Wie hältst du es mit dem Tod? Von Grabsteinen und Rezepten.

Plätzchen und Brownies.

Pies und Cobbler1.

Kuchen und viereckige Bäckereistückchen. Fudge2, Speiseeis und Kaffee.

Brötchen und Brot.

Deftiges.

Menü-Vorschläge direkt vom Grab.

Mit einem tiefen Seufzer schloss ich an diesem Ewigkeitssonntag das wohl ungewöhnlichste Rezeptbuch, das ich je gelesen habe: „To Die For. A Cookbook of Gravestone Recipes“ . Den Anstoß zur Entstehung dieses Buches war für die Archivarin Rosie Grant, dass sie während ihres Praktikums auf dem Congressional Cemetery in Washington, D.C., über ein in Stein gemeißeltes Rezept stolperte. Die Verwunderung über den ungewöhnlichen Grabstein verwandelte sich in Neugier und schließlich in eine Entdeckungsreise durch die meisten US-amerikanischen Bundesstaaten, um einer Tradition auf die Spur zu kommen, die es in den USA tatsächlich gibt: Manche Menschen hinterlassen ihre Lieblingsrezepte bewusst auf dem Grabstein – und manche Familien stellvertretend für sie. Eine zärtliche Geste, die Verbindung schafft und schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Ewigkeit gibt, in der sich die Verstorbenen bereits befinden.

Die Autorin blieb nicht bei der Betrachtung und Dokumentieren der Grabsteine stehen. Sie besuchte die Familien, lauschte ihren Geschichten, und folgte auch den Spuren jener Menschen, die ihre Rezepte noch zu Lebzeiten weitergeben wollten und bereits vor ihrem Tod ihren Grabstein mit Rezept aufgestellt haben. Manchmal stand sie mit Angehörigen in deren Küche, manchmal buk sie allein in der Vertrautheit ihres Zuhauses, und oft führte der Weg anschließend zurück zu den Gräbern, an denen alles begonnen hatte.

So entstand eine Sammlung, die weit mehr ist als ein Rezeptbuch: Lebensspuren, in denen sich Alltägliches und Unvergessenes berühren. Geschichten von Menschen, die einzigartig waren und besondere Lebenswege beschritten hatten. Ihre Gerichte transportieren über ihren Geschmack Aspekte ihres Lebens, die Worte manchmal nicht können.

Da ist zum Beispiel Fleda Shearer, deren Sugar Cookies so schlicht wirken und doch ein Stück von ihr tragen: ein Rezept, das nach Hause schmeckt, nach Großzügigkeit, nach einer Frau, die wusste, wie tröstlich Süßes sein kann.

Oder Yankele Toppor, der Kibbutz-Bäcker mit der großen Handwerksliebe, der seinen Alltag zwischen Teigschüsseln, Öfen und Gemeinschaft verbrachte – ein Leben, das nach frisch gebackenem Brot riecht und von der Wärme eines Ortes erzählt, den viele ihr Zuhause nannten.

Und Ida Kleinman, deren Nut Rolls auf Hebräisch in Stein gemeißelt wurden. Ein Rezept wie ein Vermächtnis, das Generationen verbindet, getragen von Erinnerung, Muttersprache und dem sanften Gewicht einer Tradition, die ihre jüdische Familie trägt.

Diese und viele weitere Geschichten haben mich nicht losgelassen – und so mache auch ich mich nun auf die Suche. Daher nahm ich am Ewigkeitssonntag einen Plätzchenausstecher nach dem anderen aus meiner liebgewonnenen Lebkuchendose. Sie beherbergte seit vielen Jahren meine Ausstechersammlung und war eine verlässliche Begleiterin, deren Inhalt mich an liebe Menschen und wohlige Erlebnisse erinnerte:

Den strahlendroten Rentierausstecher, den ich von meinem amerikanischen Vater als Grundschülerin geschenkt bekam und der mich träumen ließ von Weihnachten, Zuneigung und Liebe

Die in strahlendem Metal glänzende Musiknote, mit der ich für die adventlichen Fundraiser der jüdischen Musikschule meiner Kinder buk, die in Scarsdale, NY gewesen war und ihnen eine musikalische Heimat und künstlerische Weite schenkte.

Den dickbäuchigen Bärchenausstecher, mit dem ich als Polizeiseelsorgerin für meine Polizistinnen und Polizisten, Anwärterinnen und Anwärter „Care-Bärs“ (Link) als Aktion backte – kleine, essbare Symbole dafür, dass ich für sie da war und sie sich in der Schwere ihres Dienstes und ihrer herausfordernden Ausbildung getragen fühlen sollten.

Meine Hand pausierte in ihrer Suchbewegung im Vielerlei der Ausstecher und drehte eine Linzer-Plätzchen-Form mit Herz in kreisenden Bewegungen von deren runder zu deren mit Herz versehenen Seite hin und her. Mit ihr hatte ich vor kurzem ein neues Linzer-Rezept ausprobiert. Vielleicht war es ein Linzer-Plätzchen-Rezept, das ich noch verfeinern würde und die eigene Note hinzufügen würde? Oder doch etwas anderes? Sogar etwas Herzhaftes? Eine Suppe, ein Brot, ein Duft, der in der eigenen Geschichte tiefer verwurzelt ist, als man auf den ersten Blick meint?

Ich bin mir noch nicht sicher.

Aber ich werde mich weiter auf die Suche machen nach meinem eigenen Rezept – jenem, das mein Leben so ein wenig geschmacklich anklingen lässt, wie die Rezepte der Personen, die in Rosie Grants Buch vorgestellt werden, es tun.

Und vielleicht, ist es ja auch eine Anregung für Sie, liebe Leserinnen und Leser, welches Rezept Sie einst weitergeben würden. Nicht unbedingt für einen Grabstein – sondern vielleicht auch im Hier und Jetzt in der Fülle des Lebens, wo Sie dann an einem Tisch Geschmack und Leben tief verbinden zu Erinnerungen, die vielleicht später als Rezept und damit Gruß aus der Ewigkeit anklingen können.

  1. Amerikanisch: Nachtisch aus mit Teig belegten Früchten, die im Ofen gebacken werden. ↩︎
  2. Karamell. ↩︎

Von Zugfahrten, Vikariatsbeginn und biblischen Reisegeschichten

Der fröhliche Klang von feierlich erhobenen Sektgläsern und dem darauffolgenden vieltonigen Anstoßen war verklungen. Die freudigen, beglückwünschenden Reden durch verschiedene kirchliche Vertreterinnen und Vertreter den frisch examinierten Theologinnen und Theologen waren überbracht und die Zeugnisse als strahlender Ausdruck ihrer akademischen Leistung ausgehändigt worden. Nun war es Zeit für etwas Gemütlichkeit bei einem leckeren Abendessen im festlich eingedeckten Speisesaal des bayerischen Landeskirchenamtes.

Seitdem ich vor einigen Wochen die Einladung zur Examensfeier erhalten hatte, hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, an dem ich den neuen theologischen Nachwuchs kennenlernen durfte. Es würde mein erster Kurs sein, den ich als frisch gebackene Rektorin begleiten würde. Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus wusste ich, dass solche gemeinsamen Anfänge besonders wichtig sind und einen bewegenden Tiefgang haben können, denn darin verschränken sich Neubeginne auf unterschiedlichen Ebenen. Als ich damals vor einigen Jahren in der Bundespolizei meinen Dienst als hauptamtliche Polizeiseelsorgerin und Lehrerin für das Fach Ethik begann, war es eine Lehrklasse (besondere Grüße an „meine“ BA 21 II Dez 4-1 😘❤️), mit der ich den Ausgang aus der damaligen Tätigkeit als Pfarrerin in New York und den Eingang als Seelsorgerin erleben durfte. Mit und durch sie wuchs ich in eine neue, erfüllende Tätigkeit hinein, indem wir miteinander auf ihrer Ausbildungsreise unterwegs waren.

