Wenn nun das Salz nicht mehr salzt…

Der Frühstückstisch war reich gedeckt. Feiertage, an denen wir als Pfarrfamilie gemeinsam ausgiebig frühstücken können, sind selten und umso wertvoller, denn neben dem für Pfarrer*innen üblichen sonntäglichen Dienst haben Auslandspfarrer*innen selten einen Sonntag außerhalb der Urlaubszeit frei.

Ein fröhliches Gespräch rund um die beginnende Schule, das Einsetzen eines von der Pandemie geprägten neuartigen Alltages, aber auch so manchem vorsichtigen Fragen entspann sich zwischen Bacon, Semmeln, Frühstücksei und Co. Mein Blick blieb am kleinen Salzstreuer hängen, der wie immer bereit stand. “Ihr seid das Salz der Erde” – war dort in weißen Lettern auf blauem Hintergrund aufgedruckt. Vor vielen Jahren hatte ich mit diesen Salzstreuern des Amt für Gemeindedienstes in meiner damaligen Gemeinde in Bayern einen Gottesdienst gestaltet. Das Lachen meiner Familie verschwand in einer Gedankenwolke, die mich immer weiter in die biblische Worte Jesu hineinzog:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

Matthäus 5,13

Salz spielt in der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt war es über Jahrhunderte hinweg wertvoller als Gold. Heute ist Salz unser wichtigstes Würzmittel und für unseren Körper von großer Wichtigkeit.
Das sogenannte Kochsalz ist ein wichtiger Mineralstoff für unseren Körper, das den Wasserhaushalt, die Gewebespannung und die Grundlage für die Arbeit von Nerven und Muskeln ist. Es spielt sogar als Mineralstoff eine wichtige Rolle beim Knochenbau und bei der Verdauung. Kurz gesagt: Salz ist elementar wichtig für unseren Körper. Jeder Mensch braucht diesen Mineralstoff in Maßen, um nicht zu erkranken.

Zur Zeit Mahatma Gandhis war Salz nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der damaligen britischen Kolonie, sondern elementar wichtig zur Zubereitung des Reis als Grundnahrungsmittel und ebenso notwendig, um den täglichen Elektrolytverlust auszugleichen, der durch das heiße Klima evoziert wurde.

In einem 24-tägigen Salzmarsch zog Gandhi mit 78 seiner Anhänger im März 1930 von seinem Wohnort über 385 Kilometer nach Dandi am Arabischen Meer. Dort hob er als Symbolhandlung einige Körner Salz auf, um damit gegen das britische Salzmonopol zu demonstrieren. Tausende von Anhängern folgten seiner Zeichenhandlung. Weil aber jede Form der Salzgewinnung, des Salztransports und des Salzhandels per Gesetz nur den Briten vorbehalten war, wurden an die 50.000 Inder in der Folge verhaftet. Die Gefängnisse wurden mit Insassen überflutet. Letztendlich führte dieser friedliche, zivile Ungehorsam zur Unabhängigkeit Indiens.

Jahrzehnte später hatte die gewaltfreie Philosophie Gandhis den jungen Theologen Martin Luther King Jr. während seines Studiums zutiefst beeindruckt. Die Vorlegung Mordecai Johnsons, des damaligen Präsidenten der Howard University, zu Ghandis Leben, seiner Sozialethik und dem Konzept des “Satyagraha” (1) hinterließen tiefe Spuren in King, die er im christlichen Glauben Jesu Christi wiederfand und zum Grundkonzept seines politischen Handelns machte. Dabei war ihm eine Verbindung von Wort und Tat des Einzelnen durch Gewaltfreiheit wichtig. Beides, das Geschenk des Glaubens und die daraus resultierende, gewaltfreie und dem anderen zugewandte Handlung des Einzelnen stellte das Zentrum der Berufung des Glaubenden da. Dabei war es ihm wichtig, Unrecht zu benennen und die Verantwortlichen zur Verantwortung zur rufen. Nicht umsonst hatte er in einer Ansprache bei der Jahresversammlung der “Fellowship of the Concerned” im November 1961 darauf hingewiesen, dass alles, was Hitler damals in Deutschland vorgenommen hatte, legal gewesen sei:

