Eilig füllte ich meinen Einkaufskorb mit allerlei Drogerieprodukten. Shampoo, Duschgel, einige Putzmittel… Ich versuchte mich strikt an meinen Einkaufszettel zu halten und huschte an den sonst so attraktiven saisonalen Auslagen vorbei. Heute würden Dekorationen für das herannahende Osterfest in meinem bereits vollen Einkaufskorb keinen Platz finden!
Kaum hatte ich die Objekte der Versuchung erfolgreich umschifft und mich an der Kasse angestellt, schweifte mein Blick unweigerlich beim Warten über die geschickt platzierten Waren im Kassenbereich. Dabei blieb mein Blick wie magisch angezogen an einer Verkaufsauslage für Kalender kleben. Ich blinzelte mehrmals. Es handelte sich nicht um einen Adventskalender, der die Vorfreude auf Weihnachten und das Warten auf das große Fest verschönern würde- nein, für mich als Pfarrerin war ja schließlich vorösterliche Fastenzeit – sondern um einen Ramadan-Kalender.
Genau das Richtige für meine muslimischen Auszubildenden, bei denen der Ramadan zwei später beginnen würde! Ich nahm einen Kalender aus der Auslage und verstaute ihn glücklich seufzend meinen tapferen Entschluss vergessend, im überquellenden Einkaufskorb.
Nur wenige Tage zuvor hatte eine Polizeimeisteranwärterin mutig davon gesprochen, wie schwer es als Muslima war sich „halal“ in Deutschland zu ernähren. Ich war stolz auf meine Schülerin, die von ihren und den Schwierigkeiten anderer angehender Polizeikolleginnen und -kollegen erzählt hatte. An meinem letzten Dienstort in New York war es selbstverständlich gewesen, sich auf die Ernährungsbedürfnisse der unterschiedlichen Glaubensgeschwister einzustellen. „Halal“ und „kosher“ waren dort in jeder Kantine, an jedem Buffet (in Restaurants sowie so) eine Selbstverständlichkeit. Auch ich hatte bei Veranstaltungen stets neben dem bunten Vielerlei an Speisen, die Christinnen und Christen essen konnten, Essen bereitgestellt, das für muslimische und jüdische Glaubensgeschwister zulässig und erlaubt war. Für mich ein praktischer Ausdruck des Gebots der Nächstenliebe, das meinen Glauben als Grundlage trägt.
Als ich den Ramadan-Kalender in einem deutschen Drogeriemarkt sah, ging mir daher das Herz auf. Ich wollte meiner mutigen Polizeischülerin eine kleine Freude machen und ihr damit zeigen, dass sie und andere muslimische Kolleginnen und Kollegen wertgeschätzt und von „ihrer“ Polizeiseelsorgerin in ihren Bedürfnissen wahr und ernst genommen würden.
Polizeiseelsorge ist für alle da. Ob ohne oder mit Glauben. Christlich. Muslimisch. Jüdisch. Hinduistisch. Buddhistisch. Shintoistisch. …
Dort, wo eine Kollegin oder ein Kollege Hilfe, Rat und Tat benötigt, da ist Polizeiseelsorge präsent.
Zwei Tage später übergab ich den Ramadan-Kalender verbunden mit der Anweisung, den Kalender und dessen dreißig Türchen mit anderen muslimischen Kolleginnen und Kollegen zu teilen. Fast fühlte ich mich selbst umgeben von christlicher und muslimischer Fastenzeit wie ein kleines Kind, das nicht erwarten kann, den Adventskalender zu öffnen.
Nächstenliebe ganz praktisch und interreligiös. Für mich eine Kernaufgabe von Kirche und Seelsorge.
Probieren Sie es doch selbst einmal aus! Ich kann Ihnen versprechen: es macht glücklich in den muslimischen Nächsten als christliche Glaubensschwester die Freude über die erlebte Annahme und des Verständnisses strahlen zu sehen.
Ich sah sprachlos auf die kleine Karte, die mir am Anfang des Gottesdienstes der evangelisch-reformierten Kirche in Erlangen mitsamt Gesangbücher und Gottesdienstblatt überreicht worden war. Die abgebildeten Berge umsäumt von einem blauen Himmel, luden durch die fast mittig platzierte Schaukel zum gedanklichen Innehalten ein.
Ich atmete durch und setzte mich mit meiner Familie statt auf eine Schaukel in die letzte Stuhlreihe des Gemeindesaals, die noch nicht belegt war. Sehnsucht nach der alten reformierten Heimat im fernen Schottland hatte mich zum zweiten Mal in diese Gemeinde gelockt. Doch dass nun der Gottesdienst dieses Thema aufnehmen würde, erstaunte mich sehr.
„Wo wohnt deine Sehnsucht?“
hatte der Schwabacher Pfarrer Dr. Guy M. Clicqué in seiner Predigt die anwesenden Gottesdienstbesucher gefragt. Gerne hätte ich von meinem geistlichen und gemeindlichen Sehnsuchtsort erzählt. Mein Herz schrie stumm immer wieder Orkney, doch als Besucherin behielt ich dies für mich, lauschte stattdessen den Worten des Predigers und ließ mich treiben in der Vertrautheit des reformierten Gottesdienstes.
Als am Nachmittag aus dem Sehnsuchtsort Orkney ein Anruf kam, staunte ich nicht schlecht. Doch die Nachrichten aus meiner alten schottischen Gemeinde waren alles andere als rosig: Während meines Amtsbeginns dort im Jahr 2007 waren es noch sechs ganze Pfarrstellen auf dieser nördlich gelegenen schottischen Inselgruppe gewesen. Nun sollte es nur noch eine Pfarrstelle und eine Gemeinde für die Inselgruppe geben, denn die Church of Scotland befindet sich im freien Fall. Hunderte Kirchen werden in den nächsten Jahren schließen müssen und damit Pfarr- und Gemeindestellen gestrichen (Link: BBC). Die so stolze einstige schottische Nationalkirche, in der ich dank lutherischem und schottisch-reformierten Examen habe arbeiten dürfen und deren Niedergang sich damals nur sehr vage am Horizont als zaghaftes Dämmern abzeichnete, wird schon bald als eine kleine religiöse Minorität existieren.
Was dort innerhalb von nicht einmal zwanzig Jahren geschehen ist, war nicht vorhergesehen und schließlich durch die Corona-Jahre beschleunigt worden – und langsam scheint es auch in meiner eigenen lutherischen Kirche in Bayern in das Bewusstsein zu rücken. Mit Bauchschmerzen beobachte ich schon lange die besorgniserregende Entwicklung der Mitgliedszahlen, die durch eine defizitäre Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nun zusätzlich zu den Nachwirkungen der Pandemie beschleunigt wird. Ja, ich mache mir Sorgen. Sorgen um meinen Sehnsuchtsort Orkney, aber auch um meine bayerische Heimatkirche.
Wie nur können wir andere glaubwürdig von einer offenen und willkommen heißenden Kirche überzeugen? Vielleicht ist der Schlüssel hierzu, dass Gemeinden und kirchliche Gruppen ein Sehnsuchtsort sind, an dem Glauben und Himmel den Menschen entgegenkommen, die Gottes Nähe suchen.
Nachdenklich wendete ich die Karte, auf deren Rückseite das Vorderbild nur dezent abgedruckt worden war und hierdurch Platz für die Notierung des eigenen Sehnsuchtsortes geschaffen worden war. Viele weitere Orte fielen mir neben Orkney ein – zwei besondere Hauskreise, mehrere Gemeinden, die in aller Herren Länder mir ein Zuhause gewesen waren, aber auch ganz „weltliche“ Orte wie Carnegie Hall oder das Café meiner Kindheit und Jugend, und so viele mehr.
„Wo wohnt deine Sehnsucht?“, lieber Leser, liebe Leserin. Eine kleine Inspiration hierfür kann das Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ sein, das die englische Komponistin Anne Quigley 1973 schrieb und wir selbstverständlich im Gottesdienst sangen. Ich freue mich, entweder per Email oder anhand dieser Umfrage von Ihnen zu hören.