Von wohligen Gedanken an die zurückliegende Erinnerung und einem wohlschmeckenden Abendessen gestärkt gesellte ich mich an einen Tisch und nahm neben OKR Reimers, dem Leiter der Personalabteilung unserer Landeskirche, Platz. Mitten im Gespräch über die im Herbst beginnende Ausbildungskooperation zwischen Bayern und Sachsen sah er zu mir und sagte: „… aber das können Sie am Besten von Frau Groß erklärt bekommen.“ Ich schluckte erstaunt, und stürzte mich mutig in die Beschreibung. Als Theologin und reiseaffine Person bediente ich mich daher dem Aspekt des Reisens und Unterwegssein, wie er in der Bibel und in unserem Leben präsent ist. In all seiner Ambivalenz bediente ich mich einer Metapher, die uns allen geläufig ist: der der Bahn.

Vor der „Abfahrt“ dieses Zuges gab es einen langen Konsultationsprozess, der unterschiedliche Ebenen der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) an einen Tisch brachte, um möglichst viele Anforderungen zu berücksichtigen und eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung anbieten zu können. Horizont hierbei war das Jahr 2026. Nun war Zug bereits drei Jahre früher zu seiner ersten Fahrt gestartet. Ich hingegen stieg als „Zugführerin“ gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen (EvLKS) nun in den Zug ein.

Nicht umsonst hatte ich an diesem lauen Juliabend etwas locker, aber durchaus bestimmt das Bild der „Bahn“ verwendet, denn diese Metapher symbolisiert im Optimum einen Weg, der von Anfang bis Ende geplant und strukturiert ist, mit klaren Haltestellen und Zielen. Die Ausbildung kann mit einer Zugfahrt verglichen werden, die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit beginnt, verschiedene Stationen (also Lerninhalte und Praktika hat) durchläuft und schließlich am Zielort in einen erfolgreichen Abschluss und dem Einstieg in den Probedienst als Pfarrerin und Pfarrer mündet.

Schon bald würden wir gemeinsam mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen diese aufregende Zugfahrt beginnen. Zumeist in denselben Abteilen (denn es gibt nur eine Zugklasse!), manchmal aufgrund der unterschiedlichen Erfordernisse der Landeskirchen uns während der Zugfahrt in extra Waggons begeben. In einem gemeinsamen Zug, dessen Gleise der Landeskirchenrat der ELKB vor längerem gelegt hatte und in einiger Zeit aufgrund eines Evaluationsprozesses anpassen wird, würden wir dem Ziel „Pfarramt“ entgegenfahren.

Etwas mulmig ist mir zugegebenermaßen schon während ich in die Rolle der Zugführerin hineinwachse. Denn trotz einiger Probefahrten (danke, lieber F23 und H23 für all eure Beharrlichkeit) und Streckenanpassungen wird es weiterhin vielfältige Herausforderungen geben. Vom realen Zugverkehr kennen wir das zu genüge. Verspätungen, Störungen, schlechte Wetterverhältnisse und Streckenschäden sind nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen werden. Dann wird es auf die gesamte Besatzung des Zuges ankommen, die zusammenhält und gemeinsam mit mir kreative Lösungen zur Sicherstellung der Fahrt findet.

Letztendlich befinden wir uns gemeinsam auf einer Reise. Als Evangelisches Studienseminar für Pfarrausbildung (ESP) dürfen wir Menschen begleiten, die in einen der spannendsten Berufe hineinwachsen wollen: nämlich das Pfarramt. Wir sind „Reiseabschnittsbegleiterinnen“ und „-begleiter“ für unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die sich wagemutig auf diese „Ausbildungsreise“ begeben.

Ein Blick in die Bibel kann trösten, aufmuntern und vielleicht auch nachdenklich stimmen. Denn die Bibel selbst ist voll von Reisegeschichten, die von Menschen und Gottes Führung auf ihrem Lebensweg berichten. Von Herausforderungen, Zurücklassen und Neubeginn – von Abkehr, Neugierde und Wachstum:

Abraham verließ seine Heimat, um in ein neues unbekanntes Land zu ziehen, das ihm Gott noch zeigen würde.

Das Volk Israel zog nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei unter der Führung von Mose durch die Wüste ins gelobte Land.

Jona wurde von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen, um dort zu predigen (diesem Auftrag versuchte er zu entkommen und lernte ein besonderes „Reisevehikel“ von Innen kennen).

Josef wurde von seinen Brüdern verkauft, erlangte nach schweren Jahren der Herausforderung eine wichtige Position und sicherte dadurch seiner Familie und seinem Volk das Überleben.

Die prächtige Königin von Saba machte sich auf den Weg nach Jerusalem, um Salomo und seine Weisheit höchstpersönlich kennenzulernen.

Der Apostel Paulus unternahm vier Missionsreisen, bei denen er wahnsinnig beeindruckende 15.000 km zurücklegte.

Die Reisegeschichten der Bibel sind so vielfältig wie die Menschen, die Reisen unternehmen. Was ihnen allen gemein ist: Diese Geschichten zeigen, dass Reisen in der Bibel nicht nur geografische Bewegungen sind, sondern eine spirituelle und persönliche Entwicklung mit sich bringen. Viele unserer Vikarinnen und Vikare werden an neue Orte in ihre jeweiligen Ausbildungsregionen ziehen, doch noch viel interessanter und bewegender wird deren innere Reise zum Ausbildungsziel Pfarrerin und Pfarrer sein.

Ich freue mich, sie auf ihrer Ausbildungsreise im Herbst als „Zugführerin“ mit einem engagierten Team von Studienleiterinnen und -leitern aus Bayern und Sachsen begleiten zu dürfen und hoffe, dass sie beim Erreichen des Ausbildungszieles wie die biblischen Erzählungen es tun, Geschichten von Vertrauen, Herausforderung, Glauben und der eigenen Suche nach Gottes Willen erzählen werden.

„0013 meldet sich ab vom Dienst.“

Mit hängendem Kopf stand ich mit einer Kollegin vor meinem Fahrrad und hantierte mit einer Schere an einer dunkelblauen Plakette, die mit einem Kabelbinder am Lenkrad festgemacht worden war. Der Kabelbinder wehrte sich gegen mein Bemühen gewaltig, aber nach einigem Hin und Her sowie einigen leichten Kratzern an der dunkelgrauen Lenkstange konnte ich die Verbindung endlich durchschneiden. Ich seufzte und atmete tief ein und aus.

Vor einigen Monaten staunte ich nicht schlecht als ich die Plakette für mein Fahrrad aus meinem Postfach nahm. Für die dienstliche Verwendung meines Fahrrades war mir die Nummer 0013 zugewiesen worden.

Damals ging mir etwas scherzhaft der von Daniel Craig alias James Bond bekannte Satz durch den Kopf, den er nach längerer Abwesenheit gegenüber M aussprach: „007 meldet sich zum Dienst.“ (Hier der Videoausschnitt – in Minute 2:16) Adaptiert hätte es beim Anbringen der Plakette heißen müssen: „0013 meldet sich zum Dienst.“ … Doch weder war meine Personalnummer 007, noch war ich Geheimagentin. Die Lizenz zum Töten, die die Doppelnull symbolisierte, hatte ich selbstverständlich auch nicht – bis dato habe ich keine Schusswaffe in Händen gehalten. Aber dennoch war ich amüsiert über diesen numerischen Anklang an die berühmten britischen Agententhriller, die ich durchaus schätze. Die Zahl 13 fügte in ihrer Ambivalenz noch ihr Eigenes hinzu, denn sie kann als Glücks- oder Unglückszahl gedeutet werden.

