Was trägt, wenn alles wankt (1)

Was beim Schritt ins Ungewisse trägt: gelebte Verantwortung

Vielleicht lässt sich gerade in Umbruchszeiten erst wirklich ermessen, was Leitung trägt und worauf sie gegründet ist. Nicht im Allgemeinen, sondern im Konkreten, im Erlebten, im Rückblick auf Menschen und Erfahrungen, die uns geprägt haben. Mir ist in den vergangenen Monaten aufgrund meiner eigenen Führungsrolle neu aufgegangen, wie sehr eine solche Erfahrung meinen Blick auf Leitung geformt hat. Von ihr ausgehend möchte ich nun eine Spur aufnehmen, die nach den Grundlagen fragt, die Führen und Leiten angesichts des Ungewissen gegenwärtiger Umbrüche trägt.


Auf der Rückfahrt klangen die Begegnungen dieses Tages in mir nach, als wollten sie sich nicht so rasch einordnen lassen, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Das schlichte Trauerbild lag auf dem Beifahrersitz, und immer wieder fiel während der Rückfahrt mein flüchtiger Blick darauf. Vor wenigen Stunden war meine Mentorin, die mir im Vikariat zu einer wichtigen Begleiterin geworden war, bestattet worden. Die Traurigkeit war noch da, und sie ließ sich auch nicht einfach beiseite schieben, aber sie hatte sich verändert. Sie war durchzogen von einer leisen, stillen Dankbarkeit, die sich nicht in den Vordergrund drängte und doch spürbar wurde.

Dankbarkeit für eine Zeit, in der ich geführt worden war und lernen durfte.

Lange hatte ich diese Erfahrung mit Begleitung und Zuwendung beschrieben, und vielleicht waren diese Begriffe auch nicht falsch, und doch merkte ich, während die Straße vor mir gen zuhause hinzog und die Gedanken sich ihren eigenen Weg suchten, dass sie allein nicht ausreichten, um zu erfassen, was mich damals eigentlich getragen hatte.

Denn meine Mentorin hatte sich nicht darin erschöpft, Nähe herzustellen und mich zu begleiten, so wesentlich dies gewesen ist. Vielmehr hatte sie in all dem etwas gelegt, das darüber hinausging, etwas, das sich erst im Rückblick deutlicher zeigte.

Wenn ich versuche, ihr Leitungshandeln in einen größeren Zusammenhang zu stellen, dann führt mich mein Denken zu einem Bild, das sich durch die biblische Überlieferung zieht und das vielleicht gerade deshalb eine solche Kraft entfaltet, weil es so schlicht und zugleich so tragfähig ist: das Bild des Hirten.

Ich weiß, dass viele nun vielleicht beim Lesen etwas gelangweilt mit den Schultern Zucken mögen. Das Bild mag alt sein. Manchmal auch abgegriffen. Es bleibt dennoch ein gutes Bild für Leitungshandeln.

Schon im Alten Testament wird Gott selbst als der beschrieben, der führt, der trägt und der für sein Volk sorgt, und in der Vertrautheit des Psalters verdichtet sich dies in die Worte:

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Psalm 23,1

Es ist ein Bild, das von Nähe spricht, von Verlässlichkeit, von einer Form von Leitung, die nicht von oben herab geschieht, sondern aus einer Beziehung heraus, die trägt.

Und zugleich wird dieses Bild dort geschärft, wo Leitung genau dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Beim Propheten Ezechiel wird mit großer Deutlichkeit ausgesprochen, was geschieht, wenn Leitung sich von dieser Fürsorge löst:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“

Ez 34,2

Es ist, als würde hier ein Maßstab sichtbar werden, der über Zeiten hinweg gilt: dass Leitung sich daran erweist, ob sie sich tatsächlich um die kümmert, die ihr anvertraut sind, und dass sie dort ins Leere läuft, wo sie sich von dieser Aufgabe entfernt.

