Lesen gegen Hass 3: Vergesst den Ukraine-Krieg nicht!

Während ich den in Orange-, Grün- und Gelbtönen gehaltenen Graphic-Novel las, umgab mich leise Begleitmusik. Als ich zur nächsten Seite umblätterte, musste ich erstaunt innehalten.

I’m gonna lay down my burden, 
Down by the riverside,  
Down by the riverside,  
Down by the riverside.  
Gonna lay down my burden,  
Down by the riverside,  
Down by the riverside. 


I ain’t go study war no more,  
study war no more, 
ain’t go study war no more. 
I ain’t go study war no more, 
study war no more, 
ain’t go study oh war no more.

Gospel „Down by the riverside“

Ich erhöhte die Lautstärke während ich verdutzt die nächste Seite des Graphic Novel umblätterte. In der elften Kalenderwoche erzählten eine ukrainische Journalistin und ein russischer Künstler jeweils von der sie umgebenden Traurigkeit über einen Krieg, der beide zutiefst betraf. In dieser Woche hatte der russische Künstler ein Konzert des ukrainischen Sängers Ivan Dorn besucht, währenddessen dieser Aufnahmen aus dem Krieg zeigte, die zu Tränen rührten.

Sich mit Krieg nicht auseinanderzusetzen wie dies im alten Gospel beschrieben wird, ist gegenwärtig unmöglich. Hilfreich ist es zu wissen, dass dieser höchstwahrscheinlich im Anschluss an den Sezessionskrieg im Juni 1865 bzw. des ersten Weltkrieges als Ausdruck einer Kriegsmüdigkeit entstand. Die Gospel-Lyrik von „Down by the Riverside“ hat biblische Wurzeln, die in vielfacher menschlicher Ungerechtigkeitserfahrung und dem Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit ihre sehnsuchtsvolle Quelle haben. Grundlage für diesen Gospel waren Bibelabschnitte wie Mi 4-5 und die zu Tage tretende Diskrepanz zwischen Sehnsucht nach einem Friedensreich und harter, ja manchmal sogar brutaler Realität in Auseinandersetzung, Gewalt und Tod.

Als Christin und Theologin sehne ich mich ebenso nach einem solchen Friedensreich, aber angesichts der vielen Kriege, vor allem des Ukraine- und Israel-Gaza-Krieges werde ich ratlos. Was soll ich meinen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern sagen? Welchen Deutungshorizont kann ich ihnen in dieser schwierigen Zeit geben? Selbstverständlich könnte ich multiple Lehren wie sie beim biblischen Pazifismus, bei Augustin, Thomas von Aquin und Kant zu finden sind, im Unterricht ausbreiten. Aber reichen diese ethischen Modelle und postulierten Handlungsmaximen? Sind sie nicht vielmehr überheblich, wenn auf sie allein zurück gegriffen wird – noch dazu wenn die lehrende Person, die in einem sicheren Land lebt, keine Kriegserfahrung und – betroffenheit hat?

Daher werde ich in meinem berufsethischen Unterricht andere zu Wort kommen lassen und hierdurch einen Anknüpfungspunkt für einen Umgang mit Krieg und Frieden suchen, der in einer persönlichen Perspektive Betroffener liegt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Polizistinnen und Polizisten in ihrer Handlungskompetenz eine ganz konkrete Schlüsselkompetenz für unsere Demokratie und Gesellschaft übertragen bekommen, die sich in der Wahrung der Menschen- und Grundrechte im Umgang mit dem Einzelnen ausdrückt.

Einen Zugang zu einer persönlichen Perspektive kann der Graphic Novel „Im Krieg“ von Nora Krug schenken. Nach „Heimat: ein deutsches Familienalbum“ und „Über Tyrannei – zwanzig Lektionen für den Widerstand“ ist dies der dritte Graphic Novel von Nora Krug, den ich in meiner Reihe „Lesen gegen Hass“ vorstelle. Dieser ist in Englisch, Deutsch und Koreanisch erschienen.

