My dear Jewish friend 8: Remembering and committing as Police

I carefully placed the large candles on both sides of the table, then arranged the white framed picture, book and the program in the center. As the candles burned I waited in the quietness of the morning for my colleagues for the briefing and the following holocaust remembrance. For me it was a tripple commitment as a German citizen, Christian pastor, and now working for the Federal Police since almost a year. The epaulet with a golden cross on my shoulder visiualized my double responsibility for the church and the Federal Police.

When I broke the news to you over a year ago that I would be leaving New York to be called to the Federal Police we shed tears. We instantly knew that something special would very soon be no longer part of our routine: the strolls in our neighbourhood chatting about our lives, working together in your food pantry for the poor, and sharing joy, laughter, and tears.

Even though I still can’t get used to be so far away – to be exact 3.923 miles – this January morning gave me the feeling that our pain of distance at least makes some sense as I remembered with other leading police officers the crimes of the Holocaust. When the Police director spoke of the responsibility remembering and committing to never forget what had happened to your people and so many others during the Nazi horrors, my heartbeat increased. I was proud to hear that the German Police, which was complicit like many other institutions including my Bavarian Lutheran Church, commits to securing human rights and the German constitution.

This commitment is central as I teach young police trainees in ethical decision making. But let me try to briefly recall what happened back then with policing making the Police force a significant element of the muderous Nazi-regime. (For further information follow the link to the German article about Policing during the Third Reich)

The rise of the Hitler movement began against the background of economic and
political crisis of the Weimar Republic. The brutal regime took advantage of the difficult situation of million Germans. Hitler and others in power legally created system of injustice that was aimed at installing a National Socialist-oriented community, which was „liberated“ from any „un-German spirit“.

Essential feature was the so-called „Verreichlichung“, in which the Police force was centralised by the Nazi rulers and became its outward appearance through the „Reichssicherheitshauptamtes“ (Reich Security Main Office) in 1939. From spring 1933 until the end of the war in 1945 the police apparatus received extensive new possibilities to intervene and monitor. In addition, the boundary between „law enforcement“ and „security police“ become blurred in favour of the SS, which ultimately held all powers. To make things worse, the population supported the daily terror of the Secret State Police by
willingly denunciating their fellow citizens.

Police battalions and task forces not only took part in the organisation of the Holocaust in the Germany and occupied areas, but were involved in mass shootings in East Europe and therefore directly took part in the Nazi genocide.

After celebrating six very meaningful Holocaust Remembrance Days in New York, it was this day that added an important mew layer to my commitment as a German citizen, and a pastor working in and for the German Federal Police. May we learn from the disaster of the Holocaust to never make it happen again to anyone, no matter what religion, nationality, or skin color the person might have.

Gedanken am Rand von Kirche

Als ich die kleine Knopfschublade öffnete, begrüßte mich buntes Durcheinander. Während ich den einen oder anderen Knopf in die Hand nahm, erinnerte ich mich an manches Kleidungsstück und Situationen, in denen ich es trug. Wie z.B. meinen beigen Regenmantel, der im Frühling und Herbst in New York mein treuer Begleiter gewesen war. (1) Mit einigem Erstaunen entdeckte ich mitten im Knöpfechaos die Teile meiner Ü-Ei-Kirche, die mich seid fast zwanzig Jahren begleitete. Ich fischte die Einzelteile aus der Schublade. Vor vielen Jahren war ich zum Dank zu einem sonntäglichen Mittagessen bei meinem Religionslehrer, der Pfarrer war, eingeladen worden. Über Monate hinweg hatte ich für ihn als Prädikantin im Alter von 19 Jahren Gottesdienste übernommen, da seine Arbeitslast hoch und eine Entlastung nicht in Sicht war. Zum Nachtisch gab es für dessen Kinder und mich jeweils ein Ü-Ei. Als ich dieses öffnete und eine kleine Kirche aus dem Inneren der süßen Verpackung schälte, war mein Erstaunen groß. Ob dies wohl ein Zeichen sei?, hatten wir uns damals gefragt, als mein Berufswunsch noch nicht festgestanden war.

So wie diese kleine Ü-Ei-Kirche zerstreut und in ihren Einzelteilen im Chaos meiner Knöpfe lag, so befinden sich die großen kirchlichen Institutionen in einem sehr zerbrechlichen Status. Die Corona-Jahre haben an deren Relevanz stark gekratzt, die Mitgliederzahlen fallen lassen, und nun erschüttert der massive Missbrauchsskandal der römisch-katholischen Kirche nicht nur diese Institution, sondern ebenso die evangelischen Kirchen. Die Austrittszahlen sind so hoch wie nie zuvor.

