Von gefährdeten Lebensträumen, Gleichberechtigung und Personalmangel im Pfarramt

Ich atmete tief durch während meine Hand über die alten Ordner strich. Es musste sein – der Kalender hatte aufgrund einer unfreiwilligen Pause Platz für ungeliebte Tätigkeiten geschaffen. Als wir vor fast zwei Jahren aus USA wieder nach Bayern zurückkehrten, war wenig Zeit für Sichten und Aussortieren der alten Aktenbestände gewesen. Während der Staub leise unter meinen Fingern aufstob, hielt ich mitten in der Bewegung an. Mein Auge hatte sich an den Großbuchstaben eines Ordners festgesogen. E X A M E N stand dort in großen schwarzen Lettern als ob ich damals die Gewichtigkeit dieser Lebensstation hatte hervorheben wollen.

Ich seufzte als ich den in die Jahre gekommenen Ordner langsam und bedächtig herauszog. Noch vor wenigen Tagen hatte das evangelische Internet- und Nachrichtenportal Evangelisch.de von Ruhestandswelle und dem bevorstehenden Pastorinnen- und Pastorenmangel berichtet. Jede Person werde gebraucht. Man denke darüber nach, wie man junge Menschen für diesen Beruf begeistern könne. Als ich Studentin mit Mitte Zwanzig war, stellte sich die grundlegende Situation völlig anders da. Es gab Phasen in landeskirchlichen Personalplanungen, in denen man versuchte möglichst vielen von einem Ergreifen dieses vielseitigen Berufes abzuraten. Meine Erfahrungen in dieser Phase sind aufgrund meines Geschlechts geprägt – ich weiß von vielen anderen bitteren Geschichten, wo wunderbare, visionäre Menschen einen anderen beruflichen Weg jenseits von Kirche einschlugen.

Während ich den in verstaubten Ordner mit seinen abgenutzten Ecken öffnete, saß ich plötzlich wieder in einem mittelgroßen Konferenzraum in Erlangen. Ich spürte die damals mich umgebende Nervosität, die gepaart war mit einer Art Vorfreude auf den wichtigen Studienabschnitt der Examensvorbereitung. Die Ziellinie schien nach vielen Jahren Studium, Hebräisch, Griechisch und Lateinauffrischung, einem Praxisjahr, ungezählten Stunden in Vorlesungen, Seminar- und Hausarbeiten zum Greifen nah. Die Landeskirche hatte für eine Informationsveranstaltung über die kirchlichen Examen einen Vertreter aus München gesandt, der uns Theologiestudierende mit bedeutungsschwerer Stimme begrüßte und dann wie oft in Kirche üblich zu einer kleinen Vorstellungsrunde einlud, in der wir uns persönlich kurz vorstellen und von unserem Studienstand sowie das anvisierte Datum des Examens erzählen sollten. Als ich an der Reihe war, wich die anfängliche Nervosität der Freude über die Möglichkeit kurz von meiner Person, meinem Familienstand sowie dem Studienstand einem wichtigen Vertreter meiner Landeskirche zu berichten. Der Kirchenrat räusperte sich nach meinem Beitrag und blickte mir in die Augen: „Danke, Frau Groß. Leider muss ich Sie darauf hinweisen, dass ein Kind in der Examensvorbereitung hinderlich ist. Nur selten schaffen Frauen die Doppelbelastung von Kindern und Examen. Ich gebe Ihnen den wohl gemeinten Rat, zuhause bei Ihrem Kind zu bleiben.“ Ich spürte, wie mein Gesicht heiß anlief während alle Blicke der Kommilitoninnen und Kommilitonen auf mir lagen. Nach vielen Dienstjahren und Herausforderungen waren die Gefühle dieses Tages in meinem kleinen Arbeitszimmer in Bamberg noch so präsent als ob sie gestern gewesen wären.

Mein Blick schweifte über den Inhalt des Ordners, der das erste und zweite lutherische Examen in Bayern, sowie mein „drittes“ reformiertes Examen in der Church of Scotland dokumentierte. Ein breites Grinsen huschte über mein Gesicht und vertrieb die trübe Erinnerung. Wenn der Kirchenrat heute wüsste, dass ich zu jedem Examen ein Kind bekommen hatte, und jedes durchaus sehr passabel bestanden hatte. Zwischen Windelwechseln, Stillen und kurzen Nächten das notwendige Wissen aneignete, um meinen Berufswunsch einer Pfarrerin zu erreichen. Beim „dritten“ Examen war ich sogar zwei Tage vor meinem eigentlichen Flugverbot aufgrund der Schwangerschaft mit dem Frühflug nach Edinburgh geflogen, hatte mittags meine mündliche Prüfung abgelegt und war mit dem Abendflug zurück nach Orkney geflogen. Eine kleine Ausnahme stellte meine Dissertation da – aber zu diesem Zeitpunkt war unsere Familie bereits komplett gewesen…

Ich bin dankbar, dass meine jungen Kolleginnen dies nicht mehr erleben müssen. Während man im Vikariat keine Ausnahme zum ersten Geburtstag meines zweiten Kindes genehmigte und mich anwies stattdessen an einem Ausflug zu einem Krematorium teilzunehmen, sorgt man sich nun in guter Weise um junge Eltern, die Familie, Studium und Vikariat unter einen Hut bringen wollen. Mit Stolz kann ich sagen, dass meine bayerische Landeskirche in meiner bisherigen Amtszeit segensreiche Lern- und Veränderungswege der Gleichberechtigung und Wertschätzung innerhalb der Ausbildung beschritten hat. Junge Vikarinnen und Vikare werden herzlich in der Mitte unserer Landeskirche begrüßt und willkommen geheißen. Inzwischen gibt es Dekaninnen, Regionalbischöfinnen, Kirchenrätinnen und Frauen in zahlreichen Führungspositionen. Man muss nur mutig sein und nach gut evangelischem Prinzip stetig einen Weg der Erneuerung gehen. Dann können wir trotz aller Herausforderungen und Veränderungen dennoch hoffnungsvoll in eine Zukunft mit und in Kirche blicken.

