Lesen gegen Hass: Graphic Novels als pädagogische Waffe gegen Antisemitismus

Als Seelsorgerin bei der Bundespolizei wurde mir die wichtige Aufgabe einer ethischen Unterrichtung unseres polizeilichen Nachwuchses und deren Begleitung sowie aller im Aus- und -fortbildungszentrum tätigen Personen übertragen. Mein Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und jegliche Form des Hasses stellt einen wichtigen Schwerpunkt meiner Arbeit dar – und führt fort, was ich in meiner New Yorker Zeit begonnen hatte: dem Hass die Stirn mit Bildung und Engagement zu bieten.

Gerade jetzt, in einer solch krisenhaften Zeit, in der Israel durch die Hamas mit unaussprechlichem Leid überzogen wird, ist es wichtiger denn je gerade mit den heranwachsenden Generationen über die Häresie des Antisemitismus auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.

Aber wie nur?, fragt sich sicher der eine oder die andere Pädagogin.

Graphic Novels sind für mich ein Schlüssel, der Generationen, die visueller geprägt sind, einen Zugang zu dem vielschichtigen und schweren Thema des tödlichen und menschenverachtenden Antisemitismus schenken kann. Ein Startpunkt für wichtige Diskussionen, die mit denen geführt werden müssen, die unsere Demokratie stärken sollen – mögen sie Bürgerinnen und Bürger oder Polizistinnen und Polizisten sein.

Ich gebe zu, dass die Welt der Comics sich mir als Kind und Jugendliche nie wirklich erschlossen hat. Einen Zugang fand ich erst als mir eine jüdische Freundin aus New York den Graphic Novel „Belonging“ (dt. „Heimat“) von der deutschen Schriftstellerin Nora Krug schenkte. Ab diesem Moment war ich fasziniert von Inhalt und Kunst, die in tiefgründigen Büchern zusammen kamen.

Dieser Blogeintrag soll euch eine Hilfe in dieser schweren Zeit sein, in der ihr vielleicht in euren Schulklassen, Seminaren, Gesprächskreisen oder Tagungen aus der Sprachlosigkeit herausfindet in ein Thema das so wichtig, wie seit der Katastrophe des Nationalsozialismus kaum sein: eine Bekämpfung des immer noch gravierenden Antisemitismus.

Lesen gegen Hass!

Die einzelnen Graphic Novels wurden von mir aufgrund der geschichtlichen Abfolge in dieser Art und Weise geordnet, da sie in ihren Inhalten aufeinander aufbauen oder korrelieren. Alle Novels gibt es in Deutsch.

„Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ von Will Eisner

Will Eisner (1917-2005) ist der wohl bekannteste US-amerikanische Comiczeichner, der die Entwicklung des Comic maßgeblich geprägt hat. Auf ihn geht die Form des „Graphic Novel“ zurück. „Das Komplott“ ist seine letzte große Arbeit und nimmt ein Thema ins Visier, das grundlegend für den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts bis zur Neuzeit ist: es stellt die Entstehung und Wirkung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ da. Die Schrift wurde zur Grundlage des Hasses im Nationalsozialismus und schmerzlich betrachtet darüber hinaus bis zum heutigen Tage. Trotz eines Verbotes werden die Protokolle in viele Sprachen übersetzt und in alle Welt exportiert, um so zu einer Grundlage für Hass gegen Jüdinnen und Juden zu sein.

Ein Wissen über die Entstehung dieser Schrift sowie einer Warnung über dessen konstatierte „Weltverschwörung“ kann zu einer Aufklärung maßgeblich beitragen.

„Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelman

Art Spiegelman (* 1948) erzählt in „Maus“ die Geschichte seiner Eltern, die Holocaust-Überlebende waren und nach der Ermordung seines Bruders und weiter Teile seiner Familie 1951 nach USA ausgewandert waren. Spiegelman zeichnete viele Jahre für The New Yorker. „Maus“ ist und bleibt sein wichtigstes Werk, wobei ihn dieses aufgrund dessen Rezeption und Verbreitung belastend begleitet. Im Februar 2022 war das Buch im US-Bundesstaat Tennessee aus dem Lehrplan der 8. Klasse gestrichen worden.

