Von biblischen Sprüchen, dem Umgang mit anderen und wichtigen Prägungen

Predigt zur Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Oktober 2023

Was gibt man jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf den Ausbildungs- und Studienweg, wenn sie mit dem Eid den wichtigsten Schwur ihres Berufslebens sprechen? Als Pfarrerin beschäftigt mich diese Frage mal um mal. Es ist eine große Verantwortung, denn ich erinnere mich noch sehr genau an meine eigene Ordination, an dessen Wortlaut und die Predigt des zuständigen Oberkirchenrates Herrn Völkel. Daher hoffe ich, dass die Worte meiner Predigt sie auf ihrem beruflichen Weg stärken, begleiten und vielleicht auch herausfordern.

Für den 80. Studienjahrgang habe ich einen besonderen biblischen Vers ausgewählt, der den Umgang mit anderen und wichtige Prägungen in den Blick nimmt:

Anbei der Wortlaut meiner Predigt – hierbei sei darauf hingewiesen, dass das gesprochene Wort gilt:

Vor wenigen Wochen durften wir Sie, liebe Polizeikommisarsanwärterinnen und -anwärter, in Bamberg begrüßen. Für viele war es so, als ob sich ein neues Universum öffnete und sie sich in einer neuen Welt und einem anderen Kontext befanden.

Vielleicht hat Sie auch ein kleines Star Wars-ähnliches Gefühl ereilt, frei nach dem Motto:

[Vor langer Zeit] in einer Galaxie, weit, weit entfernt…

Weit entfernt von dem, wie Ihr Leben vorher strukturiert war. Mit den Notwendigkeiten, bürokratischen Erfordernissen, aber auch den Vorzügen einer großen Sicherheitsbehörde.

Sie tauchen nun Stück für Stück in die dienstliche Welt der Bundespolizei ein, die Sie auf einen wichtigen und essentiellen Beruf vorbereiten wird, damit Demokratie und Menschenwürde geschützt und gestärkt werden.

Der wichtigste Bestandteil Ihrer Studienzeit stellen all diejenigen da, die Ihnen helfen in dieser Galaxie Bundespolizei zu wachsen, geformt und geschliffen zu werden – ob Lehr-, Stamm- oder Rahmenpersonal – viele Lehrmeisterinnen und Lehrmeister werden für Sie da sein und sie begleiten.

Durch das Zusammentreffen und den Umgang mit unterschiedlichsten Personen werden Sie einen besonderen Schliff erhalten, der Sie befähigen wird, diesen verantwortungsvollen Beruf durchzuführen.

Nicht umsonst heißt es im Buch der Sprüche 27,17:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Die Beziehung zu Personen, von denen wir lernen und durch die wir wachsen können, ist ein elementarer Bestandteil jeder Ausbildung, jedes Studiums und jeder weiteren Fortbildung.

In der neuen Disney Plus Star Wars-Serie „Ahsoka“, deren 8. und erst einmal letzte Folge vorgestern veröffentlicht wurde – vielleicht hat der eine oder die andere sie ebenso am Mittwoch angesehen- , wird die Beziehung zwischen der Lehrmeisterin „Ahsoka“ und ihrem Padawan bzw. Lehrling Sabine zum eigentlichen Mittelpunkt eines Geschehens, das sich rund um die junge Republik im Star Wars-Universum dreht und den Gefahren eines wiedererstarkenden, bösen Imperiums, gegen das es sich zu wehren gilt.

Während erstere demokratische Werte vertritt und die Würde jedes Lebewesens hochhält, ist das dunkle Imperium an Macht und Gewinn, aber wenig an einem Recht Einzelner orientiert.

Die beiden Hauptfiguren machen mitten in dieser Auseinandersetzung von Demokratie und Diktatur transparent, wie wichtig das Vertrauen zu anderen ist. Ob romantischer, freundschaftlicher, familiärer oder disziplinierender Natur – die Suche nach einer authentischen Beziehung zu einer anderen Person erfordert Mut und Vertrauen.

Lehrmeisterin Ahsoka aber tut sich aufgrund ihrer vorhergehenden Erfahrungen schwer, solchen Mut und solches Vertrauen anderen gegenüber aufzubringen. Viel lieber gibt sie ihr Schicksal in die Hände des Droiden Huyang als einem Repräsentaten künstilicher Intelligenz. Manchmal frage ich mich, ob auch wir mehr technischen Mitteln – einem Computer, einem Smartphone oder unserer Digitaluhr – näherstehen, als Menschen aus Fleisch und Blut.

Der biblische Vers soll uns Mahnung und Anspruch zugleich sein, denn er nimmt zwar das Bild eines technischen Mittels, nämlich des Eisens auf, überträgt aber das Geformt- und Geprägt-Werden auf den menschlichen Umgang mit anderen.

Die Star Wars-Serie zeigt durch Ahsoka eine Person, die hadert, sich auf andere zu verlassen. Nur zögerlich lässt sie ihre ehemalige mandalorianische Padawan Sabine aufgrund einer strategischen Notwendigkeit wieder in ihr Leben.

Dabei heißt es:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Ahsoka und Sabine sind beide auf ihre Art eisern und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich gegenseitig zu schärfen. Erst als Ahsoka beschließt, Sabine zu vertrauen und sie zusammenarbeiten, wachsen sie jeweils auf eine unterschiedliche Art und Weise. Und doch weigern sie sich an vielen Stellen, sich voll und ganz auf eine solche Teamarbeit einzulassen, und entscheiden sich gelegentlich immer noch dafür, Herausforderungen allein anzunehmen.

Das erinnert mich an Worte Jesu in Johannes 15, wo Jesus die Metapher des Weinstocks und der Reben verwendet, und sagt, dass „keine Rebe aus sich selbst Frucht bringen kann“. Wir stehen nie im luftleeren Raum, sondern sind in soziale Systeme, dienstliche Institutionen und Organisationen eingeflochten.

Das Prinzip einer tiefverbundenen Gemeinschaft und dessen Notwendigkeit ist auch Ihr Studieren und Ihren Dienst in der Bundespolizei von essentieller Wichtigkeit.

Oder anders ausgedrückt: Wenn wir versuchen, ein Leben in Selbstgenügsamkeit und Isolation wie Ahsoka zu führen, machen wir uns anfällig für eine Vielzahl von Fallstricken, die wir hätten vermeiden können, wenn wir jemanden gehabt hätten, auf den wir uns stützen könnten.

