Von Kühlschrankmagneten, Berufung und Polizeiseelsorge

Das große Snoopy-Bild war schon etwas in die Jahre gekommen und wurde durch vier sehr unterschiedliche Magnete an unserer Kühlschranktür festgehalten. Fast täglich rückte ich den einen oder anderen bunten Magneten zurecht, damit das lieb gewonnene Bild beim hastigen Öffnen und Schließen der Türe nicht davon flatterte.

Heute aber hatte ich dank eines stillen Sonntages etwas Zeit und strich leise über die vier sehr unterschiedlichen Alltagshelfer, die für verschiedene Lebensstationen standen:

das kleine Flugzeug erinnerte mich an die Tätigkeit als Flugbegleiterin bei JAL während des kirchlichen Praxisjahres, der Orkney-Magnet stand stellvertretend für meine erste Auslandsverwendung als junge Pfarrerin, das etwas abgenutzte Einsatzauto der NYPD war ein Symbol für meine zurückliegende Tätigkeit bei der New Yorker Polizei, und das dunkle Quadrat hingegen stand für meine gegenwärtige Berufung als Seelsorgerin bei der Bundespolizei.

„Manchmal sieht man erst im Nachhinein, welche Wege Gott für uns schon vor langem geplant hat,“ sagte eine Person vor einigen Tagen zu mir als ich mich zugegebener Maßen niedergeschlagen zu einem Gespräch eingefunden hatte.

Ob Flieger, Insel, Megametropole oder polizeiliches Aus- und -fortbildungszentrum – ich war stets an eines gebunden: an eine Berufung, die mich mit Leib und Seele dort hat tätig sein lassen, wo Gott mich hin sandte. Ich war mir schon immer schmerzlich bewusst gewesen, dass ich weder aus einer Akademikerfamilie stamme, noch mächtige oder reiche Personen meinen Stammbaum schmücken. Eine Identität, die ich mit den meisten der über 8 Milliarden Menschen auf unserem Planeten teile. Die Alltäglichkeit meines Hintergrundes hat mir in meiner eigenen Biografie schon manche Stolperfalle gestellt oder sagen wir es so: lies manche Türen für andere aufgehen, die für mich fest verschlossen waren. Die Bibel aber hat mir schließlich einen Trost geschenkt und das Bild in manchem zurecht gerückt. Gottes Wort geht oftmals andere Wege als unser menschlicher Verstand dies vielleicht annehmen würde. Im ersten Brief weist Paulus die Korinther darauf hin, dass eine Berufung oft im Schwachen und Geringen zu finden ist:

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

1. Kor 1,26-31

Was in der Lutherübersetzung als „töricht“ wiedergegeben ist, kann ebenso als „absurd“ übersetzt werden. Aber irgendwie trifft ja beides in meiner eigenen Biografie zu, die ungewöhnliche, manchmal unvernünftige Pfade jenseits einer durchschnittlichen Pfarramtslaufbahn einschlug. Und im Nachhinein fange ich an, die weisen Worten meines letztwöchigen Gesprächspartners in meinem von außen betrachteten etwas töricht erscheinenden oder vielleicht für eine Theologin und Pfarrerin absurd wirkenden Lebenslauf zu entdecken. Gott rief mich stets an besondere Orte. In manchem kann ich gegenwärtig durchaus entdecken, wie diese Stationen mich auf meine gegenwärtige Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin am größten polizeilichen Aus- und -fortbildungszentrums vorbereitet haben bzw. mir dabei nun helfen.

Als Flugbegleiterin bereiste ich in jungen Jahren die Welt während ich Deutsch, Englisch und Japanisch geordnet nebeneinander, manchmal nach biblisch-babylonischem Verwirrungsprinzip durcheinander jonglierte, um tausende Menschen über Grenzen hinweg auf ihrer Reise zu begleiten.