Im Evangelium nach Johannes wird dieses Bild aufgenommen und zugleich in einer neuen Tiefe entfaltet, wenn Jesus von sich selbst als dem guten Hirten spricht:

„… und er geht vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“

Joh 10,4

Und an anderer Stelle:

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

Joh 10,14

Beide Sätze stehen nicht nebeneinander, sondern gehören zusammen. Der Hirte kennt, und er geht; und die, die ihm folgen, tun dies nicht aus Zwang oder aus bloßer Erwartung heraus, sondern weil sie ihn kennen und ihm vertrauen.

Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das den Unterschied ausmacht. Gerade dort, wo Wege ins Unbekannte führen und wo sich nicht im Voraus sagen lässt, wohin ein Schritt führen wird. Denn in solchen Situationen genügt es nicht, sich auf Zuständigkeiten oder Strukturen zu berufen, so notwendig diese auch sein mögen. Ohne Vertrauen lässt sich niemand in das führen, was noch nicht absehbar ist.

Und dieses Vertrauen entsteht nicht in dem Moment, in dem Entscheidungen getroffen werden müssen. Es wächst lange zuvor.

Meine Mentorin hat genau das gelebt, ohne es je programmatisch auszusprechen. Lange bevor größere Zukunftsfragen unserer Landeskirche thematisch aufgenommen wurden, lebte sie bereits ein Konzept, das mir viel gelehrt hat. In der Art, wie sie sich Zeit nahm, wie sie zuhörte, wie sie wahrnahm, was uns bewegte, entstand eine Verlässlichkeit, die nicht laut war und doch trug. Auch duckte sie sich nicht weg, wenn es um Verantwortung in heiklen Situationen ging und stellte sich nie in den Vordergrund, wenn es um ein hierarchisches „Wahrgenommen-Werden“ handelte.

Erst vor diesem Hintergrund wurde es möglich, dass die Gemeinde damals mutige Schritte ging, die nicht selbstverständlich waren. Schritte, die Unsicherheit mit sich brachten und die ohne dieses gewachsene Vertrauen kaum hätten gegangen werden können.

Ein Wort aus demselben Evangelium führt diesen Gedanken noch einmal weiter und vertieft ihn in einer Weise, die mir erst im Rückblick ihre Tragweite erschlossen hat:

„Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“

Joh 15,15

Es ist, als würde sich hier der gedankliche Horizont noch einmal öffnen. Der Hirte, der vorangeht, bleibt nicht auf Distanz, sondern nimmt die Seinen hinein in das, was ihn selbst bewegt. Was zuvor Vertrauen geschaffen hat, wird hier zu einer Form von Teilhabe, die nicht mehr von außen bestimmt ist, sondern von innen her verstanden werden kann.

Vielleicht liegt gerade darin eine entscheidende Spur für das, was Leitung im Ungewissen trägt. Dass sie nicht darin aufgeht, Wege vorzugeben oder Entscheidungen zu treffen, sondern dass sie Menschen hineinführt in ein Verstehen dessen, was geschieht. Nicht mehr Knechte, die ausführen, sondern Freunde, die mit gehen, teilhaben und mitgehalten.

Und doch bleibt auch dies gebunden an das, was vorausgeht. Denn diese Form von Teilhabe lässt sich nicht herstellen, wenn nicht zuvor Vertrauen gewachsen ist. Sie kann nicht verordnet werden, sondern entsteht dort, wo Beziehung verlässlich geworden ist.

Gerade darin unterscheidet sich eine solche Form von Leitung von einem rein hierarchischen Agieren, das sich vor allem über Zuständigkeit und strukturelle Bevollmächtigung definiert. Das auf eine direktive Umsetzung jenseits von Mitgestaltung pocht. Solche Formen mögen in manchen Institutionen wie Sicherheitsbehörden notwendig sein, da sie Ordnung und Klarheit für den Einsatz und Ernstfall schaffen. Aber in einer Kirche, die sich in einem massiven Umbruch befindet, ist eine starre Hierarchie und damit eine absolute Befehlsstruktur, die die Anvertrauten weder ernst noch wahr nimmt und sie eher als Gegenstände als als Subjekte sieht, aus meiner Sicht fehl am Platz. Denn ohne Vertrauen auf einen Hirten oder eine Hirtin wird eine Herde keine gemeinsamen guten Schritte in die unbekannte Zukunft finden.

Harte Hierarchie ist keine Lösung in Zeiten kirchlicher Ungewissheit. Was trägt, ist etwas anderes.

