Struggling for the Soul of a Nation

Eine Nation ringt um ihr eigenes Selbstbild

Mit jedem weiteren Schritt sank ich tiefer in den dunkelbraunen Ackerboden ein, dessen regelmäßiges Muster aus frisch gepflügten Ackerfurchen von wirr verstreuten plattgewalzten Panzerspuren unterbrochen war. Lachen und aufgeregtes Jauchzen erfüllte die frische Septemberluft während wir Kinder über das Feld stolperten, um die amerikanischen Soldaten zu begrüßen, die um unsere kleine Stadt das jährliche Herbstmanöver durchführten.

Für uns Zehnjährige war es eine wunderbare und willkommene Unterbrechung des Herbsteinerleis. Die amerikanischen Soldaten hatten stets allerlei Leckereien dabei, die sie uns schenkten. Noch heute erinnere ich mich an die Freude, das Lachen und die Bewunderung, die wir diesen Männern und Frauen entgegenbrachten. Wir als zweite Generation nach dem Krieg waren in dem Bewusstsein erzogen worden, dass die USA uns als Besatzungsmacht Demokratie und Fortschritt gebracht hatte. Daher waren für uns dessen Kultur und Gepflogenheiten von großem Vorbildcharakter.

Wenn ich erschöpft von diesen Herbstausflügen mit meiner Beute und Schuhen, die mit schweren Erdklumpen übersät waren, nach Hause kam, achtete ich stets darauf, dass ich sie reinigte. Denn jegliche Aufregung meines amerikanischen Ziehvaters musste aufgrund dessen schwerer Erkrankung durch seinen Militäreinsatz in Vietnam musste unbedingt vermieden werden. Von Kindesbeinen an war ich nicht nur aufgrund der engen Verzahnung des süddeutschen Raumes mit dessen Besatzungsmacht, sondern meines amerikanischen Vaters im Bewusstsein einer tiefen Wertschätzung für die Vereinigten Staaten von Amerika erzogen worden. Die USA schenkten Deutschland nach dessen Fall unter Hitler Demokratie, Fortschritt und Wohlstand. Immer wieder betonte mein Vater als US-Veteran, was viele andere ebenso unterstreichen: “The Greatest Nation on Earth”.

Jahrzehnte später lebe ich nun seit sechs Jahren in den USA. Als Pfarrerin einer deutschsprachigen Gemeinde in New York habe ich die schwerste Dienstzeit seit meiner Berufung in das Pfarramt erlebt: die Pandemie, dessen gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen erschüttern diese große Nation wie noch nie in diesem Ausmaß da gewesen war. Doch ein weiteres Beben erfasst das Land mit wachsender Intensität, das mit der pandemischen Krise verwoben ist. Denn die Ungleichheit von Chancen und ein ungerechtes soziales System basierend auf Hautfarbe und Herkunft werden hierdurch schonungslos aufgedeckt. So werden zum Beispiel Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe, solche von lateinamerikanischer Herkunft und auch solche indigener Herkunft werden fünf mal öfter aufgrund einer COVID-Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert. Dies liegt daran, dass diese zumeist keinen Arbeitsplatz haben, der ein Homeoffice ermöglicht. Sie sind überproportional häufig als sogenannte “Frontline Workers” tätig – als Kassierer, Pflegekräfte, Busfahrer und so viele mehr. Dies ist nur ein Ausdruck von vielen, die ein zugrundeliegendes rassistisches System offenlegt, das Personen mit dunkler Hautfarbe in Bildung, Ökonomie und Gesundheitsversorgung benachteiligt.

Während viele Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Politologen dieses Thema vielfach beleuchten, scheint für mich als Theologin die zugrundeliegende Thematik tiefer zu gehen. Die USA ist trotz der zunehmenden Gruppe der Konfessionslosen und der voranschreitenden Säkularisierung ein zutiefst religiöses Land, das in seinem Ringen um das eigene Selbstbild mit dem grundsätzlichen Glaubensgrundsatz des Imago Dei, also der Gottebenbildlichkeit allen menschlichen Lebens ringt.

Spürbar wird dies durch den immer deutlicher zutage tretenden Rassismus, auf dessen Existenz nicht nur systemisch hingewiesen, sondern auch zunehmend zu einem Thema der bevorstehenden Wahl des Präsidenten wird. Jim Wallis wies darauf hin, dass diese Wahl ein Test für Demokratie und Glauben sein würde.

Während in Übersee um das Selbstverständnis der USA gerungen wird, bin ich mir als eine Person, die auf deutsch-amerikanischem Horizont aufgewachsen und beruflich verflochten bin, der Auswirkungen dieses Ringens bewusst: Hier geht es um mehr als “nur” um ein Land. Da Amerika vielfach als die führende Nation der Welt gesehen wird, überträgt sich dieses Ringen auf andere Länder und deren gesellschaftliche Systeme. Sehen wir unseren Nächsten als ein Ebenbild Gottes, wie dies im Buch Genesis 1,26a (1) bezeugt ist? Räumen wir anderen dieselben Chancen, Lebensbedingungen und Bildungsmöglichkeiten ein, auch wenn sie sich von uns aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder ihres Glaubens von uns unterscheiden?

Was gäbe ich dafür, noch einmal die Sicherheit von damals zu verspüren… Während ich dies schreibe, schließe ich meine Augen und hole tief Luft. Aufgrund meiner Erinnerung hat sie einen erdigen Geruch, der nach frischen Septembertagen, Ausflügen auf durchpflügten Ackerfeldern und der Zuversicht geborgen in einer geschenkten Demokratie und Chancengleichheit zu sein, riecht.

Blogeintrag “Struggling for the Soul of a Nation” als Podcast

(1) “Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn”

Wenn nun das Salz nicht mehr salzt…

Der Frühstückstisch war reich gedeckt. Feiertage, an denen wir als Pfarrfamilie gemeinsam ausgiebig frühstücken können, sind selten und umso wertvoller, denn neben dem für Pfarrer*innen üblichen sonntäglichen Dienst haben Auslandspfarrer*innen selten einen Sonntag außerhalb der Urlaubszeit frei.

