Die Extrameile gehen…

Mein Blick war vor Müdigkeit noch ganz verschwommen. Ich setzte in der Dunkelheit einen Fuß vor den anderen während meine Lehrgruppe um kurz vor fünf Uhr in einem gleichmäßigen, schweigenden Rhythmus vom dumpfen Stapfen der Dienststiefel angetrieben durch die kalte Winternacht marschierte. Um diese Uhrzeit würde ich mich normalerweise noch einmal umdrehen, mich in die wohlig warme Daunendecke wickeln und eine weitere Stunde schlafen, bevor mein Tag und kurz danach mein Dienst als Polizeiseelsorgerin beginnen würde.

Aber Jesus sagte einst in den berühmten Worten der Bergpredigt (Mt 5,41): „Geh die Extrameile mit!“ Ich seufzte beim Gedanken an einen warmen Kaffee leise und lief in der Dunkelheit stoisch weiter.

Kurze Zeit später hielt die Lehrgruppe umgeben von dunklen fränkischen Wäldern an während die angehenden Kollegen, die mit dem Finden des Weges betraut worden waren, über eine Karte gebeugt und im Schein von Taschenlampen den besten Weg zum Zielort eruierten. Sie würden in dieser Nacht viele Meilen bzw. Kilometer als Teil ihrer Ausbildung durch die Dunkelheit gehen.

Die Extrameile.

Nächtliche Alarmübungen sind ein wichtiger Bestandteil des ersten Ausbildungsjahres in der Bundespolizei. Bei einer solchen Übung müssen sie als Lehrgruppe Durchhaltevermögen, Orientierungssinn und Kameradschaft und die aufgetragenen Extrameilen gemeinsam bezwingen.

Das Wörterbuch von Pons definiert diesen Ausdruck in folgender Weise:

„Die Extrameile gehen“, Jargon (Anglizismus nach engl. „go that extra mile“): seine persönlichen Grenzen hinausschieben; mehr leisten als erwartet oder gefordert wird.

Die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter müssen in ihrer Ausbildung diese „Extrameile“ im literalen, aber ebenso im übertragenen Sinn gehen. Neben dem Weg war ihnen eine Gemeinschaftsaufgabe aufgegeben worden: 2000 Liegestützen und 2000 Kniebeugen mussten ebenso absolviert werden. So wurde der Weg durch die fränkische Winternacht immer wieder von zusätzlichen sportlichen Übungen unterbrochen und so mancher Muskel noch mehr belastet. Doch meine Lehrgruppe nahm dies nicht nur tapfer hin, sondern setzte die Aufgabe motiviert durch die sonore Ansage eines ihrer Kollegen um.

Die Extrameile.

Ein biblisches Motto, das auch mich durch so manche dienstliche Herausforderung und Aufgabe trägt. Der Kontext, aus dem Jesus Seine Worte schöpfte ist kein einfacher, denn hier geht es um ein feindlich gesinntes Umfeld und Vergeltung, auf die ein Nachfolger und eine Nachfolgerin im Falle einer Auseinandersetzung verzichten sollten. Hier sagt er:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist ( 2. Mose 21,24) : »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt , so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Mt 5,38-41

Die Rede der Extrameile hat über christliche Gemeinschaften im angloamerikanischen Raum ihren Eingang auch in den deutschen Sprachgebrauch gefunden. Das „Neue Testament Jüdisch erklärt“ beschreibt den durchaus bedenkenswerten Hintergrund dieser Redewendung in folgender Weise:

Eine Meile, römische Soldaten hatten das Recht, Einheimische einzuziehen, damit diese ihre Ausrüstung für eine Meile trugen: Die zusätzliche Meile verdeutlicht die fehlende Gegenwehr.

Neues Testament Jüdisch erklärt, S. 26.

In der Ausbildung müssen Auszubildende diese Extrameile gehen, wenn es sich hierbei auch nicht um einen feindlichen, sondern einen selbstgewählten Kontext und damit den zu beschreitenden Ausbildungsweg zum Wunschberuf handelt.

Aber nicht nur sie gehen diese Extrameile. Auch ihre Ausbilderinnen und Ausbilder, sowie alle, die für ihren Lernweg das Notwendige bereitstellen. Das merkte ich in dieser Nacht als Seelsorgerin ebenso während das Gewicht meines Rucksacks dessen Riemen in meine Schultern drückten und ich dem langsam hereinbrechenden Tag sehnsuchtsvoll entgegenlief. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem Engagement derer, die für die bundespolizeiliche Ausbildung sorgen. Angeführt von ihrem Lehrgruppenleiter PHK Ralf Obermaier hatte mich die Lehrgruppe nicht nur herzlich in ihrer Mitte aufgenommen, sondern mich dies miterleben und durchleben lassen. Stringenz, Teamgeist, Durchhaltevermögen. Schritt um Schritt brachten diese die Lehrgruppe zu ihrem Ziel durch die dunkle Nacht.

Die Extrameile.

Endlich lag diese und viele andere (genauer gesagt laut Fitnessuhr 21 km) hinter mir. Ich atmete durch und genoß die spektakuläre Aussicht am Staffelberg. Welch ein Segen Teil ihrer polizeilichen Ausbildung sein zu dürfen. Sie begleiten zu dürfen in dunklen Zeiten der Herausforderung und hellen Freudenmomenten.

Lieber Blogleser, liebe Blogleserin: Jesus sagt: „Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Als Polizeiseelsorgerin ist mein Herz voll nach einer solchen Alarmübung, mein Mund geht über und meine Finger fliegen über die Tasten meines Mac-Books während ich diesen Blog schreibe.

Ich wollte Sie an diesem wichtigen Bestandteil bundespolizeilicher Ausbildung teilhaben lassen, damit auch Sie die Extrameile gehen und für unseren Nachwuchs tun, was möglich ist. Das Gebet wäre einer dieser Möglichkeiten, die auch in der Ferne leicht möglich sind. Gegenwärtig geht mein Blick vor allem in Richtung unseres polizeilichen Nachwuchses, da ich für sie mitverantwortlich bin. Beten Sie für deren schwere Aufgaben, die sie zu meistern haben. Aber beten Sie auch für den Nachwuchs anderer Berufsgruppen – ob Kirche, Gesellschaft oder Politik. Sie alle sind unsere Zukunft und brauchen unsere verlässliche, ermutigende, manchmal mahnende, aber auch richtungsweisende Begleitung, damit sie zum Ziel ihres Wunschberufes gelangen. Aus meiner Sicht als Seelsorgerin benötigen sie vor allem Gottes ständige Präsenz, damit sie in der Dunkelheit ihres Dienstes den Weg und ihre Aufgaben meistern, um mit dem angebrochenen Tag zu noch größerer Stärke und Verantwortung zu gelangen.

Von Jahreswechseln und Segenswünschen für 2025

Das Kalenderjahr 2024 geht zu neige. Dieses Jahr scheint in einer besonderen Dichte und Intensität an mir „vorbei gerast“ zu sein. Vielleicht geht es Ihnen auch so? Politisch, gesellschaftlich und sozial war 2024 ein anstrengendes Jahr.

In vielem scheint dieses zu neige gehende Kalenderjahr von zwei Themen geprägt zu sein: von großem Schmerz und „Exnovation“.

