bemühen gewaltig, aber nach einigem Hin und Her sowie einigen leichten Kratzern an der dunkelgrauen Lenkstange konnte ich die Verbindung endlich durchschneiden. Ich seufzte und atmete tief ein und aus.

Vor einigen Monaten staunte ich nicht schlecht als ich die Plakette für mein Fahrrad aus meinem Postfach nahm. Für die dienstliche Verwendung meines Fahrrades war mir die Nummer 0013 zugewiesen worden.

Damals ging mir etwas scherzhaft der von Daniel Craig alias James Bond bekannte Satz durch den Kopf, den er nach längerer Abwesenheit gegenüber M aussprach: „007 meldet sich zum Dienst.“ (Hier der Videoausschnitt – in Minute 2:16) Adaptiert hätte es beim Anbringen der Plakette heißen müssen: „0013 meldet sich zum Dienst.“ … Doch weder war meine Personalnummer 007, noch war ich Geheimagentin. Die Lizenz zum Töten, die die Doppelnull symbolisierte, hatte ich selbstverständlich auch nicht – bis dato habe ich keine Schusswaffe in Händen gehalten. Aber dennoch war ich amüsiert über diesen numerischen Anklang an die berühmten britischen Agententhriller, die ich durchaus schätze. Die Zahl 13 fügte in ihrer Ambivalenz noch ihr Eigenes hinzu, denn sie kann als Glücks- oder Unglückszahl gedeutet werden.

In vielen Kulturkreisen trägt die Dreizehn eine negative, manchmal sogar unheilvolle Bedeutung. So wird in manchen römisch-katholischen Traditionen Judas Iscariot, der Jesus verraten hatte, als 13. Jünger bezeichnet. Die Zahl scheint vor allem durch einen subjektiv-assoziierten Aberglauben zu einigen interessanten Ausprägungen im Alltag zu führen: so gibt es Gebäude, die kein 13. Stockwerk haben, einige Passagierflugzeuge verfügen nicht über die 13. Sitzreihe und im Sozialgesetzbuch (SGB) wird auf die Benennung des 13. Buches verzichtet.

Im Gegensatz dazu schreibt so mancher der Dreizehn eine positive Konnotation zu: Ich kenne eine Reihe von Personen, die sie als persönliche Glückszahl sehen. Einige Prominente, wie Taylor Swift, sehen sie als Glücksbringer. Im Judentum findet am 13. Geburtstag mit der Bar Mitzwa bzw. Bat Mitzwa der Übergang zum Erwachsenwerden für Jugendliche statt und stellt ein positives Ereignis dar, das mit dieser Zahl verbunden ist.

Ob man mit der 13 Gutes oder Schlechtes in Verbindung bringen würde, war mir gelinde geschrieben, völlig egal. Darüber hinaus war die Plakette neben meiner „Segensklingel“ angebracht, die mich an den Segen erinnerte, den eine Freundin für meinen Fahrradgebrauch und jeden privat oder dienstlich zurückgelegten Kilometer ausgesprochen hatte.

Mit meinem dienstlichen Ausscheiden aus der Bundespolizei und der Rückkehr in den kirchlichen Dienst der Bayerischen Landeskirche musste auch diese Plakette zurückgegeben werden. Durch einen kräftigen Schnitt mit der Schere war das letzte Stück Verbindung zu einem liebgewonnen Arbeitsbereich durchtrennt. Die Kollegin legte die Plakette nochmals kurz auf die Segensklingel, umarmte mich herzlich als sie meinen traurigen Gesichtsausdruck sah und verschwand schweigend mit der Plakette in der Hand in das Verwaltungsgebäude.

Während ich auf das Rad stieg und in die Pedale trat einer neuen beruflichen Zukunft entgegen, sagte ich leise traurig, aber auch dankbar für die zurückliegende Dienstzeit vor mich hin: „0013 meldet sich ab vom Dienst einer Polizeiseelsorgerin.


