Vom Schrecken eines immer sichtbarer werdenden Antisemitismus

Eine lebhafte Unterhaltung voller Vorfreude auf die kommende Fortbildung entspann sich zwischen uns, während mein Mitarbeiter routiniert das Dienstauto durch den schnellen und manchmal dichten Verkehr der Autobahn in Richtung Dresden lenkte. Währenddessen schweifte mein Blick an anderen Autos vorbei und blieb an einem gelben Lieferwagen haften, dessen Laderaumtüren aufgrund des schlechten Wetters verschmutzt waren. Ein traurig dreinblickender Smiley, der in den Schmutz mit schneller Hand hinein gemalt worden war, sah mir mit großen Augen entgegen. Als unser Dienst-Kfz langsam an dem Lieferwagen vorbeizog, betrachtete ich das Gemalte näher und erschrak schrecklich. Neben dem Smiley prangte ein kleineres, aber durchaus sichtbares Hakenkreuz! Man mag vielleicht aufgrund des traurigen Smileys eine Opposition in dem Aufgemalten erahnen wollen. Aber wann und wie die Zeichenabfolge war oder wie das Beschriebene entstand, entzieht sich meinem Wissen. DASS ein Hakenkreuz auf Deutschlands Autobahnen an uns vorüberfuhr aber war ein großer Schrecken.

Mir wurde umgehend schlecht und die Luft fühlte sich plötzlich stickig und abgestanden an. Unsere freudige Unterhaltung nahm ein jähes Ende während ich meinen Mitarbeiter auf das Gesehene hinwies.

Der Antisemitismus ist inzwischen wieder sichtbar in unserer deutschen Gesellschaft angekommen. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nehmen die antisemitischen Hasstaten in besorgniserregender Weise zu. Was bis vor kurzem vielleicht in Randgruppen, unter vorgehaltener Hand oder im Verdeckten geäußert wurde, wird nun in Deutschland immer sichtbarer.

Auf dem Praxisschild einer befreundeten Rabbinern, die als Ärztin praktiziert, prangt ein Hakenkreuz, das mit einem scharfen Gegenstand in die Oberfläche geritzt worden war. Das Praxisschild befindet sich an einem Ärztehaus mit viel Publikumsverkehr und einer gut befahrenen Straße mitten in der beschaulichen Stadt Bamberg.

Es ist dieser Schockzustand, der mich seit Wochen umgibt und mich sorgenvoll auf unser Land blicken läßt. Antisemitismus ist eine schlimme, menschenverachtende Irrlehre, die sich wie ein maligner Krebs in unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten hineingefressen hat. Bei dieser Irrlehre geht es um das Ganze, nämlich um unsere Demokratie, die aus den Schmerzen und bitteren Lehren des zweiten Weltkrieges geboren wurde. Es geht um die Frage, ob wir dem alles vernichtenden Hass des Antisemitismus stand halten oder unsere Demokratie, die nach dem Disaster des Holocaust und der weiten Zerstörung Deutschlands ein Miteinander, Wohlstand und Versorgung hervorgebracht hat, diesem Hass zum Sterben hingeben?

Es geht um eine fundamentale Spaltung. Darum, ob wir für unsere gemeinsamen Werte des Friedens, der Freiheit, der Menschenrechte und der Gerechtigkeit – so wir denn mehr daran glauben als an einen liebenden oder strafenden Gott – einstehen wollen oder nicht.

Philipp Peyman Engel (1)

Bei Antisemitismus, einer immer deutlicher werdenden und menschenverachtenden Form des Hasses, geht es um unser gesellschaftliches Ganzes. Um unsere demokratischen Werte. Um Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit. Der Theologe Martin Niemöller, der selbst zunächst ein Befürworter des NS-Wahns gewesen war und aufgrund eines späteren Gesinnungswandels von diesem Hass abgewandt hatte, hatte dies in vortreffliche Worte gekleidet. Sie waren damals an primär an seine deutschen Mitbürger gerichtet. In seinen Vorträgen beklagte er, dass viele Deutsche sich weigerten, Verantwortung für den Nationalsozialismus, für die Gräueltaten in den besetzten Ländern und für den Holocaust zu übernehmen.

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Das sollten wir unbedingt im Blick haben. Wir mögen gegenwärtig vielleicht aufgrund unserer religiösen Verotung, unserer politischen Meinung o.ä. nicht betroffen sein, aber irgendwann werden die meisten in den Sog der Gefährdung hineingezogen werden. Es geht in unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung um den Kern Deutschlands: Um unsere deutsche Demokratie, die in großer Gewahr ist. Als Polizeiseelsorgerin versuche ich diejenigen, die unser Grundgesetz verteidigen und für es einstehen, zu stärken. Im berufsethischen Unterricht spreche ich über Antisemitismus und warne vor den gefährlichen Gedanken, die inzwischen immer deutlicher kursieren, damit sie diese in Wort und Bild erkennen können und dann einschreiten. Ein besonderer Kooperationspartner ist die Europäische Janusz Korczak Akademie, die bei uns mit der Ausstellung „Mit Davidstern und Lederhose“ zu Gast war, und die Fortbildungen zur Antisemitismusprävention angeboten hat. Welch ein Segen, solche engagierten Personen kennengelernt zu haben und sie inzwischen gut zu kennen. Ab Herbst diesen Jahres biete ich Fahrten in das jüdische Museum Franken an. Für unser Stamm- und Rahmenpersonal veranstalte ich in Absprache mit der Leitung unseres Aus- und Fortbildungszentrums Begegnungen mit dem lebendigen Judentum an durch Rabbinerin Dr. Yael Deusel und Führungen durch Patrick Nitzsche, den Antisemitismusbeauftragten der Stadt Bamberg, der warnend die vergangene NS-Zeit Bambergs und ihre Auswirkungen auf die Stadt aufzeigt.