Erst am Anfang dieser Woche hat eine Studiengruppe aus Ihrem Jahrgang im berufsethischen Unterricht davon erzählt, dass sie eine starke Dienstgemeinschaft durch das Studium hindurch und darüber hinaus sein möchte, die sich stützt und trägt, aber auch an der einen oder anderen Stelle ermahnt und eventuell korrigiert.

Ein praktischer Ausdruck des heutigen Bibelverses:

Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff durch Umgang mit anderen.

Möge Gott Sie auf dem Weg Ihres Studiums begleiten und möge Er Ihnen Menschen auf diesem Weg schenken, durch deren Umgang Sie den nötigen Schliff und Prägung für Ihren Dienst in der Bundespolizei erhalten.

Amen.

Predigt anlässlich der Vereidigung des 80. Studienjahrgangs am 6. Okt 2023

Ein Regen an Segen

Als Polizeiseelsorgerin am größten bundespolizeilichen Aus- und -fortbildungszentrum unterrichte ich nicht nur das Fach „Berufsethik“, sondern begleite die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter sowie das Stamm- und Abordnungspersonal, das diese große Ausbildungseinrichtung und die komplexe Ausbildung betreut. Ein offenes Ohr zu haben, die zu begleiten, die hier lernen und arbeiten, ist ein wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit.

Durch Andachten darf ich Gottes Wort als Stärkung und Ermutigung weitergeben – dienstags durch einen kleinen Bibelvers, freitags als Segen für das Wochenende, sowie einmal monatlich durch eine Mittagsandacht.

Zur Sommerpause habe ich einen „Regen an Segen“ als kleines Video mit den schönsten Segensworten erstellt. Beides, das Segensvideo sowie die dort verwendeten Segensworte, füge ich hier an. Solltet ihr diese verwenden, würde ich mich freuen, von euch zu hören. Möge Gottes Wort durch euch als Zeichen der Stärkung, Hoffnung und Ermutigung in unsere Welt gesprochen werden.

Habt einen gesegneten Sommer!

Eure Miriam Groß

Von Wanderungen, geschwollenen Füßen und prägenden Erfahrungen

Mein Blick schweifte über das spektakuläre Panorama, das sich vor mir ausbreitete, während ich meine geschwollenen, heißen Füße von mir streckte, die in den von trockenem Staub überzogenen Dienststiefeln steckten. Die Aussicht, die der Staffelberg in das Maintal und das Coburger Land schenkte, war eine wunderbare Belohnung für einen stundenlangen Marsch, der viele von uns an die Grenzen der Leistungsfähigkeit geführt hatte. Im ersten Ausbildungsjahr durchlaufen angehende Polizistinnen und Polizisten begleitet durch ein engagiertes Lehrpersonal mehrere Außenausbildungen – der Orientierungsmarsch ist hierbei der anstrengendste Abschnitt.

Mich erfüllte an diesem heißen Sommernachmittag tiefe Dankbarkeit und erinnerte mich an eine Bibelstelle, die eine solche zum Mittelpunkt ihrer Gedanken hat. Hierbei reflektiert ein unbekannter Autor die Geschichte Israels, deren Wüstenwanderung und die Überwindung dieser schweren Herausforderung in dankbaren Worten der erfahrenen Bewahrung. Mit etwas Amüsement stellte ich fest, dass die Israeliten laut Bibel selbst nach vierzig Jahren keine geschwollenen Füße hatten. Meine Füße hingegen fühlten sich an wie in einer viel zu heißen Sauna, pochten und schmerzten trotz einer durchaus weniger weiten Distanz als das Volk Israel durchlaufen hatte.

Deine Kleider sind nicht zerrissen an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre.

Dtn 8,4

Als Mittvierzigerin und Seminarälteste hatte mich dieser Orientierungsmarsch zugegebener Maßen an das Maximum meiner physischen Leistungsfähigkeit gebracht. An jedem beruflichen Ort, an den ich berufen wurde, ist es mein Anspruch, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Verstand präsent zu sein. Das galt für jeden beruflichen Abschnitt- ob Land-, Insel-, Großstadt-, EKD-Auslandspfarrerin oder Polizeiseelsorgerin. Die geschwollenen Füße nebst anderem kleinen „Souvenir“ nahm ich dabei gern in Kauf, denn es ist meine Aufgabe, meine Nächsten in deren Lebens- und Arbeitsumfeld zu begleiten. Nahe bei den Menschen zu sein, die uns Gott anvertraut hat, ist aus meiner Sicht die Aufgabe von Gottes „Bodenpersonal“.

An diesem heißen Sommertag, an dem wir Temperaturen bis 32C hatten und meine Uhr am Ende von unserer Wanderung 34,4 km anzeigte, war ich die Beschenkte. Denn ich durfte miterleben, wie eine Lehrgruppe weiter zusammenwuchs, einander in schweren Phasen der Wanderung unterstützte und auch ich als Teil ihrer Gruppe in meinem persönlichen Tiefpunkt vom Seminarleiter und Auszubildenden gestützt wurde.

Die Gruppe angehender Polizistinnen und Polizisten durchzog das tiefe Tal einer herausfordernden Wanderung in imponierender Weise und ging von einer Kraft zur anderen bis sie endlich gemeinsam mit uns als Lehrpersonal den spektakulären Staffelberg erklommen hatte. Und vielleicht war es ja für den einen oder die andere wie für mich eine spirituelle Erfahrung, die Gemeinschaft, Umgang mit Grenzen, tiefen Leistungstälern und Kraftorten miteinander verband.

Psalm 84 bettet dies in wunderbare Glaubensworte, die ich auch meinen Auszubildenden von ganzem Herzen wünsche:

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, /
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

Psalm 84,6-8

Von Schwachheit, Erfahrungen und tröstlichen Worten

Zur Tätigkeit einer Polizeiseelsorgerin gehört das geistliche Leben im dienstlichen Verantwortungsbereich zu stärken. Neben Gottesdiensten zur Vereidigung gestalte ich daher monatliche Mittagsandachten sowie kleine Andachten im Rahmen der Lagebesprechungen. Letztere werden immer von einem kleinen Andachtsbild begleitet, die in „Hostentaschenformat“ zum Mitnehmen ausgeteilt werden. Manche dieser Bilder poste ich auf meinen Social Media Accounts. Die heutige Andacht liegt mir besonders am Herzen, da sie von einer prägenden Erfahrung erzählt, die mich nach wie vor in meinem Dienst und Glauben stärkt. Daher will ich diese im Rahmen meines Blogs als kleinen Mutmacher Weiterschenken:

Vor etwas mehr als einem Jahr stand auf einmal das Leben für mich still. Von jetzt auf gleich war ich im wahrsten Sinn des Wortes durch einen Unfall und einen daraus resultierenden Armbruch „stillgelegt“ worden. Ausgerechnet drei Wochen vor dem bayerischen Kirchentag, an dem ich eigentlich hätte predigen sollen. Sie können sich vorstellen, welche Panik in mir aufstieg. Wie sollte ich diese Hürde nehmen, wenn noch eine Operation nebst Heilung vor mir stand?