It was illegal to aid and comfort a Jew, in the days of Hitler´s Germany. But I believe that if I had the same attitude then as I have now, I would publicly aid and comfort my Jewish brothers in Germany if Hitler were alive today calling this an illegal process.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 50.
(Übersetzung: Siehe Anmerkung 2)

Es ist eine schmerzhafte und umso wichtigere Mahnung, dass im Nationalsozialismus viele Vorgehensweisen, Gesetzgebung und Handlungen juristisch verifiziert und gerechtfertigt worden waren. Dies reichte von einer Verfolgung und Tötung von Juden und Minderheiten, über die Unterdrückung von Gegenstimmen bis hin zur Gleichschaltung von Kirchen und Universitäten. In schmerzhafter Weise sollte uns weiterhin bewusst sein, dass evangelische Kirchen in weiten Bereichen die nationalsozialistische Ideologie annahmen und umsetzten. Pfarrer, die sich gegen die vorherrschende politische Meinung aussprachen, wurden dienstrechtlich und disziplinarisch zum Schweigen gebracht.

Jesus Christus aber sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt , womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. – Identität im Glauben und Handeln müssen eine elementare Einheit im und durch den Glaubenden darstellen. Nur wenn wir als starke Gemeinschaft auftreten, die aus der Kraft des Glaubens schöpft und sich den Ungerechtigkeiten der Welt entgegenstellt, mögen sie offiziell legitimiert sein oder nicht, so können wir dem Reich Gottes den Weg bahnen.

Viele in den USA und an anderen Orten dieser Welt üben in diesen Tagen und Wochen eines bewegten Jahres 2020 diese Form des friedlichen Protests, um der Gerechtigkeit, Gleichheit und dem Frieden Vorschub zu leisten. Die Worte Dr. Kings gegenüber Robert Williams, einem Befürworter für militante Selbstverteidigung Schwarzer, können uns auch heute einen Weg jenseits eines Schweigens hin zu gelebter Solidarität für Unterdrückte und Benachteiligte aufzeigen:

There is more power in socially organized masses on the march than there is in guns in the hands of a few desperate men. Our enemies would prefer to deal with a small armed group rather than with a huge, unarmed but resolute mass of people. However, it is necessary that the mass-action method be persistent and unyielding. Gandhi said the Indian people must “never let them rest,” referring to the British. He urged them to keep protesting daily and weekly, in a variety of ways. This method inspired and organized the Indian masses and disorganized and demobilized the British. It educates its myriad participants, socially and morally. All history teaches us that like a turbulent ocean beating great cliffs into fragments of rock, the determined movement of people incessantly demanding their rights always disintegrates the old order.

Martin Luther King Jr.: A Testament of Hope – The Essential Writings and Speeches, New York 1986, S. 31. (Übersetzung: Siehe Anmerkung 3)

Eine direkte gedankliche Verbindung des gewaltfreien Widerstandes von Jesus Christus über Gandhi bis hin zu Martin Luther King Jr. kann uns Zuspruch und Anspruch zugleich sein. Die Kirchen sind hierbei in eine besondere Verantwortung gerufen, die auch nicht vor legitimierten Strukturen Halt machen darf, wenn diese dem Doppelgebot der Liebe als dem höchsten Gebot des Glaubens widersprechen. Der US-amerikanische Frühling und Sommer stellt dies auf eine harte Probe.

“Mama, kannst du mir das Salz bitte geben?” Ich tauchte aus meiner tiefen Gedankenwolke wieder auf. Meine Tochter sah mich ungeduldig an während ihre ausgestreckte Hand auf den Salzstreuer deutete. Behutsam strich ich nochmals über die Aufschrift des Salzstreuers, der bereits durch jahrelangen Gebrauch Spuren aufwies und reichte ihr schließlich den kleinen Streuer.

Wenn das Jahr 2020 zuneige gegangen sein wird, wird sich herausstellen, ob wir in unseren Handlungen in diesen schweren Monaten wirklich das Salz der Erde waren.