Es ist das Vertrauen, das gewachsen ist, oft über längere Zeit hinweg und vielleicht dadurch, dass eine Person, die mutig Verantwortung für die ihr Anvertrauten übernimmt. Es ist die Erfahrung, nicht allein zu sein, sondern gesehen und ernst genommen zu werden. Und es ist die Bereitschaft, sich auf dieser Grundlage gemeinsam auf den Weg zu machen, auch dann, wenn der Weg noch im Nebel liegt.

Als ich schließlich zuhause ankam, fuhr ich das Auto in die Garage und schaltete den Motor aus. Plötzlich war es ganz still geworden. Ich griff nach dem Trauerbild auf dem Beifahrersitz, barg es vorsichtig in meiner Hand während die andere beim langsamen Lesen über den Innentext strich.

Ich war einfach dankbar.

Dankbar für ein Vorbild, das mich geprägt hat, weit über diese Zeit hinaus. Dankbar für eine Mentorin, die mir lange bevor Fragen kirchlicher Veränderung überhaupt in der ELKB in den Blick kamen, etwas Entscheidendes gelehrt hat:

Vor einem Schritt ins Ungewisse steht gelebte Verantwortung, die Vertrauen schafft und damit den gemeinsamen Weg in die unklare Zukunft öffnet.

Vielleicht ist es genau das, was trägt, wenn alles wankt.

Was trägt, wenn alles wankt

Führen und Leiten im Umbruch

Zögerlich nahm ich auf einem der mittleren Stühle Platz. Mit einem unsicheren Lächeln
grüßte ich in die Runde all jener Gesichter, die mir schon bald sehr vertraut sein würden.

An der Fensterseite des schlichten Tagungsraumes hatte sich ein Team versammelt, aus dem sich nun ein Mann löste. Einer, dem man ansah, dass er mitten im Leben stand. Er trat ans Mikrofon und räusperte sich.

Ich rückte meine Sitzhaltung auf dem einfachen Stuhl zurecht, während ich hinter vorgehaltener Hand herzhaft gähnte. Mein Blick fiel auf die Armbanduhr und mit ihm
wanderten meine Gedanken an einen ganz anderen Ort, fast 250 Meilen entfernt. Zeitgleich zum Beginn meines zweiten Vikariats in der Church of Scotland waren meine beiden älteren Kinder um diese Zeit bereits in der Grundschule und im Kindergarten. Mein drittes Kind machte vermutlich seinen Mittagsschlaf im Kinderwagen.

Gemeinsam mit meinem Mann waren sie auf einer abgelegenen schottischen Insel –
unserer neuen dienstlichen Heimat.

Da ich mit einem „Red-Eye“-Flug hatte anreisen müssen, um rechtzeitig zum
mittäglichen Beginn im kleinen Hotel nahe Stirling Castle zu sein, lagen Welten
zwischen uns. In Bayern war die Anfahrt zum Predigerseminar so einfach gewesen. Nun
sollte ich mich auf eine Ausbildung einlassen, die mit jedem Kurs an einem anderen Ort
stattfand: mal Hotel, mal Unterkunft bei einem militärischen Standort, mal ein
Kongresszentrum. Trotz der gewagten Reisekombination aus Flugzeug, öffentlichen
Verkehrsmitteln und Mitfahrgelegenheit durch Kollegen war ich nun rechtzeitig hier
angekommen.

Ich seufzte schwer und sehnsuchtsvoll. Der Kollege neben mir sah mich nachdenklich
an. „Are you alright?“, fragte er mit besorgtem Blick. Ich nickte. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, ergriff der Leiter der Ausbildung das Wort zur Begrüßung.

Nach einem erfolgreich abgeschlossenen bayerischen Vikariat hatte mich eine Probedienststelle im hohen Norden Schottlands aus der Heimat gelockt. Doch auf die anfängliche Freude über die erste Pfarrstelle folgte eine unvorhergesehene Hürde nach der anderen. Die größte unerwartete Herausforderung jedoch begann mit meiner Berufung auf diese Pfarrstelle: ein weiteres Vikariat. Diesmal nicht im lutherischen, sondern im reformierten Kontext. Trotz bestehender kirchlicher Vereinbarungen war dies über mich hereingebrochen und ich fragte mich, wie ich all das schultern sollte.