Schmerz und Leid durch den Krieg in der Ukraine, im Heiligen Land, in Libanon und an so vielen Orten dieser Welt. Durch Terroranschläge wie in Magdeburg ebenso in unserem eigenen Land. Wann hört das Kriegen und Töten endlich auf? Wann verstehen wir Menschen, dass wir einander Brüder und Schwestern sind, da wir einen Schöpfer und Herrn der Welt haben? Die Missbrauchsstudie und die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in meiner eigenen Kirche machen mich wütend und sprachlos. Warum fügen Menschen anderen so viel Leid zu und dann auch noch dort, wo sie sich eigentlich in Sicherheit befinden sollten?

Der Begriff „Exnovation“ beschreibt das Gegenteil von „Innovation“, also die Rücknahme von Systemen, Prozessen, Praktiken oder Technologien, die abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen wurden. Ein eigentlich normaler Schritt im wiederkehrenden Zyklus von Entstehung, Etablierung und eventueller Auflösung, bevor Neues sich etablieren kann. Vieles an gewohnten politischen und gesellschaftlichen Ordnungen ist in diesem Jahr abgeschafft, aufgelöst oder zurückgenommen worden. Nun halten wir angespannt unseren Atem an, denn wir wissen nicht, wie sich die Verhältnisse in 2025 neu ausbilden werden, sei dies die neue Regierung in USA, die Neuordnung Syriens und die anstehenden Neuwahlen in Deutschland.

Was wird 25 bringen?

Die 25 ist mathematisch betrachtet eine ungerade Zahl, aber ebenso eine Quadratzahl und bildet die Summe der fünf ungeraden, einstelligen Zahlen: (1 + 3 + 5 + 7 + 9 = 25).

Die Zahl 25 steht für das chemische Element Mangan, das ein silberweißes, hartes, sehr sprödes Übergangsmetall, das Eisen ähnelt. Mangan wird in der Natur in großen Mengen abgebaut und vor allem in der Stahlindustrie verwendet.

Als Polizeiseelsorgerin geht mein neugieriger Blick juristisch auch ins Strafgesetzbuch (StGB). In §25 geht es um die „Täterschaft“:

(1) Als Täter wird bestraft, wer die Straftat selbst oder durch einen anderen begeht.
(2) Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft (Mittäter).

Besonders interessant erscheint mir ein Blick in die Heilige Schrift und die darin enthaltende Numerologie. Die Zahl 25 steht für „überquellende Gnade“ – dies ergibt sich aus der Summe von 20, die für „Erlösung“ und 5, die für „Gnade“ steht. Auch kann man 5×5 als Gnade über Gnade übersetzen. Mit dieser Zahl sind verschiedene Ereignisse in der Bibel verbunden: König Josaphat regierte 25 Jahre, während Hesekiel im 25. Jahr seiner Gefangenschaft seine Vision des Tempels erlebte. Die Bücher Judas und Philemon bestehen jeweils aus 25 Versen.

Neben diesen interessanten biblischen Aspekten der Zahl 25, sind auch die gesellschaftlichen und sozialen Konnotationen aufschlussreich. In unserer Gesellschaft spielt der 25. Jahrestag eine bedeutende Rolle. Silberne Hochzeiten, Dienstjubiläen und viele andere Ereignisse, die ein Vierteljahrhundert umspannen, werden als besondere Meilensteine gerne gefeiert.

Die katholische Kirche feiert das 27. Jubeljahr. Seit 1300 werden mit Papst Bonifatius VIII. diese hervorgehobenen Feierlichkeiten in der katholischen Kirche begannen. Biblisch betrachtet findet ein Erlass- oder Jubeljahr alle fünfzig Jahre statt (siehe Lev 25,8-55) und bezog sich ursprünglich auf sog. „Schuldsklaven“ und deren Befreiung von einer verpflichtenden Schuldarbeit. Im Mittelpunkt des katholischen Jubeljahres steht für Gläubige die Chance auf einen vollkommenen Ablass ihrer Sünden und damit einen Neuanfang. Doch dies geschieht nur unter der Voraussetzung, dass sie nach Rom pilgern, um dort die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen und die Heilige Pforte der Apostelkirche bis zum 6. Januar 2026 zu durchschreiten. Die Stadt Rom wird in 2025 daher nicht nur über diesen Zuspruch für katholische Christinnen und Christen, sondern auch über den Zustrom von Pilgern jubeln können.

Viele kirchliche Publikationen nehmen in ihren Veröffentlichungen die jeweilige Jahreslosung in den Blick – wie z.B. das evangelische Sonntagsblatt.

Prüft aber alles und das Gute behaltet.

  1. Thess 5,21

Analog zum letzten Jahreswechsel (2023 und 2024) werde ich hingegen meine Segenswünsche zum kommenden neuen Jahr an Psalm 25 anlehnen.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern meines Blogs, dass Sie und ihr meinen Worten und Gedanken Raum und Zeit geschenkt habt. Möge Gottes Segen euch in 2025 begleiten!

Ihre / eure Miriam Groß

Mögest du im neuen Jahr die Nähe Gottes, des Herrn über Welt und All, suchen.

Möge Er dich Seine Nähe spüren lassen – besonders dann, wenn du schwere Zeiten durchlebst.

Mögest du geborgen in Gott sein – auch im Angesicht deiner Verächter, denn Er sieht und schützt die, die Seine Gegenwart suchen.

Möge der Herr unseres Lebens dir den Weg zeigen, den du dieses Jahr beschreiten sollst, und dich Schritt um Schritt führen.

Möge die göttliche Wahrheit dir Richtschnur und Gott Dir eine Hilfe in allem sein, was du im neuen Jahr tun und erleben wirst.

So segne und behüte dich Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist in 2025.

Ein Herz für den Nachwuchs: von Blaulichtparties und Gebeten

Ein kalter Wind pfiff durch die schmale Straße. Ich rieb mir die Hände und zog die blaue Weihnachtsmütze tiefer ins Gesicht während ich in die erwartungsvoll-freudigen Gesichter meines polizeilichen Nachwuchs blickte, der auf den Einlass in der Diskothek im Herzen Bambergs geduldig wartete.

Als Polizeiseelsorgerin versuche ich so oft wie möglich an „Blaulichtparties“ präsent zu sein, um gemeinsam mit Ehrenamtlichen der Gewerkschaft der Polizei als Ansprechpartnerin verfügbar zu sein. Denn der Nachwuchs, dessen Sicherheit und ihre Anliegen liegen uns – Seelsorge und Gewerkschaft – sehr am Herzen. Hand in Hand zeigen Kirche und Gewerkschaft durch Personen vor Ort ein gemeinsames Gesicht.

Und das ist notwendig, denn die nächste Generation von Beamtinnen und Beamten ist unsere Zukunft. Ob dies Polizistinnen und Polizisten, oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind, so sollten wir uns bewusst sein, dass diese Berufsgruppen vieles begleiten, was ein Bürger oder eine Bürgerin hoffentlich nur selten oder nie erleben muss. Beide Berufsgruppen machen diese Erfahrungen sehr früh in ihrer beruflichen Laufbahn – meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter beginnen ihre Ausbildung teilweise mit sechzehn Jahren.