Ich schüttelte den Kopf, während ich den kleinen dunkelbraunen Hahn, der auf der Spitze des Kirchturms seinen Platz hatte, in meinen Händen drehte. Trotz vehementer Versicherungen hatte Petrus Jesus drei Mal verleugnet. (2) Wie die Glaubwürdigkeit des Paulus so steht nun die der Kirchen auf dem Spiel und ihre Relevanz für das soziale Gefüge. Als Pfarrerin, die am Rand von Kirche tätig ist, nämlich dort wo Kirche aufhört und durch die Bundespolizei der Dienst für die Bundesrepublik beginnt, darf ich angehende Polizistinnen und Polizisten im Fach Berufsethik unterrichten. Für mich ist es ein Privileg, diese jungen Menschen unterrichten und unterstützten zu dürfen. Wann hat man im Raum der Kirche eine solche Kontaktmöglichkeit, während die Gemeinden überaltern, wenige Jugendgruppen oder ähnliches haben? Die meisten meiner Anwärterinnen und Anwärter stammen aus „religions- und glaubensfernen“ Familien. Die wenigsten haben eine direkte Erfahrung mit einer Glaubensinstitution gemacht und noch weniger sind praktizierende Gläubige. Schon vor der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie innerhalb der römisch-katholischen Kirche war deren Vertrauen in „Kirche“ auf einem der letzten Plätze – schlechter schnitten zumeist nur noch die privaten Rundfunksender ab. Als Pfarrerin und Theologin, die vor vielen Jahren sich für eine berufliche Tätigkeit in der evangelischen Kirche entschieden hat, ist dies schmerzhaft. Es ist ein direktes, ungeschminktes Bild, das bereits jetzt die Zukunft von Kirche zeigt- und zwar die einer religiösen Minderheit, der eine Mehrheit religionsneutraler bzw. distanzierter Personen gegenübersteht.

Aber sollten sich Kirchen dem Chaos des Zersetzungs- und Verkleinerungsprozesses ergeben? Eine durchaus interessante Frage, denn schon bald werden sich noch drängendere Fragen der Finanzierbarkeit und personelle Engpässe aufgrund von hohen Ruhestandszahlen und fallender Nachwuchszahlen stellen. In Schottland hatte ich 2007-2010 erlebt, wie die damalige Church of Scotland, die sich als Nationalkirche verstand, massiv verkleinern, Kirchengebäude abstoßen und auch mit personellem Mangel umgehen musste. Doch diese reformierte ging den schmerzhaften Prozess mutig und proaktiv an, um weiterhin ihrem Ruf als Stimme für Gerechtigkeit und Frieden im Norden Europas gerecht werden zu können und sich durch aufgebrauchte Ressourcen nicht ganz aufzulösen.

Es gibt Theologen, die dieses Verständnis einer öffentlichen Stimme und Berufung nicht unterstützen. Der methodistische Theologe Stanley Hauerwas postuliert, dass Gemeinden wie ein sicherer Hafen seien sollten, die Gedanken Jesu separiert von jeglicher Umwelt erhalten und pflegen sollten bis einst der jüngste Tag eintreten sollte. (3) Doch was der Theologe übersieht ist die grundsätzliche Ausrichtung am höchsten Gebot, das Christen aufgetragen ist:

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Mk 12,29-31

Wenn die Kirchen dieses Gebot in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellen, anstatt wie leider oft erlebt, sich um ihre exklusive Entität der Stagnation zu kümmern und um sich selbst zu kreisen, dann besteht Hoffnung und Glaubwürdigkeit, die über die eigene Institution hinausstahlt. Solche Gemeinden, die wie z.B. Vesperkirchen oder Kirchen mit Tafeln um Bedürftige kümmern. Die durch die Unterhaltung einer Pflegeeinrichtung diakonisch tätig sind, kommen dem Ruf Jesu nach. Dietrich Bonhoeffer hat einst zur Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus, in der die Kirchen ihre Berufung zunehmend verloren und zu Mittätern wurden, hervorgehoben:

Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S. 560.

Darin liegt die hoffnungsvolle Perspektive einer gegenwärtigen und zukünftigen Kirche, die sich neu findet, indem sie gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt durch die Umsetzung des Doppelgebots der Liebe schenkt.