Eine volle Pfarrstelle. Mehrere Vikariatskurse fern von meinen drei Kindern und meinem
Mann. Wochenlange Abwesenheiten. Klausuren. Arbeiten. Und schließlich noch ein Examen, dabei war das letzte doch gerade erst verklungen …

Der Leiter der Ausbildung sprach von den Erwartungen der Church of Scotland, von
Voraussetzungen, von Klausuren und Deadlines. In mir begann sich alles zu drehen.
Denn neben diesen Herausforderungen war mir in der Woche zuvor von meinem
gemeindlichen Finanzgremium eröffnet worden, dass ich innerhalb kürzester Zeit drei Kirchengebäude verkaufen müsse.

Die Immobilienkrise 2007–2008 begann sich zu dieser Zeit erst abzuzeichnen. Erste Verwerfungen auf den Finanz- und Immobilienmärkten warfen ihre Schatten voraus und ich ahnte, dass dies nicht folgenlos bleiben würde.

Wie sollte ich all das schultern?

Als ich erneut seufzte, sah mich mein Sitznachbar mit wachsendem Unbehagen an. Nun aber wurde auch der Leiter der Ausbildung auf mich aufmerksam. Er öffnete den Raum für unsere Fragen und Sorgen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde hörte er aufmerksam zu: was uns bewegte, welche
Träume uns ins Vikariat geführt hatten, welche Befürchtungen wir in diese dichte und
fordernde Ausbildung mitbrachten.

Dann seufzte auch er und sah nachdenklich in die Runde. Schließlich deutete er auf den
Eingang des Konferenzraumes. Über der Tür hing ein schlichtes Kreuz.

„You don’t have to put yourself on a cross during your training period. Someone else has already done this for you many years ago. Look out for yourself – God has called you into our Kirk for a reason, and He does not want you to break apart. He wants you to proclaim His word in deed and action.“

Lange ist dies her. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, und ich begleite als Rektorin
die Vikariatsausbildung der ELKB und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen
(EVLKS). Damals hätte ich als frisch ordinierte bayerische Pfarrerin und schottische Vikarin nicht zu träumen gewagt, dass ich fast zwanzig Jahre später selbst eine
kirchliche Ausbildung im Umbruch als Leitungsperson mitverantworten würde.

Und doch ist es genau diese Erfahrung, die mich heute umtreibt: Wie wird Leitung gelebt
in Zeiten kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruchs? Welche biblisch-theologischen
Grundlagen tragen uns – gerade dann, wenn Sicherheiten wegbrechen?

Dies soll Gegenstand meiner weiteren Überlegungen sein, in die ich Sie nun mitnehmen möchte. Es sind persönliche Einblicke und Gedanken mit Ecken und Kanten, die Ihnen, so hoffe ich, zum Segen werden können: als Einladung, einen eigenen Weg zu finden, immer mit dem Blick auf das Kreuz in diesen herausfordernden Zeiten.

Sisyphos und die Kunst, in Zeiten des Wandels nicht zu verzweifeln

Die Lampe musste ich einfach haben. In der Auslage des Geschäftes fiel sie mir bei der Suche nach einer Schreibtischlampe umgehend auf. Käuflich erworben hatte ich sie schnell, doch dann stand sie lange, in einer Tüte verborgen und von meinem Schreibtisch verdeckt, in meinem Amtszimmer, während die täglichen Aufgaben einer Rektorin mich Tag für Tag übermannten. Tief im Inneren fühlte ich mich wie Sisyphos, der noch in der Verpackung der Lampe schlief und wartete.

Nun nahm ich in einem stillen Moment meinen Mut zusammen und packte sie aus. Es war Zeit, mich meiner sisyphos’schen Realität einer Rektorin zu stellen, die immer wieder Aufgaben wie große Steine den Berg hinaufrollte, um sie dann – wie in einer Rille – am kommenden Tag wieder am Fuß des „Dienstberges“ auf die eine oder andere Weise mutiert erneut den Berg hochzurollen.