In diesem Bildroman begleitet die deutsch-amerikanische Illustratorin eine ukrainische Journalistin und einen russischen Künstler. Aus einem persönlichen Blickwinkel werden zwei Leben im Krieg portraitiert und zwei Tagebücher über ein Jahr nebeneinander Woche um Woche dargestellt. Hierzu hatte Nora Krug wenige Tage nach der russischen Invasion der Ukraine zu einer ukrainischen Journalistin in Kiew und einem russischen Künstler in Sankt Petersburg aufgenommen. Es sind persönliche Einblicke, die dem Leser und der Leserin in deren Leben geschenkt wird. Wir begleiten sie in ihrem Kriegserleben zu ihren Familien und Freunden, zu ihrer Arbeit und dem Meistern eines Lebens, das durch den Krieg komplett auf den Kopf gestellt wurde.

Der Bildroman schafft eine persönliche Ebene, die Betroffenheit und Nähe schenkt und damit einen Zugang für einen Unterricht jenseits abstrakter Kriegs- und Friedenstheorie ermöglicht. Dies ist wichtig, denn Polizistinnen und Polizisten handeln stets im Konkreten und beeinflussen unter Umständen Leben nachhaltig in deren Verlauf.

Ich gebe zu, dass auch ich manchmal angesichts der vielen Kriege, vor allem des Überfalls der Hamas auf Israel und Russlands auf die Ukraine trotz meiner Lebenswirklichkeit in einem demokratischen Land zu leben, in dem Frieden herrscht, kriegsmüde werde. Gerne würde ich mit in den Gospel einstimmen und singen: „I ain’t go study war no more“. Aber ich bin es denen schuldig, die konkret unter Krieg, Gewalt und Tod leiden, dass die gestärkt werden, die für unsere Demokratie einstehen werden. Gegenwärtigen und zukünftige Generationen, die durch Bildung und Unterricht zugerüstet werden.

In meinem Falle sind es die angehenden Polizistinnen und Polizisten der Bundespolizei. Wie diese Frieden und Gerechtigkeit umsetzen, kann im Rahmen des geltenden Gesetzes und des eigenen Gewissens nur jeweils die einzelne Person entscheiden und in ihrem Handeln transparent werden lassen. Und bei anderen sind es die jeweiligen Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Kinder, Enkel oder Patenkinder, die ihnen anvertraut sind.

Ich drehte die Musik noch etwas lauter – meine Gedanken verloren sich im sehnsuchtsvollen Klang des Gospels und Bildern von Musikerinnen und Musikern rund um den Globus, die diesem Sehnen vielgestaltig Ausdruck verliehen.

My dear Jewish friend 16: delivering a promise bit by bit – combating Antisemitism and racism through education

Tears ran down my cheeks. Hot and angry tears. It felt as if their trail was burning my skin. I remember well, when I had to break the news to you that I would be leaving the U.S. and returning to Germany. Our friendship was one of the most precious gifts I had been gifted with during our time in New York. Under your leadership we fed the hungry through the pantry of your synagogue and stilled the hunger of those, who had been hit hardest during the economic effects of the pandemic. It was on this day, that I promised to you that within my next call I would commit myself to fight Antisemitism and racism. I would infuse this commitment into the German Federal Police through education. Only a few months later, I started teaching young Police Cadets infusing the strong sense of commitment for Human rights, dignity and our German constitution, which was born as a democratic law out of the pain and death of millions.

Two years later, as I listened to the words of Dr. Borys Zabarko, my hand discreetly stroke my cheek down the same path the tears had taken over two years ago reminding me of the promise I had made to you. The auditorium was filled with 250 members of the German Federal Police. As Dr. Zabarko spoke about his experiences during the Holocaust, you could’ve heard a needle, if it would’ve dropped.

Dr. Zabarko had escaped the ghetto of Sharhorod as a child. After the Second World War he studied at the Chernivtsi University, and commenced his PhD at the Institute for History at the National Academy of Sciences of Ukraine in Kiev, where he received a PhD in 1971. He dedicated his whole career to combating Antisemitism and researching on the disaster of the Holocaust. The number of books he has written is impressive and he is at the forefront of research of the Holocaust in the Ukraine, gifting generations with his knowledge and commitment to combat this terrible heresy, which has cost millions of people their lives and has brought suffering over generations.

It was a twist of historical irony that he as a Ukrainian Jew was standing in front of a German audience, speaking about the horrible things which had happened through Nazi-Germany and its executive authorities. Now he had to flee his own country finding refuge where the perpetrators and terrible deadly heresy of Antisemitism had once installed a brutal system of death and catastrophe.

