Was trägt, wenn alles wankt

Führen und Leiten im Umbruch

Zögerlich nahm ich auf einem der mittleren Stühle Platz. Mit einem unsicheren Lächeln
grüßte ich in die Runde all jener Gesichter, die mir schon bald sehr vertraut sein würden.

An der Fensterseite des schlichten Tagungsraumes hatte sich ein Team versammelt, aus dem sich nun ein Mann löste. Einer, dem man ansah, dass er mitten im Leben stand. Er trat ans Mikrofon und räusperte sich.

Ich rückte meine Sitzhaltung auf dem einfachen Stuhl zurecht, während ich hinter vorgehaltener Hand herzhaft gähnte. Mein Blick fiel auf die Armbanduhr und mit ihm
wanderten meine Gedanken an einen ganz anderen Ort, fast 250 Meilen entfernt. Zeitgleich zum Beginn meines zweiten Vikariats in der Church of Scotland waren meine beiden älteren Kinder um diese Zeit bereits in der Grundschule und im Kindergarten. Mein drittes Kind machte vermutlich seinen Mittagsschlaf im Kinderwagen.

Gemeinsam mit meinem Mann waren sie auf einer abgelegenen schottischen Insel –
unserer neuen dienstlichen Heimat.

Da ich mit einem „Red-Eye“-Flug hatte anreisen müssen, um rechtzeitig zum
mittäglichen Beginn im kleinen Hotel nahe Stirling Castle zu sein, lagen Welten
zwischen uns. In Bayern war die Anfahrt zum Predigerseminar so einfach gewesen. Nun
sollte ich mich auf eine Ausbildung einlassen, die mit jedem Kurs an einem anderen Ort
stattfand: mal Hotel, mal Unterkunft bei einem militärischen Standort, mal ein
Kongresszentrum. Trotz der gewagten Reisekombination aus Flugzeug, öffentlichen
Verkehrsmitteln und Mitfahrgelegenheit durch Kollegen war ich nun rechtzeitig hier
angekommen.

Ich seufzte schwer und sehnsuchtsvoll. Der Kollege neben mir sah mich nachdenklich
an. „Are you alright?“, fragte er mit besorgtem Blick. Ich nickte. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, ergriff der Leiter der Ausbildung das Wort zur Begrüßung.

Nach einem erfolgreich abgeschlossenen bayerischen Vikariat hatte mich eine Probedienststelle im hohen Norden Schottlands aus der Heimat gelockt. Doch auf die anfängliche Freude über die erste Pfarrstelle folgte eine unvorhergesehene Hürde nach der anderen. Die größte unerwartete Herausforderung jedoch begann mit meiner Berufung auf diese Pfarrstelle: ein weiteres Vikariat. Diesmal nicht im lutherischen, sondern im reformierten Kontext. Trotz bestehender kirchlicher Vereinbarungen war dies über mich hereingebrochen und ich fragte mich, wie ich all das schultern sollte.

Eine volle Pfarrstelle. Mehrere Vikariatskurse fern von meinen drei Kindern und meinem
Mann. Wochenlange Abwesenheiten. Klausuren. Arbeiten. Und schließlich noch ein Examen, dabei war das letzte doch gerade erst verklungen …

Der Leiter der Ausbildung sprach von den Erwartungen der Church of Scotland, von
Voraussetzungen, von Klausuren und Deadlines. In mir begann sich alles zu drehen.
Denn neben diesen Herausforderungen war mir in der Woche zuvor von meinem
gemeindlichen Finanzgremium eröffnet worden, dass ich innerhalb kürzester Zeit drei Kirchengebäude verkaufen müsse.

Die Immobilienkrise 2007–2008 begann sich zu dieser Zeit erst abzuzeichnen. Erste Verwerfungen auf den Finanz- und Immobilienmärkten warfen ihre Schatten voraus und ich ahnte, dass dies nicht folgenlos bleiben würde.

Wie sollte ich all das schultern?