Doch an Tagen wie diesen fühle ich mich als ob mein Bemühen nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein ist. Als ob alles evaporieren würde in der Hitze der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Meine jüdische Freundin kann ich in ihrem Wirken als Rabbinern nur stützen und mich als eine erkennen geben, die diesem Hass keinen Zentimeter weichen wird, sondern ihm die Stirn mit den mir gegebenen Mitteln bieten.

Inzwischen war die Übelkeit bis in mein Herz gekrochen während der gelbe Lieferwagen mit Hakenkreuz im Autobahnverkehr verschwunden war. Ich setzte mich aufrecht im Beifahrersitz auf. Auf keinen Fall wollte ich aufgeben, sondern weiter mich für Demokratie und Menschenwürde einsetzen, die Antisemitismus und anderen Hassformen keinen Raum schenken würde. Ich öffnete das Fenster einen Spalt und lies kalte Luft hereinströmen, die langsam mein aufgebrachtes Herz beruhigte und die Übelkeit vertrieb.


(1) Engel, Philipp Peyman: Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch, DTV 2024, S. 170.

Die Kinder aus Korntal – von einem bewegenden Film und schockierenden Metaphern

Die Tankanzeige in meinem Auto leuchtete mit einem großen Tanksymbol in schrillem Gelb auf. Also steuerte ich auf meinem Weg zum Einkauf die nächste Tankstelle an, öffnete die Abdeckung des Tankdeckel und starrte auf den Schlauch, der unablässig Kraftstoff in mein Auto pumpte.

Plötzlich war alles wieder präsent. Der Abend im kleinen Münchner Kino „Monopol“ hatte mich zutiefst bewegt, denn dort wurde ein Film präsentiert, der sexualisierte Gewalt und unvorstellbares Leid dokumentierte: „Die Kinder aus Korntal“. Diese Geschehnisse waren unter dem Dach einer kirchlichen Gemeinschaft verbrochen worden und über Jahrzehnte verdeckt und verschwiegen worden.

„Ehemalige Heimkinder haben einen leeren Tank.“

Ehemaliger Pastor der Brüdergemeinde

So hatte es der ehemalige Pastor der Korntaler Brüdergemeinde vor laufender Kamera gesagt. Mir wurde schlecht, während mir der Benzingeruch an der Tankstelle in die Nase stieg. Sie hätten im Leben keine Chance und würden nichts mehr erreichen. Wie konnte ein Geistlicher, ein ordinierter Kollege solche Worte äußern, geschweige denn denken?

Korntal ist eine beschauliche Kleinstadt in Baden-Württemberg. Qua „Heilig“ hieß es im Film. Aber ab den 1950er Jahren wurden in den Heimen der pietistischen Brüdergemeinde hunderte von Kindern missbraucht. Sie wurden ausgebeutet, geschlagen und mussten sexualisierte Gewalt erleben. Detlev Zander nahm allen Mut zusammen und brach zusammen mit mehr als 150 ehemaligen Heimkindern sein Schweigen. Über 80 Täter und Täterinnen konnten festgestellt werden. Es ist der größte Missbrauchsskandal in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Der Film von Julia Charakter gibt sechs Betroffenen Raum, ihre Geschichten zu erzählen und zu sagen, was der Aufklärungsbericht ihrer Meinung nach verschweigt. Er zeigt schonungslos Perspektiven und Meinungen auf – auch in schmerzlich-direkter Weise die derer, die Teil der Glaubensgemeinschaft sind.

Heiße Tränen liefen an meinen Wangen herab, während ich versuchte, die harten, unbarmherzigen Worte des Pastors irgendwie zu verarbeiten. Waren diese Personen nicht in die Obhut ihrer Glaubensgemeinschaft gekommen, damit „ihr Tank“ wieder aufgefüllt werden würde? In großen Lettern stand schließlich an einem ihrer Gebäude: „Kommet her zu Mir alle“ (vgl. Mt 11,28) mit einem überlebensgroßen Christus, der schützend seine Hände über Kinder und Jugendliche ausbreitete. Sollten sie nicht in diesem Haus mit Kraft, Hoffnung und Perspektiven für eine Zukunft ausgestattet werden? Psalm 23,3 spricht davon, dass Gott die Seele eines in Not geratenen erquickt. Das schien der Pastor mit seiner unbarmherzigen Metapher und seinen harten Worten vergessen zu haben.

Er erquicket meine Seele.

Psalm 23,3

Während ich sprachlos im Publikum saß, hatte Landesbischof Christian Kopp den Mut, sich in einer Podiumsdiskussion dem schweren und wichtigen Thema der sexualisierten Gewalt unter dem Dach der Kirchen zu stellen. Als sich eine schmerzhaft-wichtige Diskussion entfaltete, wusste ich, dass er sich stellvertretend für unsere bayerische Landeskirche nicht weg ducken, sondern stellvertretend mit vielen aus unserer Kirche Verantwortung übernehmen würde und aus den schrecklichen Geschehnissen lernend Konsequenzen zum Schutz von Schutzbefohlenen etablieren würde.

Viel muss geschehen.

… Schuld muss eingestanden werden und um Vergebung bei den Betroffenen gebeten werden. Wer postuliert, im Glauben zu stehen, muss sich auch seiner Gebrochenheit und Sündhaftigkeit bewusst werden, um sich gemäß seiner Glaubensgrundlagen zu ändern.

… Die Betroffenen müssen anerkannt und Sorge um sie getragen werden. Klare Konsequenzen für das Geschehene müssen folgen. Wertschätzende Gespräche auf Augenhöhe müssen mit den Betroffenen geführt werden. Sie benötigen Unterstützung, wenn sie z.B. aufgrund von Alter und Gebrechen versorgt werden müssen. Eine gute und respektvolle Versorgung muss für sie sichergestellt werden.

… Schutzkonzepte müssen erstellt und schnellstmöglich etabliert werden. Dies ist wichtig, damit sich nicht an anderer Stelle wiederholt, was in solch schmerzhafter Weise in Korntal und an anderen Orten geschehen ist.