Als ich kurze Zeit später nach der Operation mit einem angeschwollenen Arm zum Physiotherapeuten ging, reagierte er umgehend und schlug mir ein Tape zur Lymphdrainage vor. Es sei an dieser Stelle betont, dass mein Physiotherapeut nichts von dem Symbol des Kirchentages wusste und daher beim Anbringen des Tapes seiner Fachkompetenz und Einschätzung nachging. Ich staunte nicht schlecht, was sich wenig später an einem Arm als Kunstwerk abzeichnete: das Symbol des Kirchentagsplakates wand sich in kräftigem Rot über meine Hand und den Oberarm.

Dabei kam mir ein Bibelvers des Apostel Paulus in den Sinn, der mir tröstlich entgegensprach:

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ 2. Kor 12,9

Eine gute Woche später war ich bereit für den Kirchentag. Über 9000 Menschen hatten sich versammelt. Es würde wohl die größte Ansammlung an Menschen sein, vor denen ich je predigen dürfte.

Ich will Ihnen mit dieser kleinen Geschichte, die sich über einem Jahr ereignete, Mut machen: Manchmal sind es die schwachen Momente, in denen Gott spricht. Die besonders voll Kraft sind, auch wenn wir das nicht so sehen.

Einen gesegneten „Diensttag“ wünscht Ihnen

Miriam Groß

Andacht Lagebesprechung 20. Juni 2023

Von Kreuzen auf Schultern und an Wegesrändern

Inzwischen fühlt es nach zweieinhalb Jahren fast wie Routine an, wenn ich an meiner Dienstbluse die dunklen Schulterklappen befestige, auf denen jeweils ein goldenes Kreuz abgebildet ist. So oft wie in meiner Berufung zur Polizeiseelsorgerin habe ich noch nie so öffentlich sichtbar ein Kreuz getragen. In der Freizeit hingegen gestaltet sich dies für mich dezenter – manchmal als kleiner Anhänger, manchmal als winziger Ohrring.

An diesem strahlenden Sommersonntag brach ich zu einer kleinen Erkundungstour in der fränkischen Schweiz auf, um etwas Abstand von all dem zu erlangen, was ich die Woche über als Polizeiseelsorgerin gehört und mit erlebt hatte. Kein Kreuz auf der Schulter, kein Ohrring, kein Kreuzanhänger. Dafür umgeben von meiner Familie. Ziel war eine kleine Erkundung und Wanderung vom Gügel zur Giechburg, die über dem Tal mit Blick bis nach Bamberg thront und fast wie ein Tor zur nördlichen fränkischen Schweiz wirkt.

Doch dem Kreuz an sich kann keiner entfliehen – weder im literalen, noch im übertragenen Sinn. Das wurde mir in überraschender Weise auf dieser kleinen sonntäglichen Wanderung bewusst als uns auf dem Weg zur Wallfahrtskirche und dann weiter zur Giechburg ein wunderschöner Kreuzweg Etappe um Etappe begleitete.

In meiner seelsorgerischen Tätigkeit begleite ich Menschen, ob lebensreif oder jung, berufserfahren oder Anfänger, in deren Arbeit für die Bundespolizei oder während der Ausbildung zum Polizisten und der Polizistin. Die Arbeit dort hat mich sehr demütig werden lassen in all dem, was ich höre und vertrauensvoll mit begleiten darf. Viele müssen privat oder beruflich schweres erleben und manchen stößt sogar so viel zu, dass sie drohen, daran zu zerbrechen. An diesen Kreuzen kommen sie nicht vorbei und ich stehe manchmal unter diesem Kreuz und versuche mit auszuhalten, was sie erleben müssen.

Station um Station begleitete uns der Leidensweg Jesu auf unserer Wanderung als plötzlich ein Gedicht die Gedanken in zutreffliche Worte goß. Die Weisheit des Gedichts sprach von den Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe, aber auch als Polizeiseelsorgerin begleitete: Ja, am Kreuz kommt keiner vorbei. Aber als Christin fühle ich mich getragen davon, dass Christus das Kreuz nicht fremd war und uns im Hadern und den Schmerzen versteht- immer mit dem Blick auf die hoffnungsvolle Ewigkeit gerichtet. Wenn wir als Christen das Leid mit aushalten, dann wird mitten in dieser schweren Situation der Hoffnung symbolisch durch die geschenkte Begleitung Raum gegeben.

  1. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

an den vielen Feldern und Wegen,

errichtet der Dankbarkeit wegen,

als Trost in der Not uns zum Segen.

2. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

mag mancher lästern und scherzen,

voll Zorn und Missmut im Herzen,

das Leben birgt Glück und birgt Schmerzen.

3. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

auch wenn wir’s verstecken, verschweigen,

selbst wenn wir es fliehen und meiden,

wir reifen oft mehr noch durch Leiden.

4. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

keiner war jemals davon ausgenommen,

woher wir auch immer kommen,

oft trifft’s grad die Guten und Frommen.

5. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

nicht Ansehn, nicht Geld und nicht Macht

haben jemals es fertig gebracht,

dass einer im Leben nur lacht.

6. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

und mögen wir uns drehen und winden,

wir werden das Leben nur finden,

wenn wir uns im Teilen verbünden.

7. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

und keiner kann sich’s ersparen,

sei’s in frühen oder späteren Jahren,

im Kreuz wird das Leben erfahren.

8. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

und niemand kann es abwehren,

nicht abwerfen, nur noch erschweren,

wenn wir nicht Mittragen lernen.

9. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

ein Zeichen auch unseres Lebens,

ein Baum des Reifens und Segens;

denn ER starb für uns – und nicht vergebens.

10. Am Kreuz kommt keiner vorbei,

wo immer wir es verehren

solls die Hoffnung auf Leben vermehrten,

selbst der Tod kann es uns nicht verwehren.