As he talked about the deadly role the police during the Nazi dictatorship had played, I held my breath and tried to swallow away the tears – the same hot tears of grief I had felt back then when I broke the news to you. Dr. Zabarko spoke about the massacre of Babyn Yar as the site of the largest massacre carried out by Nazi Germany’s forces during its campaign against the Soviet Union in World War II. It took place 29–30 September 1941, killing some 33,771 Jews in an industrial manner. He spoke about how the massacre was commenced with a mass ditch, in which line by line the victims fell through the hand of Sonderkommando 4a of Einsatzgruppe C, consisting of SD (Sicherheitsdienst) and SiPo (Sicherheitspolizei) men, the third company of the Special Duties Waffen-SS battalion, and a platoon of the No. 9 police battalion. As you can guess, a large number of these men had been police officers. While I glanced over the large number of listening police members and looked at the dark blue of my own police uniform, it felt as though not only the skin of my cheeks was set on fire. An important fire I hope others in the audience felt as well.

I am utmost blessed that the Leading Police Director understands my vision and calling. We share the same goal as we try to strengthen our democracy, standing up for human rights and combating Antisemitism, racism and any kind of exclusion through education and leading by example. There are so many obstacles in our way as we try to infuse these goals into the educational system of executive authority. Sometimes I am at the brink of giving up and the sacrifice of being ripped away from the comfort of our friendship seems to high of a cost as loneliness sometimes clouds my soul – but the shared goal of education within the German Federal Police and the promise I once made to you keep me going.

And I must admit: this remarkable day with Dr. Zabarko was in my eyes a living expression of the vision we are pursuing. It even found its outward expression as he signed the Golden Book of the City of Bamberg while Holocaust survivors, civil servants, politicians, and police officers were present.

I wish, you could’ve been here and experienced it first hand. I am delivering my promise to you bit by bit – with every new cadet being committed to combat Antisemitism, racism and other forms of hate. May it be a consolation across the miles as we are far apart, but united in heart and mind.

Von unfreiwilligen Zeitreisen und bitteren Mahnungen aus der Geschichte

Es glitzerte und funkelte an vielen Stellen der geräumigen Ausstellungsfläche. Leuchtendes Rot. Schimmerndes Grasgrün. Helles Sonnengelb. Durch tausend und ein Unikat strahlte uns handwerkliche Glaskunst entgegen und zog uns umgehend in den Bann. Mein Blick wurde magisch von einer kleinen gläsernen Erdkugel angezogen, die sich wie von magischer Hand in östliche Richtung drehte. Mitten in all der Glaskunst sah sie so friedlich und wunderschön perfekt aus- ein Blick auf unsere menschliche Heimat, die mir ohne einer Reise ins Weltall ermöglicht worden war.

Laut wissenschaftlicher Schätzungen bewegt sich unsere Erde seit etwa 4,6 Milliarden Jahren durch Raum und Zeit. Viele Spezies, Menschen, Völker und Regierungen hat sie kommen und gehen gesehen. Ich seufzte tief während mein Blick immer wieder besorgt auf einen Teil unserer Erde fiel, der überzogen war von Krieg, Leid und gewaltsamen Tod. Die Ukraine im Herzen Europas wurde innerhalb kürzester Zeit zum leidvollen Mittelpunkt unserer westlichen Welt. Ein schmerzhaftes Symbol für unsagbares Leid, das durch Menschen evoziert wird, die das Recht des Stärkeren meinen ausleben und umsetzen zu wollen. Koste es, was es wolle – tausende von Menschenleben, zerstörte Gegenwart und zerborstene Zukunft… Ich starrte erschrocken auf die kleine gläserne Erde, die zerbrechlich vor mir rotierte während sie sich in meiner Vorstellung rückwärts zu drehen begann und mich gedanklich mit in das Jahr 415 v. Chr. nahm. In eine andere Zeit und eine andere politische Situation, die aber dennoch in vielem so erschreckend der unseren ähnelt.