Ein fröhliches Gespräch rund um die beginnende Schule, das Einsetzen eines von der Pandemie geprägten neuartigen Alltages, aber auch so manchem vorsichtigen Fragen entspann sich zwischen Bacon, Semmeln, Frühstücksei und Co. Mein Blick blieb am kleinen Salzstreuer hängen, der wie immer bereit stand. “Ihr seid das Salz der Erde” – war dort in weißen Lettern auf blauem Hintergrund aufgedruckt. Vor vielen Jahren hatte ich mit diesen Salzstreuern des Amt für Gemeindedienstes in meiner damaligen Gemeinde in Bayern einen Gottesdienst gestaltet. Das Lachen meiner Familie verschwand in einer Gedankenwolke, die mich immer weiter in die biblische Worte Jesu hineinzog:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

Matthäus 5,13

Salz spielt in der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt war es über Jahrhunderte hinweg wertvoller als Gold. Heute ist Salz unser wichtigstes Würzmittel und für unseren Körper von großer Wichtigkeit.
Das sogenannte Kochsalz ist ein wichtiger Mineralstoff für unseren Körper, das den Wasserhaushalt, die Gewebespannung und die Grundlage für die Arbeit von Nerven und Muskeln ist. Es spielt sogar als Mineralstoff eine wichtige Rolle beim Knochenbau und bei der Verdauung. Kurz gesagt: Salz ist elementar wichtig für unseren Körper. Jeder Mensch braucht diesen Mineralstoff in Maßen, um nicht zu erkranken.

Zur Zeit Mahatma Gandhis war Salz nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der damaligen britischen Kolonie, sondern elementar wichtig zur Zubereitung des Reis als Grundnahrungsmittel und ebenso notwendig, um den täglichen Elektrolytverlust auszugleichen, der durch das heiße Klima evoziert wurde.

In einem 24-tägigen Salzmarsch zog Gandhi mit 78 seiner Anhänger im März 1930 von seinem Wohnort über 385 Kilometer nach Dandi am Arabischen Meer. Dort hob er als Symbolhandlung einige Körner Salz auf, um damit gegen das britische Salzmonopol zu demonstrieren. Tausende von Anhängern folgten seiner Zeichenhandlung. Weil aber jede Form der Salzgewinnung, des Salztransports und des Salzhandels per Gesetz nur den Briten vorbehalten war, wurden an die 50.000 Inder in der Folge verhaftet. Die Gefängnisse wurden mit Insassen überflutet. Letztendlich führte dieser friedliche, zivile Ungehorsam zur Unabhängigkeit Indiens.

Jahrzehnte später hatte die gewaltfreie Philosophie Gandhis den jungen Theologen Martin Luther King Jr. während seines Studiums zutiefst beeindruckt. Die Vorlegung Mordecai Johnsons, des damaligen Präsidenten der Howard University, zu Ghandis Leben, seiner Sozialethik und dem Konzept des “Satyagraha” (1) hinterließen tiefe Spuren in King, die er im christlichen Glauben Jesu Christi wiederfand und zum Grundkonzept seines politischen Handelns machte. Dabei war ihm eine Verbindung von Wort und Tat des Einzelnen durch Gewaltfreiheit wichtig. Beides, das Geschenk des Glaubens und die daraus resultierende, gewaltfreie und dem anderen zugewandte Handlung des Einzelnen stellte das Zentrum der Berufung des Glaubenden da. Dabei war es ihm wichtig, Unrecht zu benennen und die Verantwortlichen zur Verantwortung zur rufen. Nicht umsonst hatte er in einer Ansprache bei der Jahresversammlung der “Fellowship of the Concerned” im November 1961 darauf hingewiesen, dass alles, was Hitler damals in Deutschland vorgenommen hatte, legal gewesen sei:

It was illegal to aid and comfort a Jew, in the days of Hitler´s Germany. But I believe that if I had the same attitude then as I have now, I would publicly aid and comfort my Jewish brothers in Germany if Hitler were alive today calling this an illegal process.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 50.
(Übersetzung: Siehe Anmerkung 2)

Es ist eine schmerzhafte und umso wichtigere Mahnung, dass im Nationalsozialismus viele Vorgehensweisen, Gesetzgebung und Handlungen juristisch verifiziert und gerechtfertigt worden waren. Dies reichte von einer Verfolgung und Tötung von Juden und Minderheiten, über die Unterdrückung von Gegenstimmen bis hin zur Gleichschaltung von Kirchen und Universitäten. In schmerzhafter Weise sollte uns weiterhin bewusst sein, dass evangelische Kirchen in weiten Bereichen die nationalsozialistische Ideologie annahmen und umsetzten. Pfarrer, die sich gegen die vorherrschende politische Meinung aussprachen, wurden dienstrechtlich und disziplinarisch zum Schweigen gebracht.

Jesus Christus aber sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. – Identität im Glauben und Handeln müssen eine elementare Einheit im und durch den Glaubenden darstellen. Nur wenn wir als starke Gemeinschaft auftreten, die aus der Kraft des Glaubens schöpft und sich den Ungerechtigkeiten der Welt entgegenstellt, mögen sie offiziell legitimiert sein oder nicht, so können wir dem Reich Gottes den Weg bahnen.

Viele in den USA und an anderen Orten dieser Welt üben in diesen Tagen und Wochen eines bewegten Jahres 2020 diese Form des friedlichen Protests, um der Gerechtigkeit, Gleichheit und dem Frieden Vorschub zu leisten. Die Worte Dr. Kings gegenüber Robert Williams, einem Befürworter für militante Selbstverteidigung Schwarzer, können uns auch heute einen Weg jenseits eines Schweigens hin zu gelebter Solidarität für Unterdrückte und Benachteiligte aufzeigen:

There is more power in socially organized masses on the march than there is in guns in the hands of a few desperate men. Our enemies would prefer to deal with a small armed group rather than with a huge, unarmed but resolute mass of people. However, it is necessary that the mass-action method be persistent and unyielding. Gandhi said the Indian people must “never let them rest,” referring to the British. He urged them to keep protesting daily and weekly, in a variety of ways. This method inspired and organized the Indian masses and disorganized and demobilized the British. It educates its myriad participants, socially and morally. All history teaches us that like a turbulent ocean beating great cliffs into fragments of rock, the determined movement of people incessantly demanding their rights always disintegrates the old order.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 31. (Übersetzung: Siehe Anmerkung 3)

Eine direkte gedankliche Verbindung des gewaltfreien Widerstandes von Jesus Christus über Gandhi bis hin zu Martin Luther King Jr. kann uns Zuspruch und Anspruch zugleich sein. Die Kirchen sind hierbei in eine besondere Verantwortung gerufen, die auch nicht vor legitimierten Strukturen Halt machen darf, wenn diese dem Doppelgebot der Liebe als dem höchsten Gebot des Glaubens widersprechen. Der US-amerikanische Frühling und Sommer stellt dies auf eine harte Probe.

“Mama, kannst du mir das Salz bitte geben?” Ich tauchte aus meiner tiefen Gedankenwolke wieder auf. Meine Tochter sah mich ungeduldig an während ihre ausgestreckte Hand auf den Salzstreuer deutete. Behutsam strich ich nochmals über die Aufschrift des Salzstreuers, der bereits durch jahrelangen Gebrauch Spuren aufwies und reichte ihr schließlich den kleinen Streuer.

Wenn das Jahr 2020 zuneige gegangen sein wird, wird sich herausstellen, ob wir in unseren Handlungen in diesen schweren Monaten wirklich das Salz der Erde waren.