… Prävention muss stattfinden. Der Film „Die Kinder aus Korntal“ sollte ein fester Bestandteil in Schulungen von kirchlichen Haupt- und Ehrenamtlichen, in der Ausbildung von Vikarinnen und Vikaren, Lehrerinnen und Lehrern sein.

Vieles muss noch geschehen, damit nie wieder geschieht, was Detlev Zander, über 150 anderen in Korntal und an anderen Orten angetan wurde. Ihr Mut und ihr Beharren haben mich tiefbeeindruckt. Sie müssen unterstützt werden, um das Schuldhafte aufzuarbeiten und es in Gegenwart und Zukunft zu verhindern.

Mit einem Klacken wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und landete wieder in der Realität der Bamberger Tankstelle. Ich ließ den Tankhahn wieder in der Zapfsäule einrasten und schüttelte die Metapher des Korntaler Pastors wie einen schlechten Traum ab. Meine Unterstützung und die Unterstützung vieler anderen sei den Betroffenen sexualisierter Gewalt gewiss, damit nie wieder geschehe, was verbrochen worden war.

Gut behütet durchs Leben

Als ich unseren Schrank im Eingang öffnete, um meine Jacke herauszunehmen, fiel mein Blick auf den leeren Platz meines Hutes. Ich seufzte traurig. Vor Monaten hatte ich in einem unbedachten Moment meinen Lieblingsbegleiter verloren. Mein schwarzer Filzhut hatte mich seit meinem Vikariat treu begleitet. Er hatte mit mir nasse fränkische Herbsttage, schottische Stürme, eiskalte Münchner Winter und verschneite New Yorker Blizzards erlebt. Über zwanzig Jahre hatte er mich gewärmt, vor Erkältung beschützt und daran erinnert, dass ich durch Gott in allem, was ich als Pfarrerin und Familienfrau erlebe, gut behütet bin.

Im Buch der Psalmen steht:

Liebet den HERRN, alle seine Heiligen!
Die Gläubigen behütet der HERR und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.

Psalm 31,24 (LUT 2024)

Für mich war mein verlorengegangener Hut seit meines Dienstbeginns in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern die Verkörperung dieses biblischen Verses, der eingebetet in Psalm 31 von so viel Geborgenheit spricht. Als Gläubige sind wir in Gottes Händen geborgen und werden in allem, was wir erleben behütet. Dies mag nicht bedeuten, dass in unserem Leben nasse Herbsttage, angsterweckende Stürme und eiskalte Winter erspart bleiben. Aber durch Jesus Christus wissen wir, dass Leid, Endlichkeit und Tod nicht das letzte Wort haben. Behütet durch Gottes Zusage können wir der Ewigkeit entgegen leben. Komme was wolle!

An diesem sonnigen Spätherbstnachmittag wollte ich mich nun nach Monaten der Trauer nach einem neuen Begleiter umsehen, denn Herbst und Winter standen kurz bevor. Als ich kurze Zeit später durch die Tür des Hutgeschäfts trat, grüßte mich eine Verkäuferin aufmunternd und führte mich in einen schillernd bunten und liebevoll ausgestalteten Ausstellungsraum für Damenhüte.

Aufmerksam meiner Schilderung folgend, nickte sie wissend und verschwand, um kurze Zeit später mit einem schwarzen, schicken Damenhut zurückzukehren. Als ich den Hut aufsetzte, wusste ich, dass ich den richtigen „Hut-Begleiter“ für die nächsten Monate und hoffentlich Jahre gefunden hatte. Das biblische Wort von Psalm 31,24 hatte eine neue Verkörperung in diesem Hut gefunden – er würde mich an das göttliche Versprechen stetig in kaltem Wetter und stürmigen Zeiten erinnern.

Als ich kurze Zeit später voller Stolz mit dem Hut vor die Tür des kleinen Geschäftes in die warme Herbstsonne Bambergs trat, war ich frohgemut und gespannt darauf, was wir wohl gemeinsam erleben würden. Noch weiß ich nicht, welche Stürme und Schlechtwetterphasen uns ereilen würden, aber ich wusste, dass ich gut behütet in die Zukunft gehen kann.


Wer auf der Suche nach ebenso einem solchen treuen Begleiter und sich vielleicht auch an die stärkende Symbolik erinnern will, dem sei Schneiders Hutmanufaktur im Herzen Bambergs wärmstens empfohlen. Neben den hochwertigen Marken kann man auch liebevoll hergestellte Unikate erwerben. Mein Hut zum Beispiel ist solch ein einzigartiger Begleiter.

Lesen gegen Hass 5: Auseinandersetzung mit zwei Tabuthemen

Während ich durch den Türstock unsere Wohnung betrat, fiel mein Blick auf die in Blau und Silber gehaltene Mezuzah. Ich hielt traurig inne. Durch unsere Auslandszeit in New York, USA war uns das Judentum sehr ans Herz gewachsen. Tiefe Einblicke in deren religiöses Leben und vor allem Freundschaften hatten uns verändert. Was aber damals eher als Bedrohung hier und dort am Horizont der gesellschaftlichen Geschehnisse und meiner eigenen Bemühungen um eine Aufarbeitung deutscher Geschichte aufblitzte, wird inzwischen deutlicher spürbar: Der mancherorts sich entwickelnde politische und gesellschaftliche Rechtsrutsch ist bittere Realität und Antisemitismus stellt inzwischen für viele Jüdinnen und Juden eine reale Bedrohung dar.

Wir müssen uns aufgrund dessen dringend mit zwei schmerzhaften Tabuthemen auseinandersetzen:

Zunehmende Veralltäglichung von antisemitischem und rechtem Haß und Hetze: Wir müssen uns aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen dem stellen, dass der Haß und die Hetze antisemitischen und rechtem Gedankengutes sich zunehmend in die gesellschaftliche Struktur einwebt und dadurch auf persönlicher Ebene alltäglich und damit geduldet – unter Umständen sogar willkommen geheißen – wird.