In dieser Zeit hatte ich vielfache Berührungspunkte mit Polizeivollzugsbeamten. Nicht nur in Deutschland, sondern international. Das betraf nicht nur die Ein- und Ausreise, sondern auch Grenzsituationen, in denen ich dankbar war um die geleistete polizeiliche Hilfe. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an einen Randalierer an Board, der nach vielen angespannten Flugstunden von Frankfurt nach Tokyo nach der Landung von der japanischen Polizei in Gewahrsam genommen wurde.

Während meiner Zeit als Pfarrerin auf einer schottischen Insel war es die Unterstützung der örtlichen, aber auch der neuseeländischen Polizei, die mir bei der Begleitung einer traumatisierten Familie eine große Hilfe war. Es waren tiefgreifende pastorale Erfahrungen, die ohne die Hilfe der Polizeien in Schottland und Neuseeland nie zu einer gelingenden Begleitung in solch einer schweren Situation geführt hätten.

Und dann war da meine New Yorker Zeit. Was erst als ein kleines Projekt ehrenamtlich mit Einladungen zu Feierlichkeiten wie Beförderungen, Sommerprogrammen und Gemeindeversammlungen begann, wuchs zu einem wichtigen Bestandteil meiner Tätigkeit als Pfarrerin am Big Apple heran. Die Nachbegleitung von belastenden Einsätzen, der schwere Einsatz während des Corona-Ausbruchs, die massiven Demonstrationen aufgrund der Ermordung von George Floyd bereiteten mich unauffällig, aber stetig wachsend auf die nächste Berufung vor.

Inzwischen bin ich zweieinhalb Jahre als hauptamtliche Seelsorgerin innerhalb der Bundespolizei tätig. Nicht selten fühle ich mich töricht. Manchmal sogar in meinem Dasein etwas absurd, da ich in diesem polizeilichen Kontext so anders bin als die mich umgebenden Polizeivollzugsbeamten. Ich habe noch keinen Coopertest gelaufen, keinen physischen Widerstand erlebt, keine Waffe gehalten, oder anderes typisch Polizeiliches in Deutschland durchlebt. Aber manchmal geht Berufung eben gerade einen anderen Weg, wie wir im biblischen Text hören: Gott wählt das Törichte, das Schwache, das Geringe, um seine Botschaft in die Welt zu tragen. Möge das uns allem zum Trost sein, wenn wir unter Umständen weder in einer hierarchisch machtvollen Position sind, noch einflussreich und oder monetär gut situiert. Dann bleibt uns darauf zu vertrauen, dass Gott trotzdem oder sogar gerade durch unser marginales Sein in diese Welt hinein spricht und uns auf unserem Lebensweg Schritt um Schritt formt zu dem, wofür er uns bestimmt hat.

Church of Scotland: Eine Kirche im freien Fall

Die Sonnenstrahlen tauchten das große Symbol der Church of Scotland in gleißendes, helles Licht. In einem senkrechten Oval war ein brennender Dornbusch abgebildet, hinter dem die schottische Flagge ersichtlich war. Der weiße Rahmen mit der Aufschrift „Nec tamen consumebatur“ („und er wurde nicht verzehrt“) unterstrich die Abbildung der biblischen Berufungsgeschichte des Mose (Ex 3,2).

Ich stand vor dem Kirchenamt der reformierten Church of Scotland und betrachtete das Symbol mit gemischten Gefühlen. Seit meiner ersten Auslandsverwendung (2007-2010) als Pfarrerin in Orkney, einer kleinen schottischen Inselgruppe, war mir die reformierte Kirche sehr ans Herz gewachsen. Das Symbol begleitet mich seitdem als Erinnerung an wichtige Erfahrungen, die mich beruflich und privat tief geprägt haben. Doch heute sah ich zum ersten Mal mit großer Sorge auf das wunderschöne Emblem der schottischen reformierten Kirche, während die soeben gehörten Worte einer Kollegin in meinen Ohren widerhallten. In ihnen schwang viel Trauer und gleichzeitig Wehmut als wir uns über die vergangene gemeinsame Zeit unterhielten. Und fast hatte ich den Eindruck als ob kirchliche Dornbusch lichterloh brannte…