(1) Gewaltlose Grundhaltung, die versucht den Feind durch Vernunft zur Einsicht zu bewegen und zum Freund zu gewinnen)

(2) Übersetzung: In den Tagen von Hitlers Deutschland war es illegal, einem Juden zu helfen und ihn zu trösten. Aber ich glaube, wenn ich damals die gleiche Einstellung hätte wie heute, würde ich meinen jüdischen Brüdern in Deutschland öffentlich helfen und sie trösten, wenn Hitler heute noch am Leben wäre und dies als eine illegale Handlung bezeichnen würde.

(3) Übersetzung: In sozial organisierten Massen auf dem Marsch gibt es mehr Macht als in Waffen in den Händen einiger verzweifelter Männer. Unsere Feinde würden es vorziehen, sich mit einer kleinen bewaffneten Gruppe zu befassen, anstatt mit einer großen, unbewaffneten, aber entschlossenen Masse von Menschen. Es ist jedoch notwendig, dass die Aktionsmethode der Masse dauerhaft und unnachgiebig ist. Gandhi sagte, das indische Volk dürfe “sie niemals ruhen lassen” und bezog sich dabei auf die Briten. Er forderte sie auf, täglich und wöchentlich auf verschiedene Weise zu protestieren. Diese Methode inspirierte und organisierte die indischen Massen und desorganisierte und demobilisierte die Briten. Es formt seine unzähligen Teilnehmer sozial und moralisch aus. Die ganze Geschichte lehrt uns, dass wie ein turbulenter Ozean, der große Klippen in Felsbrocken schlägt, die entschlossene Bewegung von Menschen, die unablässig ihre Rechte fordern, immer die alte Ordnung auflöst.

Überlebenskampf der anderen Art

Wie Kirchen in USA in Zeiten von Corona um ihr Bestehen kämpfen

Betroffenes Schweigen breitete sich im digitalen Meeting der Pfarrkonferenz aus. Die sonst so fröhlichen und positiven Gesichter meiner Kolleginnen und Kollegen spiegelten den gemeinsamen Schmerz und die in ihnen aufkeimende Angst wieder. “Man! I am so sorry to hear that! We´ll be prayin` for you and your congregation.” Während der sonst immer so fröhlichen Ankommensrunde, hatte ein Kollege von seiner gegenwärtigen Situation berichtet. Nachdem er selbst im Frühling mit COVID erkrankt war, musste er sich zusammen mit seiner Gemeinde nun einem Überlebenskampf der anderen Art stellen: Aufgrund der stark gefallenen Einnahmen seiner Gemeinde, die sich aus Mitgliedsbeiträgen und Vermietungen des Gebäudes speisten, hatte die Gemeindeleitung ihm mitgeteilt, dass sie in den kommenden Wochen sein Gehalt nicht mehr zahlen könne.

In den USA finanzieren sich protestantische Kirchengemeinden selbst. Sie speisen sich weder aus einer Kirchensteuer wie in Deutschland, noch einem Solidaritätsprinzip wie in Schottland. Sie sind dem Gesetz des Marktes ebenso ausgesetzt wie ein Geschäft oder ein Sportverein. Auf diesem religiösen Markt müssen sie sich mit ihrem Angebot behaupten und sind direkt auf die Unterstützung ihrer Mitglieder angewiesen. Im Zuge der Pandemie erleben die Vereinigten Staaten eine der schwersten dokumentierten wirtschaftlichen Krisen. Allein im Staat New York sind laut dem “Bureau for Labor Statistics” 15.7 % der Arbeitnehmer im Juni 2020 arbeitslos. Diese Entwicklung betrifft umgehend Kirchen, die in direkter Weise von den Zuwendungen ihrer Mitglieder abhängig sind. Da aufgrund der Pandemie weitere Einnahmequellen wie Vermietungen und Veranstaltungen ebenso entfallen, haben zahlreiche Kirchengemeinden existenziellen Probleme, die selbst vor einem Pfarrgehalt nicht Halt machen.

Erste Initiativen wie “Churches helping Churches“, die von Justin Giboney gegründet worden war, versuchen basierend auf den biblischen Vorbild ein Solidaritätsangebot in dieser Notsituation bereitzustellen. Im Mittelpunkt steht hierbei ein Bericht aus der Apostelgeschichte:

Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

Apg 2,45 (Lut 2017)

Inzwischen ist mit einer Pandemie, die über ein halbes Jahr die Vereinigten Staaten und deren ökonomische Talfahrt prägt, jede Form der Hilfe vor allem für kleine und mittlere Gemeinden überlebenswichtig, denn fast ein Fünftel der protestantischen Kirchen verfügt laut einer in 2017 durchgeführten Umfrage von LifeWay Research verfügt nur die Hälfte der Kirchen 2017 über lebensnotwendige Reserven, die ein Weiterbestehen im extremen Einnahmeausfall von höchstens 15 Wochen (sog. “Rainy Day Funds”) sichert. Besonders betroffen sind hierbei Minoritätskirchen, die auf eine besondere Zielgruppe zugehen und durch eine überschaubare, kleine Mitgliederschaft gekennzeichnet sind. Besonders kleine afro-amerikanische Kirchen seien hierbei laut Barna in großer Gefahr. Doch dieser Trend gilt ebenso für andere, kleine und vielleicht in ihrem Profil spezialisierte Kirchen.

Durch die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie wird sich in den USA die Vielfalt der religiösen Landschaft massiv verändern. Es ist davon auszugehen, dass manche Glaubensrichtung in gewissen Landstrichen unterversorgt sein wird, da schlicht ein adäquates und räumlich zugängliches Angebot fehlt. Selbstverständlich kann ein digitales Angebot Entfernungen überbrücken und Zugang zu gottesdienstlichen und geistlichen Veranstaltungen ermöglichen. Doch aus meiner Sicht zeichnet Kirche vor allem aus, dass sie mit Bonhoeffer gesprochen für andere da ist und sich um die Bedürfnisse derer kümmert, die sich am Rande der Gesellschaft befinden. Gerade in den USA, wo es keine vergleichbare Institution wie die Diakonie gibt, sind viele angewiesen auf greifbare Hilfe vor Ort durch Tafeln, Kleiderkamern und andere diakonische Initiativen, die bis dato von Kirchengemeinden übernommen wurden. Durch das Sterben kleiner Gemeinden wird auch die Hilfe für die Ärmsten der Armen weniger zahlreich und zugänglich werden. Eine weitere bittere Auswirkung der Pandemie.

Selbstverständlich spürt auch die Kirche in Deutschland die finanziellen Auswirkungen der Pandemie. Die neuesten Kirchenaustrittszahlen sind sicherlich auch dieser weltweiten Krise mit geschuldet. Doch nehme ich ein sehr besonnenes Handeln in Kirchenleitungsebenen wahr, die bereits vor der Pandemie wie der bayerische Zukunftsprozess “Profil und Konzentration”. Hier wird versucht, Zukunft nicht nur zu denken, sondern bereits in der Gegenwart durch Projekte und Umstrukturierung zu ermöglichen.