Islamischer Antisemitismus: In meinem Umfeld befinden sich nur friedfertige Musliminnen und Muslime. Dies sei ausdrücklich an dieser Stelle betont. Islamischer Antisemitismus ist die Ausnahme, nicht die Regel im Islam und leider ist dieser Haß auch in meiner eigenen Religion, dem Christentum, spürbar und wahrnehmbar. Wo auch immer dieser Haß auch auftritt, muss er bekämpft werden.

Aufgrund von Migration müssen wir uns in Europa und Deutschland der bitteren Form dieses alle Menschenwürde und -rechte verneinenden Hasses innerhalb des Islam bewusst werden und dürfen ihn weder ignorieren, noch verschweigen. Durch die Vorkommnisse der letzten Monate, die diesem Haß nicht nur ein Gesicht gegeben haben, sondern ihn als Bedrohung für unsere Gesellschaft und unsere freiheitliche Demokratie zeigt, ist ein genaues Hinsehen und Verstehen wichtig, um sprach- und artikulationsfähig zu sein. Dies ist wichtig sowohl für den pädagogischen als auch persönlichen Bereich, in dem wir uns engagieren sollten, um Menschenwürde und Grundrechte stark zu machen, damit Antisemitismus keine Chance erhält, sich in den Köpfen und Herzen auszubreiten.

In diesem Blogeintrag gehe ich bei der Vorstellung zweier Bücher nach Jesu Worten vor, die uns Christinnen und Christen anhalten, zuerst eine Eigenreflexion durchzuführen, bevor wir die Probleme anderer in den Blick nehmen. Jesus gibt uns hierfür klare Maßstäbe vor:

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Lk 6,41-41

Nach einem Blick in die deutsche Geschichte anhand einer Familienbiografie, bietet die zweite Leseempfehlung einen Blick auf dessen Auswirkungen im Nahen Osten.

„Columbusstraße: Eine Familiengeschichte: 1935 – 1945 | Wahre Familiensaga während des Zweiten Weltkriegs“ von Tobi Dahmen, erschienen 2024 bei Carlsen Comic

Fast automatisch kam unserer Familie das Gebet über die jüngeren und älteren Lippen. „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast; und segne, was du uns bescheret hast.“ Seit Generationen gehört das kurze, prägnante Gebet zum Repertoire christlicher Traditionen am Essenstisch. Auch in unserer Familie findet es neben anderen, wie dem „Superman Prayer“, einem schöpfungstheologischen Gebet und einem äußerst kurz gehaltenen „Eil-Gebet“ oftmals Verwendung.

Während ich die Graphic Novel „Columbusstraße“ las, staunte ich nicht schlecht, als die Familie von Tobi Dahmen eben selbiges Gebet am Essenstisch sprach. Ein unsichtbares Band war im Nu zwischen ihnen und mir geknüpft, das mich zwang über die Vergangenheit meiner Familie nachzusinnen.

Tobi Dahmen ist mit der imposanten Graphic Novel „Columbusstraße“ ein monumentales, eindrückliches Werk gelungen, das den Leser und die Leserin umgehend mit in den Bann zieht. Hierbei dient dem Autor seine eigene Familiengeschichte als Grundlage zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der dort geschehenen schleichenden Veralltäglichung von antisemitischem und rechten Haß und Hetze.

In dieser Graphic Novel dürfen wird seine Familie, die im wohhabenden Düsseldorf-Oberkassel wohnt, von 1935 bis 1945 begleiten und erleben mit, wie das diktatorische NS-Regime sich bis in die kleinsten Abläufe des Lebens erstreckte. Diese Durchdringung machte eine gefährliche Verbreitung und Verankerung rechten und antisemitischen Gedankengutes möglich.

Mich hat das 500 Seiten dickes Ausnahmewerk innerhalb der Graphic Novel Szene zutiefst bewegt. Und ich stelle mir immer wieder bei ganz alltäglichen Tätigkeiten wie dem genannten Tischgebet die Frage, ob sich in gewohnte Abläufe auch Zellen des Hasses und der Hetze in mir und meinem Umfeld manifestiert haben. Eine Frage, derer wir uns alle stellen müssen, damit nicht geschieht, was Millionen von unschuldigen Menschen das Leben kostete. Lassen Sie uns gemeinsam auf der Hut sein, damit die Veralltäglichung von antisemitischem und rechtem Haß und Hetze nicht bittere Realität in Deutschland, Europa und der Welt wird.

„Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand“ von Matthias Küntzel, erschienen 2019 bei Hentrich & Hentrich

Bundesverband RIAS dokumentierte im Jahr 2023 die besorgniserregende Zahl von 4.782 antisemitischen Vorfällen. Dies entspricht einer Zunahme von über 80% im Vergleich zum Vorjahr. Aus meiner Sicht ist hierbei ein direkter Zusammenhang mit dem Angriffskrieg der Hamas gegen Israel zu ziehen.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen müssen uns nachdenklich machen und leider müssen wir uns, ob wir es wollen oder nicht, mit einem weiteren Tabuthema auseinandersetzen: dem islamischen Antisemitismus. Diesem Thema müssen wir uns stellen, um zu informieren, zu warnen und eine gelungene Prävention in Familien, Schulen und Bildungseinrichtungen umsetzen zu können.

Das Buch „Nazis und der Nahe Osten“ von Matthias Küntzel sei hierzu anempfohlen, dessen Lektüre schockierend und aufrüttelnd zugleich ist. Mir war das leider durchaus nachhaltige Wirken des tödlichen NS-Regimes im Nahen Osten in dieser Form nicht bekannt gewesen. Die Verquickung von radikalem Islam und Antisemitismus erschien mir als äußerst unlogisch – in September 2016 hatte ich in New York die Auswirkungen eines islamistischen Bombenanschlages als ehrenamtliche Seelsorgerin der NYPD mit begleitet und konnte den Haß, der durch den Täter gegen sog. „Nichtgläubige“ richtete, nicht nachvollziehen. Das Buch von Küntzel gibt mir die Möglichkeit, manches besser in seinen Zusammenhängen verstehen zu können.

