Von biblischen Sprüchen, dem Umgang mit anderen und wichtigen Prägungen

Predigt zur Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Oktober 2023

Was gibt man jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf den Ausbildungs- und Studienweg, wenn sie mit dem Eid den wichtigsten Schwur ihres Berufslebens sprechen? Als Pfarrerin beschäftigt mich diese Frage mal um mal. Es ist eine große Verantwortung, denn ich erinnere mich noch sehr genau an meine eigene Ordination, an dessen Wortlaut und die Predigt des zuständigen Oberkirchenrates Herrn Völkel. Daher hoffe ich, dass die Worte meiner Predigt sie auf ihrem beruflichen Weg stärken, begleiten und vielleicht auch herausfordern.

Für den 80. Studienjahrgang habe ich einen besonderen biblischen Vers ausgewählt, der den Umgang mit anderen und wichtige Prägungen in den Blick nimmt:

Anbei der Wortlaut meiner Predigt – hierbei sei darauf hingewiesen, dass das gesprochene Wort gilt:

Vor wenigen Wochen durften wir Sie, liebe Polizeikommisarsanwärterinnen und -anwärter, in Bamberg begrüßen. Für viele war es so, als ob sich ein neues Universum öffnete und sie sich in einer neuen Welt und einem anderen Kontext befanden.

Vielleicht hat Sie auch ein kleines Star Wars-ähnliches Gefühl ereilt, frei nach dem Motto:

[Vor langer Zeit] in einer Galaxie, weit, weit entfernt…

Weit entfernt von dem, wie Ihr Leben vorher strukturiert war. Mit den Notwendigkeiten, bürokratischen Erfordernissen, aber auch den Vorzügen einer großen Sicherheitsbehörde.

Sie tauchen nun Stück für Stück in die dienstliche Welt der Bundespolizei ein, die Sie auf einen wichtigen und essentiellen Beruf vorbereiten wird, damit Demokratie und Menschenwürde geschützt und gestärkt werden.

Der wichtigste Bestandteil Ihrer Studienzeit stellen all diejenigen da, die Ihnen helfen in dieser Galaxie Bundespolizei zu wachsen, geformt und geschliffen zu werden – ob Lehr-, Stamm- oder Rahmenpersonal – viele Lehrmeisterinnen und Lehrmeister werden für Sie da sein und sie begleiten.

Durch das Zusammentreffen und den Umgang mit unterschiedlichsten Personen werden Sie einen besonderen Schliff erhalten, der Sie befähigen wird, diesen verantwortungsvollen Beruf durchzuführen.

Nicht umsonst heißt es im Buch der Sprüche 27,17:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Die Beziehung zu Personen, von denen wir lernen und durch die wir wachsen können, ist ein elementarer Bestandteil jeder Ausbildung, jedes Studiums und jeder weiteren Fortbildung.

In der neuen Disney Plus Star Wars-Serie „Ahsoka“, deren 8. und erst einmal letzte Folge vorgestern veröffentlicht wurde – vielleicht hat der eine oder die andere sie ebenso am Mittwoch angesehen- , wird die Beziehung zwischen der Lehrmeisterin „Ahsoka“ und ihrem Padawan bzw. Lehrling Sabine zum eigentlichen Mittelpunkt eines Geschehens, das sich rund um die junge Republik im Star Wars-Universum dreht und den Gefahren eines wiedererstarkenden, bösen Imperiums, gegen das es sich zu wehren gilt.

Während erstere demokratische Werte vertritt und die Würde jedes Lebewesens hochhält, ist das dunkle Imperium an Macht und Gewinn, aber wenig an einem Recht Einzelner orientiert.

Die beiden Hauptfiguren machen mitten in dieser Auseinandersetzung von Demokratie und Diktatur transparent, wie wichtig das Vertrauen zu anderen ist. Ob romantischer, freundschaftlicher, familiärer oder disziplinierender Natur – die Suche nach einer authentischen Beziehung zu einer anderen Person erfordert Mut und Vertrauen.

Lehrmeisterin Ahsoka aber tut sich aufgrund ihrer vorhergehenden Erfahrungen schwer, solchen Mut und solches Vertrauen anderen gegenüber aufzubringen. Viel lieber gibt sie ihr Schicksal in die Hände des Droiden Huyang als einem Repräsentaten künstilicher Intelligenz. Manchmal frage ich mich, ob auch wir mehr technischen Mitteln – einem Computer, einem Smartphone oder unserer Digitaluhr – näherstehen, als Menschen aus Fleisch und Blut.

