Was trägt, wenn alles wankt (2)

Zwischen Rinde und Borke – Leitung und Führung in der mittleren Ebene

Sprache hat Macht. Sie schafft Wirklichkeit, oft ohne dass wir es bemerken. Manchmal eröffnet sie Räume, manchmal begrenzt sie unseren Blick. Und gelegentlich bringt sie uns ins Stocken – hält uns an, noch einmal hinzusehen, genauer zu hören, weiterzudenken.

So ist es mir mit einer Redewendung ergangen, die mir lange vertraut war und die mir doch erst in den vergangenen Monaten neu zu denken gegeben hat: „Zwischen Rinde und Borke“.

Vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Situation. Seit nunmehr einem Jahr bewege ich mich in einer mittleren Leitungsebene, wachse in diese Rolle hinein und merke zugleich, wie sehr sich die Kirche, in der ich arbeite, in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess befindet. Vieles ist im Fluss, manches noch unklar, anderes bereits spürbar in Bewegung geraten.

In diesem Zusammenhang hat sich die vertraute Redewendung anders zu Wort gemeldet. Nicht mehr nur als Beschreibung einer unangenehmen Lage, sondern als ein Bild, das Fragen stellt. Fragen danach, was dieses „Dazwischen“ eigentlich meint – und ob es tatsächlich nur Enge beschreibt.

Was als beiläufige Irritation begann, hat meinen Blick auf Leitung in dieser mittleren Ebene verändert.

In diesem Blogeintrag will ich Sie auf diese Entdeckungsreise mitnehmen.


Meine Hand lag ruhig und schwer auf der Rinde des großen Baumes, der sich nahe unserer Wohnung auf dem kleinen Gedenkplatz erhob. Ich strich über die raue Oberfläche und spürte, wie die harte Rinde an meiner Haut rieb. Mein Blick folgte meiner Handbewegung – immer wieder etwaige Zwischenräume suchend. „Zwischen Rinde und Borke“, wo war nur dieser Zwischenraum?

Plötzlich war ich nicht mehr im schattigen Grünen des kleinen Platzes, sondern abendlich in einer digitalen Besprechung, die einiges von mir gefordert hatte. In Windeseile war ich zwischen Ebenen geraten. Seufzend hatte ich daher impulsiv Unbehagen über diese Situation zwischen Rinde und Borke geäußert. Eigentlich hatte es sich eher wie ein Zermalmen zwischen Mühlsteinen angefühlt als nach einem lebendigen Ort wie dem eines Baumes.

Die Handbewegung kam zum Stocken während sich mein Ehering an einer Hervorwölbung der Rinde verkeilte. Da ich den benannten Zwischenraum zwischen Borke und Rinde nicht finden konnte, gab ich nun auf und nahm mir vor, der Redewendung etwas mehr auf den Grund zu gehen.

Die Suche nach diesem Zwischenraum ließ mich in den nächsten Tagen nicht los. Vielleicht gerade deshalb, weil das Bild so selbstverständlich daherkommt, als müsste es ihn geben. „Zwischen Rinde und Borke“ – das sagt sich leicht. Fast beiläufig. Und doch trägt diese Redewendung eine eigentümliche Schwere in sich. Sie beschreibt nicht nur ein Dazwischen, sondern ein Dazwischen, das keinen eigenen Raum kennt. Eine Lage, in der man sich nicht einfach zuordnen kann, in der man weder ganz auf der einen noch auf der anderen Seite steht. Ein Ort ohne eindeutige Verortung.

So kam ich mir manchmal als Rektorin und damit als Teil der mittleren kirchlichen Leitungsebene vor.

Die Erfahrung, zwischen Erwartungen zu stehen, zwischen unterschiedlichen Blickrichtungen, die sich nicht ohne Weiteres miteinander in Einklang bringen lassen riß mich immer wieder hin und her – und manchmal hatte ich das Gefühl, dass mir die Luft abgeschnitten wurde.

Botanisch betrachtet gibt es den von der Redewendung implizierten Zwischenraum gar nicht. Die Borke ist kein Gegenüber zur Rinde, sondern ihr äußerster Teil. Was wir im Alltag als Rinde bezeichnen, umfasst bereits das, was wir sprachlich von ihr so leichtfertig abgrenzen.