Ein Beitrag zur Debatte um Kleidungskultur bei Pfarrpersonen
Kleider machen Leute. Dank des deutschen Lehrplans sind wohl die meisten von uns in der Schulzeit in die Geschichte des Schneidergesellen Wenzel Strapinski eingetaucht, der sich trotz Armut gut kleidete. Gottfried Keller gelang mit seiner Novelle „Die Leute von Sedwyla“ 1874 nicht nur eine der bekanntesten deutschen Erzählungen zu verfassen, sondern greift ein zentrales Thema auf, an dem keiner von uns vorbei kann: Kleidung und, dass wir mit ihr (bewusst oder unbewusst) Signale aussenden, die unter Umständen etwas über unseren Beruf, unsere Lebens- oder politische Einstellung, finanziellen Status und so vieles mehr aussagen.
Kleider machen oberflächlich betrachtet Leute.
Doch die Emotionalität, die auf ein Posting der Kirchlichen Studienbegleitung Bayern (KSB) folgte, in der sich Regionalbischöfin i. R. Susanne Breit-Keßler zu der Frage positionierte, was Pfarrpersonen anziehen sollten, verließ meiner Meinung nach jegliche Netikette. Das Sonntagsblatt. 360 Grad Evangelisch berichtete hierzu.
Die darauffolgenden Diskussionen haben mich angeregt, das Thema „Kleidung“ innerhalb meines beruflichen Lebensweges als Theologin und Pfarrerin näher zu betrachten. Daher öffne ich nun für euch meinen „dienstlichen“ Kleiderschrank, wie er sich veränderte und welche Gedanken damit verbunden sind.
Praxisjahr für Theologiestudierende – von Uniformen und Serviceorientierung
Nach vier Semestern Grundstudium und der damit akquirierten „Sprachenreife“ kam ich der damals üblichen Verpflichtung nach, mindestens ein Jahr außerhalb des kirchlichen Dienstes zu arbeiten. Eineinhalb Jahre arbeitete ich als Flugbegleiterin bei Japan Airlines (JAL) und war das erste Mal mit Fragen bezüglich Uniform konfrontiert worden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wahl der Kleidung zumeist eine individuelle Entscheidung gewesen, die sich teilweise an vermuteten Erwartungen (wie z.B. öffentlichen Veranstaltungen) orientierte. Nun wurde im Beruflichen der Maßstab von der Fluglinie vorgegeben, in dem nur wenig eigener Spielraum für Individualismus war.
Im „Style Book for Cabin Attendants“ (dt. „Stilbuch für Flugbegleiter“, Üs. MG) schrieb der damalige Geschäftsführer Yoshiro Ashiba:
Keep in mind that customers are always looking at you.
Naturally, the uniforms you wear are important for projecting the proper image to our customers but, as always, we should reconfirm now that it is you as an individual who determines wether your customers receive an impression of a caring, dependable and professional attendant when they encounter you.
Japan Airlines, Cabin Services Dep.: Style Book for Cabin Attendants, p. 1
(Übersetzung: siehe Anmerkung 1)
Hierbei war alles genau geregelt: Ob Hierarchie, Schuhwerk, Frisur, Nagellack oder Make-Up. Alles unterlag den Vorschriften der Fluggesellschaft.
Die Uniform hatte zum Ziel die Serviceorientierung der Fluggesellschaft, ein attraktives Äußeres und Funktionalität zu vereinen, um JAL als erstklassigen Dienstleister darzustellen. Die Individualität der Person und die Freiheit zur eigenen Gestaltung fand hierbei nur in engen Grenzen einen Raum.
Kleider machen Leute und Flugbegleiter in ihrer Rolle als Dienstleistende transparent.
Auslandsdienst in der Church of Scotland – von Individualität und Freiheit
Nach erfolgreichen bayerischen Examen und Ordination ging es zum Auslandsdienst in der Church of Scotland. Hier legte ich das dortige reformierte Examen ebenso ab und durfte drei Jahre als Inselpfarrerin auf Orkney arbeiten.
Während in den deutschen Landeskirchen unterschiedliche Kleiderordnungen herrschen, schreibt die Church of Scotland als sogenannte „Broad Church“, die verschiedene Frömmigkeitsformen in sich versucht zu vereinen, keine solche vor. Aufgrund der schmerzhaften Geschichte, die von Streitigkeiten und Kirchenspaltungen dominiert worden war, stellte die freiheitliche Gestaltung des Amtes auf dem Boden der eigenen innerprotestantischen Glaubensrichtung ein hohes Gut da. Ich durfte dort ebenso meinen bayerischen Talar mit Samtsattel tragen, wie Kollegen einen Cassock, der seinen Ursprung in der römisch-katholischen Kirche hat. Manch ein Kollege trug durchaus sehr farbenprächtige Gewänder und mit etwas Neid schielte ich ab und an zum Kollegen, der in „Kirchenlila“ einen wunderschönen Cassock trug – eine Farbe, die in Bayern Regionalbischöfinnen und -bischöfen vorbehalten ist und mir als einfacher Pfarrerin wohl immer verwehrt bleiben würde. Nach erfolgreich bestandenen schottischen Examen schenkte mir meine Gemeinde eine Stola, die mich nicht nur als „Menschenfischerin“ sichtbar werden ließ, sondern auch durch das maritime Bild meinen damaligen Tätigkeitsort anklingen ließ.
Kleidung war in der Church of Scotland eine Frage der eigenen freiheitlichen Entscheidung und konnte als Spiegel der persönlichen religiösen Verortung diese öffentlich sichtbar werden lassen.
Kleider machen Leute, schenken Freiheit und können unter Umständen ein äußerer Ausdruck religiöser Verortung der Pfarrperson sein.
Gemeindepfarramt in Bayern – von der Frage nach Freiheit und Vorschriften
Wieder in die bayerische Landeskirche zurückgekehrt, musste ich die gestalterische optische Freiheit abrupt hinter mir lassen. Zwar hatte ich nie meinen bayerischen Talar mit Samtsattel abgelegt, was ich jedoch unter dieser Amtskleidung trug, hatte ich stets in Eigenverantwortung gewählt.
Nun war es nicht die Landeskirche, sondern ein Kirchenvorstand, der die Freiheit der Kleidung unter dem Talar festlegte: selbst die zu tragenden Schuhe und Strümpfe mussten eine gedeckte Farbe haben – und am besten schwarz sein. Für mich war dies nur eine vieler Ausdrucksformen eines Ringens um eine Sichtbarkeit von Kirche, wie sie z.B. durch diejenigen geschieht, die Gottesdienste leiten.
Noch heute empfinde ich die damalige Bekleidungsregelung als eine Einschränkung. Wahrscheinlich hätte ich von mir aus kein gewagtes Schuhwerk noch schrillbunte Socken unter meinem sehr schlichten bayerischen Talar getragen, aber es war der Inhalt, der mir zu schaffen machte: Wer durfte in welchem Maß bis hin zur selbstgewählten Bekleidung unter der Amtsrobe über eine Pfarrperson entscheiden, die eigentlich aufgrund des Evangelischem einer persönlichen Freiheit des Glaubens verpflichtet war? Aus einer freiheitlich orientierten Kirche wie der Church of Scotland kommend, war es für mich hartes Brot… Doch was Paulus damals über die Rücksicht auf das Gewissen schrieb, wurde mir Richtschnur: mag es Opferfleisch oder Socken sein.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient.
1. Kor 10,23-24
Kleider machen Leute, aber nicht alles ist hilfreich.