„New tamen consumebatur“ – „und er wurde nicht verzehrt“

Das im Emblem der Church of Scotland verwendet Symbol des brennenden Busches führt uns zum Buch Exodus und der Geschichte von Moses. Moses war einem Leben in unvorstellbarem Luxus und Wohlstand in Ägypten entflohen, nachdem er einen ägyptischen Sklaventreiber aus Empörung über dessen Brutalität getötet hatte. Nun war er Schafhirte in der Wildnis. Der biblischen Geschichte zufolge trifft Moses eines Tages beim Hüten seiner Schafe auf einen Busch, der seine Aufmerksamkeit erregt, weil er zu brennen scheint, aber noch nicht verzehrt ist. Als er näher kommt, hört er eine Stimme, die ihm sagt, er solle seine Schuhe ausziehen, weil er auf heiligem Boden stehe. Dort vor dem brennenden Dornbusch begegnet er dem lebendigen Gott, der ihm den göttlichen Namen offenbart und Moses in eine neue Berufung ruft: er soll die hebräischen Sklaven Ägyptens in die Freiheit führen.

Diese biblische Geschichte ist von solch großer Faszination und Kraft, das sie viele Menschen inspiriert hat.

„New tamen consumebatur“ – „und er wurde nicht verzehrt“

So kam es mit der Reformation zu einer Neuinterpretation des Bildes vom brennenden Dornbusch. Insbesondere Johannes Calvin interpretierte das Bild des brennenden Dornbuschs als Symbol der Kirche auf Erden, die mit vielen Schwierigkeiten und Nöten konfrontiert war und dennoch vom Geist Gottes getragen und am Leben erhalten wurde. In diesem Sinne glaubte er, dass die Kirche für immer brannte und doch nicht vom Feuer verzehrt wurde.

Als die Verfolgung reformierter Christen, insbesondere in Frankreich, zuzunehmen begann, wurde dieses Bild des brennenden Dornbuschs immer deutlicher. Die französisch-reformierte Kirche der Hugenotten war im 16. Jahrhundert unter besonderem Druck, und doch eine Kirche, die nicht ausgelöscht, sondern, wie sie glaubten, von Gottes Gegenwart getragen und ihr Glaube an Gottes Gnade kundgetan werden konnte Christus.

Eines der größten Massaker der Reformation fand in Frankreich statt, bekannt als das Massaker am Tag des Heiligen Bartholomäus am 24. August 1572. Es fand während der Feierlichkeiten zur Hochzeit der Schwester des Königs, Margarete, mit dem protestantischen Heinrich von Navarra (dem späteren Heinrich IV. von Frankreich) statt. Viele der reichsten und prominentesten Hugenotten hatten sich im weitgehend katholischen Paris versammelt, um an der Hochzeit teilzunehmen. In der darauf folgenden Tragödie wurden etwa 2000 Protestanten auf den Straßen von Paris ermordet. Diesem Massaker folgten unzählige weitere in anderen französischen Städten.

Das Massaker am Tag des heiligen Bartholomäus im Jahr 1572 erschütterte die reformierte Kirche Frankreichs zitierst und verursachte Auswanderungswellen von Hugenotten in andere umliegende Länder, aber auch Nordirland und Schottland bis hin nach Südafrika.

Die reformierte Kirche war unglaublichem Leid ausgesetzt worden, doch die Botschaft Gottes war weitergetragen und diese Kirchengemeinschaft vom politischen Feuer und Hass nicht verzehrt worden.