Unser Nachwuchs benötigt daher unsere Begleitung und unser unablässiges Gebet. Paulus schreibt weise Worte über die Gestaltung unseres Lebens und das Gebet in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki, die auch wir zu Herzen nehmen sollten:

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

1. Thess 5,16

Fröhlichkeit stand an diesem Dezemberabend kurz vor dem Weihnachtsurlaub meiner Auszubildenden im Mittelpunkt derer, die dorthin gekommen waren. Inzwischen war mir vom Stehen neben der Security am Eingang der Diskothek in der zugigen Straße kalt geworden. Ich entschuldigte mich bei meinem Gewerkschafts-Kollegen und stieg die Treppe hinunter in den dunklen und warmen Gastraum, während ich in die rhythmische Musik der Feierenden eintauchte. Obwohl ich am Rande der Tanzfläche in meiner Leuchtweste stand, wurde ich in den fröhlichen Sog mit hineingetragen und lies mich einige Minuten vom Rhythmus tragen.

Seid allezeit fröhlich!, fordert Paulus auf.

Doch jenseits all des Feierns erwartet unseren Nachwuchs ein schwerer beruflicher Alltag. Das wusste ich durch meine eigene Ausbildung, aber auch durch meine Erfahrungen in der Begleitung von polizeilichen Einsatzkräften und kirchlichen Seelsorgenden. Sie sind eingestellt in ein weites berufliches und privates Spannungsfeld. Dabei dankbar zu sein, ist eine große, ja fast lebenslange Herausforderung.

Seid dankbar in allen Dingen!, fordert Paulus auf.

Tod, Trauer, Verlust, Übergriffe und Extreme prasseln auf diese zumeist jungen Menschen ein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich meine ersten beruflichen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Endlichkeit mit Mitte zwanzig gesammelt hatte. Prägende Momente, die sich teilweise in die Seelen der jungen Menschen einbrennen. „Die erste Leiche, den ersten Toten vergißt du nie“, hatte man mir damals in der Seelsorgeausbildung gesagt. Diese und andere Erfahrungen hinterlassen ihren unauslöschlichen Eindruck, der unseren Nachwuchs während seiner Ausbildung verändert und formt. Als Lehrende, Mentorinnen und Mentoren können wir nicht immer vor Ort sein. Daher braucht es etwas, worauf Paulus zu recht hinweist:

Betet ohne Unterlass!, fordert Paulus.

Gott hört. Er ist da. Und manchmal braucht es andere, die für einen beten, wenn man selbst keine Worte mehr findet oder sich mitten im Geschehen befindet. Kein Wunder also, dass Dekanin Kerstin Baderschneider aus Kitzingen die Synode aufgefordert hatte, den Gemeinden eine Bitte um den Nachwuchs in die Fürbittengebete aufzunehmen (siehe Artikel Sonntagsblatt). „Es liegt Kraft im gemeinsamen Gebet“, so Dekanin Baderschneider. Dem kann ich nur zustimmen! Für mich kommen dabei als Seelsorgerin der kirchliche und der polizeiliche Nachwuchs in den Blick, der so viel erleben und schon während seiner Ausbildung begleiten muss – Gebet ist neben einer guten Ausbildung das, was wir alle für sie tun können. Als die Synode diese Eingabe abgelehnt hat, war es für mich ein bitterer Moment. Aber vielleicht überlegt es sich die Synode nochmals, wenn sie im neuen Kalenderjahr sich mit der sechs Verse später stehenden Jahreslosung auseinandersetzen wird?

Prüft aber alles und das Gute behaltet. So rät es Paulus.

Zu hoffen ist es allemal, dass die Synode dies ernst nimmt und nochmals diese Eingabe als geistliches Gremium prüft.

Inzwischen war es kurz nach Mitternacht. Nachdem die letzten unter Sechzehn sich auf den Weg zurück zur Ausbildungsstätte gemacht hatten, konnte auch ich in den Feierabend gehen. Ich verabschiedete mich von meinem Kollegen und tauchte mit Leuchtweste in die dunkle Nacht ein. Nur wenige Fenster waren noch beleuchtet als ich durch die Kälte nach Hause radelte, aber eins wusste ich gewiss: Mein Engagement und unablässiges Gebet als Polizeiseelsorgerin würde meine Auszubildenden begleiten, denn das war notwendig.

… Und liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie etwas Zeit haben, beten Sie für unseren Nachwuchs, den polizeilichen und kirchlichen. Denn wir brauchen sie in ihrer jeweils eigenen beruflichen Kompetenz, damit Gerechtigkeit und Hoffnung in diese Welt einziehen möge.

Die Katze der Pfarrerin (2): Pizza und der Vorgeschmack auf die Ewigkeit

Nach all der Aufregung hatte meine Dosenöffnerin beschlossen, die Küche geschlossen zu lassen. Ach, das ist aber schade! Denn neben den Dosen fallen für mich manchmal Leckereien von ihrem Essen ab. Selbst als ich mein herzzerreißendes Miauen auspackte, erweichte sie nicht. Stattdessen verschwand sie plötzlich in die Dunkelheit der kalten Dezembernacht. Diese Dosenöffner sind äußerst seltsam. Mich würde diese Kälte nicht reizen. Dafür strecke und räkle ich mich gerne vor dem warmen Ofen und lasse mich von dem Knistern in den Schlaf singen.

Als meine Dosenöffnerin kurze Zeit später zwei köstlich duftende, bunte Packungen auf den Küchentisch stellte und sich mit der Nachwuchs-Dosenöffnerin hinsetzte, sprang ich auf ihren Schoß und dann, um es noch genauer sehen zu können, auf meinen Lieblings-Aussichtspunkt, den sie „Schultern“ nennt. Dort werde ich zumeist verlässlich und stabil durch die Wohnung getragen.

Heute aber schüttelte meine Dosenöffnerin ein herzhaftes Lachen. Neugierig beugte ich mich noch weiter nach vorne, um genau zu sehen, was der eigentliche Grund ihres rätselhaften Verhaltens sein könnte, das das leckere Essen so lang heraus zögerte.

Aber hört doch selbst:

„Ein Vorgeschmack auf die Vergangenheit“ – so wie es auf der Pizzaverpackung steht, darauf habe ich so gar keine Lust. Ich habe nur wenige Erinnerungen an die Zeit vor meinem jetzigen Katzentempel, aber das, was ich noch weiß, ist dunkel und düster.

Obwohl ich mir Mühe gab, erhielt ich keinen einzigen Bissen der lecker duftenden Pizza. Also blieb mir nichts weiter als es mir nach deren Festmahl auf dem Schoß meiner Dosenöffnerin gemütlich zu machen. Kaum war ich eingenickt, stand sie auf und holte sich ein großes Glas Wasser, das sie in einem Zug lehrte. Ja, ja, diese Pizza – sie riecht immer lecker und die Salami darauf soll angeblich vorzüglich schmecken, aber zusammen mit dem Käse ist es doch eher eine recht salzige Angelegenheit. Kein Wunder also, dass sie so viel Durst hatte! Dabei murrte sie vor sich hin und schimpfte über die Aufschrift auf der Pizzaverpackung. Ich sehe, wir verstehen uns! Dabei kramte sie in einem dicken Buch, das sie „Bibel“ nennt und las eine Geschichte von Jesus, der in eine Stadt gekommen war und eine Frau um Wasser bat:

Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Joh 4,7-14 LUT

Etwas verwirrend finde ich diese Geschichte schon, denn wenn man so wie die Dosenöffnerin an Jesus glaubt, sollte man doch keinen Durst haben? Vielleicht ist damit aber etwas anderes gemeint als der Durst, der uns nach einer salzigen Pizza zum Wasserhahn treibt? Der Durst nach Ewigkeit, sagt sie, wird durch den Glauben an den Messias gelöscht. So wie es die Geschichte von Jesus und der Frau aus Samarien erzählt.

