Sisyphos und die Kunst, in Zeiten des Wandels nicht zu verzweifeln

Die Lampe musste ich einfach haben. In der Auslage des Geschäftes fiel sie mir bei der Suche nach einer Schreibtischlampe umgehend auf. Käuflich erworben hatte ich sie schnell, doch dann stand sie lange, in einer Tüte verborgen und von meinem Schreibtisch verdeckt, in meinem Amtszimmer, während die täglichen Aufgaben einer Rektorin mich Tag für Tag übermannten. Tief im Inneren fühlte ich mich wie Sisyphos, der noch in der Verpackung der Lampe schlief und wartete.

Nun nahm ich in einem stillen Moment meinen Mut zusammen und packte sie aus. Es war Zeit, mich meiner sisyphos’schen Realität einer Rektorin zu stellen, die immer wieder Aufgaben wie große Steine den Berg hinaufrollte, um sie dann – wie in einer Rille – am kommenden Tag wieder am Fuß des „Dienstberges“ auf die eine oder andere Weise mutiert erneut den Berg hochzurollen.

Nun stand sie da, die Sisyphos-Lampe, und war damit direkt in meiner Sichtweite. Aber im Gegensatz zu dem fleißigen, unablässigen und durchaus inhaltlich hoffnungslos arbeitenden Protagonisten des griechischen Mythos, der in der Dunkelheit seiner ewigen Beschäftigung nachging, leuchtete mir die Lampe in der Unendlichkeit der Herausforderungen den Weg.

Vom Prometheus der Zuversicht zum Sisyphos der Gegenwart

In diesen Tagen denke ich oft an Jürgen Moltmann, den großen Theologen der Hoffnung. Seine Biografie – vom jungen Kriegsgefangenen zum Begründer einer zukunftsorientierten Theologie – erzählt von einem Leben, das durch die Erfahrung der Dunkelheit hindurch auf das Licht Gottes vertraute.

Moltmann beschreibt in seiner Theologie der Hoffnung die Haltungen der Menschheit im Wandel der Zeiten anhand zweier antiker Figuren: Prometheus und Sisyphos.

Prometheus, der Feuerbringer, steht für die Aufbruchszeit der Moderne – für Wachstum, Wohlstand und den Glauben an unbegrenzte Entwicklung. Diese prometheische Haltung prägte lange auch unser kirchliches und gesellschaftliches Selbstverständnis: Wir konnten gestalten, verändern, planen.

Doch heute, so Moltmann, hat sich Prometheus verwandelt. Sein Nachfolger heißt Sisyphos. Er steht für das unermüdliche Arbeiten ohne klare Aussicht auf Erfüllung, für das Ringen in einer Zeit ohne einfache Lösungen, für das Aushalten von Dauerwandel, Unsicherheit und Überforderung.

„Am Beginn des 19. Jahrhunderts […] wurde Prometheus der Heilige der Neuzeit. […] In der Mitte des 20. Jahrhunderts […] hat sich der heilige Prometheus in die Figur des Sisyphus verwandelt […]. Weder in der Vermessenheit noch in der Verzweiflung liegt die Kraft der Erneuerung des Lebens, sondern nur in der ausharrenden und gewissen Hoffnung. […] Allein die Hoffnung ist ‚realistisch‘ zu nennen, weil nur sie mit den Möglichkeiten, die alles Wirkliche durchziehen, ernst macht.

Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, Gütersloh 1964, S. 20–21

Diese Worte treffen auch unsere Gegenwart. Wir leben in einer Zeit, in der Steine sich vervielfachen: Der Stein des Krieges in der Ukraine. Der Stein der Gewalt im Heiligen Land. Und dazu die persönlichen, kleinen und großen Steine des Alltags – Überforderung, Verantwortung, Erwartungen, die eigene Erschöpfung.

Doch Moltmann lehrt uns: Hoffnung ist keine Illusion, sondern Teilhabe an Gottes Zukunft. Wer hofft, leugnet nicht die Schwere, sondern sieht im Dunkeln das Licht. Hoffnung ist nicht die Flucht vor der Realität, sondern der Mut, sie im Vertrauen auf Gottes Verheißung zu gestalten.

Wenn ich auf meine Lampe schaue, sehe ich darin dieses Leuchten:
Wir arbeiten – nicht im Kreis, sondern auf ein Licht hin.
Nicht, weil wir alles schaffen, sondern weil Gott vollendet.
Nicht, weil wir keine Steine mehr tragen, sondern weil sie im Licht leichter werden.