Nachdenklich setzte ich die kleine Kirche wieder zusammen. Ob meine Gedanken am Rand von Kirche innerhalb Gehör finden würden?


(1) Knopf rechts unten im Bild.

(2) Mk 14,30

(3) Stanley Hauerwas and William H. Willimon, Resident Aliens: A provocative Christian assessment of culture and ministry for people who know that something is wrong, 25th ed. (Nashville: Abingdon Press, 2014).

Zu Gast bei Initiative 27. Januar

Am Abend des Epiphanienfestes war ich zu Gast bei Initiative 27. Januar. Im neuen, modernen Talkformat bei Instagram durfte ich mit Herrn Matthias Böhning meine biografischen und theologischen Zugänge zu Friedens- und Versöhnungsarbeit, Rassismus und Antisemitismus in Übersee und Deutschland sprechen. Es war eine spannende Unterhaltung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich danke Herrn Böhning sehr für diese Einladung und lege die Initiative allen Leserinnen und Lesern ans Herz! Mitmachen könnt ihr bereits jetzt ganz konkret durch die Unterstützung des Projekts „Weiße Rosen und Briefe für Holocaustüberlebende“ (Link).

Hier ist der Zugang zum Video, der auf IGTV gepostet wurde:

My dear Jewish friend 5: United against hunger

It took me months, my dear Jewish friend, to have the courage to look for a new commitment to fight against hunger. My heart and hands were dreaming about our shared fight against hunger. You have taken me in as a Christian into your beautiful Jewish pantry – and you have changed my life forever. Your leadership has showed one German pastor and her family how reconciliation makes its way into hearts and lives through the shared care for those less fortunate.

As I missed you and the community of Kohl Ami week after week it was a Jewish story about the Lithuanian Rabbi Haim Romshishker that became important to me. It emphasises how important compassion for the poor is. A value we as Christians and Jews share. This compassion may be the decisive moment one feels like being in heaven or hell:

„Once, I went up into the sky and also entered hell. I looked around and saw: old and young men sitting rows upon rows in front of tables that were full of all the best things, each holding a long spoon in hand. And when one reached for his mouth, he wouldn’t be able to because of the spoon’s length. And so they all sat row against row with their souls dry and a great sorrow rested on their faces. I went over to one of them and said to him: „A fool in the world! Rather your eyes seeing all this goodness and craving, send the spoon that is attached to your hand and support your friend who sits opposite you. And he will, in turn, support you with the spoon attached to his hand.“

The man looked at me with meager eyes and replied:

„It would better for my eyes to see and crave all day long than for me to see him enjoy and be satiated.“ I was alarmed to hear this, so I opened my mouth to scream a loud scream and woke up.

(Alter Druyanov (1870-1938): Sefer habedichah vehachidud 1935, 2. Buch, Abschnitt betitelt mit „bein adam l’chavero“)

Dear Jewish friend, I was so blessed that we shared what we had in these dense pandemic months in New York and fed those, who were less fortunate than we were. We rejoiced in having fed some of the poor. It took me weeks to let go of what we had and make these moments precious memories. I will forever carry them in my heart.

A few weeks ago I took my courage together to seek a pantry in my new German home town. Even though Germany has a robust social system there are so many, there is plenty of hunger and need. So I am now honouring our friendship by giving out bakery on Saturday noon to those less fortunate.

Here are a few images from the pantry – I am sure you’ll recognise the tichel, I often wore at your pantry.

My dear Jewish friend 4: The Franconian newspaper connection

Saturday morning rush. I was standing in line for the cash register. With people only slowly moving forward, I glanced through the newspaper shelf right next to me. There were different German newspapers pilled up reaching from local papers like the „Fränkischer Tag“, „Süddeutsche Zeitung“ having an emphasis on the south of Bavaria, and even international ones. „The New York Times“ brought a smile to my face. This newspaper was of such importance to me as I lived and worked as a German pastor in New York. You, my dear Jewish friend, are a vivid newspaper reader yourself. And I remember us discussing politics, news and happenings with one another. But did you know, that The New York Times has Franconian roots? Without a courageous and visionary descendant of a Franconian Jew, who emigrated to the United States, both of us wouldn’t have had this great and fearless news source.