Näher betrachtet besteht ein Baum aus dem inneren Holz – für mich ein Sinnbild für Kirchenleitung, Synode und kirchliche Strukturen. Dann aber wird es spannend, denn daraufhin folgen Kambrium und Bast, die für mich die mittlere Leitungsebene symbolisieren.

AspektBast (Phloem)Kambium
Botanische EinordnungInnerer Leitungsbereich der RindeWachstumszone (lebende Zellschicht)
Funktion im BaumTransportiert Nährstoffe und Informationen in alle Teile des BaumesBildet neue Zellen – nach innen Holz, nach außen Bast
Bedeutung für den BaumVerbindet alle Teile und sorgt für VersorgungLässt den Baum wachsen, stärkt ihn und macht ihn zukunftsfähig
Charakterverbindend, weiterleitend, vernetzenden Fluss ermöglichendentwickelnd, erneuernd, tragfähige Veränderung hervorbringend
Übertragung auf LeitungBringt Informationen, Erfahrungen und Bedürfnisse zwischen Praxis und Leitung in BewegungEntwickelt tragfähige Lösungen und verarbeitet Spannungen zu neuen Wegen
Wirkrichtungfördert Austausch, Verständnis und Beteiligungübersetzt Unterschiede in gemeinsame Formen und ermöglicht Weiterentwicklung
Bedeutung für das Systemhält Verbindung lebendig und überträgt, was trägt, in den Alltagstärkt das, was Zukunft trägt, und ermöglicht strukturelle Entwicklung
Wenn es fehltkein Austausch → keine echte Verbindungkein Wachstum → keine Zukunft

Als ich die Informationen in einer Tabelle zusammenfügte, fing ich an, einiges zu verstehen und versuchte es in eine Abbildung zusammenzufassen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen, die dies liest:

Gesehen auf die gesamte Kirche ist das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen sehr interessant – von der Wurzel, die in der Heiligen Schrift ihren Halt, ihre Nahrung und Kraft erhält bis hin zum Blätterdach und den Früchten, die das Evangelium durch das Wirken vieler bringt, habe ich meine Gedanken und meiner Fantasie freien Lauf gelassen.

Nun hatten sich endlich Bilder und Begriffe geklärt. Statt einer Enttäuschung über diese Metapher, wich dies einer stillen Einsicht, die mir nun half, meine Situation und die vieler auf der mittleren Leitungsebene in neue Bilder zu gießen. Das Bild vom „Zwischen Rinde und Borke“ ließ sich botanisch nicht verifizieren.

Und doch zeigte sich unter der sprachlichen Oberfläche der Metapher etwas, das ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte.

Dort, wo die äußere Schicht endet, liegt nicht Leere, sondern eine feine, lebendige Zone. Der Bast, der verbindet und weiterleitet. Das Kambium, das neue Zellen bildet und Wachstum ermöglicht. Keine starre Grenze, sondern ein Bereich, in dem Bewegung ist, Austausch geschieht und Neues entsteht.

Was ich zunächst als ein eingeengtes Dazwischen verstanden hatte, erwies sich bei genauerem Hinsehen als ein Ort, der alles andere als leer ist. Nicht sichtbar im Vordergrund, aber entscheidend für das Ganze.

Für mich tröstliche Gedanken, damit ich mich weniger zwischen Fronten, Ansprüchen und Anforderungen fühle, sondern Teil einer hochwirksamen Schicht innerhalb des Baumes zwischen Kirchenleitung, Synode, kirchlichen Einrichtungen und dem zu was wir berufen sind: der Weitergabe des Evangeliums in Wort und Tat.

Was trägt, wenn alles wankt (1)

Was beim Schritt ins Ungewisse trägt: gelebte Verantwortung

Vielleicht lässt sich gerade in Umbruchszeiten erst wirklich ermessen, was Leitung trägt und worauf sie gegründet ist. Nicht im Allgemeinen, sondern im Konkreten, im Erlebten, im Rückblick auf Menschen und Erfahrungen, die uns geprägt haben. Mir ist in den vergangenen Monaten aufgrund meiner eigenen Führungsrolle neu aufgegangen, wie sehr eine solche Erfahrung meinen Blick auf Leitung geformt hat. Von ihr ausgehend möchte ich nun eine Spur aufnehmen, die nach den Grundlagen fragt, die Führen und Leiten angesichts des Ungewissen gegenwärtiger Umbrüche trägt.