Der griechische Historiker Thucydides überliefert in seinem peloponesischen Krieg (Buch 5, Kapitel 84–116) durch den Melier-Dialog ein Kriegsszenario, das zum Mittelpunkt die zur Schaustellung der Macht des Stärkeren hatte und legt schonungslos eine brutale Kriegsmoral der damaligen griechischen Großmacht offen. Die überlieferte verbale Auseinandersetzung zwischen Athenern und Meliern spiegelt dies wieder. Die Hegemonialmacht Athen hatte sich zum Ziel gesetzt, die kleine, unabhängige Insel Melos unter deren Herrschaft zu zwingen. Interessant an diesem aus einem Krieg hervorgegangenen fiktiven Diskussion ist, dass der Autor Thucydides mit seinem Werk vor allem den Wendepunkt und moralischen Fall einer Weltmacht deutlich macht. Die zur Hilfe gerufenen Spartaner hielten sich in dieser schweren Situation zurück, da sie um ihre eigene Sicherheit fürchteten und lieferten somit die Anwohner Melos einem tödlichen Schicksal aus. Die beiden athenischen Diskussionsführer Cleomedes und Tisias verdeutlichen, wie eine Großmacht seine ethische Balance, seine Zurückhaltung und jegliche Orientierung an Rechten verloren hat, um sich selbst sklavisch an eine Macht klammern, die die Großmacht so gut wie verloren hatte und nach dieser kriegerischen Auseinandersetzung durch die Sizilienexpedition Wirklichkeit wurde.

Geendet hat dieser brutale Angriffskrieg der Athener laut Überlieferung von Thucydides mit einer Ermordung aller wehrfähigen Männer, sowie die Versklavung von Frauen und Kindern in Melos. Horrorszenario eines Krieges, in dem das Ziel des Machterhaltes über jeglichem Menschenleben und Wert stand.

Ich konnte nur schwer meinen Blick von der kleinen immer noch weiter rotierenden gläsernen Weltkugel nehmen und mich nur zögerlich von meiner unfreiwilligen Zeitreise lösen. Die Mahnungen aus der fernen Geschichte eines anderen Landes und einer anderen politischen Situation glich nicht nur durch den europäischen Horizont, sondern durch manche inhaltliche Ähnlichkeit.

Und ich muss bitter feststellen: wir haben weder gelernt noch uns an die antiken Überlieferungen erinnert, denn die Macht des Stärkeren wird gegenwärtig schonungslos ohne Rücksicht auf Leben und Würde in der Ukraine ausagiert.

Wenn Energie-Bomben in Kinderseelen Aversionen wecken

Strahlend schönes Wetter. Wie aus dem Bilderbuch Mitte April. Wir saßen auf der geräumigen Terrasse und kosteten die Zeit aus. Es war herrlich, endlich wieder mein Patenkind besuchen zu können. Die Osterkörbchen hatten bei meinem Patenkind und dessen Schwester (bereits etwas zugegebenermaßen vorzeitig) österliche Jubelrufe hervorgelockt. Nun saßen wir an der langen Kaffeetafel und unterhielten uns über die letzten Wochen, in der wir aufgrund multipler Corona-Erkrankungen in beiden Familien getrennt worden waren.

Während die Kinder sich süßen Kuchenfreuden zuwandten, ging das Gespräch der Eltern fachmännisch und fachfraulich in Richtung Osternester, dessen Dekoration und Füllung. Schnell stellten wir fest, dass unsere Kinder aufgrund ihres Altersunterschiedes durchaus verschiedene Wünsche hatten. Von unserem jüngsten Kind bis zur älteren Schwester waren es immerhin fünf Jahre Altersunterschied. Vom Patenkind zu unserem ältesten Kind stolze fünfzehn Jahre. „Naja“, sagte ich während meine Gabel zielsicher in ein Stück frischen Apfelstreuselkuchen stach, „unsere Jungs sind engagierte Sportler. Daher werden sie anstatt von viel Schokolade wahre „Energie-Bomben“ in ihren Osternestern finden. Die lieben Energieriegel!“ Plötzlich war die Unterhaltung der Kinder verstummt. Die siebenjährige Schwester meines Patenkindes sah mich mit großen traurigen Augen an. „Energie-Bomben? Die will ich nicht. Bomben sind schrecklich!“ Sie schüttelte den Kopf. Selbst die darauffolgenden Erklärungen konnten die Schatten dieses Wortspieles nicht vertreiben und hinterließen bei mir eine tiefe Traurigkeit. Selbstverständlich hatte ich wahrheitsgemäß vom Inhalt des Osternestes erzählt – doch mit keinem Wimpernschlag hatte ich vermutet, dass diese süßen Energieriegel und deren Bezeichnung solch eine negative Konnotation in sich bergen könnten. Es lagen nur fünf Jahre zwischen unseren Kindern, aber vom Welt- und Menschenverständnis waren es Welten, die Energie-Bomben in der kindlichen Vorstellung zu Waffen werden ließen.