Martin Seidenschwang

Von Kühlschrankmagneten, Berufung und Polizeiseelsorge

Das große Snoopy-Bild war schon etwas in die Jahre gekommen und wurde durch vier sehr unterschiedliche Magnete an unserer Kühlschranktür festgehalten. Fast täglich rückte ich den einen oder anderen bunten Magneten zurecht, damit das lieb gewonnene Bild beim hastigen Öffnen und Schließen der Türe nicht davon flatterte.

Heute aber hatte ich dank eines stillen Sonntages etwas Zeit und strich leise über die vier sehr unterschiedlichen Alltagshelfer, die für verschiedene Lebensstationen standen:

das kleine Flugzeug erinnerte mich an die Tätigkeit als Flugbegleiterin bei JAL während des kirchlichen Praxisjahres, der Orkney-Magnet stand stellvertretend für meine erste Auslandsverwendung als junge Pfarrerin, das etwas abgenutzte Einsatzauto der NYPD war ein Symbol für meine zurückliegende Tätigkeit bei der New Yorker Polizei, und das dunkle Quadrat hingegen stand für meine gegenwärtige Berufung als Seelsorgerin bei der Bundespolizei.

„Manchmal sieht man erst im Nachhinein, welche Wege Gott für uns schon vor langem geplant hat,“ sagte eine Person vor einigen Tagen zu mir als ich mich zugegebener Maßen niedergeschlagen zu einem Gespräch eingefunden hatte.

Ob Flieger, Insel, Megametropole oder polizeiliches Aus- und -fortbildungszentrum – ich war stets an eines gebunden: an eine Berufung, die mich mit Leib und Seele dort hat tätig sein lassen, wo Gott mich hin sandte. Ich war mir schon immer schmerzlich bewusst gewesen, dass ich weder aus einer Akademikerfamilie stamme, noch mächtige oder reiche Personen meinen Stammbaum schmücken. Eine Identität, die ich mit den meisten der über 8 Milliarden Menschen auf unserem Planeten teile. Die Alltäglichkeit meines Hintergrundes hat mir in meiner eigenen Biografie schon manche Stolperfalle gestellt oder sagen wir es so: lies manche Türen für andere aufgehen, die für mich fest verschlossen waren. Die Bibel aber hat mir schließlich einen Trost geschenkt und das Bild in manchem zurecht gerückt. Gottes Wort geht oftmals andere Wege als unser menschlicher Verstand dies vielleicht annehmen würde. Im ersten Brief weist Paulus die Korinther darauf hin, dass eine Berufung oft im Schwachen und Geringen zu finden ist:

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

1. Kor 1,26-31

Was in der Lutherübersetzung als „töricht“ wiedergegeben ist, kann ebenso als „absurd“ übersetzt werden. Aber irgendwie trifft ja beides in meiner eigenen Biografie zu, die ungewöhnliche, manchmal unvernünftige Pfade jenseits einer durchschnittlichen Pfarramtslaufbahn einschlug. Und im Nachhinein fange ich an, die weisen Worten meines letztwöchigen Gesprächspartners in meinem von außen betrachteten etwas töricht erscheinenden oder vielleicht für eine Theologin und Pfarrerin absurd wirkenden Lebenslauf zu entdecken. Gott rief mich stets an besondere Orte. In manchem kann ich gegenwärtig durchaus entdecken, wie diese Stationen mich auf meine gegenwärtige Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin am größten polizeilichen Aus- und -fortbildungszentrums vorbereitet haben bzw. mir dabei nun helfen.

Als Flugbegleiterin bereiste ich in jungen Jahren die Welt während ich Deutsch, Englisch und Japanisch geordnet nebeneinander, manchmal nach biblisch-babylonischem Verwirrungsprinzip durcheinander jonglierte, um tausende Menschen über Grenzen hinweg auf ihrer Reise zu begleiten.

In dieser Zeit hatte ich vielfache Berührungspunkte mit Polizeivollzugsbeamten. Nicht nur in Deutschland, sondern international. Das betraf nicht nur die Ein- und Ausreise, sondern auch Grenzsituationen, in denen ich dankbar war um die geleistete polizeiliche Hilfe. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an einen Randalierer an Board, der nach vielen angespannten Flugstunden von Frankfurt nach Tokyo nach der Landung von der japanischen Polizei in Gewahrsam genommen wurde.

Während meiner Zeit als Pfarrerin auf einer schottischen Insel war es die Unterstützung der örtlichen, aber auch der neuseeländischen Polizei, die mir bei der Begleitung einer traumatisierten Familie eine große Hilfe war. Es waren tiefgreifende pastorale Erfahrungen, die ohne die Hilfe der Polizeien in Schottland und Neuseeland nie zu einer gelingenden Begleitung in solch einer schweren Situation geführt hätten.

Und dann war da meine New Yorker Zeit. Was erst als ein kleines Projekt ehrenamtlich mit Einladungen zu Feierlichkeiten wie Beförderungen, Sommerprogrammen und Gemeindeversammlungen begann, wuchs zu einem wichtigen Bestandteil meiner Tätigkeit als Pfarrerin am Big Apple heran. Die Nachbegleitung von belastenden Einsätzen, der schwere Einsatz während des Corona-Ausbruchs, die massiven Demonstrationen aufgrund der Ermordung von George Floyd bereiteten mich unauffällig, aber stetig wachsend auf die nächste Berufung vor.

Inzwischen bin ich zweieinhalb Jahre als hauptamtliche Seelsorgerin innerhalb der Bundespolizei tätig. Nicht selten fühle ich mich töricht. Manchmal sogar in meinem Dasein etwas absurd, da ich in diesem polizeilichen Kontext so anders bin als die mich umgebenden Polizeivollzugsbeamten. Ich habe noch keinen Coopertest gelaufen, keinen physischen Widerstand erlebt, keine Waffe gehalten, oder anderes typisch Polizeiliches in Deutschland durchlebt. Aber manchmal geht Berufung eben gerade einen anderen Weg, wie wir im biblischen Text hören: Gott wählt das Törichte, das Schwache, das Geringe, um seine Botschaft in die Welt zu tragen. Möge das uns allem zum Trost sein, wenn wir unter Umständen weder in einer hierarchisch machtvollen Position sind, noch einflussreich und oder monetär gut situiert. Dann bleibt uns darauf zu vertrauen, dass Gott trotzdem oder sogar gerade durch unser marginales Sein in diese Welt hinein spricht und uns auf unserem Lebensweg Schritt um Schritt formt zu dem, wofür er uns bestimmt hat.