New York, New York – bunte Vielfalt als Spiegel der göttlichen Schöpfung
Mit meiner Tätigkeit als EKD-Auslandspfarrerin in New York öffneten sich für mich neue Welten: theologisch konnte ich in einer Vielfalt wachsen, derer ich in dieser turbulenten und vielfältigen Stadt auf Schritt und Tritt begegnete. Buntes Miteinander war der Erfahrungshorizont, der mich zutiefst prägte und durch die Multireligiösität, die mir in der interreligiösen Arbeit an der UN, aber auch innerhalb der NYPD entgegen kam, ein wunderbarer Schatz, der mir eine eigene Identität als lutherische Pfarrerin in einer vielgestaltigen, globalisierten Welt ermöglichte.
Spiegel hierfür war meine klerikale und durchaus feminine Kleidung, die ich bei einer Bekannten aus meiner schottischen Zeit erworben hatte: Kleider, Blusen und Röcke für Frauen im Pfarramt. Zugegebener Maßen ließ ich Lila aus besagten Gründen aus. Doch neben vielfachem, gedeckten Schwarz, gibt es auch in meinem Kleiderschrank klerikale Kleidung in Alltagsblau, Pfingstrot oder Trinitatisgrün. Dazu schönes Schuhwerk. Es bereitete mir Freude, feminine Aspekte in meine Berufskleidung zu integrieren, wobei ich die lebhafteren Farben nie unter meinem Talar, sondern zu Empfängen und wichtigen Ereignissen je nach Anlass und Kirchenjahr trug.
(Kleidung von „House of Ilona“. Leider stellt Camelle Ilona diese nicht mehr her.)
In dieser beruflichen Phase tat mir die Möglichkeit sehr gut, feminine geistliche Kleidung zu tragen, denn zumeist habe ich in einem schmerzhaft dominanten männlichen Umfeld erlebt, wie weibliche Sichtweisen wenig gehört und noch weniger gesehen wurden.
Kleider machen Leute und geben Frauen die Möglichkeit, einem traditionell männlichem Beruf eine feminine Note zu verleihen.
Im Einsatz der Bundespolizei – Uniform und äußere Uniformität
Mit dem Beginn meiner Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin in der Bundespolizei wurde mir eine neue Verantwortung übertragen: mit der Uniform war ich in die doppelte Verantwortung gegenüber der Bundesrepublik und der Kirche gestellt. Bereits im Bewerbungsgespräch fragte mich mein jetziger Vorgesetzter, ob ich Vorbehalte gegen das Tragen einer Uniform hätte.
Ihren Ausdruck bekam die Doppelverantwortung durch eine polizeiliche Uniform auf deren Schultern ich sprichwörtlich mein Kreuz trug. So ließ ich äußerlich meine evangelische und feminine Gestaltungsfreiheit hinter mir und tauchte als Seelsorgerin in die Welt einer Sicherheitsbehörde ein.
Beim Tragen der Uniform ist Genauigkeit nicht nur in der Tätigkeit gefordert, sondern im Dienst und verleiht diesem Anspruch den äußeren Ausdruck durch das richtige Tragen der Uniform. Die Polizeidienstvorschrift (PDV) 014 regelt die Bestimmungen zum Erscheinungsbild und das Tragen der Dienstkleidung in der Bundespolizei. Hierin werden die Grundformen aller zu tragender Dienstkleidung sowie die zur jeweiligen polizeilichen Aufgabe und aus verschiedenen Anlässen notwendigen Abweichungen geregelt. Ein mir sehr wertgeschätzter Kollege, wies mich in die Regularien ein und half mir damit manche dienstliche Klippe zu umschiffen.
Ich lernte durch meine Tätigkeit als Seelsorgerin in der Bundespolizei, dass das Tragen einer bestimmten Form von Kleidung – nämlich der Uniform einer Sicherheitsbehörde – mit viel Verantwortung einhergeht.
Kleider machen Leute und machen unter Umständen die Verantwortung des Amtes transparent.
Eine kleine Reflexion zu Dienstkleidung anhand meiner eigenen dienstlichen Stationen als Pfarrerin und Seelsorgerin.
Gottfried Keller hatte Recht: Kleider machen Leute. Aber wir sollten Aspekte, die mit ihr in unserer Tätigkeit als Pfarrpersonen transportiert und vielleicht sogar dadurch vielschichtig diskutiert werden, nicht vergessen: Dienstleistung, Freiheit, Hierarchie, Einschränkung, Identität, Gleichberechtigung und Verantwortung.
Kleider machen Leute und machen Aspekte von Dienstleistung, Freiheit, Hierarchie, Einschränkung, Identität und Verantwortung sichtbar.
Ich wünsche mir so sehr, dass die von Frau Breit-Keßler begonnene Diskussion in evangelischer Freiheit, aber auch Würde geführt wird. Denn eine Antwort ist ebenso schwer zu geben, wie Kleidung vielgestaltig ist – eine adäquate Umsetzung kann wohl nur im jeweiligen Umfeld verantwortlich getroffen werden und erfordert eine gewisse Flexibilität im Denken, Reden und Agieren.
(1) Denken Sie daran, dass Kunden Sie immer ansehen. Natürlich sind die Uniformen, die Sie tragen, wichtig, um bei unseren Kunden den richtigen Eindruck zu vermitteln, aber wir wollen ebenso bekräftigen, dass Sie als Einzelperson darüber entscheiden, ob Ihre Kunden den Eindruck eines fürsorglichen, zuverlässigen und professionellen Flugpersonals haben, wenn sie Ihnen begegnen. (Üs. MG)
Während ich den in Orange-, Grün- und Gelbtönen gehaltenen Graphic-Novel las, umgab mich leise Begleitmusik. Als ich zur nächsten Seite umblätterte, musste ich erstaunt innehalten.
I’m gonna lay down my burden, Down by the riverside, Down by the riverside, Down by the riverside. Gonna lay down my burden, Down by the riverside, Down by the riverside.
I ain’t go study war no more, study war no more, ain’t go study war no more. I ain’t go study war no more, study war no more, ain’t go study oh war no more.
Gospel „Down by the riverside“
Ich erhöhte die Lautstärke während ich verdutzt die nächste Seite des Graphic Novel umblätterte. In der elften Kalenderwoche erzählten eine ukrainische Journalistin und ein russischer Künstler jeweils von der sie umgebenden Traurigkeit über einen Krieg, der beide zutiefst betraf. In dieser Woche hatte der russische Künstler ein Konzert des ukrainischen Sängers Ivan Dorn besucht, währenddessen dieser Aufnahmen aus dem Krieg zeigte, die zu Tränen rührten.
Sich mit Krieg nicht auseinanderzusetzen wie dies im alten Gospel beschrieben wird, ist gegenwärtig unmöglich. Hilfreich ist es zu wissen, dass dieser höchstwahrscheinlich im Anschluss an den Sezessionskrieg im Juni 1865 bzw. des ersten Weltkrieges als Ausdruck einer Kriegsmüdigkeit entstand. Die Gospel-Lyrik von „Down by the Riverside“ hat biblische Wurzeln, die in vielfacher menschlicher Ungerechtigkeitserfahrung und dem Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit ihre sehnsuchtsvolle Quelle haben. Grundlage für diesen Gospel waren Bibelabschnitte wie Mi 4-5 und die zu Tage tretende Diskrepanz zwischen Sehnsucht nach einem Friedensreich und harter, ja manchmal sogar brutaler Realität in Auseinandersetzung, Gewalt und Tod.
Als Christin und Theologin sehne ich mich ebenso nach einem solchen Friedensreich, aber angesichts der vielen Kriege, vor allem des Ukraine- und Israel-Gaza-Krieges werde ich ratlos. Was soll ich meinen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern sagen? Welchen Deutungshorizont kann ich ihnen in dieser schwierigen Zeit geben? Selbstverständlich könnte ich multiple Lehren wie sie beim biblischen Pazifismus, bei Augustin, Thomas von Aquin und Kant zu finden sind, im Unterricht ausbreiten. Aber reichen diese ethischen Modelle und postulierten Handlungsmaximen? Sind sie nicht vielmehr überheblich, wenn auf sie allein zurück gegriffen wird – noch dazu wenn die lehrende Person, die in einem sicheren Land lebt, keine Kriegserfahrung und – betroffenheit hat?