Adolph S. Ochs, American newspaper publisher and former owner of The New York Times, was a descendant of Franconians. His father Julius migrated from Fürth in 1844 at the age of 18 to the USA and settled in Cincinnati, Ohio. Adolph Simon Ochs was the oldest of six siblings. At the age of eleven he started to earn money as a newsboy, pursued a printer apprenticeship and bought The New York Times in 1896 at the age of 38 before the paper went bankrupt. The rest is history. Up to today The New York Times sets the highest standards for investigative, critical, and independent journalism. (1)

No wonder that you and I, my dear Jewish friend, were so perfectly informed through the rough year of 2020, where a pandemic, an up cry against Racism and Antisemitism, economic difficulties, and a nation divided over elections made the ground beneath us shake. But we held on to each other and our deep hope for a better world as we were involved in תיקון עולם (Tikkun Olam). A paper diary, in which I kept the most important articles of The New York Times reminds me of this faithful year of 2020.

And so it came about many years and generations later during a year of hardship, doubts, and uncertanty that The New York Times was a lifeline for Christian pastor from Franconia living and working in New York. And this I can surely and wholeheartedly say: Adolph Ochs memory is for a blessing.


(1) Source: Verein zur Förderung des Jüdischen Museums Franken – Fürth, Schnaittach und Schwabach e.V., Vereinsmitteilungen Nr. 58, Juni 2021, S. 9.

Von Thermometern und kulturellen Segensspuren

Ich öffnete das Fenster und sog die warme Herbstluft ein, die nach goldenem Oktober roch. Während ich mich auf das Fensterbrett stützte, schloß ich die Augen. Bilder der vergangenen Indian Summer zogen an mir vorüber. Erinnerungen an bunte Wälder im Upstate New York, die in unterschiedlichen Nuancen von strahlendem Gelb, kräftigen Rot und sattem Braun wie von magischer Hand gemalt sich vor uns auf unseren Spaziergängen entfaltet hatten.

Ich wurde abrupt aus meinen Erinnerungen gerissen und wieder zurück in das Bamberger Klassenzimmer geholt. „Hallo, Frau Groß! Sollen wir die anderen Fenster auch öffnen?“, fragte ein Anwärter und sah mich fragend an. „Ja. Das ist eine gute Idee.“ Mein Blick streifte an einem Thermometer vorbei, das als Zeichen der längst vergangenen Zeit der einstigen US-amerikanischen Kaserne in großen Lettern die Temperatur in Fahrenheit und in kleineren in Celsius anzeigte.

Und schon stürzten wir uns in den berufsethischen Unterricht. Mit meinem Dienstbeginn in der Bundespolizei war bei mir die alte Hoffnung meiner Kindheit wieder wach geworden, endlich ganz in Deutschland anzukommen. Doch immer wieder tauchten in den Unterhaltungen und Nachfragen meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter Fragen zu meinem eigenen interkulturellen Aufwachsen auf deutsch-amerikanischem Horizont, und meine mehrfachen Auslandserfahrungen auf.

In gewisser Weise glich mein Leben dem Thermometer, das am äußeren Rahmen des Klassenfensters angebracht war. Wie die Temperaturanzeige oszilliere ich zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Systemen hin und her. Oft rast- und ruhelos ohne wirklich in Deutschland oder USA anzukommen.

Viele meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter teilen die Erfahrung zwischen Kulturen aufzuwachsen. Wie ich sehen sie sich als Deutsche. Sie meistern gleichzeitig die Herausforderung, die Kulturen ihrer Familien in sich zu vereinen und ihnen eine Heimat zu schenken. Ich weiß, wie schwer dies sein kann und bin nach mehreren Auslandserfahrungen zu dem Entschluss gekommen, dass ich nie ganz an einem Ort ankommen werde. Deutsch, aber immer mit einem amerikanischen Anteil. Während ich als Kind dadurch eher die Ausnahme in einer kleinen fränkischen Stadt war, wird Deutschland zunehmend kulturell vielgestaltig. Diese Erfahrung teilen zahlreiche Polizeianwärterinnen und -anwärter. Sie machen die Bundespolizei stärker, denn sie bringen vielfältige interkulturelle Kompetenzen, wichtige Sprachkenntnisse und religiöse Erfahrungshintergründe mit. Solche Fertigkeiten können in polizeilichen Situationen von großer Hilfe sein, um wertvolle Brücken der Verständigung zu schlagen. So wie das Thermometer zwischen Fahrenheit und Celsius die Temperatur in eine jeweils verständliche Einheit übersetzten.