Zwischen 1937 und 1945 scheute sich das NS-Regime nicht, Antisemitismus im Nahen Osten zu nähren. Nazi-Deutschland hatte bereits in den Dreißigerjahren sich judenfeindlicher Zitate aus dem Koran bedient und für die eigenen Propaganda in der arabischen Welt instrumentalisiert. Von Zeesen, einem südlich von Berlin stationierten Kurzwellensender, wurde der islamische Antisemitismus gezielt unter Muslimen verbreitet.

Matthias Küntzel beleuchtet dieses Tabuthema deutscher Geschichte und zeigt wie sich das Judenbild im Islam zwischen 1937 und 1948 unter dem Einfluss einer ausgefeilten arabischsprachigen NS-Radiopropaganda veränderte. Hierbei stellt er heraus, dass die Begegnung des Nahen Ostens mit der Nazi-Ideologie zwar kurz gewesen war, aber noch lange nachhallt.

Das Buch stellt eine wichtige Grundlage dar, um islamischen Antisemitismus verstehen zu können und ihm vorzubeugen. Pädagoginnen und Pädagogen sei es besonders ans Herz gelegt, aber auch allen, die in der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklungen Erklärungswege suchen. Erst wenn wir begreifen, wie stark die moderne Nahostgeschichte von diesen Nachwirkungen des Nationalsozialismus geprägt ist, werden wir den Judenhass in dieser Region und dessen Echo unter Muslimen in Europa vielleicht richtig deuten können.

Sport & Gebet – von Notfallnummern und wichtigen Mechanismen der Gesunderhaltung

Meine Lauffrequenz hatte sich nach anfänglichen Mühen eingependelt. Mit jedem Schritt, den ich auf der roten Tartanbahn vorankam, wurde ich ruhiger während das vor wenigen Minuten Gehörte sich langsam ordnete und der Nebel des Seelsorgegesprächs sich allmählich lichtete. Mein Atem folgte nun einem geordneten Rhythmus während mein Gebet zu Gott aufstieg, indem ich Ihm anvertraute, was eine Person mir erzählt hatte.

Vor einigen Wochen war ich auf einer Podiumsdiskussion von einem Gast gefragt worden, wie ich mit der Last des Erlebten, die Polizistinnen und Polizisten ertragen und durchleben müssten, als Seelsorgerin umgehen würde. Welche Mechanismen oder Möglichkeiten hätte ich, damit auch ich dienstfähig und gesund bliebe? Meine Antwort war einfach und simpel: Sport & Gebet. Nicht wenige waren überrascht.

Ich will nicht verleugnen, dass ich in den dreieinhalb Jahren Polizeiseelsorge in Bamberg eine Vielzahl von Personen begleitet habe, die aufgrund von Grenzsituationen belastet sind und daran auch zu zerbrechen drohen. Der Dienst eines Polizisten und einer Polizistin ist schwer – viele sehen Dinge, die wir Bürgerinnen und Bürger, wenn überhaupt (und Gott bewahre uns vor mehr) ein oder zwei große vehemente Erfahrungen erleben müssen. Für diese Berufsgruppe aber gehören Gewalt, Übergriffe und Verletzungen zu ihrem Alltag. Mich hat das, was ich in der Polizeiseelsorge höre und mit begleite, sehr demütig gemacht. Meine seelsorgerliche Begleitung in der Polizei, die vor über neun Jahren in New York ehrenamtlich begann und zu meiner gegenwärtigen Tätigkeit in der Bundespolizei führte, hat meinen eigenen seelsorgerlichen Horizont sehr erweitert.

Als ich das erste Mal vor meinem Büro stand, musste ich schmunzeln, denn die Zimmernummer trug die europaweite Notrufnummer 112. Ich hatte keine Ahnung, dass diese Nummer so gut zu meiner Tätigkeit im AFZ Bamberg passen würde. Wie stimmig die 112 ist, weiß ich nun einige Jahre später.

Auch in der Bibel gibt es eine Notfallnummer, die aber etwas länger ist: 5015. In Psalm 50 heißt es:

Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.

Psalm 50,15 (LUT)

Schon bald in meinem Dienst in Bamberg versuchte ich aufgrund der bewegenden Begleitungen einen gangbaren Mechanismus für mich zu finden. Denn das, was mir anvertraut wurde, nagte manchmal schwer in mir. Nach einiger Zeit war es Sport kombiniert mit dem Gebet als einem „Notruf“, die mir halfen. Ob Tartanbahn im AFZ oder Fitnessstudio, nach einiger Zeit kommt mein Körper durch die seit langem eingeübten Bewegungen zur Ruhe und mit ihm auch Geist und Seele. An dieser Schnittfläche öffnen sich meine Gedanken und mein Herz zum Gebet, das Gott das mir Anvertraute übergibt. Denn bei vielem kann ich nur zuhören, begleiten und einfach da sein. Dies sind für mich in meiner beruflichen Identität als Seelsorgerin menschliche Grenzerfahrungen, die ich erlebe, wenn ich andere in deren Grenzsituationen begleite, die sie im Dienst erleben müssen. Durch Sport und Gebet verharre ich nicht in der Hoffnungslosigkeit, sondern lege alles Leid und allen Schmerz, der mir als Seelsorgerin anvertraut wird, in Gottes Hände. Dafür bin ich dankbar und ohne diesen Mechanismus der göttlichen Notfallnummer könnte ich meinen Dienst nicht verrichten. Der Psalm drückt die Reaktion des Menschen auf eine solche Möglichkeit etwas antiquiert als „Preisen“.

Inzwischen wurden meine Schritte langsamer und gingen in ein schnelles Gehen über, während mein Atem anfing sich zu beruhigen. Mein Körper hatte die durch das Seelsorgegespräch ausgelösten Aggressionen abgebaut. Meine Gedanken waren wieder klar und mein Herz aufgrund des Gebetes ruhig. Nach einer Dusche würde ich wieder bereit sein für die nächsten dienstlichen Herausforderungen. Ich nickte einigen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern, die gerade die Tartanbahn zum Sport betraten, aufmunternd zu und erfreute mich an ihrem herzlichen Grüßen. Ob im übertragenen Sinn 112 oder 5015 – da ist jemand, der zuhört und da ist. Entweder im Auftrag Gottes oder ganz direkt.


Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie in schweren Situationen nie allein sind. Für viele Gläubige ist das Gebet der Ort, an dem die Last abgegeben werden kann. Aber manchmal versagt die Stimme unseres Herzens und wir brauchen eine Person, die uns zuhört und Zeit für unsere Sorgen und Nöte hat

In Oberfranken sei Ihnen die Nummer der Telefonseelsorge Oberfranken ans Herz gelegt. Alle Telefonseelsorgestellen sind über das deutsche Festnetz und per Handy gebührenfrei, vertraulich und anonym erreichbar. An 365 Tagen können Sie rund um die Uhr unter folgender Telefonnummer ein Person erreichen, die Ihnen zuhört:

0800/1110111 und 0800/1110222

Dabei können Sie sich darauf verlassen, dass alle Anrufe anonym und vertraulich sind. Ihre Rufnummer erscheint nicht auf dem Display und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterliegen so wie ich als Polizeiseelsorgerin der Schweigepflicht.

Blaulichtbeffchen – liturgische Einsatzkleidung für eine evangelische Polizeiseelsorgerin

Vorsichtig strich ich über mein neues Beffchen, auf dem seit kurzem zwei Blaulichter prangten. Mir war, obwohl es um mich herum ganz still war, als ob der inzwischen vertraute Einsatzton, der oftmals mit dem Blaulicht verbunden wird, mitten in die mittägliche Ruhe hinein ertönte. Nun lag dieses besondere liturgische Accessoire einsatzbereit vor mir.

Das Beffchen gehört zur traditionellen liturgischen Kleidung eines evangelischen Pfarrers und einer Pfarrerin. Mehrere darf ich mein Eigen nennen. Eines ist geschmückt mit Trauringen, ein anderes zeigt ein Kirchenschiff, Regenbogen und lachende Gesichter, ein weiteres ist bestickt mit einem goldenen keltischen Kreuz. Mein Ältestes ist mit ausdauernder Hand bestickt und durch Hohlsaum mit einem zarten Kreuz als Mittelpunkt der beiden Seiten versehen.

Als ich mich vor kurzem mit meinem Wunsch, auch ein Blaulichtbeffchen mein Eigen nennen zu dürfen, mich an Beate Baberske und Rosalia Penzko wendete, die als Team der Paramentenwerkstatt wahre Textilkunstwerke für Kirchen und Geistliche herstellen, wurde mein Wunsch Wirklichkeit.

Einstellung vor dem Besticken.

Nach Rücksprache über Symbol, Material und Größe, durfte ich vor Ort in der Paramentenwerkstatt sehen, wie mein Blaulichtbeffchen entstand.

Solltet ihr ebenso einen besonderen Wunsch an liturgischer Kleidung haben, kann ich euch das Team der Paramentenwerkstatt Neuendettelsau als Ansprechpartnerinnen wärmstens ans Herz legen. Und selbstverständlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir ein Bild eures Beffchens zusendet und / oder es postet!

Ich freue mich bereits jetzt auf den ersten liturgischen Einsatz mit meinem „Blaulichtbeffchen“. Selbstverständlich ohne polizeilichen Einsatzton, dafür mit ganz viel Evangelium!

Weiterlesen „Blaulichtbeffchen – liturgische Einsatzkleidung für eine evangelische Polizeiseelsorgerin“ →

Familienfreizeit der CPV

Wenn das biblische Bild vom Leib und vielen Gliedern gelebt wird

Mit etwas Wehmut legte ich den Flyer der seit einigen Tagen zu Ende gegangenen Familienfreizeit der CPV weg. Zwölf Tage in Südtirol waren viel zu schnell vergangen. Aus ganz Deutschland waren christliche Polizeifamilien an diesen wunderschönen Ort gekommen, um gemeinsam Zeit zu verbringen, zu wandern und den christlichen Glauben zu leben. Die Familien waren Mitglieder in freikirchlichen Gemeinden, Brüdergemeinden, evangelisch-landeskirchlichen und römisch-katholischen Gemeinden. Eine bunte Mischung von Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen.

Etwas angespannt war ich zugegebener Maßen schon, denn als Pfarrerin weiß ich um die vielen Verwerfungen, die Streitigkeiten um Glaubensgrundlagen und den manchmal unbarmherzigen Umgang mit Personen, die selbst innerhalb des Christentums etwas anders leben und glauben. Diese Spannungen traten unweigerlich an der einen oder anderen Stelle zu Tage, doch in allem wussten wir, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit Teile des einen Leibes sind, der Christus heißt.

Der Apostel Paulus nimmt dieses Bild nicht umsonst in seinem ersten Brief an die Korinther auf:

Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn nun der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört er deshalb etwa nicht zum Leib? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört es deshalb etwa nicht zum Leib? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.
Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns schwächer erscheinen, die nötigsten; und die uns weniger ehrbar erscheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und die wenig ansehnlich sind, haben bei uns besonderes Ansehen; denn was an uns ansehnlich ist, bedarf dessen nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.

1. Kor 12,12-25 (LUT 2017)

Zusammengehalten wurde dieser wunderbare Leib Christi, der in dieser Freizeit von Polizeifamilien zusammengekommen war, in all seiner Unterschiedlichkeit durch ein unsichtbares Band, das aus göttlicher Gnade besteht. Einer Gnade, auf die wir alle bauten:

Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Eph 2,8-9

Bei jeder Wanderung durch die spektakuläre Natur Südtirols,

bei jedem Tischgespräch begleitet von leckeren Speisen,

dem ungezügelten Lachen der Kinder und Erwachsenen,

der zugewandten Sorge um einander bei so mancher tapfer gelaufener Blase,

gemeinsamen Andachten,

von Herzen gesprochenen Gebeten und innigem Vaterunser,

einem unglücklich eingefangenen Infekt und so vielem mehr

wuchsen wir weiter zusammen, vergaßen die Unterschiede unserer Konfessionen und Glaubensgemeinschaften und wendeten uns dem zu, was uns einte: der erstaunlich wunderbaren Gnade Gottes, die uns durch Christus geschenkt ist. Als drei Jugendliche am letzten Abend unserer Freizeit das berühmte Lied John Newtons „Amazing Grace“ anstimmten und in unserer Andacht sangen, war es diese Vergewisserung, die uns alle bewegend ergriff.

