Fasziniert betrachtete ich den Aufmarsch der Studiengruppen. Die Marschformation, Aufstellung und Durchführung geschah wie von unsichtbarer Hand geführt. Man konnte die Mühe, aber auch die Genauigkeit erahnen, die darin verborgen war und von einer höher geordneten Person in diese Form gebracht worden war. Der Aufmarsch verlieh uns an diesem Tag Sicherheit und symbolisierte einen besonderen Ehrengruß.

Seit meines Dienstbeginns in der Bundespolizei tauche ich als Pfarrerin und Theologin in ein hierarchisches geführtes System ein, mit dem ich in ähnlicher Weise punktuell durch meine Tätigkeit in der NYPD und meinen familiären Berührungspunkten mit der US-Army in Berührung gekommen war. Die polizeilichen Führungsstrukturen, und auch die der evangelischen Seelsorge in der Bundespolizei sind stark hierarchisch gegliedert. Während in meiner dienstlichen Verwendungszeit die Notwendigkeit besteht, sich hierin einzuordnen, hilft mir diese Erfahrung, Führen und Leiten in meinem ursprünglichen kirchlichen Tätigkeitsbereich zu reflektieren und für die berufliche Zukunft daraus zu lernen.
Besonders aufgrund der massiven Veränderungen in den Kirchen, die durch Mitgliederrückgang, massiv rückläufige Finanzen und einen Bedeutungsverlust der Kirchen im öffentlichen Leben evoziert sind, lohnt sich ein Blick auf das Thema, wie es in Bibel und Bekenntnis wahrnehmbar ist. Die folgenden Erwägungen sind daher für all diejenigen gedacht, die sich mit Amt, Führung und Leitung auseinandersetzen wollen oder müssen, um dies bibel- und bekenntnisgemäß zu gestalten.
Während straffe Hierarchie aufgrund der Einsatzstruktur und -notwendigkeit ein Merkmal der Bundespolizei ist, sollten die Kirchen kritisch auf ihre eigene (oftmals auch offen oder verdeckt hierarchische) Struktur sehen. Wagen wir also einen Blick in Schrift und Bekenntnis:
Wenn wir die Bibel befragen, so ist der Ursprung jedes Amtes in einem königlichen Priestertum zu sehen. Bei der Ankunft des Volkes Israel am Sinai verkündete Mose im Auftrag Gottes, das sie ein Königreich von Priestern seien:
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Ex 19,5
Aus diesem Königreich von Priestern wurde schließlich in der biblischen Entwicklungsgeschichte ein königliches Priestertum, das zum Priestertum aller Getauften wurde. Nun waren alle vor Gott gleich würdig und wehrt.
… und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Off 1,6
Doch blieb es nicht nur bei diesem intrinsischen Wert, der den Gläubigen zugesprochen wurde, sondern dieser Zuspruch wurde mit einem ganz konkreten Anspruch verbunden, den man am Ende des Matthäusevangeliums wahrnehmen kann:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Mt 28,18
Zuspruch und Anspruch sind eng miteinander verknüpft und werden doch relativiert, denn im Leib Christi sind alle gleichberechtigt mit einem Haupt, das Christus ist:
Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied. Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann gab er die Kraft, Wunder zu tun, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede.
1.Kor 12,27f.
Nun kann man im neuen Testament drei Ämter wahrnehmen: Apostel, Propheten und Lehrer. Diese sind alle gleichwertig im Amt. In der paulinischen Chrismentheologie, die in der Paulusschule ausgebildet wurde, sind diese Ämter um Evangelisten und Hirten erweitert worden. Alle Ämter aber sind dazu da, „damit die Heiligen zugerüstet werden“ und sind als Teile des Leibes auf das Haupt hin, also Christus ausgerichtet. „Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum“.
Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi. Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe, hat Gefangene in die Gefangenschaft geführt und den Menschen Gaben gegeben.« Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle.
Eph 4,7-16
Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.
Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.
Wenn wir hier in V. 12 blicken, so wird hervorgehoben, dass die erwähnte Personengruppe dazu da ist, die „Heiligen“ zuzurüsten. καταρτισμός bedeutet „zurüsten“, „trainieren“, aber auch „schulen“. Pfarrpersonen sollen daher Gemeindeglieder befähigen, nicht betreuen. Um dem biblischen Bild gerecht zu werden müssen wir dringend weg vom Selbstverständnis der Betreuungskirche hin zur Beteiligungskirche. Ein längst überfälliger Schritt, denn das im Kaiserreich eingeführte und nach dem zweiten Weltkrieg als notwendig weiterausgebaute System der Betreungskirche greift nicht mehr. Es braucht neue und andere Wege, auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen und Hirtinnen und Hirten, im Großen und Kleinen, die dies ernsthaft umsetzen.