Nun stand sie da, die Sisyphos-Lampe, und war damit direkt in meiner Sichtweite. Aber im Gegensatz zu dem fleißigen, unablässigen und durchaus inhaltlich hoffnungslos arbeitenden Protagonisten des griechischen Mythos, der in der Dunkelheit seiner ewigen Beschäftigung nachging, leuchtete mir die Lampe in der Unendlichkeit der Herausforderungen den Weg.

Vom Prometheus der Zuversicht zum Sisyphos der Gegenwart

In diesen Tagen denke ich oft an Jürgen Moltmann, den großen Theologen der Hoffnung. Seine Biografie – vom jungen Kriegsgefangenen zum Begründer einer zukunftsorientierten Theologie – erzählt von einem Leben, das durch die Erfahrung der Dunkelheit hindurch auf das Licht Gottes vertraute.

Moltmann beschreibt in seiner Theologie der Hoffnung die Haltungen der Menschheit im Wandel der Zeiten anhand zweier antiker Figuren: Prometheus und Sisyphos.

Prometheus, der Feuerbringer, steht für die Aufbruchszeit der Moderne – für Wachstum, Wohlstand und den Glauben an unbegrenzte Entwicklung. Diese prometheische Haltung prägte lange auch unser kirchliches und gesellschaftliches Selbstverständnis: Wir konnten gestalten, verändern, planen.

Doch heute, so Moltmann, hat sich Prometheus verwandelt. Sein Nachfolger heißt Sisyphos. Er steht für das unermüdliche Arbeiten ohne klare Aussicht auf Erfüllung, für das Ringen in einer Zeit ohne einfache Lösungen, für das Aushalten von Dauerwandel, Unsicherheit und Überforderung.

„Am Beginn des 19. Jahrhunderts […] wurde Prometheus der Heilige der Neuzeit. […] In der Mitte des 20. Jahrhunderts […] hat sich der heilige Prometheus in die Figur des Sisyphus verwandelt […]. Weder in der Vermessenheit noch in der Verzweiflung liegt die Kraft der Erneuerung des Lebens, sondern nur in der ausharrenden und gewissen Hoffnung. […] Allein die Hoffnung ist ‚realistisch‘ zu nennen, weil nur sie mit den Möglichkeiten, die alles Wirkliche durchziehen, ernst macht.

Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, Gütersloh 1964, S. 20–21

Diese Worte treffen auch unsere Gegenwart. Wir leben in einer Zeit, in der Steine sich vervielfachen: Der Stein des Krieges in der Ukraine. Der Stein der Gewalt im Heiligen Land. Und dazu die persönlichen, kleinen und großen Steine des Alltags – Überforderung, Verantwortung, Erwartungen, die eigene Erschöpfung.

Doch Moltmann lehrt uns: Hoffnung ist keine Illusion, sondern Teilhabe an Gottes Zukunft. Wer hofft, leugnet nicht die Schwere, sondern sieht im Dunkeln das Licht. Hoffnung ist nicht die Flucht vor der Realität, sondern der Mut, sie im Vertrauen auf Gottes Verheißung zu gestalten.

Wenn ich auf meine Lampe schaue, sehe ich darin dieses Leuchten:
Wir arbeiten – nicht im Kreis, sondern auf ein Licht hin.
Nicht, weil wir alles schaffen, sondern weil Gott vollendet.
Nicht, weil wir keine Steine mehr tragen, sondern weil sie im Licht leichter werden.

Hoffnung als Haltung des Führens

Die Tätigkeit einer Rektorin, die ein neues Ausbildungssystem im Auftrag des Landeskirchenrates etablieren soll und diesen massiven Paradigmenwechsel in der Ausbildung neuer Pfarrerinnen und Pfarrer in die landeskirchliche Wirklichkeit zu bringen hat, hat etwas von der Tätigkeit des griechischen Sisyphos. Noch dazu, wenn nun diese noch sich im Etablieren befindliche Ausbildung für zwei Landeskirchen, die bayerische und sächsische, angeboten werden soll.

