Ein Mensch sieht was vor Augen ist… Von biblischen Lehren im Aufzug

Ich betrat den Aufzug und drückte auf den Schließknopf, da ich allein war. Doch anstatt, dass sich die Türen schlossen, gingen sie immer wieder auf. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Nachdem sich das Spiel drei Mal wiederholt hatten, erlaubte ich mir den Scherz und drückte auf den Türöffnungsknopf. Und tatsächlich: Wie von magischer Hand schlossen sich die Türen und der Aufzug machte sich beende auf den Weg in das nächste Stockwerk. Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf und erinnerte mich an einen meiner liebsten biblischen Verse aus dem ersten Samuelbuch. Dieser Aufzug schien es mit biblischen Lehren in sich zu haben!

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

1. Sam 16, 7b

Wie oft lassen wir uns vom Äußeren, der Kleidung, dem Auftreten einer Person beeinflussen und fällen unser Urteil über den Wert dieser Person? Die biblische Geschichte der Salbung des Davids macht dabei sehr nachdenklich. Sie lehrt uns anhand des berühmten, erfahrenen Propheten Samuel, dass sich Menschen schnell von Äußerem leiten und vielleicht sogar täuschen lassen. Gott hatte Samuel zu Isai gesandt, damit er unter dessen Söhnen den neuen König auswählen würde. Sieben Söhne gingen an ihm vorüber und bei jedem dachte Samuel, dass dies der neue König Israels sei. Ausgewählt hatte Gott aber den Jüngsten unter ihnen, der all das Aufsehen rund um die Suche eines neuen Königs verpasste und stattdessen auf dem Feld die Schafe für die Familie hütete. Ihn sollte Samuel schließlich zum König salben. (1)

Nicht selten kamen über die Jahre Konfirmandinnen und Konfirmanden, Schülerinnen und Schüler zu mir mit ihrer Verzweiflung, dass sie aufgrund ihres Alters, aber oftmals auch aufgrund ihrer fehlenden Markenkleidung als weniger wert angesehen würden. Die Salbungsgeschichte Davids kann dann eine Hoffnungsgeschichte bei einer solch schwierigen Erfahrung sein. Welch ein Segen, dass Gott tiefer blickt und sich nicht von Äußerem blenden lässt. Er sieht wie es wirklich um uns und unser Herz steht.

Ob die Aufzugsfirma beim Einbau wusste, dass einmal eine Theologin diesen Aufzug benutzen und regelmäßig zum Schmunzeln gebracht werden würde? Seit dieser biblischen Lehre im Aufzug erinnert mich jede Fahrt, an der ich die verwechselten Knöpfe drücke daran, dass wir Menschen sehen, was vor Augen ist, aber Gott tiefer sieht bis in unser Herz und wie es um uns wirklich steht.


(1)

Und der HERR sprach zu Samuel: Wie lange trägst du Leid um Saul, den ich verworfen habe, dass er nicht mehr König sei über Israel? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen. Samuel aber sprach: Wie kann ich hingehen? Saul wird’s erfahren und mich töten. Der HERR sprach: Nimm eine junge Kuh mit dir und sprich: Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern. Und du sollst Isai zum Opfer laden. Da will ich dich wissen lassen, was du tun sollst, dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.
Samuel tat, wie ihm der HERR gesagt hatte, und kam nach Bethlehem. Da entsetzten sich die Ältesten der Stadt und gingen ihm entgegen und sprachen: Bedeutet dein Kommen Friede? Er sprach: Ja, Friede! Ich bin gekommen, dem HERRN zu opfern; heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer. Und er heiligte den Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer.
Als sie nun kamen, sah er den Eliab an und dachte: Fürwahr, da steht vor dem HERRN sein Gesalbter. Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen. Und er sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. Da ließ Isai vorübergehen Schamma. Er aber sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt. So ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorübergehen; aber Samuel sprach zu Isai: Der HERR hat keinen von ihnen erwählt.
Und Samuel sprach zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; und siehe, er hütet die Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen; denn wir werden uns nicht niedersetzen, bis er hierhergekommen ist. Da sandte er hin und ließ ihn holen. Und er war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Und der HERR sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist’s. Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN geriet über David von dem Tag an und weiterhin. Samuel aber machte sich auf und ging nach Rama.

