… und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.

Mit einem leichten Druck betätigte ich meine Kaffeemaschine. Wie in den letzten sechseinhalb Jahren schaltete sie sich verlässlich mit einem laut ratternden Geräusch gefolgt von einem leichten Fauchen an. Während ich den Milchbehälter an seinen Platz schob, gingen meine Gedanken zurück zu unserem Neubeginn in Deutschland.

Nach gut sieben aufregenden, interessanten, aber auch anstrengenden Jahren waren wir wieder nach Franken zurückgekehrt.

Als kleines Trostpflaster hatte mir damals meine Patin als Überraschung diesen Kaffeevollautomat geschenkt. Sie kannte meinen Geschmack und meine Vorlieben gut: ein großer Pott, viel Milchschaum und ein kräftiger Schuss Espresso… Seitdem genoß ich täglich mindestens einen, manchmal auch zwei oder drei herrlich luxuriöse Tassen Milchkaffee mit extra viel Schaum.

Ich barg die orangene Tasse in Kürbisform in meinen Händen und nahm einen kräftigen Schluck.

Voller Dankbarkeit dachte ich an meine Patin während die weisen Worte des Psalmisten meine Gedanken mit Wärme umgaben:

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103,2

Meine Patin hatte mich ab meinem ersten Lebenstag in unterschiedlicher Dichte begleitet. In den letzten Tagen war ich es gewesen, die sie auf dem letzten Stück ihres Lebensweges im Sterben begleitet hatte. Dankbarkeit und Trauer flutete meine Gedanken während ich einen neuen, warmen Schluck genoß.

… und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Warum um alles in der Welt ist unsere deutsche Gesellschaft so rücksichtslos Menschen gegenüber, die sterben und diejenigen, die diese begleiten? In ihren letzten beiden Lebenstagen hatte ich zwischen Online-Meetings, Bedürfnissen der mir Anvertrauten und dem Südklinikum gependelt. Die unbarmherzige Härte des Alltags hatte trotz allem nicht nachgelassen.

Ganz anders kenne ich dies von meiner jüdischen Freundin in New York. Als deren Vater im Sterben lag und dann kurze Zeit später verstarb, hatte sich die Kernfamilie zur siebentätigen Shiva in ihrem Haus versammelt. Am letzten Tag öffnete sich deren Haus der Tradition nach auch Freundinnen wie mir, die als erweiterte Familie präsent waren.

Doch unsere deutsche Gesellschaft hat einen unbarmherzigen Rhythmus, der gesellschaftlich betrachtet wenig bis keine Zeit für Sterben und Trauer lässt. Historisch war das vor dem zweiten Weltkrieg anders. Nun aber ist dies fast nur im Bereich des Privaten verortet.

… und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Tag um Tag hat mich die Kaffeemaschine an meine Patin erinnert. Bis jetzt eher als Mahnung wieder einmal anzurufen oder zwischen all den Terminen zumindest eine Nachricht zu schreiben. Ab nun aber wird mich das Rattern, Fauchen und Schnorcheln, das Brühen und Genießen des Kaffees daran erinnern, wie gesegnet ich mit dieser Patin gewesen war.

Mit der heißen Tasse Kaffee in der Hand schloss ich meine Augen zum Dankgebet, denn ich wollte auf keinen Fall vergessen, wieviel Gutes wie diese Patin Gott in mein Leben gelegt hat.


Das oben erwähnte Gebet bleibt zwischen mir und Gott. Aber ich habe darüber ein Kaffeegebet formuliert, das vielleicht eine Anregung im eigenen Zuhause oder im Büro oder wo auch immer die Kaffeemaschine stehen mag, sein kann.

Herr,
ich danke dir für diesen Kaffee,
für seine wohltuende Wärme,
seinen wunderbaren Duft und seinen Geschmack,
der mich anregt.
Danke, dass ich in all dem Trubel ein wenig innehalten kann.

... und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.

Ich danke dir für diejenigen,
die diesen Kaffee möglich gemacht haben:
die ihn angebaut, gepflegt und geerntet haben,
geröstet, transportiert und im Laden verkauft haben.

... und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.

Ich danke für die Menschen,
die meinen Weg begleiten:
für diejenigen, die mit mir lachen und weinen,
die mir ein Ohr schenken,
mich im Schweren ermutigen und mir in Trübsal helfen.

Ich danke dir für gemeinsame Wege,
für anregende Gespräche und berührende Begegnungen,
und für die, deren Spuren trotz ihres Versterben
in meinem Leben als Erinnerung geblieben sind.

Ich danke dir für das ewige Leben,
das mir durch Christus geschenkt wird.

Öffne mit jedem Schluck dieses Kaffees meine Augen und mein Herz
für all das, was mir an Gutem von dir geschenkt wird.

Und wenn diese Tasse dann leer ist
und der Alltag erbarmungslos weitergeht,
lass die Dankbarkeit als Spuren deines göttlichen Segens bleiben.
Amen.

Im anderen einen wertvollen Menschen entdecken: von Respekt für Einsatzkräfte und langfristiger Vertrauensbildung

Als ich auf insgesamt drei Regalen in großen Lettern die Schilder „AUTOS“ bereits auf der Rolltreppe entdeckte, spürte ich das Kribbeln einer kindlich freudigen Begeisterung. Meine geheime Mission würde aufgrund der schon von weiten sichtbaren Fülle an „Kaufgut“ sicherlich erfolgreich sein. Da mein Patenkind in einiger Zeit aufgrund einer notwendigen Operation ins Krankenhaus gehen musste, wollte ich ihn mit einem kleinen „Krankenhaus-Paket“ überraschen und Mut machen. Ein Besuch würde aufgrund der gegenwärtigen Infektionswelle kaum möglich sein. Daher hoffte ich, dass ihm durch die kleinen Geschenke etwas näher sein würde: ein kuscheliger Schlafanzug – ein Kuscheltier, das mit einem großen Reißverschluss versehen, Sorgen fressen konnte – eine Buch nebst selbsteingesprochener Audiodatei – und ein Spielzeugauto. Aber nicht irgendeines, hatte ich mir fest vorgenommen. Denn das Patenkind war ein begeisterter Polizeifan und wusste natürlich genau, dass seine Patin bei der Bundespolizei arbeitete.

