Coffee with a Cop

Der warme Kaffee ran wohltuend meine Kehle hinunter während meine Hände den warmen Kaffeebecher umschlossen. “Es ist wie bei einer Verletzung,” sagte Hakim* während er seine Maske zurechtrückte, “erst muss die Wunde gereinigt werden, dann kann sie langsam wieder zusammenwachsen. Beides ist schmerzhaft und wichtig, damit Heilung stattfinden kann.” Nachdenklich schweifte mein Blick an meiner rechten Hand entlang, die von einer großen Narbe gekennzeichnet war. Aus eigener Erfahrung wusste ich nur zu gut, dass bei einer Verletzung beides wichtig war: die Reinigung und medizinische Versorgung, aber auch die Schmerzen der Heilung.

Doch in unserer Unterhaltung ging es nicht um meine physische Verletzung, die mich an einen Fahrradunfall vor geraumer Zeit erinnerte, sondern um die gegenwärtige gesellschaftliche Situation und die vorhandenen Spannungen in New York und vielen anderen Orten der USA.

An dem strahlenden Herbstvormittag hatten Mitglieder des “Community Outreach” Büros der NYPD die neue Initiative “Coffee with a Cop” gestartet, mit der Polizisten mit Passenten über einer Tasse Kaffee oder einem Erfrischungsgetränk miteinander ins Gespräch kommen konnten. Als Clergy Liaison war ich hierzu eingeladen worden.

Seit mehreren Jahren versucht das Programm des Community Policing Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den örtlichen Polizeistationen wachsen zu lassen. Doch in den letzten Monaten hat sich ein tiefer Graben aufgetan, der ein grundsätzliches Problem der USA zu Tage treten lässt. In der US-amerikanischen Gesellschaft klaffen alte Wunden auf, die nie richtig versorgt wurden: Rassismus und Benachteiligung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft durchziehen alle gesellschaftlichen Strukturen. Die Ermordung mehrerer afro-amerikanischer Personen durch Polizisten ließ das Land in vergangenen Frühling und Sommer in einem heiligen Zorn erbeben.

Der zu Tage getretene Rassismus und die offensichtliche Polizeigewalt darf in keiner Weise entschuldigt werden, sondern Täter und Verantwortliche müssen stringent zur Rechenschaft gezogen werden. Hierauf hat die NYPD reagiert und seit einigen Monaten einen neuen Verhaltenscodex für Polizistinnen und Polizisten erlassen, dessen Missachtung zu umgehenden Konsequenzen führt. Die in Gewalt involvierten Personen werden umgehend suspendiert und ihnen drohen hohe Strafen.

Bei allem Ringen um Gerechtigkeit ist aber ebenso wichtig die Person hinter der Uniform zu sehen. Polizistinnen und Polizisten der NYPD spiegeln in ihrer Herkunft und Hautfarbe New Yorks multikulturelle Welt wieder und verstehen das Ringen um Gerechtigkeit aufgrund ihrer eigenen Wurzeln. Einige haben die Benachteiligung am eigenen Leib erlebt und möchten daher Brücken der Verständigung und der Zusammenarbeit bauen.

“Ich verstehe sie ja!”, sagt Polizistin Sandra*, die neben mir steht während sie einem Passanten einen Kaffee reicht. “Gestern habe ich bei einer Demonstration arbeiten müssen. Ich finde auch, dass endlich Gerechtigkeit einziehen muss. Die Demonstranten verstehen gar nicht, dass ich gestern für ihre Sicherheit da war und nicht gegen sie bin. Die Worte gehen mir immer noch nach. Sie kennen mich gar nicht, aber überhäufen mich mit Ausdrücken, die mir zuvor noch nie ins Gesicht gesagt wurden.”

Einen Tag danach aber steht sie zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen unablässig im Rahmen von “Coffee with a Cop” auf einem Gehsteig in Chelsea, um mit Passanten und Vertreterinnen und Vertretern der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen. Dabei wird der Mensch hinter der Uniform sichtbar und erfahrbar, wobei manche Unterhaltung sicherlich schwer ist. Aber nur so kann Heilung geschehen.

Es ist eine schmerzhafte und notwendige Aufarbeitung des systematischen Rassismus, die vor Ort und auf einer sehr persönlichen Ebene stattfindet. Nur wenn diese gesellschaftliche Wunde gereinigt ist, kann der lange und schwierige Prozess der Heilung beginnen.

Hierzu braucht es Brückenbauerinnen und Brückenbauer, die wie Hakim* und Sandra* mutig Brücken innerhalb einer gebrochenen Gesellschaft bauen, wo Gräben Menschen voneinander trennen und wagen, gegen die tiefe Verletzung der Menschlichkeit vorzugehen, die seit Jahrhunderten in den USA durch Rassismus alle Strukturen eines der mächtigsten Länder der Welt durchzieht.


* Name geändert

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