„New tamen consumebatur“ – „und er wurde nicht verzehrt“

Das Emblem des Dornbusches fand erstmals 1685 durch William Mure auf der Titelseite seines Buches „The Joy of Tears“ Verwendung, das die Probleme der schottischen Kirche thematisierte. Ab 1691 fand man es auf offiziellen Dokumenten der Church of Scotland und ist seitdem in Verwendung. Das Symbol hat nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil, denn die schottische Kirche befindet sich unter hohem Druck und dessen Zukunft steht massiv auf dem Spiel.

Als ich 2007 nach Orkney entsandt wurde, um die damals neue ökumenische Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche in Bayern (ELKB) und der Church of Scotland (CoS) einen praktischen Ausdruck zu verleihen und in einigen Jahren Impulse für meine Heimatkirche mit nach Hause zu bringen, erlebte ich die ersten großen Wellen dieser massiven Veränderung. Damals verstand sich die Church of Scotland noch als Nationalkirche. Doch bereits in meiner dreijährigen Amtszeit war diese aufgrund der Bankenkrise, die von Amerika aus auch Europa und damit Schottland erschüttert hatte, vor große finanzielle Probleme gestellt worden. Die finanzielle Verflochtenheit mit Übersee hatte der CoS viel finanziellen Schaden eingebracht, der nun eingespart werden musste. Neben Pfarrstellenkürzungen waren es besonders Kirchengebäude und Pfarrhäuser, die veräußert werden mussten, um die schlimmsten Auswirkungen zu lindern. Ich selbst habe im Auftrag meiner damaligen Gemeinde drei Kirchengebäude veräußert – eine diffizile Aufgabe, die bis dorthin nicht auf dem Horizont meiner Vorstellungen von pfarramtlichen Tätigkeiten gewesen war. Nun musste ich als junge Pfarrerin meine Gemeinde durch diesen Trauerprozess und durch juristische Tiefen begleiten, während ich gleichzeitig versuchte, ihnen beim Heilen und Zusammenwachsen zu helfen.

„New tamen consumebatur“ – „und er wurde nicht verzehrt“

An diesem Apriltag in 2023 war ich erschüttert wieder vor die Türe des Kirchenamtes in Edinburgh getreten. Die gehörten Worte mussten verarbeitet werden. Seit meines Weggangs in 2010 hatten sich die Mitgliedszahlen in dramatischer Weise verändert. Seit 2011 waren die Mitgliederzahlen laut des Berichts der General Assembly von 2022 um 34% gefallen. Ab 2017 befand sich die CoS im freien Fall.

“See, I make all things new”: Report Church of Scotland General Assembly 2022, S. 08 Supplementary Report of the Assembly Trustees, S. 14.

Dr. John Chalmers, Moderator der Church of Scotland 2022, sieht laut Glasgow Times den Grund vor allem im Kontaktverlust mit Millenials bis Generation Z. Diese seien weiterhin auf der Suche nach spiritueller Heimat, würden aber nicht in der Kirche fündig. Daher würde viel Engagement nun in diesen Bereich investiert werden, um die Kirche wieder zukunftsfähig machen zu können.

„Our contact with children and our reach to millennials and Generation Z are marginal. These missing generations are our children and our children’s children. They are not without a desire for spiritual nourishment. They are still in search for meaning and they share many of our values. But all evidence suggests the ways in which these generations will pursue their search for meaning will not be through a top-heavy religious institution. We must invest seriously in new ventures, pioneer ministry and church planting. The time has come for us to cast our bread upon the water before the last one of us finds it is time to switch off the lights and redistribute what is left to other charities with similar aims.“

The Very Rev. Dr. John Chalmers

Meine Kollegin berichtete mir von schmerzhaften Zusammenlegungen, Stellenstreichungen und harten Sparmaßnahmen, die die gesamte Kirche in Sorge um die Zukunft versetzte. Die schiere Zahl an zum Kauf zur Verfügung stehende Kirchen erschreckte mich in den kommenden Tagen meines Schottlandaufenthaltes. Und hinterließ einen bitteren Geschmack beim Betrachten des Emblems. Würde der Dornbusch doch dem Austritts- und Finanzfeuer nicht mehr standhalten können und bald nichts mehr als etwas Asche von der einst so stolzen Nationalkirche, die ich am Beginn meiner Amtszeit kennenlernen durfte, übrig bleiben?