Als ich erneut seufzte, sah mich mein Sitznachbar mit wachsendem Unbehagen an. Nun aber wurde auch der Leiter der Ausbildung auf mich aufmerksam. Er öffnete den Raum für unsere Fragen und Sorgen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde hörte er aufmerksam zu: was uns bewegte, welche
Träume uns ins Vikariat geführt hatten, welche Befürchtungen wir in diese dichte und
fordernde Ausbildung mitbrachten.

Dann seufzte auch er und sah nachdenklich in die Runde. Schließlich deutete er auf den
Eingang des Konferenzraumes. Über der Tür hing ein schlichtes Kreuz.

„You don’t have to put yourself on a cross during your training period. Someone else has already done this for you many years ago. Look out for yourself – God has called you into our Kirk for a reason, and He does not want you to break apart. He wants you to proclaim His word in deed and action.“

Lange ist dies her. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, und ich begleite als Rektorin
die Vikariatsausbildung der ELKB und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen
(EVLKS). Damals hätte ich als frisch ordinierte bayerische Pfarrerin und schottische Vikarin nicht zu träumen gewagt, dass ich fast zwanzig Jahre später selbst eine
kirchliche Ausbildung im Umbruch als Leitungsperson mitverantworten würde.

Und doch ist es genau diese Erfahrung, die mich heute umtreibt: Wie wird Leitung gelebt
in Zeiten kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruchs? Welche biblisch-theologischen
Grundlagen tragen uns – gerade dann, wenn Sicherheiten wegbrechen?

Dies soll Gegenstand meiner weiteren Überlegungen sein, in die ich Sie nun mitnehmen möchte. Es sind persönliche Einblicke und Gedanken mit Ecken und Kanten, die Ihnen, so hoffe ich, zum Segen werden können: als Einladung, einen eigenen Weg zu finden, immer mit dem Blick auf das Kreuz in diesen herausfordernden Zeiten.

Sisyphos und die Kunst, in Zeiten des Wandels nicht zu verzweifeln

Die Lampe musste ich einfach haben. In der Auslage des Geschäftes fiel sie mir bei der Suche nach einer Schreibtischlampe umgehend auf. Käuflich erworben hatte ich sie schnell, doch dann stand sie lange, in einer Tüte verborgen und von meinem Schreibtisch verdeckt, in meinem Amtszimmer, während die täglichen Aufgaben einer Rektorin mich Tag für Tag übermannten. Tief im Inneren fühlte ich mich wie Sisyphos, der noch in der Verpackung der Lampe schlief und wartete.

Nun nahm ich in einem stillen Moment meinen Mut zusammen und packte sie aus. Es war Zeit, mich meiner sisyphos’schen Realität einer Rektorin zu stellen, die immer wieder Aufgaben wie große Steine den Berg hinaufrollte, um sie dann – wie in einer Rille – am kommenden Tag wieder am Fuß des „Dienstberges“ auf die eine oder andere Weise mutiert erneut den Berg hochzurollen.

Nun stand sie da, die Sisyphos-Lampe, und war damit direkt in meiner Sichtweite. Aber im Gegensatz zu dem fleißigen, unablässigen und durchaus inhaltlich hoffnungslos arbeitenden Protagonisten des griechischen Mythos, der in der Dunkelheit seiner ewigen Beschäftigung nachging, leuchtete mir die Lampe in der Unendlichkeit der Herausforderungen den Weg.

Vom Prometheus der Zuversicht zum Sisyphos der Gegenwart

In diesen Tagen denke ich oft an Jürgen Moltmann, den großen Theologen der Hoffnung. Seine Biografie – vom jungen Kriegsgefangenen zum Begründer einer zukunftsorientierten Theologie – erzählt von einem Leben, das durch die Erfahrung der Dunkelheit hindurch auf das Licht Gottes vertraute.