Die Unterrichtsstunde war wie im Flug verstrichen. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrgruppe, die in fleißiger Eile zum nächsten Unterricht ging. Während ich das Fenster schloß, blieb mein Blick dankbar am Thermometer haften. Es würde mich Woche um Woche daran erinnern, welch ein Segen Menschen sein können, die Kulturen in sich vereinen.

Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion

Die Turnschuhe glitten über den roten Belag der Laufbahn. Ich drückte meine AirPods fest und grüßte mit einer Handbewegung meinen Kollegen, der ebenso im nebligen Halbdunkel des Morgens seine Bahnen auf dem leeren Sportplatz des polizeilichen Ausbildungszentrums zog. Mein Atem nahm einen regelmäßigen Rhythmus an, der sich langsam an das dumpfe Laufgeräusch meiner Füße anglich. Es tat gut, den Herbstmorgen so zu begrüßen und Kraft zu sammeln, denn ein langer und spannender Fortbildungstag zur Berufsethik stand uns bevor.

In vielem gleicht unser Dienst als Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Bundespolizei einem Lauftraining, bei dem es gilt Ausdauer zu zeigen, Etappenziele zu erreichen und nie das Ziel eines gelingenden berufsethischen Unterrichtes und einer einfühlsamen Seelsorgebegleitung derer, die uns anvertraut sind, aus dem Blick zu bekommen. Die berufsethische Fortbildung, die ich im südlichen Schwarzwald besuchte, war hierbei eine Art „Lauftraining“, die mir half Atem zu finden, Lauftechniken zu erlernen und mit anderen „Laufpartnerinnen und -partnern“ zu trainieren. Doch an diesem Morgen hatte ich jenseits der Fortbildung einen besonderen Grund trotz der Müdigkeit und der frühen Morgenstunde auf die Laufbahn zu treten: In dieser Woche sammelte das Aus- und Fortbildungszentrum, an dem ich Seelsorgerin war, im Rahmen des bundesweiten Schulnetzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Schritte gegen rechts.

Paulus selbst war das Bild des Laufens sehr bekannt. Während seines eineinhalbjährigen Aufenthalts in Korinth im Jahr 51 und 52 hatte er Isthmischen Spiele besucht, die nach den Olympischen Spielen die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt waren. Hierbei war der Streckenlauf einer der Königsdiziplinen gewesen.

Nachdem Paulus diese pulsierende und kosmopolitische Hafenstadt verlassen hatte, schrieb er an die Gemeinde einen Brief, indem er das Bild des Laufes aufnahm, um ihnen Trost in ihren Herausforderungen zu spenden:

24 Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Kor 9,24-27

Seine Worte klangen an diesem milden Herbstmorgen, an dem sich der Südschwarzwald von seiner lieblichen Seite zeigte, allzu vertraut. Als Christinnen und Christen befinden wir uns kontinuierlich auf einem Lauf immer das Ziel von Gottes Gerechtigkeit und einer besseren Welt im Blick. Dabei gilt es, dass wir uns selbst herausfordern und erden, damit nicht anderen predigen, selbst den gesetzten Maßstäben aber nicht entsprechen. Da ich mit vielen anderen im Aus- und Fortbildungszentrum mich für eine „Schule ohne Rassismus“ einsetzte, war es ein Muss soviel Schritte wie möglich in dieser Woche zu sammeln und nicht nur darüber zu reden.

Inzwischen ging mein Atem schwer und ich sog die kalte Luft in großen Atemzügen ein. Es fühlte sich an als ob meine Lunge zu brennen beginnen würde. Noch zwei Runden, sprach ich mir selbst zu, dann hast du dein Etappenziel erreicht und eine Menge Schritte gelaufen. Ich freue mich über diese und andere Initiativen, die ein Zeichen gegen Extremismus und für eine gerechtere Welt, die allen Menschen so wie sie gemacht sind, einen Platz schenkt. Für eine Bildungseinrichtung ist dieses Projekt eine wunderbare Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv in positiver Weise mitzugestalten und bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt vorzugehen. Ein wichtiges Signal nach innen und außen, das die Bundespolizei damit setzt – in dieser Woche durch das Sammeln von Schritten und dem Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion. Ein wahrhaft biblisches Bild, das Paulus gut verstanden hätte. Leise nickte ich, während ein verschmitztes Lächeln über meine Lippen glitt. Ob Paulus auch ein Morgenläufer war? Zu gerne hätte ich das gewusst.