„Maus“ ist ein Buch voller Hadern und Ringen um eine schwere Familiengeschichte, in der ein Sohn die Wahrheit über den familiären Hintergrund und das Leid seiner Eltern sowie Verwandten im Holocaust erfahren möchte. Die symbolträchtigen Figuren (Mäuse und Katzen) geben eine optische Tiefe, die das Herz berühren und große Betroffenheit hervorrufen.

„Beate & Serge Klarsfeld – die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange

Berühmt wurde Beate Klarsfeld durch die Ohrfeige des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1968 bei einem CDU-Parteitag. Hiermit beginnt auch dieser Graphic Novel als einem perfekten Einstieg in die Nachkriegsgeschichte und dessen gebrochene Justiz, die die Täter des Nationalsozialismus nur punktuell zur Rechenschaft gezogen hatte.

Im Graphic Novel begleitet der Leser und die Leserin mit der deutschen Beate und dem französischen Juden Serge ein mutiges Paar, das sich aufgrund dessen persönlicher Betroffenheit der Jagd nach Nazis verschrieben hat: Serges Vater wurde Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Beate hingegen will Gerechtigkeit für die Tätergeneration des Nationalsozialismus herbeiführen.

Ein Buch voller Emotionen und Menschlichkeit – und vor allem der Botschaft, dass sich Gerechtigkeit mit viel Engagement und Durchhaltevermögen seinen Weg bahnen kann.

„Heimat: ein deutsches Familienalbum“ von Nora Krug

In ihrer Suche nach der eigenen Familiengeschichte, dessen Gebrochenheit und einer eigenen Heimat, holt Nora Krug viele der Enkel- und Urenkelgeneration durch dieses Ansinnen ab.

Nora lebt seit 17 Jahren in New York und tut sich selbst schwer mit ihrer deutschen Herkunft. Ein Gefühl, das viele in dieser Generation ebenso trägt. Durch ihren jüdischen Mann geht sie daher auf die Suche nach der eigenen Familienvergangenheit und der Frage, was Heimat eigentlich für sie bedeutet. Ein wunderbar ehrliches autobiografisches Werk entfaltet sich Seite um Seite vor dem Leser.

Ihre grafische und schriftstellerische Kunst ist beeindruckend und wirft beim Leser Fragen zur eigenen Reflexion auf. Ein Buch, das Menschen in ihrer Frage nach den eigenen Wurzeln, der Suche nach Heimat und der gebrochenen deutschen Geschichte abholt.

„Weisse Wölfe – eine grafische Reportage über den rechten Untergrund“ von David Schraven und Jan Feindt

Die Reportage thematisiert die heiklen Themen eines international verwobenen Naziterrors sowie punktuell auch die gefährlichen „Turner-Tagebücher“, die in Deutschland verboten sind. Sie erzählen die Geschichte einer fiktiven rechten Terrorzelle in den USA und wurden Grundlage eines rechten Terrors, die ihren schmerzhaften und menschenverachtenden Ausdruck im Terror des NSU in Deutschland fanden.

Der Leser und die Leserin begleiten den Journalisten Schraven bei seinen Recherchen in der rechten Szene von Dortmund, seine Treffen mit Informationen und Informanten aus der Antifa und Neonazikreisen. Gleichzeitig wird in einem zweiten Handlungsstrang von der Radikalisierung eines seiner Dortmunder Informanten sowie dessen Verstrickungen in militante Neonazikreise berichtet.

Die Radikalisierung eines Schülers ist der schmerzhafte Dreh- und Angelpunkt dieses Graphic Novels, der sicher viel Diskussions- und Gesprächsstoff über Einflussnahme, Freundesgruppen und Sog in Hassnetzwerke bietet.

„Über Tyrannei – zwanzig Lektionen für den Widerstand“ von Timothy Snyder, illustriert von Nora Krug

Im Jahr 2017 verfasste der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder (* 1969) auf dem Hintergrund starker politischer Umwälzungen in den USA eine Schrift, die den politischen Nerv unserer Zeit trifft: die zunehmend bedrohte Demokratie und der unter Umständen notwendige Widerstand zu deren Verteidigung. Dabei geht es darum, dass wir nicht erst handeln, wenn diese bereits sich in Gefahr befindet, sondern bereits bei den ersten Anzeichen.

Wie bei „Heimat“ ist Nora Krug mit ihrer Gestaltung ein künstlerisches Meisterwerk gelungen, das aufgrund seiner Ästhetik und der Zuhilfenahme tiefgründiger Kunst über die Wortebene hinaus wirkt.