Vor allem in Zeiten wie Corona wäre ein etabliertes Solidaritätsprinzip und ein Reformprozess dringend notwendig, aber dieser aufgrund der losen Verbindung bzw. kompletten Eigenständigkeit von Kirchengemeinden undenkbar. Dafür trifft diese die ökonomischen Auswirkungen in oftmals existenzieller Weise.

Das spürt nun die Gemeinde des Kollegen in direkter Form. Nachdem er diese Nachricht an uns weitergegeben hatte, wich das Schweigen erst nach langen Schrecksekunden einer geschäftigen Runde von Fragen und Ratschlägen. Allen dämmerte sehr schnell, dass je länger die Pandemie anhalten würde, diese Situation keine einzelne bleiben würde.

“Good Trouble” – Amerika nimmt Abschied von John Lewis

Amerika gedenkt John Lewis, einem der berühmtesten Vertreter der Bürgerrechtsbewegung neben Martin Luther King Jr., der am 17. Juli verstorben ist. Sein Aufruf “Good Trouble” im Namen der Gerechtigkeit auszulösen, kann uns heute rund um die Welt inspirieren während wir uns für eine gerechte und inklusive Gesellschaft engagieren. Mehr dazu in diesem Vlog.

Von Pandemien und geschichtlichen Lektionen

Trotz der hochsommerlichen Temperaturen lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunter während ich voller Unglauben den Worten Trumps zuhörte. Normalerweise mied ich FOX News, doch dieser Sonntag zog mich und viele andere magisch vor den Fernseher. Chris Wallace, Moderator von FOX News Sunday, befragte den Präsidenten auf viele für seine Amtszeit relevante Themen. Die Unterhaltung führte schnell auf das brennende Thema der Pandemie. Selbstbewusst äußerte Trump, dass die USA eine der niedrigsten Mortalitätsraten der Welt habe. Auf Widerspruch des Moderators hin bat Trump sein Team um einen aktuelle. Ausdruck mit den neuesten Zahlen, die dem Weißen Haus vorlagen. Innerhalb von Augenblicken händigte eine Mitarbeiterin dem Präsidenten einen in großem schwarzen Lettern gestalteten Ausdruck. “Sehen Sie!”, sagte er während er stolz mit dem Zettel wedelte, “Ich habe recht!”

Laut eines Berichtes der New York Times hingegen haben die Vereinigten Staaten von Amerika die acht höchste Mortalitätsrate aller vom Coronavirus betroffener Länder. Eine orwellianische Situation sondergleichen offenbarte sich in diesem Interview vor meinen Augen, in der Wahrheit durch die Person im höchsten US-amerikanischen Amt passend gemacht wurde.

Das Interview zeigte wie kein zweites, mit welcher Ruchlosigkeit und kalkuliertem Umgang mit falschen Informationen die gegenwärtige Regierung versuchte, ihren eigenen Fall zu verdecken und als Sieg über einen unsichtbaren Feind zu maskieren. Doch selbst der Rahmen des sonst so Trump-freundlichen TV-Senders konnte dies nun nicht mehr verdecken und war für eine noch breitere Masse offenbar geworden.

Während sich Trump im Interview nervös von einem Thema zum nächsten hangelte, wanderten meine Gedanken in ferne, längst vergangene Jahrhunderte, in der schon einmal eine Seuche das die Machtverhältnisse von Mächten verändert hatte:

Unter Kaiser Justinian (527–565) war eine Pandemie ausgebrochen, die in Ägypten ihren Ursprung genommen hatte, dann 542 Konstantinopel erreichte und sich danach im gesamten Mittelmeerraum verbreitete. Die sogenannte Justinianische Pest rief eine Hungersnot und unglaubliches soziales Elend hervor, an die mich in USA die Auswirkungen der gegenwärtigen Pandemie in besorgniserregender Weise erinnern.

Klaus Bergdolt beschreibt in seinem Buch “Der schwarze Tod Europas” (1):

Wir wissen heute, daß die Justinianische Pest unabsehbare politische Konsequenzen hatte. […] Pest und Politik bildeten zur Zeit der Völkerwanderung zeitweise zwei Seiten einer Medaille.

Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod Europas: Die große Pest und das Ende des Mittelalters, München 2003, 5. Auflage, S. 16.

Daher ist es für mich kaum verwunderlich, dass auch in den Vereinigten Staaten von Amerika Politik und Pandemie eine enge und durchaus makabere Verbindung eingegangen sind, indem das Agieren mancher Politiker wenig Sorge um die Betroffenen trägt als um den eigenen politischen Erfolg und das persönliche Fortkommen.

Und es geht in den USA um nichts weniger als um die Gestalt einer ganzen Nation. Ibram X. Kendi hebt hierbei hervor:

Ich denke, Amerikaner müssen entscheiden ob diese Nation eine multikulturelle Nation ist oder nicht. […] Wir haben noch nicht entschieden, als Staat, nicht einmal als Progressive und Liberale, ob wir eine multikulturelle Nation oder eine monochrome Nation sind.

Daniel Bergner, Whiteness Lessons, The New York Times Magazine, July 19, 2020, p. 50.

Das Beispiel der Justinianischen Pest zeigt deutlich, dass Pandemien Machtverhältnisse verändern und sogar Imperien, die Menschen ausbeuten und ihren Reichtum auf den Schultern anderer aufbauen, in die Knie zwingen können. Es sei an dieser Stelle deutlich hervorgehoben, dass wir gegenwärtig noch nicht das gesamte Ausmaß der Pandemie, ihre zukünftigen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, einzelne Länder oder die Gestaltung des globalen Machtverhältnisses absehen können. Für mich aber bleibt auf dem geschichtlichen Hintergrund ein Hoffnungsschimmer am Horizont der Pandemie: dass die wahre Agenda der jeweiligen Regierung entblösst wird und unter Umständen einem Wechsel zum Besseren weicht.

Hoffentlich ist dies nicht zu spät für eine Weltmacht, die sich über Jahrzehnte als Hüterin der Demokratie und Menschenrechte versteht, und gezwungen wird sich ehrlich mit ihrer eigenen gebrochenen Existenz auseinanderzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass sie dann endlich ihren selbstgegebenen Idealen von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück für alle gerecht wird.


(1) Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod Europas: Die große Pest und das Ende des Mittelalters, München 2003, 5. Auflage.