(1) Gewaltlose Grundhaltung, die versucht den Feind durch Vernunft zur Einsicht zu bewegen und zum Freund zu gewinnen)

(2) Übersetzung: In den Tagen von Hitlers Deutschland war es illegal, einem Juden zu helfen und ihn zu trösten. Aber ich glaube, wenn ich damals die gleiche Einstellung hätte wie heute, würde ich meinen jüdischen Brüdern in Deutschland öffentlich helfen und sie trösten, wenn Hitler heute noch am Leben wäre und dies als eine illegale Handlung bezeichnen würde.

(3) Übersetzung: In sozial organisierten Massen auf dem Marsch gibt es mehr Macht als in Waffen in den Händen einiger verzweifelter Männer. Unsere Feinde würden es vorziehen, sich mit einer kleinen bewaffneten Gruppe zu befassen, anstatt mit einer großen, unbewaffneten, aber entschlossenen Masse von Menschen. Es ist jedoch notwendig, dass die Aktionsmethode der Masse dauerhaft und unnachgiebig ist. Gandhi sagte, das indische Volk dürfe “sie niemals ruhen lassen” und bezog sich dabei auf die Briten. Er forderte sie auf, täglich und wöchentlich auf verschiedene Weise zu protestieren. Diese Methode inspirierte und organisierte die indischen Massen und desorganisierte und demobilisierte die Briten. Es formt seine unzähligen Teilnehmer sozial und moralisch aus. Die ganze Geschichte lehrt uns, dass wie ein turbulenter Ozean, der große Klippen in Felsbrocken schlägt, die entschlossene Bewegung von Menschen, die unablässig ihre Rechte fordern, immer die alte Ordnung auflöst.

“Good Trouble” – Amerika nimmt Abschied von John Lewis

Amerika gedenkt John Lewis, einem der berühmtesten Vertreter der Bürgerrechtsbewegung neben Martin Luther King Jr., der am 17. Juli verstorben ist. Sein Aufruf “Good Trouble” im Namen der Gerechtigkeit auszulösen, kann uns heute rund um die Welt inspirieren während wir uns für eine gerechte und inklusive Gesellschaft engagieren. Mehr dazu in diesem Vlog.

Waffen der Gerechtigkeit

Es war wie ein New Yorker Tag aus dem Bilderbuch mit einem strahlen blauen Himmel. Ein leichter Wind wehte wohltuend durch die Häuserschluchten und erfrischte mich beim Gehen trotz der hochsommerlichen Temperaturen. Sie die berühmte 5th Avenue, auf der es von Fußgängern und dichtem Verkehr immer nur so wuselte, war fast ausgestorben. Die meisten Luxusgeschäfte, in der die Reichen und Sternchen dieser Welt ihren Kaufgelüsten nachgingen, waren geschlossen. Manche waren immer noch seit dem Beginn der Unruhen vor einigen Wochen mit Sperrholzplatten vernagelt.

Während PRADA & Co. und deren kaufkräftige Kunden nun ins “pademie-sichere” Online-Geschäft migriert waren, ringt die USA mit diesem Dämon, der aus dem Ringen nach Profit, Konsum und Eigensucht geboren worden war: der Marginalisierung und Ausbeutung von Menschenleben und konkreten gesellschaftlichen Schichten.

Ich kehrte dem PRADA-Geschäft und seiner teuren Auslage den Rücken und konzentrierte mich auf den leuchtend gelben Schriftzug vor mir auf der 5th Avenue, der mir tröstend in großen Lettern BLACK LIVES MATTER entgegen strahlte.

BLACK LIVES MATTER, 5th Ave zw. 56. und 57. Street
BLACK LIVES MATTER, 5th Ave zw. 56. und 57. Street

Donnerstag vor einer Woche (9. Juli) hatten namhafte Vertreter New York Citys zusammen mit Bürgermeister Bill De Blasio vor Trump Tower diesen leuchtend gelben Schriftzug eigenhändig aufgezeichnet. Jeder Besucher und Bewohner dieses Luxusgebäudes auf einer der teuersten Straßen der Welt würde sich nun nicht mehr der “Black Lives Matter”-Bewegung und ihrem mahnenden Ruf gegen systemischen Rassismus entziehen können. Just nach Bekanntgabe des Plans sprach Präsident Trump via Twitter von einem Symbol des Hasses und einer Verunglimpfung der Luxusstraße. Eine Reaktion, die die Zeichenhandlung gegen ein ungerechtes kapitalistisches System nur noch mehr unterstrich.

