Das Unerwartete willkommen heißen

Während ich das Kalenderblatt meines selbstgemachten Monatskalender von September auf Oktober umsteckte und damit ein Auszug aus Psalm 104 erschien, gingen meine Gedanken dankbar zurück zu einer überraschenden Anfrage.

Eine unbekannte Nummer war während meiner Mittagspause auf dem Display meines Handys erschienen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich vor dem jüdischen Museum Fürth stand und auf die Rückkehr meiner Lehrgruppe wartete, die als Teil ihrer polizeilichen Ausbildung mit mir dort ein Seminar besuchen sollten. Als ich abnahm, kam mir eine warme, freundliche Stimme mit einer ungewöhnlichen Anfrage entgegen: Ob ich mir vorstellen könne, mich auf ein erneutes Abenteuer mit dem Claudius Verlag zu begeben und nach „Hallo, Mrs. Father“ ein weiteres Buch schreiben würde?

Diese Anfrage war völlig unerwartet.

Ich schluckte. Zu diesem Zeitpunkt war ich eingespannt zwischen einem anspruchsvollen Berufung als Polizeiseelsorgerin und den Herausforderungen einer vierfachen Mutter, deren Kinder sich auf dem Sprung in die Berufstätigkeit befanden.

Doch Andreas Rode, mein Lektor, blieb dran. Geduldig. Immer wieder nachfragend begleitete er mich durch so manchen persönlichen Sturm und nahm meine Schreibblockaden stoisch hin, die sich über viele Monate erstreckten.

Und dann kam der Moment, an dem nach langem Hadern endlich der Groschen fiel.

Ich hatte für unsere Familie und nahestehende Freunde einen Sprossenkalender zu Weihnachten gestaltet. Diese grüne, vitaminreiche Kleinigkeit lag mir schon immer sehr am Herzen. Daher wollte ich diese Passion mit denen teilen, die mir wichtig waren. Hierzu wählte ich Sprossen aus, die mit einem spezifischen Geschmack mich an eine bestimmte Lebensstation oder einem Ereignis erinnerten.

Kalenderblatt Oktober

Dies inspirierte mich dazu, im Buch noch einen Schritt weiter zu denken und zu gehen: Warum nicht diese persönlichen, oft sehr überraschenden Momente und Anekdoten als Pfarrerin und Familienfrau aus meinem Leben und Alltag mit anderen teilen?

Bald entstand daraus das neue Buch, das als Jahresbegleiter anderen einfache Rezepte aus meiner „Alltagsküche“ schenkte, die garniert mit leckeren Sprossen und begleitet durch Geschichten rund um eine Spiritualität hoffentlich anregend, inspirierend und nährend sein würden.

So ließ ich mich auf das Unerwartete ein und hieß nach langem Hadern dieses Buchprojekt willkommen…

Nun freue ich mich, gemeinsam mit der christlichen Buchhandlung Seitenwechsel unterstützt durch den Claudius Verlag (https://claudius.de) am 26. Nov 26 um 19 Uhr in Nürnberg einen Genussabend anbieten zu können, an dem ich einige Rezepte kochen werde und aus meinem Buch lese.

Anmeldung: https://seitenwechsel-buchhandlung.de

Ich würde mich freuen, den einen oder die andere dort willkommen heißen zu dürfen – oder von euch zu erfahren, wenn ihr das Buch lest.

Eure / Ihre Miriam Groß

Wie hältst du es mit dem Tod? Von Grabsteinen und Rezepten.

Plätzchen und Brownies.

Pies und Cobbler1.

Kuchen und viereckige Bäckereistückchen. Fudge2, Speiseeis und Kaffee.

Brötchen und Brot.

Deftiges.

Menü-Vorschläge direkt vom Grab.

Mit einem tiefen Seufzer schloss ich an diesem Ewigkeitssonntag das wohl ungewöhnlichste Rezeptbuch, das ich je gelesen habe: „To Die For. A Cookbook of Gravestone Recipes“ . Den Anstoß zur Entstehung dieses Buches war für die Archivarin Rosie Grant, dass sie während ihres Praktikums auf dem Congressional Cemetery in Washington, D.C., über ein in Stein gemeißeltes Rezept stolperte. Die Verwunderung über den ungewöhnlichen Grabstein verwandelte sich in Neugier und schließlich in eine Entdeckungsreise durch die meisten US-amerikanischen Bundesstaaten, um einer Tradition auf die Spur zu kommen, die es in den USA tatsächlich gibt: Manche Menschen hinterlassen ihre Lieblingsrezepte bewusst auf dem Grabstein – und manche Familien stellvertretend für sie. Eine zärtliche Geste, die Verbindung schafft und schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Ewigkeit gibt, in der sich die Verstorbenen bereits befinden.