Es sind solche Erfahrungen, die uns in Deutschland hellhörig machen sollten, wenn wir die eigene Mitgliederentwicklung betrachten. Auch hier stehen schmerzhafte Einsparungen an und ein spürbarer Mitgliederschwund wird schon bald nicht nur in Verkäufen von Gebäuden, Schließungen von Einrichtungen und Zusammenlegungen von Gemeinden resultieren. Vielmehr sehe ich auch hier die Zukunft unserer Kirche schneller als gedacht in Frage gestellt. Wenn wir hierauf nicht mit unseren Kernkompetenzen wie Seelsorge und Diakonie auf der einen Seite, und einem Bemühen um die jüngeren Generationen auf der anderen Seite reagieren, fürchte ich um einen ähnlichen Verlauf wie in der Church of Scotland.

Trotz des gleißenden Sonnenlichts war es mir an diesem sonnigen Apriltag eiskalt über den Rücken gelaufen. Bei meinem Besuch hatte ich mit vielem gerechnet, aber nicht damit, eine einst stolze Kirche als eine Kirche in Not wieder aufzufinden. Ich hoffe sehr, dass die inzwischen kleine Church of Scotland Wege aus dieser Not mit Gottvertrauen und Engagement finden wird.

Endemische Gedanken: wenn das Schweigen endlich bricht und prägende Erfahrungen bleiben

Aus Gründen ist es Zeit, endlich das Schweigen zu brechen und in diesem Blogeintrag über prägende pandemische Erfahrungen als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin zu schreiben.

Jahresanfang und eine Woche Urlaub. Für mich die perfekte Kombination, um etwas Ordnung zu schaffen und dadurch offen zu werden für die nächsten zwölf Monate des noch recht jungen Jahres. Als ich den Inhalt meines Nachtkästchens ausleerte, fiel mir eine Stoffmaske in die Hand, die ich vor fast genau zwei Jahren direkt aus meinem Fluggepäck in der Schublade des Nachtkästchens verstaut hatte. Nachdenklich setzte ich mich auf den Rand meines Bettes. Laut Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Klinik Charité, befinden wir uns bereits am Ende der Pandemie und in Deutschland am Beginn einer Endemie. Das heißt nicht, dass das Virus uns nicht weiterhin im Griff hat, dennoch trifft es nicht in der vorher vorhandenen Härte, Intensität und Gefährlichkeit. Eine Endemie bedeutet, dass wir weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll sein müssen, aber lernen mit der sich verbreiteten Krankheit umzugehen. Dazu benötigt es auch das Element der Reflexion, um aus dem Erlebten zu lernen.

Die Stoffmaske wirkte an diesem ersten Samstag des neuen Jahres wie ein Relikt aus einem anderen Leben, das inzwischen weit weg erschien. Ich seufzte tief. Bilder in wirrer Reihenfolge erschienen vor meinem inneren Auge. Ich schüttelte mich, während so manche Emotion der in New York erlebten Pandemie von mir wieder Besitz ergriff. Die Maske musste aufbewahrt werden. Wie lange ich auf meiner Bettkante saß, weiß ich nicht- doch irgendwann gab ich mir einen Ruck und suchte all die anderen Stoffmasken, die wir aufgehoben hatten.

Ich fand unsere Sammlung an Stoffmasken im abgelegensten Schrank unserer Wohnung in der untersten Schublade hinter vielen Halstüchern. Während in Deutschland schon bald FFP2-Masken Pflicht geworden waren, trugen wir in den USA relativ lange waschbare Masken aus Stoff. Im Nachhinein schützen diese Masken nicht so gut, waren aber nun für mich wichtige Erinnerungsstücke – persönliche Artefakte einer sehr intensiven Dienstzeit geworden.