Ich konzentrierte mich wieder auf meinen morgendlichen Lauf, denn die Anstrengung forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Endlich kam die Ziellinie der letzten Runde in den Blick. Ich nahm die letzten Kraftreserven zusammen und sprintete auf die Ziellinie zu.

Glaube verpflichtet – vom notwendigen Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus

„Justice is served“ – ich rieb meine Augen nach einer unruhigen Nacht und versuchte meinen noch müden Blick auf die Nachricht meiner amerikanischen Freundin zu fokussieren. Plötzlich war ich hellwach. Ich setzte mich im Bett viele Meilen weg von meiner vergangenen New Yorker Heimat auf und schaltete umgehend die Nachrichten ein. Während draußen die Natur langsam erwachte, wanderten die Bilder des vergangenen Jahres über meinen deutschen Bildschirm und riefen die Erinnerungen einer sehr bewegten Zeit in meinem Herzen wach.

„Justice is served“ – ein tiefer Seufzer entfuhr mir in Erleichterung um einen Schuldspruch, der so notwendig war und endlich ein deutliches Zeichen gegen Rassismus in den USA setzte. Vor einem guten Jahr war ich mit anderen auf die Straße gegangen, um gegen den Mord des schwarzen Amerikaners und den tief im Land verwurzelten Rassismus zu demonstrieren. Immer wieder brach dieser durch Polizeigewalt hervor.

Aber ich kannte als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin auch die andere Seite: Polizistinnen und Polizisten, die sich gegen ein zutiefst rassistisches System engagieren. Die selbst dunkle Hautfarbe trugen und versuchten von Innen heraus die Polizeikultur zu verändern. Fünfeinhalb Jahre durfte ich in New York als ehrenamtliche Seelsorgerin Polizistinnen und Polizisten begleiten, sie unterstützten, ihnen zuhören und als Brückenbauerin Verbindungen zwischen der örtlichen Polizeistation und den Anwohnern herstellen. Dies war besonders im vergangenen Jahr dringend notwendig geworden, um miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsame gelingende Wege zu suchen und zu heilen.

Aus meiner Sicht ist es ungemein wichtig, dass wir uns aufgrund der engen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindung von Deutschland und USA über die grundlegende und beunruhigende Nähe von Rassismus und Antisemitismus bewusst werden. Beide sind gefährliche Irrlehren, die zutiefst der christlichen Botschaft widersprechen. Sie sind ideologische Zwillinge, die nicht nur Hass verbreiten, sondern auch Menschenleben kosten.

Wie aber entsteht dieser Hass gegen Menschen? Unvergeßlich ist mir ein Seminar, das ich im Rahmen meines Zusatzstudiums bei Professorin Beverly Mitchell, die am Wesley Theological Seminary, Washington, D.C. lehrt, besuchen durfte. Sie stellte uns ihre Arbeit zum systemischen Vergleich von Konzentrationslagern und Sklavenplantagen vor. Die zum Himmel schreienden systemischen Analogien öffneten mir die Augen und ließen mich verstehen, warum sie bei Rassismus und Antisemitismus von „Zwillingen des Hasses“ (Engl.: „Twins of Hate“) sprach. Diese tödlichen Irrlehren haben ihre Wurzeln in der grundlegenden Ideologie, bestimmte Gruppen unter Verwendung von Ausschlussgesetzen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Sklaverei, Mord und anderen Formen der Ungerechtigkeit auszuschließen und niederzudrücken.

Rassismus und Antisemitismus sind somit ideologische Zwillinge, die ihre Wurzeln tief in einer nährenden Grundlage haben: Im Hass gegen andere, in der Ausgrenzung, Ausbeutung und sogar Tötung wie im Falle George Floyds und zahlreichen anderen. Sie sind Irrlehren, die die von Gott geschenkte Gottebenbildlichkeit verletzen und mit dem uns von Jesus gebotenen Doppelgebot der Liebe brechen.

Dieses Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus, das tief verwurzelt in dem Gebot der Nächstenliebe und Gottebenbildlichkeit ist, begleitet mich auch nun als Seelsorgerin in der Bundespolizei in Bamberg als dem größten polizeilichen Aus- und Fortbildungszentrums Europas. Hier darf ich junge Polizeianwärterinnen und -anwärter in ihrer Ausbildung begleiten und für alle in dieser Lehreinrichtung Tätigen als Seelsorgerin arbeiten. Ein Privileg und gleichzeitig eine große Verantwortung.