Der biblische Vers soll uns Mahnung und Anspruch zugleich sein, denn er nimmt zwar das Bild eines technischen Mittels, nämlich des Eisens auf, überträgt aber das Geformt- und Geprägt-Werden auf den menschlichen Umgang mit anderen.

Die Star Wars-Serie zeigt durch Ahsoka eine Person, die hadert, sich auf andere zu verlassen. Nur zögerlich lässt sie ihre ehemalige mandalorianische Padawan Sabine aufgrund einer strategischen Notwendigkeit wieder in ihr Leben.

Dabei heißt es:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Ahsoka und Sabine sind beide auf ihre Art eisern und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich gegenseitig zu schärfen. Erst als Ahsoka beschließt, Sabine zu vertrauen und sie zusammenarbeiten, wachsen sie jeweils auf eine unterschiedliche Art und Weise. Und doch weigern sie sich an vielen Stellen, sich voll und ganz auf eine solche Teamarbeit einzulassen, und entscheiden sich gelegentlich immer noch dafür, Herausforderungen allein anzunehmen.

Das erinnert mich an Worte Jesu in Johannes 15, wo Jesus die Metapher des Weinstocks und der Reben verwendet, und sagt, dass „keine Rebe aus sich selbst Frucht bringen kann“. Wir stehen nie im luftleeren Raum, sondern sind in soziale Systeme, dienstliche Institutionen und Organisationen eingeflochten.

Das Prinzip einer tiefverbundenen Gemeinschaft und dessen Notwendigkeit ist auch Ihr Studieren und Ihren Dienst in der Bundespolizei von essentieller Wichtigkeit.

Oder anders ausgedrückt: Wenn wir versuchen, ein Leben in Selbstgenügsamkeit und Isolation wie Ahsoka zu führen, machen wir uns anfällig für eine Vielzahl von Fallstricken, die wir hätten vermeiden können, wenn wir jemanden gehabt hätten, auf den wir uns stützen könnten.

Erst am Anfang dieser Woche hat eine Studiengruppe aus Ihrem Jahrgang im berufsethischen Unterricht davon erzählt, dass sie eine starke Dienstgemeinschaft durch das Studium hindurch und darüber hinaus sein möchte, die sich stützt und trägt, aber auch an der einen oder anderen Stelle ermahnt und eventuell korrigiert.

Ein praktischer Ausdruck des heutigen Bibelverses:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Möge Gott Sie auf dem Weg Ihres Studiums begleiten und möge Er Ihnen Menschen auf diesem Weg schenken, durch deren Umgang Sie den nötigen Schliff und Prägung für Ihren Dienst in der Bundespolizei erhalten.

Amen.

Predigt anlässlich der Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Okt 2023

Von Schwachheit, Erfahrungen und tröstlichen Worten

Zur Tätigkeit einer Polizeiseelsorgerin gehört das geistliche Leben im dienstlichen Verantwortungsbereich zu stärken. Neben Gottesdiensten zur Vereidigung gestalte ich daher monatliche Mittagsandachten sowie kleine Andachten im Rahmen der Lagebesprechungen. Letztere werden immer von einem kleinen Andachtsbild begleitet, die in „Hostentaschenformat“ zum Mitnehmen ausgeteilt werden. Manche dieser Bilder poste ich auf meinen Social Media Accounts. Die heutige Andacht liegt mir besonders am Herzen, da sie von einer prägenden Erfahrung erzählt, die mich nach wie vor in meinem Dienst und Glauben stärkt. Daher will ich diese im Rahmen meines Blogs als kleinen Mutmacher Weiterschenken:

Vor etwas mehr als einem Jahr stand auf einmal das Leben für mich still. Von jetzt auf gleich war ich im wahrsten Sinn des Wortes durch einen Unfall und einen daraus resultierenden Armbruch „stillgelegt“ worden. Ausgerechnet drei Wochen vor dem bayerischen Kirchentag, an dem ich eigentlich hätte predigen sollen. Sie können sich vorstellen, welche Panik in mir aufstieg. Wie sollte ich diese Hürde nehmen, wenn noch eine Operation nebst Heilung vor mir stand?

Als ich kurze Zeit später nach der Operation mit einem angeschwollenen Arm zum Physiotherapeuten ging, reagierte er umgehend und schlug mir ein Tape zur Lymphdrainage vor. Es sei an dieser Stelle betont, dass mein Physiotherapeut nichts von dem Symbol des Kirchentages wusste und daher beim Anbringen des Tapes seiner Fachkompetenz und Einschätzung nachging. Ich staunte nicht schlecht, was sich wenig später an einem Arm als Kunstwerk abzeichnete: das Symbol des Kirchentagsplakates wand sich in kräftigem Rot über meine Hand und den Oberarm.