Moltmann beschreibt in seiner Theologie der Hoffnung die Haltungen der Menschheit im Wandel der Zeiten anhand zweier antiker Figuren: Prometheus und Sisyphos.

Prometheus, der Feuerbringer, steht für die Aufbruchszeit der Moderne – für Wachstum, Wohlstand und den Glauben an unbegrenzte Entwicklung. Diese prometheische Haltung prägte lange auch unser kirchliches und gesellschaftliches Selbstverständnis: Wir konnten gestalten, verändern, planen.

Doch heute, so Moltmann, hat sich Prometheus verwandelt. Sein Nachfolger heißt Sisyphos. Er steht für das unermüdliche Arbeiten ohne klare Aussicht auf Erfüllung, für das Ringen in einer Zeit ohne einfache Lösungen, für das Aushalten von Dauerwandel, Unsicherheit und Überforderung.

„Am Beginn des 19. Jahrhunderts […] wurde Prometheus der Heilige der Neuzeit. […] In der Mitte des 20. Jahrhunderts […] hat sich der heilige Prometheus in die Figur des Sisyphus verwandelt […]. Weder in der Vermessenheit noch in der Verzweiflung liegt die Kraft der Erneuerung des Lebens, sondern nur in der ausharrenden und gewissen Hoffnung. […] Allein die Hoffnung ist ‚realistisch‘ zu nennen, weil nur sie mit den Möglichkeiten, die alles Wirkliche durchziehen, ernst macht.

Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, Gütersloh 1964, S. 20–21

Diese Worte treffen auch unsere Gegenwart. Wir leben in einer Zeit, in der Steine sich vervielfachen: Der Stein des Krieges in der Ukraine. Der Stein der Gewalt im Heiligen Land. Und dazu die persönlichen, kleinen und großen Steine des Alltags – Überforderung, Verantwortung, Erwartungen, die eigene Erschöpfung.

Doch Moltmann lehrt uns: Hoffnung ist keine Illusion, sondern Teilhabe an Gottes Zukunft. Wer hofft, leugnet nicht die Schwere, sondern sieht im Dunkeln das Licht. Hoffnung ist nicht die Flucht vor der Realität, sondern der Mut, sie im Vertrauen auf Gottes Verheißung zu gestalten.

Wenn ich auf meine Lampe schaue, sehe ich darin dieses Leuchten:
Wir arbeiten – nicht im Kreis, sondern auf ein Licht hin.
Nicht, weil wir alles schaffen, sondern weil Gott vollendet.
Nicht, weil wir keine Steine mehr tragen, sondern weil sie im Licht leichter werden.

Hoffnung als Haltung des Führens

Die Tätigkeit einer Rektorin, die ein neues Ausbildungssystem im Auftrag des Landeskirchenrates etablieren soll und diesen massiven Paradigmenwechsel in der Ausbildung neuer Pfarrerinnen und Pfarrer in die landeskirchliche Wirklichkeit zu bringen hat, hat etwas von der Tätigkeit des griechischen Sisyphos. Noch dazu, wenn nun diese noch sich im Etablieren befindliche Ausbildung für zwei Landeskirchen, die bayerische und sächsische, angeboten werden soll.

Aber im Gegensatz zu ihm arbeite ich Tag für Tag gen Hoffnung, die mir durch den Glauben an Jesus Christus geschenkt wurde. Sie inspiriert mich und lässt mich nicht resigniert die Hände in den Schoß legen. Vielmehr gibt sie mir Kraft. Das Leuchten der Lampe, in der Sisyphos ausdauernd und behände den Stein Tag um Tag gen Licht rollen würde, ist eine tägliche Erinnerung daran.

Herr,
wir rollen unsere Steine den Berg hinauf –
die großen der Welt und die kleinen des Alltags.
Du gibst uns Hoffnung durch Christus,
und dein Licht stärkt uns, wenn wir müde werden.
Lass uns im Glauben an deine Zukunft weitergehen,
bis unser Werk im Licht deiner Ewigkeit ruht.
Amen.