Trump Tower, 5th Ave
Trump Tower, 5th Ave

Die Anbringung des Schriftzuges durch Vertreter New York Citys und Bürgermeister De Blasio erinnern mich an eine Reihe von Propheten, die die Botschaft Gottes durch ihre Handlungen sichtbar und erfahrbar werden ließen. So wird zum Beispiel von Jesaja berichtet, dass er drei Jahre nackt in Jerusalem herumgelaufen sei (Jes 20,3). Die Zeichenhandlungen der biblischen Propheten reichen von Haarescheeren (Ezechiel), über die Auferlegung eines Jochs (Jeremia) bis hin zur Heirat einer Prostituierten (Hosea) und Benennung von Söhnen mit Symbolnamen (Jesaja und Hosea).

Propheten waren dazu berufen, Gottes Botschaft zu den Menschen zu bringen und auf Ungerechtigkeiten in Gesellschaft und Politik hinzuweisen. So nahm der Prophet Amos kein Blatt vor den Mund als er auf die sozialen Zustände seiner Zeit hinwies und die Frauen der damaligen Oberschicht als “fette Kühe” bezeichnete, deren Familien aufgrund der Ausbeutung von niederen Gesellschaftsschichten zu ihrem Wohlstand und Reichtum gelangt waren:

Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen! Gott der Herr hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinausmüssen, eine jede vor sich hin, und zum Hermon weggeschleppt werden, spricht der Herr.

Amos 4,1-3

Die prophetische Tradition die Wahrheit Gottes und dessen Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft auszusprechen und nicht vor den Zentren der Macht noch deren Vertretern in Gesellschaft und Politik zurück zu schrecken, ist ebenso bei Jesus vorzufinden. Er scheute sich nicht vor Diskussionen mit Entscheidungsträgern und lies das Reich Gottes Realität werden, indem er Kranke heilte, Ausgestoßene Aufmerksamkeit und Straftätern eine Möglichkeit zur Rückkehr gewährte. Dabei wartete er nicht auf den Beschluss eines Gremiums noch seiner Jünger, sondern wendete sich denen am Rand der Gesellschaft Befindlichen zu. Den Schwächsten und Bedürftigen. Dies gab er auch seinen Jüngerinnen und Jüngern als Richtschnur für ihr eigenes Handeln auf.

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Mt 25,35-36

Weiterverfolgen können wir diese Tradition beim Apostel Paulus, der in seinem ersten Brief an die Korinther darauf hinwies, dass wir als Gemeinschaft ein Ganzes darstellen. Hierfür nutzte er das verständliche Bild des Leibes. Jeder hat sicherlich schon einmal erlebt, dass ein Körperteil erkrankt war und dadurch die ganze Person leiden musste. Diese Gesamtheit lässt sich ebenso auf gesellschaftliche Strukturen übertragen (1. Kor 12,26). Martin Luther King Jr. aktualisierte diesen Gedanken in einem fiktiven Brief des Apostels an amerikanische Christen, den er am 4. November 1956 neun Tage bevor der oberste amerikanische Gerichtshof die Segregation im Bustransport Alabamas als verfassungswidrig erklärte:

Der Missbrauch des Kapitalismus kann auch zu tragischer Ausbeutung führen. Dies ist in eurer Nation so oft passiert. Sie sagen mir, dass ein Zehntel der Bevölkerung mehr als vierzig Prozent des Reichtums kontrolliert. Oh Amerika, wie oft hast du den Massen das Nötigste genommen, um den [höheren] Klassen Luxus zu geben. Wenn ihr eine wahrhaft christliche Nation sein wollt, müsst ihr dieses Problem lösen. […] Ihr könnt im Rahmen der Demokratie arbeiten, um eine bessere Verteilung des Wohlstands zu erreichen. Ihr könnt eure mächtigen wirtschaftlichen Ressourcen nutzen, um die Armut vom Erdboden zu wischen. Gott hatte nie vor, dass eine Gruppe von Menschen in überflüssigem, übermäßigem Reichtum lebt, während andere in bitterer, tödlicher Armut leben. Gott beabsichtigt, dass alle seine Kinder die Grundbedürfnisse des Lebens haben, und er hat in diesem Universum “genug und teilbares” für diesen Zweck gegeben. Deshalb fordere ich euch auf, die Kluft zwischen bitterer Armut und überflüssigem Reichtum zu überwinden.” (1)