  1. Sam 16,1-13

My dear Jewish friend 4: The Franconian newspaper connection

Saturday morning rush. I was standing in line for the cash register. With people only slowly moving forward, I glanced through the newspaper shelf right next to me. There were different German newspapers pilled up reaching from local papers like the „Fränkischer Tag“, „Süddeutsche Zeitung“ having an emphasis on the south of Bavaria, and even international ones. „The New York Times“ brought a smile to my face. This newspaper was of such importance to me as I lived and worked as a German pastor in New York. You, my dear Jewish friend, are a vivid newspaper reader yourself. And I remember us discussing politics, news and happenings with one another. But did you know, that The New York Times has Franconian roots? Without a courageous and visionary descendant of a Franconian Jew, who emigrated to the United States, both of us wouldn’t have had this great and fearless news source.

Adolph S. Ochs, American newspaper publisher and former owner of The New York Times, was a descendant of Franconians. His father Julius migrated from Fürth in 1844 at the age of 18 to the USA and settled in Cincinnati, Ohio. Adolph Simon Ochs was the oldest of six siblings. At the age of eleven he started to earn money as a newsboy, pursued a printer apprenticeship and bought The New York Times in 1896 at the age of 38 before the paper went bankrupt. The rest is history. Up to today The New York Times sets the highest standards for investigative, critical, and independent journalism. (1)

No wonder that you and I, my dear Jewish friend, were so perfectly informed through the rough year of 2020, where a pandemic, an up cry against Racism and Antisemitism, economic difficulties, and a nation divided over elections made the ground beneath us shake. But we held on to each other and our deep hope for a better world as we were involved in תיקון עולם (Tikkun Olam). A paper diary, in which I kept the most important articles of The New York Times reminds me of this faithful year of 2020.

And so it came about many years and generations later during a year of hardship, doubts, and uncertanty that The New York Times was a lifeline for Christian pastor from Franconia living and working in New York. And this I can surely and wholeheartedly say: Adolph Ochs memory is for a blessing.


(1) Source: Verein zur Förderung des Jüdischen Museums Franken – Fürth, Schnaittach und Schwabach e.V., Vereinsmitteilungen Nr. 58, Juni 2021, S. 9.

Von Thermometern und kulturellen Segensspuren

Ich öffnete das Fenster und sog die warme Herbstluft ein, die nach goldenem Oktober roch. Während ich mich auf das Fensterbrett stützte, schloß ich die Augen. Bilder der vergangenen Indian Summer zogen an mir vorüber. Erinnerungen an bunte Wälder im Upstate New York, die in unterschiedlichen Nuancen von strahlendem Gelb, kräftigen Rot und sattem Braun wie von magischer Hand gemalt sich vor uns auf unseren Spaziergängen entfaltet hatten.

Ich wurde abrupt aus meinen Erinnerungen gerissen und wieder zurück in das Bamberger Klassenzimmer geholt. „Hallo, Frau Groß! Sollen wir die anderen Fenster auch öffnen?“, fragte ein Anwärter und sah mich fragend an. „Ja. Das ist eine gute Idee.“ Mein Blick streifte an einem Thermometer vorbei, das als Zeichen der längst vergangenen Zeit der einstigen US-amerikanischen Kaserne in großen Lettern die Temperatur in Fahrenheit und in kleineren in Celsius anzeigte.

Und schon stürzten wir uns in den berufsethischen Unterricht. Mit meinem Dienstbeginn in der Bundespolizei war bei mir die alte Hoffnung meiner Kindheit wieder wach geworden, endlich ganz in Deutschland anzukommen. Doch immer wieder tauchten in den Unterhaltungen und Nachfragen meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter Fragen zu meinem eigenen interkulturellen Aufwachsen auf deutsch-amerikanischem Horizont, und meine mehrfachen Auslandserfahrungen auf.

In gewisser Weise glich mein Leben dem Thermometer, das am äußeren Rahmen des Klassenfensters angebracht war. Wie die Temperaturanzeige oszilliere ich zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Systemen hin und her. Oft rast- und ruhelos ohne wirklich in Deutschland oder USA anzukommen.

Viele meiner Polizeianwärterinnen und -anwärter teilen die Erfahrung zwischen Kulturen aufzuwachsen. Wie ich sehen sie sich als Deutsche. Sie meistern gleichzeitig die Herausforderung, die Kulturen ihrer Familien in sich zu vereinen und ihnen eine Heimat zu schenken. Ich weiß, wie schwer dies sein kann und bin nach mehreren Auslandserfahrungen zu dem Entschluss gekommen, dass ich nie ganz an einem Ort ankommen werde. Deutsch, aber immer mit einem amerikanischen Anteil. Während ich als Kind dadurch eher die Ausnahme in einer kleinen fränkischen Stadt war, wird Deutschland zunehmend kulturell vielgestaltig. Diese Erfahrung teilen zahlreiche Polizeianwärterinnen und -anwärter. Sie machen die Bundespolizei stärker, denn sie bringen vielfältige interkulturelle Kompetenzen, wichtige Sprachkenntnisse und religiöse Erfahrungshintergründe mit. Solche Fertigkeiten können in polizeilichen Situationen von großer Hilfe sein, um wertvolle Brücken der Verständigung zu schlagen. So wie das Thermometer zwischen Fahrenheit und Celsius die Temperatur in eine jeweils verständliche Einheit übersetzten.

Die Unterrichtsstunde war wie im Flug verstrichen. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrgruppe, die in fleißiger Eile zum nächsten Unterricht ging. Während ich das Fenster schloß, blieb mein Blick dankbar am Thermometer haften. Es würde mich Woche um Woche daran erinnern, welch ein Segen Menschen sein können, die Kulturen in sich vereinen.

Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion

Die Turnschuhe glitten über den roten Belag der Laufbahn. Ich drückte meine AirPods fest und grüßte mit einer Handbewegung meinen Kollegen, der ebenso im nebligen Halbdunkel des Morgens seine Bahnen auf dem leeren Sportplatz des polizeilichen Ausbildungszentrums zog. Mein Atem nahm einen regelmäßigen Rhythmus an, der sich langsam an das dumpfe Laufgeräusch meiner Füße anglich. Es tat gut, den Herbstmorgen so zu begrüßen und Kraft zu sammeln, denn ein langer und spannender Fortbildungstag zur Berufsethik stand uns bevor.

In vielem gleicht unser Dienst als Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Bundespolizei einem Lauftraining, bei dem es gilt Ausdauer zu zeigen, Etappenziele zu erreichen und nie das Ziel eines gelingenden berufsethischen Unterrichtes und einer einfühlsamen Seelsorgebegleitung derer, die uns anvertraut sind, aus dem Blick zu bekommen. Die berufsethische Fortbildung, die ich im südlichen Schwarzwald besuchte, war hierbei eine Art „Lauftraining“, die mir half Atem zu finden, Lauftechniken zu erlernen und mit anderen „Laufpartnerinnen und -partnern“ zu trainieren. Doch an diesem Morgen hatte ich jenseits der Fortbildung einen besonderen Grund trotz der Müdigkeit und der frühen Morgenstunde auf die Laufbahn zu treten: In dieser Woche sammelte das Aus- und Fortbildungszentrum, an dem ich Seelsorgerin war, im Rahmen des bundesweiten Schulnetzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Schritte gegen rechts.

Paulus selbst war das Bild des Laufens sehr bekannt. Während seines eineinhalbjährigen Aufenthalts in Korinth im Jahr 51 und 52 hatte er Isthmischen Spiele besucht, die nach den Olympischen Spielen die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt waren. Hierbei war der Streckenlauf einer der Königsdiziplinen gewesen.

Nachdem Paulus diese pulsierende und kosmopolitische Hafenstadt verlassen hatte, schrieb er an die Gemeinde einen Brief, indem er das Bild des Laufes aufnahm, um ihnen Trost in ihren Herausforderungen zu spenden:

24 Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Kor 9,24-27

Seine Worte klangen an diesem milden Herbstmorgen, an dem sich der Südschwarzwald von seiner lieblichen Seite zeigte, allzu vertraut. Als Christinnen und Christen befinden wir uns kontinuierlich auf einem Lauf immer das Ziel von Gottes Gerechtigkeit und einer besseren Welt im Blick. Dabei gilt es, dass wir uns selbst herausfordern und erden, damit nicht anderen predigen, selbst den gesetzten Maßstäben aber nicht entsprechen. Da ich mit vielen anderen im Aus- und Fortbildungszentrum mich für eine „Schule ohne Rassismus“ einsetzte, war es ein Muss soviel Schritte wie möglich in dieser Woche zu sammeln und nicht nur darüber zu reden.

Inzwischen ging mein Atem schwer und ich sog die kalte Luft in großen Atemzügen ein. Es fühlte sich an als ob meine Lunge zu brennen beginnen würde. Noch zwei Runden, sprach ich mir selbst zu, dann hast du dein Etappenziel erreicht und eine Menge Schritte gelaufen. Ich freue mich über diese und andere Initiativen, die ein Zeichen gegen Extremismus und für eine gerechtere Welt, die allen Menschen so wie sie gemacht sind, einen Platz schenkt. Für eine Bildungseinrichtung ist dieses Projekt eine wunderbare Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv in positiver Weise mitzugestalten und bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt vorzugehen. Ein wichtiges Signal nach innen und außen, das die Bundespolizei damit setzt – in dieser Woche durch das Sammeln von Schritten und dem Laufen für Gerechtigkeit und Inklusion. Ein wahrhaft biblisches Bild, das Paulus gut verstanden hätte. Leise nickte ich, während ein verschmitztes Lächeln über meine Lippen glitt. Ob Paulus auch ein Morgenläufer war? Zu gerne hätte ich das gewusst.

Ich konzentrierte mich wieder auf meinen morgendlichen Lauf, denn die Anstrengung forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Endlich kam die Ziellinie der letzten Runde in den Blick. Ich nahm die letzten Kraftreserven zusammen und sprintete auf die Ziellinie zu.

My dear Jewish friend 3: Pretzels like Manna from Heaven

Everyone gathered around our large dining table. I glanced over the table to check if something was missing. Saturday mornings are my favorite days when our family is able to gather for a longer breakfast. These days usually start early for me with a bicycle ride to our baker, who has such delicious bakery products reaching from numerous kinds of rolls, which just have come out of the oven, to cheesecake on a stick covered in luxurious chocolate.

As I placed six different kinds of pretzels on the white serving plate I sighed. It would be so nice to share one of these breakfasts in Germany with you and your husband. The serving plate is a precious reminder of you and I am sure, you would love trying all these different freshly baked pretzels with sunflower seeds, pumpkin seeds, salt and pepper, or even in a sweet version.

Just weeks ago I visited a church the a small medieval city of Rothenburg ob der Tauber. As I admired the sanctuary of St. Jakob, I was astonished to see a glass window with pretzels. Angels distributed pretzels and rolls in traditional Francionian shapes from heaven to a mass of people below. From their appearance I could recognise that these might have been Jewish people. The shape of their hats and clothes were in the style of the mandated appearance of Jews in medieval Rothenburg. As I stood there in surprise it hit me: This was the story of Israel during their 40 year journey through the desert! Pretzels came down among them like manna from heaven. As folk might have found it difficult to understand what manna was, they certainly understood the picture of pretzels. Those were precious, delicate and special baking products. Like manna that saved the Jewish people from starvation. Special, necessary food.

I wish, we could someday have such a Saturday morning breakfast with delicious pretzels and go to visit these interesting windows. Until then pretzels will be on our breakfast table as a heavenly reminder of our friendship across miles and religions.

Von Tränen und Erinnerungen

Ich drücke die AirPods fest und lehne mich in meinem Bürostuhl zurück. Während die samtweiche Stimme der Jazz-Pop Sängerin Lisa Ekdahl mich mit wohltuender Ruhe erfüllt, schließe ich die Augen und träume mich zurück in eine andere Zeit und lasse die neue Heimat Bamberg hinter mir.

„Cry me a river…“ singt es leise in mein Ohr. Vor mir erscheint das Crew-Hotel von Japan Airlines, das mir aufgrund meiner vielen dienstlichen Reisen als Flugbegleiterin vor einer gefühlten Ewigkeit neben den Twin Towers ans Herz gewachsen war. Damals vor über zwanzig Jahren war es ein selbstverständlicher Ort, an dem ich vertraute Strukturen auf meinen Reisen von Frankfurt über Tokyo nach New York gefunden hatte. Der Buchladen, an dem ich Stunden kaffeetrinkend und in Büchern schmökernd verbrachte, erschien vor meinem inneren Auge. Die herrlichen Auslagen, die verschachtelten Ebenen und unzähligen Sitzmöglichkeiten. Viele Bücher und dass Album „When did you leave heaven“ von Lisa Ekdahl sind stille Zeugen dieser längst vergangenen Heimat. Auch das Deli um die Ecke, wo wir uns trotz der verrückten Ankunftszeiten und Lebensrhythmen der Flugbegleiter stets etwas rund um die Uhr kaufen konnten, gehört der Vergangenheit an.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich Jahre später als Pfarrerin in New York tätig sein würde und bewegt vielen Erlebnissen dieses weltverändernden Tages zuhören durfte. Dieser Tag hat sich für alle in das Gedächtnis eingeprägt – denn er hat nicht nur unsere gefühlte Sicherheit erschüttert, sondern auch den Westen in eine tiefe Krise gestürzt, die das eigene Selbstverständnis hinterfragte.

„Cry me a river…“ singt Lisa Ekdahl in ihrem Liebeslied. Auch am heutigen Tag hält die Welt den Atem an und vergießt Tränen über ein nach wie vor erschütternd unglaubliches Ereignis. Lisa Ekdahl besingt den Verlust einer Liebe, den sie beweint. Zu beweinen ist am heutigen Tag der Verlust so vieler unschuldiger Seelen durch einen Terroranschlag, der in seiner Brutalität seinesgleichen sucht. So viele Menschen verloren an Ground Zero ihr Leben. Durch die nachfolgenden Auswirkungen verstarben unzählige an Krebs und anderen Leiden. Die Tränen sind ungezählt.

„Cry me a river…“

Ich öffne meine Augen während die letzten Zeilen ihres Liedes verklingen und blicke nachdenklich über die Dächer Bambergs während Tränen über mein Gesicht rinnen, die so frei fließen wie Lisa Ekdahls samtweiche Stimme. „Sammle (Gott) meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie“ heißt es in Psalm 56,9. Stille Zuversicht über Gottes Präsenz mischt sich in die Traurigkeit in meine Gedanken an diesem 11. September zwanzig Jahre später. All das Leid, das an diesem Tag über die westliche Welt hereinbrach, so verspricht es der Psalmist, ist bei Gott gezählt. Mögen all die Opfer in Gottes Ewigkeit geborgen ruhen.

You can cry me a river
Cry me a river
I cried a river over you
I cried a river over you
I cried a river over you


Kleine Erinnerungen meiner Reisen bei Japan Airlines nach New York:

Von Zeiten des Umbruchs und Amtskleidungen

Meine Hand glitt an den verschiedenen Kleidungsstücken entlang. Der weiche Samt meines bayerischen Talars schmeichelte meiner Hand und rief augenblicklich Erinnerungen an längst vergangene Dienstzeiten hervor. Bei meiner Ordination vor eineinhalb Jahrzehnten war es die segnende Hand des Regionalbischofs Helmut Völkel, der Kollegen und einer Freundin, die mich in den schottischen Norden unter Gottes Segen entsandten. Wohlige Wärme floß durch meine Hand während sie bereits über mein schwarzes Kollarkleid strich, dessen Baumwollstoff eine versichernde gerade Oberfläche ausstrahlte. Dieses Amtskleid war während meiner Tätigkeit in New Yorker ein treuer Begleiter in Zeiten der Freude, der Begeisterung, aber auch des Erschreckens und der Arbeit an einem sozialen und gesellschaftlichen Hotspot im turbulenten Coronajahr 2020 gewesen. Am Kollarkleid vorbei griff ich mit einer entschlossenen Geste nach meiner Dienstuniform und zog sie aus dem Schrank. Ein goldenes Kreuz war auf den Schulterstücken aufgestickt und begleitete schützend das Bundeswappen der Bundesrepublik Deutschland. Vorsichtig strich ich mit dem Daumen über die Struktur des Kreuzes. Verschiedene Amts- und Berufskleidungen durfte ich in meiner beruflichen Laufbahn tragen – die Dienstbekleidung der Flugbegleiterinnen bei Japan Airlines (JAL), den bayerischen Talar, das Kollarkleid bzw. die Kollarbluse, aber eine solch besondere und folgenreiche Kleidung hatte ich vor meinem Dienstbeginn bei der Bundespolizei noch nie getragen.

Kleidung. Sie erfüllt zuallererst Grundfunktionen wie Schutz, manchmal ist sie ein Dekor oder sogar nach der enhancement-Strategie eine Art „technische Erweiterung natürlicher Ressourcen des Einzelnen“, wo Technologie und Körper miteinander verschmelzen können. 

Aber Kleidung ist noch so viel mehr: Sie ist wie eine Sprache, die wir ohne ein Wort zu sagen, artikulieren. Institutionen, Funktionen und auch soziale Orientierungsmöglichkeiten werden durch sie sichtbar. 

Dabei ist es der dritte Aspekt von Kleidung, der ebenso wichtig ist: In den jeweiligen Interaktionsprozessen zwischen Individuum und Gesellschaft werden kulturelle Codes und Normen übermittelt, die für eine Institution oder eine Einrichtung stehen. Im Fall meiner Dienstuniform die Normen und Werte der Bundespolizei und damit der Bundesrepublik Deutschland, in deren Dienst ich gegenwärtig als Pfarrerin stehe.

Auch wenn für uns Kleidung oft alltäglich erscheint, so ist sie viel mehr als nur ein Stück Stoff. Sie erzählt oftmals eine Geschichte. Sie macht sichtbar, was wir vielleicht nicht direkt aussprechen, aber bewusst oder unbewusst an andere übermitteln (wollen).

Mein dienstlicher Kleiderschrank reflektiert meine Berufungsgeschichte, in der ich an besonderen und gesegneten Orten meinen Dienst ausführen durfte. Jedes Mal, wenn ich ihn öffne, erinnert mich das eine oder andere Kleidungsstück an ein besonderes Erlebnis in meiner Berufung als Pfarrerin.

Während ich Knopf um Knopf die Bluse meiner Dienstuniform schloss, hielt ich plötzlich inne. Was befand sich eigentlich unter all diesen verschiedenen Dienstkleidungen? War ich jeweils eine andere gewesen? Veränderte ich mich Mal um Mal? Während ich nachdenklich die letzten Knöpfe schloss und das Hemd ordentlich in den Saum der Amtshose steckte, war es die Aussage des Völkerapostel Paulus, die mich an den Kern meines Seins und meiner Berufung erinnerte. Paulus sagte: „[Denn] ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Gal 3,26f.) Die Amtskleidung einer Christin gehört für mich wie eine zweite Haut zu meinem Sein. Die unwiderruflich seit dem Tag meiner Taufe zu mir gehört. Sie ist es, die durch die verschiedenen Amtskleidungen und Bekleidungen hindurchschienen wird. Sei dies ein Talar, ein Kollarkleid oder die Dienstuniform der Bundespolizei.

Sicherlich wird es noch eine Weile dauern, bis ich in die Uniform und den mit ihr verbundenen Auftrag hineingewachsen bin. Die Verantwortung ist groß und die Herausforderungen vielfältig. Aber mit Christus als meiner durch die Taufe angelegten „Dienstkleidung“ einer Christin, die hoffentlich in meinen Handlungen und Taten sichtbar werden wird, werde ich mein Bestes im Rahmen meiner Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin geben.

Explodierende Kätzchen, Interventionen, Polizeiseelsorge & Co.

Etwas blechern, aber dadurch noch amüsanter strömte mexikanische Volksmusik aus der kleinen Kartenverpackung. Ich schaukelte vergnügt vor mich hin während ich meiner Tochter dabei zusah, wie sie die Karten für das in unserer Familie beliebtes Kartenspiel „Exploding Kittens“ an die um den Küchentisch versammelten Personen verteilte.

Die verrückten Regeln des Spiels hatten es unserer Familie angetan! Wo sonst gab es eine freundlich grinsende Taco-Katze, mit der man anderen eine Karte stehlen oder eine Einhorn-Enchilada, mit der man die Zukunft des Kartenstapels auskundschaften konnte? Und mit etwas Glück konnte man das spielerische Gegenüber einfach so explodieren und damit aus dem Spiel werfen. Geschützt war man gegen diese aggressiven Angriffe nur durch die „Defuse“-Karte.

Das verrückte Kartenspiel ist seit Monaten der absolute Spielhit, doch seit einigen Tagen hat besonders die Schutzkarte eine wichtige Bedeutung für mich. „Defusing“ ist in eine wichtige Technik im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte, die nach einem potentiell belastenden Ereignis als wichtiges Angebot für die Begleitung professionell verankerter Berufsgruppen verwendet werden kann. Diese kurze Nachbesprechung ist wichtig, damit Einsatzkräfte das Erlebte zuordnen und den Weg einer Bearbeitung des Ereignisses beginnen können.

In dieser Woche durfte ich mit vielen besonderen und bereichernden Personen, die bei der Feuerwehr, Polizei, Zoll, im Transportbereich und der Notfallseelsorge tätig sind, diese und andere Techniken durch einen Kurs der „Bundesvereinigung für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen e.V.“ erlernen. Kursleiter Oliver Stutzky half uns Schritt um Schritt in die Einsatzbegleitung und Nachsorge nach belastenden Ereignissen hineinzuwachsen. Für mich war es ein segensreiches Umdenken, das meine pastorale Praxis nun als Seelsorgerin in der Bundespolizei neu ausrichtet.

Durch „Defusing“ & Co. wird bei Einsatzkräften dafür gesorgt, dass das Lebenshaus nicht wie in der Karte unseres Spiels am heimischen Küchentisch explodieren, sondern dass sie den heilsamen Weg einer Verarbeitung beschreiten können.

Vor diesem Kurs habe ich die hellgrüne „Defuse“-Karte erleichtert, aber doch etwas leichtfertig schmunzelnd ausgespielt. Ab dieser Woche wird das Schmunzeln nun von einer Dankbarkeit für eine neue Methode und Menschen wie Oliver Stutzky verbunden sein, die sie lehren, damit Einsatzkräfte gut begleitet durch schwere Zeiten gehen können.

Glaube verpflichtet – vom notwendigen Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus

„Justice is served“ – ich rieb meine Augen nach einer unruhigen Nacht und versuchte meinen noch müden Blick auf die Nachricht meiner amerikanischen Freundin zu fokussieren. Plötzlich war ich hellwach. Ich setzte mich im Bett viele Meilen weg von meiner vergangenen New Yorker Heimat auf und schaltete umgehend die Nachrichten ein. Während draußen die Natur langsam erwachte, wanderten die Bilder des vergangenen Jahres über meinen deutschen Bildschirm und riefen die Erinnerungen einer sehr bewegten Zeit in meinem Herzen wach.

„Justice is served“ – ein tiefer Seufzer entfuhr mir in Erleichterung um einen Schuldspruch, der so notwendig war und endlich ein deutliches Zeichen gegen Rassismus in den USA setzte. Vor einem guten Jahr war ich mit anderen auf die Straße gegangen, um gegen den Mord des schwarzen Amerikaners und den tief im Land verwurzelten Rassismus zu demonstrieren. Immer wieder brach dieser durch Polizeigewalt hervor.

Aber ich kannte als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin auch die andere Seite: Polizistinnen und Polizisten, die sich gegen ein zutiefst rassistisches System engagieren. Die selbst dunkle Hautfarbe trugen und versuchten von Innen heraus die Polizeikultur zu verändern. Fünfeinhalb Jahre durfte ich in New York als ehrenamtliche Seelsorgerin Polizistinnen und Polizisten begleiten, sie unterstützten, ihnen zuhören und als Brückenbauerin Verbindungen zwischen der örtlichen Polizeistation und den Anwohnern herstellen. Dies war besonders im vergangenen Jahr dringend notwendig geworden, um miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsame gelingende Wege zu suchen und zu heilen.

Aus meiner Sicht ist es ungemein wichtig, dass wir uns aufgrund der engen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindung von Deutschland und USA über die grundlegende und beunruhigende Nähe von Rassismus und Antisemitismus bewusst werden. Beide sind gefährliche Irrlehren, die zutiefst der christlichen Botschaft widersprechen. Sie sind ideologische Zwillinge, die nicht nur Hass verbreiten, sondern auch Menschenleben kosten.

Wie aber entsteht dieser Hass gegen Menschen? Unvergeßlich ist mir ein Seminar, das ich im Rahmen meines Zusatzstudiums bei Professorin Beverly Mitchell, die am Wesley Theological Seminary, Washington, D.C. lehrt, besuchen durfte. Sie stellte uns ihre Arbeit zum systemischen Vergleich von Konzentrationslagern und Sklavenplantagen vor. Die zum Himmel schreienden systemischen Analogien öffneten mir die Augen und ließen mich verstehen, warum sie bei Rassismus und Antisemitismus von „Zwillingen des Hasses“ (Engl.: „Twins of Hate“) sprach. Diese tödlichen Irrlehren haben ihre Wurzeln in der grundlegenden Ideologie, bestimmte Gruppen unter Verwendung von Ausschlussgesetzen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Sklaverei, Mord und anderen Formen der Ungerechtigkeit auszuschließen und niederzudrücken.

Rassismus und Antisemitismus sind somit ideologische Zwillinge, die ihre Wurzeln tief in einer nährenden Grundlage haben: Im Hass gegen andere, in der Ausgrenzung, Ausbeutung und sogar Tötung wie im Falle George Floyds und zahlreichen anderen. Sie sind Irrlehren, die die von Gott geschenkte Gottebenbildlichkeit verletzen und mit dem uns von Jesus gebotenen Doppelgebot der Liebe brechen.

Dieses Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus, das tief verwurzelt in dem Gebot der Nächstenliebe und Gottebenbildlichkeit ist, begleitet mich auch nun als Seelsorgerin in der Bundespolizei in Bamberg als dem größten polizeilichen Aus- und Fortbildungszentrums Europas. Hier darf ich junge Polizeianwärterinnen und -anwärter in ihrer Ausbildung begleiten und für alle in dieser Lehreinrichtung Tätigen als Seelsorgerin arbeiten. Ein Privileg und gleichzeitig eine große Verantwortung.

„Justice is served“ – an diesem Morgen blickte ich mit Dankbarkeit auf die jubilierende Nachricht meiner amerikanischen Freundin. Der in der letzten Nacht getroffene Schuldspruch war von so unglaublicher Wichtigkeit, denn ein wertvolles Menschenleben war aufgrund einer rassistischen Einstellung ermordet worden. Gleichzeitig verpflichtet er rund um die Welt Menschen, dass sie überall dort, wo Menschen als Ebenbilder Gottes verletzt und ermordet werden, aufstehen im Namen des Schöpfers unserer Welt und sich für Gerechtigkeit und Frieden jenseits von Hautfarbe, Nation, Herkunft und finanzieller Leistungsfähigkeit einsetzen. Dafür will ich einstehen, wo mich Gott in den Dienst beruft.