Daher werde ich in meinem berufsethischen Unterricht andere zu Wort kommen lassen und hierdurch einen Anknüpfungspunkt für einen Umgang mit Krieg und Frieden suchen, der in einer persönlichen Perspektive Betroffener liegt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Polizistinnen und Polizisten in ihrer Handlungskompetenz eine ganz konkrete Schlüsselkompetenz für unsere Demokratie und Gesellschaft übertragen bekommen, die sich in der Wahrung der Menschen- und Grundrechte im Umgang mit dem Einzelnen ausdrückt.
In diesem Bildroman begleitet die deutsch-amerikanische Illustratorin eine ukrainische Journalistin und einen russischen Künstler. Aus einem persönlichen Blickwinkel werden zwei Leben im Krieg portraitiert und zwei Tagebücher über ein Jahr nebeneinander Woche um Woche dargestellt. Hierzu hatte Nora Krug wenige Tage nach der russischen Invasion der Ukraine zu einer ukrainischen Journalistin in Kiew und einem russischen Künstler in Sankt Petersburg aufgenommen. Es sind persönliche Einblicke, die dem Leser und der Leserin in deren Leben geschenkt wird. Wir begleiten sie in ihrem Kriegserleben zu ihren Familien und Freunden, zu ihrer Arbeit und dem Meistern eines Lebens, das durch den Krieg komplett auf den Kopf gestellt wurde.
Der Bildroman schafft eine persönliche Ebene, die Betroffenheit und Nähe schenkt und damit einen Zugang für einen Unterricht jenseits abstrakter Kriegs- und Friedenstheorie ermöglicht. Dies ist wichtig, denn Polizistinnen und Polizisten handeln stets im Konkreten und beeinflussen unter Umständen Leben nachhaltig in deren Verlauf.
Ich gebe zu, dass auch ich manchmal angesichts der vielen Kriege, vor allem des Überfalls der Hamas auf Israel und Russlands auf die Ukraine trotz meiner Lebenswirklichkeit in einem demokratischen Land zu leben, in dem Frieden herrscht, kriegsmüde werde. Gerne würde ich mit in den Gospel einstimmen und singen: „I ain’t go study war no more“. Aber ich bin es denen schuldig, die konkret unter Krieg, Gewalt und Tod leiden, dass die gestärkt werden, die für unsere Demokratie einstehen werden. Gegenwärtigen und zukünftige Generationen, die durch Bildung und Unterricht zugerüstet werden.
In meinem Falle sind es die angehenden Polizistinnen und Polizisten der Bundespolizei. Wie diese Frieden und Gerechtigkeit umsetzen, kann im Rahmen des geltenden Gesetzes und des eigenen Gewissens nur jeweils die einzelne Person entscheiden und in ihrem Handeln transparent werden lassen. Und bei anderen sind es die jeweiligen Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Kinder, Enkel oder Patenkinder, die ihnen anvertraut sind.
Ich drehte die Musik noch etwas lauter – meine Gedanken verloren sich im sehnsuchtsvollen Klang des Gospels und Bildern von Musikerinnen und Musikern rund um den Globus, die diesem Sehnen vielgestaltig Ausdruck verliehen.
Grußwort zum Internationalen Tag des Holocaust-Gedenken, Israelitische Kultursgemeinde Bamberg
Das folgende Grußwort habe ich im Rahmen der Gedenkveranstaltung anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts in der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg gesprochen. Es sind persönliche Perspektiven, einer Polizeiseelsorgerin, die nicht nur das Gedenken, sondern auch die Tätigkeit angesichts schwieriger gesellschaftspolitischer Entwicklungen in den Mittelpunkt stellt:
(Es gilt das gesprochene Wort)
Die Zeit vergeht wie im Flug. Vor drei Jahren saß ich im Flugzeug und sah gespannt aus dem Fenster während meine alte Heimat New York immer kleiner wurde und schließlich unter den Wolken verschwand. Unendlich viele Gedanken gingen mir durch den Kopf während ich eine Stadt und ein Land hinter mich ließ, das fast sieben Jahre meine Heimat war.
Besonders schmerzhaft war es, meine jüdische Freundin Pam, ihre so wunderbar engagierte jüdische Tafel und ihre Synagoge, die mir eine geistliche Heimat geworden war, zurücklassen zu müssen.
Tröstlich für uns beide war der Grund meines Rückzuges nach Deutschland – ein Auftrag, zu dem ich berufen worden war: im größten bundespolizeilichen Aus- und Fortbildungszentrum als Seelsorgerin die nächsten Generationen von Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärterinnen nicht nur zu begleiten, sondern sie innerhalb des Faches Berufsethik zu wappnen, um gegen Antisemitismus, Rassismus und jegliche Form des Extremismus vorzugehen und als Hüterinnen und Hüter unser Grundgesetz gegen jedweder Angriffe tätig zu schützen.
Es waren Tränen der Trauer, aber auch der Zuversicht, die damals flossen, denn wir beide wussten aufgrund der Geschehnisse in USA, wie notwendig dies war. Dort hatten wir gemeinsam die sehr diskutable Trump-Administration durchlebt, gingen gemeinsam zu hunderttausenden aufgrund eines antisemitischen Anschlages in New Jersey auf die Straßen und setzten Zeichen gegen diese schlimme, mörderische Irrlehre, die unverhohlen in einer der ältesten Demokratien zu Tage trat, durch Wort und Tat. Damals war ich froh und dankbar, dass dies in Deutschland nicht so war. Doch um dem vorzuschützen drang ich zu einer Rückkehr, um im Herzen der Demokratie die zu wappnen, die für sie im Extremfall einzustehen hätten: Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei.
Aber die Zeit vergeht wie im Flug. Drei Jahre sind so schnell ins Land gegangen und was ich vorher als Prävention betrachtete, die eine weit weg stehende, vielleicht sogar in Deutschland eher unwahrscheinliche Variante von besorgniserregenden Geschehnissen betrachtete, trat nun sichtbar in unserem Land die Öffentlichkeit:
mit der Enthüllung einer Zusammenkunft rechter Kräfte in der Villa Adlon am Lehnitzsee in Potsdam am 25. November 2023 wurde bittere Realität, was ich befürchtet hatte und daher mit Bildung dagegen vorgehen wollte.
Während ich den Berichterstattungen lauschte, wurde Anklänge an die lang vergangene Geschehnisse umgehend vor meinem inneren Auge wach. Vielleicht ging es Ihnen ja genau so wie mir?
Damals, am 20. Januar 1942, waren hochrangige Vertreter des NS-Regimes zu einer Besprechung in einer Villa in Berlin-Wannsee zusammengekommen, die als Wannsee-Konferenz in die Geschichte einging, um ihren mörderischen Plan zu vereinbaren, auszuarbeiten und schließlich umzusetzen.
Aus meiner Sicht ein wahrer Alptraum.
Die Analogien haben viele aufgeschreckt und zu Demonstrationen auf die Straßen Deutschlands gegen das menschenverachtende Gedankengut gesandt. Ich bin dankbar um diese wichtigen Zeichen der Demokratie – denn mit dem Grundgesetz ist das Demonstrationsrecht in Art. 8 GG gesichert. Ich kenne eine Reihe von Pfarrkolleginnen und -kollegen, die das erste Mal dieses Recht in Anspruch nahmen und an einer der Demonstrationen gegen rechts teilnahmen. Auch ich war selbstverständlich Teil dieser Zeichensetzung, so wie ich es in meiner New Yorker Zeit gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen des Hasses war. Noch gut erinnere ich mich an eine Demonstration, wo wir zu hunderttausenden über die Brooklyn Bridge marschierten, um gegen den unverhohlenen Antisemitismus, der in der Amerikanischen Gesellschaft zu Tage getreten war, mit meiner Partnerorganisation American Jewish Committee ein unübersehbares Zeichen zu setzen: wir sind viele und eine Mauer gegen Hass! Was damals so war, erlebte ich nun hier in Bamberg ebenso.