Wie bedauerlich, dass es heute Abend nicht auch für den körperlichen Durst meiner Dosenöffnerin gilt. Kaum habe ich es mir wieder auf ihrem Schoß gemütlich gemacht, steht sie schon wieder auf und eilt zum Wasserhahn. Ja, seltsam sind sie oft, diese Dosenöffner.

Heute Abend bin ich nach einem langen anstrengenden Tag wieder satt und müde. Durst habe ich im Gegensatz zu ihr keinen. Wer weiß? Vielleicht habe ich etwas von diesem Wasser getrunken, von dem die Jesus-Geschichte erzählt? Auf jeden Fall träume ich heute Abend im Schein des Ofens von leckeren Dosen. Am liebsten von solchen gefüllt mit Pute mit Zucchini und wunderbar cremiger Sauce.

Von Führen und Leiten – Perspektiven aus Bibel und Bekenntnis

Fasziniert betrachtete ich den Aufmarsch der Studiengruppen. Die Marschformation, Aufstellung und Durchführung geschah wie von unsichtbarer Hand geführt. Man konnte die Mühe, aber auch die Genauigkeit erahnen, die darin verborgen war und von einer höher geordneten Person in diese Form gebracht worden war. Der Aufmarsch verlieh uns an diesem Tag Sicherheit und symbolisierte einen besonderen Ehrengruß.

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, 27. Januar 2023

Seit meines Dienstbeginns in der Bundespolizei tauche ich als Pfarrerin und Theologin in ein hierarchisches geführtes System ein, mit dem ich in ähnlicher Weise punktuell durch meine Tätigkeit in der NYPD und meinen familiären Berührungspunkten mit der US-Army in Berührung gekommen war. Die polizeilichen Führungsstrukturen, und auch die der evangelischen Seelsorge in der Bundespolizei sind stark hierarchisch gegliedert. Während in meiner dienstlichen Verwendungszeit die Notwendigkeit besteht, sich hierin einzuordnen, hilft mir diese Erfahrung, Führen und Leiten in meinem ursprünglichen kirchlichen Tätigkeitsbereich zu reflektieren und für die berufliche Zukunft daraus zu lernen.

Besonders aufgrund der massiven Veränderungen in den Kirchen, die durch Mitgliederrückgang, massiv rückläufige Finanzen und einen Bedeutungsverlust der Kirchen im öffentlichen Leben evoziert sind, lohnt sich ein Blick auf das Thema, wie es in Bibel und Bekenntnis wahrnehmbar ist. Die folgenden Erwägungen sind daher für all diejenigen gedacht, die sich mit Amt, Führung und Leitung auseinandersetzen wollen oder müssen, um dies bibel- und bekenntnisgemäß zu gestalten.

Während straffe Hierarchie aufgrund der Einsatzstruktur und -notwendigkeit ein Merkmal der Bundespolizei ist, sollten die Kirchen kritisch auf ihre eigene (oftmals auch offen oder verdeckt hierarchische) Struktur sehen. Wagen wir also einen Blick in Schrift und Bekenntnis:

Wenn wir die Bibel befragen, so ist der Ursprung jedes Amtes in einem königlichen Priestertum zu sehen. Bei der Ankunft des Volkes Israel am Sinai verkündete Mose im Auftrag Gottes, das sie ein Königreich von Priestern seien:

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

Ex 19,5

Aus diesem Königreich von Priestern wurde schließlich in der biblischen Entwicklungsgeschichte ein königliches Priestertum, das zum Priestertum aller Getauften wurde. Nun waren alle vor Gott gleich würdig und wehrt.

… und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Off 1,6

Doch blieb es nicht nur bei diesem intrinsischen Wert, der den Gläubigen zugesprochen wurde, sondern dieser Zuspruch wurde mit einem ganz konkreten Anspruch verbunden, den man am Ende des Matthäusevangeliums wahrnehmen kann:

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Mt 28,18

Zuspruch und Anspruch sind eng miteinander verknüpft und werden doch relativiert, denn im Leib Christi sind alle gleichberechtigt mit einem Haupt, das Christus ist:

Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied. Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann gab er die Kraft, Wunder zu tun, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede.

1.Kor 12,27f.

Nun kann man im neuen Testament drei Ämter wahrnehmen: Apostel, Propheten und Lehrer. Diese sind alle gleichwertig im Amt. In der paulinischen Chrismentheologie, die in der Paulusschule ausgebildet wurde, sind diese Ämter um Evangelisten und Hirten erweitert worden. Alle Ämter aber sind dazu da, „damit die Heiligen zugerüstet werden“ und sind als Teile des Leibes auf das Haupt hin, also Christus ausgerichtet. „Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum“.

Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi. Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe, hat Gefangene in die Gefangenschaft geführt und den Menschen Gaben gegeben.« Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle.
Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.
Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.

Eph 4,7-16

Wenn wir hier in V. 12 blicken, so wird hervorgehoben, dass die erwähnte Personengruppe dazu da ist, die „Heiligen“ zuzurüsten. καταρτισμός bedeutet „zurüsten“, „trainieren“, aber auch „schulen“. Pfarrpersonen sollen daher Gemeindeglieder befähigen, nicht betreuen. Um dem biblischen Bild gerecht zu werden müssen wir dringend weg vom Selbstverständnis der Betreuungskirche hin zur Beteiligungskirche. Ein längst überfälliger Schritt, denn das im Kaiserreich eingeführte und nach dem zweiten Weltkrieg als notwendig weiterausgebaute System der Betreungskirche greift nicht mehr. Es braucht neue und andere Wege, auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen und Hirtinnen und Hirten, im Großen und Kleinen, die dies ernsthaft umsetzen.

Davon erfahren wir in den Pastoralbriefen mehr. In ihnen spürt man danach sehr deutlich, dass diese sich mit dem ausbreitenden Christentum praktischen Fragen zuwenden mussten. Wie sieht z.B. solch ein Hirtenamt aus? Wie hat sich ein Bischof, also der geistige Führer einer Gemeinde, oder ein Diakon sich zu verhalten? Mehr erfahren wir im ersten Timotheusbrief:

Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt erstrebt, begehrt er eine hohe Aufgabe. Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.

1. Tim 3,1-7

Das sind hohe Ansprüche für gemeindliche Führungspersonen, die nicht ohne Zuspruch bleiben dürfen. Nur ein Kapitel später wird daher die Gabe hervorgehoben, die wir heute als Ordination bezeichnen würden:

Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung des Rates der Ältesten.

1. Tim 4,14

Gestärkt durch diese Zusage kann eine offiziell beauftragte Person ihren Dienst vollführen immer mit dem Blick auf die „heilsamen Worte“ (2. Tim 1,13) , die diese Person gehört hat. Weiterhin wird es interessant, wenn wir von diesem biblischen Blick uns den Bekenntnisschriften zuwenden.

All diese Gedanken sind schließlich in CA V (Predigtamt), VII (Kirche) und XIV (Kirchenregiment) eingegangen. Im Wittenberger Ordinationsformular von 1535 spiegelt sich diese Beauftragung nach Innen und Außen wieder.