Mein herzlicher Dank gilt allen im AFZ Bamberg und darüber hinaus in der Bundespolizei, die ich in den letzten viereinhalb Jahren begleiten und kennenlernen durfte. Mögen es Polizeimeisteranwärterinnen und – anwärter, Polizeikommissarsanwärterinnen und -anwärter, Stamm-, Abordnungs- oder Rahmenpersonal gewesen sein. Mein Dank sei auch denen gegenüber ausgesprochen, die mich in dieser Dienstzeit unterstützt und mit mir kollegial zusammengearbeitet haben.

Das AFZ Bamberg wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Und seien Sie und ihr euch gewiss: Da „draußen“ ist eine Pfarrerin, die für euch betet und anderen die Augen für euren wichtigen Dienst öffnet.

Von Orangen, Sedertellern und neuen Traditionen

Die Schale der kleinen Frucht wurde in einem festlichen Moment des Innehaltens vorsichtig von Yael geöffnet. Zum Vorschein kamen in den Händen von Rabbinerin Dr. Yael Deusel zarte Fruchtsegmente einer im heimischen Zuhause gewachsenen Orange, die gemeinsam mit dem Sroa in einer im Porzellan eingebetteten Kuhle gelegen hatte. Traditionell steht der Knochen auf dem Sederteller für das Pessachlamm, das am ersten Abend des Auszugs der Israeliten aus Ägypten geopfert wurde. Manche meinen sogar, dass dieser Knochen, geformt wie ein Arm, Gottes „ausgestreckten Arm“ bei der Befreiung des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft in Ägypten symbolisiert.

Voller Faszination betrachtete ich den Sederteller in seinem für mich ungewohnten Ensemble. Schlomo Weißenfels, der mir schräg gegenüber saß und der Vorsitzende der Bamberger liberalen Gemeinde Mischkan ha-Tfila ist, sah mein Erstaunen und erklärte mir, dass die Orange ein relativ neue Addition zur jüdisch-liberalen Tradition sei. Im Volksmund habe ein Mann gesagt: „Die Idee von Rabbinerinnen macht so wenig Sinn, wie eine Orange auf dem Sederteller.“ Seitdem sei die Orange ein feministisches Symbol im Pessach.

Keine Geringere als Prof. Susannah Heschel, die Tochter des Rabbiners Abraham Joshua Heschel, war das Gegenüber dieser verbalen Äußerung. In New York hatte ich die Ehre, mit ihr aufgrund meiner Kooperation mit dem Leo Baeck Institut zusammen arbeiten zu dürfen. Die jüdische Feministin hat mich in dieser Zeit sehr inspiriert, da sie nicht nur für Frauenrechte einstand, sondern ihre Stimme für Marginalisierte erhob. Dass dieser neuzeitliche jüdische Brauch von ihr stammte, wärmte mein Herz an diesem Abend des Pessachfestes.

In einer Korrespondenz berichtete Susannah Heschel, wie die Zitrusfrucht ihren Weg in das wichtige jüdische Fest fand:

Anfang der 1980er Jahre lud mich die Hillel Foundation ein, an einem Podiumsgespräch am Oberlin College zu sprechen. Auf dem Campus stieß ich auf eine Haggada, die von einigen Oberlin-Studentinnen verfasst worden war, um feministische Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Ein von ihnen entwickeltes Ritual bestand darin, eine Brotkruste auf den Sederteller zu legen – als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Lesben, ein Zeichen des Widerstands gegen die Aussage einer Rebbezin: „Im Judentum ist für eine Lesbe genauso viel Platz wie für eine Brotkruste auf dem Sederteller.“

Beim nächsten Pessach legte ich eine Orange auf den Sederteller unserer Familie. Während des ersten Teils des Seder bat ich alle, sich eine Orangenspalte zu nehmen, den Segen über die Frucht zu sprechen und sie als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Lesben und Schwulen sowie anderen, die innerhalb der jüdischen Gemeinde marginalisiert sind, zu essen.