Vier Masken hatte ich besonders gerne getragen. Sie waren nicht nur gut geschneidert gewesen, sondern verbanden mich emotional mit wichtigen Stationen einer intensiv erlebten Dienstzeit:

Auf der Maske aus schwarzem Baumwollstoff war in großen Buchstaben FAITH ______OVER ______ FEAR aufgedruckt. Diese Maske steht für den Beginn und die erste Welle der Pandemie, die ich in New York als einem der ersten Corona-Hotspots der westlichen Welt erlebt hatte. Es waren Monate, in denen ich als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin meine Berufung noch nie so intensiv gespürt hatte, wie in dieser Zeit. Eine Lehre dieser Zeit ist für mich, dass in Gefahr Berufung erst richtig beginnt. Noch gut erinnere ich mich an die Angst, mich selbst anzustecken- im Krankenhaus während ich Sterbende begleitete oder in den beengten New Yorker Bedingungen als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin, wo ein sicherer Abstand oftmals schwer möglich war.

Das Symbol der Synagoge war schon etwas abgegriffen – für mich strahlte es in seinem einfachen Weiß auf dieser azurblauen Maske umso mehr. Diese besondere Maske war mir von meiner jüdischen Synagoge geschenkt worden, wo ich mich ehrenamtlich engagiert hatte. Eine der bitteren Auswirkungen der Pandemie war in USA eine schnell eingetretene Massenarbeitslosigkeit, die vor allem aufgrund des nur rudimentären Sozialsystems die Ärmsten der Armen getroffen hatte. Diese Arbeit durfte daher nicht zum Erliegen kommen. Mit viel Fantasie und Engagement versuchten wir trotz der uns umgebenden viralen Gefahr für die zu sorgen, die sonst hungern würden.

Und dann nahm uns mitten in diesem pandemischen Chaos ein politisches Ringen Recht und Gerechtigkeit den Atem. Auf schwarzem Untergrund prangte neben dem Profil der Richterin Ruth Bader Ginsburg, die eine der größten Kontrahentinnen des damaligen Präsidenten Donald Trump war, in bunten Lettern die Aufschrift WOMEN BELONG IN ALL PLACES WHERE DECISIONS ARE BEING MADE. Ich hatte in USA ein Ringen um eine politisch gerechter gestaltete Welt erlebt, in der es einen Kampf um Inklusivität bzw. Exklusivität gab. Erinnerungen an wunderbare Frauennetzwerke und eine durchbangte Wahlnacht sind mir immer noch sehr präsent.

Eine weitere mir wichtige Maske strahlte und glitzerte mir auf einem galaktischen Hintergrund entgegen. Sie erinnert mich an die Träume, die mich in dieser intensiven Dienstzeit antrieben: Träume von Gesundheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Eine große Aufgabe, die wir nur gemeinsam Wirklichkeit werden lassen können. Wenn jeder eine Kleinigkeit dazu in seinem jeweils eigenen Bereich dazu tut, kann dies gelingen. In New York und jetzt in Bamberg versuche ich weiterhin meinen kleinen Teil dazu beizutragen.

Die Zahl der persönlichen Artefakte endete jäh mit meinem beruflichen Wechsel zur Bundespolizei – sicherlich auch verbunden mit der Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske. Mit meiner Rückkehr nahm so mancher Kollege wieder Kontakt zu mir auf. Eine Unterhaltung kurz nach meiner Rückkehr im Januar 2021 wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Anstatt mir ein offenes Ohr zu leihen, kritisierte er meinen beruflichen Wechsel zur Bundespolizei. Ich sei schon wirklich dumm gewesen. Wenn ich eine normale Pfarrstelle gewählt hätte, hätte ich sicherlich noch einige Monate eine ruhige Kugel schieben können. In Ruhe umziehen. Ankommen. Mich einfinden. Stattdessen hätte ich den Strudel des polizeilichen Dienstes gewählt. Ich war sprachlos über dieses opportunistische Denken, das ich bei diesem Kollegen wahrnehmen musste.