In vielen Kulturkreisen trägt die Dreizehn eine negative, manchmal sogar unheilvolle Bedeutung. So wird in manchen römisch-katholischen Traditionen Judas Iscariot, der Jesus verraten hatte, als 13. Jünger bezeichnet. Die Zahl scheint vor allem durch einen subjektiv-assoziierten Aberglauben zu einigen interessanten Ausprägungen im Alltag zu führen: so gibt es Gebäude, die kein 13. Stockwerk haben, einige Passagierflugzeuge verfügen nicht über die 13. Sitzreihe und im Sozialgesetzbuch (SGB) wird auf die Benennung des 13. Buches verzichtet.

Im Gegensatz dazu schreibt so mancher der Dreizehn eine positive Konnotation zu: Ich kenne eine Reihe von Personen, die sie als persönliche Glückszahl sehen. Einige Prominente, wie Taylor Swift, sehen sie als Glücksbringer. Im Judentum findet am 13. Geburtstag mit der Bar Mitzwa bzw. Bat Mitzwa der Übergang zum Erwachsenwerden für Jugendliche statt und stellt ein positives Ereignis dar, das mit dieser Zahl verbunden ist.

Ob man mit der 13 Gutes oder Schlechtes in Verbindung bringen würde, war mir gelinde geschrieben, völlig egal. Darüber hinaus war die Plakette neben meiner „Segensklingel“ angebracht, die mich an den Segen erinnerte, den eine Freundin für meinen Fahrradgebrauch und jeden privat oder dienstlich zurückgelegten Kilometer ausgesprochen hatte.

Mit meinem dienstlichen Ausscheiden aus der Bundespolizei und der Rückkehr in den kirchlichen Dienst der Bayerischen Landeskirche musste auch diese Plakette zurückgegeben werden. Durch einen kräftigen Schnitt mit der Schere war das letzte Stück Verbindung zu einem liebgewonnen Arbeitsbereich durchtrennt. Die Kollegin legte die Plakette nochmals kurz auf die Segensklingel, umarmte mich herzlich als sie meinen traurigen Gesichtsausdruck sah und verschwand schweigend mit der Plakette in der Hand in das Verwaltungsgebäude.

Während ich auf das Rad stieg und in die Pedale trat einer neuen beruflichen Zukunft entgegen, sagte ich leise traurig, aber auch dankbar für die zurückliegende Dienstzeit vor mich hin: „0013 meldet sich ab vom Dienst einer Polizeiseelsorgerin.


Mein herzlicher Dank gilt allen im AFZ Bamberg und darüber hinaus in der Bundespolizei, die ich in den letzten viereinhalb Jahren begleiten und kennenlernen durfte. Mögen es Polizeimeisteranwärterinnen und – anwärter, Polizeikommissarsanwärterinnen und -anwärter, Stamm-, Abordnungs- oder Rahmenpersonal gewesen sein. Mein Dank sei auch denen gegenüber ausgesprochen, die mich in dieser Dienstzeit unterstützt und mit mir kollegial zusammengearbeitet haben.

Das AFZ Bamberg wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Und seien Sie und ihr euch gewiss: Da „draußen“ ist eine Pfarrerin, die für euch betet und anderen die Augen für euren wichtigen Dienst öffnet.

Die Extrameile gehen…

Mein Blick war vor Müdigkeit noch ganz verschwommen. Ich setzte in der Dunkelheit einen Fuß vor den anderen während meine Lehrgruppe um kurz vor fünf Uhr in einem gleichmäßigen, schweigenden Rhythmus vom dumpfen Stapfen der Dienststiefel angetrieben durch die kalte Winternacht marschierte. Um diese Uhrzeit würde ich mich normalerweise noch einmal umdrehen, mich in die wohlig warme Daunendecke wickeln und eine weitere Stunde schlafen, bevor mein Tag und kurz danach mein Dienst als Polizeiseelsorgerin beginnen würde.

Aber Jesus sagte einst in den berühmten Worten der Bergpredigt (Mt 5,41): „Geh die Extrameile mit!“ Ich seufzte beim Gedanken an einen warmen Kaffee leise und lief in der Dunkelheit stoisch weiter.

Kurze Zeit später hielt die Lehrgruppe umgeben von dunklen fränkischen Wäldern an während die angehenden Kollegen, die mit dem Finden des Weges betraut worden waren, über eine Karte gebeugt und im Schein von Taschenlampen den besten Weg zum Zielort eruierten. Sie würden in dieser Nacht viele Meilen bzw. Kilometer als Teil ihrer Ausbildung durch die Dunkelheit gehen.

Die Extrameile.

Nächtliche Alarmübungen sind ein wichtiger Bestandteil des ersten Ausbildungsjahres in der Bundespolizei. Bei einer solchen Übung müssen sie als Lehrgruppe Durchhaltevermögen, Orientierungssinn und Kameradschaft und die aufgetragenen Extrameilen gemeinsam bezwingen.

Das Wörterbuch von Pons definiert diesen Ausdruck in folgender Weise:

„Die Extrameile gehen“, Jargon (Anglizismus nach engl. „go that extra mile“): seine persönlichen Grenzen hinausschieben; mehr leisten als erwartet oder gefordert wird.

Die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter müssen in ihrer Ausbildung diese „Extrameile“ im literalen, aber ebenso im übertragenen Sinn gehen. Neben dem Weg war ihnen eine Gemeinschaftsaufgabe aufgegeben worden: 2000 Liegestützen und 2000 Kniebeugen mussten ebenso absolviert werden. So wurde der Weg durch die fränkische Winternacht immer wieder von zusätzlichen sportlichen Übungen unterbrochen und so mancher Muskel noch mehr belastet. Doch meine Lehrgruppe nahm dies nicht nur tapfer hin, sondern setzte die Aufgabe motiviert durch die sonore Ansage eines ihrer Kollegen um.

Die Extrameile.

Ein biblisches Motto, das auch mich durch so manche dienstliche Herausforderung und Aufgabe trägt. Der Kontext, aus dem Jesus Seine Worte schöpfte ist kein einfacher, denn hier geht es um ein feindlich gesinntes Umfeld und Vergeltung, auf die ein Nachfolger und eine Nachfolgerin im Falle einer Auseinandersetzung verzichten sollten. Hier sagt er:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist ( 2. Mose 21,24) : »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt , so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Mt 5,38-41

Die Rede der Extrameile hat über christliche Gemeinschaften im angloamerikanischen Raum ihren Eingang auch in den deutschen Sprachgebrauch gefunden. Das „Neue Testament Jüdisch erklärt“ beschreibt den durchaus bedenkenswerten Hintergrund dieser Redewendung in folgender Weise:

Eine Meile, römische Soldaten hatten das Recht, Einheimische einzuziehen, damit diese ihre Ausrüstung für eine Meile trugen: Die zusätzliche Meile verdeutlicht die fehlende Gegenwehr.

Neues Testament Jüdisch erklärt, S. 26.

In der Ausbildung müssen Auszubildende diese Extrameile gehen, wenn es sich hierbei auch nicht um einen feindlichen, sondern einen selbstgewählten Kontext und damit den zu beschreitenden Ausbildungsweg zum Wunschberuf handelt.

Aber nicht nur sie gehen diese Extrameile. Auch ihre Ausbilderinnen und Ausbilder, sowie alle, die für ihren Lernweg das Notwendige bereitstellen. Das merkte ich in dieser Nacht als Seelsorgerin ebenso während das Gewicht meines Rucksacks dessen Riemen in meine Schultern drückten und ich dem langsam hereinbrechenden Tag sehnsuchtsvoll entgegenlief. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem Engagement derer, die für die bundespolizeiliche Ausbildung sorgen. Angeführt von ihrem Lehrgruppenleiter PHK Ralf Obermaier hatte mich die Lehrgruppe nicht nur herzlich in ihrer Mitte aufgenommen, sondern mich dies miterleben und durchleben lassen. Stringenz, Teamgeist, Durchhaltevermögen. Schritt um Schritt brachten diese die Lehrgruppe zu ihrem Ziel durch die dunkle Nacht.