Waffen der Gerechtigkeit

Es war wie ein New Yorker Tag aus dem Bilderbuch mit einem strahlen blauen Himmel. Ein leichter Wind wehte wohltuend durch die Häuserschluchten und erfrischte mich beim Gehen trotz der hochsommerlichen Temperaturen. Sie die berühmte 5th Avenue, auf der es von Fußgängern und dichtem Verkehr immer nur so wuselte, war fast ausgestorben. Die meisten Luxusgeschäfte, in der die Reichen und Sternchen dieser Welt ihren Kaufgelüsten nachgingen, waren geschlossen. Manche waren immer noch seit dem Beginn der Unruhen vor einigen Wochen mit Sperrholzplatten vernagelt.

Während PRADA & Co. und deren kaufkräftige Kunden nun ins “pademie-sichere” Online-Geschäft migriert waren, ringt die USA mit diesem Dämon, der aus dem Ringen nach Profit, Konsum und Eigensucht geboren worden war: der Marginalisierung und Ausbeutung von Menschenleben und konkreten gesellschaftlichen Schichten.

Ich kehrte dem PRADA-Geschäft und seiner teuren Auslage den Rücken und konzentrierte mich auf den leuchtend gelben Schriftzug vor mir auf der 5th Avenue, der mir tröstend in großen Lettern BLACK LIVES MATTER entgegen strahlte.

BLACK LIVES MATTER, 5th Ave zw. 56. und 57. Street
BLACK LIVES MATTER, 5th Ave zw. 56. und 57. Street

Donnerstag vor einer Woche (9. Juli) hatten namhafte Vertreter New York Citys zusammen mit Bürgermeister Bill De Blasio vor Trump Tower diesen leuchtend gelben Schriftzug eigenhändig aufgezeichnet. Jeder Besucher und Bewohner dieses Luxusgebäudes auf einer der teuersten Straßen der Welt würde sich nun nicht mehr der “Black Lives Matter”-Bewegung und ihrem mahnenden Ruf gegen systemischen Rassismus entziehen können. Just nach Bekanntgabe des Plans sprach Präsident Trump via Twitter von einem Symbol des Hasses und einer Verunglimpfung der Luxusstraße. Eine Reaktion, die die Zeichenhandlung gegen ein ungerechtes kapitalistisches System nur noch mehr unterstrich.

Trump Tower, 5th Ave
Trump Tower, 5th Ave

Die Anbringung des Schriftzuges durch Vertreter New York Citys und Bürgermeister De Blasio erinnern mich an eine Reihe von Propheten, die die Botschaft Gottes durch ihre Handlungen sichtbar und erfahrbar werden ließen. So wird zum Beispiel von Jesaja berichtet, dass er drei Jahre nackt in Jerusalem herumgelaufen sei (Jes 20,3). Die Zeichenhandlungen der biblischen Propheten reichen von Haarescheeren (Ezechiel), über die Auferlegung eines Jochs (Jeremia) bis hin zur Heirat einer Prostituierten (Hosea) und Benennung von Söhnen mit Symbolnamen (Jesaja und Hosea).

Propheten waren dazu berufen, Gottes Botschaft zu den Menschen zu bringen und auf Ungerechtigkeiten in Gesellschaft und Politik hinzuweisen. So nahm der Prophet Amos kein Blatt vor den Mund als er auf die sozialen Zustände seiner Zeit hinwies und die Frauen der damaligen Oberschicht als “fette Kühe” bezeichnete, deren Familien aufgrund der Ausbeutung von niederen Gesellschaftsschichten zu ihrem Wohlstand und Reichtum gelangt waren:

Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen! Gott der Herr hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinausmüssen, eine jede vor sich hin, und zum Hermon weggeschleppt werden, spricht der Herr.

Amos 4,1-3

Die prophetische Tradition die Wahrheit Gottes und dessen Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft auszusprechen und nicht vor den Zentren der Macht noch deren Vertretern in Gesellschaft und Politik zurück zu schrecken, ist ebenso bei Jesus vorzufinden. Er scheute sich nicht vor Diskussionen mit Entscheidungsträgern und lies das Reich Gottes Realität werden, indem er Kranke heilte, Ausgestoßene Aufmerksamkeit und Straftätern eine Möglichkeit zur Rückkehr gewährte. Dabei wartete er nicht auf den Beschluss eines Gremiums noch seiner Jünger, sondern wendete sich denen am Rand der Gesellschaft Befindlichen zu. Den Schwächsten und Bedürftigen. Dies gab er auch seinen Jüngerinnen und Jüngern als Richtschnur für ihr eigenes Handeln auf.

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Mt 25,35-36

Weiterverfolgen können wir diese Tradition beim Apostel Paulus, der in seinem ersten Brief an die Korinther darauf hinwies, dass wir als Gemeinschaft ein Ganzes darstellen. Hierfür nutzte er das verständliche Bild des Leibes. Jeder hat sicherlich schon einmal erlebt, dass ein Körperteil erkrankt war und dadurch die ganze Person leiden musste. Diese Gesamtheit lässt sich ebenso auf gesellschaftliche Strukturen übertragen (1. Kor 12,26). Martin Luther King Jr. aktualisierte diesen Gedanken in einem fiktiven Brief des Apostels an amerikanische Christen, den er am 4. November 1956 neun Tage bevor der oberste amerikanische Gerichtshof die Segregation im Bustransport Alabamas als verfassungswidrig erklärte:

Der Missbrauch des Kapitalismus kann auch zu tragischer Ausbeutung führen. Dies ist in eurer Nation so oft passiert. Sie sagen mir, dass ein Zehntel der Bevölkerung mehr als vierzig Prozent des Reichtums kontrolliert. Oh Amerika, wie oft hast du den Massen das Nötigste genommen, um den [höheren] Klassen Luxus zu geben. Wenn ihr eine wahrhaft christliche Nation sein wollt, müsst ihr dieses Problem lösen. […] Ihr könnt im Rahmen der Demokratie arbeiten, um eine bessere Verteilung des Wohlstands zu erreichen. Ihr könnt eure mächtigen wirtschaftlichen Ressourcen nutzen, um die Armut vom Erdboden zu wischen. Gott hatte nie vor, dass eine Gruppe von Menschen in überflüssigem, übermäßigem Reichtum lebt, während andere in bitterer, tödlicher Armut leben. Gott beabsichtigt, dass alle seine Kinder die Grundbedürfnisse des Lebens haben, und er hat in diesem Universum “genug und teilbares” für diesen Zweck gegeben. Deshalb fordere ich euch auf, die Kluft zwischen bitterer Armut und überflüssigem Reichtum zu überwinden.” (1)

Martin Luther King, Jr., Pauls Letter to American Christians

Unglaubliche 64 Jahre später, ringt die USA immer noch um ein gerechtes gesellschaftliches System, das durchwoben ist von einer Benachteiligung gegenüber farbigen Bevölkerungsgruppen und anderen Minoritäten am Rande der Gesellschaft. Es bedarf daher vieler mutiger Personen, die in prophetischer Tradition gegen diese Ungerechtigkeiten aufsprechen und ihre Stimme für die erheben, die keine Stimme haben. So wie dies gegenwärtig durch die Bewegung “Black Lives Matter” geschieht. Ein biblische Erbe das Christinnen und Christen mutig annehmen sollten.