Davon erfahren wir in den Pastoralbriefen mehr. In ihnen spürt man danach sehr deutlich, dass diese sich mit dem ausbreitenden Christentum praktischen Fragen zuwenden mussten. Wie sieht z.B. solch ein Hirtenamt aus? Wie hat sich ein Bischof, also der geistige Führer einer Gemeinde, oder ein Diakon sich zu verhalten? Mehr erfahren wir im ersten Timotheusbrief:
Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt erstrebt, begehrt er eine hohe Aufgabe. Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.
1. Tim 3,1-7
Das sind hohe Ansprüche für gemeindliche Führungspersonen, die nicht ohne Zuspruch bleiben dürfen. Nur ein Kapitel später wird daher die Gabe hervorgehoben, die wir heute als Ordination bezeichnen würden:
Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung des Rates der Ältesten.
1. Tim 4,14
Gestärkt durch diese Zusage kann eine offiziell beauftragte Person ihren Dienst vollführen immer mit dem Blick auf die „heilsamen Worte“ (2. Tim 1,13) , die diese Person gehört hat. Weiterhin wird es interessant, wenn wir von diesem biblischen Blick uns den Bekenntnisschriften zuwenden.
All diese Gedanken sind schließlich in CA V (Predigtamt), VII (Kirche) und XIV (Kirchenregiment) eingegangen. Im Wittenberger Ordinationsformular von 1535 spiegelt sich diese Beauftragung nach Innen und Außen wieder.
In besonderer Weise sei hier Barmen IV erwähnt, das einhergehend mit Mt 20,25.26 nochmals die Gleichrangigkeit der verschiedenen Ämter betont:
Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.
Barmen IV
Ein massiver Unterschied zu Amt, Führung und Leitung, wie ich sie gegenwärtig in der Einsatzorganisation der Bundespolizei wahrnehme und wie dies für Polizistinnen und Polizisten alltäglich erscheint. Selbstverständlich sei an dieser Stelle betont, dass es in einer solchen aufgrund der zu versorgenden Geschehnisse eine hierarchische Befehlsstruktur geben muss. In kirchlichen Strukturen hingegen ist Amt, Führung und Leitung nach biblischen Befund auf Christus als dem Kopf des Leibes hin ausgerichtet, der alle als gleichberechtigte Glieder sieht. Dort gibt es keine Höherwertigkeit des einen über die andere. Nicht umsonst hat Steffen Bauer im Bezug auf die notwendigen Veränderungsprozesse in den Landeskirchen gesagt:
Die Führung des Wandels benötigt einen Wandel der Führung.
Noch deutlicher sollte ich hinzufügen: Wir müssen weg von dem überholten Bild der Versorgungskirche hin zu einer Beteiligungskirche, in der jeder und jede als Teil dieser Kirche seine Wirkrelevanz als Glaubende einbringen und gestalten kann. Pfarrpersonen sollten hierbei befähigen und ermöglichen, nicht schlicht „versorgen“.
Mit dem wachsenden Druck auf Kirche werden wir sehen, wie ernst Kirchen es meinen oder ob sie wie die Church of Scotland viel zu spät reagieren und dann in den teils selbst kreierten Abgrund blicken werden.
Was ich mir nach dieser kleinen Reise durch Schrift und Bekenntnis ersehne: eine Kirche der Menschen vor Ort, die Glauben in seiner Pluriformität leben und erfahrbar machen.
Zahlreiche Lehr- und Studiengruppen sind in den letzten Jahren an mir vorüber marschiert. Bei einigen habe ich mich eingereiht und diese bei nächtlichen Alarmübungen und Orientierungsmärschen begleitet. Es sind wertvolle Einblicke in eine besondere und wichtige berufliche Welt, die für unsere Sicherheit sorgt. Ich habe großen Respekt vor deren Leistungs- und Leidensbereitschaft im Namen des Grundgesetzes. Als evangelische Seelsorgerin, die irgendwie Teil der Organisation, dann aber auch eine ganz andere Anbindung hat, werde ich sie aufgrund meiner kirchlichen Beurlaubung nur eine gewisse Zeit begleiten dürfen. Manchmal ist diese Begleitung ein wahrer „Drahtseilakt“ zwischen Eingliederung in eine straffe Hierarchie und einer andersartigen Verortung, die aus Bibel und Bekenntnis entspringt und den Menschen, nicht die Hierarchie und Funktion in den Mittelpunkt stellt. Ich bin dankbar um das mir entgegengebrachte Vertrauen, das mein Herz in besonderer Weise anrührt und auch mich verändert.