Die Extrameile.

Endlich lag diese und viele andere (genauer gesagt laut Fitnessuhr 21 km) hinter mir. Ich atmete durch und genoß die spektakuläre Aussicht am Staffelberg. Welch ein Segen Teil ihrer polizeilichen Ausbildung sein zu dürfen. Sie begleiten zu dürfen in dunklen Zeiten der Herausforderung und hellen Freudenmomenten.

Lieber Blogleser, liebe Blogleserin: Jesus sagt: „Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Als Polizeiseelsorgerin ist mein Herz voll nach einer solchen Alarmübung, mein Mund geht über und meine Finger fliegen über die Tasten meines Mac-Books während ich diesen Blog schreibe.

Ich wollte Sie an diesem wichtigen Bestandteil bundespolizeilicher Ausbildung teilhaben lassen, damit auch Sie die Extrameile gehen und für unseren Nachwuchs tun, was möglich ist. Das Gebet wäre einer dieser Möglichkeiten, die auch in der Ferne leicht möglich sind. Gegenwärtig geht mein Blick vor allem in Richtung unseres polizeilichen Nachwuchses, da ich für sie mitverantwortlich bin. Beten Sie für deren schwere Aufgaben, die sie zu meistern haben. Aber beten Sie auch für den Nachwuchs anderer Berufsgruppen – ob Kirche, Gesellschaft oder Politik. Sie alle sind unsere Zukunft und brauchen unsere verlässliche, ermutigende, manchmal mahnende, aber auch richtungsweisende Begleitung, damit sie zum Ziel ihres Wunschberufes gelangen. Aus meiner Sicht als Seelsorgerin benötigen sie vor allem Gottes ständige Präsenz, damit sie in der Dunkelheit ihres Dienstes den Weg und ihre Aufgaben meistern, um mit dem angebrochenen Tag zu noch größerer Stärke und Verantwortung zu gelangen.

Ein Herz für den Nachwuchs: von Blaulichtparties und Gebeten

Ein kalter Wind pfiff durch die schmale Straße. Ich rieb mir die Hände und zog die blaue Weihnachtsmütze tiefer ins Gesicht während ich in die erwartungsvoll-freudigen Gesichter meines polizeilichen Nachwuchs blickte, der auf den Einlass in der Diskothek im Herzen Bambergs geduldig wartete.

Als Polizeiseelsorgerin versuche ich so oft wie möglich an „Blaulichtparties“ präsent zu sein, um gemeinsam mit Ehrenamtlichen der Gewerkschaft der Polizei als Ansprechpartnerin verfügbar zu sein. Denn der Nachwuchs, dessen Sicherheit und ihre Anliegen liegen uns – Seelsorge und Gewerkschaft – sehr am Herzen. Hand in Hand zeigen Kirche und Gewerkschaft durch Personen vor Ort ein gemeinsames Gesicht.

Und das ist notwendig, denn die nächste Generation von Beamtinnen und Beamten ist unsere Zukunft. Ob dies Polizistinnen und Polizisten, oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind, so sollten wir uns bewusst sein, dass diese Berufsgruppen vieles begleiten, was ein Bürger oder eine Bürgerin hoffentlich nur selten oder nie erleben muss. Beide Berufsgruppen machen diese Erfahrungen sehr früh in ihrer beruflichen Laufbahn – meine Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter beginnen ihre Ausbildung teilweise mit sechzehn Jahren.

Unser Nachwuchs benötigt daher unsere Begleitung und unser unablässiges Gebet. Paulus schreibt weise Worte über die Gestaltung unseres Lebens und das Gebet in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki, die auch wir zu Herzen nehmen sollten:

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

1. Thess 5,16

Fröhlichkeit stand an diesem Dezemberabend kurz vor dem Weihnachtsurlaub meiner Auszubildenden im Mittelpunkt derer, die dorthin gekommen waren. Inzwischen war mir vom Stehen neben der Security am Eingang der Diskothek in der zugigen Straße kalt geworden. Ich entschuldigte mich bei meinem Gewerkschafts-Kollegen und stieg die Treppe hinunter in den dunklen und warmen Gastraum, während ich in die rhythmische Musik der Feierenden eintauchte. Obwohl ich am Rande der Tanzfläche in meiner Leuchtweste stand, wurde ich in den fröhlichen Sog mit hineingetragen und lies mich einige Minuten vom Rhythmus tragen.

Seid allezeit fröhlich!, fordert Paulus auf.

Doch jenseits all des Feierns erwartet unseren Nachwuchs ein schwerer beruflicher Alltag. Das wusste ich durch meine eigene Ausbildung, aber auch durch meine Erfahrungen in der Begleitung von polizeilichen Einsatzkräften und kirchlichen Seelsorgenden. Sie sind eingestellt in ein weites berufliches und privates Spannungsfeld. Dabei dankbar zu sein, ist eine große, ja fast lebenslange Herausforderung.

Seid dankbar in allen Dingen!, fordert Paulus auf.

Tod, Trauer, Verlust, Übergriffe und Extreme prasseln auf diese zumeist jungen Menschen ein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich meine ersten beruflichen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Endlichkeit mit Mitte zwanzig gesammelt hatte. Prägende Momente, die sich teilweise in die Seelen der jungen Menschen einbrennen. „Die erste Leiche, den ersten Toten vergißt du nie“, hatte man mir damals in der Seelsorgeausbildung gesagt. Diese und andere Erfahrungen hinterlassen ihren unauslöschlichen Eindruck, der unseren Nachwuchs während seiner Ausbildung verändert und formt. Als Lehrende, Mentorinnen und Mentoren können wir nicht immer vor Ort sein. Daher braucht es etwas, worauf Paulus zu recht hinweist:

Betet ohne Unterlass!, fordert Paulus.

Gott hört. Er ist da. Und manchmal braucht es andere, die für einen beten, wenn man selbst keine Worte mehr findet oder sich mitten im Geschehen befindet. Kein Wunder also, dass Dekanin Kerstin Baderschneider aus Kitzingen die Synode aufgefordert hatte, den Gemeinden eine Bitte um den Nachwuchs in die Fürbittengebete aufzunehmen (siehe Artikel Sonntagsblatt). „Es liegt Kraft im gemeinsamen Gebet“, so Dekanin Baderschneider. Dem kann ich nur zustimmen! Für mich kommen dabei als Seelsorgerin der kirchliche und der polizeiliche Nachwuchs in den Blick, der so viel erleben und schon während seiner Ausbildung begleiten muss – Gebet ist neben einer guten Ausbildung das, was wir alle für sie tun können. Als die Synode diese Eingabe abgelehnt hat, war es für mich ein bitterer Moment. Aber vielleicht überlegt es sich die Synode nochmals, wenn sie im neuen Kalenderjahr sich mit der sechs Verse später stehenden Jahreslosung auseinandersetzen wird?

Prüft aber alles und das Gute behaltet. So rät es Paulus.

Zu hoffen ist es allemal, dass die Synode dies ernst nimmt und nochmals diese Eingabe als geistliches Gremium prüft.

Inzwischen war es kurz nach Mitternacht. Nachdem die letzten unter Sechzehn sich auf den Weg zurück zur Ausbildungsstätte gemacht hatten, konnte auch ich in den Feierabend gehen. Ich verabschiedete mich von meinem Kollegen und tauchte mit Leuchtweste in die dunkle Nacht ein. Nur wenige Fenster waren noch beleuchtet als ich durch die Kälte nach Hause radelte, aber eins wusste ich gewiss: Mein Engagement und unablässiges Gebet als Polizeiseelsorgerin würde meine Auszubildenden begleiten, denn das war notwendig.

… Und liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie etwas Zeit haben, beten Sie für unseren Nachwuchs, den polizeilichen und kirchlichen. Denn wir brauchen sie in ihrer jeweils eigenen beruflichen Kompetenz, damit Gerechtigkeit und Hoffnung in diese Welt einziehen möge.

