Sport & Gebet – von Notfallnummern und wichtigen Mechanismen der Gesunderhaltung

Meine Lauffrequenz hatte sich nach anfänglichen Mühen eingependelt. Mit jedem Schritt, den ich auf der roten Tartanbahn vorankam, wurde ich ruhiger während das vor wenigen Minuten Gehörte sich langsam ordnete und der Nebel des Seelsorgegesprächs sich allmählich lichtete. Mein Atem folgte nun einem geordneten Rhythmus während mein Gebet zu Gott aufstieg, indem ich Ihm anvertraute, was eine Person mir erzählt hatte.

Vor einigen Wochen war ich auf einer Podiumsdiskussion von einem Gast gefragt worden, wie ich mit der Last des Erlebten, die Polizistinnen und Polizisten ertragen und durchleben müssten, als Seelsorgerin umgehen würde. Welche Mechanismen oder Möglichkeiten hätte ich, damit auch ich dienstfähig und gesund bliebe? Meine Antwort war einfach und simpel: Sport & Gebet. Nicht wenige waren überrascht.

Ich will nicht verleugnen, dass ich in den dreieinhalb Jahren Polizeiseelsorge in Bamberg eine Vielzahl von Personen begleitet habe, die aufgrund von Grenzsituationen belastet sind und daran auch zu zerbrechen drohen. Der Dienst eines Polizisten und einer Polizistin ist schwer – viele sehen Dinge, die wir Bürgerinnen und Bürger, wenn überhaupt (und Gott bewahre uns vor mehr) ein oder zwei große vehemente Erfahrungen erleben müssen. Für diese Berufsgruppe aber gehören Gewalt, Übergriffe und Verletzungen zu ihrem Alltag. Mich hat das, was ich in der Polizeiseelsorge höre und mit begleite, sehr demütig gemacht. Meine seelsorgerliche Begleitung in der Polizei, die vor über neun Jahren in New York ehrenamtlich begann und zu meiner gegenwärtigen Tätigkeit in der Bundespolizei führte, hat meinen eigenen seelsorgerlichen Horizont sehr erweitert.

Als ich das erste Mal vor meinem Büro stand, musste ich schmunzeln, denn die Zimmernummer trug die europaweite Notrufnummer 112. Ich hatte keine Ahnung, dass diese Nummer so gut zu meiner Tätigkeit im AFZ Bamberg passen würde. Wie stimmig die 112 ist, weiß ich nun einige Jahre später.

Auch in der Bibel gibt es eine Notfallnummer, die aber etwas länger ist: 5015. In Psalm 50 heißt es:

Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.

Psalm 50,15 (LUT)

Schon bald in meinem Dienst in Bamberg versuchte ich aufgrund der bewegenden Begleitungen einen gangbaren Mechanismus für mich zu finden. Denn das, was mir anvertraut wurde, nagte manchmal schwer in mir. Nach einiger Zeit war es Sport kombiniert mit dem Gebet als einem „Notruf“, die mir halfen. Ob Tartanbahn im AFZ oder Fitnessstudio, nach einiger Zeit kommt mein Körper durch die seit langem eingeübten Bewegungen zur Ruhe und mit ihm auch Geist und Seele. An dieser Schnittfläche öffnen sich meine Gedanken und mein Herz zum Gebet, das Gott das mir Anvertraute übergibt. Denn bei vielem kann ich nur zuhören, begleiten und einfach da sein. Dies sind für mich in meiner beruflichen Identität als Seelsorgerin menschliche Grenzerfahrungen, die ich erlebe, wenn ich andere in deren Grenzsituationen begleite, die sie im Dienst erleben müssen. Durch Sport und Gebet verharre ich nicht in der Hoffnungslosigkeit, sondern lege alles Leid und allen Schmerz, der mir als Seelsorgerin anvertraut wird, in Gottes Hände. Dafür bin ich dankbar und ohne diesen Mechanismus der göttlichen Notfallnummer könnte ich meinen Dienst nicht verrichten. Der Psalm drückt die Reaktion des Menschen auf eine solche Möglichkeit etwas antiquiert als „Preisen“.

Inzwischen wurden meine Schritte langsamer und gingen in ein schnelles Gehen über, während mein Atem anfing sich zu beruhigen. Mein Körper hatte die durch das Seelsorgegespräch ausgelösten Aggressionen abgebaut. Meine Gedanken waren wieder klar und mein Herz aufgrund des Gebetes ruhig. Nach einer Dusche würde ich wieder bereit sein für die nächsten dienstlichen Herausforderungen. Ich nickte einigen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern, die gerade die Tartanbahn zum Sport betraten, aufmunternd zu und erfreute mich an ihrem herzlichen Grüßen. Ob im übertragenen Sinn 112 oder 5015 – da ist jemand, der zuhört und da ist. Entweder im Auftrag Gottes oder ganz direkt.


Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie in schweren Situationen nie allein sind. Für viele Gläubige ist das Gebet der Ort, an dem die Last abgegeben werden kann. Aber manchmal versagt die Stimme unseres Herzens und wir brauchen eine Person, die uns zuhört und Zeit für unsere Sorgen und Nöte hat

In Oberfranken sei Ihnen die Nummer der Telefonseelsorge Oberfranken ans Herz gelegt. Alle Telefonseelsorgestellen sind über das deutsche Festnetz und per Handy gebührenfrei, vertraulich und anonym erreichbar. An 365 Tagen können Sie rund um die Uhr unter folgender Telefonnummer ein Person erreichen, die Ihnen zuhört:

0800/1110111 und 0800/1110222

Dabei können Sie sich darauf verlassen, dass alle Anrufe anonym und vertraulich sind. Ihre Rufnummer erscheint nicht auf dem Display und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterliegen so wie ich als Polizeiseelsorgerin der Schweigepflicht.