Aber im Gegensatz zu ihm arbeite ich Tag für Tag gen Hoffnung, die mir durch den Glauben an Jesus Christus geschenkt wurde. Sie inspiriert mich und lässt mich nicht resigniert die Hände in den Schoß legen. Vielmehr gibt sie mir Kraft. Das Leuchten der Lampe, in der Sisyphos ausdauernd und behände den Stein Tag um Tag gen Licht rollen würde, ist eine tägliche Erinnerung daran.

Herr,
wir rollen unsere Steine den Berg hinauf –
die großen der Welt und die kleinen des Alltags.
Du gibst uns Hoffnung durch Christus,
und dein Licht stärkt uns, wenn wir müde werden.
Lass uns im Glauben an deine Zukunft weitergehen,
bis unser Werk im Licht deiner Ewigkeit ruht.
Amen.

Von Zugfahrten, Vikariatsbeginn und biblischen Reisegeschichten

Der fröhliche Klang von feierlich erhobenen Sektgläsern und dem darauffolgenden vieltonigen Anstoßen war verklungen. Die freudigen, beglückwünschenden Reden durch verschiedene kirchliche Vertreterinnen und Vertreter den frisch examinierten Theologinnen und Theologen waren überbracht und die Zeugnisse als strahlender Ausdruck ihrer akademischen Leistung ausgehändigt worden. Nun war es Zeit für etwas Gemütlichkeit bei einem leckeren Abendessen im festlich eingedeckten Speisesaal des bayerischen Landeskirchenamtes.

Seitdem ich vor einigen Wochen die Einladung zur Examensfeier erhalten hatte, hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, an dem ich den neuen theologischen Nachwuchs kennenlernen durfte. Es würde mein erster Kurs sein, den ich als frisch gebackene Rektorin begleiten würde. Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus wusste ich, dass solche gemeinsamen Anfänge besonders wichtig sind und einen bewegenden Tiefgang haben können, denn darin verschränken sich Neubeginne auf unterschiedlichen Ebenen. Als ich damals vor einigen Jahren in der Bundespolizei meinen Dienst als hauptamtliche Polizeiseelsorgerin und Lehrerin für das Fach Ethik begann, war es eine Lehrklasse (besondere Grüße an „meine“ BA 21 II Dez 4-1 😘❤️), mit der ich den Ausgang aus der damaligen Tätigkeit als Pfarrerin in New York und den Eingang als Seelsorgerin erleben durfte. Mit und durch sie wuchs ich in eine neue, erfüllende Tätigkeit hinein, indem wir miteinander auf ihrer Ausbildungsreise unterwegs waren.

Von wohligen Gedanken an die zurückliegende Erinnerung und einem wohlschmeckenden Abendessen gestärkt gesellte ich mich an einen Tisch und nahm neben OKR Reimers, dem Leiter der Personalabteilung unserer Landeskirche, Platz. Mitten im Gespräch über die im Herbst beginnende Ausbildungskooperation zwischen Bayern und Sachsen sah er zu mir und sagte: „… aber das können Sie am Besten von Frau Groß erklärt bekommen.“ Ich schluckte erstaunt, und stürzte mich mutig in die Beschreibung. Als Theologin und reiseaffine Person bediente ich mich daher dem Aspekt des Reisens und Unterwegssein, wie er in der Bibel und in unserem Leben präsent ist. In all seiner Ambivalenz bediente ich mich einer Metapher, die uns allen geläufig ist: der der Bahn.

Vor der „Abfahrt“ dieses Zuges gab es einen langen Konsultationsprozess, der unterschiedliche Ebenen der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) an einen Tisch brachte, um möglichst viele Anforderungen zu berücksichtigen und eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung anbieten zu können. Horizont hierbei war das Jahr 2026. Nun war Zug bereits drei Jahre früher zu seiner ersten Fahrt gestartet. Ich hingegen stieg als „Zugführerin“ gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen (EvLKS) nun in den Zug ein.

Nicht umsonst hatte ich an diesem lauen Juliabend etwas locker, aber durchaus bestimmt das Bild der „Bahn“ verwendet, denn diese Metapher symbolisiert im Optimum einen Weg, der von Anfang bis Ende geplant und strukturiert ist, mit klaren Haltestellen und Zielen. Die Ausbildung kann mit einer Zugfahrt verglichen werden, die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit beginnt, verschiedene Stationen (also Lerninhalte und Praktika hat) durchläuft und schließlich am Zielort in einen erfolgreichen Abschluss und dem Einstieg in den Probedienst als Pfarrerin und Pfarrer mündet.