Brot auf dem Sederteller beendet Pessach – es macht alles chametz. Und es suggeriert, Lesbischsein sei transgressiv und verletze das Judentum. Ich hatte das Gefühl, dass eine Orange noch etwas anderes symbolisierte: die Fruchtbarkeit für alle Juden, wenn Lesben und Schwule sich aktiv am jüdischen Leben beteiligen. Außerdem enthielt jedes Orangenstück ein paar Kerne, die ausgespuckt werden mussten – eine Geste des Ausspuckens, die die Homophobie des Judentums ablehnte.

In Vorträgen erwähnte ich meinen Brauch oft als eines von vielen neuen feministischen Ritualen, die sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben. Doch irgendwie kam es zu dem typisch patriarchalischen Manöver:

Meine Vorstellung von einer Orange und meine Absicht, Lesben und Schwule zu bekräftigen, veränderten sich. Nun kursiert die Geschichte, ein Mann habe zu mir gesagt, eine Frau gehöre auf die Bima wie eine Orange auf den Sederteller. Die Worte einer Frau werden einem Mann zugeschrieben, und die Bekräftigung von Lesben und Schwulen wird schlichtweg ausgelöscht.

Ist nicht genau das im Laufe der Jahrhunderte mit den Ideen von Frauen geschehen? Und ist es nicht genau diese Auslöschung ihrer Existenz, die schwule und lesbische Juden bis heute ertragen müssen?

Recustom (Übersetzung: Miriam Groß) https://www.recustom.com/clips/4054948

Betrachtet man die Geschichten, die am Abend des Pessachfestes erzählt werden, so sind sie dominiert von männlichen „Zentralpersonen“ – von Mose, Aaron, der Pharao und vielen anderen. Frauen nehmen hier eher eine Randstellung ein. Erschreckend ist für mich als Frau, dass in einigen Haggadot in der Darstellung der vier fragenden Kinder ausgerechnet das Einfältige (Tam) und das, welches noch nicht zu fragen versteht (Ejno Jodea LiSchol) in einigen Illustrationen der Pessach-Erzählungen als Mädchen oder Frau dargestellt werden.

Wir sind noch lange in Sachen Geschlechterberechtigung nicht an einem Punkt der Gleichheit angekommen. In einer meiner ehemaligen Dienstgemeinden habe ich dies schmerzhaft erleben müssen als eine Reihe von Gemeindegliedern und Gottesdienstbesuchern mich regelmäßig und direkt damit konfrontierten, dass eine Frau nicht auf die Kanzel gehöre. Dies setzt sich bedauerlicher Weise in vielen anderen Tätigkeitsbereichen fort, wenn auch eher subkutan.

Die Orange am Sederteller hat mich an diesem Abend daran erinnert, dass die Geschichten der mutigen Frauen erzählt werden sollten, die für den Glauben einstanden und z.B. am Exodus teilnahmen. An diesem Abend wieß mich die Orange nicht nur auf Frauen auf der Bima hin, sondern auf alle Marginalisierten, die einer Befreiung und atemschenkender Freiheit bedürfen. Sie sticht als Erinnerung an all die Menschen hervor, die sich irgendwann in ihrem Leben nicht dazugehörig fühlen.

Die deplatziert aussehende Orange auf dem Sederteller ist ein Zeichen dafür, dass wir uns stets bemühen sollten, für Ausgegrenzte und Marginalisierte einzustehen, damit sie sich einbezogen werden – Freiheit für alle, so wie es dieses jüdische Freiheitsfest verspricht. Wie die Kerne der Orange ausgespuckt werden, so soll alles, was der Freiheit hinderlich ist, zurückgewiesen werden. Mir gefällt, dass meine jüdischen Geschwister um einen Platz für die Orange kämpfen. Ja, die Orange passt nie ganz hinein … und ja! Genau darum geht es.

Ich nahm das zarte Fruchtblatt aus der Hand meiner Freundin, der Rabbinern, an diesem Abend dankbar entgegen. Als ich auf das kleine Fruchtblatt biss, füllte ein bitter-beißender Geschmack meinen Mund und ich spuckte die Kerne auf den Essensteller. Möge die Orange auf vielen anderen Sedertellern ihren diskutablen Platz erhalten, der an den Kampf und das Engagement um Freiheit erinnert.