Eine Person äußerte mir gegenüber letztens ihre Erleichterung, dass Deutschland nicht mit den amerikanischen Problemen des Rassismus behaftet sei. Das ist zu einfach gedacht. Rassismus ist eine gesellschaftliche Realität in Europa. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Antisemitismus als dessen häretischer Zwilling unglaubliches Leid über Deutschland, Europa und weite Teile der westlichen Welt gebracht hat. (2) Während ich sprachlos in den Telefonhörer starrte und die Worte der Person ungehört an mir herunter perlten, zogen mich meine Gedanken in die Zeit des Nationalsozialismus: Was wäre gewesen, wenn man damals mutig aufgestanden wäre als Christen und als Kirche und vor die damaligen Zentren der Macht als deutsches Pendant “Jüdisches Leben Ist Wertvoll” oder den Anglizismus “Jewish Lives Matter” geschrieben hätte? Stattdessen wählten die großen Kirchen den Weg in die Mittäterschaft und unterstützten das mörderischste Hasssystem der Welt in seiner menschenverachtenden Politik. Gerade deshalb geht es Christ*innen in Deutschland besonders an! Sie müssen sich verpflichtet fühlen zu dem Jahrtausende alten Ruf der Propheten, der gegen Ungerechtigkeit von Benachteiligten und Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft aufspricht. Weil andere Minoritäten sich in sozialer und finanzieller Not befinden, könnte zum Beispiel auch andere Rufe laut werden, wie…

“Jewish Lives Matter”

oder “Sinti Lives Matter”

oder “Homeless Lives Matter”

oder “Female Lives Matter” und so viele mehr.

Ich träume von einer Kirche, die dem prophetischen Ruf Gottes folgt und tief in der Beauftragung Jesu Christi verwurzelt ist. Je mehr diesem Ruf folgen, umso größer wird das Reich Gottes bereits in dieser Welt. Ein Vorgeschmack auf den Himmel und wie Gott sich unsere Welt erhofft.


(1) Originaltext: “The misuse of Capitalism can also lead to tragic exploitation. This has so often happened in your nation. They tell me that one tenth of one percent of the population controls more than forty percent of the wealth. Oh America, how often have you taken necessities from the masses to give luxuries to the classes. If you are to be a truly Christian nation you must solve this problem. You cannot solve the problem by turning to communism, for communism is based on an ethical relativism and a metaphysical materialism that no Christian can accept. You can work within the framework of democracy to bring about a better distribution of wealth. You can use your powerful economic resources to wipe poverty from the face of the earth. God never intended for one group of people to live in superfluous inordinate wealth, while others live in abject deadening poverty. God intends for all of his children to have the basic necessities of life, and he has left in this universe “enough and to spare” for that purpose. So I call upon you to bridge the gulf between abject poverty and superfluous wealth.

in: Martin Luther King Jr., A Knock at Midnight, 1998, S. 28.

(2) Auf diese Analogie hatte ich vor einiger Zeit in dem Artikel “Denk ich an Amerika”, Christ & Welt hingewiesen.

Wenn die Ebbe einsetzt…

Die Hitze des amerikanischen Ostküstensommers lähmte meine Bewegungen. Ich hatte mich in eine schattige Ecke unseres Balkons verzogen und betrachtete melancholisch die Bilder unseres Familienurlaubes vor genau einem Jahr. Damals hatten wir im Anschluss an eine Konferenz für EKD-Pfarrerinnen und Pfarrer, die nach Nordamerika als entsandt worden waren, für einige Tage ein kleines Haus am Strand gemietet. Nachdem ich als mitverantwortliche Person diese Konferenz organisiert und geleitet hatte, waren wir froh um die herrliche Ruhe, die Nähe zum Strand und den verlässlichen Rhythmus von Ebbe und Flut.

Ein Ausflug führte uns an einen wunderschönen Strand bei Bodega Bay, Sonoma County, der direkt an der Migrationsroute von Grau- und Blauwalen lag. Der kleine Strandabschnitt schmiegte sich sanft in eine Bucht und gab unseren Kindern die Möglichkeit auf samtweichen, hellgelben Sand spielen zu können. Mit dem Einsetzen der Ebbe wurden immer mehr Teile des Strandes sichtbar, die vorher vom Wasser verdeckt worden waren.

“Wenn das Wasser geht, werden nach und nach Dinge aufgedeckt, die man vorher so nicht wahrnehmen kann”, schoß es mir durch den Kopf, während ich den Verlauf der Küste auf dem Bild nochmals mit den Augen verfolgte. Bei diesem Gedanken stockte ich plötzlich. Das kam mir auf einmal sehr bekannt vor.

Gezeiten spielen bei Warren Buffet, einem US-amerikanischen Investor und drittreichstem Mann der Welt, im Zusammenhang von ökonomischen Betrachtungen eine interessante Rolle. In einem Brief an Aktionäre von Berkshire Hathaway hatte er im Februar 2008 ein interessantes Bild zur Verdeutlichung von ökonomisch schwierigen Zeiten und deren Auswirkungen verwendet. Hier schrieb er:

It’s only when the tide goes out that you learn who’s been swimming naked.

(Übersetzung: “Erst wenn die Flut geht, sieht man, wer nackt geschwommen ist.”)

Warren Buffet, Letter to Berkshire Hathaway shareholders, Feb 2008

Nun war mit der Pandemie weltweit in vielen Ländern eine wirtschaftliche Ebbe eingetreten. Nicht einmal während der Weltwirtschaftskrise von 1929 waren in den USA so viele Menschen arbeitslos wie in diesem Jahr aufgrund der Auswirkungen der Pandemie. Kein Bereich des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ist davon verschont. Auch nicht die Glaubensinstitutionen – oder sollte ich schreiben, gerade sie?

Wenn die ökonomische Ebbe einsetzt, sieht man deutlich, wie es um eine Institution, ein Unternehmen, eine Kirche und andere wirklich gestellt ist. Zwei Mal habe ich diese grundlegende Erfahrung als Pfarrerin sammeln müssen. Das erste Mal im Rahmen meines Dienstes in der Church of Scotland als die amerikanische Immobilienblase 2007 zu einer Wirtschaftskrise führte. Damals begleitete ich eine Gemeinde, die aus drei ursprünglich eigenständigen Gemeinden in eine zusammengefasst wurde, und mehrere ihrer Kirchengebäude zu veräußern, um überlebensfähig zu bleiben. Heute erlebe ich den unbarmherzigen Zusammenhang von Finanzen, Weltkrise und Kirche in meinem Dienst als Auslandspfarrerin in einer Gemeinde in New York, die sich zum allergrößten Teil nebst meines Gehaltes selbstfinanzierten muss.