Auf der Rückfahrt klangen die Begegnungen dieses Tages in mir nach, als wollten sie sich nicht so rasch einordnen lassen, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Das schlichte Trauerbild lag auf dem Beifahrersitz, und immer wieder fiel während der Rückfahrt mein flüchtiger Blick darauf. Vor wenigen Stunden war meine Mentorin, die mir im Vikariat zu einer wichtigen Begleiterin geworden war, bestattet worden. Die Traurigkeit war noch da, und sie ließ sich auch nicht einfach beiseite schieben, aber sie hatte sich verändert. Sie war durchzogen von einer leisen, stillen Dankbarkeit, die sich nicht in den Vordergrund drängte und doch spürbar wurde.

Dankbarkeit für eine Zeit, in der ich geführt worden war und lernen durfte.

Lange hatte ich diese Erfahrung mit Begleitung und Zuwendung beschrieben, und vielleicht waren diese Begriffe auch nicht falsch, und doch merkte ich, während die Straße vor mir gen zuhause hinzog und die Gedanken sich ihren eigenen Weg suchten, dass sie allein nicht ausreichten, um zu erfassen, was mich damals eigentlich getragen hatte.

Denn meine Mentorin hatte sich nicht darin erschöpft, Nähe herzustellen und mich zu begleiten, so wesentlich dies gewesen ist. Vielmehr hatte sie in all dem etwas gelegt, das darüber hinausging, etwas, das sich erst im Rückblick deutlicher zeigte.

Wenn ich versuche, ihr Leitungshandeln in einen größeren Zusammenhang zu stellen, dann führt mich mein Denken zu einem Bild, das sich durch die biblische Überlieferung zieht und das vielleicht gerade deshalb eine solche Kraft entfaltet, weil es so schlicht und zugleich so tragfähig ist: das Bild des Hirten.

Ich weiß, dass viele nun vielleicht beim Lesen etwas gelangweilt mit den Schultern Zucken mögen. Das Bild mag alt sein. Manchmal auch abgegriffen. Es bleibt dennoch ein gutes Bild für Leitungshandeln.

Schon im Alten Testament wird Gott selbst als der beschrieben, der führt, der trägt und der für sein Volk sorgt, und in der Vertrautheit des Psalters verdichtet sich dies in die Worte:

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Psalm 23,1

Es ist ein Bild, das von Nähe spricht, von Verlässlichkeit, von einer Form von Leitung, die nicht von oben herab geschieht, sondern aus einer Beziehung heraus, die trägt.

Und zugleich wird dieses Bild dort geschärft, wo Leitung genau dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Beim Propheten Ezechiel wird mit großer Deutlichkeit ausgesprochen, was geschieht, wenn Leitung sich von dieser Fürsorge löst:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“

Ez 34,2

Es ist, als würde hier ein Maßstab sichtbar werden, der über Zeiten hinweg gilt: dass Leitung sich daran erweist, ob sie sich tatsächlich um die kümmert, die ihr anvertraut sind, und dass sie dort ins Leere läuft, wo sie sich von dieser Aufgabe entfernt.

Im Evangelium nach Johannes wird dieses Bild aufgenommen und zugleich in einer neuen Tiefe entfaltet, wenn Jesus von sich selbst als dem guten Hirten spricht:

„… und er geht vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“

Joh 10,4

Und an anderer Stelle:

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

Joh 10,14

Beide Sätze stehen nicht nebeneinander, sondern gehören zusammen. Der Hirte kennt, und er geht; und die, die ihm folgen, tun dies nicht aus Zwang oder aus bloßer Erwartung heraus, sondern weil sie ihn kennen und ihm vertrauen.

Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das den Unterschied ausmacht. Gerade dort, wo Wege ins Unbekannte führen und wo sich nicht im Voraus sagen lässt, wohin ein Schritt führen wird. Denn in solchen Situationen genügt es nicht, sich auf Zuständigkeiten oder Strukturen zu berufen, so notwendig diese auch sein mögen. Ohne Vertrauen lässt sich niemand in das führen, was noch nicht absehbar ist.

Und dieses Vertrauen entsteht nicht in dem Moment, in dem Entscheidungen getroffen werden müssen. Es wächst lange zuvor.