Martin Luther King, Jr., Pauls Letter to American Christians

Unglaubliche 64 Jahre später, ringt die USA immer noch um ein gerechtes gesellschaftliches System, das durchwoben ist von einer Benachteiligung gegenüber farbigen Bevölkerungsgruppen und anderen Minoritäten am Rande der Gesellschaft. Es bedarf daher vieler mutiger Personen, die in prophetischer Tradition gegen diese Ungerechtigkeiten aufsprechen und ihre Stimme für die erheben, die keine Stimme haben. So wie dies gegenwärtig durch die Bewegung “Black Lives Matter” geschieht. Ein biblische Erbe das Christinnen und Christen mutig annehmen sollten.

Eine Person äußerte mir gegenüber letztens ihre Erleichterung, dass Deutschland nicht mit den amerikanischen Problemen des Rassismus behaftet sei. Das ist zu einfach gedacht. Rassismus ist eine gesellschaftliche Realität in Europa. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Antisemitismus als dessen häretischer Zwilling unglaubliches Leid über Deutschland, Europa und weite Teile der westlichen Welt gebracht hat. (2) Während ich sprachlos in den Telefonhörer starrte und die Worte der Person ungehört an mir herunter perlten, zogen mich meine Gedanken in die Zeit des Nationalsozialismus: Was wäre gewesen, wenn man damals mutig aufgestanden wäre als Christen und als Kirche und vor die damaligen Zentren der Macht als deutsches Pendant “Jüdisches Leben Ist Wertvoll” oder den Anglizismus “Jewish Lives Matter” geschrieben hätte? Stattdessen wählten die großen Kirchen den Weg in die Mittäterschaft und unterstützten das mörderischste Hasssystem der Welt in seiner menschenverachtenden Politik. Gerade deshalb geht es Christ*innen in Deutschland besonders an! Sie müssen sich verpflichtet fühlen zu dem Jahrtausende alten Ruf der Propheten, der gegen Ungerechtigkeit von Benachteiligten und Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft aufspricht. Weil andere Minoritäten sich in sozialer und finanzieller Not befinden, könnte zum Beispiel auch andere Rufe laut werden, wie…

“Jewish Lives Matter”

oder “Sinti Lives Matter”

oder “Homeless Lives Matter”

oder “Female Lives Matter” und so viele mehr.

Ich träume von einer Kirche, die dem prophetischen Ruf Gottes folgt und tief in der Beauftragung Jesu Christi verwurzelt ist. Je mehr diesem Ruf folgen, umso größer wird das Reich Gottes bereits in dieser Welt. Ein Vorgeschmack auf den Himmel und wie Gott sich unsere Welt erhofft.


(1) Originaltext: “The misuse of Capitalism can also lead to tragic exploitation. This has so often happened in your nation. They tell me that one tenth of one percent of the population controls more than forty percent of the wealth. Oh America, how often have you taken necessities from the masses to give luxuries to the classes. If you are to be a truly Christian nation you must solve this problem. You cannot solve the problem by turning to communism, for communism is based on an ethical relativism and a metaphysical materialism that no Christian can accept. You can work within the framework of democracy to bring about a better distribution of wealth. You can use your powerful economic resources to wipe poverty from the face of the earth. God never intended for one group of people to live in superfluous inordinate wealth, while others live in abject deadening poverty. God intends for all of his children to have the basic necessities of life, and he has left in this universe “enough and to spare” for that purpose. So I call upon you to bridge the gulf between abject poverty and superfluous wealth.

in: Martin Luther King Jr., A Knock at Midnight, 1998, S. 28.

(2) Auf diese Analogie hatte ich vor einiger Zeit in dem Artikel “Denk ich an Amerika”, Christ & Welt hingewiesen.

Amerika im Ausverkauf

Ich schob meinen Einkaufswagen durch das immer noch ungewohnte Labyrinth von Einbahnstraßen. Alltägliches wie der Samstagseinkauf im Supermarkt war einer neuen Realität gewichen. Regale waren ausgedünnt und in weiterem Abstand voneinander platziert worden, um den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen genüge zu leisten. Ein “Einbahnsystem” vergrößerte das Gefühlt trotz allem einen sicheren Einkauf mitten in der Pandemie tätigen zu können.