Lesen gegen Hass (7) : Visuelle und sprachliche Mahnung mit ironischer Würze

Sehen, hören, riechen, schmecken und tasten – mit diesen fünf Sinnen nehmen wir Menschen physiologisch zumeist unsere Umwelt wahr. In diesem Blogeintrag möchte ich drei Bücher vorstellen, die Sie und euch wappnen soll gegen Hass, wie er im Nationalsozialismus in verheerender Weise Deutschland, Europa und die ganze Welt erfasst hat.

Visuell durch das Betrachten eines grafischen Romans.

Auditiv durch die Reflexion von Sprache anhand eines berühmten Notizbuchs.

Gustatorisch und olfaktorisch durch ein ironisch-makaberes Kochbuch.

„Die letzten 100 Tage Hitlers“ von Jean-Pierre Pécau, Filip Andronik, Senad Mavric und Jean Verney, erschienen in der deutschen Ausgabe bei Knesebeck 2025

Die Graphic Novel führt die letzten hundert Tage des grausamen NS-Regimes in all seiner Brutalität visuell vor Augen und zeigt das erbarmungslose und wahnhafte Festhalten an einer krankhaften Ideologie. Eine Mahnung gegen das Erstarken rechtsextremer Strömungen und die Gefahren der „Neuen Rechten“, die sich gleicher Mittel bedienen und die Menschenwürde mit Füßen treten.

Wenn auch aufgrund des Umfangs verkürzt, so ist diese packende Graphic Novel historisch gut fundiert vom Stauffenberg-Attentat bis zum Nerobefehl und künstlerisch beeindruckend mit interessanten Details ausgestaltet. Die Brutalität des mörderischen Regimes wird in eindrücklich bewegender Weise dargestellt und zeigt auf, das sich diese in einer makaberen Zuspitzung selbst gegen das eigene Land und dessen Bewohnter richtete als eine Niederlage abzusehen war:

„Was sagt Hitler dazu?“ … „Ich zitiere wortwörtlich: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil. Es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“

S. 61

Die betrachtenden Personen begleiten den Wahnsinn, die Ängste und die tiefen Abgründe des Naziregimes bis in die letzten Stunden im Berliner Führerbunker. Eine visuelle Chronik einer grausamen Zeit, die die Betrachter vehement anregt über das Geschehene nachzudenken, damit es nie wieder in dieser oder anderer brutaler Weise geschehe.

„LTI – Notizbuch eines Philologen“ von Victor Klemperer, erschienen bei Reclam 1975 (Erstveröffentlichung 1947)

Eine auditive Wahrnehmung ist für unseren Alltag grundlegend. Sprache umgibt uns als Hörende und Sprechende. Nicht immer reflektieren wir unseren eigenen Wortschatz oder das uns entgegenkommende Wort. Victor Klemperer hat uns durch seine tiefsinnige Dokumentation ein Sprachwissen überliefert, das uns in einer Zeit erstarkendem Extremismus hellhörig werden lassen sollte.

Bereits der Titel des Notizbuchs enthält den ersten massiven Seitenhieb gegen ein mörderisches Regime, das zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung zwei Jahre zuvor brutal zu Ende gegangen ist. Victor Klemperer als Autor dieses wichtigen Buches nimmt uns persönlich beschreibend in fachlich tiefer Reflexion mit in das wohl wirkungsreichste Mittel des mörderischen Nationalsozialismus: die deutsche Sprache.

Victor Klemperer (1881-1960) als Jude geboren, zum Protestantismus konvertiert und Professor der Sprachwissenschaft, war durch die Rassengesetze der NS-Diktatur von dessen Auswirkungen direkt betroffen. 1947 veröffentlichte er die vorliegende Sprach-Analyse des Dritten Reiches, „LTI“ (Lingua Tertii Imperii), um vor den Gefahren von Sprache als Waffe zu warnen.