Dennoch bin ich als Pädagogin, Ethikerin und Pfarrerin der Meinung, dass es mehr bedarf als Zeichen der Solidarität. Bildung ist die wichtigste Waffe, die wir haben, um die gegenwärtigen und kommenden Generationen zu stärken und für unseren Kampf um Demokratie, Menschenrechte und ein Grundgesetz, das alle schützt, zu gewinnen.
Nie wieder darf geschehen, was im damaligen mörderischen NS-Regime geschah. Über 6 Millionen Menschen wurden brutal ermordet. Aber auch dies ist nicht nur das dunkelste Kapitel unserer Menschheitsgeschichte, sondern es wird seit dem 7. Oktober weitergeschrieben!
Nie wieder darf geschehen, was am 7. Oktober durch den brutalen Überfall der Hamas und deren Morden geschehen ist. Ich habe keine Worte für diese Geschehnisse – aber für mich sind sie eine Fortsetzung des Holocaust und zwar auf dem Boden des Heiligen Landes, das eigentlich ein Schutzort und eine sichere Heimat für Jüdinnen und Juden sein soll.
Die evangelische Seelsorge in der Bundespolizei steht mit ihren Seelsorgerinnen und Seelsorgerinnen im gesamten Bundesgebiet und wir als Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum vor Ort hier in Bamberg dafür ein,
dass Menschenhass mit keinem Wimpernschlag, keiner Geste geduldet wird,
dass Mord und Qual aufgrund von Religion, Abstammung und Nationalität keinen Ort in unserem Land hat,
dass unser Grundgesetz, das zum Mittelpunkt die Menschenwürde hat, geschützt und als für alle gleichermaßen gültig umgesetzt wird.
Dies habe ich nicht nur damals als ich New York verließ, meiner jüdischen Freundin versprochen, sondern dem bin ich als deutsche Staatsbürgerin zutiefst verpflichtet. Wir stehen mit Israel und verurteilen jegliche Form des Antisemitismus, Rassismus und Extremismus. Unsere Hauptwaffe hierbei ist Bildung, die jeder angehende Polizist und Polizistin erhält.
Lassen Sie uns daher zusammenstehen – Zeichen der Solidarität und der aktiven Geschwisterlichkeit nicht nur punktuell setzen, sondern es durch unser Leben und Handeln weben.
Am Israel Chai.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Pfarrerin Miriam Groß, IKG Bamberg, 28.1.2024
(Bild: Patrick Nitzsche, Antisemitismusbeauftragter der Stadt Bamberg)
Ich rüttelte ungeduldig mit kleinen, aber bestimmten Bewegungen an der Besteckschublade. Mal um Mal verkeilte sie sich aufgrund der unterschiedlich großen Besteckteile: ob kleiner Espresso-Löffel, spitz-zulaufende Fleischgabel, Buttermesser oder Kinderbesteck, alles besondere aus der heimischen Bestecksammlung war hier verstaut. Ich seufzte als die Schublade sich endlich öffnete. Als „Übeltäter“ stellte sich ein kleiner Babylöffel in Flugzeugform heraus. Vorsichtig nahm ich den in die Jahre gekommenen Löffel heraus, auf dessen Oberfläche in bunter Schrift „JAL BABY CRUISE“ aufgedruckt war. Nachdenklich sah ich den Löffel an, mit dem so viele Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit bei Japan Airlines (JAL) verbunden war.
Gestern erst war ein Passagierflugzeug des Typs A350 meiner ehemaligen Fluggesellschaft am Flughafen Haneda mit einem Flugzeug der Küstenwache zusammengestoßen und vollkommen in Flammen aufgegangen. Alle 379 Passagiere überlebten dank des schnellen Reagierens der Besatzung. Welch eine große Leistung! Vor solchen und anderen Notfällen haben alle Crew großen Respekt – während meiner Fliegerzeit hatte ich keine größeren Notfälle mit begleiten müssen. Schlüssel, um diese und andere Extremsituationen zu überstehen, ist eine gründliche Ausbildung für diese Situationen.
Während meiner Ausbildung zur Flugbegleiterin bei JAL hatte ich daher gemeinsam mit meinen Kolleginnen ein ausführliches Notfalltraining in deren Trainingszentrum in Tokyo durchlaufen. In all dem Ernst machten all die Inhalte unglaublich viel Spaß, denn die Situationen wurden äußerst realistisch simuliert und so lange wiederholt, bis auch das kleinste Detail wie im Schlaf saß. Noch heute kann ich mich an die Kommandos in Japanisch und Englisch erinnern. Aus meiner Trainingszeit habe ich noch eine kleine Erinnerungskarte für die wichtigsten Punkte bei einer Notfall-Landung, die Crew zu beachten haben, um richtig reagieren zu können. Während Pausen habe ich immer wieder kurz die dunkelgrüne Karte herausgezogen und mich an die Stichpunkte wieder in Erinnerung gerufen. Man wusste ja nie… Bis heute bin ich dankbar, dass ich in den über 1200 Flugstunden dieses Wissen nie anwenden musste.
Was übrig lieb, sind wunderbare Erinnerungen an eine besondere Zeit – von manchem erzähle ich viele Jahre später meinen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern im berufsethischen Unterricht, wenn es um Extremsituationen geht. Von randalierenden Passagieren und Herzstillständen. Und von der Ausbildung für Extremsituationen in Tokyo. Sie reichte von Bränden an Bord über Notlandungen mit Evakuierung über Rutschen bis hin zu stürmischen Wasserlandungen und Rettungsbooten. Schlüssel für ein Meistern dieser und anderer Extremsituationen ist es, die Abläufe zu verstehen, in ihrer Abfolge einzustudieren bis sie automatisch ablaufen. In der polizeilichen Ausbildung sind dies zahllose Abläufe, die so in Extremsituationen das Leben der Betroffenen retten werden.
Die Crew der JAL-Maschine hatte die Ausbildung, die ich vor langem erhalten hatte sicherlich in derselben Intensität und Genauigkeit durchlaufen und hart geübt bis die Abläufe in Fleisch und Blut übergegangen waren, und so allen 379 Passagieren das Leben gerettet.
Der Babylöffel von JAL lag leicht in meiner Hand. Er schien so klein und die Erinnerungen an die längst vergangene Zeit so weit weg. Die verbleichende Schrift stimmte mich etwas wehmütig, da ich sicherlich nie wieder einen Umlauf fliegen würde oder für andere Extremsituationen ein Training in dieser Weise erhalten würde. Doch wenigstens meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter würden von den spannenden, etwas verrückten, aber für polizeiliche Perspektiven sehr praxisnahe Geschichten einer Polizeipfarrerin profitieren.
Und wieder geht ein Jahr zu neige – 365 sehr durchwachsene Tage liegen nun fast hinter mir. Für mich ist der Altjahressabend ein Tag der Rückschau und Ausrichtung auf ein neues Jahr.
2023 hat mich kaum zur Ruhe kommen lassen. Ein paar kleine Gedanken und Wahrnehmungen möchte ich hierzu mit euch allen fern und nah teilen – hierbei geht es um ein sehr persönliche Sicht, die keinerlei Allgemeingültigkeit beansprucht:
Auseinandersetzungen in Gesellschaft und Politik sind härter und aggressiver geworden – oft mit wenig Bemühen um ein konstruktives Aufeinanderzugehen.
Stress in Arbeit und Freizeit nimmt weiter zu ohne dass wir wirklich voran kommen. Der Soziologe Hartmut Rosa benennt dies als „rasenden Stillstand“. Dem kann ich leider nur beipflichten.
Aufgrund der Kriege in der Ukraine und im Heiligen Land bin ich dünnhäutiger geworden. Ihr vielleicht ebenso? Ich sehne mich so sehr nach Frieden.
Was wird 24 bringen?
Ein Tag hat 24 Stunden. Diese Einteilung geht auf die Babylonier zurück.