Beide Gemeinden unterscheiden sich nicht nur durch ihren geografischen Ort signifikant, sondern ebenso durch Aufbau und Struktur. Erstere war eine Inselgemeinde mit überschaubarem Einzugsbereich und kleiner, über Jahrzehnte und manchmal Generationen verbundenen Mitgliedern. Zweite hingegen hat einen Einzugsbereich, der ungefähr dem Frankens gleicht, wobei jährlich im Sommer mindestens die Hälfte der Mitglieder durch Zu- und Wegzug von Expats (1) ausgetauscht wird.

Und dennoch hat sich bei beiden beim Er- und Durchleben einer ökonomischen Ebbe eines aufgezeigt: dort, wo Kirche für andere da ist, wo sie Heimat ist und sich um die in Not Geratenen kümmert, mag sie vielleicht ökonomisch “nackt” sein, aber immer wieder auf ihre Füße kommen. Eine solche Kirche bzw. Glaubensgemeinschaft macht das Rückgrat und Zentrum unseres Glaubens transparent : Die Sorge um den Nächsten, wie sie von Jesus gelebt wurde und uns Christen aufgetragen wurde, wird hierdurch erfahrbar.

Kirchen hingegen, die sich mehr um die auf einmal verspürte “Nacktheit” gekümmert haben, in stundenlangen Gremiumssitzungen diese Probleme betrachteten, lange und komplexe Statements ohne Taten verfassten, kamen in einer ökonomischen Ebbe nur schwer wieder auf die Füße.

Ich kann gut verstehen, dass die nicht nur in Deutschland eingetretenen Austrittszahlen verängstigen. Umso wichtiger ist es, dass sich Kirche und Glaubensgemeinschaften als relevant und nah zeigen – genau dort, wo unser Nächster unsere tatkräftige und unbürokratische Hilfe in Notzeiten benötigt. Dies kann sich in sehr unterschiedlicher Weise ausgestalten – ich möchte den Leser und die Leserin dabei nicht in eine gedankliche Enge führen. Eines aber würde ich mir sehr wünschen: dass wir uns zu unserem bedürftigen Nächsten tatkräftig auf den Weg machen, damit Kirche mitten in einer ökonomischen Ebbe dem Ruf Jesu nachkommen kann.

Wir sollten es trotz all der Angst vielleicht auch als Chance begreifen, die uns zu unserem “nackten” Selbst als Kirche wie Christus uns berufen hat, zurückführen könnte.


(1) Fach- oder Führungskraft, die von einer international tätigen Organisation im Rahmen einer Auslandsentsendung vorübergehend an eine ausländische Zweigstelle entsandt wird.

Amerika im Ausverkauf

Ich schob meinen Einkaufswagen durch das immer noch ungewohnte Labyrinth von Einbahnstraßen. Alltägliches wie der Samstagseinkauf im Supermarkt war einer neuen Realität gewichen. Regale waren ausgedünnt und in weiterem Abstand voneinander platziert worden, um den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen genüge zu leisten. Ein “Einbahnsystem” vergrößerte das Gefühlt trotz allem einen sicheren Einkauf mitten in der Pandemie tätigen zu können.

Nachdenklich schob ich die wertvolle “Essensfracht” gen Kasse als mir ein Luftballon in Herzform und amerikanischer Fahne in einem Regal auffiel. Dahinter prange auf rotem Hintergrund in großer Schrift ein Ausverkaufsschild. Welch ironisch passendes Bild an einem Tag wie dem heutigen während die Nachrichten über ein Land hereinbrechen, das sich als führende Weltmacht und Verteidigerin der Demokratie versteht. Nun aber ist es weltführend im Ausbruch des Coronavirus und dem Zusammenbruch seines eigenen Justiz- und Wertesystems. “Amerika befindet sich im Ausverkauf”, schoß es mir unweigerlich beim Anblick der Supermarktauslage durch den Kopf.

Amerika im Ausverkauf
Amerika im Ausverkauf

Laut New York Times (Stand 11. Juli 2020) wurden über 3,199,700 Personen in den USA mit COVID-19 infiziert, wobei mehr als 133,900 an dem tückischen Virus verstarben. Nachdem viele US-amerikanische Staaten meinten, sich zwischen einer florierenden Wirtschaft und dem Sieg gegen das Virus entscheiden zu müssen, schoben viele Staaten Sicherheitsvorkehrungen beiseite und öffneten ihr gesellschaftliches und ökonomisches Leben vorzeitig. Sie führen nun die Statistik in besorgniserregender Weise an.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Menschenleben und -schicksale, die allesamt durch das Versprechen der USA miteinander verbunden sind. Generationen von Migranten hat es und führt es immer noch im Sehnen nach einem besseren, gerechteren Leben in die “Neue Welt”. Diese Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft spiegelt sich in den Worten der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 wieder, denen sich alle US-Bürger*innen verpflichtet wissen. Diese Erklärung hatte sich gegen eine Kolonialmacht und deren Ausbeutung gestellt und besagt, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten, wie Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit ausgestattet sind. (1) Damals waren diese für „weiße“ Männer mit signifikanten Besitz geschrieben worden. Trotz der ursprünglichen Intension bergen die Worte der Unabhängigkeitserklärung den wichtigen Schatz der Gleichheit und Freiheit in sich, die entdeckt bzw. wiederentdeckt werden sollten.

Doch die Pandemie legt die wahre, aktuelle Struktur dieses Landes bloß: Es ist gegenwärtig regiert und dominiert von Personen, die dem Kapitalismus und dem Eigengewinn mehr Gehör schenken als den Bedürfnissen und Nöten der Nächsten. Gleichzeitig erodieren juristische Werte und Grundbeschaffenheiten, die die grundsätzlichen Versprechen der Unabhängigkeitserklärung nicht nur widersprechen, sondern mit ihr brechen. Die Reduktion des Strafmasses von Robert Stone, des ehemaligen Beraters und Freundes Donald Trumps, ist der letzte Ausdruck eines Ausverkaufs Amerikas. Die ehemals führende Industrienation befindet sich im Ausverkauf zu Gunsten einer kleinen profitierenden Schicht, deren Seilschaften und Verflechtungen gegenwärtig stärker sind als das demokratische System. Es bleibt zu hoffen, dass Amerikas Bevölkerung erwacht und die Macht der Basisdemokratie als Chance und Waffe gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen zugunsten weniger wiederentdeckt.

“Excuse me, Ma’am!” raunte eine ältere Dame mir entgegen während sie versuchte, ihren Einkaufswagen an mir vorbei zur Kasse zu manövrieren. Ich schob hastig meine Fracht zur Seite, um ihr Platz zu machen. Als ich über die Schulter blickte, hatte sich das amerikanische Luftballonherz vor das Ausverkaufsschild geschoben und damit verdeckt. Ich hoffe sehr, dass Amerika in den kommenden Monaten auf dem Weg hin zu einer Neuwahl sein eigentliches Herz wiederentdeckt, das besonders stark für eine Gleichheit aller schlagen sollte.