Die Sprache des Nationalsozialismus wurde „… 1933 aus einer Gruppen- zu einer Volkssprache…“ (S. 25) und bemächtigte sich „… auch, und sogar mit besonderer Energie, des Heeres; aber zwischen Heeressprache und LTI liegt eine Wechselwirkung vor, genauer: erst hat die Heeressprache auf die LTI gewirkt, und dann ist die Heeressprache von der LTI korrigiert worden.“ (S. 25)

Der Sprachwissenschaftler dokumentierte die um sich greifende Versachlichung und „Maschinisierung“ menschlicher Existenz und Identität, der sich als „Erlöserfigur“ darstellende Führer, Verniedlichung von massiven Eingriffen in Bürgerrechte und -pflichten und so vieles mehr.

[…] die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewußtem Denken oder bewußtem Fühlen in sich aufnehmen musste.

Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden.

S.21

Schnell wird dem Leser und der Leserin bewusst, welch eine Macht Sprache tagtäglich auf uns ausübt und wie sehr sie uns im Denken und Handeln lenken kann. Daher sei dieses Buch allen dringend zur Lektüre anempfohlen.

Nazi Goreng. 33 urdeutsche Rezepte – ganz ohne Fremdobst, Exotik und Geschmack von Horst Kessel, erschienen bei riva 2023

Mit dem vorliegenden „Kochbuch“ wird es nun gustatorisch und olfaktorisch (bei dessen Durchführung) interessant für jeden, der sich gegen Hass auch in der Küche „wappnen“ möchte. Denn die Grundsätzlichkeit und Wichtigkeit des Essens ist uns allen gut bekannt.

Mit scharfem, dunklen Humor warnt der Autor durch seine dreiunddreißig Rezepte sprachlich tiefgründig vor Rechtsextremismus. Nach einem Grundrezept der „braunen Soße“ wird Kochwissen in Vor-, Haupt-, Süß- und Nachspeisen weitergegeben. „Deutsche Buchstabensuppe“, „Himmleermarmelade“, „Leckeres Apfelmussolini“ sind nur einige der vielen Rezepte, die durch geschickte Wortspiele dunkelste NS-Zeit bissig aufs Korn nehmen.

Zu „Heilbutt in Dill-Senf-Soße“ schreibt der Autor:

Das besondere an diesem Gericht ist, dass man es selbstverständlich ausschließlich mit der linken Hand zubereiten kann, da die rechte ja beschäftigt ist.

S. 29

Im Buchgeschäft wurde ich beim Kauf darauf hingewiesen, dass die Rezepte auch tatsächlich zubereitet werden könnten. Das Lesen derselbigen war erhellend und führt die Macht der Sprache in praktischer Weise vor Augen. Ein „Nachkochen“ überlasse ich lieber anderen, doch die Warnung wirkt nachhaltig und sensibilisierend.

Ein Herz für den Nachwuchs: von Blaulichtparties und Gebeten

Ein kalter Wind pfiff durch die schmale Straße. Ich rieb mir die Hände und zog die blaue Weihnachtsmütze tiefer ins Gesicht während ich in die erwartungsvoll-freudigen Gesichter meines polizeilichen Nachwuchs blickte, der auf den Einlass in der Diskothek im Herzen Bambergs geduldig wartete.

Als Polizeiseelsorgerin versuche ich so oft wie möglich an „Blaulichtparties“ präsent zu sein, um gemeinsam mit Ehrenamtlichen der Gewerkschaft der Polizei als Ansprechpartnerin verfügbar zu sein. Denn der Nachwuchs, dessen Sicherheit und ihre Anliegen liegen uns – Seelsorge und Gewerkschaft – sehr am Herzen. Hand in Hand zeigen Kirche und Gewerkschaft durch Personen vor Ort ein gemeinsames Gesicht.

Und das ist notwendig, denn die nächste Generation von Beamtinnen und Beamten ist unsere Zukunft. Ob dies Polizistinnen und Polizisten, oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind, so sollten wir uns bewusst sein, dass diese Berufsgruppen vieles begleiten, was ein Bürger oder eine Bürgerin hoffentlich nur selten oder nie erleben muss. Beide Berufsgruppen machen diese Erfahrungen sehr früh in ihrer beruflichen Laufbahn – meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter beginnen ihre Ausbildung teilweise mit sechzehn Jahren.