Dabei kam mir ein Bibelvers des Apostel Paulus in den Sinn, der mir tröstlich entgegensprach:

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ 2. Kor 12,9

Eine gute Woche später war ich bereit für den Kirchentag. Über 9000 Menschen hatten sich versammelt. Es würde wohl die größte Ansammlung an Menschen sein, vor denen ich je predigen dürfte.

Ich will Ihnen mit dieser kleinen Geschichte, die sich über einem Jahr ereignete, Mut machen: Manchmal sind es die schwachen Momente, in denen Gott spricht. Die besonders voll Kraft sind, auch wenn wir das nicht so sehen.

Einen gesegneten „Diensttag“ wünscht Ihnen

Miriam Groß

Andacht Lagebesprechung 20. Juni 2023

Endemische Gedanken: wenn das Schweigen endlich bricht und prägende Erfahrungen bleiben

Aus Gründen ist es Zeit, endlich das Schweigen zu brechen und in diesem Blogeintrag über prägende pandemische Erfahrungen als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin zu schreiben.

Jahresanfang und eine Woche Urlaub. Für mich die perfekte Kombination, um etwas Ordnung zu schaffen und dadurch offen zu werden für die nächsten zwölf Monate des noch recht jungen Jahres. Als ich den Inhalt meines Nachtkästchens ausleerte, fiel mir eine Stoffmaske in die Hand, die ich vor fast genau zwei Jahren direkt aus meinem Fluggepäck in der Schublade des Nachtkästchens verstaut hatte. Nachdenklich setzte ich mich auf den Rand meines Bettes. Laut Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Klinik Charité, befinden wir uns bereits am Ende der Pandemie und in Deutschland am Beginn einer Endemie. Das heißt nicht, dass das Virus uns nicht weiterhin im Griff hat, dennoch trifft es nicht in der vorher vorhandenen Härte, Intensität und Gefährlichkeit. Eine Endemie bedeutet, dass wir weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll sein müssen, aber lernen mit der sich verbreiteten Krankheit umzugehen. Dazu benötigt es auch das Element der Reflexion, um aus dem Erlebten zu lernen.

Die Stoffmaske wirkte an diesem ersten Samstag des neuen Jahres wie ein Relikt aus einem anderen Leben, das inzwischen weit weg erschien. Ich seufzte tief. Bilder in wirrer Reihenfolge erschienen vor meinem inneren Auge. Ich schüttelte mich, während so manche Emotion der in New York erlebten Pandemie von mir wieder Besitz ergriff. Die Maske musste aufbewahrt werden. Wie lange ich auf meiner Bettkante saß, weiß ich nicht- doch irgendwann gab ich mir einen Ruck und suchte all die anderen Stoffmasken, die wir aufgehoben hatten.

Ich fand unsere Sammlung an Stoffmasken im abgelegensten Schrank unserer Wohnung in der untersten Schublade hinter vielen Halstüchern. Während in Deutschland schon bald FFP2-Masken Pflicht geworden waren, trugen wir in den USA relativ lange waschbare Masken aus Stoff. Im Nachhinein schützen diese Masken nicht so gut, waren aber nun für mich wichtige Erinnerungsstücke – persönliche Artefakte einer sehr intensiven Dienstzeit geworden.

Vier Masken hatte ich besonders gerne getragen. Sie waren nicht nur gut geschneidert gewesen, sondern verbanden mich emotional mit wichtigen Stationen einer intensiv erlebten Dienstzeit:

Auf der Maske aus schwarzem Baumwollstoff war in großen Buchstaben FAITH ______OVER ______ FEAR aufgedruckt. Diese Maske steht für den Beginn und die erste Welle der Pandemie, die ich in New York als einem der ersten Corona-Hotspots der westlichen Welt erlebt hatte. Es waren Monate, in denen ich als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin meine Berufung noch nie so intensiv gespürt hatte, wie in dieser Zeit. Eine Lehre dieser Zeit ist für mich, dass in Gefahr Berufung erst richtig beginnt. Noch gut erinnere ich mich an die Angst, mich selbst anzustecken- im Krankenhaus während ich Sterbende begleitete oder in den beengten New Yorker Bedingungen als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin, wo ein sicherer Abstand oftmals schwer möglich war.