Einige von vielen Büchern, die helfen können, zu sensibilisieren und eine pädagogische Waffe gegen Antisemitismus darstellen.

Lest gegen den Hass! Mit euren Schülerinnen und Schülern. Mit euren Kolleginnen und Kollegen. In Familien und Freundeskreisen.

Und kommt durch Unterhaltungen und Diskussionen auf Antisemitismus zu sprechen – einer menschenverachtenden und tödlichen Irrlehre, die Demokratie und Menschenwürde diametral entgegengesetzt ist. Damit sie in den Herzen und Gedanken nicht auf fruchtbaren Boden falle.

Erdbeermarmelade als großer Gleichmacher – oder: von Erdbeeren, Fruchtsorten und Gleichberechtigung

Meine Hände griffen nach den prallen, verlockenden Früchten, die noch naß vom morgendlichen Gießen in der Sonne strahlten. Ich pflückte eine kleine, reife Erdbeere und barg sie gemeinsam mit ihren Nachbarfrüchten in einem meiner beiden großen Eimern. Der letzte „Pflücksamstag“ hatte mich nochmals auf das Feld des Erdbeerhofes Schuster gelockt, um nach Pflücken und Einkochen hoffentlich mit getanem Tagewerk viel Geschmack nach Sommer für Herbst und Winter in unseren Marmeladegläsern eingefangen zu haben.

Da ich einen möglichst süßen, aromatischen Fruchtaufstrich machen wollte, hatte mich die freundliche Dame an der Kasse zu einem Abschnitt des Erdbeerfeldes gewiesen, wo kleinere, aromatische Früchte der Sorte „Korona“ geerntet werden konnte. Ganz zu meiner Freude hatte es am vorhergehenden Tag geregnet und die Erdbeeren reichlich reifen lassen. Nachdem ungefähr die Hälfte meines Leergutes mit Früchten gefüllt war, beschloss ich zur Zeitersparnis den Rest mit größeren Erdbeeren anderer Sorten zügig aufzufüllen. Also ging ich querfeldein zu benachbarten Pflanzenreihen, die voller praller Früchte hingen.

Wenig später waren die beiden Eimer bis zum Rand gefüllt. Auf dem Rückweg zur Kasse las ich interessiert die Schilder der einzelnen Sorten:

„Sonata“ versprach große, feste, helle Erdbeeren, die besonders haltbar waren und sich perfekt für Kuchen eignen würden.
„Allegro“ sei eine Sorte, die mittelgroße Früchte haben würde und ebenso gut für Kuchen sei.
„Magnum“ – nomen es omen – würde sich durch sehr große Erdbeeren auszeichnen, die festes Fleisch besäßen und eher dunkel seien. Wahre Allrounder für den Genuss.

Bei der Erdbeersorte „Asia“ blieb ich erstaunt stehen. Schwarz auf weißem Hintergrund stand dort:

Riesengroße Früchte

Männersorte – sehr schnell gepflückt

Ideal für Facebook und Instagram-Posts 😉

Erdbeerhof Schuster

Dass der Erdbeerhof früher oder später in meinen Posts erwähnt werden würde, war mir vorher schon klar gewesen, denn das Erdbeerfeld ist zu einem der Herzensorte geworden, die ich im Umkreis von Bamberg gefunden habe. Dass es aber unter den Erdbeeren „Männersorten“ gab, war mir neu. Qualifizierte die Größe einer Frucht, welchem Geschlecht eine Erdbeere zugewiesen werden sollte? Irritiert sah ich das Schild nochmals genauer an, denn mit Erdbeeren hatte ich noch nie ein Geschlecht verbunden – weder mit der Pflanze an sich, noch eine Relation zwischen der Größe der Frucht und der konsumierenden Person gezogen.

Wollte man durch die Größe der Früchte darauf hinweisen, dass Männer lieber riesengroße Früchte verzehren wollen? Oder dass sie beim Pflücken schneller Erfolge sehen möchten? Erstaunt grübelte ich über die Andeutungen nach, die verschiedentlich (wahrscheinlich auch etwas scherzhaft) Vorurteile transportierten. War dieses harmlose Schild vielleicht ebenso eine kleine kulturelle Projektionsfläche, die gewisse Vorstellungen transportierte und im alltäglichen, harmlosen Gewand sich in unser Alltagsleben verborgen einweben würde?