Vom Schrecken eines immer sichtbarer werdenden Antisemitismus

Eine lebhafte Unterhaltung voller Vorfreude auf die kommende Fortbildung entspann sich zwischen uns, während mein Mitarbeiter routiniert das Dienstauto durch den schnellen und manchmal dichten Verkehr der Autobahn in Richtung Dresden lenkte. Währenddessen schweifte mein Blick an anderen Autos vorbei und blieb an einem gelben Lieferwagen haften, dessen Laderaumtüren aufgrund des schlechten Wetters verschmutzt waren. Ein traurig dreinblickender Smiley, der in den Schmutz mit schneller Hand hinein gemalt worden war, sah mir mit großen Augen entgegen. Als unser Dienst-Kfz langsam an dem Lieferwagen vorbeizog, betrachtete ich das Gemalte näher und erschrak schrecklich. Neben dem Smiley prangte ein kleineres, aber durchaus sichtbares Hakenkreuz! Man mag vielleicht aufgrund des traurigen Smileys eine Opposition in dem Aufgemalten erahnen wollen. Aber wann und wie die Zeichenabfolge war oder wie das Beschriebene entstand, entzieht sich meinem Wissen. DASS ein Hakenkreuz auf Deutschlands Autobahnen an uns vorüberfuhr aber war ein großer Schrecken.

Mir wurde umgehend schlecht und die Luft fühlte sich plötzlich stickig und abgestanden an. Unsere freudige Unterhaltung nahm ein jähes Ende während ich meinen Mitarbeiter auf das Gesehene hinwies.

Der Antisemitismus ist inzwischen wieder sichtbar in unserer deutschen Gesellschaft angekommen. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nehmen die antisemitischen Hasstaten in besorgniserregender Weise zu. Was bis vor kurzem vielleicht in Randgruppen, unter vorgehaltener Hand oder im Verdeckten geäußert wurde, wird nun in Deutschland immer sichtbarer.

Auf dem Praxisschild einer befreundeten Rabbinern, die als Ärztin praktiziert, prangt ein Hakenkreuz, das mit einem scharfen Gegenstand in die Oberfläche geritzt worden war. Das Praxisschild befindet sich an einem Ärztehaus mit viel Publikumsverkehr und einer gut befahrenen Straße mitten in der beschaulichen Stadt Bamberg.

Es ist dieser Schockzustand, der mich seit Wochen umgibt und mich sorgenvoll auf unser Land blicken läßt. Antisemitismus ist eine schlimme, menschenverachtende Irrlehre, die sich wie ein maligner Krebs in unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten hineingefressen hat. Bei dieser Irrlehre geht es um das Ganze, nämlich um unsere Demokratie, die aus den Schmerzen und bitteren Lehren des zweiten Weltkrieges geboren wurde. Es geht um die Frage, ob wir dem alles vernichtenden Hass des Antisemitismus stand halten oder unsere Demokratie, die nach dem Disaster des Holocaust und der weiten Zerstörung Deutschlands ein Miteinander, Wohlstand und Versorgung hervorgebracht hat, diesem Hass zum Sterben hingeben?

Es geht um eine fundamentale Spaltung. Darum, ob wir für unsere gemeinsamen Werte des Friedens, der Freiheit, der Menschenrechte und der Gerechtigkeit – so wir denn mehr daran glauben als an einen liebenden oder strafenden Gott – einstehen wollen oder nicht.

Philipp Peyman Engel (1)

Bei Antisemitismus, einer immer deutlicher werdenden und menschenverachtenden Form des Hasses, geht es um unser gesellschaftliches Ganzes. Um unsere demokratischen Werte. Um Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit. Der Theologe Martin Niemöller, der selbst zunächst ein Befürworter des NS-Wahns gewesen war und aufgrund eines späteren Gesinnungswandels von diesem Hass abgewandt hatte, hatte dies in vortreffliche Worte gekleidet. Sie waren damals an primär an seine deutschen Mitbürger gerichtet. In seinen Vorträgen beklagte er, dass viele Deutsche sich weigerten, Verantwortung für den Nationalsozialismus, für die Gräueltaten in den besetzten Ländern und für den Holocaust zu übernehmen.

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Das sollten wir unbedingt im Blick haben. Wir mögen gegenwärtig vielleicht aufgrund unserer religiösen Verotung, unserer politischen Meinung o.ä. nicht betroffen sein, aber irgendwann werden die meisten in den Sog der Gefährdung hineingezogen werden. Es geht in unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung um den Kern Deutschlands: Um unsere deutsche Demokratie, die in großer Gewahr ist. Als Polizeiseelsorgerin versuche ich diejenigen, die unser Grundgesetz verteidigen und für es einstehen, zu stärken. Im berufsethischen Unterricht spreche ich über Antisemitismus und warne vor den gefährlichen Gedanken, die inzwischen immer deutlicher kursieren, damit sie diese in Wort und Bild erkennen können und dann einschreiten. Ein besonderer Kooperationspartner ist die Europäische Janusz Korczak Akademie, die bei uns mit der Ausstellung „Mit Davidstern und Lederhose“ zu Gast war, und die Fortbildungen zur Antisemitismusprävention angeboten hat. Welch ein Segen, solche engagierten Personen kennengelernt zu haben und sie inzwischen gut zu kennen. Ab Herbst diesen Jahres biete ich Fahrten in das jüdische Museum Franken an. Für unser Stamm- und Rahmenpersonal veranstalte ich in Absprache mit der Leitung unseres Aus- und Fortbildungszentrums Begegnungen mit dem lebendigen Judentum an durch Rabbinerin Dr. Yael Deusel und Führungen durch Patrick Nitzsche, den Antisemitismusbeauftragten der Stadt Bamberg, der warnend die vergangene NS-Zeit Bambergs und ihre Auswirkungen auf die Stadt aufzeigt.

Doch an Tagen wie diesen fühle ich mich als ob mein Bemühen nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein ist. Als ob alles evaporieren würde in der Hitze der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Meine jüdische Freundin kann ich in ihrem Wirken als Rabbinern nur stützen und mich als eine erkennen geben, die diesem Hass keinen Zentimeter weichen wird, sondern ihm die Stirn mit den mir gegebenen Mitteln bieten.

Inzwischen war die Übelkeit bis in mein Herz gekrochen während der gelbe Lieferwagen mit Hakenkreuz im Autobahnverkehr verschwunden war. Ich setzte mich aufrecht im Beifahrersitz auf. Auf keinen Fall wollte ich aufgeben, sondern weiter mich für Demokratie und Menschenwürde einsetzen, die Antisemitismus und anderen Hassformen keinen Raum schenken würde. Ich öffnete das Fenster einen Spalt und lies kalte Luft hereinströmen, die langsam mein aufgebrachtes Herz beruhigte und die Übelkeit vertrieb.


(1) Engel, Philipp Peyman: Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch, DTV 2024, S. 170.

Sport & Gebet – von Notfallnummern und wichtigen Mechanismen der Gesunderhaltung

Meine Lauffrequenz hatte sich nach anfänglichen Mühen eingependelt. Mit jedem Schritt, den ich auf der roten Tartanbahn vorankam, wurde ich ruhiger während das vor wenigen Minuten Gehörte sich langsam ordnete und der Nebel des Seelsorgegesprächs sich allmählich lichtete. Mein Atem folgte nun einem geordneten Rhythmus während mein Gebet zu Gott aufstieg, indem ich Ihm anvertraute, was eine Person mir erzählt hatte.

Vor einigen Wochen war ich auf einer Podiumsdiskussion von einem Gast gefragt worden, wie ich mit der Last des Erlebten, die Polizistinnen und Polizisten ertragen und durchleben müssten, als Seelsorgerin umgehen würde. Welche Mechanismen oder Möglichkeiten hätte ich, damit auch ich dienstfähig und gesund bliebe? Meine Antwort war einfach und simpel: Sport & Gebet. Nicht wenige waren überrascht.