Das Symbol der Synagoge war schon etwas abgegriffen – für mich strahlte es in seinem einfachen Weiß auf dieser azurblauen Maske umso mehr. Diese besondere Maske war mir von meiner jüdischen Synagoge geschenkt worden, wo ich mich ehrenamtlich engagiert hatte. Eine der bitteren Auswirkungen der Pandemie war in USA eine schnell eingetretene Massenarbeitslosigkeit, die vor allem aufgrund des nur rudimentären Sozialsystems die Ärmsten der Armen getroffen hatte. Diese Arbeit durfte daher nicht zum Erliegen kommen. Mit viel Fantasie und Engagement versuchten wir trotz der uns umgebenden viralen Gefahr für die zu sorgen, die sonst hungern würden.

Und dann nahm uns mitten in diesem pandemischen Chaos ein politisches Ringen Recht und Gerechtigkeit den Atem. Auf schwarzem Untergrund prangte neben dem Profil der Richterin Ruth Bader Ginsburg, die eine der größten Kontrahentinnen des damaligen Präsidenten Donald Trump war, in bunten Lettern die Aufschrift WOMEN BELONG IN ALL PLACES WHERE DECISIONS ARE BEING MADE. Ich hatte in USA ein Ringen um eine politisch gerechter gestaltete Welt erlebt, in der es einen Kampf um Inklusivität bzw. Exklusivität gab. Erinnerungen an wunderbare Frauennetzwerke und eine durchbangte Wahlnacht sind mir immer noch sehr präsent.

Eine weitere mir wichtige Maske strahlte und glitzerte mir auf einem galaktischen Hintergrund entgegen. Sie erinnert mich an die Träume, die mich in dieser intensiven Dienstzeit antrieben: Träume von Gesundheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Eine große Aufgabe, die wir nur gemeinsam Wirklichkeit werden lassen können. Wenn jeder eine Kleinigkeit dazu in seinem jeweils eigenen Bereich dazu tut, kann dies gelingen. In New York und jetzt in Bamberg versuche ich weiterhin meinen kleinen Teil dazu beizutragen.

Die Zahl der persönlichen Artefakte endete jäh mit meinem beruflichen Wechsel zur Bundespolizei – sicherlich auch verbunden mit der Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske. Mit meiner Rückkehr nahm so mancher Kollege wieder Kontakt zu mir auf. Eine Unterhaltung kurz nach meiner Rückkehr im Januar 2021 wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Anstatt mir ein offenes Ohr zu leihen, kritisierte er meinen beruflichen Wechsel zur Bundespolizei. Ich sei schon wirklich dumm gewesen. Wenn ich eine normale Pfarrstelle gewählt hätte, hätte ich sicherlich noch einige Monate eine ruhige Kugel schieben können. In Ruhe umziehen. Ankommen. Mich einfinden. Stattdessen hätte ich den Strudel des polizeilichen Dienstes gewählt. Ich war sprachlos über dieses opportunistische Denken, das ich bei diesem Kollegen wahrnehmen musste.

Als ich in Deutschland ankam, fragte man mich nicht nach meinen Erfahrungen noch bot man mir die Möglichkeit an, diese zu verarbeiten. Ein Sonderurlaub war bei einem solchen Wechsel nicht vorgesehen. Noch heute frage ich mich warum eigentlich, wenn ich viele dienstliche Sonderbelastungen getragen hatte? Supervision oder psychologische Begleitung wurde mir ebenso wenig angeboten. Also stürzte ich mich ins Neue und verarbeitete das Erlebte auf meine Weise.

Nach fast zwei Jahren sind diese Erfahrungen nun ein für mich wertvoller Teil meines Selbst geworden. So manches kann ich in den berufsethischen Unterricht der BPOL nebst zahlreicher Reportagen, die über meinen Dienst in New York gedreht wurden, einfließen lassen. So wird nun für andere zum Segen, was ich erlebt habe.

Für mich steht am Ende dieser endemischen Gedanken vor allem diese wichtige Lektion im Mittelpunkt der pandemischen Dienstzeit: eine Berufung zeigt sich in Gefahr – das verbindet mich zutiefst als Pfarrerin mit den mir anvertrauten Polizeikräften, die ich begleiten darf. Die eigene Berufung so stark spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk der pandemischen Dienstzeit, das mich begleiten wird – egal, wo ich meinen Dienst versehe.