„Justice is served“ – an diesem Morgen blickte ich mit Dankbarkeit auf die jubilierende Nachricht meiner amerikanischen Freundin. Der in der letzten Nacht getroffene Schuldspruch war von so unglaublicher Wichtigkeit, denn ein wertvolles Menschenleben war aufgrund einer rassistischen Einstellung ermordet worden. Gleichzeitig verpflichtet er rund um die Welt Menschen, dass sie überall dort, wo Menschen als Ebenbilder Gottes verletzt und ermordet werden, aufstehen im Namen des Schöpfers unserer Welt und sich für Gerechtigkeit und Frieden jenseits von Hautfarbe, Nation, Herkunft und finanzieller Leistungsfähigkeit einsetzen. Dafür will ich einstehen, wo mich Gott in den Dienst beruft.

Des Amerikaners liebstes Nahrungsmittel als Zeichen der Nächstenliebe

Nachdem wir unter den Anweisungen von Pam, der Leiterin der kleinen jüdischen Tafel von Kol Ami, alle Packstationen mit der gleichen Anzahl von Lebensmitteln versorgt hatten, verstummten die durch den großen Raum hallenden Unterhaltungen. Es wurde geschäftig still. Nur das Rascheln der braunen Papiertüten, die beim Auffalten leicht Ächzten und an ein leises Seufzen über die erwarteten Lebensmittel erinnerte, die nach und nach im Bauch der Tüten verschwanden, war in der großen Packhalle zu hören.

Wie jeden Donnerstagmittag seit dem Beginn der Pandemie hatte sich eine inzwischen eingeschworene Gemeinschaft an Personen eingefunden. Wie eine gut geölte Maschinerie vollzog sich das Packen von zahlreichen Essenstüten, die schon bald von einer weiteren Gruppe von Freiwilligen an undokumentierte Immigranten und diverse Einzelpersonen ausgegeben wurde. Fruchtsaft, Kartoffel-, Karotten-, Pfirsich-, Aprikosen- und Hühnerfleischdosen fanden am Boden der Tüten ihren Platz. Darauf stapelten sich eine Tüte Reis, Tortillas, Rosinen und Cracker. Und auch Peanutbutter, des Amerikaners liebstes Nahrungsmittel.

Während ich die durchsichtigen Gläser an ihren neuen Platz beförderte, tippte mich Pam mit einer Verpackung an. „Kannst du das lesen?“, fragte sie schmunzelnd. Ich sah mir den Karton näher an. Dort stand in großen Lettern weiß auf blau aufgedruckt in Deutsch „Erdnussbutter – Verschiedene Sorten“. Ich staunte nicht schlecht. Des Amerikaners liebstes Lebensmittel wurde heute als deutsches Produkt in einer New Yorker jüdischen Tafel für bedürftige Personen zum Austragen vorbereitet. Mich erfasste umgehend eine Welle der Dankbarkeit für diese Essensspenden und die Möglichkeit als Pfarrerin, deren Herkunftsland durch den Holocaust so viel Leid über andere gebracht hatte, diese Essensspenden weitergeben zu können.

Mein Dank gelte daher an dieser Stelle all denen, die in den letzten Monaten diese Arbeit durch ihre Spenden an Feeding Westchester mit unterstützt haben. Ihr seid solch ein Segen!

Struggling for the Soul of a Nation

Eine Nation ringt um ihr eigenes Selbstbild

Mit jedem weiteren Schritt sank ich tiefer in den dunkelbraunen Ackerboden ein, dessen regelmäßiges Muster aus frisch gepflügten Ackerfurchen von wirr verstreuten plattgewalzten Panzerspuren unterbrochen war. Lachen und aufgeregtes Jauchzen erfüllte die frische Septemberluft während wir Kinder über das Feld stolperten, um die amerikanischen Soldaten zu begrüßen, die um unsere kleine Stadt das jährliche Herbstmanöver durchführten.

Für uns Zehnjährige war es eine wunderbare und willkommene Unterbrechung des Herbsteinerleis. Die amerikanischen Soldaten hatten stets allerlei Leckereien dabei, die sie uns schenkten. Noch heute erinnere ich mich an die Freude, das Lachen und die Bewunderung, die wir diesen Männern und Frauen entgegenbrachten. Wir als zweite Generation nach dem Krieg waren in dem Bewusstsein erzogen worden, dass die USA uns als Besatzungsmacht Demokratie und Fortschritt gebracht hatte. Daher waren für uns dessen Kultur und Gepflogenheiten von großem Vorbildcharakter.