In besonderer Weise sei hier Barmen IV erwähnt, das einhergehend mit Mt 20,25.26 nochmals die Gleichrangigkeit der verschiedenen Ämter betont:

Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes. 

Barmen IV

Ein massiver Unterschied zu Amt, Führung und Leitung, wie ich sie gegenwärtig in der Einsatzorganisation der Bundespolizei wahrnehme und wie dies für Polizistinnen und Polizisten alltäglich erscheint. Selbstverständlich sei an dieser Stelle betont, dass es in einer solchen aufgrund der zu versorgenden Geschehnisse eine hierarchische Befehlsstruktur geben muss. In kirchlichen Strukturen hingegen ist Amt, Führung und Leitung nach biblischen Befund auf Christus als dem Kopf des Leibes hin ausgerichtet, der alle als gleichberechtigte Glieder sieht. Dort gibt es keine Höherwertigkeit des einen über die andere. Nicht umsonst hat Steffen Bauer im Bezug auf die notwendigen Veränderungsprozesse in den Landeskirchen gesagt:

Die Führung des Wandels benötigt einen Wandel der Führung.

Noch deutlicher sollte ich hinzufügen: Wir müssen weg von dem überholten Bild der Versorgungskirche hin zu einer Beteiligungskirche, in der jeder und jede als Teil dieser Kirche seine Wirkrelevanz als Glaubende einbringen und gestalten kann. Pfarrpersonen sollten hierbei befähigen und ermöglichen, nicht schlicht „versorgen“.

Mit dem wachsenden Druck auf Kirche werden wir sehen, wie ernst Kirchen es meinen oder ob sie wie die Church of Scotland viel zu spät reagieren und dann in den teils selbst kreierten Abgrund blicken werden.

Was ich mir nach dieser kleinen Reise durch Schrift und Bekenntnis ersehne: eine Kirche der Menschen vor Ort, die Glauben in seiner Pluriformität leben und erfahrbar machen.

Zahlreiche Lehr- und Studiengruppen sind in den letzten Jahren an mir vorüber marschiert. Bei einigen habe ich mich eingereiht und diese bei nächtlichen Alarmübungen und Orientierungsmärschen begleitet. Es sind wertvolle Einblicke in eine besondere und wichtige berufliche Welt, die für unsere Sicherheit sorgt. Ich habe großen Respekt vor deren Leistungs- und Leidensbereitschaft im Namen des Grundgesetzes. Als evangelische Seelsorgerin, die irgendwie Teil der Organisation, dann aber auch eine ganz andere Anbindung hat, werde ich sie aufgrund meiner kirchlichen Beurlaubung nur eine gewisse Zeit begleiten dürfen. Manchmal ist diese Begleitung ein wahrer „Drahtseilakt“ zwischen Eingliederung in eine straffe Hierarchie und einer andersartigen Verortung, die aus Bibel und Bekenntnis entspringt und den Menschen, nicht die Hierarchie und Funktion in den Mittelpunkt stellt. Ich bin dankbar um das mir entgegengebrachte Vertrauen, das mein Herz in besonderer Weise anrührt und auch mich verändert.

Die Katze der Pfarrerin

Es gibt nichts Schöneres als an einem kalten Winterabend sich vor dem warmen Feuer zu räkeln. Darf ich vorstellen? Mein Name ist Otello. Ja, ihr habt richtig gehört. Wie der berühmte Feldherr aus der gleichnamigen Oper von Guiseppe Verdi. Etwas rätselhaft ist mir mein Name schon, denn ich habe weißes Fell mit einigen roten Flecken. Eigentlich hätte ich analog zur italienischen Oper, nach der ich benannt wurde, mindestens braunes, vielleicht sogar schwarzes Fell haben müssen. Aber so sind sie, diese Dosenöffner, die auf zwei Beinen durch die Welt laufen.

Apropos Dosenöffner: ich habe eine Dosenöffnerin. Am liebsten sitze ich auf ihrer Schulter. So kann ich alles gut überblicken und habe meinen Katzentempel im Griff. Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit meiner Dosenöffnerin. Zumeist stellt sie mir das richtige Essen bereit. Nicht selten lacht sie über meinen Namen, den ich aus dem Tierheim mitgebracht habe. Umbenennen kam für sie nicht in Frage, denn mit dem weißen Fell meint sie könne man irgendwie dem Rassismus in unserer Welt ein symbolisches Gegenbild setzen.

Eigentlich macht meine Dosenöffnerin einen ganz guten Job. Neben diesem Hauptberuf ist sie nebenberuflich als Pfarrerin tätig. Tagsüber arbeitet sie außerhalb meines Katzentempels, am Spätnachmittag und Abend kümmert sie sich um den Dosenöffner-Nachwuchs. Auch der ist wichtig, denn er steht bereit, wenn sie einmal keine Zeit hat. Außerdem steckten sie mir ab und an noch so manche Leckerei zu. Der Tag meiner Dosenöffnerin ist leider eng getacktet – in der verbleibenden Zeit liest sie gerne in unsinnig zusammengebundenem Papier, das sie „Buch“ nennt. Meistens geht es darin um den Glauben oder um Geschichte. Ich würde ja verstehen, wenn es darin um Futter oder die Jagd ging, aber solche Themen überlasse ich gern ihr. Das ist mir einfach zu anstrengend. Letztens hat sie sogar ein Buch über einen Rabbiner und seine Katze gelesen. Sicher ein Versuch, es mir irgendwie recht zu machen.

Aber was kümmern mich die Berufe anderer Dosenöffner und erst recht andere Katzen? Mein Leben ist stressig genug.

Wie gesagt: ich bin recht zufrieden. Heute Abend bin ich satt und müde. Ich räkle mich noch etwas im Schein des Holzofens, dann ist es Zeit endlich nach einem langen, anstrengenden Tag zu schlafen und von leckeren Dosen träumen. Am liebsten von solchen gefüllt mit Lachs, Hühnchenfilet und wunderbar cremiger Sauce.

My dear Jewish friend 22: Hot-water bottle prayer against stomach ache and fears

I pulled the hot-water bottle towards my aching body. A strong stomach ache had its grip on me since days. As the warmth started to ease my pain, my thoughts wandered towards you, my dear Jewish friend.

When the job opportunity to become a chaplain at the largest training facility for the German Federal Police became a reality, we were ripped apart and I was torn from the comfort of our unlikely friendship. The world was a different one back then. With strong democracies, which had stood strong against right-extremist thoughts, pandemic and a crisis in world economy on this and the other side of the Atlantic.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

The first words of psalm 16 resonated deeply within me. Protection and refuge from the quickly changing political and societal tides is what we need these days. While I was pondering about the beautiful words of the psalm, the antique pink heating pad in shape of an old hot-water bottle gave me some extra comfort. Presently, it seems as though the only thing left for me is to find warmth from outwit myself. Four years after I moved back to Germany it feels as if the world is falling apart. A shift to the extremes is apparently happening in your home country and I am fearing for the upcoming early elections in mine.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

Four years of teaching young Police cadets about democracy, enabling them to stand up for human rights – in contrary to the murderous Nazi regime, where police have been complicit with the unspeakable evil. This was the reason, why I had left New York to go to the center of power and make an impact to hinder such a murderous system from establishing itself again through education. May such hate and unspeakable crime never happen again. I gave it all. Teaching how to combat the rise of Antisemitism, combating Racist activities and standing up against hate in the name of human dignity and robust democratic basic rights.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

But numbers of Antisemitic hate are rising around the globe. The numbers in Germany alone are staggering! 2023 the huge number of 5.164 antisemitic hate crimes. 2024 until to the end of September 3.370 (see below).

