Leises Quietschen begleitete mich, während ich meinen noch leeren Einkaufswagen durch die ersten Regalreihen des großen lokalen Supermarktes schob. Ein Austausch des Hilfsgefährtes würde bedeuten, dass ich komplett durch den Markt gehen müsste, zurück auf den Parkplatz, um ihn dort auszutauschen. Ich seufzte leise und schüttelte den Kopf während ich den Gedanken schnell wieder verwarf. Gleichzeitig fiel mein Blick auf ein Regal angefüllt mit Cambria- und Phaleonopsis-Orchideen. Zwischen all der bunten Blumenpracht stach eine Orchidee hervor, die mit einem roten Aufkleber und einem Sonderpreis versehen war. Vorsichtig zog ich sie zwischen all den in voller Blüte stehenden Pflanzen hervor. Im Gegensatz zu den anderen Orchideen waren bei ihr bereits viele Blüten eingetrocknet, einige lagen abgefallen auf dem Boden des Pflanzentopfes. Umgehend beschloss ich, dieser von Vertrocknen gefährdeten Orchidee eine Chance zu geben. Mit etwas Pflege und Zeit könnte sie wieder zum Blühen gelangen. Ich stellte sie behutsam in den Einkaufswagen, der nun nicht nur leise vor sich hin quietschte, sondern ebenfalls eine käuflich erwerbbare, aber auch in diesem Sinne defizitäre Fracht in sich barg.


Eine Verkäuferin, die im daneben stehenden Regal Pflanzen sortierte, sah mir verwundert zu. „Kaufen Sie doch für ein paar wenige Euro mehr eine schöne, gesunde Pflanze.“ Sie deutete auf eine große prächtige Orchidee in Weiß. „Die hier wird sie mehr erfreuen und noch lange halten. … Die Sie ausgesucht haben, wird sowie so auf dem Müll landen. Bei uns oder bei ihnen. Sie ist der Mühe nicht wert.“ Ich sah sie erstaunt an, dankte ihr leise für den nicht gewollten Rat und verabschiedete mich kurzsilbig.
Der Mühe nicht wert…
Seit wir in unsere Bamberger Wohnung gezogen waren, hatte ich das erste Mal ein für Orchideen wunderbar geeignetes Fenster, das die richtige Menge an Tageslicht aufwies und deren Umgebung auch eine höhere Luftfeuchtigkeit aufwies. Optimale Bedingungen für diese prachtvollen Pflanzen, die für mich ein solch bemerkenswerten und anmutigen Teil von Gottes Schöpfung darstellen. In den letzten Monaten hatte ich die Leidenschaft entdeckt, Orchideen, die in Geschäften als „Ausschussware“ gekennzeichnet worden waren und, wenn sie innerhalb kürzester Zeit keinen Käufer fanden, auf dem Müll landeten, zu erwerben und soweit zu pflegen, dass sie sich wieder stabilisierten. Im Optimum würden sie auch wieder blühen und so ihrer von Gott bestimmten Aufgabe nachkommen – Pracht und Anmut in eine oft graue und eintönige Welt zu bringen.
Was ich dort im Kleinen und Unscheinbaren meiner Bamberger Wohnung tue, ist ein Ausdruck dessen, was Seelsorge an der einen oder anderen Stelle aus meiner Sicht versucht zu leisten:
- für die da zu sein, die Gefahr laufen zu vertrocknen
- für die da zu sein, deren prächtiges Blühen vor Verzweiflung, Sorgen oder Druck verblasst und verdorrt
- für die da zu sein, die nicht mehr dem festgelegten Standard aus Not, Anspannung oder physischer oder psychischer Konstitution entsprechen können, dadurch vielleicht nicht mehr so leistungsfähig sind und schnell am Arbeitsmarkt als „Ausschussware“ gelten
Seelsorge ist die Sorge um Menschen, die ihn oder sie als ein Geschöpf Gottes sieht und über das hinausblickt, was vor Augen ist. In der Seelsorge geht es nicht um Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, Profit – ein Mensch soll nicht, wie dies leider in manchen Bereichen unserer Gesellschaft geschieht, mit einem roten Preisschild versehen werden und dann schließlich, wenn er oder sie sich nicht erholt, auf dem Müll landen.
Seelsorge soll Gottes heilende Kraft und vor allem Seine Zusage, dass Er da ist trotz oder gerade in all den Schwierigkeiten, für die in Not geratene Person erfahrbar machen.
Nicht bei jeder Rettungsorchidee gelingt es mir, ihr wieder zu dem blühendem Leben zu verhelfen, das der Schöpfer für sie vorgesehen hat. Aber bei jeder Pflanze, die neue Blütentriebe bildet und schließlich mit zarten Blüten mein Orchideenfenster schmückt, jubiliere ich über Gottes heilende Kraft. Wieviel mehr ist es bei einer Person, die nach einer seelsorgerlichen Begleitung gestärkt ihren Lebensweg geht.
Meine kleine Rettungsorchidee hat nach wochenlanger Pflege drei Blütentriebe gebildet, an denen sich erste zarte Knospen abzeichnen.
Es war durchaus der Mühe wert. Für sie und jede Person, die ich begleiten darf.




Wir sind auf dieser Welt, einander behilflich zu sein. Wie du mit Orchideen dich betätigen, machst du auch mit Menschen. Was du mit ihnen heute tust, wird in der Zukunft spürbar!
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