Meine Mentorin hat genau das gelebt, ohne es je programmatisch auszusprechen. Lange bevor größere Zukunftsfragen unserer Landeskirche thematisch aufgenommen wurden, lebte sie bereits ein Konzept, das mir viel gelehrt hat. In der Art, wie sie sich Zeit nahm, wie sie zuhörte, wie sie wahrnahm, was uns bewegte, entstand eine Verlässlichkeit, die nicht laut war und doch trug. Auch duckte sie sich nicht weg, wenn es um Verantwortung in heiklen Situationen ging und stellte sich nie in den Vordergrund, wenn es um ein hierarchisches „Wahrgenommen-Werden“ handelte.

Erst vor diesem Hintergrund wurde es möglich, dass die Gemeinde damals mutige Schritte ging, die nicht selbstverständlich waren. Schritte, die Unsicherheit mit sich brachten und die ohne dieses gewachsene Vertrauen kaum hätten gegangen werden können.

Ein Wort aus demselben Evangelium führt diesen Gedanken noch einmal weiter und vertieft ihn in einer Weise, die mir erst im Rückblick ihre Tragweite erschlossen hat:

„Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“

Joh 15,15

Es ist, als würde sich hier der gedankliche Horizont noch einmal öffnen. Der Hirte, der vorangeht, bleibt nicht auf Distanz, sondern nimmt die Seinen hinein in das, was ihn selbst bewegt. Was zuvor Vertrauen geschaffen hat, wird hier zu einer Form von Teilhabe, die nicht mehr von außen bestimmt ist, sondern von innen her verstanden werden kann.

Vielleicht liegt gerade darin eine entscheidende Spur für das, was Leitung im Ungewissen trägt. Dass sie nicht darin aufgeht, Wege vorzugeben oder Entscheidungen zu treffen, sondern dass sie Menschen hineinführt in ein Verstehen dessen, was geschieht. Nicht mehr Knechte, die ausführen, sondern Freunde, die mit gehen, teilhaben und mitgehalten.

Und doch bleibt auch dies gebunden an das, was vorausgeht. Denn diese Form von Teilhabe lässt sich nicht herstellen, wenn nicht zuvor Vertrauen gewachsen ist. Sie kann nicht verordnet werden, sondern entsteht dort, wo Beziehung verlässlich geworden ist.

Gerade darin unterscheidet sich eine solche Form von Leitung von einem rein hierarchischen Agieren, das sich vor allem über Zuständigkeit und strukturelle Bevollmächtigung definiert. Das auf eine direktive Umsetzung jenseits von Mitgestaltung pocht. Solche Formen mögen in manchen Institutionen wie Sicherheitsbehörden notwendig sein, da sie Ordnung und Klarheit für den Einsatz und Ernstfall schaffen. Aber in einer Kirche, die sich in einem massiven Umbruch befindet, ist eine starre Hierarchie und damit eine absolute Befehlsstruktur, die die Anvertrauten weder ernst noch wahr nimmt und sie eher als Gegenstände als als Subjekte sieht, aus meiner Sicht fehl am Platz. Denn ohne Vertrauen auf einen Hirten oder eine Hirtin wird eine Herde keine gemeinsamen guten Schritte in die unbekannte Zukunft finden.

Harte Hierarchie ist keine Lösung in Zeiten kirchlicher Ungewissheit. Was trägt, ist etwas anderes.

Es ist das Vertrauen, das gewachsen ist, oft über längere Zeit hinweg und vielleicht dadurch, dass eine Person, die mutig Verantwortung für die ihr Anvertrauten übernimmt. Es ist die Erfahrung, nicht allein zu sein, sondern gesehen und ernst genommen zu werden. Und es ist die Bereitschaft, sich auf dieser Grundlage gemeinsam auf den Weg zu machen, auch dann, wenn der Weg noch im Nebel liegt.

Als ich schließlich zuhause ankam, fuhr ich das Auto in die Garage und schaltete den Motor aus. Plötzlich war es ganz still geworden. Ich griff nach dem Trauerbild auf dem Beifahrersitz, barg es vorsichtig in meiner Hand während die andere beim langsamen Lesen über den Innentext strich.

Ich war einfach dankbar.

Dankbar für ein Vorbild, das mich geprägt hat, weit über diese Zeit hinaus. Dankbar für eine Mentorin, die mir lange bevor Fragen kirchlicher Veränderung überhaupt in der ELKB in den Blick kamen, etwas Entscheidendes gelehrt hat:

Vor einem Schritt ins Ungewisse steht gelebte Verantwortung, die Vertrauen schafft und damit den gemeinsamen Weg in die unklare Zukunft öffnet.

Vielleicht ist es genau das, was trägt, wenn alles wankt.