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you.

On Feb 23 the lower house of the Federal German Parliament will have an untimely election as our German government is falling apart. Some of it seems hurtfully familiar in history – no, I want to push back this terrible thought as far as possible…

But if worst comes to worse, will I have equipped my young police cadets to stand up for our basic rights and for human dignity? With any elected government they will have the duty to obey their commands and to enforce the legislation. No matter, if it is from the center, or G´d help us!, extremist right or left winged. Will they be courageous enough to stand strong and firm against their superiors or politicians, if their commands, their laws and regulations are against human dignity? This is what they promise in their oath. Time and time again I have outlined in lessons for numerous classes before their oath how important it is that they protect our laws and human dignity. I always remind them that the murderous Nazi-Regime had despised human dignity and murdered 6 million Jews and numerous others.

Protect me, o G´d, for I seek refuge in you…

… is a prayer I am saying many times a day. For you and for me as we brace for impact of what might come. I wish, I could flee into the arms of our unlikely and precious friendship – but we are miles and oceans apart. Therefore, it is this hot-water bottle prayer that eases some of the stomach and heart ache:

Lord and creator of all,

Baruch Atah Hashem,

our world is changing so fast. Antisemitism and hate is on the rise. Wars are raging in the Holy Land and Ukraine. Politics are leaning to the extremes and no one wants to reach across the isle.

I am scared and turn to you seeking your warmth that will soothe my pain like a hot-water bottle.

Protect us, o G´d, for we seek refuge in you.

Amen.

Every time I pull my antique pink hot-water bottle towards me, I will say this prayer and think of you, my dear Jewish friend.


(https://mediendienst-integration.de/desintegration/antisemitismus.html )

Von Zeichen der Zeit und einem möglichen Menetekel

Nicht selten sehe ich auf grauen Flächen, an Bahnhöfen und offenen Betonmauern so manche „Graffiti-Verzierung“. Die erste, die mich auf meinem Nachhauseweg von der Kirche begrüßte, war eine graues, voluminöses Etwas, das weiß umrandet worden war. Schmunzelnd musste ich an das berühmte Gemälde Rembrandts „Das Gastmahl des Belsazars“ denken, das er 1635 gemalt hatte. Hier waren es eine weiße hebräische Schrift, die dem Betrachter auf dem Dunkel der Wand entgegen strahlt: מְנֵ֥א מְנֵ֖א תְּקֵ֥ל וּפַרְסִֽין –mənēʾ mənēʾ təqēl ûp̄arsîn in Lautschrift.

Laut biblischer Geschichte (Dan 5) konnte keiner der Anwesenden dem erschrockenen König Belsazar die wie aus dem Nichts erschienene göttliche Schrift übersetzen und erklären. Hieraufhin wurde der Prophet Daniel gerufen, der für seine Weisheit und sein wahrsagerliches Können berühmt war, um die Schrift zu entziffern.

„Menetekel“ – „the writing on the wall“ (engl.) wird oft im Deutschen als „Zeichen der Zeit“ wiedergegeben. Dabei wurde das Wort „Menetekel“ der biblischen Geschichte zum Inbegriff eines drohenden Unheils.

Die Zeichen der Zeit schnellstmöglich erkennen und entziffern. Das haben die evangelischen Landeskirchen dringend notwendig. Die Bedrohung ist bereits deutlich sichtbar und in der Mitte vieler Landeskirchen angekommen. So muss sich die Evangelische Kirche von Westfalen mit massiven Problemen auseinandersetzen, die von einer Nachfolge ihrer Präsens bis hin zu massiven Einsparmaßnahmen, Stellenkürzungen und komplette -streichungen, Gebäudeschließungen und -verkäufen reichen.

Solch massive Einschnitte habe ich in meinen drei Jahren Auslandsverwendung ab 2007 in einer konkreten Gemeinde in Orkney begleitet, als die Church of Scotland massive Einsparungen aufgrund der Immobilien- und Wirtschaftskrise und einer erodierenden Mitgliederzahl vornehmen musste. Als ich meinen Dienst in der schottischen Kirche begann, waren es über eine Millionen Mitglieder. Bei meinem letzten Besuch in 121 George Street, Edinburgh (dem dortigen Landeskirchenamt) erzählte man mir 2023 von massiven Sorgen, da die Mitgliedszahlen nunmehr 260.000 betrugen und man genau überlegen müsse, welche Gemeinden, Gebäude und Angebote man erhalten könne. (Davon berichtete ich im Blogeintrag „Church of Scotland: Eine Kirche im freien Fall“.) Vor kurzem wurden die neuesten, bitteren Zahlen bekannt: bis 2027 plant die Church of Scotland aufgrund einer prognostizierten Zahl von 36.000 Mitgliedern die Zahl der Pfarrstellen um die Hälfte auf 47 zu reduzieren. Schlicht und schmerzhaft wage ich zu schreiben: die einstige stolze schottische Nationalkirche befindet sich in einem Auflösungsprozess. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren beobachte ich diese rasante Entwicklung mit viel Sorge.

Haben wir in Deutschland das Menetekel gesehen? Haben wir die Zeichen der Zeit erkannt? In der Evangelischen Kirche in Westfalen sicherlich. Auch anderorts scheint es manchen zu dämmern. Andere entgegnen mir schlicht, dass wir keine anglikanischen Verhältnisse hätten und zum Beispiel in den skandinavischen Ländern dies ganz anders aussähe.

Ich kann es nur hoffen, aber die rasante Entwicklung der Church of Scotland und auch die erlebte Realität in USA lässt mich anderes befürchten. In meiner Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin, die vornehmlich in einem der größten Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum tätig ist, erlebe ich, dass Religionszugehörigkeit die Ausnahme darstellt. Hierbei sind Musliminnen und Muslime eher auszumachen. Christinnen und Christen in der absoluten Minderheit. Der noch auszubildende polizeiliche Nachwuchs scheint vornehmlich ohne religiöse Affinität zu sein. Hier erlebe ich, was in der Mitte der Gesellschaft schon sehr bald Normalität darstellen und kirchliche Strukturen massiv in Frage stellen wird.

Kurze Zeit später lief ich an einer weiteren „Graffiti-Verzierung“ vorbei. In großen bunten Lettern prangte hier „SICK“ (engl. „krank“) deutlich lesbar an der grauen Wand der Parkgarage. Vielleicht müssen wir die Zeichen der Zeit schlicht erkennen und an dem gesunden, an dem unsere Kirche krankt?

Als kleine Pfarrerin hoffe ich, dass die Zeichen der Zeit von denen in Macht und Einfluss erkannt, Maßnahmen ergriffen, von Unnötigem (Exnovation) Abstand genommen und neue Wege (Innovation) versucht werden. Damit die Zeichen der Zeit nicht zu einem wahren biblischen Menetekel für Landeskirchen werden, wie sie bereits andernorts auf europäischen Boden sind.