Für die Pythagoreer war 24 die vollkommene Zahl, weil das griechische Alphabet 24 Buchstaben hat. der letzte Buchstabe ist Omega. Für die Pythagoreer war es unmöglich, sich vorzustellen, dass etwas in dieser Welt die 24 übertreffen könnte. Sie ist die Zahl der Totalität dieser Welt, der Harmonie des Kosmos mit der Erde und aller Sphären.
Als „doppelte Zwölf“ taucht diese Zahl sowohl im ersten als auch im zweiten Testament auf: da denke ich an die zwölf Stämme Israels und die Jünger Jesu. Die Offenbarung des Johannes erwähnt konkret 24 Älteste. Ferner besteht der Tanach als heilige Schrift des Judentums aus 24 Büchern.
Im Internet wird oftmals ein Domainname mit der Zahl 24 am Ende ergänzt, um darauf hinzuweisen, dass diese im Gegensatz zu anderen Informationsquellen oder Ladengeschäften 24 Stunden am Tag erreichbar seien.
Als internationaler Standard ist bei Filmaufnahmen und -projektionen 24 Bilder pro Sekunde festgesetzt (wobei dies seit kurzem bei manchen Anbietern abweicht).
Viele Publikationen konzentrieren sich auf die Jahreslosung der Kirchen. Auch ich finde sie inspirierend, möchte aber analog zum letzten Jahreswechsel werde ich meine Segenswünsche zum kommenden neuen Jahr 2024 an Psalm 24 in Auszügen anlehnen.
Ich danke euch, allen Leserinnen und Lesern meines kleinen Blogs, dass ihr meinen Worten und Gedanken Raum und Zeit geschenkt habt. Möge Gottes Segen euch in 2024 begleiten!
Eure Miriam Groß
Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.
Möge Gott, der Schöpfer unseres Lebens und dieser Welt, dich im neuen Jahr schützend begleiten. Möge Er dich mit Respekt und Ehrfurcht vor seiner Schöpfung erfüllen, damit sie auch für kommende Generationen bewahrt werde.
Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Möge Gott dich an heilige Stätten führen, die dir Kraft und Zuversicht schenken. Möge er dich darüber hinaus über all hin begleiten, wo dich dein Lebensweg hinführen möge.
Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug: der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.
Möge Gott dich ermutigen stets ehrlich in deinem Tun und Lassen zu sein. Möge der Segen des Schöpfers dich erfüllen und Gerechtigkeit wie ein Regen über die Felder deines Lebens strömen.
So segne und behüte dich Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in 2024.
The downpour of rain came steady and hard. As I excited the car and stepped on the sidewalk I pulled my Police cap as deep as possible into place and quickly made my way to the old church of St. Johannes in the center of Munich. Due to present renovations it was quite a challenge to find the entrance to this traditional Lutheran church, which was build in 1916. After placing my wet Police cap and jacket on the wardrobe I was warmly greeted by Dr. Philipp Hildmann, who would be inducted into his office as the director of the „Bayerisches Bündnis für Toleranz- Demokratie und Menschenwürde schützen“ (Engl.: Bavarian Alliance for Tolerance – Protecting Democracy and Human Dignity).
He had invited me to be part of the intercessory prayers at his introductory service on Dec 12. What an honour in times like these, where Antisemitic crimes are on the rise in Germany and around the world. Since the attack of the Hamas on Israel Oct 7 the unbelievable high number of 1100 incidents have occurred until Dec 21 in Germany (Source: Bundeskriminalamt). According to Holger Münch, the President of the Bundeskriminalamt the dimension in the area of these crimes are new (Neue Zürcher Zeitung). He emphasized that Antisemitism increased on both the left and right spectrum, but was also imported. „Many people have come to our country from regions where Israel is seen as an enemy and where the idea prevails that Jews must be fought,“ said Münch (Source: Jüdische Allgemeine; translation MG). An important area to combat this terrible hate crime will therefore be education, where new members of our German society learn about our history and values, which have their highest expression in Democracy and human dignity.
The present developments show drastically how important it is to form strong alliances against Antisemitism, extremism and any form of hate. As a Police Chaplain involved in educating the next generations of police officers within the German Federal Police I hope to make a difference through the education I provide.
(left: Landesbischof Christian Kopp; right: Bishop Dr. Bertram Meier; photo: Philipp Hildmann)
As Philipp stood at the altar surrounded by our new Bishop Christian Kopp and the Roman Catholic Bishop Dr. Bertram Maier, numerous representatives of the churches, government and institutions, my heart stopped for a beat as I prayed for this courageous man, who is the face of one of the most important alliances in Germany. His task will be a hard one in these unbelievable difficult times, but we as his partners will stand strong together with him. We will carry him through in times of trouble and need.
(From left to right: Markus Rinderspacher, Vice President of the Bavarian Parliament; Miriam Groß, Police Chaplain German Federal Police; Dr. Philipp Hildmann; Bettina Nickel, Vice speaker of the Alliance for Tolerance; Photo: Philipp Hildmann)
The weather on this day might have been barren outside of the church, but within it was warm and welcoming. As I excited the old building and quickly made my way to the car through the continuing downpour I knew: Philipp might experience many a challenge and most likely countless rainy days, but the people, institutions and organisations of the Alliance will keep him and anyone secure as we move forward to combat Antisemitism, extremism and hate in any form.
(Liturgy written by Regional Bishop Dr. Dorothea Greiner)
Leises Quietschen begleitete mich, während ich meinen noch leeren Einkaufswagen durch die ersten Regalreihen des großen lokalen Supermarktes schob. Ein Austausch des Hilfsgefährtes würde bedeuten, dass ich komplett durch den Markt gehen müsste, zurück auf den Parkplatz, um ihn dort auszutauschen. Ich seufzte leise und schüttelte den Kopf während ich den Gedanken schnell wieder verwarf. Gleichzeitig fiel mein Blick auf ein Regal angefüllt mit Cambria- und Phaleonopsis-Orchideen. Zwischen all der bunten Blumenpracht stach eine Orchidee hervor, die mit einem roten Aufkleber und einem Sonderpreis versehen war. Vorsichtig zog ich sie zwischen all den in voller Blüte stehenden Pflanzen hervor. Im Gegensatz zu den anderen Orchideen waren bei ihr bereits viele Blüten eingetrocknet, einige lagen abgefallen auf dem Boden des Pflanzentopfes. Umgehend beschloss ich, dieser von Vertrocknen gefährdeten Orchidee eine Chance zu geben. Mit etwas Pflege und Zeit könnte sie wieder zum Blühen gelangen. Ich stellte sie behutsam in den Einkaufswagen, der nun nicht nur leise vor sich hin quietschte, sondern ebenfalls eine käuflich erwerbbare, aber auch in diesem Sinne defizitäre Fracht in sich barg.
Eine Verkäuferin, die im daneben stehenden Regal Pflanzen sortierte, sah mir verwundert zu. „Kaufen Sie doch für ein paar wenige Euro mehr eine schöne, gesunde Pflanze.“ Sie deutete auf eine große prächtige Orchidee in Weiß. „Die hier wird sie mehr erfreuen und noch lange halten. … Die Sie ausgesucht haben, wird sowie so auf dem Müll landen. Bei uns oder bei ihnen. Sie ist der Mühe nicht wert.“ Ich sah sie erstaunt an, dankte ihr leise für den nicht gewollten Rat und verabschiedete mich kurzsilbig.
Der Mühe nicht wert…
Seit wir in unsere Bamberger Wohnung gezogen waren, hatte ich das erste Mal ein für Orchideen wunderbar geeignetes Fenster, das die richtige Menge an Tageslicht aufwies und deren Umgebung auch eine höhere Luftfeuchtigkeit aufwies. Optimale Bedingungen für diese prachtvollen Pflanzen, die für mich ein solch bemerkenswerten und anmutigen Teil von Gottes Schöpfung darstellen. In den letzten Monaten hatte ich die Leidenschaft entdeckt, Orchideen, die in Geschäften als „Ausschussware“ gekennzeichnet worden waren und, wenn sie innerhalb kürzester Zeit keinen Käufer fanden, auf dem Müll landeten, zu erwerben und soweit zu pflegen, dass sie sich wieder stabilisierten. Im Optimum würden sie auch wieder blühen und so ihrer von Gott bestimmten Aufgabe nachkommen – Pracht und Anmut in eine oft graue und eintönige Welt zu bringen.