Die US-amerikanische Ethikerin Emilie M. Townes beschreibt dies mit dem Fachausdruck der „Fantastic Hegemonic Imagination“:

The set of ideas that dominant groups employ in a society to secure the consent of subordinates to abide by their rule. The notion of consent is key because hegemony is created through coercion that is gained using the church, family, media, political parties, schools, unions and other voluntary associations –the civil society and all its organizations. This breeds a kind of false consciousness (the fantastic in neocultural and sociopolitical drag) that creates societal values and moralities such that there is one coherent and accurate viewpoint in the world.

Emilie M. Townes, Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil, (New York, NY: Palgrave, Macmillan, 2006), Seite 20.

Übersetzung:

Ideen, die dominante Gruppen in einer Gesellschaft anwenden, um die Zustimmung der Untergebenen zur Einhaltung ihrer [gesellschaftlichen] Dominanz sicherzustellen. Der Gedanke der Zustimmung ist von entscheidender Bedeutung, da Hegemonie durch Zwang geschaffen wird, der durch die Hilfe von Kirche, Familie, Medien, Parteien, Schulen, Gewerkschaften und anderen freiwilligen Vereinigungen – der Zivilgesellschaft und all ihren Organisationen – erzwungen wird. Dies erzeugt eine Art falsches Bewusstsein (das Fantastische in neokultureller und gesellschaftspolitischer Tragödie), das gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen schafft, als ob es einen kohärenten und genauen Standpunkt auf der Welt gäbe.

In ihrem Buch „Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil“ erklärt sie anhand größerer und kleinerer Beispiele aus der US-amerikanischen Gesellschaft, wie Vorstellungen einer von einer dominanten Gruppe gewünschten Primärkultur tradiert und von Kindesbeinen an erlernt werden. Hierbei wählt sie vor allem Beispiele, die den in USA tiefverwurzelten Rassismus offen legen.

Aber wer kennt es nicht? Dass Vorstellungen, vielleicht sogar Vorurteile anhand von Produkten transportiert werden? Inzwischen gibt es – Gott sei Dank! – Diskussionen rund um unseren deutschen Bild- und Sprachwelten, die versuchen, dies zu verändern. Ob Gesellschaft, Politik oder Kirche. Kein Bereich ist von der „Fantastic Hegemonic Imagination“ ausgenommen. Es bedarf daher eines genauen Hinsehens, Nachdenkens und einer aktiven Veränderung in den jeweiligen Bereichen. Da denke ich zum Beispiel an den „Sarotti-Mohr“, der als Markenzeichen der gleichnamigen Schokolade bis 2004 verwendet wurde und nun durch einen umgestalteten Magier ersetzt wurde. Aber auch Spiele, Bezeichnungen für gewisse Speisen und so vieles mehr prägen Vorstellungen ein, ehe wir dies vielleicht reflektieren und tradieren ein Gedankengut, dass wir nicht unterstützen wollen – ob Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Sexismus oder andere diskriminierende Irrlehren und Einstellungen.

Wie lang ich gedankenversunken am Rande des Erdbeerfeldes gestanden haben muss, weiß ich nicht mehr. Doch als es mir schließlich unter meinem Sonnenhut heiß geworden war, gab ich mir einen Ruck, denn nicht nur sehnte ich mich nach all dem fleissigen Erdbeerpflücken nach etwas kühlem zum Trinken, sondern die Früchte, ob von Sorte „Korona“, „Sonata“, „Allegro“, „Magnum“ oder „Asia“, sollten heute noch ihrer Bestimmung im Marmeladeglas zugeführt werden. Als diverse Gemeinschaft von unterschiedlicher aromatischer Geschmacksdichte und Fruchtkonsistenz in einem Glas, die gerade durch die Unterschiedlichkeit den Gaumen meiner Familienmitglieder erfreuen sollte.

Ich grinste verschmitzt in mich hinein. Das Einkochen der Erdbeeren würde der große Gleichmacher für alle schmackhaften Früchte sein. Sozusagen Gleichberechtigung für alle, denn im Glas wären sie alle Teil eines Ganzen: leckere Erdbeermarmelade, die meine Familie an Sommer, Sonne und warme Temperaturen erinnern würde.