Die Autorin blieb nicht bei der Betrachtung und Dokumentieren der Grabsteine stehen. Sie besuchte die Familien, lauschte ihren Geschichten, und folgte auch den Spuren jener Menschen, die ihre Rezepte noch zu Lebzeiten weitergeben wollten und bereits vor ihrem Tod ihren Grabstein mit Rezept aufgestellt haben. Manchmal stand sie mit Angehörigen in deren Küche, manchmal buk sie allein in der Vertrautheit ihres Zuhauses, und oft führte der Weg anschließend zurück zu den Gräbern, an denen alles begonnen hatte.

So entstand eine Sammlung, die weit mehr ist als ein Rezeptbuch: Lebensspuren, in denen sich Alltägliches und Unvergessenes berühren. Geschichten von Menschen, die einzigartig waren und besondere Lebenswege beschritten hatten. Ihre Gerichte transportieren über ihren Geschmack Aspekte ihres Lebens, die Worte manchmal nicht können.

Da ist zum Beispiel Fleda Shearer, deren Sugar Cookies so schlicht wirken und doch ein Stück von ihr tragen: ein Rezept, das nach Hause schmeckt, nach Großzügigkeit, nach einer Frau, die wusste, wie tröstlich Süßes sein kann.

Oder Yankele Toppor, der Kibbutz-Bäcker mit der großen Handwerksliebe, der seinen Alltag zwischen Teigschüsseln, Öfen und Gemeinschaft verbrachte – ein Leben, das nach frisch gebackenem Brot riecht und von der Wärme eines Ortes erzählt, den viele ihr Zuhause nannten.

Und Ida Kleinman, deren Nut Rolls auf Hebräisch in Stein gemeißelt wurden. Ein Rezept wie ein Vermächtnis, das Generationen verbindet, getragen von Erinnerung, Muttersprache und dem sanften Gewicht einer Tradition, die ihre jüdische Familie trägt.

Diese und viele weitere Geschichten haben mich nicht losgelassen – und so mache auch ich mich nun auf die Suche. Daher nahm ich am Ewigkeitssonntag einen Plätzchenausstecher nach dem anderen aus meiner liebgewonnenen Lebkuchendose. Sie beherbergte seit vielen Jahren meine Ausstechersammlung und war eine verlässliche Begleiterin, deren Inhalt mich an liebe Menschen und wohlige Erlebnisse erinnerte:

Den strahlendroten Rentierausstecher, den ich von meinem amerikanischen Vater als Grundschülerin geschenkt bekam und der mich träumen ließ von Weihnachten, Zuneigung und Liebe

Die in strahlendem Metal glänzende Musiknote, mit der ich für die adventlichen Fundraiser der jüdischen Musikschule meiner Kinder buk, die in Scarsdale, NY gewesen war und ihnen eine musikalische Heimat und künstlerische Weite schenkte.

Den dickbäuchigen Bärchenausstecher, mit dem ich als Polizeiseelsorgerin für meine Polizistinnen und Polizisten, Anwärterinnen und Anwärter „Care-Bärs“ (Link) als Aktion backte – kleine, essbare Symbole dafür, dass ich für sie da war und sie sich in der Schwere ihres Dienstes und ihrer herausfordernden Ausbildung getragen fühlen sollten.

Meine Hand pausierte in ihrer Suchbewegung im Vielerlei der Ausstecher und drehte eine Linzer-Plätzchen-Form mit Herz in kreisenden Bewegungen von deren runder zu deren mit Herz versehenen Seite hin und her. Mit ihr hatte ich vor kurzem ein neues Linzer-Rezept ausprobiert. Vielleicht war es ein Linzer-Plätzchen-Rezept, das ich noch verfeinern würde und die eigene Note hinzufügen würde? Oder doch etwas anderes? Sogar etwas Herzhaftes? Eine Suppe, ein Brot, ein Duft, der in der eigenen Geschichte tiefer verwurzelt ist, als man auf den ersten Blick meint?

Ich bin mir noch nicht sicher.

Aber ich werde mich weiter auf die Suche machen nach meinem eigenen Rezept – jenem, das mein Leben so ein wenig geschmacklich anklingen lässt, wie die Rezepte der Personen, die in Rosie Grants Buch vorgestellt werden, es tun.

Und vielleicht, ist es ja auch eine Anregung für Sie, liebe Leserinnen und Leser, welches Rezept Sie einst weitergeben würden. Nicht unbedingt für einen Grabstein – sondern vielleicht auch im Hier und Jetzt in der Fülle des Lebens, wo Sie dann an einem Tisch Geschmack und Leben tief verbinden zu Erinnerungen, die vielleicht später als Rezept und damit Gruß aus der Ewigkeit anklingen können.

  1. Amerikanisch: Nachtisch aus mit Teig belegten Früchten, die im Ofen gebacken werden. ↩︎
  2. Karamell. ↩︎