Blaulichtbeffchen – liturgische Einsatzkleidung für eine evangelische Polizeiseelsorgerin

Vorsichtig strich ich über mein neues Beffchen, auf dem seit kurzem zwei Blaulichter prangten. Mir war, obwohl es um mich herum ganz still war, als ob der inzwischen vertraute Einsatzton, der oftmals mit dem Blaulicht verbunden wird, mitten in die mittägliche Ruhe hinein ertönte. Nun lag dieses besondere liturgische Accessoire einsatzbereit vor mir.

Das Beffchen gehört zur traditionellen liturgischen Kleidung eines evangelischen Pfarrers und einer Pfarrerin. Mehrere darf ich mein Eigen nennen. Eines ist geschmückt mit Trauringen, ein anderes zeigt ein Kirchenschiff, Regenbogen und lachende Gesichter, ein weiteres ist bestickt mit einem goldenen keltischen Kreuz. Mein Ältestes ist mit ausdauernder Hand bestickt und durch Hohlsaum mit einem zarten Kreuz als Mittelpunkt der beiden Seiten versehen.

Als ich mich vor kurzem mit meinem Wunsch, auch ein Blaulichtbeffchen mein Eigen nennen zu dürfen, mich an Beate Baberske und Rosalia Penzko wendete, die als Team der Paramentenwerkstatt wahre Textilkunstwerke für Kirchen und Geistliche herstellen, wurde mein Wunsch Wirklichkeit.

Einstellung vor dem Besticken.

Nach Rücksprache über Symbol, Material und Größe, durfte ich vor Ort in der Paramentenwerkstatt sehen, wie mein Blaulichtbeffchen entstand.

Solltet ihr ebenso einen besonderen Wunsch an liturgischer Kleidung haben, kann ich euch das Team der Paramentenwerkstatt Neuendettelsau als Ansprechpartnerinnen wärmstens ans Herz legen. Und selbstverständlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir ein Bild eures Beffchens zusendet und / oder es postet!

Ich freue mich bereits jetzt auf den ersten liturgischen Einsatz mit meinem „Blaulichtbeffchen“. Selbstverständlich ohne polizeilichen Einsatzton, dafür mit ganz viel Evangelium!

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Familienfreizeit der CPV

Wenn das biblische Bild vom Leib und vielen Gliedern gelebt wird

Mit etwas Wehmut legte ich den Flyer der seit einigen Tagen zu Ende gegangenen Familienfreizeit der CPV weg. Zwölf Tage in Südtirol waren viel zu schnell vergangen. Aus ganz Deutschland waren christliche Polizeifamilien an diesen wunderschönen Ort gekommen, um gemeinsam Zeit zu verbringen, zu wandern und den christlichen Glauben zu leben. Die Familien waren Mitglieder in freikirchlichen Gemeinden, Brüdergemeinden, evangelisch-landeskirchlichen und römisch-katholischen Gemeinden. Eine bunte Mischung von Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen.

Etwas angespannt war ich zugegebener Maßen schon, denn als Pfarrerin weiß ich um die vielen Verwerfungen, die Streitigkeiten um Glaubensgrundlagen und den manchmal unbarmherzigen Umgang mit Personen, die selbst innerhalb des Christentums etwas anders leben und glauben. Diese Spannungen traten unweigerlich an der einen oder anderen Stelle zu Tage, doch in allem wussten wir, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit Teile des einen Leibes sind, der Christus heißt.

Der Apostel Paulus nimmt dieses Bild nicht umsonst in seinem ersten Brief an die Korinther auf:

Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn nun der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört er deshalb etwa nicht zum Leib? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört es deshalb etwa nicht zum Leib? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.
Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns schwächer erscheinen, die nötigsten; und die uns weniger ehrbar erscheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und die wenig ansehnlich sind, haben bei uns besonderes Ansehen; denn was an uns ansehnlich ist, bedarf dessen nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.

1. Kor 12,12-25 (LUT 2017)

Zusammengehalten wurde dieser wunderbare Leib Christi, der in dieser Freizeit von Polizeifamilien zusammengekommen war, in all seiner Unterschiedlichkeit durch ein unsichtbares Band, das aus göttlicher Gnade besteht. Einer Gnade, auf die wir alle bauten:

Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Eph 2,8-9

Bei jeder Wanderung durch die spektakuläre Natur Südtirols,

bei jedem Tischgespräch begleitet von leckeren Speisen,

dem ungezügelten Lachen der Kinder und Erwachsenen,

der zugewandten Sorge um einander bei so mancher tapfer gelaufener Blase,

gemeinsamen Andachten,

von Herzen gesprochenen Gebeten und innigem Vaterunser,

einem unglücklich eingefangenen Infekt und so vielem mehr

wuchsen wir weiter zusammen, vergaßen die Unterschiede unserer Konfessionen und Glaubensgemeinschaften und wendeten uns dem zu, was uns einte: der erstaunlich wunderbaren Gnade Gottes, die uns durch Christus geschenkt ist. Als drei Jugendliche am letzten Abend unserer Freizeit das berühmte Lied John Newtons „Amazing Grace“ anstimmten und in unserer Andacht sangen, war es diese Vergewisserung, die uns alle bewegend ergriff.

Gemeinsam Glauben fußend auf göttlicher Gnade leben und Christinnen und Christen unterschiedlichster Konfessionen als Teil des Leibes Christi begreifen – für mich eine tiefgreifende Erfahrung und ein Vorgeschmack des Reiches Gottes mitten in unserer oft so zerrütteten und zerstrittenen Welt.