My dear Jewish friend 16: delivering a promise bit by bit – combating Antisemitism and racism through education

Tears ran down my cheeks. Hot and angry tears. It felt as if their trail was burning my skin. I remember well, when I had to break the news to you that I would be leaving the U.S. and returning to Germany. Our friendship was one of the most precious gifts I had been gifted with during our time in New York. Under your leadership we fed the hungry through the pantry of your synagogue and stilled the hunger of those, who had been hit hardest during the economic effects of the pandemic. It was on this day, that I promised to you that within my next call I would commit myself to fight Antisemitism and racism. I would infuse this commitment into the German Federal Police through education. Only a few months later, I started teaching young Police Cadets infusing the strong sense of commitment for Human rights, dignity and our German constitution, which was born as a democratic law out of the pain and death of millions.

Two years later, as I listened to the words of Dr. Borys Zabarko, my hand discreetly stroke my cheek down the same path the tears had taken over two years ago reminding me of the promise I had made to you. The auditorium was filled with 250 members of the German Federal Police. As Dr. Zabarko spoke about his experiences during the Holocaust, you could’ve heard a needle, if it would’ve dropped.

Dr. Zabarko had escaped the ghetto of Sharhorod as a child. After the Second World War he studied at the Chernivtsi University, and commenced his PhD at the Institute for History at the National Academy of Sciences of Ukraine in Kiev, where he received a PhD in 1971. He dedicated his whole career to combating Antisemitism and researching on the disaster of the Holocaust. The number of books he has written is impressive and he is at the forefront of research of the Holocaust in the Ukraine, gifting generations with his knowledge and commitment to combat this terrible heresy, which has cost millions of people their lives and has brought suffering over generations.

It was a twist of historical irony that he as a Ukrainian Jew was standing in front of a German audience, speaking about the horrible things which had happened through Nazi-Germany and its executive authorities. Now he had to flee his own country finding refuge where the perpetrators and terrible deadly heresy of Antisemitism had once installed a brutal system of death and catastrophe.

As he talked about the deadly role the police during the Nazi dictatorship had played, I held my breath and tried to swallow away the tears – the same hot tears of grief I had felt back then when I broke the news to you. Dr. Zabarko spoke about the massacre of Babyn Yar as the site of the largest massacre carried out by Nazi Germany’s forces during its campaign against the Soviet Union in World War II. It took place 29–30 September 1941, killing some 33,771 Jews in an industrial manner. He spoke about how the massacre was commenced with a mass ditch, in which line by line the victims fell through the hand of Sonderkommando 4a of Einsatzgruppe C, consisting of SD (Sicherheitsdienst) and SiPo (Sicherheitspolizei) men, the third company of the Special Duties Waffen-SS battalion, and a platoon of the No. 9 police battalion. As you can guess, a large number of these men had been police officers. While I glanced over the large number of listening police members and looked at the dark blue of my own police uniform, it felt as though not only the skin of my cheeks was set on fire. An important fire I hope others in the audience felt as well.

I am utmost blessed that the Leading Police Director understands my vision and calling. We share the same goal as we try to strengthen our democracy, standing up for human rights and combating Antisemitism, racism and any kind of exclusion through education and leading by example. There are so many obstacles in our way as we try to infuse these goals into the educational system of executive authority. Sometimes I am at the brink of giving up and the sacrifice of being ripped away from the comfort of our friendship seems to high of a cost as loneliness sometimes clouds my soul – but the shared goal of education within the German Federal Police and the promise I once made to you keep me going.

And I must admit: this remarkable day with Dr. Zabarko was in my eyes a living expression of the vision we are pursuing. It even found its outward expression as he signed the Golden Book of the City of Bamberg while Holocaust survivors, civil servants, politicians, and police officers were present.

I wish, you could’ve been here and experienced it first hand. I am delivering my promise to you bit by bit – with every new cadet being committed to combat Antisemitism, racism and other forms of hate. May it be a consolation across the miles as we are far apart, but united in heart and mind.

Von biblischen Bädern, Predigtherausforderungen und Vereidigungen

Auf meinem Schreibtisch hatte sich leibgewonnene theologische Fachliteratur eingefunden, denn Wichtiges zeichnete sich am Horizont meiner beruflichen Aufgaben als Polizeiseelsorgerin ab: ich sollte an der bevorstehenden Vereidigung von 686 Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter predigten. In dem kurzen Gottesdienst vor der Vereidigungszeremonie waren fünf Minuten Predigtzeit vorgesehen, in denen ich den jungen Kolleginnen und Kollegen Gedanken mit auf ihren beruflichen Weg mitgeben durfte. Stärkend sollte es meiner Meinung nach sein, aber auch mit dem nötigen Anspruch an die vor ihnen liegende wichtige berufliche Aufgabe.

Nachdenklich sah ich auf den biblischen Text:

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Jesaja 41,10

Nach einem tiefen Seufzer der Ratlosigkeit, gab ich mir einen Ruck und tauchte in altbekannte theologische Gefilde des althebräischen Textes ab, der sich wie ein warmes Bad der Gelassenheit und Ruhe anfühlte.

אַל־תִּירָא֙ כִּ֣י עִמְּךָ־אָ֔נִי אַל־תִּשְׁתָּ֖ע כִּֽי־אֲנִ֣י אֱלֹהֶ֑יךָ אִמַּצְתִּ֨יךָ֙ אַף־עֲזַרְתִּ֔יךָ אַף־תְּמַכְתִּ֖יךָ בִּימִ֥ין צִדְקִֽי׃

Während Verben des Zuspruchs wie des Aufrufs sich nicht zu fürchten, der Zusage der Begleitung, der Stärkung und Hilfe an mir vorüber schwammen und ich an mancher Stelle tiefer in den Text und andere Bibelstellen eintauchte, die diese Worte ebenso beinhalteten, wich langsam aber sicher die Unruhe von mir. Die Frage, was ich meinen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern mitteilen wollte, wich einer Faszination des Bibeltextes, der vor allem zum Ende hin immer dichter und aussagekräftiger wurde.

ימִ֥ין – rechte Hand

צִדְקִֽי – meine Gerechtigkeit

Die letzten beiden Begriffe zogen mich magisch an und wie aus dem Dampfnebel des althebräischen Bades zeichneten sich langsam, aber sicher die Konturen einer Predigtidee ab.

Das Eintauchen in das althebräische Bad hatte mir neue Kraft und Inspiration für die anstehende Herausforderung geschenkt. Nun war es Zeit, aus dem wohltuenden Bad des Althebräischen emporzusteigen und mich der Herausforderung der Predigt zu stellen. Während ich mich an den letzten beiden Begriffen festhielt, tauchte ich vollends aus dem biblischen Urtext auf.