Hoffnung als Haltung des Führens

Die Tätigkeit einer Rektorin, die ein neues Ausbildungssystem im Auftrag des Landeskirchenrates etablieren soll und diesen massiven Paradigmenwechsel in der Ausbildung neuer Pfarrerinnen und Pfarrer in die landeskirchliche Wirklichkeit zu bringen hat, hat etwas von der Tätigkeit des griechischen Sisyphos. Noch dazu, wenn nun diese noch sich im Etablieren befindliche Ausbildung für zwei Landeskirchen, die bayerische und sächsische, angeboten werden soll.

Aber im Gegensatz zu ihm arbeite ich Tag für Tag gen Hoffnung, die mir durch den Glauben an Jesus Christus geschenkt wurde. Sie inspiriert mich und lässt mich nicht resigniert die Hände in den Schoß legen. Vielmehr gibt sie mir Kraft. Das Leuchten der Lampe, in der Sisyphos ausdauernd und behände den Stein Tag um Tag gen Licht rollen würde, ist eine tägliche Erinnerung daran.

Herr,
wir rollen unsere Steine den Berg hinauf –
die großen der Welt und die kleinen des Alltags.
Du gibst uns Hoffnung durch Christus,
und dein Licht stärkt uns, wenn wir müde werden.
Lass uns im Glauben an deine Zukunft weitergehen,
bis unser Werk im Licht deiner Ewigkeit ruht.
Amen.

Von Zugfahrten, Vikariatsbeginn und biblischen Reisegeschichten

Der fröhliche Klang von feierlich erhobenen Sektgläsern und dem darauffolgenden vieltonigen Anstoßen war verklungen. Die freudigen, beglückwünschenden Reden durch verschiedene kirchliche Vertreterinnen und Vertreter den frisch examinierten Theologinnen und Theologen waren überbracht und die Zeugnisse als strahlender Ausdruck ihrer akademischen Leistung ausgehändigt worden. Nun war es Zeit für etwas Gemütlichkeit bei einem leckeren Abendessen im festlich eingedeckten Speisesaal des bayerischen Landeskirchenamtes.

Seitdem ich vor einigen Wochen die Einladung zur Examensfeier erhalten hatte, hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, an dem ich den neuen theologischen Nachwuchs kennenlernen durfte. Es würde mein erster Kurs sein, den ich als frisch gebackene Rektorin begleiten würde. Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus wusste ich, dass solche gemeinsamen Anfänge besonders wichtig sind und einen bewegenden Tiefgang haben können, denn darin verschränken sich Neubeginne auf unterschiedlichen Ebenen. Als ich damals vor einigen Jahren in der Bundespolizei meinen Dienst als hauptamtliche Polizeiseelsorgerin und Lehrerin für das Fach Ethik begann, war es eine Lehrklasse (besondere Grüße an „meine“ BA 21 II Dez 4-1 😘❤️), mit der ich den Ausgang aus der damaligen Tätigkeit als Pfarrerin in New York und den Eingang als Seelsorgerin erleben durfte. Mit und durch sie wuchs ich in eine neue, erfüllende Tätigkeit hinein, indem wir miteinander auf ihrer Ausbildungsreise unterwegs waren.

Von wohligen Gedanken an die zurückliegende Erinnerung und einem wohlschmeckenden Abendessen gestärkt gesellte ich mich an einen Tisch und nahm neben OKR Reimers, dem Leiter der Personalabteilung unserer Landeskirche, Platz. Mitten im Gespräch über die im Herbst beginnende Ausbildungskooperation zwischen Bayern und Sachsen sah er zu mir und sagte: „… aber das können Sie am Besten von Frau Groß erklärt bekommen.“ Ich schluckte erstaunt, und stürzte mich mutig in die Beschreibung. Als Theologin und reiseaffine Person bediente ich mich daher dem Aspekt des Reisens und Unterwegssein, wie er in der Bibel und in unserem Leben präsent ist. In all seiner Ambivalenz bediente ich mich einer Metapher, die uns allen geläufig ist: der der Bahn.

Vor der „Abfahrt“ dieses Zuges gab es einen langen Konsultationsprozess, der unterschiedliche Ebenen der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) an einen Tisch brachte, um möglichst viele Anforderungen zu berücksichtigen und eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung anbieten zu können. Horizont hierbei war das Jahr 2026. Nun war Zug bereits drei Jahre früher zu seiner ersten Fahrt gestartet. Ich hingegen stieg als „Zugführerin“ gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen (EvLKS) nun in den Zug ein.

