Von unterschiedlichen Ausbildungen und wichtigen Erfahrungen für die Arbeit einer Polizeiseelsorgerin

Mit etwas Wehmut schaltete ich den Fernseher aus und tauchte gedanklich aus der ferne Japans in unserem Bamberger Wohnzimmer auf. Neun Folgen lang hatte ich zwei japanische Auszubildende in deren Lehrjahr in Kyoto begleitet. Die japanische Serie in Originalsprache hatte mich mitten in Oberfranken in eine ferne Welt mitgenommen und dabei alte Erinnerungen wachwerden lassen. Sprache, Gepflogenheiten, Kultur und so manche japanische Tradition war mir nach all der Zeit immer noch ungewöhnlich vertraut.

Weil das „Praxisjahr der Theologiestudierenden“ mindestens ein Jahr berufliche Tätigkeit außerhalb kirchlicher Strukturen erforderte, hatte ich als Zwanzigjährige eine Ausbildung zur Flugbegleiterin bei Japan Airlines (JAL) durchlaufen, um eineinhalb Jahre über den Wolken zu arbeiten. Nach einer Ausbildung am Frankfurter Flughafen, schloß sich ein achtwöchiger Aufenthalt in Tokyo an. Dies war der Anfang eines Eintauchens in die fernöstliche Kultur Japans – eine für mich zur damaligen Zeit durchaus fremde Welt.

Die Ausbildung und Tätigkeit als Flugbegleiterin war eine Lernerfahrung, die damals für mich gut war, aber zugegeben lange Zeit nicht direkt für meine berufliche Tätigkeit als Pfarrerin und Seelsorgerin fruchtbar gemacht werden konnte. Dies kam viele Jahre später mit meinem Wechsel zur Bundespolizei.

Noch heute erinnere ich mich an die Worte eines Loses, das ich damals bei einem Tempel gezogen hatte. Auf ihm war unter anderem zu lesen: „Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“ oder in Deutsch: „Selbst wenn Sie rechtschaffen sind und eine Chance haben, erfolgreich zu sein, können Sie nichts erreichen, wenn Sie nicht hart arbeiten.“

Dieser Satz hat mich immer wieder an Lebensstationen begleitet. Das Engagement um Gerechtigkeit ist für mich als Pfarrerin ein wichtiger Aspekt meiner Berufung. Und gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst, dass ich viele wunderbare Bildungs- und Berufs-Chancen geschenkt bekommen habe, die aber nur durch harte Arbeit wirklich erreichbar waren.

Meine jungen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter erhalten ebenso die einmalige Chance, einen der wohl spannendsten, aber auch verantwortlichsten Berufe erlernen zu dürfen. Das Streben um Recht stellt hierbei einen wichtigen Aspekt dar. Das Erlernen dieses Berufes kommt jedoch mit großen Herausforderungen – daher wird von ihnen harte Arbeit gefordert, manchmal bis zur Erschöpfung.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

Auch das kenne ich aus meiner Ausbildungszeit bei JAL. Ein normaler Ausbildungstag lief so ab:

4:00 Uhr Aufstehen

Mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt zur Ausbildungsstätte quer durch Tokyo

6:30 / 7 Uhr Frühstück an der Ausbildungsstätte

7:30 Uhr Dienstbeginn und Unterricht

17 Uhr Unterrichtende und Heimfahrt

Mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt zum Wohnheim quer durch Tokyo

19 Uhr Abendessen

ca. 20 Uhr Lernen

Gnadenlos wurden wir eingegliedert in ein japanisches Bildungssystem, denn schließlich würden wir bald als Deutsche in einer japanischen Fluggesellschaft arbeiten. Zumeist allein oder zu zweit in einer japanischen Crew. Für uns angehende Flugbegleiterinnen war es ein wahrer Kulturschock. Ich begegnete dem Ganzen mit viel Neugier und einer guten Portion Willenskraft, die beste Leistung abzulegen und mich in dieses System einfinden.

Es waren anstrengende Ausbildungstage, die früh begannen. Ich kann meine Polizeischülerinnen und -schüler gut verstehen, deren Dienst täglich um 6.55 Uhr beginnt und gegen 16:30 / 45 Uhr endet. Auch sie tauchen in eine unbekannte Kultur ein. Hierarchie, Disziplin, Ambitioniertheit und Engagement sind elementar, um diese Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

In der letzten Dienstwoche durfte ich eine Lehrklasse bei einer sogenannten „Alarmübung“ begleiten. Das hieß für die jungen Polizeischülerinnen und -schüler um 2:30 Uhr geweckt zu werden und dann in ihrer Lehrklasse von einem Punkt aus wieder an den Ausbildungsort zurückzufinden. Selbstverständlich mit dem jeweiligen Lehrgruppenleiter und mir sowie einem engagierten Team, das im Hintergrund alle notwendigen Vorkommnisse, Regelungen und Fahrten organisiert. Genau bedeutet das: 15 Kilometer durch die Dunkelheit. Dies erfordert Wissen, Teamgeist und Motivation.