Wenn ich erschöpft von diesen Herbstausflügen mit meiner Beute und Schuhen, die mit schweren Erdklumpen übersät waren, nach Hause kam, achtete ich stets darauf, dass ich sie reinigte. Denn jegliche Aufregung meines amerikanischen Ziehvaters musste aufgrund dessen schwerer Erkrankung durch seinen Militäreinsatz in Vietnam musste unbedingt vermieden werden. Von Kindesbeinen an war ich nicht nur aufgrund der engen Verzahnung des süddeutschen Raumes mit dessen Besatzungsmacht, sondern meines amerikanischen Vaters im Bewusstsein einer tiefen Wertschätzung für die Vereinigten Staaten von Amerika erzogen worden. Die USA schenkten Deutschland nach dessen Fall unter Hitler Demokratie, Fortschritt und Wohlstand. Immer wieder betonte mein Vater als US-Veteran, was viele andere ebenso unterstreichen: „The Greatest Nation on Earth“.

Jahrzehnte später lebe ich nun seit sechs Jahren in den USA. Als Pfarrerin einer deutschsprachigen Gemeinde in New York habe ich die schwerste Dienstzeit seit meiner Berufung in das Pfarramt erlebt: die Pandemie, dessen gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen erschüttern diese große Nation wie noch nie in diesem Ausmaß da gewesen war. Doch ein weiteres Beben erfasst das Land mit wachsender Intensität, das mit der pandemischen Krise verwoben ist. Denn die Ungleichheit von Chancen und ein ungerechtes soziales System basierend auf Hautfarbe und Herkunft werden hierdurch schonungslos aufgedeckt. So werden zum Beispiel Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe, solche von lateinamerikanischer Herkunft und auch solche indigener Herkunft werden fünf mal öfter aufgrund einer COVID-Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert. Dies liegt daran, dass diese zumeist keinen Arbeitsplatz haben, der ein Homeoffice ermöglicht. Sie sind überproportional häufig als sogenannte „Frontline Workers“ tätig – als Kassierer, Pflegekräfte, Busfahrer und so viele mehr. Dies ist nur ein Ausdruck von vielen, die ein zugrundeliegendes rassistisches System offenlegt, das Personen mit dunkler Hautfarbe in Bildung, Ökonomie und Gesundheitsversorgung benachteiligt.

Während viele Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Politologen dieses Thema vielfach beleuchten, scheint für mich als Theologin die zugrundeliegende Thematik tiefer zu gehen. Die USA ist trotz der zunehmenden Gruppe der Konfessionslosen und der voranschreitenden Säkularisierung ein zutiefst religiöses Land, das in seinem Ringen um das eigene Selbstbild mit dem grundsätzlichen Glaubensgrundsatz des Imago Dei, also der Gottebenbildlichkeit allen menschlichen Lebens ringt.

Spürbar wird dies durch den immer deutlicher zutage tretenden Rassismus, auf dessen Existenz nicht nur systemisch hingewiesen, sondern auch zunehmend zu einem Thema der bevorstehenden Wahl des Präsidenten wird. Jim Wallis wies darauf hin, dass diese Wahl ein Test für Demokratie und Glauben sein würde.

Während in Übersee um das Selbstverständnis der USA gerungen wird, bin ich mir als eine Person, die auf deutsch-amerikanischem Horizont aufgewachsen und beruflich verflochten bin, der Auswirkungen dieses Ringens bewusst: Hier geht es um mehr als „nur“ um ein Land. Da Amerika vielfach als die führende Nation der Welt gesehen wird, überträgt sich dieses Ringen auf andere Länder und deren gesellschaftliche Systeme. Sehen wir unseren Nächsten als ein Ebenbild Gottes, wie dies im Buch Genesis 1,26a (1) bezeugt ist? Räumen wir anderen dieselben Chancen, Lebensbedingungen und Bildungsmöglichkeiten ein, auch wenn sie sich von uns aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder ihres Glaubens von uns unterscheiden?

Was gäbe ich dafür, noch einmal die Sicherheit von damals zu verspüren… Während ich dies schreibe, schließe ich meine Augen und hole tief Luft. Aufgrund meiner Erinnerung hat sie einen erdigen Geruch, der nach frischen Septembertagen, Ausflügen auf durchpflügten Ackerfeldern und der Zuversicht geborgen in einer geschenkten Demokratie und Chancengleichheit zu sein, riecht.

Blogeintrag „Struggling for the Soul of a Nation“ als Podcast

(1) „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“