Nicht umsonst hatte ich an diesem lauen Juliabend etwas locker, aber durchaus bestimmt das Bild der „Bahn“ verwendet, denn diese Metapher symbolisiert im Optimum einen Weg, der von Anfang bis Ende geplant und strukturiert ist, mit klaren Haltestellen und Zielen. Die Ausbildung kann mit einer Zugfahrt verglichen werden, die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit beginnt, verschiedene Stationen (also Lerninhalte und Praktika hat) durchläuft und schließlich am Zielort in einen erfolgreichen Abschluss und dem Einstieg in den Probedienst als Pfarrerin und Pfarrer mündet.

Schon bald würden wir gemeinsam mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen diese aufregende Zugfahrt beginnen. Zumeist in denselben Abteilen (denn es gibt nur eine Zugklasse!), manchmal aufgrund der unterschiedlichen Erfordernisse der Landeskirchen uns während der Zugfahrt in extra Waggons begeben. In einem gemeinsamen Zug, dessen Gleise der Landeskirchenrat der ELKB vor längerem gelegt hatte und in einiger Zeit aufgrund eines Evaluationsprozesses anpassen wird, würden wir dem Ziel „Pfarramt“ entgegenfahren.

Etwas mulmig ist mir zugegebenermaßen schon während ich in die Rolle der Zugführerin hineinwachse. Denn trotz einiger Probefahrten (danke, lieber F23 und H23 für all eure Beharrlichkeit) und Streckenanpassungen wird es weiterhin vielfältige Herausforderungen geben. Vom realen Zugverkehr kennen wir das zu genüge. Verspätungen, Störungen, schlechte Wetterverhältnisse und Streckenschäden sind nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen werden. Dann wird es auf die gesamte Besatzung des Zuges ankommen, die zusammenhält und gemeinsam mit mir kreative Lösungen zur Sicherstellung der Fahrt findet.

Letztendlich befinden wir uns gemeinsam auf einer Reise. Als Evangelisches Studienseminar für Pfarrausbildung (ESP) dürfen wir Menschen begleiten, die in einen der spannendsten Berufe hineinwachsen wollen: nämlich das Pfarramt. Wir sind „Reiseabschnittsbegleiterinnen“ und „-begleiter“ für unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die sich wagemutig auf diese „Ausbildungsreise“ begeben.

Ein Blick in die Bibel kann trösten, aufmuntern und vielleicht auch nachdenklich stimmen. Denn die Bibel selbst ist voll von Reisegeschichten, die von Menschen und Gottes Führung auf ihrem Lebensweg berichten. Von Herausforderungen, Zurücklassen und Neubeginn – von Abkehr, Neugierde und Wachstum:

Abraham verließ seine Heimat, um in ein neues unbekanntes Land zu ziehen, das ihm Gott noch zeigen würde.

Das Volk Israel zog nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung von Mose durch die Wüste ins gelobte Land.

Jona wurde von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen, um dort zu predigen (diesem Auftrag versuchte er zu entkommen und lernte ein besonderes „Reisevehikel“ von Innen kennen).

Josef wurde von seinen Brüdern verkauft, erlangte nach schweren Jahren der Herausforderung eine wichtige Position und sicherte dadurch seiner Familie und seinem Volk das Überleben.

Die prächtige Königin von Saba machte sich auf den Weg nach Jerusalem, um Salomo und seine Weisheit höchstpersönlich kennenzulernen.

Der Apostel Paulus unternahm vier Missionsreisen, bei denen er wahnsinnig beeindruckende 15.000 km zurücklegte.

Die Reisegeschichten der Bibel sind so vielfältig wie die Menschen, die Reisen unternehmen. Was ihnen allen gemein ist: Diese Geschichten zeigen, dass Reisen in der Bibel nicht nur geografische Bewegungen sind, sondern eine spirituelle und persönliche Entwicklung mit sich bringen. Viele unserer Vikarinnen und Vikare werden an neue Orte in ihre jeweiligen Ausbildungsregionen ziehen, doch noch viel interessanter und bewegender wird deren innere Reise zum Ausbildungsziel Pfarrerin und Pfarrer sein.

Ich freue mich, sie auf ihrer Ausbildungsreise im Herbst als „Zugführerin“ mit einem engagierten Team von Studienleiterinnen und -leitern aus Bayern und Sachsen begleiten zu dürfen und hoffe, dass sie beim Erreichen des Ausbildungszieles wie die biblischen Erzählungen es tun, Geschichten von Vertrauen, Herausforderung, Glauben und der eigenen Suche nach Gottes Willen erzählen werden.