Neujahrsgedanken: von Nächstenliebe und Respekt für Einsatzkräfte

Wie das alte Jahr endete, so begann das neue mit einer kleinen Laufrunde. Die Sorge um das eigene (körperliche) Wohl gehört für mich als Polizeiseelsorgerin integral dazu, damit ich auch anderen helfend zur Seite stehen kann. Nicht umsonst heißt es in Mk 12,31 nach dem Gebot der Gottesliebe eben auch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Also: Laufschuhe an und einige Meter zur Fitness beisteuern… Im Gegensatz zum Neujahrstag musste ich einen Tag später beim Laufen nicht bei jedem Schritt darauf aufpassen, ob ich in Scherben oder andere spitze, gefährliche Gegenstände treten würde. Die fleissigen Hände der Stadtreinigung hatte viele Spuren einer für manche recht feucht-fröhlichen Silvesternacht beseitigt.

Als ich an einem „gesprengten“ Abfall vorbeilief, hielt ich kurz inne und seufzte. Musste so etwas wirklich sein? Aber im Gegensatz zu anderen Orten, handelte es sich hierbei „nur“ um einen Sachschaden. Die Berichte über in Gefahr gebrachte, sogar attackierte Einsatzkräfte an Silvester schockierte mich zutiefst. Die Schilderungen aus Berlin und anderen Orten machen mich sprachlos. Es scheint mancherorts zu unglaublichen Übergriffen gegen die zu geben, die für unsere Gesundheit und Sicherheit von Berufswegen sorgen. Ein lieber Freund, der als Notarzt nicht nur den schweren Dienst mit Tag- und Nachtschichten auf sich nimmt und seine Familienzeit daran anpasst, wurde von dem Sohn einer Patientin nicht nur angegriffen, sondern schwer verletzt.

Ich mache mir Gedanken um „meine“ Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter, die ich in ihrer polizeilichen Ausbildung begleiten darf. Was diese jungen Menschen alle eint, ist der Wunsch, einen helfenden Beruf zu erlernen. Nicht selten höre ich von deren Sprachlosigkeit und auch ihren Zweifeln, ob diese schwere und anspruchsvolle Berufung es wert sei Gewalt von denen erleben zu müssen, die sie eigentlich ursprünglich zur Hilfe riefen.

Als ich an einem „Böllerrest“ vorbeilief, musste ich an meine Zeit als Polizeiseelsorgerin in New York denken und auch die sieben Silvesternächte, die wir dort erlebt hatten. Aufgrund des Böllerverbotes waren es stattdessen Tonnen von Confetti, die die Straßen bedeckten. Aber ob diese Nächte aufgrund des Verbotes dort friedlicher verliefen, wage ich zu bezweifeln. Doch gleichzeitig erinnere ich mich an ein Jahr, indem die Einführung von „Body Cams“ heftig diskutiert worden war. Personen des öffentlichen Lebens und Vertreter von Institutionen waren zu einer Abstimmung eingeladen worden, die eruierte, ob diese Aufnahmemöglichkeit eingeführt werden sollte. Das Ergebnis, so versprach NYPD, sollte in Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Megametropole verbindlich umgesetzt werden. Damals stimmte ich für eine Verwendung von „Body Cams“ im Polizeidienst. In den darauf folgenden Jahren nach deren Einführung kam es neben der intendierten Transparenz polizeilicher Handlungen ebenso zu einer Dokumentation der Handlungen von Personen, die Teil der polizeilichen Maßnahmen waren. Besonders faszinierend fand ich damals, dass die Zahl der Übergriffe auf Polizeikräfte fielen und insgesamt ein besserer, deeskalierender Umgang miteinander feststellbar war. Irgendwie faszinierend, denn beide Seiten schienen nun vermehrter das ernst zu nehmen, was ich als Theologin als Gebot der Nächstenliebe bezeichnen würde: nämlich den anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Erfahrungen aus fast sieben Jahren New York als Auslandspfarrerin und ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin. Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland ebenso durch eine flächendeckende Einführung von „Body Cams“ ähnliche Erfahrungen zum Schutze aller sammeln dürften.

Während ich an so manchem von Confetti und Böllerresten gesäumten Weg entlanglief, sprach ich ein kleines Gebet für diejenigen Einsatzkräfte, die in der Silvesternacht und an anderen Tagen Gewalt erleben mussten, damit die schrecklichen Wunden heilen mögen. Und gleichzeitig für diejenigen, die meinen, Gewalt gegen Einsatzkräfte ausüben zu müssen, damit sie von diesem falschen Weg abkommen. Bis beides eintrifft, bleibt mir wohl nur, meinen Freund darin zu stärken, dass die erlebte Gewalt sein Menschenbild nicht nachhaltig zum Wanken bringt, und für meine angehenden Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter in ihrer Ausbildung zuhörend und unterstützend da zu sein.