Wenige Zeit später glitten meine Finger flink über die Tastatur des heimischen Computers und woben mit Zuversicht Gedanken zu einem kleinen Predigttext zusammen. Nun konnte die Vereidigung kommen.


Predigt anlässlich der Vereidigung von BA 22 II und 23 I am 13.5.2023

Bamberger Dom

– es gilt das gesprochene Wort –

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

Hände.

Sie sind ein solch wichtiger Teil unseres Körpers.

Kein Wunder, das sie vom Anfang unserer Menschheitsgeschichte an sichtbare Spuren zum Beispiel in Architektur, Kunst und Malerei hinterließen.

Da denke ich zum Beispiel an die ersten Abbildungen der Höhlenmalerei, zu denen nicht nur als Jagdzauber gemalte Tiere gehören. Da sind auch die vielen Hände. Große und kleine. Blasser und stärker hervortretend. Spuren derer, die einst waren und die ihre Anwesenheit, ihre Gegenwart in den Fels schrieben.

Hände.

Sie spielen eine zentrale Rolle im Leben. Wer schon einmal auf eine Hand verzichten musste, weil er sie verletzt oder gebrochen hatte, weiß wovon ich rede.

Durch sie meistern wir unser Leben.

Durch Hände werden wir zu kreativen, schöpferischen Wesen.

Durch Hände lassen wir andere spüren, was uns bewegt. Manchmal schmerzhaft durch ihre Kraft. Manchmal liebevoll durch ihre Zärtlichkeit.

Durch Hände setzen wir Zeichen. Die Schwurhand ist ein visualisierter Ausdruck gewichtiger Worte.

Spätestens beim Eintritt in die Schule achten wir auf die Präferenz einer Hand.

Nun würde mich interessieren, liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher, welche Hand Ihre präferierte wäre. Aber eine solche Umfrage zu starten, wäre zu zeitaufwendig. Daher greife ich heute auf eine Untersuchung des Psychological Bulletins vom Jahr 2020 zurück, an der 2,396,170 Probanden teilnahmen. Laut dieser Untersuchung sind 89,4 % aller Menschen Rechtshänder. Wie diese so geprägt wurden, ist umstritten und würde zu weit führen.

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass der biblische Spruch, den ich für die heutige Vereidigung ausgewählt habe, das Bild der rechten Hand ebenso verwendet und auf Gottes Handeln überträgt.

Gott spricht:

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Die rechte Hand, von der Jesaja spricht, im Hebräischen als ימִ֥ין („Jamin“) bezeichnet, meint die rechte Hand Gottes, die von Gerechtigkeit geleitet, Sie in Ihrem Dienst halten und schützen soll.

Als Seelsorgerin hoffe ich, dass Sie diese Stärkung und Hilfe spüren und erleben können, denn Ihr Dienst und Ihr Einsatz für unser Grundgesetz, das auf christlich-jüdischem Fundament ruht, ist nicht einfach.

Viele von Ihnen begleite ich im berufsethischen Unterricht und Sie haben im Rahmen des Eidunterrichtes von der wechselhaften Geschichte des Eides erfahren. Darüber diskutiert und leider auch hören müssen, wie manche Eide für politische Zwecke missbraucht wurden. Sie aber stellen sich in den Dienst unseres Grundrechtes und werden nach dem Eid dieses in praktische Taten umsetzen – immer mit dem Blick auf das eigene Gewissen.

Im Bibelvers wird Ihnen daher Mut zugesprochen. Fürchte dich nicht!, heißt es dort. 124 mal findet man diese Ermutigung in der Bibel. Dieser Ausspruch wird gerade dort laut, wo etwas Neues beginnt oder ein neuer Weg noch recht jung ist und Menschen Zuspruch benötigen.

Da denke ich zum Beispiel

an den Stammvater Abraham, der aufbricht,

an Mose, der das Volk aus der Sklaverei führen sollte,

an Ruth, die ihre Schwiegermutter begleitete,

an die vielen Propheten, deren Aufgabe es war, Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt stark zu machen,

an die Geschichte der Maria oder die Hirten auf dem Feld.

Das erklungene „Fürchte dich nicht“ deckt natürlich nicht irgendwelche utopische Vorstellungen ab. Es ist vielmehr ein göttlicher Mutmacher.

Denn ein Einsatz für Recht und Gerechtigkeit ist eine große Herausforderung. Der heutige Bibeltext Ihrer Vereidigung spricht im Hebräischen von צדקי („Zedakah“), der Gerechtigkeit, die ihren Ursprung und Auftrag in Gott hat.

Sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, fordert die Bibel, nein besser: gehört der Bibel nach zum selbstverständlichen menschlichen Handeln. Die biblischen Propheten klagen Gerechtigkeit immer wieder ein. Dabei ist es ihnen egal, ob sie einem Herrscher, König, Bürgermeister oder einer anderen hochgestellten Person gegenüber treten. Ihr Gewissen, das ausgerichtet ist an Gottes Gerechtigkeit, gibt ihnen den Mut und Auftrag, dies zu tun. Wer sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt, ist in guter biblischer Gesellschaft.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute werden Sie Ihren Eid sprechen und sich verpflichten, unser Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland zu schützen, die im Herzen die Menschenwürde als Dreh- und Angelpunkt tragen. Immer mit dem Blick auf das eigene Gewissen.

Der heutige Bibeltext möge Sie in Ihrer Tätigkeit begleiten – in Zuspruch und Anspruch zugleich:

Denn Gott spricht:

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Von unterschiedlichen Ausbildungen und wichtigen Erfahrungen für die Arbeit einer Polizeiseelsorgerin

Mit etwas Wehmut schaltete ich den Fernseher aus und tauchte gedanklich aus der ferne Japans in unserem Bamberger Wohnzimmer auf. Neun Folgen lang hatte ich zwei japanische Auszubildende in deren Lehrjahr in Kyoto begleitet. Die japanische Serie in Originalsprache hatte mich mitten in Oberfranken in eine ferne Welt mitgenommen und dabei alte Erinnerungen wachwerden lassen. Sprache, Gepflogenheiten, Kultur und so manche japanische Tradition war mir nach all der Zeit immer noch ungewöhnlich vertraut.

Weil das „Praxisjahr der Theologiestudierenden“ mindestens ein Jahr berufliche Tätigkeit außerhalb kirchlicher Strukturen erforderte, hatte ich als Zwanzigjährige eine Ausbildung zur Flugbegleiterin bei Japan Airlines (JAL) durchlaufen, um eineinhalb Jahre über den Wolken zu arbeiten. Nach einer Ausbildung am Frankfurter Flughafen, schloß sich ein achtwöchiger Aufenthalt in Tokyo an. Dies war der Anfang eines Eintauchens in die fernöstliche Kultur Japans – eine für mich zur damaligen Zeit durchaus fremde Welt.