Einige kleine visuelle Eindrücke könnt ihr in diesen Videos erhalten, die ich in Instagram unter dem Benutzernamen mi_gross eingestellt habe (Ton bitte an!) :

Vom Ringen um Recht und Gerechtigkeit – eine bewegende Fahrt im Orient-Express

Gespannt hielt ich den Atem an, während der belgische Detektiv Hercule Poriot zu den Schlussworten der Inszenierung des wohl bekanntesten Romans von Agatha Christie ansetzte. Ich kannte den Verlauf dieses Krimis aufgrund seiner vielfachen Inszenierung und Verfilmung recht gut. Doch dieses Mal mitten im wunderschönen mittelfränkischen Feuchtwangen riß mich die turbulente Fahrt im Orient-Express in atemberaubender Weise mit.

Als ich wenig später neben Gerd Lukas Storzer, der die Hauptfigur des Detektivs spielte, sowie dem Intendanten Johannes Kaetzler und Dramaturgin Dr. Maria Wüstenhagen als Teil eines Diskussionspanels Platz nahm, wurde mir mulmig. Sie hatten in solch vorzüglicher Weise ein Thema mit der lockeren Heiterkeit und notwendigen Tiefe umgesetzt, das mich seit Jahrzehnten in meinem Dienst als Pfarrerin und Seelsorgerin umtreibt: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit.

(Bilder: Barbara Becker)

Barbara Becker, MdL und Herbert Lindörfer hatten mich in meiner Funktion als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin an diesem Nachmittag des EKA Bayern zur Mitgestaltung der nachfolgenden Diskussion eingeladen.

Zugegebener Maßen stockte mir am Anfang die Stimme, denn mein Herz war noch ganz in der Inszenierung gefangen während mehrere dienstliche Erinnerungen gleichzeitig präsent wurden. Dass ich gegenwärtig in der Bundespolizei als einer Sicherheitsbehörde arbeite, liegt an den vielen Erfahrungen in der Begleitung von Menschen, die sich in diesem Ringen um eine bessere Gegenwart und Zukunft befinden. Privatpersonen, die von einem Mord, von Vergewaltigung und Übergriffen betroffen waren. Polizistinnen und Polizisten, Ermittlerinnen und Ermittler, die diese Situationen aus- und im Namen der Gerechtigkeit durchhalten mussten. Aber auch diejenigen, die diese schlimmen Taten vollbracht haben, waren ebenso in meiner seelsorgerlichen Betreuung gewesen. Innerhalb meines Berufsweges habe ich viele Menschen begleitet, die sich auf dem Grat von Recht und Unrecht aus dem einen oder anderen Grund bewegten. Seit meiner Rückkehr aus New York, USA tauche ich nach fünfeinhalb Jahren ehrenamtlicher Seelsorge bei der NYPD als Pfarrerin hauptamtlich in eine Sicherheitsbehörde ein. Diese Erfahrung lehrt mir Respekt und dankbare Demut. Denn vieles, was die mir anvertrauten Polizistinnen und Polizisten mit begleiten und durchleben, werden wir Bürgerinnen und Bürger kaum oder (hoffentlich) gar nicht erleben.

Recht und Gerechtigkeit. Ein heikles Thema. Durch Agatha Christies unnachahmliches Genie wird dieses Thema im Orient-Express auf eine surreal leichte Art und Weise transportiert. An diesem Nachmittag fieberte ich am traditionsreichen Festspielort mit und vergaß die Welt um mich herum während ich als blinde Passagierin unweigerlich hineingezogen wurde in eine sich vor mir entfaltenden Selbstjustiz.

Die Ermordung eines Mörders, der von der Justiz nicht belangt wurde, wurde an diesem Nachmittag in unnachahmlicher Weise mit einer leichten Prise von Humor und Witz inszeniert. Makaberer Weise handelt es sich im Kern um einen Fall von „doppelter Selbstjustiz“, denn im Verlauf nehmen nicht nur Mitreisende das Richten des Täters in die eigene Hand, sondern der Hauptdarsteller Poriot.

Was für einen Polizisten oder eine Polizistin undenkbar ist, da diese als Vertreter unseres Grundgesetzes zu rechtschaffenem Handeln verpflichtet und vereidigt sind, wird die Selbstjustiz in Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ durch die Handelnden bewusst in die Hand genommen. Die Zuschauenden werden hierdurch zum eigenen Nachdenken gezwungen und der Frage ausgesetzt: Wie würde ich handeln? Und was ist Recht und Gerechtigkeit? Die Bibel setzt sich an vielen Stellen zentral mit diesem Thema auseinander und bietet Möglichkeiten, Antworten zu finden, wie sich dies in dem jüdischen Konzept von מִשְׁפָּט (Mishpat) und צדקה (Zedaka) niederschlägt. Die Bibel erzählt aber auch von Menschen, die Recht und Gerechtigkeit in eklatanter Weise brechen und z.B. durch das Handeln der Propheten und vor allem Jesu wieder in Gottes Auftrag zurückgerufen werden oder eine neue Chance erhalten.

Es ist ein schwerer Grad, auf dem sich diejenigen bewegen, die Recht umsetzen und für Gerechtigkeit sorgen müssen. Aber es ist auch eine Frage, derer wir alle nicht entkommen und uns stellen müssen: Sind unsere Handlungsweisen gerecht? Und als Christin ist mir das Doppelgebot der Liebe als Maßstab aufgegeben. So leicht dessen Formulierung sein mag, so schwer ist dessen tätige Umsetzung.

Ich seufzte zum einen erleichtert, zum anderen nachdenklich als Detektiv Hercule Poriot zu den letzten Sätzen des Stückes anhob:

„Mesdames et Messieurs, dieser Fall hat mich gelehrt, dass die Waage der Justizia nicht immer ausgeglichen sein kann. Und ich muss dieses eine Mal lernen, mit dem Ungleichgewicht zu leben. Es gibt hier keine Mörder, nur Menschen, die eine Chance auf Heilung verdient haben. Die Polizei hat meine erste Lösung des Falls akzeptiert, der einzelne Täter, der entkommen konnte. Ich verlasse hier den Zug für die restlichen Formalitäten. Mögen Sie hiermit Ihren Frieden schließen, mögen wir das alle.“

Während nun die Zugfahrt im Orient-Express mit diesen Worten mitten im beschaulichen mittelfränkischen Feuchtwangen beendet war, wurde ich mit einer unweigerlichen Wehmut umgeben: das Ringen um Recht und Gerechtigkeit ist so alt wie unsere Menschheit und wird weiter bestehen. So ist es wohl jeder Person aufgegeben, einer gerechteren Welt mehr Raum zu verschaffen. Ich sehe dies gegenwärtig in der Unterstützung derjenigen, die unser Grundgesetz vertreten und die Menschenwürde schützen. Ein anderer mag einen ganz anderen Ort für dies finden. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam für eine gerechtere Welt einsetzen. Denn das ist letztendlich Gottes Wille und Wunsch für uns.

Welch ein Segen, dass Frau Becker und Herr Lindörfer als engagierte Christen in der Politik mich und alle Teilnehmenden durch ihre Veranstaltung des EAK daran erinnerten.

(v.l.n.r.: Gerd Lukas Storzer, Miriam Groß, Barbara Becker, Johannes Kaetzler, Herbert Lindörfer; Bild: Barbara Becker)

Von Cartoons, Müllvermeidung und biblischen Geschichten

Vorsichtig trocknete ich die frisch abgespülten „Druckverschlusstüten“ ab. Aus Übersee hatten wir einige wenige Packungen dieser praktischen Haushaltshelfer mitgebracht. Nun aber gingen sie nach dreieinhalb Jahren langsam zu neige. Ich grinste in mich hinein während ich mit dem weichen Geschirrtuch die Ecken austrocknete. Meine Großmutter (Gott hab sie selig) würde jubilieren, denn was uns als Enkel vor über vierzig Jahren befremdlich vorkam, war nun Teil meiner Haushaltsroutine geworden: Plastiktüten, erst recht die wertvollen Druckverschlusstüten, mehrfach zu verwenden. Damals kugelten wir Enkel uns heimlich vor Lachen, denn wozu sollte man sich solche Mühe um eine gebrauchte Plastiktüte machen? Sie gehörte in den Müll – es gab ja schließlich genug neue zu kaufen. Müllvermeidung war damals, so bitter dies nun zu lesen ist, noch kein großes gesellschaftliches Thema.

Nicht schlecht staunte ich bei der Eröffnung der Ausstellung „Jetzt noch die Kurve kriegen“ der Stadt Bamberg als mir zum Thema Plastikmüll eine sehr eindrückliche Visualisierung entgegentrat, die mir mahnend vor Augen führte, wie wichtig Vermeidung von Müll ist:

Ein völlig verärgerter Jesus geht über ein verschmutzte Wasseroberfläche und tritt dabei eine alte Dose wütend in die Luft. Eine weiße Gedankenblase gibt dabei Einblicke in seine Gedanken: „Wenn kein Wunder geschieht, kann bald jeder übers Wasser laufen…“

Rainer Unsinn

Als Theologin und Familienfrau hat es mir dieser Cartoon von Rainer Unsinn angetan, denn für mich klingt im Cartoon eine biblische Geschichte an, die mir sehr am Herzen liegt:

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Mt 14,25-31 LUT

Übers Wasser gehen. Ein Wunsch, den Petrus hegte. Ob wir das wirklich wollen? Unsere Meere und Gewässer so lange „zumüllen“ bis wir selbst als Menschen darauf laufen können? Schon jetzt befinden sich in unseren Weltmeeren gefährliche Ansammlungen an Müll. Griechische Fischer ziehen jedes Jahr unglaubliche 50 Millionen Tonnen Müll als „Beifang“ aus dem Meer.

Wird uns nicht dabei wie Petrus damals Angst und Bang? Während all der Müll unsere Meere verstopft und unsere Umwelt mit Makro- und Mikropartikel vergiftet werden? Ja, irgendwie sind wir doch Kleingläubige – kleinkariert bedacht auf unseren Vorteil, unsere Bequemlichkeit. Lieber keine Arbeit. Wo das Plastik dann letztendlich hinkommt, verliert sich im gedanklichen Nebel der eigenen Komodität.

Ich sah auf meine inzwischen handtuchtrockenen Druckverschlusstüten, die ich über die daneben stehenden Trinkgläser stülpte, damit sie vollständig austrocknen würden. Ganz Müll vermeiden würde in unserem Haushalt schwierig werden, aber ein wenig mehr Achtsamkeit, das würde sich lohnen und ganz nebenbei Erinnerungen an meine verstorbene Oma wecken.


Ausstellungstipp

Noch bis zum 22. Juli ist die Karikaturenausstellung im Eingangsbereich des Klinikum Bambergs für alle Besucherinnen und Besucher geöffnet. Es lohnt sich sehr und hilft, dass wir uns und unser Umweltengagement hinterfragen!

Anbei noch einige andere Impressionen:

My dear Jewish friend 21: Bargain prices, German herbal liquor and history’s warning

KNÜLLER-PREIS. BARGAIN PRICE. Bold red letters on pure white. I stared at the paper advertisement as I ran through the offers at our local discounter. It was the week after the European election. We had suspected that there would be a shift to the extreme right (and maybe even left?), but the shift hurt in ways I can’t really put into words.

Numerous gave their precious votes, because the campaign pledges of the extreme parties seemed such a bargain. KNÜLLER-PREIS. BARGAIN PRICE. They would secure their wishes. But I wouldn’t be so sure – they numbed voters by catchy messages, cheap promises and easy answers. In many ways the history of the German herbal liquor „Jägermeister“ and the campaign strategy of the extremist parties fit very well. Both intoxicate. Both have roots in right-winged hatred.

The label on the German herbal liquor „Jägermeister“ states 1878, but this date is the founding of the original vinegar factory. Curt Mast, son of the company’s founder, shifted the production away from vinegar to spirits and wines. In 1934 he invented the famous liquor. It was the year, in which Hermann Göring was nominated „Reichsjägermeister“ to be the highest „professional hunter“ in Germany – the term Jägermeister hadn’t been used for centuries. Just one year later, Curt Mast introduced his new herbal liquor and named it after Göring, whom he knew well. The design of the bottle was held in green with a deer head and cross. There are photographies of Hermann Göring as Reichsjägermeister with his prey showing huge deer antlers. Many therefore even called the herbal liquor „Göring-Schnaps“. (1)

Hans-Jörg and Gisela Wohlfromm: „Und morgen gibt es Hitlerwetter!“ Alltägliches und Kurioses aus dem Dritten Reich, p. 168.

It is this historic background that makes me nervous as extremism seems to creep into our society disguised as a bargain. KNÜLLER-PREIS. BARGAIN PRICE. Now it is on the shelves of democratic elections like this Schnaps is in my local supermarket. But we must be warned of how these extremists operate: they use symbols present in everyday life and can source each other with their right (or left) extremist ideology. Popular songs, pictures and numbers („88“) seem harmless, but have a hidden code extremists spot and identify. Dog whistling is such a dangerous mechanism. Nonetheless, it is just the first step. As soon as they have established themselves as the largest offer on the shelves of democracy we will be doomed.

A small lesson of history on a supermarket shelf.

I suddenly felt sick as I passed the display of the herbal liquor on my way to the cash register. Small, medium and large quantities – the latter only in a maximum quantity of five bottles. We should be vigilant that our democracy will not become a KNÜLLER-PREIS, a BARGAIN PRICE for extremists.


(1) see Hans-Jörg and Gisela Wohlfromm: „Und morgen gibt es Hitlerwetter!“ Alltägliches und Kurioses aus dem Dritten Reich, p. 167.

Mehr als Fußnoten – von feministischer Literatur und Hoffnungsmomenten

Auf nachtblauem Hintergrund hielt eine in Chagallblau gehaltene Frau in stolzer Haltung ein Schwert vor sich. Goldene Akzente betonten ihr ritterliche Kleidung und durchzogen in feinen und gröberen Zügen den Nachthimmel. Meine Hand streifte vorsichtig über den Einband, während ich den Form des Buchtitels auf dessen Oberfläche erspüren konnte.

Die zahlreichen Seiten der Fantasy-Dilogie „Sisters of Sword and Shadow“ der britischen Autorin und Feministin Laura Bates waren in den letzten Tagen im Nu an mir vorübergeeilt. Ich war eingetaucht in eine Welt zur Zeit König Arthurs, in der Frauen weder Macht, noch Reichtum, geschweige denn eine Förderung gemäß ihrer Begabungen und ihres Potentials erhielten. Die Hauptfigur Cass, die von ihrer Familie für eine arrangierte Ehe bestimmt worden war, träumt von Freiheit, Selbstbestimmung und Verwirklichung ihrer eigenen Gaben. Durch eine Verkettung von Umständen folgt sie einer fremden Frau und wird in geheime Schwesternschaft weiblicher Ritter aufgenommen. Hier lernt sie zu kämpfen um die geheime Gemeinschaft zu schützen und durch Männer entstandenes Unrecht wiedergutzumachen. Als Leserin tauchte ich in eine Welt tödlicher Fehden ein und erlebte mit, wie die Hauptfigur ihre besonderen Fähigkeiten allen Widerständen zum Trotz entdeckte und zu sich selbst fand.

Jenseits aller fantastischer Ausschmückung tat mir die im Buch dargestellte Solidarität sehr gut, die innerhalb der Frauengemeinschaft gelebt wurde. Denn nicht selten erlebe ich eine andere Realität. Frauen, die anderen Frauen keine Förderung gönnen. Frauen, die anderen Frauen angebotene Möglichkeiten zerstören statt ihnen zu helfen, das von Gott geschenkte Potenzial zu leben. Frauen, die sich mit einem in-sich-geschlossenen männlichen System solidarisieren, um Vorteile zu nutzen, als zu ihren Kolleginnen zu stehen.

Laura Bates weiß, wovon sie schreibt: als Gründerin des „Everyday Sexism Project“ hat sie über 250.000 Schilderungen von Alltagssexismus gesammelt. Die zu Tage getretene Ungleichheit, der versteckte oder offenen Sexismus gegenüber Frauen, der hierdurch offen gelegt wurde, führte in Großbritannien zu Veränderungen in Schul-Curricula, Facebook-Regelungen und hatten sogar großen Einfluss im Vorgehen der „British Transport Police“ hinsichtlich sexuellen Übergriffen.

Während Romane nicht das angestammte Metier von Laura Bates sind, lege ich ihr Buch „Fix the System – Not the Women“ jeder Person ans Herz, die sich mit sexualisierter Gewalt und der ihr zugrundeliegenden Vorurteilen gegenüber Geschlechtern auseinandersetzen will.

Im Gegensatz zu den oft bitteren realen Schilderungen sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die in diesem Projekt gesammelt wurden, findet die Hauptfigur Cass allen Widerständen zum Trotz zu sich und ihrem Potential. Sie und einige andere weibliche Figuren treten damit in das Zentrum des Romans, um eine andere, eine Welt aus weiblich-selbstbewusster Sicht aufzuzeigen. Wie oft wurde und wird unsere Welt aus männlicher Sicht beschrieben oder deren Sicht niedergeschrieben. Denken wir doch einfach an viele Sagen, Legenden oder Erzählungen, biblische Bücher und so vieles mehr. Aber Frauen wollen mehr sein als nur eine Fußnote. Das nimmt die Autorin in ihrem Buch ernst und entfaltet dies in ihrem Nachwort:

Cass is a heroine I hope will resonate with the young people I work with – finding her inner power in a world that wants to force her into a footnote. She rejected the minor, submissive, supporting role that has been written for her, and exchanges it instead for an exhilarating life of adventure, power and sisterhood. Above all, she finds the strength to write her own story. This is everything I wish for my readers.

Vielleicht braucht es genau solch eine fiktionale Figur, die inspirieren kann, dass Frauen nicht nur eine Fußnote im Text des Lebens und der Geschichte sein wollen, sondern ihrem Gaben gemäß sich entfalten können. Das mag in vielem der oftmals gesellschaftlich zugewiesenen Rolle entgegenstehen, aber nicht jede Frau – und auch nicht jeder Mann!- findet sich darin wieder, sondern möchte sich in anderer Weise in unsere Gesellschaft einbringen.

Nachdenklich schlug ich das Buch endgültig zu. Es lag schwer in meiner Hand als ich es an seinen neuen Platz in meinem Bücherregal zur Frauenliteratur stellte. Das Chagallblau der Frau strahlte mir inmitten all dem Rosa, Violett und Pink der meisten anderen Gleichstellungsliteratur aufmunternd entgegen als ob es mir sagen wollte, dass wir Frauen allen erlebten Widerständen zum Trotz die Hoffnung nicht aufgeben sollte – Frauen dürfen und sollen mehr sein dürfen als Fußnoten in der gesellschaftlichen Struktur.

Lesen gegen Hass 4: im Nachgang der Europawahl Lernen wider Angst und Rechtsextremismus

TikTok hat ganze Arbeit geleistet. Das müssen wir im Nachgang der Europawahl zähneknirschend anerkennen. Die bekannte soziale Plattform wurde effizient von der Partei AfD und vielen anderen rechten Influencern für ihre rechtsextremen Zwecke genutzt. Dafür haben andere Parteien, deren Vertreter und Institutionen mit vielfacher Abwesenheit geglänzt oder sich nur punktuell dort eingebracht. Ich nehme mich dabei nicht aus – obwohl ich digitalaffin bin, bin ich vor TikTok zurückgeschreckt. Die Plattform stellt nicht nur eine datenschutzrechtliche Katastrophe dar, sondern aufgrund meiner gegenwärtigen Tätigkeit als Seelsorgerin in einer Sicherheitsbehörde habe ich hinsichtlich dieser große Vorsicht walten lassen.

Doch die Stimmanteile innerhalb der Jungwähler bei der gerade durchgeführten Europawahl ließen mich erschrocken aufhorchen und veranlaßten mich, einen Beitrag der Tagesschau hinsichtlich dieser Altersgruppe in meiner privaten Storyline zu reposten. Eine Kollegin schrieb mir hierauf: „So schrecklich. Das sind unsere AnwärterInnen.“

Sie hat recht. Es sind diejenigen, die wir Lehrerinnen und Lehrer, Dozentinnen und Dozenten gegenwärtig in den unterschiedlichen Schultypen und Universitäten Deutschlands unterrichten. Die ab sechzehn wählen dürfen. Es ist auch die Generation, die gerade in meinem eigenen Haushalt aufwächst. Viele Diskussionen entbrannten in den Tagen vor der Europawahl am heimischen Essenstisch. Besonders erstaunlich war für mich, dass sich in ihren Worten eine gewisse Ratlosigkeit, Skepsis und Angst breit machte, die ich meinen eigenen Kindern und dieser heranwachsenden Generation nicht wünsche. Vielmehr würde ich ihnen gerne einen Zukunftsoptimismus zusprechen, mit dem meine Generation aufwachsen durfte: einem Europa, dessen Grenzen sich öffneten; einer Vernetzung über Länder hinweg, die neue Möglichkeiten und Freiheiten schaffen würde. Aber wir müssen uns dem stellen, dass dieser Optimismus im Nachgang der Pandemie, mit den vielen Kriegen, kriegerischen Auseinandersetzungen und wirtschaftlichen Herausforderungen einem Zögern, bei manchen sogar einem Zukunftspessimismus gewichen ist.

Dies hat selbstverständlich Auswirkungen auf die politische Struktur von Ländern. Und diese emotionale „Großwetterlage“ hat nicht nur die junge Generation erfasst, sondern reicht weit darüber hinaus.

Gemeinsam mit den Sechzehnjährigen hat ganz Europa gewählt. In Deutschland war es mit 64,8 % die höchste Wahlbeteiligung seit der Wiedervereinigung. Eine durchaus stattliche Zahl, die erfreuen sollte. Interessant aber wird es, wenn man sich das Wahlverhalten genauer ansieht. Hierbei interessieren vor allem aufgrund der deutschen Geschichte die Ergebnisse im Bereich der rechtsgerichteten Parteien – im Fall Deutschlands der AfD. Während viele Nachrichtenportale und Printmedien die Erstwählerinnen und -wähler hervorheben, sollten wir etwas vorsichtiger sein, denn die Klimax besteht vor allem bei denen, die mit 35-44 Jahren mitten im Leben stehen. Die Stimmanteile fallen erst wieder im Alterssegment 70 und älter.

Was also treibt alle diese Personen in die Arme einer rechtsgerichteten Partei? Eine Frage, die wir uns alle stellen sollten. Erst recht diejenigen unter uns, die in Bildung verortet sind. Mag dies eine Schule, eine andere Bildungsstätte oder eine religiöse Einrichtung sein. An allen Orten, an denen Bildung geschieht, sollten wir miteinander dringend ins Gespräch kommen, was uns Angst macht, um uns dieser zu stellen und gemeinsam gangbare Wege zu finden. Denn nichts geringeres als unsere Demokratie steht hier auf dem Spiel. Eine Demokratie, die aus der Katastrophe des zweiten Weltkrieges, seinen Morden und Unrecht als Gegenmodell entstanden ist, die eine gerechtere Welt zum Zentrum hat.

Für mich ist der Ort, an dem Ängste ausgesprochen werden dürfen und Bildung stattfindet, gegenwärtig der berufsethische Unterricht in der Bundespolizei. Bei Ihnen mag es ein ganz anderer Ort sein. Wie wir den Zahlen der Europawahl entnehmen können, müssen solche Austausch- und Bildungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen geschaffen werden.

Ich stelle im folgenden vier Bücher vor, die für einen solchen Austausch durchaus von Vorteil sein können. Für mich sind diese die Grundlage eines Unterrichtsmoduls, das ich gegenwärtig für ein Seminar des Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrums erstelle. Neben einer grundsätzlichen Information über Rechtsextremismus und Angst, wird es den Bogen von Alltag hin zu rechtsextremen Hass und der eigenen Verantwortung beschreiten. Im Dialog sollte hierauf folgend Wege der Hoffnung gemeinsam gesucht und beschritten werden.

Den Anfang macht ein Buch, das hilft, die Ängste zu verstehen, die uns alle erfassen können und auf denen Rechtsextremismus ein Einfallstor in die Gedanken und Herzen von Menschen findet.

„Logik der Angst. Die rechtsextreme Gefahr und ihre Wurzeln“ (Berlin 2023) von Peter R. Neumann

Das Buch von Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London, gibt einen hilfreichen Überblick über die einflussreichsten Denker und Werke rechtsextremer Strömungen. Auf übersichtlichen 166 Seiten klärt der Autor in leicht verständlicher Sprache über die Geschichte des Rechtsextremismus und seine aktuellen Erscheinungsformen auf. Das Buch gibt keine konkreten Handlungsanweisungen, kann aber als Verständnisgrundlage für Ängste dienen, die Menschen in die Arme rechtsextremer Parteien treibt.

Aufbauend auf diesem empfiehlt sich als Einstieg in das Thema eine Perspektive, die vom Alltäglichen her sich entfaltet und Personen in ihrem Alltag, aber auch dem Befremdlichen einer Zeit abholt, in der Rechtsextremismus gesellschaftlich etabliert war.

„Und morgen gibt es Hitlerwetter! Alltägliches und kurioses aus dem Dritten Reich“ (Frankfurt am Main 2006) von Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm

Wer kennt ihn nicht, den olympischen Fackellauf? Oder die „Goldene Kamera“, die jedes Jahr in Deutschland verliehen wird? Oder den Eintopf, der ab und an seinen Weg auf den Essenstisch zur Freude der Erwachsenen oder zum Leid so manchen Kindes findet?

Alle genannten haben ihre Wurzeln und ihre Entstehung im Nationalsozialismus.

Um Geschichte verstehen zu können und mit der eigenen Lebensumgebung vergleichen zu können, lohnt sich ein Blick in den Alltag des Dritten Reiches. Das Buch greift einiges Bekannte, aber noch mehr Unbekanntes auf und schafft dadurch eine notwendige Brücke und Diskussionsgrundlage.

Mit dem hierdurch eröffneten Problemhorizont kann man dann einen mutigen Schritt zu dem wohl destruktivsten Buch der Weltgeschichte wagen, um es zu entzaubern und vor seinen dort niedergeschriebenen Ideen und Konzepten zu warnen.

„Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches“ (Stuttgart 2015) von Sven Felix Kellerhoff

Dieses sollte in Kombination mit der wissenschaftlichen Ausgabe des „Originals“ besprochen werden:

„Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition“ (München – Berlin 2020)

Sven Kellerhoff gelingt mit seinem Buch ein wichtiger Einblick in die bekannteste Hetzschrift der Welt und des meistverkauften deutschen Buches aller Zeiten. Die Wirkung dieses Buches hatte im Nationalsozialismus verheerende tödliche Folgen, die bis heute nicht nur nachwirken, sondern neue Nachfolge und Nachahmungen finden.

Das Buch gibt Einblicke in die Entstehung der Hetzschrift Hitlers, die ein tödliches Lügenkonstrukt hervor schälen, das viele und bis zum heutigen Tage Rechtsextreme inspirieren. Hitler wird hierin als Verfälscher seiner eigenen Biografie und als korrupter Steuerhinterzieher entlarvt. Ein entzauberndes, wichtiges Buch, das vor solchen und anderen mörderischen Menschen und deren Ideologien warnt.

Einige von vielen Büchern, die im Nachgang der Europawahl helfen können, sich der immer deutlicher werdenden Angst zu stellen und gemeinsam auf die Suche nach demokratischen Wegen zu machen.

Lest gegen Hass! Mit euren Schülerinnen und Schülern. Mit euren Kolleginnen und Kollegen. In Familien und Freundeskreisen.

Gebt Menschen die Möglichkeit, die sie bewegende Angst auszusprechen, aber daraufhin umso mehr einer Hoffnung, die in schweren Zeiten bessere Wege der Demokratie weisen kann. Damit statt Hass in den Herzen und Gedanken der euch Anvertrauten nicht auf fruchtbaren Boden falle.

My dear Jewish friend 20: D stands for Democracy

D-Day and the European election – a covenant for democracy

The large, slim envelope brought quite official business into our home and now it was time to open it. June 6 was the perfect day to open my absentee vote. D-Day.

The day, when thousands of British, American and Canadian soldiers set ashore in Normandy, France to fight against the Nazi regime and free Europe from the grip of an evil dictator and his allegiance. Eighty years later I’d uphold firmly as a German citizen living in a free Europe D stands for Democracy.

Paul Dickson quotes different meanings for D-Day:

Many explanations have been given for the meaning of D-Day, June 6, 1944, the day the Allies invaded Normandy from England during World War II. The Army has said that it is “simply an alliteration, as in H-Hour.” Others say the first D in the word also stands for “day,” the term a code designation. The French maintain the D means “disembarkation,” still others say “debarkation,” and the more poetic insist D-Day is short for “day of decision.” When someone wrote to General Eisenhower in 1964 asking for an explanation, his executive assistant Brigadier General Robert Schultz answered: “General Eisenhower asked me to respond to your letter. Be advised that any amphibious operation has a ‘departed date’; therefore the shortened term ‘D-Day’ is used.”

Paul Dickson: War Slang. American Fighting Words & Phrases since the Civil War, Mineola, New York 1994, p. 146.

D for day.

D for disembarkation.

D for debarkation.

D for decision.

D for departed date.

D for day.

It was just passed midnight June 6, 1944. The bad weather over the English Channel had somewhat calmed down. The Allied commander-in-chief, US General Dwight D. Eisenhower, bid farewell to the men who would be risking their lives for democracy and peace in Europe:

Soldiers, Sailors, and Airmen of the Allied Expeditionary Force!

You are about to embark upon the Great Crusade, toward which we have striven these many months. The eyes of the world are upon you. The hope and prayers of liberty-loving people everywhere march with you. In company with our brave Allies and brothers-in-arms on other Fronts, you will bring about the destruction of the German war machine, the elimination of Nazi tyranny over the oppressed peoples of Europe, and security for ourselves in a free world.

Your task will not be an easy one. Your enemy is well trained, well equipped and battle-hardened. He will fight savagely.

But this is the year 1944! Much has happened since the Nazi triumphs of 1940-41. The United Nations have inflicted upon the Germans great defeats, in open battle, man-to-man. Our air offensive has seriously reduced their strength in the air and their capacity to wage war on the ground. Our Home Fronts have given us an overwhelming superiority in weapons and munitions of war, and placed at our disposal great reserves of trained fighting men. The tide has turned! The free men of the world are marching together to Victory!

I have full confidence in your courage, devotion to duty and skill in battle. We will accept nothing less than full Victory!

Good luck! And let us beseech the blessing of Almighty God upon this great and noble undertaking.

D-day statement to soldiers, sailors, and airmen of the Allied Expeditionary Force, 6/44, Collection DDE-EPRE: Eisenhower, Dwight D: Papers, Pre-Presidential, 1916-1952; Dwight D. Eisenhower Library; National Archives and Records Administration.
 General Dwight D. Eisenhower’s Order of the Day (1944), in: National Archives.gov

D for disembarkation

175,000 men disembarked the huge ships. They arrived with tanks weighing more than 30 tons and with artillery. With carbines, machine guns, pistols, bayonets. With flamethrowers and mortars, pipe bombs and hand grenades, sticky explosives and mines. Their task: to conquer the continent. Even in the 5th year of the global conflagration, Europe was still largely controlled from Berlin.

Landing at Utah Beach. (Source: Wikipedia.com)

D for decision

It must have been a horrible decision, but a utmost courageous act that lead to breaking the tides in favour of democracy. It was the only way to free Europe from the deadly grip of the murderous Nazi regime. Casualties were enormous on all sides. Allied casualties were documented for at least 10,000, with 4,414 confirmed dead. German casualties on D-Day have been estimated at 4,000 to 9,000 men. Horrible numbers. Those, who had to make this important decision have been aware of the deadlines the day would bring upon uncounted families.

American Cemetery overlooking Omaha beach. (Source: wikipedia.com)

D for departed date

Brigadier General Robert Schultz once said that any amphibious operation has a ‘departed date’ – the shortened term ‘D-Day’. I understand this precise military term, but as I hold the absentee vote for the European election in my hands, D-Day has a very different and utmost important meaning for me as a German citizen living and breathing freedom with every breath I take in a free Europe.

D stands for Democracy

It is a covenant we must take by voting. Uncounted have fought for our freedom. Todays D-Day reminds us of this covenant we must take. D for Democracy. For a future in a free world. I will therefore vote for a democratic party, which will make our voice heard.

As I took the large absentee paper into my hands and made my cross fear crawled up my spine as memories of times past flashed through my mind. Hitlers party started off as a very small organisation and in a landslide took over Germany and half of Europe with its hateful and murderous ideology.

1926 German regional elections in Saxony: 1,6 %

1928 German State elections: 2,6 %

1930 German State elections: 18,3 %

1932 German State elections: 33,1 %

1933 German State Elections: 43,9 %

(Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm: Und morgen gibt es Hitlerwetter! Alltägliches und Kurioses aus dem dritten Reich, S. 142)

Presently, we have a right winged party called „Alternative für Deutschland“ (AfD). It started as a protest party in 2013. Only four years later they received seats in the Bundestag (Federal German Parliament). They are forcefully voicing and living out right extremist ideas in a democratic Germany. Presently, 15,7% of the German population would vote for them. I would be lying, if I wouldn’t say that I am scared. There was a landslide back that brought Hitler into power.

I will use the only power I hold in my hands: a vote for a democratic party. It is a covenant every German and European citizen must make as our freedom was bought through the lives of those setting ashore on the beaches of Normandy June 6, 1944. May their souls rest in peace as they have handed-off the baton of democracy to us.

D-Day stands for Democracy.