Als ich in Deutschland ankam, fragte man mich nicht nach meinen Erfahrungen noch bot man mir die Möglichkeit an, diese zu verarbeiten. Ein Sonderurlaub war bei einem solchen Wechsel nicht vorgesehen. Noch heute frage ich mich warum eigentlich, wenn ich viele dienstliche Sonderbelastungen getragen hatte? Supervision oder psychologische Begleitung wurde mir ebenso wenig angeboten. Also stürzte ich mich ins Neue und verarbeitete das Erlebte auf meine Weise.

Nach fast zwei Jahren sind diese Erfahrungen nun ein für mich wertvoller Teil meines Selbst geworden. So manches kann ich in den berufsethischen Unterricht der BPOL nebst zahlreicher Reportagen, die über meinen Dienst in New York gedreht wurden, einfließen lassen. So wird nun für andere zum Segen, was ich erlebt habe.

Für mich steht am Ende dieser endemischen Gedanken vor allem diese wichtige Lektion im Mittelpunkt der pandemischen Dienstzeit: eine Berufung zeigt sich in Gefahr – das verbindet mich zutiefst als Pfarrerin mit den mir anvertrauten Polizeikräften, die ich begleiten darf. Die eigene Berufung so stark spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk der pandemischen Dienstzeit, das mich begleiten wird – egal, wo ich meinen Dienst versehe.

Von gefährdeten Lebensträumen, Gleichberechtigung und Personalmangel im Pfarramt

Ich atmete tief durch während meine Hand über die alten Ordner strich. Es musste sein – der Kalender hatte aufgrund einer unfreiwilligen Pause Platz für ungeliebte Tätigkeiten geschaffen. Als wir vor fast zwei Jahren aus USA wieder nach Bayern zurückkehrten, war wenig Zeit für Sichten und Aussortieren der alten Aktenbestände gewesen. Während der Staub leise unter meinen Fingern aufstob, hielt ich mitten in der Bewegung an. Mein Auge hatte sich an den Großbuchstaben eines Ordners festgesogen. E X A M E N stand dort in großen schwarzen Lettern als ob ich damals die Gewichtigkeit dieser Lebensstation hatte hervorheben wollen.

Ich seufzte als ich den in die Jahre gekommenen Ordner langsam und bedächtig herauszog. Noch vor wenigen Tagen hatte das evangelische Internet- und Nachrichtenportal Evangelisch.de von Ruhestandswelle und dem bevorstehenden Pastorinnen- und Pastorenmangel berichtet. Jede Person werde gebraucht. Man denke darüber nach, wie man junge Menschen für diesen Beruf begeistern könne. Als ich Studentin mit Mitte Zwanzig war, stellte sich die grundlegende Situation völlig anders da. Es gab Phasen in landeskirchlichen Personalplanungen, in denen man versuchte möglichst vielen von einem Ergreifen dieses vielseitigen Berufes abzuraten. Meine Erfahrungen in dieser Phase sind aufgrund meines Geschlechts geprägt – ich weiß von vielen anderen bitteren Geschichten, wo wunderbare, visionäre Menschen einen anderen beruflichen Weg jenseits von Kirche einschlugen.