Unser Nachwuchs benötigt daher unsere Begleitung und unser unablässiges Gebet. Paulus schreibt weise Worte über die Gestaltung unseres Lebens und das Gebet in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki, die auch wir zu Herzen nehmen sollten:

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

1. Thess 5,16

Fröhlichkeit stand an diesem Dezemberabend kurz vor dem Weihnachtsurlaub meiner Auszubildenden im Mittelpunkt derer, die dorthin gekommen waren. Inzwischen war mir vom Stehen neben der Security am Eingang der Diskothek in der zugigen Straße kalt geworden. Ich entschuldigte mich bei meinem Gewerkschafts-Kollegen und stieg die Treppe hinunter in den dunklen und warmen Gastraum, während ich in die rhythmische Musik der Feierenden eintauchte. Obwohl ich am Rande der Tanzfläche in meiner Leuchtweste stand, wurde ich in den fröhlichen Sog mit hineingetragen und lies mich einige Minuten vom Rhythmus tragen.

Seid allezeit fröhlich!, fordert Paulus auf.

Doch jenseits all des Feierns erwartet unseren Nachwuchs ein schwerer beruflicher Alltag. Das wusste ich durch meine eigene Ausbildung, aber auch durch meine Erfahrungen in der Begleitung von polizeilichen Einsatzkräften und kirchlichen Seelsorgenden. Sie sind eingestellt in ein weites berufliches und privates Spannungsfeld. Dabei dankbar zu sein, ist eine große, ja fast lebenslange Herausforderung.

Seid dankbar in allen Dingen!, fordert Paulus auf.

Tod, Trauer, Verlust, Übergriffe und Extreme prasseln auf diese zumeist jungen Menschen ein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich meine ersten beruflichen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Endlichkeit mit Mitte zwanzig gesammelt hatte. Prägende Momente, die sich teilweise in die Seelen der jungen Menschen einbrennen. „Die erste Leiche, den ersten Toten vergißt du nie“, hatte man mir damals in der Seelsorgeausbildung gesagt. Diese und andere Erfahrungen hinterlassen ihren unauslöschlichen Eindruck, der unseren Nachwuchs während seiner Ausbildung verändert und formt. Als Lehrende, Mentorinnen und Mentoren können wir nicht immer vor Ort sein. Daher braucht es etwas, worauf Paulus zu recht hinweist:

Betet ohne Unterlass!, fordert Paulus.

Gott hört. Er ist da. Und manchmal braucht es andere, die für einen beten, wenn man selbst keine Worte mehr findet oder sich mitten im Geschehen befindet. Kein Wunder also, dass Dekanin Kerstin Baderschneider aus Kitzingen die Synode aufgefordert hatte, den Gemeinden eine Bitte um den Nachwuchs in die Fürbittengebete aufzunehmen (siehe Artikel Sonntagsblatt). „Es liegt Kraft im gemeinsamen Gebet“, so Dekanin Baderschneider. Dem kann ich nur zustimmen! Für mich kommen dabei als Seelsorgerin der kirchliche und der polizeiliche Nachwuchs in den Blick, der so viel erleben und schon während seiner Ausbildung begleiten muss – Gebet ist neben einer guten Ausbildung das, was wir alle für sie tun können. Als die Synode diese Eingabe abgelehnt hat, war es für mich ein bitterer Moment. Aber vielleicht überlegt es sich die Synode nochmals, wenn sie im neuen Kalenderjahr sich mit der sechs Verse später stehenden Jahreslosung auseinandersetzen wird?

Prüft aber alles und das Gute behaltet. So rät es Paulus.

Zu hoffen ist es allemal, dass die Synode dies ernst nimmt und nochmals diese Eingabe als geistliches Gremium prüft.