(1) Declaration of Independence, 1776: “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Stürmische Zeiten

Ausdauernd prasselte Regen auf die Dachfenster des Pfarrhauses während sich der Rhythmus der Regenbänder immer schneller wurde. Ich starrte nachdenklich aus dem Fenster und sah den ersten Ausläufern des tropischen Sturmtiefs zu, das im Laufe des Tages in rotierenden Regenbändern eine signifikante Menge an Niederschlag und bis zu 50 miles/h an Winden mit sich bringen sollte.

Seit Monaten fühle ich mich wie von einem großen, andauernden Sturm erfasst. Corona, Rassenunruhen, Polizeigewalt, Kampf gegen Armut und Hunger… Wie in einem immer währenden Zyklus kreisen diese Traumata wie gegenwärtig der tropische Sturm Fay über der Metropolregion New York und der gesamten USA. Es gibt Phasen, an denen meine Nerven sehr strapaziert sind. Nicht selten frage ich mich, ob meine Schlechtwetterkleidung als Pfarrerin, die vor allem aus einer tiefen Verwurzelung im Glauben besteht, ausreichend ist.

Søren Kierkegaard wies in seiner Auslegung von Mt 11,30 auf die besondere Kraft des Glaubens hin, der in angeblich unmöglichen und aussichtslosen Situationen die Perspektive nicht verliert. In der Bibelstelle betont Jesus, dass sein Joch sanft ist und seine Last leicht. Während viele diese Aussage als ein Paradoxon bezeichnen würden, weißt Kierkegaard auf das Vorbild des Kreuzes hin, die alle menschliche Logik auf den Kopf stellt und aus dem angeblichen Scheitern den Sieg Gottes macht.

Klugheit erreicht oft in Zeiten der Not ihre Grenzen. In diesem Moment sehe ich aus meiner eigenen Erfahrung, dass die Kraft des Glaubens beginnt. Kierkegaard schreibt:

Wenn die Klugheit in der dunklen Nacht des Leidens keine Handbreit vor sich sehen kann, da kann der Glaube auf Gott sehen; denn der Glaube sieht am besten im Dunkeln.

Søren Kierkegaard, Zwölf Reden, Halle 1886.

Gerade in dieser dichten und schwierigen Zeit des Auslandspfarramtes erlebe ich genau dies: Ich spüre die richtungsweisende Kraft des Glaubens in dieser dunklen Zeit, die mir andauernd zuspricht, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiter in dem voranzuschreiten, was für uns Christen zentral ist: Unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Dies bedeutet in stürmischen Zeiten wie diesen im Auslandspfarramt neben den klassischen Tätigkeiten wie Gottesdienst, Seelsorge und Gemeindearbeit mich noch stärker für die Speisung einer stetig wachsenden Zahl von Bedürftigen zu widmen, einem deutlichen Aussprechen gegen Rassismus und Antisemitismus, aber auch der Polizeiseelsorge zu engagieren. Und hätte ich, mit Paulus gesprochen, meinen Glauben nicht, so wäre ich nichts.

Stürmische Zeiten bringen uns an die Grenzen unserer Kräfte, aber sie zeigen uns auch in bewegender Weise die Wichtigkeit des Glaubens auf, der im Dunkeln am besten sieht.

How Society gets used to Injustice

Every morning the newspaper is delivered to our drive way. It is the same procedure every day. I wait until the yellow school bus swallows our children and the door close with the same squeaking noise. Then I bend down and pick up my daily portion of news wrapped in a dark blue plastic bag.

As I opened todays paper and flipped through the pages a almost silent thought crept into my mind getting louder and louder with every new page I turned. A campus shooting in Texas, that had been a rather casual side note in TV last night, was not even worth a mention in todays edition. I couldn’t believe, how quickly one gets used to certain kinds of news.

This kind lack of information mirrors human behavior: The human mind gets quickly used to certain occurrences. In January 2020 there were 28 mass shootings costing 38 lives. Only few nowadays make it to the headlines. That was different, when I was a child. I still vividly remember the first mass school shooting in Germany.

As quickly as life and routines change, the way we see the world and what we perceive as dangerous, just or unjust seems to shift. Victor Klemperer (9 October 1881 – 11 February 1960), a German native and language scholar, experienced this shift of conscience in a very personal way. His diary tells us in details about his life under the Nazi dictatorship and is a frightening documentation of a shift in mind and ethics enabling the most destructive regime ever haunting the face of our earth.

These shifts never come abruptly. More so, they quietly make their way into society. Changing habits, thoughts, and mind-sets in small steps. Almost unnoticeable. They crawl into news, everyday life, conversations, and increasingly change how we perceive things. What formerly was branded as unjust, is after a while met with indifference, and later will even be seen as a just decision.

It was February 21, 1935. Victor Klemperer awaited the visit of two students. As a son of a Jewish parent he had lost his call as a University professor due to Adolf Hitler´s racial laws. Now he was forced into retirement and isolated from his highly active life as a renown scholar and teacher. Any kind of normality was happily welcomed by him and his wife reminding them of the life they had before the Nazi regime took its deadly grip of Germany. But the normality that entered his quiet, isolated home through two former students opened his eyes to the gradual disappearance of what he once called normality:

The girls are completely anti-Nazi. But when it came to talking about two young noble women who had just been executed in Berlin for espionage (for Poland, the friend!), they thought it was all right. They did not ask about the difference between peace and martial law, security through public negotiations, etc. The sense of justice is lost everywhere in Germany, is systematically destroyed.

Victor Klemperer, Tagebücher 1935-1936, Berlin, Germany 1998, p.15 (translation: Miriam Groß)

Miss Winkler and Miss Hildebrandt had been two average young students, who hadn’t supported the Nazi regime. Nonetheless, they too were changed gradually with what they perceived as just or unjust. They stand for millions of average Germans, who had not enthusiastically embraced Hitlers thoughts, but opened the gates to destruction through their increasing shift in the sense of justice. A bitter warning, Victor Klemperer left behind through a small remark in one of eight diaries describing the year 1935.

What was unjust yesterday, is perceived as normal and soon will be deemed just. Harsh sentences, brute words tweeted quickly without thinking sow the seeds of indifference and later hatred. Back then during the Nazi regime it started of with the normalization of violent slurs against Jews. And then escalated into the murder of millions of innocent people.

We should stay woke! Victor Klemperer´s diary is a important warning. May our sense for justice never again be lost. May it not be systematically destroyed as once in Germany.

I am afraid, this will take the courage of many to speak up and show that they are not indifferent towards any kind of totalitarianism. It will come at a high personal cost, but so be it.