Während ich den in verstaubten Ordner mit seinen abgenutzten Ecken öffnete, saß ich plötzlich wieder in einem mittelgroßen Konferenzraum in Erlangen. Ich spürte die damals mich umgebende Nervosität, die gepaart war mit einer Art Vorfreude auf den wichtigen Studienabschnitt der Examensvorbereitung. Die Ziellinie schien nach vielen Jahren Studium, Hebräisch, Griechisch und Lateinauffrischung, einem Praxisjahr, ungezählten Stunden in Vorlesungen, Seminar- und Hausarbeiten zum Greifen nah. Die Landeskirche hatte für eine Informationsveranstaltung über die kirchlichen Examen einen Vertreter aus München gesandt, der uns Theologiestudierende mit bedeutungsschwerer Stimme begrüßte und dann wie oft in Kirche üblich zu einer kleinen Vorstellungsrunde einlud, in der wir uns persönlich kurz vorstellen und von unserem Studienstand sowie das anvisierte Datum des Examens erzählen sollten. Als ich an der Reihe war, wich die anfängliche Nervosität der Freude über die Möglichkeit kurz von meiner Person, meinem Familienstand sowie dem Studienstand einem wichtigen Vertreter meiner Landeskirche zu berichten. Der Kirchenrat räusperte sich nach meinem Beitrag und blickte mir in die Augen: „Danke, Frau Groß. Leider muss ich Sie darauf hinweisen, dass ein Kind in der Examensvorbereitung hinderlich ist. Nur selten schaffen Frauen die Doppelbelastung von Kindern und Examen. Ich gebe Ihnen den wohl gemeinten Rat, zuhause bei Ihrem Kind zu bleiben.“ Ich spürte, wie mein Gesicht heiß anlief während alle Blicke der Kommilitoninnen und Kommilitonen auf mir lagen. Nach vielen Dienstjahren und Herausforderungen waren die Gefühle dieses Tages in meinem kleinen Arbeitszimmer in Bamberg noch so präsent als ob sie gestern gewesen wären.

Mein Blick schweifte über den Inhalt des Ordners, der das erste und zweite lutherische Examen in Bayern, sowie mein „drittes“ reformiertes Examen in der Church of Scotland dokumentierte. Ein breites Grinsen huschte über mein Gesicht und vertrieb die trübe Erinnerung. Wenn der Kirchenrat heute wüsste, dass ich zu jedem Examen ein Kind bekommen hatte, und jedes durchaus sehr passabel bestanden hatte. Zwischen Windelwechseln, Stillen und kurzen Nächten das notwendige Wissen aneignete, um meinen Berufswunsch einer Pfarrerin zu erreichen. Beim „dritten“ Examen war ich sogar zwei Tage vor meinem eigentlichen Flugverbot aufgrund der Schwangerschaft mit dem Frühflug nach Edinburgh geflogen, hatte mittags meine mündliche Prüfung abgelegt und war mit dem Abendflug zurück nach Orkney geflogen. Eine kleine Ausnahme stellte meine Dissertation da – aber zu diesem Zeitpunkt war unsere Familie bereits komplett gewesen…

Ich bin dankbar, dass meine jungen Kolleginnen dies nicht mehr erleben müssen. Während man im Vikariat keine Ausnahme zum ersten Geburtstag meines zweiten Kindes genehmigte und mich anwies stattdessen an einem Ausflug zu einem Krematorium teilzunehmen, sorgt man sich nun in guter Weise um junge Eltern, die Familie, Studium und Vikariat unter einen Hut bringen wollen. Mit Stolz kann ich sagen, dass meine bayerische Landeskirche in meiner bisherigen Amtszeit segensreiche Lern- und Veränderungswege der Gleichberechtigung und Wertschätzung innerhalb der Ausbildung beschritten hat. Junge Vikarinnen und Vikare werden herzlich in der Mitte unserer Landeskirche begrüßt und willkommen geheißen. Inzwischen gibt es Dekaninnen, Regionalbischöfinnen, Kirchenrätinnen und Frauen in zahlreichen Führungspositionen. Man muss nur mutig sein und nach gut evangelischem Prinzip stetig einen Weg der Erneuerung gehen. Dann können wir trotz aller Herausforderungen und Veränderungen dennoch hoffnungsvoll in eine Zukunft mit und in Kirche blicken.