Gemeinsam Glauben fußend auf göttlicher Gnade leben und Christinnen und Christen unterschiedlichster Konfessionen als Teil des Leibes Christi begreifen – für mich eine tiefgreifende Erfahrung und ein Vorgeschmack des Reiches Gottes mitten in unserer oft so zerrütteten und zerstrittenen Welt.


Einige kleine visuelle Eindrücke könnt ihr in diesen Videos erhalten, die ich in Instagram unter dem Benutzernamen mi_gross eingestellt habe (Ton bitte an!) :

Vom Ringen um Recht und Gerechtigkeit – eine bewegende Fahrt im Orient-Express

Gespannt hielt ich den Atem an, während der belgische Detektiv Hercule Poriot zu den Schlussworten der Inszenierung des wohl bekanntesten Romans von Agatha Christie ansetzte. Ich kannte den Verlauf dieses Krimis aufgrund seiner vielfachen Inszenierung und Verfilmung recht gut. Doch dieses Mal mitten im wunderschönen mittelfränkischen Feuchtwangen riß mich die turbulente Fahrt im Orient-Express in atemberaubender Weise mit.

Als ich wenig später neben Gerd Lukas Storzer, der die Hauptfigur des Detektivs spielte, sowie dem Intendanten Johannes Kaetzler und Dramaturgin Dr. Maria Wüstenhagen als Teil eines Diskussionspanels Platz nahm, wurde mir mulmig. Sie hatten in solch vorzüglicher Weise ein Thema mit der lockeren Heiterkeit und notwendigen Tiefe umgesetzt, das mich seit Jahrzehnten in meinem Dienst als Pfarrerin und Seelsorgerin umtreibt: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit.

(Bilder: Barbara Becker)

Barbara Becker, MdL und Herbert Lindörfer hatten mich in meiner Funktion als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin an diesem Nachmittag des EKA Bayern zur Mitgestaltung der nachfolgenden Diskussion eingeladen.

Zugegebener Maßen stockte mir am Anfang die Stimme, denn mein Herz war noch ganz in der Inszenierung gefangen während mehrere dienstliche Erinnerungen gleichzeitig präsent wurden. Dass ich gegenwärtig in der Bundespolizei als einer Sicherheitsbehörde arbeite, liegt an den vielen Erfahrungen in der Begleitung von Menschen, die sich in diesem Ringen um eine bessere Gegenwart und Zukunft befinden. Privatpersonen, die von einem Mord, von Vergewaltigung und Übergriffen betroffen waren. Polizistinnen und Polizisten, Ermittlerinnen und Ermittler, die diese Situationen aus- und im Namen der Gerechtigkeit durchhalten mussten. Aber auch diejenigen, die diese schlimmen Taten vollbracht haben, waren ebenso in meiner seelsorgerlichen Betreuung gewesen. Innerhalb meines Berufsweges habe ich viele Menschen begleitet, die sich auf dem Grat von Recht und Unrecht aus dem einen oder anderen Grund bewegten. Seit meiner Rückkehr aus New York, USA tauche ich nach fünfeinhalb Jahren ehrenamtlicher Seelsorge bei der NYPD als Pfarrerin hauptamtlich in eine Sicherheitsbehörde ein. Diese Erfahrung lehrt mir Respekt und dankbare Demut. Denn vieles, was die mir anvertrauten Polizistinnen und Polizisten mit begleiten und durchleben, werden wir Bürgerinnen und Bürger kaum oder (hoffentlich) gar nicht erleben.

Recht und Gerechtigkeit. Ein heikles Thema. Durch Agatha Christies unnachahmliches Genie wird dieses Thema im Orient-Express auf eine surreal leichte Art und Weise transportiert. An diesem Nachmittag fieberte ich am traditionsreichen Festspielort mit und vergaß die Welt um mich herum während ich als blinde Passagierin unweigerlich hineingezogen wurde in eine sich vor mir entfaltenden Selbstjustiz.

Die Ermordung eines Mörders, der von der Justiz nicht belangt wurde, wurde an diesem Nachmittag in unnachahmlicher Weise mit einer leichten Prise von Humor und Witz inszeniert. Makaberer Weise handelt es sich im Kern um einen Fall von „doppelter Selbstjustiz“, denn im Verlauf nehmen nicht nur Mitreisende das Richten des Täters in die eigene Hand, sondern der Hauptdarsteller Poriot.

Was für einen Polizisten oder eine Polizistin undenkbar ist, da diese als Vertreter unseres Grundgesetzes zu rechtschaffenem Handeln verpflichtet und vereidigt sind, wird die Selbstjustiz in Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ durch die Handelnden bewusst in die Hand genommen. Die Zuschauenden werden hierdurch zum eigenen Nachdenken gezwungen und der Frage ausgesetzt: Wie würde ich handeln? Und was ist Recht und Gerechtigkeit? Die Bibel setzt sich an vielen Stellen zentral mit diesem Thema auseinander und bietet Möglichkeiten, Antworten zu finden, wie sich dies in dem jüdischen Konzept von מִשְׁפָּט (Mishpat) und צדקה (Zedaka) niederschlägt. Die Bibel erzählt aber auch von Menschen, die Recht und Gerechtigkeit in eklatanter Weise brechen und z.B. durch das Handeln der Propheten und vor allem Jesu wieder in Gottes Auftrag zurückgerufen werden oder eine neue Chance erhalten.