Von segensreichen Umwegen

Auf dem grauen Beton des erhaltenen Mauerabschnittes der Berliner East Side Gallery erhob sich Fuji-san mit einer japanischen Pagode während im Hintergrund die Flagge Japans als rote Sonne aufging. Voller Faszination betrachtete ich diesen von insgesamt ursprünglich 106 Bildern, die von 118 Künstlern aus 21 Ländern an der ehemaligen Mauer geschaffen worden waren, die Deutschland bis 1989 in schmerzlicher Weise geteilt hatte.

Das Mauerkunstwerk „Detour To The Japanese Sector“ war von Thomas Klingenstein gestaltet worden. Der ostdeutsche Künstler hatte sich früh für Japan interessiert, ein persönliches Kennenlernen und Bereisen dieses ostasiatischen Landes war ihm aufgrund der Reiseeinschränkungen der DDR unmöglich gewesen. Weil er am 3. Oktober 1979 an einem Treffen mit Robert Havemann, Katja Havemann und Gregor Gysi teilgenommen hatte, wurde er nach seinem Abitur 1981 in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Die politische Wende in Deutschland 1989 erlebte Klingenstein in Japan, wo er 1984 bis 1995 lebte.

Das Bild des Künstlers brachte in mir viel zum Klingen. Die japanische Kultur hatte mich ebenfalls früh interessiert, aber im Gegensatz zu ihm wuchs ich in der Freiheit des Westens auf. Reisen gehörte aufgrund meines binationalen Aufwachsen integral zu meiner Lebensstruktur. Dennoch machte auch ich einen Umweg über Japan, der nun Jahre später segensreich ist, damals aber zunächst einigen Unmut hervorgerufen hatte.

Als junge Theologiestudentin hatte ich mich zielstrebig um die Zulassungsvoraussetzungen für das kirchliche Examen erkundigt, damit ich schnellstmöglich meinen Wunschberuf einer Pfarrerin ergreifen konnte und meine Studienkosten, die ich nach Abschluss abzuzahlen hatte, durch ein zügiges Studieren möglichst gering halten konnte. Eine wichtige Bedingung war der Nachweis eines „Praxisjahres für Theologiestudierende“. Mindestens ein Jahr Arbeitserfahrung sollten Theologiestudentinnen und -studenten vorweisen. Ich brachte meinem Unmut über diesen beruflichen Umweg, der kirchlich vorgeschrieben worden war, in vielen Unterhaltungen zum Ausdruck. Dann aber machte ich die Not zur Tugend und bewarb mich bei Japan Airlines, um meine Reiseaffinität und die finanziellen Konsolidierung unter einen Hut zu bekommen. Eineinhalb segensreiche Jahre als Flugbegleiterin bei Japan Airlines folgten, die mich aus dem kirchlichen Studium hinaus in die Welt führten und mir nebenbei ermöglichten in die bis dahin wenig bekannte japanische Sprache und Kultur einzutauchen.

Der kirchlich institutionalisierte Umweg lehrte mich viel für meine spätere Tätigkeit im Pfarramt, von Menschenkenntnis über Umgang mit Extremsituationen bis hin zum direkten Kontakt mit anderen Religionen und Kulturen. Mein Ethikunterricht für angehende Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei speist sich in einigem ebenfalls von denen bei Japan Airlines gesammelten Erfahrungen: ob dies die Notfallausbildung für Extremsituationen ist, der Umgang mit randalierenden Passagieren oder medizinische Notfallsituationen in der Luft…

Der folgende Artikel, der während meiner Studienzeit erschien und den Anfang meiner kirchlichen Medienarbeit darstellt, gibt einige Einblicke in diese für mich beruflich prägende Zeit:

Die persönliche „Detour To The Japanese Sector“ war für mich ein segensreicher Lebensabschnitt, der meine Arbeit als Pfarrerin mit geprägt hat und nun hilfreich ist für meine Tätigkeit als Seelsorgerin in der Bundespolizei um die zu verstehen, die für unsere Sicherheit an Grenzen, im Bahn- und Flugbereich sowie im Ausland sorgen. Manchmal sind Umwege diejenigen, die uns auf unserem Lebensweg bereichern und uns auf den von Gott gewünschten Pfad gehen lassen.

Ob Thomas Klingenstein dies auch so empfindet? Ich werde den bekannten Künstler wahrscheinlich nie kennenlernen, aber ich wünsche ihm, dass der Umweg nach Japan in der Retroperspektive für ihn gleichfalls segensreich ist. Die wunderschöne Ausgestaltung des Mauerabschnittes zeugt von so viel Kraft, Anmut und politisch Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.