Anempfohlen sei hierbei die Lektüre eines wichtigen Buches:

Sandra Bils und Gudrun Töpfer: Exnovation und Innovation: Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen (Systemisches Management)

Das wunderbar trotzige Prinzip Hoffnung

Mein schwarzes Schälmesser trennte die dünne Schale vom frisch erworbenen Ingwer. Die Knolle dieses besonderen Gewächses, das seit Jahrhunderten als Gewürz und Arznei Verwendung findet, stammte aus dem fränkischen Knoblauchsland und hatte nicht, wie die meisten Ingwerknollen einen meilenweiten Weg hinter sich. Lokal. Frisch. Gesund. Einen Ingwer-Shot hatte ich heute sehr nötig, um die in mir aufsteigende Übelkeit an diesem Sonntagmorgen zu bekämpfen.

Flutkatastrophe in Valencia, Spanien.

Bevorstehende US-Wahlen voller Streit und Entzweiung.

Eine zerrissene deutsche Politik.

Krieg in der Ukraine.

Nordkoreanische Truppen in Russland.

Krieg im Heiligen Land.

Moldaus Ringen um Demokratie.

Machtkampf in Bolivien.

Beim Hören der Nachrichten war mir schlecht geworden. Trotz des strahlenden Novembermorgens hatten sich trübe Gedanken in den Vordergrund geschlichen. An der Hoffnung an solch einem Morgen festzuhalten, war gar nicht so einfach. Die Nachrichten überfluteten meine Gedanken und machten einem grollenden Bauchweh Platz.

Ich schnitt den geschälten Ingwer in kleine Stücke, ließ sie in den Zerkleinerer fallen und zerkleinerte das Ganze mit Zitronensaft und Honig angereichert zu einem dickflüssigen Getränk.

Die Gemüsebetriebe, die diesen Ingwer erfolgreich im Nürnberger Knoblauchsland angebaut hatten, hatten die Hoffnung nicht aufgegeben. Trotz spürbaren Klimawandel und massiven Herausforderungen stellten sie sich den neuen Gegebenheiten. Eigentlich wäre es so leicht, die Hände in den Schoß zu legen und nach einer Betriebsamkeit voller Tradition alles aufzugeben, weil die seit langem gewohnten Gemüsesorten nicht mehr oder schlechter reifen, die Energiepreise massiv angestiegen und Fachkräfte nur schwer zu finden waren. Aber sechzehn landwirtschaftliche Betriebe aus dem Nürnberger Norden gehen andere, innovative Wege, denn Gemüseanbau ist ihre Berufung. Ein aktiver und bewusster Schritt, der das Gewohnte an vielen Stellen verlässt, um neue Wege zu finden, die in die Zukunft weisen. Innovation gekoppelt mit Exnovation („Aktives Aufhören einer Tätigkeit“).

Eine exnovierende Grundhaltung hilft, das System auszumisten und dadurch handlungsfähig zu bleiben.

Bils/Töpfer: Exnovation und Innovation, S. 137.

Loslassen macht Platz für Neues. Dieser Prozess setzt die notwendige Energie frei, die Hoffnung und Mut für Gegenwart und Zukunft schenkt. Das zeigen die neuesten Studien zu systemischen Management. Der fränkische Ingwer ist ein solches hoffnungsvolles Produkt im Angesicht massiver Veränderungen, die wir uns alle nicht wünschen, aber in bitterer Weise unumgänglich sind. Der fränkische Ingwer ist umweltfreundlicher, frischer und bekömmlicher als jeglicher Ingwer aus Fernost, der tausende von Transportkilometern und so manches nicht kontrollierbares Spritzmittel mit im Gepäck hat.

Mich hat der Nürnberger Ingwer angesichts der Herausforderungen in Kirche sehr nachdenklich gemacht, denn auch die Kirchen stehen vor großen Herausforderungen. Der sonntägliche Gottesdienst wird zunehmend weniger besucht, die Mitgliedszahlen sind massiv am sinken und selbst zentrale Angebote stehen vielleicht schon bald aufgrund fehlender finanzieller Mittel auf dem Prüfstand. Was können wir als Kirche der Gesellschaft anbieten, das zeitgemäß und gleichzeitig relevant ist?

Was also können wir im kirchlichen Bereich an Exnovationen vornehmen, damit eine Gegenwart und Zukunft möglich wird? Sandra Bils schreibt weiter:

Im kirchlichen Bereich könnte sie [die Exnovation] unterstützen, dem traditionellen Erbe gerecht zu werden, indem durch Läuterungsprozesse eine gewisse Patina an Folklore und Gewohnheit kritisch hinterfragt wird und dadurch eine spezifischere Profilierung möglich wäre. Die zusätzlich damit einhergehende Ressourcenersparnis wird in den anstehenden Veränderungsprozessen dringend benötigt. (Bils, ebd.)

Unser Erbe und kostbare Verantwortung als Kirche liegt tief im Evangelium Jesu Christi verankert, das hoffnungsvoll durch Tod und Auferstehung über sich hinausweist. Ich würde es als das wunderbar trotzige Prinzip Hoffnung bezeichnen, das wir leben und anderen schenken können. 117 mal kommt „Hoffnung“ in der Bibel vor. Es gibt eine diesseitige, aber auch eine über das irdische Leben hinausragende Hoffnung, die in den Schmerzen der Zeit über die gegenwärtige Situation hinausweist. Wahlen. Kriege. Streit. Zwist. Sie alle werden nicht das letzte Wort haben, sagt uns der christliche Glaube.

Darum sollten wir als Kirchen eben nicht aufgeben oder die Situation eines Rückganges einfach resigniert annehmen, sondern wie die Gemüseanbaubetriebe des fränkischen Knoblauchslandes uns auf unsere Berufung konzentrieren und neue Wege suchen. Für mich ist dies das wunderbar trotzige Prinzip Hoffnung, das uns durch Jesus Christus geschenkt wurde, das wir weitergeben und durch Wort und Tat weiterschenken können. Darum:

Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.

Heb 10,23

Die Gemüsebauer im Knoblauchsland halten an ihrer Berufung zum Gemüseanbau fest, der eine Region stärken und gesund nähren soll. Wir als Kirche sollten an dem Bekenntnis der Hoffnung festhalten. Auch oder gerade im Angesicht massiver Veränderungen, in denen wir so manches vielleicht Liebgewonnenes oder traditionell Gewohntes hinter uns lassen müssen. Bleibt für mich die Frage: Was könnte für uns als Kirche der scharfe, gesundmachende Ingwer als Vehikel unserer Kernbotschaft sein, den wir anbauen, ernten und weitergeben? Das kann wohl nur jeweils lokal entschieden werden. Was dem Knoblauchsland der ungewohnt neue Ingwer ist, mag im Bamberger Zwiebelland etwas ganz anderes, vielleicht die Süßkartoffel (?) sein. Was durch die MUT-Projekte im Münchner Raum der Flughafen Chor ist, mag im Dekanat Naila „OVERFLOW – die junge Kirche im Frankenwald“ sein.

Ein erster Schluck des Ingwer-Shots ran in meiner Kehle süß und scharf hinunter. Im Nu war mein von Bauchweh geplagter Leib von einem wohlig warmen Gefühl erfüllt. Gedankt sei es dem wunderbar trotzigen Prinzip Hoffnung.


Unbedingte Literaturempfehlung:

Sandra Bils und Gudrun Töpfer: Exnovation und Innovation: Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen (Systemisches Management)

Lesen gegen Hass 6: Nie wieder, schon wieder, immer noch!