Nachdenklich schob ich die wertvolle “Essensfracht” gen Kasse als mir ein Luftballon in Herzform und amerikanischer Fahne in einem Regal auffiel. Dahinter prange auf rotem Hintergrund in großer Schrift ein Ausverkaufsschild. Welch ironisch passendes Bild an einem Tag wie dem heutigen während die Nachrichten über ein Land hereinbrechen, das sich als führende Weltmacht und Verteidigerin der Demokratie versteht. Nun aber ist es weltführend im Ausbruch des Coronavirus und dem Zusammenbruch seines eigenen Justiz- und Wertesystems. “Amerika befindet sich im Ausverkauf”, schoß es mir unweigerlich beim Anblick der Supermarktauslage durch den Kopf.

Amerika im Ausverkauf
Amerika im Ausverkauf

Laut New York Times (Stand 11. Juli 2020) wurden über 3,199,700 Personen in den USA mit COVID-19 infiziert, wobei mehr als 133,900 an dem tückischen Virus verstarben. Nachdem viele US-amerikanische Staaten meinten, sich zwischen einer florierenden Wirtschaft und dem Sieg gegen das Virus entscheiden zu müssen, schoben viele Staaten Sicherheitsvorkehrungen beiseite und öffneten ihr gesellschaftliches und ökonomisches Leben vorzeitig. Sie führen nun die Statistik in besorgniserregender Weise an.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Menschenleben und -schicksale, die allesamt durch das Versprechen der USA miteinander verbunden sind. Generationen von Migranten hat es und führt es immer noch im Sehnen nach einem besseren, gerechteren Leben in die “Neue Welt”. Diese Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft spiegelt sich in den Worten der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 wieder, denen sich alle US-Bürger*innen verpflichtet wissen. Diese Erklärung hatte sich gegen eine Kolonialmacht und deren Ausbeutung gestellt und besagt, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten, wie Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit ausgestattet sind. (1) Damals waren diese für „weiße“ Männer mit signifikanten Besitz geschrieben worden. Trotz der ursprünglichen Intension bergen die Worte der Unabhängigkeitserklärung den wichtigen Schatz der Gleichheit und Freiheit in sich, die entdeckt bzw. wiederentdeckt werden sollten.

Doch die Pandemie legt die wahre, aktuelle Struktur dieses Landes bloß: Es ist gegenwärtig regiert und dominiert von Personen, die dem Kapitalismus und dem Eigengewinn mehr Gehör schenken als den Bedürfnissen und Nöten der Nächsten. Gleichzeitig erodieren juristische Werte und Grundbeschaffenheiten, die die grundsätzlichen Versprechen der Unabhängigkeitserklärung nicht nur widersprechen, sondern mit ihr brechen. Die Reduktion des Strafmasses von Robert Stone, des ehemaligen Beraters und Freundes Donald Trumps, ist der letzte Ausdruck eines Ausverkaufs Amerikas. Die ehemals führende Industrienation befindet sich im Ausverkauf zu Gunsten einer kleinen profitierenden Schicht, deren Seilschaften und Verflechtungen gegenwärtig stärker sind als das demokratische System. Es bleibt zu hoffen, dass Amerikas Bevölkerung erwacht und die Macht der Basisdemokratie als Chance und Waffe gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen zugunsten weniger wiederentdeckt.

“Excuse me, Ma’am!” raunte eine ältere Dame mir entgegen während sie versuchte, ihren Einkaufswagen an mir vorbei zur Kasse zu manövrieren. Ich schob hastig meine Fracht zur Seite, um ihr Platz zu machen. Als ich über die Schulter blickte, hatte sich das amerikanische Luftballonherz vor das Ausverkaufsschild geschoben und damit verdeckt. Ich hoffe sehr, dass Amerika in den kommenden Monaten auf dem Weg hin zu einer Neuwahl sein eigentliches Herz wiederentdeckt, das besonders stark für eine Gleichheit aller schlagen sollte.


(1) Declaration of Independence, 1776: “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.