Von unfreiwilligen Zeitreisen und bitteren Mahnungen aus der Geschichte

Es glitzerte und funkelte an vielen Stellen der geräumigen Ausstellungsfläche. Leuchtendes Rot. Schimmerndes Grasgrün. Helles Sonnengelb. Durch tausend und ein Unikat strahlte uns handwerkliche Glaskunst entgegen und zog uns umgehend in den Bann. Mein Blick wurde magisch von einer kleinen gläsernen Erdkugel angezogen, die sich wie von magischer Hand in östliche Richtung drehte. Mitten in all der Glaskunst sah sie so friedlich und wunderschön perfekt aus- ein Blick auf unsere menschliche Heimat, die mir ohne einer Reise ins Weltall ermöglicht worden war.

Laut wissenschaftlicher Schätzungen bewegt sich unsere Erde seit etwa 4,6 Milliarden Jahren durch Raum und Zeit. Viele Spezies, Menschen, Völker und Regierungen hat sie kommen und gehen gesehen. Ich seufzte tief während mein Blick immer wieder besorgt auf einen Teil unserer Erde fiel, der überzogen war von Krieg, Leid und gewaltsamen Tod. Die Ukraine im Herzen Europas wurde innerhalb kürzester Zeit zum leidvollen Mittelpunkt unserer westlichen Welt. Ein schmerzhaftes Symbol für unsagbares Leid, das durch Menschen evoziert wird, die das Recht des Stärkeren meinen ausleben und umsetzen zu wollen. Koste es, was es wolle – tausende von Menschenleben, zerstörte Gegenwart und zerborstene Zukunft… Ich starrte erschrocken auf die kleine gläserne Erde, die zerbrechlich vor mir rotierte während sie sich in meiner Vorstellung rückwärts zu drehen begann und mich gedanklich mit in das Jahr 415 v. Chr. nahm. In eine andere Zeit und eine andere politische Situation, die aber dennoch in vielem so erschreckend der unseren ähnelt.

Der griechische Historiker Thucydides überliefert in seinem peloponesischen Krieg (Buch 5, Kapitel 84–116) durch den Melier-Dialog ein Kriegsszenario, das zum Mittelpunkt die zur Schaustellung der Macht des Stärkeren hatte und legt schonungslos eine brutale Kriegsmoral der damaligen griechischen Großmacht offen. Die überlieferte verbale Auseinandersetzung zwischen Athenern und Meliern spiegelt dies wieder. Die Hegemonialmacht Athen hatte sich zum Ziel gesetzt, die kleine, unabhängige Insel Melos unter deren Herrschaft zu zwingen. Interessant an diesem aus einem Krieg hervorgegangenen fiktiven Diskussion ist, dass der Autor Thucydides mit seinem Werk vor allem den Wendepunkt und moralischen Fall einer Weltmacht deutlich macht. Die zur Hilfe gerufenen Spartaner hielten sich in dieser schweren Situation zurück, da sie um ihre eigene Sicherheit fürchteten und lieferten somit die Anwohner Melos einem tödlichen Schicksal aus. Die beiden athenischen Diskussionsführer Cleomedes und Tisias verdeutlichen, wie eine Großmacht seine ethische Balance, seine Zurückhaltung und jegliche Orientierung an Rechten verloren hat, um sich selbst sklavisch an eine Macht klammern, die die Großmacht so gut wie verloren hatte und nach dieser kriegerischen Auseinandersetzung durch die Sizilienexpedition Wirklichkeit wurde.

Geendet hat dieser brutale Angriffskrieg der Athener laut Überlieferung von Thucydides mit einer Ermordung aller wehrfähigen Männer, sowie die Versklavung von Frauen und Kindern in Melos. Horrorszenario eines Krieges, in dem das Ziel des Machterhaltes über jeglichem Menschenleben und Wert stand.

Ich konnte nur schwer meinen Blick von der kleinen immer noch weiter rotierenden gläsernen Weltkugel nehmen und mich nur zögerlich von meiner unfreiwilligen Zeitreise lösen. Die Mahnungen aus der fernen Geschichte eines anderen Landes und einer anderen politischen Situation glich nicht nur durch den europäischen Horizont, sondern durch manche inhaltliche Ähnlichkeit.

Und ich muss bitter feststellen: wir haben weder gelernt noch uns an die antiken Überlieferungen erinnert, denn die Macht des Stärkeren wird gegenwärtig schonungslos ohne Rücksicht auf Leben und Würde in der Ukraine ausagiert.