Voller Erstaunen drückte ich auf den rot beleuchteten Knopf in meinem iPhone-Display und starrte auf die bunte Vielfalt der verschiedenen Apps. Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Der Hörer hatte frech, aber kokett danach gefragt, warum ich immer wieder Partei für Jüdinnen und Juden ergreifen würde. Ich sei doch Christin und gehörte einer anderen Religion an. Das alles ginge mich nichts an. Und ob es dies tut!, hatte ich gekontert. Wenn er als sogenannter Christ wirklich Bibel lesen würde, wüsste er um die tiefe Verbundenheit, die wir als Christen mit dem Judentum haben.

Plötzlich war das „Nie wieder“, das ich immer wieder betonte, vor meinen Augen zu einem „Schon wieder“ geworden.

Jesus war Jude, entgegnete ich. Und Paulus schrieb davon, dass nicht wir die Wurzel tragen, sondern die Wurzel uns. (Röm 11,18; siehe Anmerkung 1) In den darauf folgenden Versen führte der Völkerapostel an die Gemeinde in Rom aus, dass ganz Israel erwählt und erlöst sei.

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Und just wurde aus dem „Schon wieder“, das eigentlich ein „Nie wieder“ sein sollte, ein „Immer noch“.

Daher ist es mir wichtig, in diesem Blogeintrag für Pädagoginnen und Pädagogen, Lehrende und Interessierte zwei wichtige Bücher zu dieser Auseinandersetzung vorzustellen. Er ist einzureihen in eine Folge von Leseempfehlungen gegen den Hass, die ich vor geraumer Zeit begann. Die weiteren Einträge seien ebenso ans Herz gelegt.

Der 7. Oktober mit dem Hamas-Terroranschlag auf Israel erscheint mir wie eine Zeitenwende – wie ein tiefer Einschnitt in der gesellschaftlichen und politischen Struktur, der Antisemitismus unverhohlen hervortreten lässt. Es geht um nichts weniger als um unsere Demokratie, die damit auf dem Spiel steht. Aus dem „Nie wieder“, scheint ein „Schon wieder“ geworden zu sein – vielleicht aber handelt es sich, wie Philipp Peyman Engel bitter betrachtet, um ein „Immer noch“.

Daher sei Ihnen, liebe Blogleserin, lieber Blogleser, die beiden folgenden Bücher besonders sehr ans Herz gelegt.

„Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus“ von Michael Wolffsohn, erschienen 2024 bei Herder

Wie oft betonen viele, dass nie wieder geschehen darf, was einst durch ein mörderisches NS-System geschah. Dieses Bekenntnis scheint aber vielfach leicht ausgesprochen, nun aber aufgrund des blutigen Angriffs der Hamas ins Wanken zu geraten. Im vorliegenden Buch geht der bekannte Historiker Michael Wolffsohn auf den menschenverachtenden Hass des Antisemitismus ein.

Antisemitismus, genauer: Antisemitismen, gibt es seit 3000 Jahren. […] Unsere nun wieder auch zunehmend – freilich nicht ausschließlich – sichtbar antisemitische Gegenwart knüpft an die Vergangenheit an. Sie ist ein reaktionärer Rückfall, auch wenn einige seiner Träger sich als Vorreiter des Fortschritts verstehen und präsentieren.

Wolffsohn: Nie wieder? Schon wieder! S. 12.

Nach diesen Ausführungen sind im Buch zum einen die nicht gehaltene Rede „Der deutsche 9. November – Gedanken zum Gedenken“ sowie die gehaltene Rede „85 Jahre „danach“ – Antisemitismus, hausgemacht und importiert“ enthalten.

Die erste Rede atmet vor dem 7. Oktober 2023 einen gewissen „Optimismus“, wage ich zu schreiben, der an eine Herzensbildung glaubt:

Das dringend notwendige neue deutsche Gedenken an Kristallnacht, Judenmorde und andere NS-Verbrechen muss nicht nur am oder zum Jahrestag des 9. November zielgruppengerechte Gedanken und vor allem eine Ethik entwickeln, sprich: Herzensbildung für die Sicherung und Festigung unserer humanen und notwendigerweise wehrhaften Demokratie.

Wolffsohn, Nie wieder? Schon wieder!, S. 46

Die zweite Rede wurde von Herrn Wolffsohn nach dem dem Hamas-Terrorüberfall auf Israel verfasst. In ihr schlägt er wichtige und deutliche Töne an, die uns alle nicht nur nachdenklich machen sollte, sondern uns zum Handeln bringen sollten. Deutschland steht auf einem sehr gefährlichen Grad.

Die Jüdische Weltgeschichte zeigt: Wo und wenn es Juden gut geht, geht es dem Land gut. Deutschland hatte bis 1933 die Wahl. Es entschied falsch, und es erging ihm schlecht. Es hatte ab 1949 wieder die Wahl – und entschied richtig. Deutschland ging es bestens. Heute steht Deutschland wieder vor der Wahl. Wie wird es entscheiden? So wie die zahlreichen echten Freunde, die Juden und Israel in Deutschland haben? Hoffen wir es.

Wolffsohn, Nie wieder? Schon wieder!, S. 67

„Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch“ von Philipp Peyman Engel, erschienen 2024 bei dtv

Philipp Peyman Engel zeigt in seinem Buch „Deutsche Lebenslügen“ die schmerzhafte Realität des Antisemitismus in Deutschland auf und rechnet mit denen ab, die zum Terror schweigen. Hierbei zeigt er auf, dass sich unser Land in einer tiefen moralischen Krise befindet, die nichts weniger als unsere Demokratie gefährdet.

Dabei greift er ein Tabuthema auf: Islamistischer Antisemitismus, dessen Entstehung und Verbreitung in Deutschland.

[…] Noch immer ist es in Deutschland ein Tabu, den enthemmten Hass auf Juden unter muslimischen Migranten anzusprechen.

Engel, Deutsche Lebenslügen, S. 11

Ein schmerzhaft ehrliches und direktes Buch, das mich als Leserin hineingenommen hat in eine unglaubliche Welt des Hasses. Ich bin sehr dankbar um den Mut, den der Autor hier erwiesen hat, um uns die Augen für die Vorgänge in Deutschland zu öffnen. Denn der Zyklus dieses Hasses wurde von Deutschen im Nationalsozialismus begonnen und kehrt nun in Gestalt des islamistischen Antisemitismus zu uns zurück.

Folgt man der These von Jeffrey Herf, haben die Deutschen den muslimischen Antisemitismus in dieser Form überhaupt erst erschaffen – und er kehrt nun über Einwanderer und Migranten aus vielen arabischen und muslimischen Staaten zu uns zurück. In ihm verbindet sich das antijudaistische Element des Korans mit dem rassistisch-mörderischen des Nationalsozialismus.

Engel, Deutsche Lebenslügen, S. 160

Beide Bücher rütteln auf ihre jeweils eigene, aber direkte Sprache, klare Worte und Einblicke in das durch Antisemitismus ausgelöste Leid auf. Das Lesen beider Bücher wird nicht spurlos an den Lesenden vorüberziehen. Nun ist zu hoffen, dass darauf auch Taten in vielerlei Weise zum Schutz von Jüdinnen und Juden sowie unserer Demokratie darauf folgen mögen.


(1) Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.