Es ist ein schwerer Grad, auf dem sich diejenigen bewegen, die Recht umsetzen und für Gerechtigkeit sorgen müssen. Aber es ist auch eine Frage, derer wir alle nicht entkommen und uns stellen müssen: Sind unsere Handlungsweisen gerecht? Und als Christin ist mir das Doppelgebot der Liebe als Maßstab aufgegeben. So leicht dessen Formulierung sein mag, so schwer ist dessen tätige Umsetzung.

Ich seufzte zum einen erleichtert, zum anderen nachdenklich als Detektiv Hercule Poriot zu den letzten Sätzen des Stückes anhob:

„Mesdames et Messieurs, dieser Fall hat mich gelehrt, dass die Waage der Justizia nicht immer ausgeglichen sein kann. Und ich muss dieses eine Mal lernen, mit dem Ungleichgewicht zu leben. Es gibt hier keine Mörder, nur Menschen, die eine Chance auf Heilung verdient haben. Die Polizei hat meine erste Lösung des Falls akzeptiert, der einzelne Täter, der entkommen konnte. Ich verlasse hier den Zug für die restlichen Formalitäten. Mögen Sie hiermit Ihren Frieden schließen, mögen wir das alle.“

Während nun die Zugfahrt im Orient-Express mit diesen Worten mitten im beschaulichen mittelfränkischen Feuchtwangen beendet war, wurde ich mit einer unweigerlichen Wehmut umgeben: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit ist so alt wie unsere Menschheit und wird weiter bestehen. So ist es wohl jeder Person aufgegeben, einer gerechteren Welt mehr Raum zu verschaffen. Ich sehe dies gegenwärtig in der Unterstützung derjenigen, die unser Grundgesetz vertreten und die Menschenwürde schützen. Ein anderer mag einen ganz anderen Ort für dies finden. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam für eine gerechtere Welt einsetzen. Denn das ist letztendlich Gottes Wille und Wunsch für uns.

Welch ein Segen, dass Frau Becker und Herr Lindörfer als engagierte Christen in der Politik mich und alle Teilnehmenden durch ihre Veranstaltung des EAK daran erinnerten.

(v.l.n.r.: Gerd Lukas Storzer, Miriam Groß, Barbara Becker, Johannes Kaetzler, Herbert Lindörfer; Bild: Barbara Becker)

Von Cartoons, Müllvermeidung und biblischen Geschichten

Vorsichtig trocknete ich die frisch abgespülten „Druckverschlusstüten“ ab. Aus Übersee hatten wir einige wenige Packungen dieser praktischen Haushaltshelfer mitgebracht. Nun aber gingen sie nach dreieinhalb Jahren langsam zu neige. Ich grinste in mich hinein während ich mit dem weichen Geschirrtuch die Ecken austrocknete. Meine Großmutter (Gott hab sie selig) würde jubilieren, denn was uns als Enkel vor über vierzig Jahren befremdlich vorkam, war nun Teil meiner Haushaltsroutine geworden: Plastiktüten, erst recht die wertvollen Druckverschlusstüten, mehrfach zu verwenden. Damals kugelten wir Enkel uns heimlich vor Lachen, denn wozu sollte man sich solche Mühe um eine gebrauchte Plastiktüte machen? Sie gehörte in den Müll – es gab ja schließlich genug neue zu kaufen. Müllvermeidung war damals, so bitter dies nun zu lesen ist, noch kein großes gesellschaftliches Thema.

Nicht schlecht staunte ich bei der Eröffnung der Ausstellung „Jetzt noch die Kurve kriegen“ der Stadt Bamberg als mir zum Thema Plastikmüll eine sehr eindrückliche Visualisierung entgegentrat, die mir mahnend vor Augen führte, wie wichtig Vermeidung von Müll ist:

Ein völlig verärgerter Jesus geht über ein verschmutzte Wasseroberfläche und tritt dabei eine alte Dose wütend in die Luft. Eine weiße Gedankenblase gibt dabei Einblicke in seine Gedanken: „Wenn kein Wunder geschieht, kann bald jeder übers Wasser laufen…“

Rainer Unsinn

Als Theologin und Familienfrau hat es mir dieser Cartoon von Rainer Unsinn angetan, denn für mich klingt im Cartoon eine biblische Geschichte an, die mir sehr am Herzen liegt:

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Mt 14,25-31 LUT

Übers Wasser gehen. Ein Wunsch, den Petrus hegte. Ob wir das wirklich wollen? Unsere Meere und Gewässer so lange „zumüllen“ bis wir selbst als Menschen darauf laufen können? Schon jetzt befinden sich in unseren Weltmeeren gefährliche Ansammlungen an Müll. Griechische Fischer ziehen jedes Jahr unglaubliche 50 Millionen Tonnen Müll als „Beifang“ aus dem Meer.

Wird uns nicht dabei wie Petrus damals Angst und Bang? Während all der Müll unsere Meere verstopft und unsere Umwelt mit Makro- und Mikropartikel vergiftet werden? Ja, irgendwie sind wir doch Kleingläubige – kleinkariert bedacht auf unseren Vorteil, unsere Bequemlichkeit. Lieber keine Arbeit. Wo das Plastik dann letztendlich hinkommt, verliert sich im gedanklichen Nebel der eigenen Komodität.

Ich sah auf meine inzwischen handtuchtrockenen Druckverschlusstüten, die ich über die daneben stehenden Trinkgläser stülpte, damit sie vollständig austrocknen würden. Ganz Müll vermeiden würde in unserem Haushalt schwierig werden, aber ein wenig mehr Achtsamkeit, das würde sich lohnen und ganz nebenbei Erinnerungen an meine verstorbene Oma wecken.


Ausstellungstipp

Noch bis zum 22. Juli ist die Karikaturenausstellung im Eingangsbereich des Klinikum Bambergs für alle Besucherinnen und Besucher geöffnet. Es lohnt sich sehr und hilft, dass wir uns und unser Umweltengagement hinterfragen!

Anbei noch einige andere Impressionen: