Im anderen einen wertvollen Menschen entdecken: von Respekt für Einsatzkräfte und langfristiger Vertrauensbildung

Als ich auf insgesamt drei Regalen in großen Lettern die Schilder „AUTOS“ bereits auf der Rolltreppe entdeckte, spürte ich das Kribbeln einer kindlich freudigen Begeisterung. Meine geheime Mission würde aufgrund der schon von weiten sichtbaren Fülle an „Kaufgut“ sicherlich erfolgreich sein. Da mein Patenkind in einiger Zeit aufgrund einer notwendigen Operation ins Krankenhaus gehen musste, wollte ich ihn mit einem kleinen „Krankenhaus-Paket“ überraschen und Mut machen. Ein Besuch würde aufgrund der gegenwärtigen Infektionswelle kaum möglich sein. Daher hoffte ich, dass ihm durch die kleinen Geschenke etwas näher sein würde: ein kuscheliger Schlafanzug – ein Kuscheltier, das mit einem großen Reißverschluss versehen, Sorgen fressen konnte – eine Buch nebst selbsteingesprochener Audiodatei – und ein Spielzeugauto. Aber nicht irgendeines, hatte ich mir fest vorgenommen. Denn das Patenkind war ein begeisterter Polizeifan und wusste natürlich genau, dass seine Patin bei der Bundespolizei arbeitete.

Meine Füße setzten auf dem mit hellen Kacheln versehenen Einkaufsgeschoss auf und setzten mit entschlossenen Schritten das Tempo der Rolltreppe fort. Doch schon bald verlor ich nach der Durchsicht des zweiten Regals den Mut. Das konnte doch nicht wahr sein! Wo waren sie, die Polizeifahrzeuge? Bis dato war ich immer der Überzeugung gewesen, dass sie zu jedem Kinderzimmer gehörten und daher überall angeboten würden. Als ich schon fast aufgab, fiel mir auf der Stirnseite des letzten Regales ganz unten links einige Einsatzfahrzeuge auf. Unter ihnen zu meiner Erleichterung ein Volkswagen Crafter auf dessen Seite in großen Lettern POLIZEI aufgedruckt war. Noch dazu konnte man durch leichtes Drücken eine Polizeisirene erklingen lassen. Als das Geräusch erklang waren es sehr ambivalente Gefühle, die in mir Raum nahmen:

Erinnerungen an einen Besuch bei der Landespolizei als ich selbst Kindergartenkind war, wurden plötzlich so wohltuend präsent. Damals war es auch ein Volkswagen gewesen – ein alter Bus, in den wir uns setzen durften. Wo uns der Polizist unter unseren staunenden Augen alles erklärte und ganz nebenbei viel Vertrauen zwischen ihm und uns schuf.

Aber auch schwere Gedanken mischten sich in die freudige Jagd nach einem geeigneten Spielzeug, denn die Aufschrift „TRY ME“ war in makaberer Weise in der Silvesternacht von Personen umgesetzt worden. „Try me“ bedeutet aus dem Englischen übersetzt nicht nur „Probiere mich aus“, sondern je nach Kontext auch „Fordere mich doch heraus!“. Sicher ist vielen Einsatzkräften besonders in dichten Zeiten wie einem Jahreswechsel oder anderen Tagen im Jahreskreis bewusst, dass der Dienst nicht einfach werden könnte, dass der Dienst unter Umständen sogar eine Herausforderung darstellt. Aber das, was in der letzten Silvesternacht zahlreichen Einsatzkräften der Polizei und Feuerwehr passierte, lässt mich als Polizeiseelsorgerin wütend werden. Gewalt an Einsatzkräften, die zur Hilfe eilen, ist indiskutabel und darf nicht toleriert werden.

Mein Blick geht aber nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft. Meine eigene lange zurückliegende Erfahrung hat mich von Kindesbeinen an positiv geprägt. In New York habe ich auf diese Erfahrung aufgebaut und meine Konfirmandinnen und Konfirmanden im Rahmen eines Praxistages mit zu meiner damaligen Polizeistation genommen. Während die Polizeikollegen sie mit in die Station nahmen, ihnen Türen öffneten, die anderen so nicht zugänglich waren und Einsatzfahrzeuge erklärt bekamen, sah ich in ihren Augen ein Strahlen, das sich sicherlich als eine gute Erinnerung an die manifestierte, die für unsere Sicherheit sorgen.

Innerhalb des Community Policing Projects konnte ich viele vertrauensbildende Projekte besonders mit Kindern und Jugendlichen erleben: die Youth Police Academy, die in den langen Sommerferien kostenlose Camps anboten und spannende Einblicke in die Polizeiarbeit schenkten; die NYPD Explorers, mit denen die deutsche Jugendfeuerwehr im polizeilichen Bereich vergleichbar ist; Familienfeste; Basketballturniere mit Cops und so vieles mehr. Die grundlegende Konstante hierbei war, dass Bürgerinnen und Bürger mit Polizistinnen und Polizisten in Kontakt kamen und so manches Vorurteil fiel. Im anderen den Menschen entdecken – ob in zivil oder Uniform- das prägt beide Seiten und hilft, den anderen zu verstehen.

Als Polizeiseelsorgerin würde ich mir aufgrund dieser Erinnerungen wünschen, dass wir Polizei und Bürgerschaft, alt und jung, egal welcher Herkunft oder finanziellem Status, die Möglichkeit geben, im anderen einen wertvollen Menschen zu entdecken. Das ist aus meiner Sicht die beste langfristige Prävention gegen solche schweren Silvesternächte.

Ich drückte nochmals gedankenverloren auf den kleinen Volkswagenbus. Vielleicht sollte ich eher die große Aufschrift der Verpackung „TRY ME“ mit „TESTE MICH“ im Bezug auf meine Ideen übersetzen. Wenn ich in entscheidender Position tätig wäre, würde ich ein Projekt anstoßen, durch das die evangelische Seelsorge in der Bundespolizei diese Menschen zusammenbringt und Vertrauen schafft. Bis vielleicht eine solche Person den Mut fasst, werde ich dies im Kleinen als Pfarrerin umsetzen. Bei meinen Konfirmanden hatte ich in New York den Anfang gemacht. Nun war es mein Patenkind, das durch seine Patin einen spielerischen Zugang erhielt. Und wer weiß, welche anderen Möglichkeiten Gott in unsere Hände legen möge.

Neujahrsgedanken: von Nächstenliebe und Respekt für Einsatzkräfte

Wie das alte Jahr endete, so begann das neue mit einer kleinen Laufrunde. Die Sorge um das eigene (körperliche) Wohl gehört für mich als Polizeiseelsorgerin integral dazu, damit ich auch anderen helfend zur Seite stehen kann. Nicht umsonst heißt es in Mk 12,31 nach dem Gebot der Gottesliebe eben auch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Also: Laufschuhe an und einige Meter zur Fitness beisteuern… Im Gegensatz zum Neujahrstag musste ich einen Tag später beim Laufen nicht bei jedem Schritt darauf aufpassen, ob ich in Scherben oder andere spitze, gefährliche Gegenstände treten würde. Die fleissigen Hände der Stadtreinigung hatte viele Spuren einer für manche recht feucht-fröhlichen Silvesternacht beseitigt.

Als ich an einem „gesprengten“ Abfall vorbeilief, hielt ich kurz inne und seufzte. Musste so etwas wirklich sein? Aber im Gegensatz zu anderen Orten, handelte es sich hierbei „nur“ um einen Sachschaden. Die Berichte über in Gefahr gebrachte, sogar attackierte Einsatzkräfte an Silvester schockierte mich zutiefst. Die Schilderungen aus Berlin und anderen Orten machen mich sprachlos. Es scheint mancherorts zu unglaublichen Übergriffen gegen die zu geben, die für unsere Gesundheit und Sicherheit von Berufswegen sorgen. Ein lieber Freund, der als Notarzt nicht nur den schweren Dienst mit Tag- und Nachtschichten auf sich nimmt und seine Familienzeit daran anpasst, wurde von dem Sohn einer Patientin nicht nur angegriffen, sondern schwer verletzt.

Ich mache mir Gedanken um „meine“ Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter, die ich in ihrer polizeilichen Ausbildung begleiten darf. Was diese jungen Menschen alle eint, ist der Wunsch, einen helfenden Beruf zu erlernen. Nicht selten höre ich von deren Sprachlosigkeit und auch ihren Zweifeln, ob diese schwere und anspruchsvolle Berufung es wert sei Gewalt von denen erleben zu müssen, die sie eigentlich ursprünglich zur Hilfe riefen.

Als ich an einem „Böllerrest“ vorbeilief, musste ich an meine Zeit als Polizeiseelsorgerin in New York denken und auch die sieben Silvesternächte, die wir dort erlebt hatten. Aufgrund des Böllerverbotes waren es stattdessen Tonnen von Confetti, die die Straßen bedeckten. Aber ob diese Nächte aufgrund des Verbotes dort friedlicher verliefen, wage ich zu bezweifeln. Doch gleichzeitig erinnere ich mich an ein Jahr, indem die Einführung von „Body Cams“ heftig diskutiert worden war. Personen des öffentlichen Lebens und Vertreter von Institutionen waren zu einer Abstimmung eingeladen worden, die eruierte, ob diese Aufnahmemöglichkeit eingeführt werden sollte. Das Ergebnis, so versprach NYPD, sollte in Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Megametropole verbindlich umgesetzt werden. Damals stimmte ich für eine Verwendung von „Body Cams“ im Polizeidienst. In den darauf folgenden Jahren nach deren Einführung kam es neben der intendierten Transparenz polizeilicher Handlungen ebenso zu einer Dokumentation der Handlungen von Personen, die Teil der polizeilichen Maßnahmen waren. Besonders faszinierend fand ich damals, dass die Zahl der Übergriffe auf Polizeikräfte fielen und insgesamt ein besserer, deeskalierender Umgang miteinander feststellbar war. Irgendwie faszinierend, denn beide Seiten schienen nun vermehrter das ernst zu nehmen, was ich als Theologin als Gebot der Nächstenliebe bezeichnen würde: nämlich den anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Erfahrungen aus fast sieben Jahren New York als Auslandspfarrerin und ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin. Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland ebenso durch eine flächendeckende Einführung von „Body Cams“ ähnliche Erfahrungen zum Schutze aller sammeln dürften.

Während ich an so manchem von Confetti und Böllerresten gesäumten Weg entlanglief, sprach ich ein kleines Gebet für diejenigen Einsatzkräfte, die in der Silvesternacht und an anderen Tagen Gewalt erleben mussten, damit die schrecklichen Wunden heilen mögen. Und gleichzeitig für diejenigen, die meinen, Gewalt gegen Einsatzkräfte ausüben zu müssen, damit sie von diesem falschen Weg abkommen. Bis beides eintrifft, bleibt mir wohl nur, meinen Freund darin zu stärken, dass die erlebte Gewalt sein Menschenbild nicht nachhaltig zum Wanken bringt, und für meine angehenden Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter in ihrer Ausbildung zuhörend und unterstützend da zu sein.

Von segensreichen Umwegen

Auf dem grauen Beton des erhaltenen Mauerabschnittes der Berliner East Side Gallery erhob sich Fuji-san mit einer japanischen Pagode während im Hintergrund die Flagge Japans als rote Sonne aufging. Voller Faszination betrachtete ich diesen von insgesamt ursprünglich 106 Bildern, die von 118 Künstlern aus 21 Ländern an der ehemaligen Mauer geschaffen worden waren, die Deutschland bis 1989 in schmerzlicher Weise geteilt hatte.