Durchhaltevermögen und harte, engagierte Arbeit sind essentiell für den Beruf eines Polizisten und einer Polizistin. Wer hätte gedacht, dass ich aus den damals bei Japan Airlines gemachten Erfahrungen so viele Analogien für die Ausbildung meiner Schülerinnen und Schüler ziehen würde! Und ganz nebenbei einige interessante Erfahrungen in den Unterricht einfließen lassen könnte – ob Randalierer an Board, Herzstillstand oder Notfallausbildung für Land- und Wasserlandung. Für mich mehr als nur unterhaltsame Erfahrungen, denn sie erzählen von dem Unerwarteten, den Überraschungen und Notfällen, die über sie hereinbrechen können. Sie darauf wenigstens ein bisschen vorbereiten zu können, gibt meinen eigenen Erfahrungen mehr Tiefe.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

Ich gab mir einen Ruck, legte die Fernbedienung auf den Sofasessel und ging in die Küche, um etwas Sushi zuzubereiten. So konnte meine Familie einen kleinen Geschmack von Japan erhalten und meine Sehnsucht nach einem fernen und doch so nahen Ort etwas stillen, um dann am nächsten Tag wieder vor meine Lehrklassen zu treten.

Von segensreichen Umwegen

Auf dem grauen Beton des erhaltenen Mauerabschnittes der Berliner East Side Gallery erhob sich Fuji-san mit einer japanischen Pagode während im Hintergrund die Flagge Japans als rote Sonne aufging. Voller Faszination betrachtete ich diesen von insgesamt ursprünglich 106 Bildern, die von 118 Künstlern aus 21 Ländern an der ehemaligen Mauer geschaffen worden waren, die Deutschland bis 1989 in schmerzlicher Weise geteilt hatte.

Das Mauerkunstwerk „Detour To The Japanese Sector“ war von Thomas Klingenstein gestaltet worden. Der ostdeutsche Künstler hatte sich früh für Japan interessiert, ein persönliches Kennenlernen und Bereisen dieses ostasiatischen Landes war ihm aufgrund der Reiseeinschränkungen der DDR unmöglich gewesen. Weil er am 3. Oktober 1979 an einem Treffen mit Robert Havemann, Katja Havemann und Gregor Gysi teilgenommen hatte, wurde er nach seinem Abitur 1981 in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Die politische Wende in Deutschland 1989 erlebte Klingenstein in Japan, wo er 1984 bis 1995 lebte.

Das Bild des Künstlers brachte in mir viel zum Klingen. Die japanische Kultur hatte mich ebenfalls früh interessiert, aber im Gegensatz zu ihm wuchs ich in der Freiheit des Westens auf. Reisen gehörte aufgrund meines binationalen Aufwachsen integral zu meiner Lebensstruktur. Dennoch machte auch ich einen Umweg über Japan, der nun Jahre später segensreich ist, damals aber zunächst einigen Unmut hervorgerufen hatte.

Als junge Theologiestudentin hatte ich mich zielstrebig um die Zulassungsvoraussetzungen für das kirchliche Examen erkundigt, damit ich schnellstmöglich meinen Wunschberuf einer Pfarrerin ergreifen konnte und meine Studienkosten, die ich nach Abschluss abzuzahlen hatte, durch ein zügiges Studieren möglichst gering halten konnte. Eine wichtige Bedingung war der Nachweis eines „Praxisjahres für Theologiestudierende“. Mindestens ein Jahr Arbeitserfahrung sollten Theologiestudentinnen und -studenten vorweisen. Ich brachte meinem Unmut über diesen beruflichen Umweg, der kirchlich vorgeschrieben worden war, in vielen Unterhaltungen zum Ausdruck. Dann aber machte ich die Not zur Tugend und bewarb mich bei Japan Airlines, um meine Reiseaffinität und die finanziellen Konsolidierung unter einen Hut zu bekommen. Eineinhalb segensreiche Jahre als Flugbegleiterin bei Japan Airlines folgten, die mich aus dem kirchlichen Studium hinaus in die Welt führten und mir nebenbei ermöglichten in die bis dahin wenig bekannte japanische Sprache und Kultur einzutauchen.

Der kirchlich institutionalisierte Umweg lehrte mich viel für meine spätere Tätigkeit im Pfarramt, von Menschenkenntnis über Umgang mit Extremsituationen bis hin zum direkten Kontakt mit anderen Religionen und Kulturen. Mein Ethikunterricht für angehende Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei speist sich in einigem ebenfalls von denen bei Japan Airlines gesammelten Erfahrungen: ob dies die Notfallausbildung für Extremsituationen ist, der Umgang mit randalierenden Passagieren oder medizinische Notfallsituationen in der Luft…

Der folgende Artikel, der während meiner Studienzeit erschien und den Anfang meiner kirchlichen Medienarbeit darstellt, gibt einige Einblicke in diese für mich beruflich prägende Zeit:

Die persönliche „Detour To The Japanese Sector“ war für mich ein segensreicher Lebensabschnitt, der meine Arbeit als Pfarrerin mit geprägt hat und nun hilfreich ist für meine Tätigkeit als Seelsorgerin in der Bundespolizei um die zu verstehen, die für unsere Sicherheit an Grenzen, im Bahn- und Flugbereich sowie im Ausland sorgen. Manchmal sind Umwege diejenigen, die uns auf unserem Lebensweg bereichern und uns auf den von Gott gewünschten Pfad gehen lassen.

Ob Thomas Klingenstein dies auch so empfindet? Ich werde den bekannten Künstler wahrscheinlich nie kennenlernen, aber ich wünsche ihm, dass der Umweg nach Japan in der Retroperspektive für ihn gleichfalls segensreich ist. Die wunderschöne Ausgestaltung des Mauerabschnittes zeugt von so viel Kraft, Anmut und politisch Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.