Die Ausbildung und Tätigkeit als Flugbegleiterin war eine Lernerfahrung, die damals für mich gut war, aber zugegeben lange Zeit nicht direkt für meine berufliche Tätigkeit als Pfarrerin und Seelsorgerin fruchtbar gemacht werden konnte. Dies kam viele Jahre später mit meinem Wechsel zur Bundespolizei.

Noch heute erinnere ich mich an die Worte eines Loses, das ich damals bei einem Tempel gezogen hatte. Auf ihm war unter anderem zu lesen: „Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“ oder in Deutsch: „Selbst wenn Sie rechtschaffen sind und eine Chance haben, erfolgreich zu sein, können Sie nichts erreichen, wenn Sie nicht hart arbeiten.“

Dieser Satz hat mich immer wieder an Lebensstationen begleitet. Das Engagement um Gerechtigkeit ist für mich als Pfarrerin ein wichtiger Aspekt meiner Berufung. Und gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst, dass ich viele wunderbare Bildungs- und Berufs-Chancen geschenkt bekommen habe, die aber nur durch harte Arbeit wirklich erreichbar waren.

Meine jungen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter erhalten ebenso die einmalige Chance, einen der wohl spannendsten, aber auch verantwortlichsten Berufe erlernen zu dürfen. Das Streben um Recht stellt hierbei einen wichtigen Aspekt dar. Das Erlernen dieses Berufes kommt jedoch mit großen Herausforderungen – daher wird von ihnen harte Arbeit gefordert, manchmal bis zur Erschöpfung.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

Auch das kenne ich aus meiner Ausbildungszeit bei JAL. Ein normaler Ausbildungstag lief so ab:

4:00 Uhr Aufstehen

Mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt zur Ausbildungsstätte quer durch Tokyo

6:30 / 7 Uhr Frühstück an der Ausbildungsstätte

7:30 Uhr Dienstbeginn und Unterricht

17 Uhr Unterrichtende und Heimfahrt

Mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt zum Wohnheim quer durch Tokyo

19 Uhr Abendessen

ca. 20 Uhr Lernen

Gnadenlos wurden wir eingegliedert in ein japanisches Bildungssystem, denn schließlich würden wir bald als Deutsche in einer japanischen Fluggesellschaft arbeiten. Zumeist allein oder zu zweit in einer japanischen Crew. Für uns angehende Flugbegleiterinnen war es ein wahrer Kulturschock. Ich begegnete dem Ganzen mit viel Neugier und einer guten Portion Willenskraft, die beste Leistung abzulegen und mich in dieses System einfinden.

Es waren anstrengende Ausbildungstage, die früh begannen. Ich kann meine Polizeischülerinnen und -schüler gut verstehen, deren Dienst täglich um 6.55 Uhr beginnt und gegen 16:30 / 45 Uhr endet. Auch sie tauchen in eine unbekannte Kultur ein. Hierarchie, Disziplin, Ambitioniertheit und Engagement sind elementar, um diese Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

In der letzten Dienstwoche durfte ich eine Lehrklasse bei einer sogenannten „Alarmübung“ begleiten. Das hieß für die jungen Polizeischülerinnen und -schüler um 2:30 Uhr geweckt zu werden und dann in ihrer Lehrklasse von einem Punkt aus wieder an den Ausbildungsort zurückzufinden. Selbstverständlich mit dem jeweiligen Lehrgruppenleiter und mir sowie einem engagierten Team, das im Hintergrund alle notwendigen Vorkommnisse, Regelungen und Fahrten organisiert. Genau bedeutet das: 15 Kilometer durch die Dunkelheit. Dies erfordert Wissen, Teamgeist und Motivation.

Durchhaltevermögen und harte, engagierte Arbeit sind essentiell für den Beruf eines Polizisten und einer Polizistin. Wer hätte gedacht, dass ich aus den damals bei Japan Airlines gemachten Erfahrungen so viele Analogien für die Ausbildung meiner Schülerinnen und Schüler ziehen würde! Und ganz nebenbei einige interessante Erfahrungen in den Unterricht einfließen lassen könnte – ob Randalierer an Board, Herzstillstand oder Notfallausbildung für Land- und Wasserlandung. Für mich mehr als nur unterhaltsame Erfahrungen, denn sie erzählen von dem Unerwarteten, den Überraschungen und Notfällen, die über sie hereinbrechen können. Sie darauf wenigstens ein bisschen vorbereiten zu können, gibt meinen eigenen Erfahrungen mehr Tiefe.

„Even if you are righteous and have a chance to be successful, nothing can be achieved unless you work hard.“

No. 87 The Best Fortune, Temple in Asakusa

Ich gab mir einen Ruck, legte die Fernbedienung auf den Sofasessel und ging in die Küche, um etwas Sushi zuzubereiten. So konnte meine Familie einen kleinen Geschmack von Japan erhalten und meine Sehnsucht nach einem fernen und doch so nahen Ort etwas stillen, um dann am nächsten Tag wieder vor meine Lehrklassen zu treten.

Endemische Gedanken: wenn das Schweigen endlich bricht und prägende Erfahrungen bleiben

Aus Gründen ist es Zeit, endlich das Schweigen zu brechen und in diesem Blogeintrag über prägende pandemische Erfahrungen als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin zu schreiben.

Jahresanfang und eine Woche Urlaub. Für mich die perfekte Kombination, um etwas Ordnung zu schaffen und dadurch offen zu werden für die nächsten zwölf Monate des noch recht jungen Jahres. Als ich den Inhalt meines Nachtkästchens ausleerte, fiel mir eine Stoffmaske in die Hand, die ich vor fast genau zwei Jahren direkt aus meinem Fluggepäck in der Schublade des Nachtkästchens verstaut hatte. Nachdenklich setzte ich mich auf den Rand meines Bettes. Laut Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Klinik Charité, befinden wir uns bereits am Ende der Pandemie und in Deutschland am Beginn einer Endemie. Das heißt nicht, dass das Virus uns nicht weiterhin im Griff hat, dennoch trifft es nicht in der vorher vorhandenen Härte, Intensität und Gefährlichkeit. Eine Endemie bedeutet, dass wir weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll sein müssen, aber lernen mit der sich verbreiteten Krankheit umzugehen. Dazu benötigt es auch das Element der Reflexion, um aus dem Erlebten zu lernen.