Das Mauerkunstwerk „Detour To The Japanese Sector“ war von Thomas Klingenstein gestaltet worden. Der ostdeutsche Künstler hatte sich früh für Japan interessiert, ein persönliches Kennenlernen und Bereisen dieses ostasiatischen Landes war ihm aufgrund der Reiseeinschränkungen der DDR unmöglich gewesen. Weil er am 3. Oktober 1979 an einem Treffen mit Robert Havemann, Katja Havemann und Gregor Gysi teilgenommen hatte, wurde er nach seinem Abitur 1981 in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Die politische Wende in Deutschland 1989 erlebte Klingenstein in Japan, wo er 1984 bis 1995 lebte.

Das Bild des Künstlers brachte in mir viel zum Klingen. Die japanische Kultur hatte mich ebenfalls früh interessiert, aber im Gegensatz zu ihm wuchs ich in der Freiheit des Westens auf. Reisen gehörte aufgrund meines binationalen Aufwachsen integral zu meiner Lebensstruktur. Dennoch machte auch ich einen Umweg über Japan, der nun Jahre später segensreich ist, damals aber zunächst einigen Unmut hervorgerufen hatte.

Als junge Theologiestudentin hatte ich mich zielstrebig um die Zulassungsvoraussetzungen für das kirchliche Examen erkundigt, damit ich schnellstmöglich meinen Wunschberuf einer Pfarrerin ergreifen konnte und meine Studienkosten, die ich nach Abschluss abzuzahlen hatte, durch ein zügiges Studieren möglichst gering halten konnte. Eine wichtige Bedingung war der Nachweis eines „Praxisjahres für Theologiestudierende“. Mindestens ein Jahr Arbeitserfahrung sollten Theologiestudentinnen und -studenten vorweisen. Ich brachte meinem Unmut über diesen beruflichen Umweg, der kirchlich vorgeschrieben worden war, in vielen Unterhaltungen zum Ausdruck. Dann aber machte ich die Not zur Tugend und bewarb mich bei Japan Airlines, um meine Reiseaffinität und die finanziellen Konsolidierung unter einen Hut zu bekommen. Eineinhalb segensreiche Jahre als Flugbegleiterin bei Japan Airlines folgten, die mich aus dem kirchlichen Studium hinaus in die Welt führten und mir nebenbei ermöglichten in die bis dahin wenig bekannte japanische Sprache und Kultur einzutauchen.

Der kirchlich institutionalisierte Umweg lehrte mich viel für meine spätere Tätigkeit im Pfarramt, von Menschenkenntnis über Umgang mit Extremsituationen bis hin zum direkten Kontakt mit anderen Religionen und Kulturen. Mein Ethikunterricht für angehende Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei speist sich in einigem ebenfalls von denen bei Japan Airlines gesammelten Erfahrungen: ob dies die Notfallausbildung für Extremsituationen ist, der Umgang mit randalierenden Passagieren oder medizinische Notfallsituationen in der Luft…

Der folgende Artikel, der während meiner Studienzeit erschien und den Anfang meiner kirchlichen Medienarbeit darstellt, gibt einige Einblicke in diese für mich beruflich prägende Zeit:

Die persönliche „Detour To The Japanese Sector“ war für mich ein segensreicher Lebensabschnitt, der meine Arbeit als Pfarrerin mit geprägt hat und nun hilfreich ist für meine Tätigkeit als Seelsorgerin in der Bundespolizei um die zu verstehen, die für unsere Sicherheit an Grenzen, im Bahn- und Flugbereich sowie im Ausland sorgen. Manchmal sind Umwege diejenigen, die uns auf unserem Lebensweg bereichern und uns auf den von Gott gewünschten Pfad gehen lassen.

Ob Thomas Klingenstein dies auch so empfindet? Ich werde den bekannten Künstler wahrscheinlich nie kennenlernen, aber ich wünsche ihm, dass der Umweg nach Japan in der Retroperspektive für ihn gleichfalls segensreich ist. Die wunderschöne Ausgestaltung des Mauerabschnittes zeugt von so viel Kraft, Anmut und politisch Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.