Ich will nicht verleugnen, dass ich in den dreieinhalb Jahren Polizeiseelsorge in Bamberg eine Vielzahl von Personen begleitet habe, die aufgrund von Grenzsituationen belastet sind und daran auch zu zerbrechen drohen. Der Dienst eines Polizisten und einer Polizistin ist schwer – viele sehen Dinge, die wir Bürgerinnen und Bürger, wenn überhaupt (und Gott bewahre uns vor mehr) ein oder zwei große vehemente Erfahrungen erleben müssen. Für diese Berufsgruppe aber gehören Gewalt, Übergriffe und Verletzungen zu ihrem Alltag. Mich hat das, was ich in der Polizeiseelsorge höre und mit begleite, sehr demütig gemacht. Meine seelsorgerliche Begleitung in der Polizei, die vor über neun Jahren in New York ehrenamtlich begann und zu meiner gegenwärtigen Tätigkeit in der Bundespolizei führte, hat meinen eigenen seelsorgerlichen Horizont sehr erweitert.

Als ich das erste Mal vor meinem Büro stand, musste ich schmunzeln, denn die Zimmernummer trug die europaweite Notrufnummer 112. Ich hatte keine Ahnung, dass diese Nummer so gut zu meiner Tätigkeit im AFZ Bamberg passen würde. Wie stimmig die 112 ist, weiß ich nun einige Jahre später.

Auch in der Bibel gibt es eine Notfallnummer, die aber etwas länger ist: 5015. In Psalm 50 heißt es:

Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.

Psalm 50,15 (LUT)

Schon bald in meinem Dienst in Bamberg versuchte ich aufgrund der bewegenden Begleitungen einen gangbaren Mechanismus für mich zu finden. Denn das, was mir anvertraut wurde, nagte manchmal schwer in mir. Nach einiger Zeit war es Sport kombiniert mit dem Gebet als einem „Notruf“, die mir halfen. Ob Tartanbahn im AFZ oder Fitnessstudio, nach einiger Zeit kommt mein Körper durch die seit langem eingeübten Bewegungen zur Ruhe und mit ihm auch Geist und Seele. An dieser Schnittfläche öffnen sich meine Gedanken und mein Herz zum Gebet, das Gott das mir Anvertraute übergibt. Denn bei vielem kann ich nur zuhören, begleiten und einfach da sein. Dies sind für mich in meiner beruflichen Identität als Seelsorgerin menschliche Grenzerfahrungen, die ich erlebe, wenn ich andere in deren Grenzsituationen begleite, die sie im Dienst erleben müssen. Durch Sport und Gebet verharre ich nicht in der Hoffnungslosigkeit, sondern lege alles Leid und allen Schmerz, der mir als Seelsorgerin anvertraut wird, in Gottes Hände. Dafür bin ich dankbar und ohne diesen Mechanismus der göttlichen Notfallnummer könnte ich meinen Dienst nicht verrichten. Der Psalm drückt die Reaktion des Menschen auf eine solche Möglichkeit etwas antiquiert als „Preisen“.

Inzwischen wurden meine Schritte langsamer und gingen in ein schnelles Gehen über, während mein Atem anfing sich zu beruhigen. Mein Körper hatte die durch das Seelsorgegespräch ausgelösten Aggressionen abgebaut. Meine Gedanken waren wieder klar und mein Herz aufgrund des Gebetes ruhig. Nach einer Dusche würde ich wieder bereit sein für die nächsten dienstlichen Herausforderungen. Ich nickte einigen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern, die gerade die Tartanbahn zum Sport betraten, aufmunternd zu und erfreute mich an ihrem herzlichen Grüßen. Ob im übertragenen Sinn 112 oder 5015 – da ist jemand, der zuhört und da ist. Entweder im Auftrag Gottes oder ganz direkt.


Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie in schweren Situationen nie allein sind. Für viele Gläubige ist das Gebet der Ort, an dem die Last abgegeben werden kann. Aber manchmal versagt die Stimme unseres Herzens und wir brauchen eine Person, die uns zuhört und Zeit für unsere Sorgen und Nöte hat

In Oberfranken sei Ihnen die Nummer der Telefonseelsorge Oberfranken ans Herz gelegt. Alle Telefonseelsorgestellen sind über das deutsche Festnetz und per Handy gebührenfrei, vertraulich und anonym erreichbar. An 365 Tagen können Sie rund um die Uhr unter folgender Telefonnummer ein Person erreichen, die Ihnen zuhört:

0800/1110111 und 0800/1110222

Dabei können Sie sich darauf verlassen, dass alle Anrufe anonym und vertraulich sind. Ihre Rufnummer erscheint nicht auf dem Display und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterliegen so wie ich als Polizeiseelsorgerin der Schweigepflicht.

Blaulichtbeffchen – liturgische Einsatzkleidung für eine evangelische Polizeiseelsorgerin

Vorsichtig strich ich über mein neues Beffchen, auf dem seit kurzem zwei Blaulichter prangten. Mir war, obwohl es um mich herum ganz still war, als ob der inzwischen vertraute Einsatzton, der oftmals mit dem Blaulicht verbunden wird, mitten in die mittägliche Ruhe hinein ertönte. Nun lag dieses besondere liturgische Accessoire einsatzbereit vor mir.

Das Beffchen gehört zur traditionellen liturgischen Kleidung eines evangelischen Pfarrers und einer Pfarrerin. Mehrere darf ich mein Eigen nennen. Eines ist geschmückt mit Trauringen, ein anderes zeigt ein Kirchenschiff, Regenbogen und lachende Gesichter, ein weiteres ist bestickt mit einem goldenen keltischen Kreuz. Mein Ältestes ist mit ausdauernder Hand bestickt und durch Hohlsaum mit einem zarten Kreuz als Mittelpunkt der beiden Seiten versehen.

Als ich mich vor kurzem mit meinem Wunsch, auch ein Blaulichtbeffchen mein Eigen nennen zu dürfen, mich an Beate Baberske und Rosalia Penzko wendete, die als Team der Paramentenwerkstatt wahre Textilkunstwerke für Kirchen und Geistliche herstellen, wurde mein Wunsch Wirklichkeit.

Einstellung vor dem Besticken.

Nach Rücksprache über Symbol, Material und Größe, durfte ich vor Ort in der Paramentenwerkstatt sehen, wie mein Blaulichtbeffchen entstand.

Solltet ihr ebenso einen besonderen Wunsch an liturgischer Kleidung haben, kann ich euch das Team der Paramentenwerkstatt Neuendettelsau als Ansprechpartnerinnen wärmstens ans Herz legen. Und selbstverständlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir ein Bild eures Beffchens zusendet und / oder es postet!

Ich freue mich bereits jetzt auf den ersten liturgischen Einsatz mit meinem „Blaulichtbeffchen“. Selbstverständlich ohne polizeilichen Einsatzton, dafür mit ganz viel Evangelium!

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Vom Ringen um Recht und Gerechtigkeit – eine bewegende Fahrt im Orient-Express

Gespannt hielt ich den Atem an, während der belgische Detektiv Hercule Poriot zu den Schlussworten der Inszenierung des wohl bekanntesten Romans von Agatha Christie ansetzte. Ich kannte den Verlauf dieses Krimis aufgrund seiner vielfachen Inszenierung und Verfilmung recht gut. Doch dieses Mal mitten im wunderschönen mittelfränkischen Feuchtwangen riß mich die turbulente Fahrt im Orient-Express in atemberaubender Weise mit.

Als ich wenig später neben Gerd Lukas Storzer, der die Hauptfigur des Detektivs spielte, sowie dem Intendanten Johannes Kaetzler und Dramaturgin Dr. Maria Wüstenhagen als Teil eines Diskussionspanels Platz nahm, wurde mir mulmig. Sie hatten in solch vorzüglicher Weise ein Thema mit der lockeren Heiterkeit und notwendigen Tiefe umgesetzt, das mich seit Jahrzehnten in meinem Dienst als Pfarrerin und Seelsorgerin umtreibt: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit.

(Bilder: Barbara Becker)

Barbara Becker, MdL und Herbert Lindörfer hatten mich in meiner Funktion als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin an diesem Nachmittag des EKA Bayern zur Mitgestaltung der nachfolgenden Diskussion eingeladen.

Zugegebener Maßen stockte mir am Anfang die Stimme, denn mein Herz war noch ganz in der Inszenierung gefangen während mehrere dienstliche Erinnerungen gleichzeitig präsent wurden. Dass ich gegenwärtig in der Bundespolizei als einer Sicherheitsbehörde arbeite, liegt an den vielen Erfahrungen in der Begleitung von Menschen, die sich in diesem Ringen um eine bessere Gegenwart und Zukunft befinden. Privatpersonen, die von einem Mord, von Vergewaltigung und Übergriffen betroffen waren. Polizistinnen und Polizisten, Ermittlerinnen und Ermittler, die diese Situationen aus- und im Namen der Gerechtigkeit durchhalten mussten. Aber auch diejenigen, die diese schlimmen Taten vollbracht haben, waren ebenso in meiner seelsorgerlichen Betreuung gewesen. Innerhalb meines Berufsweges habe ich viele Menschen begleitet, die sich auf dem Grat von Recht und Unrecht aus dem einen oder anderen Grund bewegten. Seit meiner Rückkehr aus New York, USA tauche ich nach fünfeinhalb Jahren ehrenamtlicher Seelsorge bei der NYPD als Pfarrerin hauptamtlich in eine Sicherheitsbehörde ein. Diese Erfahrung lehrt mir Respekt und dankbare Demut. Denn vieles, was die mir anvertrauten Polizistinnen und Polizisten mit begleiten und durchleben, werden wir Bürgerinnen und Bürger kaum oder (hoffentlich) gar nicht erleben.

Recht und Gerechtigkeit. Ein heikles Thema. Durch Agatha Christies unnachahmliches Genie wird dieses Thema im Orient-Express auf eine surreal leichte Art und Weise transportiert. An diesem Nachmittag fieberte ich am traditionsreichen Festspielort mit und vergaß die Welt um mich herum während ich als blinde Passagierin unweigerlich hineingezogen wurde in eine sich vor mir entfaltenden Selbstjustiz.

Die Ermordung eines Mörders, der von der Justiz nicht belangt wurde, wurde an diesem Nachmittag in unnachahmlicher Weise mit einer leichten Prise von Humor und Witz inszeniert. Makaberer Weise handelt es sich im Kern um einen Fall von „doppelter Selbstjustiz“, denn im Verlauf nehmen nicht nur Mitreisende das Richten des Täters in die eigene Hand, sondern der Hauptdarsteller Poriot.

Was für einen Polizisten oder eine Polizistin undenkbar ist, da diese als Vertreter unseres Grundgesetzes zu rechtschaffenem Handeln verpflichtet und vereidigt sind, wird die Selbstjustiz in Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ durch die Handelnden bewusst in die Hand genommen. Die Zuschauenden werden hierdurch zum eigenen Nachdenken gezwungen und der Frage ausgesetzt: Wie würde ich handeln? Und was ist Recht und Gerechtigkeit? Die Bibel setzt sich an vielen Stellen zentral mit diesem Thema auseinander und bietet Möglichkeiten, Antworten zu finden, wie sich dies in dem jüdischen Konzept von מִשְׁפָּט (Mishpat) und צדקה (Zedaka) niederschlägt. Die Bibel erzählt aber auch von Menschen, die Recht und Gerechtigkeit in eklatanter Weise brechen und z.B. durch das Handeln der Propheten und vor allem Jesu wieder in Gottes Auftrag zurückgerufen werden oder eine neue Chance erhalten.

Es ist ein schwerer Grad, auf dem sich diejenigen bewegen, die Recht umsetzen und für Gerechtigkeit sorgen müssen. Aber es ist auch eine Frage, derer wir alle nicht entkommen und uns stellen müssen: Sind unsere Handlungsweisen gerecht? Und als Christin ist mir das Doppelgebot der Liebe als Maßstab aufgegeben. So leicht dessen Formulierung sein mag, so schwer ist dessen tätige Umsetzung.

Ich seufzte zum einen erleichtert, zum anderen nachdenklich als Detektiv Hercule Poriot zu den letzten Sätzen des Stückes anhob:

„Mesdames et Messieurs, dieser Fall hat mich gelehrt, dass die Waage der Justizia nicht immer ausgeglichen sein kann. Und ich muss dieses eine Mal lernen, mit dem Ungleichgewicht zu leben. Es gibt hier keine Mörder, nur Menschen, die eine Chance auf Heilung verdient haben. Die Polizei hat meine erste Lösung des Falls akzeptiert, der einzelne Täter, der entkommen konnte. Ich verlasse hier den Zug für die restlichen Formalitäten. Mögen Sie hiermit Ihren Frieden schließen, mögen wir das alle.“

Während nun die Zugfahrt im Orient-Express mit diesen Worten mitten im beschaulichen mittelfränkischen Feuchtwangen beendet war, wurde ich mit einer unweigerlichen Wehmut umgeben: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit ist so alt wie unsere Menschheit und wird weiter bestehen. So ist es wohl jeder Person aufgegeben, einer gerechteren Welt mehr Raum zu verschaffen. Ich sehe dies gegenwärtig in der Unterstützung derjenigen, die unser Grundgesetz vertreten und die Menschenwürde schützen. Ein anderer mag einen ganz anderen Ort für dies finden. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam für eine gerechtere Welt einsetzen. Denn das ist letztendlich Gottes Wille und Wunsch für uns.

Welch ein Segen, dass Frau Becker und Herr Lindörfer als engagierte Christen in der Politik mich und alle Teilnehmenden durch ihre Veranstaltung des EAK daran erinnerten.

(v.l.n.r.: Gerd Lukas Storzer, Miriam Groß, Barbara Becker, Johannes Kaetzler, Herbert Lindörfer; Bild: Barbara Becker)

Lesen gegen Hass 4: im Nachgang der Europawahl Lernen wider Angst und Rechtsextremismus

TikTok hat ganze Arbeit geleistet. Das müssen wir im Nachgang der Europawahl zähneknirschend anerkennen. Die bekannte soziale Plattform wurde effizient von der Partei AfD und vielen anderen rechten Influencern für ihre rechtsextremen Zwecke genutzt. Dafür haben andere Parteien, deren Vertreter und Institutionen mit vielfacher Abwesenheit geglänzt oder sich nur punktuell dort eingebracht. Ich nehme mich dabei nicht aus – obwohl ich digitalaffin bin, bin ich vor TikTok zurückgeschreckt. Die Plattform stellt nicht nur eine datenschutzrechtliche Katastrophe dar, sondern aufgrund meiner gegenwärtigen Tätigkeit als Seelsorgerin in einer Sicherheitsbehörde habe ich hinsichtlich dieser große Vorsicht walten lassen.

Doch die Stimmanteile innerhalb der Jungwähler bei der gerade durchgeführten Europawahl ließen mich erschrocken aufhorchen und veranlaßten mich, einen Beitrag der Tagesschau hinsichtlich dieser Altersgruppe in meiner privaten Storyline zu reposten. Eine Kollegin schrieb mir hierauf: „So schrecklich. Das sind unsere AnwärterInnen.“

Sie hat recht. Es sind diejenigen, die wir Lehrerinnen und Lehrer, Dozentinnen und Dozenten gegenwärtig in den unterschiedlichen Schultypen und Universitäten Deutschlands unterrichten. Die ab sechzehn wählen dürfen. Es ist auch die Generation, die gerade in meinem eigenen Haushalt aufwächst. Viele Diskussionen entbrannten in den Tagen vor der Europawahl am heimischen Essenstisch. Besonders erstaunlich war für mich, dass sich in ihren Worten eine gewisse Ratlosigkeit, Skepsis und Angst breit machte, die ich meinen eigenen Kindern und dieser heranwachsenden Generation nicht wünsche. Vielmehr würde ich ihnen gerne einen Zukunftsoptimismus zusprechen, mit dem meine Generation aufwachsen durfte: einem Europa, dessen Grenzen sich öffneten; einer Vernetzung über Länder hinweg, die neue Möglichkeiten und Freiheiten schaffen würde. Aber wir müssen uns dem stellen, dass dieser Optimismus im Nachgang der Pandemie, mit den vielen Kriegen, kriegerischen Auseinandersetzungen und wirtschaftlichen Herausforderungen einem Zögern, bei manchen sogar einem Zukunftspessimismus gewichen ist.

Dies hat selbstverständlich Auswirkungen auf die politische Struktur von Ländern. Und diese emotionale „Großwetterlage“ hat nicht nur die junge Generation erfasst, sondern reicht weit darüber hinaus.

Gemeinsam mit den Sechzehnjährigen hat ganz Europa gewählt. In Deutschland war es mit 64,8 % die höchste Wahlbeteiligung seit der Wiedervereinigung. Eine durchaus stattliche Zahl, die erfreuen sollte. Interessant aber wird es, wenn man sich das Wahlverhalten genauer ansieht. Hierbei interessieren vor allem aufgrund der deutschen Geschichte die Ergebnisse im Bereich der rechtsgerichteten Parteien – im Fall Deutschlands der AfD. Während viele Nachrichtenportale und Printmedien die Erstwählerinnen und -wähler hervorheben, sollten wir etwas vorsichtiger sein, denn die Klimax besteht vor allem bei denen, die mit 35-44 Jahren mitten im Leben stehen. Die Stimmanteile fallen erst wieder im Alterssegment 70 und älter.

Was also treibt alle diese Personen in die Arme einer rechtsgerichteten Partei? Eine Frage, die wir uns alle stellen sollten. Erst recht diejenigen unter uns, die in Bildung verortet sind. Mag dies eine Schule, eine andere Bildungsstätte oder eine religiöse Einrichtung sein. An allen Orten, an denen Bildung geschieht, sollten wir miteinander dringend ins Gespräch kommen, was uns Angst macht, um uns dieser zu stellen und gemeinsam gangbare Wege zu finden. Denn nichts geringeres als unsere Demokratie steht hier auf dem Spiel. Eine Demokratie, die aus der Katastrophe des zweiten Weltkrieges, seinen Morden und Unrecht als Gegenmodell entstanden ist, die eine gerechtere Welt zum Zentrum hat.

Für mich ist der Ort, an dem Ängste ausgesprochen werden dürfen und Bildung stattfindet, gegenwärtig der berufsethische Unterricht in der Bundespolizei. Bei Ihnen mag es ein ganz anderer Ort sein. Wie wir den Zahlen der Europawahl entnehmen können, müssen solche Austausch- und Bildungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen geschaffen werden.

Ich stelle im folgenden vier Bücher vor, die für einen solchen Austausch durchaus von Vorteil sein können. Für mich sind diese die Grundlage eines Unterrichtsmoduls, das ich gegenwärtig für ein Seminar des Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrums erstelle. Neben einer grundsätzlichen Information über Rechtsextremismus und Angst, wird es den Bogen von Alltag hin zu rechtsextremen Hass und der eigenen Verantwortung beschreiten. Im Dialog sollte hierauf folgend Wege der Hoffnung gemeinsam gesucht und beschritten werden.

Den Anfang macht ein Buch, das hilft, die Ängste zu verstehen, die uns alle erfassen können und auf denen Rechtsextremismus ein Einfallstor in die Gedanken und Herzen von Menschen findet.

„Logik der Angst. Die rechtsextreme Gefahr und ihre Wurzeln“ (Berlin 2023) von Peter R. Neumann

Das Buch von Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London, gibt einen hilfreichen Überblick über die einflussreichsten Denker und Werke rechtsextremer Strömungen. Auf übersichtlichen 166 Seiten klärt der Autor in leicht verständlicher Sprache über die Geschichte des Rechtsextremismus und seine aktuellen Erscheinungsformen auf. Das Buch gibt keine konkreten Handlungsanweisungen, kann aber als Verständnisgrundlage für Ängste dienen, die Menschen in die Arme rechtsextremer Parteien treibt.

Aufbauend auf diesem empfiehlt sich als Einstieg in das Thema eine Perspektive, die vom Alltäglichen her sich entfaltet und Personen in ihrem Alltag, aber auch dem Befremdlichen einer Zeit abholt, in der Rechtsextremismus gesellschaftlich etabliert war.

„Und morgen gibt es Hitlerwetter! Alltägliches und kurioses aus dem Dritten Reich“ (Frankfurt am Main 2006) von Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm

Wer kennt ihn nicht, den olympischen Fackellauf? Oder die „Goldene Kamera“, die jedes Jahr in Deutschland verliehen wird? Oder den Eintopf, der ab und an seinen Weg auf den Essenstisch zur Freude der Erwachsenen oder zum Leid so manchen Kindes findet?

Alle genannten haben ihre Wurzeln und ihre Entstehung im Nationalsozialismus.

Um Geschichte verstehen zu können und mit der eigenen Lebensumgebung vergleichen zu können, lohnt sich ein Blick in den Alltag des Dritten Reiches. Das Buch greift einiges Bekannte, aber noch mehr Unbekanntes auf und schafft dadurch eine notwendige Brücke und Diskussionsgrundlage.

Mit dem hierdurch eröffneten Problemhorizont kann man dann einen mutigen Schritt zu dem wohl destruktivsten Buch der Weltgeschichte wagen, um es zu entzaubern und vor seinen dort niedergeschriebenen Ideen und Konzepten zu warnen.

„Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches“ (Stuttgart 2015) von Sven Felix Kellerhoff

Dieses sollte in Kombination mit der wissenschaftlichen Ausgabe des „Originals“ besprochen werden:

„Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition“ (München – Berlin 2020)

Sven Kellerhoff gelingt mit seinem Buch ein wichtiger Einblick in die bekannteste Hetzschrift der Welt und des meistverkauften deutschen Buches aller Zeiten. Die Wirkung dieses Buches hatte im Nationalsozialismus verheerende tödliche Folgen, die bis heute nicht nur nachwirken, sondern neue Nachfolge und Nachahmungen finden.

Das Buch gibt Einblicke in die Entstehung der Hetzschrift Hitlers, die ein tödliches Lügenkonstrukt hervor schälen, das viele und bis zum heutigen Tage Rechtsextreme inspirieren. Hitler wird hierin als Verfälscher seiner eigenen Biografie und als korrupter Steuerhinterzieher entlarvt. Ein entzauberndes, wichtiges Buch, das vor solchen und anderen mörderischen Menschen und deren Ideologien warnt.

Einige von vielen Büchern, die im Nachgang der Europawahl helfen können, sich der immer deutlicher werdenden Angst zu stellen und gemeinsam auf die Suche nach demokratischen Wegen zu machen.

Lest gegen Hass! Mit euren Schülerinnen und Schülern. Mit euren Kolleginnen und Kollegen. In Familien und Freundeskreisen.

Gebt Menschen die Möglichkeit, die sie bewegende Angst auszusprechen, aber daraufhin umso mehr einer Hoffnung, die in schweren Zeiten bessere Wege der Demokratie weisen kann. Damit statt Hass in den Herzen und Gedanken der euch Anvertrauten nicht auf fruchtbaren Boden falle.