Was ich dort im Kleinen und Unscheinbaren meiner Bamberger Wohnung tue, ist ein Ausdruck dessen, was Seelsorge an der einen oder anderen Stelle aus meiner Sicht versucht zu leisten:
für die da zu sein, die Gefahr laufen zu vertrocknen
für die da zu sein, deren prächtiges Blühen vor Verzweiflung, Sorgen oder Druck verblasst und verdorrt
für die da zu sein, die nicht mehr dem festgelegten Standard aus Not, Anspannung oder physischer oder psychischer Konstitution entsprechen können, dadurch vielleicht nicht mehr so leistungsfähig sind und schnell am Arbeitsmarkt als „Ausschussware“ gelten
Seelsorge ist die Sorge um Menschen, die ihn oder sie als ein Geschöpf Gottes sieht und über das hinausblickt, was vor Augen ist. In der Seelsorge geht es nicht um Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, Profit – ein Mensch soll nicht, wie dies leider in manchen Bereichen unserer Gesellschaft geschieht, mit einem roten Preisschild versehen werden und dann schließlich, wenn er oder sie sich nicht erholt, auf dem Müll landen.
Seelsorge soll Gottes heilende Kraft und vor allem Seine Zusage, dass Er da ist trotz oder gerade in all den Schwierigkeiten, für die in Not geratene Person erfahrbar machen.
Nicht bei jeder Rettungsorchidee gelingt es mir, ihr wieder zu dem blühendem Leben zu verhelfen, das der Schöpfer für sie vorgesehen hat. Aber bei jeder Pflanze, die neue Blütentriebe bildet und schließlich mit zarten Blüten mein Orchideenfenster schmückt, jubiliere ich über Gottes heilende Kraft. Wieviel mehr ist es bei einer Person, die nach einer seelsorgerlichen Begleitung gestärkt ihren Lebensweg geht.
Meine kleine Rettungsorchidee hat nach wochenlanger Pflege drei Blütentriebe gebildet, an denen sich erste zarte Knospen abzeichnen.
Es war durchaus der Mühe wert. Für sie und jede Person, die ich begleiten darf.
Schülerinnen und Schülern für ein Thema durch eine besondere Zugangsweise zu sensibilisieren ist für Pädagoginnen und Pädagogen von großer Relevanz. Graphic Novels stellen für mich im Sekundär- und Tertiärbereich der deutschen Schulbildung eine wichtige Zugangsmöglichkeit dar. Hierüber schrieb ich in einem vorhergehenden Blogpost (Link).
Nun stelle ich verschiedene Literaturtipps zur Antisemitismusprävention vor, die vor allem an Pädagoginnen und Pädagogen gerichtet sind, die in Sekundär- und Tertiärstufen unterrichten. Die meiste Literatur ist in deutscher Sprache erhältlich – wo dies nicht der Fall ist, weise ich darauf hin.
Dieser Blogeintrag soll eine Hilfe für Kolleginnen und Kollegen sein, um ihr eigenes Wissen gegen Antisemitismus zu stärken und durch Bildung gegen diese menschenverachtende, tödliche Häresie durch Bildung vorgehen zu können. Für die Vorstellung der Literatur habe ich einen Weg gewählt, der versucht, eine zeitliche Achse mit der Grundsätzlichkeit der Bücher zu kombinieren. Die Abfolge stellt keine Wertung in deren Bedeutung da, vielmehr gehören diese zu einer Vielzahl wichtiger Publikationen und wecken hoffentlich weiteres Interesse zur Vertiefung dieses Themas.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Bildung ist die wichtigste Waffe gegen Antisemitismus und jegliche Form des Menschenhasses. Lest gegen Hass und gebt dieses Wissen an die euch anvertrauten Schülerinnen und Schüler weiter!
„Die Natur des Vorurteils“ von Gordon Allport
Aus dem Englischen – als Übersetzung erhältlich
„The Nature of Prejudice“ (1954) wurde von Gordon Allport (1897-1967) verfasst, einem amerikanischen Psychologen, der mit diesem Werk die Grundlage für die Vorurteilsforschung gelegt hat. Laut Springerverlag ist es das meistgelesene Buch innerhalb der Sozialpsychologie.
Für mich war dieses Buch trotz der inkongruenten Bezugsgruppe (weiße, protestantische, amerikanische Männer) ein Augenöffner für eine Erklärung und einen Umgang mit Vorurteilen, die sich bis hin zu extremen Hass entwickeln können. Nicht nur stellte Allport das Aggressionskonzept von Sigmund Freud in Frage, sondern führte stattdessen ein Feedback- und Kommunikationsmodell ein. Der nachhaltigste Beitrag, der Politik und Gesellschaft veränderte, war sein Plädoyer für einen Kontakt zwischen Gruppen, die Vorurteile gegeneinander hegten, um somit Vorurteile vorzuschützen und daraus eventuell entstehenden Hass zuvor zu kommen.
Wer sich für die sozialpsychologische Betrachtung der Entstehung von Vorurteilen und Hass interessiert und durch einen theoretisch fundierten Hintergrund hiergegen in Schule und Bildungseinrichtungen vorgehen möchte, sei dieses Buch ans Herz gelegt.
„Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933 bis 1945“ von Victor Klemperer
In Deutsch erschienen
Der deutsche Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker Victor Klemperer (1881-1960) ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der NS-Schreckensherrschaft und deren mordender Brutalität, die akribisch vorbereitet und Sprache als ein grundlegendes Macht- und Beeinflussungsinstrument verwendet hatte.
In seinen Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945)“ dokumentierte er seine bitteren Alltagserfahrungen, die er als intellektueller protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft innerhalb der der deutschen Gesellschaft des Nationalsozialismus sammeln musste. Für mich ist Klemperer einer der wichtigsten Chronisten, die das Leben in dieser Schreckensherrschaft in alltäglicher Sprache und Sicht transparent werden lassen.
Besonders bewegend und erschreckend sind für mich die schonungslosen Einblicke in eine diktatorische Alltagswelt, die alle Bereiche des Lebens ergriffen hatten. Die Erfahrung der Komplizenschaft vieler einst verlässlichen Personen in Nachbarschaft, Beruf und Familie zeigen, wie diese Diktatur in ihrer Schärfe erst durch sie ermöglicht wurde und sollte uns nachdenklich gegenüber unseren eigenen Handlungsweisen stimmen.
„Hitler – 1889 bis 1945“ von Ian Kershaw
Aus dem Englischen – als Übersetzung erhältlich
Ian Kershaw (*1943), englischer Historiker und Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, nimmt in seiner Hitler-Biografie nicht nur die Person des Diktators in den Blick, sondern die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die es ihm ermöglicht hatten, das schlimmste Unrechts- und Mordsystem der Neuzeit zu etablieren.
Kershaw beschreibt anschaulich und lebendig, mit faszinierender Kenntnis des Protagonisten seines Buches untermauert mit historischen Quellen den Aufstieg des verhinderten Kunstmalers und kleinen »Weltkriegsgefreiten« zum mächtigsten Mann Deutschlands, der eine totale Diktatur errichtete, die Welt in einen schlimmen Krieg stürzte und, der mit vielen Komplizen verantwortlich ist für die Ermordung von Millionen europäischer Juden.
Wichtig wurde mir durch diese Lektüre: ohne die Person Hitler sind die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht vorstellbar. Aber: Ohne die Gefolgschaft der Deutschen ebenso wenig. Mögen wir diese Warnung ernst nehmen und uns selbst in unseren Handlungen einen kritischen Spiegel vorsetzen!