Inzwischen war es kurz nach Mitternacht. Nachdem die letzten unter Sechzehn sich auf den Weg zurück zur Ausbildungsstätte gemacht hatten, konnte auch ich in den Feierabend gehen. Ich verabschiedete mich von meinem Kollegen und tauchte mit Leuchtweste in die dunkle Nacht ein. Nur wenige Fenster waren noch beleuchtet als ich durch die Kälte nach Hause radelte, aber eins wusste ich gewiss: Mein Engagement und unablässiges Gebet als Polizeiseelsorgerin würde meine Auszubildenden begleiten, denn das war notwendig.

… Und liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie etwas Zeit haben, beten Sie für unseren Nachwuchs, den polizeilichen und kirchlichen. Denn wir brauchen sie in ihrer jeweils eigenen beruflichen Kompetenz, damit Gerechtigkeit und Hoffnung in diese Welt einziehen möge.

My dear Jewish friend 22: Hot-water bottle prayer against stomach ache and fears

I pulled the hot-water bottle towards my aching body. A strong stomach ache had its grip on me since days. As the warmth started to ease my pain, my thoughts wandered towards you, my dear Jewish friend.

When the job opportunity to become a chaplain at the largest training facility for the German Federal Police became a reality, we were ripped apart and I was torn from the comfort of our unlikely friendship. The world was a different one back then. With strong democracies, which had stood strong against right-extremist thoughts, pandemic and a crisis in world economy on this and the other side of the Atlantic.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

The first words of psalm 16 resonated deeply within me. Protection and refuge from the quickly changing political and societal tides is what we need these days. While I was pondering about the beautiful words of the psalm, the antique pink heating pad in shape of an old hot-water bottle gave me some extra comfort. Presently, it seems as though the only thing left for me is to find warmth from outwit myself. Four years after I moved back to Germany it feels as if the world is falling apart. A shift to the extremes is apparently happening in your home country and I am fearing for the upcoming early elections in mine.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

Four years of teaching young Police cadets about democracy, enabling them to stand up for human rights – in contrary to the murderous Nazi regime, where police have been complicit with the unspeakable evil. This was the reason, why I had left New York to go to the center of power and make an impact to hinder such a murderous system from establishing itself again through education. May such hate and unspeakable crime never happen again. I gave it all. Teaching how to combat the rise of Antisemitism, combating Racist activities and standing up against hate in the name of human dignity and robust democratic basic rights.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

But numbers of Antisemitic hate are rising around the globe. The numbers in Germany alone are staggering! 2023 the huge number of 5.164 antisemitic hate crimes. 2024 until to the end of September 3.370 (see below).

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

On Feb 23 the lower house of the Federal German Parliament will have an untimely election as our German government is falling apart. Some of it seems hurtfully familiar in history – no, I want to push back this terrible thought as far as possible…

But if worst comes to worse, will I have equipped my young police cadets to stand up for our basic rights and for human dignity? With any elected government they will have the duty to obey their commands and to enforce the legislation. No matter, if it is from the center, or G´d help us!, extremist right or left winged. Will they be courageous enough to stand strong and firm against their superiors or politicians, if their commands, their laws and regulations are against human dignity? This is what they promise in their oath. Time and time again I have outlined in lessons for numerous classes before their oath how important it is that they protect our laws and human dignity. I always remind them that the murderous Nazi-Regime had despised human dignity and murdered 6 million Jews and numerous others.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you…

… is a prayer I am saying many times a day. For you and for me as we brace for impact of what might come. I wish, I could flee into the arms of our unlikely and precious friendship – but we are miles and oceans apart. Therefore, it is this hot-water bottle prayer that eases some of the stomach and heart ache:

Lord and creator of all,

Baruch Atah Hashem,

our world is changing so fast. Antisemitism and hate is on the rise. Wars are raging in the Holy Land and Ukraine. Politics are leaning to the extremes and no one wants to reach across the isle.

I am scared and turn to you seeking your warmth that will soothe my pain like a hot-water bottle.

Protect us, o G´d, for we seek refuge in you.

Amen.

Every time I pull my antique pink hot-water bottle towards me, I will say this prayer and think of you, my dear Jewish friend.


(https://mediendienst-integration.de/desintegration/antisemitismus.html )