Schon bald würden wir gemeinsam mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen diese aufregende Zugfahrt beginnen. Zumeist in denselben Abteilen (denn es gibt nur eine Zugklasse!), manchmal aufgrund der unterschiedlichen Erfordernisse der Landeskirchen uns während der Zugfahrt in extra Waggons begeben. In einem gemeinsamen Zug, dessen Gleise der Landeskirchenrat der ELKB vor längerem gelegt hatte und in einiger Zeit aufgrund eines Evaluationsprozesses anpassen wird, würden wir dem Ziel „Pfarramt“ entgegenfahren.

Etwas mulmig ist mir zugegebenermaßen schon während ich in die Rolle der Zugführerin hineinwachse. Denn trotz einiger Probefahrten (danke, lieber F23 und H23 für all eure Beharrlichkeit) und Streckenanpassungen wird es weiterhin vielfältige Herausforderungen geben. Vom realen Zugverkehr kennen wir das zu genüge. Verspätungen, Störungen, schlechte Wetterverhältnisse und Streckenschäden sind nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen werden. Dann wird es auf die gesamte Besatzung des Zuges ankommen, die zusammenhält und gemeinsam mit mir kreative Lösungen zur Sicherstellung der Fahrt findet.

Letztendlich befinden wir uns gemeinsam auf einer Reise. Als Evangelisches Studienseminar für Pfarrausbildung (ESP) dürfen wir Menschen begleiten, die in einen der spannendsten Berufe hineinwachsen wollen: nämlich das Pfarramt. Wir sind „Reiseabschnittsbegleiterinnen“ und „-begleiter“ für unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die sich wagemutig auf diese „Ausbildungsreise“ begeben.

Ein Blick in die Bibel kann trösten, aufmuntern und vielleicht auch nachdenklich stimmen. Denn die Bibel selbst ist voll von Reisegeschichten, die von Menschen und Gottes Führung auf ihrem Lebensweg berichten. Von Herausforderungen, Zurücklassen und Neubeginn – von Abkehr, Neugierde und Wachstum:

Abraham verließ seine Heimat, um in ein neues unbekanntes Land zu ziehen, das ihm Gott noch zeigen würde.

Das Volk Israel zog nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung von Mose durch die Wüste ins gelobte Land.

Jona wurde von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen, um dort zu predigen (diesem Auftrag versuchte er zu entkommen und lernte ein besonderes „Reisevehikel“ von Innen kennen).

Josef wurde von seinen Brüdern verkauft, erlangte nach schweren Jahren der Herausforderung eine wichtige Position und sicherte dadurch seiner Familie und seinem Volk das Überleben.

Die prächtige Königin von Saba machte sich auf den Weg nach Jerusalem, um Salomo und seine Weisheit höchstpersönlich kennenzulernen.

Der Apostel Paulus unternahm vier Missionsreisen, bei denen er wahnsinnig beeindruckende 15.000 km zurücklegte.

Die Reisegeschichten der Bibel sind so vielfältig wie die Menschen, die Reisen unternehmen. Was ihnen allen gemein ist: Diese Geschichten zeigen, dass Reisen in der Bibel nicht nur geografische Bewegungen sind, sondern eine spirituelle und persönliche Entwicklung mit sich bringen. Viele unserer Vikarinnen und Vikare werden an neue Orte in ihre jeweiligen Ausbildungsregionen ziehen, doch noch viel interessanter und bewegender wird deren innere Reise zum Ausbildungsziel Pfarrerin und Pfarrer sein.

Ich freue mich, sie auf ihrer Ausbildungsreise im Herbst als „Zugführerin“ mit einem engagierten Team von Studienleiterinnen und -leitern aus Bayern und Sachsen begleiten zu dürfen und hoffe, dass sie beim Erreichen des Ausbildungszieles wie die biblischen Erzählungen es tun, Geschichten von Vertrauen, Herausforderung, Glauben und der eigenen Suche nach Gottes Willen erzählen werden.