„LTI – Notizbuch eines Philologen“ von Victor Klemperer
Auf Deutsch erschienen und in viele Sprachen übersetzt
Im Englischen heißt dieses Werk übersetzt aus dessen ursprünglicher Bezeichnung „Lingua Tertii Imperii“ bezeichnend „The Language of the Third Reich“. Es ist die zweite Buchempfehlung von Klemperer, die ich aufgrund deren Grundsätzlichkeit gerne weitergeben möchte.
In diesem Buch analysiert Klemperer die Sprache des Nationalsozialismus und dessen Wirkmacht in bewegender und nachdenklicher Weise. Meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter weise ich stets darauf hin, dass Sprache ihre wichtigste Waffe darstellt. Umso wichtiger ist es daher, historische Kenntnis darüber zu haben, wie Sprache zum Bösen innerhalb unserer deutschen Geschichte verwendet wurde.
An dieser Stelle sei ebenso vermerkt, dass LTI 2003 unter dem Titel „Die Sprache lügt nicht“ (Originaltitel: „La langue ne ment pas“) für das Fernsehen als deutsch-französischer Dokumentarfilm von Stan Neumann adaptiert worden war. Dieser Film wurde im Juli 2005 beim Jerusalemer Filmfestival ausgezeichnet.
„Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie die Nazis- und wo nicht“ von Matthias Heine
Auf Deutsch erschienen
Der deutsche Journalist und Buchautor Matthias Heine (*1961) nimmt uns in seinem Buch „Verbrannte Wörter“ mit auf eine wichtige Reise durch die deutsche Sprache und analysiert, inwieweit einzelne Begriffe einen nationalsozialistischen Hintergrund tragen oder vielleicht auch trotz einer Vermutung überraschender Weise doch nicht.
Wie steht es mit dem Begriff „Bombenwetter“, der immer noch verwendet wird?
Der „Aktion“, die immer noch in Organisationen wie „Aktion Mensch“ oder „Aktion Sühnezeichen“ zur Verwendung kommen?
Oder dem harmlos daherkommenden Ausdruck des „Hiwi“ als studentischer Hilfskraft?
Es sind erstaunliche Entdeckungen, die der Leser bei der Lektüre dieses Buches machen darf. Stets sind die einzelnen Begriffe gut eingebettet in geschichtliche Fakten und Referenzen, wie LTI als Quelle herangezogen. Der Autor macht am Ende jedes Begriffes eine kleine Empfehlung und regt dabei zur Entscheidung über eine etwaige Verwendung im eigenen Wortschatz an. Bei manchem hätte ich eine andere (strengere) Schlussfolgerung gezogen – doch in vielem kann ich dem Autor gut in einem Applizieren auf die sprachliche Praxis folgen.
„Hitlers amerikanisches Vorbild: Wie die USA die Rassengesetze der Nationalsozialisten inspirierten“ von James Q. Whitman
Als Übersetzung aus dem Amerikanischen erhältlich
James Q. Whitman, Professor für vergleichendes und internationales Recht an der Yale-Universität ist einer der angesehensten Rechtshistoriker der USA. Er deckt in seinem Buch „Hitlers amerikanisches Vorbild“ eine überraschend schmerzhafte Tatsache auf: Die „Jim-Crow-Gesetze“ und der tief verankerte Rassismus in den USA waren eine massgebliche Anregung für die Rassengesetze der Nationalsozialisten. Es ist ein schmerzhaft wichtiger Aspekt, der mit diesem Buch beleuchtet wird und Sprengkraft auf dem amerikanisch-deutschen Verhältnis haben kann.
In meiner Dissertation, die auf amerikanisch-deutschen Horizont die Versöhnungsarbeit aufgreift, habe ich mich daher in einem Kapitel mit diesem „Zyklus des Bösen“ befasst und hierzu auch schmerzhafte Aspekte in Hitlers „Mein Kampf“ herausgearbeitet. (Tröstend begegnete mir bei meiner Recherche für meine Dissertation ein „Zyklus des Guten“ – doch dies ist vielleicht ein Thema für einen späteren Blogeintrag.)
„Plantations and Death Camps – Religion, Ideology, and Human Dignity“ von Beverly Eileen Mitchell
Gegenwärtig nur in Amerikanisch erhältlich
Während meines Dissertationsstudiums am Wesley Theological Seminary, Washington D.C., durfte ich mehrere Seminare bei Prof. Dr. Beverly Mitchell besuchen. Die historische Theologin hat nicht nur durch ihre Biografie und ihren scharfen Verstand einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, sondern durch ihr Buch „Plantations and Death Camps“ mir die Augen hin zu einer Analogie des Grauens geöffnet.
In ihrem Buch vergleicht sie die menschenverachtende und vernichtenden Systeme der Plantagen und Konzentrationslager miteinander. Eine Zeitgleiche der Brutalität, die in die Abgründe menschlicher Seelen blicken lässt, die Macht, Gewinn und Unterdrückung über jegliche Menschlichkeit und Verbundenheit gesetzt hat. Die „Ideologien des Todes“, wie sie Mitchell bezeichnet, haben schlimme, verachtende und tödliche Konsequenzen diesseits und jenseits des Atlantiks hervorgebracht.
Das Buch ist ein Plädoyer, dies nie wieder geschehen zu lassen und regt zu einer eigenen biografischen Reflexion an. In einem vergangenen Blogeintrag (Link) schreibe ich hierüber.
„… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ von Viktor E. Frankl
Auf Deutsch erschienen
Viktor Frankl (1905-1997), der österreichische Psychiater, verbrachte mehrere Jahre in deutschen Konzentrationslagern. Hier wurde er mit unvorstellbarem Leid konfrontiert und musste sich mit der Frage auseinandersetzen, wie er und andere an diesen Orten der Unmenschlichkeit noch einen Sinn im Leben entdecken und die eigene Menschlichkeit bewahren konnte.
Für ihn war die Erfahrung, dass es möglich ist, auch noch unter inhumansten Bedingungen einen Sinn im Leben zu sehen, eine zentrale Entdeckung. Zukunftshoffnungen, von denen man getragen wurde, konnten über schwerstes Leid hinweghelfen – die Hoffnung, die Liebsten wiederzusehen oder, wie er sich vorstellte, nach einer Überwindung des Leides Vorlesungen geben zu dürfen, die die Auswirkungen des Lagers auf die Psyche zum Mittelpunkt hatten.
Dieses „Trotzdem“ hat bei mir tiefen Eindruck hinterlassen, vieles relativiert und die Gottesfurcht in den Mittelpunkt gestellt:
„So oder so – einmal kommt der Tag, für jeden der Befreiten, an dem er, rückschauend auf das gesamte Erlebnis des Konzentrationslagers, eine merkwürdige Empfindung hat: er kann es nun selber nicht verstehen, wie er imstande war, all das durchzustehen, was das Lagerleben von ihm verlangt hat. Und wenn es in seinem Leben einen Tag gab – den Tag der Freiheit-, an dem ihm alles wie ein schöner Traum erschien, dann kommt einmal der Tag, an dem ihm alles, was er im Lager erlöst, nur mehr wie ein böser Traum vorkommt. Gekrönt wird aber all dieses Erleben des heimfindenden Menschen von dem köstlichen Gefühl, nach all dem Erlittenen nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen – außer seinen Gott.“
… trotzdem Ja zum Leben, S. 139.
Einige von vielen Büchern, die Pädagoginnen und Pädagogen helfen können, sich durch Lektüren gegen Antisemitismus zu wappnen und dieses Wissen im Unterricht weitergeben zu können.
Lest gegen den Hass! Mit euren Schülerinnen und Schülern. Mit euren Kolleginnen und Kollegen. In Familien und Freundeskreisen.
Und kommt durch Unterhaltungen und Diskussionen auf Antisemitismus zu sprechen – einer menschenverachtenden und tödlichen Irrlehre, die Demokratie und Menschenwürde diametral entgegengesetzt ist. Damit sie in den Herzen und Gedanken nicht auf fruchtbaren Boden falle.