Die Stoffmaske wirkte an diesem ersten Samstag des neuen Jahres wie ein Relikt aus einem anderen Leben, das inzwischen weit weg erschien. Ich seufzte tief. Bilder in wirrer Reihenfolge erschienen vor meinem inneren Auge. Ich schüttelte mich, während so manche Emotion der in New York erlebten Pandemie von mir wieder Besitz ergriff. Die Maske musste aufbewahrt werden. Wie lange ich auf meiner Bettkante saß, weiß ich nicht- doch irgendwann gab ich mir einen Ruck und suchte all die anderen Stoffmasken, die wir aufgehoben hatten.

Ich fand unsere Sammlung an Stoffmasken im abgelegensten Schrank unserer Wohnung in der untersten Schublade hinter vielen Halstüchern. Während in Deutschland schon bald FFP2-Masken Pflicht geworden waren, trugen wir in den USA relativ lange waschbare Masken aus Stoff. Im Nachhinein schützen diese Masken nicht so gut, waren aber nun für mich wichtige Erinnerungsstücke – persönliche Artefakte einer sehr intensiven Dienstzeit geworden.

Vier Masken hatte ich besonders gerne getragen. Sie waren nicht nur gut geschneidert gewesen, sondern verbanden mich emotional mit wichtigen Stationen einer intensiv erlebten Dienstzeit:

Auf der Maske aus schwarzem Baumwollstoff war in großen Buchstaben FAITH ______OVER ______ FEAR aufgedruckt. Diese Maske steht für den Beginn und die erste Welle der Pandemie, die ich in New York als einem der ersten Corona-Hotspots der westlichen Welt erlebt hatte. Es waren Monate, in denen ich als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin meine Berufung noch nie so intensiv gespürt hatte, wie in dieser Zeit. Eine Lehre dieser Zeit ist für mich, dass in Gefahr Berufung erst richtig beginnt. Noch gut erinnere ich mich an die Angst, mich selbst anzustecken- im Krankenhaus während ich Sterbende begleitete oder in den beengten New Yorker Bedingungen als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin, wo ein sicherer Abstand oftmals schwer möglich war.

Das Symbol der Synagoge war schon etwas abgegriffen – für mich strahlte es in seinem einfachen Weiß auf dieser azurblauen Maske umso mehr. Diese besondere Maske war mir von meiner jüdischen Synagoge geschenkt worden, wo ich mich ehrenamtlich engagiert hatte. Eine der bitteren Auswirkungen der Pandemie war in USA eine schnell eingetretene Massenarbeitslosigkeit, die vor allem aufgrund des nur rudimentären Sozialsystems die Ärmsten der Armen getroffen hatte. Diese Arbeit durfte daher nicht zum Erliegen kommen. Mit viel Fantasie und Engagement versuchten wir trotz der uns umgebenden viralen Gefahr für die zu sorgen, die sonst hungern würden.

Und dann nahm uns mitten in diesem pandemischen Chaos ein politisches Ringen Recht und Gerechtigkeit den Atem. Auf schwarzem Untergrund prangte neben dem Profil der Richterin Ruth Bader Ginsburg, die eine der größten Kontrahentinnen des damaligen Präsidenten Donald Trump war, in bunten Lettern die Aufschrift WOMEN BELONG IN ALL PLACES WHERE DECISIONS ARE BEING MADE. Ich hatte in USA ein Ringen um eine politisch gerechter gestaltete Welt erlebt, in der es einen Kampf um Inklusivität bzw. Exklusivität gab. Erinnerungen an wunderbare Frauennetzwerke und eine durchbangte Wahlnacht sind mir immer noch sehr präsent.

Eine weitere mir wichtige Maske strahlte und glitzerte mir auf einem galaktischen Hintergrund entgegen. Sie erinnert mich an die Träume, die mich in dieser intensiven Dienstzeit antrieben: Träume von Gesundheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Eine große Aufgabe, die wir nur gemeinsam Wirklichkeit werden lassen können. Wenn jeder eine Kleinigkeit dazu in seinem jeweils eigenen Bereich dazu tut, kann dies gelingen. In New York und jetzt in Bamberg versuche ich weiterhin meinen kleinen Teil dazu beizutragen.

Die Zahl der persönlichen Artefakte endete jäh mit meinem beruflichen Wechsel zur Bundespolizei – sicherlich auch verbunden mit der Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske. Mit meiner Rückkehr nahm so mancher Kollege wieder Kontakt zu mir auf. Eine Unterhaltung kurz nach meiner Rückkehr im Januar 2021 wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Anstatt mir ein offenes Ohr zu leihen, kritisierte er meinen beruflichen Wechsel zur Bundespolizei. Ich sei schon wirklich dumm gewesen. Wenn ich eine normale Pfarrstelle gewählt hätte, hätte ich sicherlich noch einige Monate eine ruhige Kugel schieben können. In Ruhe umziehen. Ankommen. Mich einfinden. Stattdessen hätte ich den Strudel des polizeilichen Dienstes gewählt. Ich war sprachlos über dieses opportunistische Denken, das ich bei diesem Kollegen wahrnehmen musste.

Als ich in Deutschland ankam, fragte man mich nicht nach meinen Erfahrungen noch bot man mir die Möglichkeit an, diese zu verarbeiten. Ein Sonderurlaub war bei einem solchen Wechsel nicht vorgesehen. Noch heute frage ich mich warum eigentlich, wenn ich viele dienstliche Sonderbelastungen getragen hatte? Supervision oder psychologische Begleitung wurde mir ebenso wenig angeboten. Also stürzte ich mich ins Neue und verarbeitete das Erlebte auf meine Weise.

Nach fast zwei Jahren sind diese Erfahrungen nun ein für mich wertvoller Teil meines Selbst geworden. So manches kann ich in den berufsethischen Unterricht der BPOL nebst zahlreicher Reportagen, die über meinen Dienst in New York gedreht wurden, einfließen lassen. So wird nun für andere zum Segen, was ich erlebt habe.

Für mich steht am Ende dieser endemischen Gedanken vor allem diese wichtige Lektion im Mittelpunkt der pandemischen Dienstzeit: eine Berufung zeigt sich in Gefahr – das verbindet mich zutiefst als Pfarrerin mit den mir anvertrauten Polizeikräften, die ich begleiten darf. Die eigene Berufung so stark spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk der pandemischen Dienstzeit, das mich begleiten wird – egal, wo ich meinen Dienst versehe.