Meine Füße setzten auf dem mit hellen Kacheln versehenen Einkaufsgeschoss auf und setzten mit entschlossenen Schritten das Tempo der Rolltreppe fort. Doch schon bald verlor ich nach der Durchsicht des zweiten Regals den Mut. Das konnte doch nicht wahr sein! Wo waren sie, die Polizeifahrzeuge? Bis dato war ich immer der Überzeugung gewesen, dass sie zu jedem Kinderzimmer gehörten und daher überall angeboten würden. Als ich schon fast aufgab, fiel mir auf der Stirnseite des letzten Regales ganz unten links einige Einsatzfahrzeuge auf. Unter ihnen zu meiner Erleichterung ein Volkswagen Crafter auf dessen Seite in großen Lettern POLIZEI aufgedruckt war. Noch dazu konnte man durch leichtes Drücken eine Polizeisirene erklingen lassen. Als das Geräusch erklang waren es sehr ambivalente Gefühle, die in mir Raum nahmen:

Erinnerungen an einen Besuch bei der Landespolizei als ich selbst Kindergartenkind war, wurden plötzlich so wohltuend präsent. Damals war es auch ein Volkswagen gewesen – ein alter Bus, in den wir uns setzen durften. Wo uns der Polizist unter unseren staunenden Augen alles erklärte und ganz nebenbei viel Vertrauen zwischen ihm und uns schuf.

Aber auch schwere Gedanken mischten sich in die freudige Jagd nach einem geeigneten Spielzeug, denn die Aufschrift „TRY ME“ war in makaberer Weise in der Silvesternacht von Personen umgesetzt worden. „Try me“ bedeutet aus dem Englischen übersetzt nicht nur „Probiere mich aus“, sondern je nach Kontext auch „Fordere mich doch heraus!“. Sicher ist vielen Einsatzkräften besonders in dichten Zeiten wie einem Jahreswechsel oder anderen Tagen im Jahreskreis bewusst, dass der Dienst nicht einfach werden könnte, dass der Dienst unter Umständen sogar eine Herausforderung darstellt. Aber das, was in der letzten Silvesternacht zahlreichen Einsatzkräften der Polizei und Feuerwehr passierte, lässt mich als Polizeiseelsorgerin wütend werden. Gewalt an Einsatzkräften, die zur Hilfe eilen, ist indiskutabel und darf nicht toleriert werden.

Mein Blick geht aber nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft. Meine eigene lange zurückliegende Erfahrung hat mich von Kindesbeinen an positiv geprägt. In New York habe ich auf diese Erfahrung aufgebaut und meine Konfirmandinnen und Konfirmanden im Rahmen eines Praxistages mit zu meiner damaligen Polizeistation genommen. Während die Polizeikollegen sie mit in die Station nahmen, ihnen Türen öffneten, die anderen so nicht zugänglich waren und Einsatzfahrzeuge erklärt bekamen, sah ich in ihren Augen ein Strahlen, das sich sicherlich als eine gute Erinnerung an die manifestierte, die für unsere Sicherheit sorgen.

Innerhalb des Community Policing Projects konnte ich viele vertrauensbildende Projekte besonders mit Kindern und Jugendlichen erleben: die Youth Police Academy, die in den langen Sommerferien kostenlose Camps anboten und spannende Einblicke in die Polizeiarbeit schenkten; die NYPD Explorers, mit denen die deutsche Jugendfeuerwehr im polizeilichen Bereich vergleichbar ist; Familienfeste; Basketballturniere mit Cops und so vieles mehr. Die grundlegende Konstante hierbei war, dass Bürgerinnen und Bürger mit Polizistinnen und Polizisten in Kontakt kamen und so manches Vorurteil fiel. Im anderen den Menschen entdecken – ob in zivil oder Uniform- das prägt beide Seiten und hilft, den anderen zu verstehen.

Als Polizeiseelsorgerin würde ich mir aufgrund dieser Erinnerungen wünschen, dass wir Polizei und Bürgerschaft, alt und jung, egal welcher Herkunft oder finanziellem Status, die Möglichkeit geben, im anderen einen wertvollen Menschen zu entdecken. Das ist aus meiner Sicht die beste langfristige Prävention gegen solche schweren Silvesternächte.

Ich drückte nochmals gedankenverloren auf den kleinen Volkswagenbus. Vielleicht sollte ich eher die große Aufschrift der Verpackung „TRY ME“ mit „TESTE MICH“ im Bezug auf meine Ideen übersetzen. Wenn ich in entscheidender Position tätig wäre, würde ich ein Projekt anstoßen, durch das die evangelische Seelsorge in der Bundespolizei diese Menschen zusammenbringt und Vertrauen schafft. Bis vielleicht eine solche Person den Mut fasst, werde ich dies im Kleinen als Pfarrerin umsetzen. Bei meinen Konfirmanden hatte ich in New York den Anfang gemacht. Nun war es mein Patenkind, das durch seine Patin einen spielerischen Zugang erhielt. Und wer weiß, welche anderen Möglichkeiten Gott in unsere Hände legen möge.