Von segensreichen Umwegen

Auf dem grauen Beton des erhaltenen Mauerabschnittes der Berliner East Side Gallery erhob sich Fuji-san mit einer japanischen Pagode während im Hintergrund die Flagge Japans als rote Sonne aufging. Voller Faszination betrachtete ich diesen von insgesamt ursprünglich 106 Bildern, die von 118 Künstlern aus 21 Ländern an der ehemaligen Mauer geschaffen worden waren, die Deutschland bis 1989 in schmerzlicher Weise geteilt hatte.

Das Mauerkunstwerk „Detour To The Japanese Sector“ war von Thomas Klingenstein gestaltet worden. Der ostdeutsche Künstler hatte sich früh für Japan interessiert, ein persönliches Kennenlernen und Bereisen dieses ostasiatischen Landes war ihm aufgrund der Reiseeinschränkungen der DDR unmöglich gewesen. Weil er am 3. Oktober 1979 an einem Treffen mit Robert Havemann, Katja Havemann und Gregor Gysi teilgenommen hatte, wurde er nach seinem Abitur 1981 in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Die politische Wende in Deutschland 1989 erlebte Klingenstein in Japan, wo er 1984 bis 1995 lebte.

Das Bild des Künstlers brachte in mir viel zum Klingen. Die japanische Kultur hatte mich ebenfalls früh interessiert, aber im Gegensatz zu ihm wuchs ich in der Freiheit des Westens auf. Reisen gehörte aufgrund meines binationalen Aufwachsen integral zu meiner Lebensstruktur. Dennoch machte auch ich einen Umweg über Japan, der nun Jahre später segensreich ist, damals aber zunächst einigen Unmut hervorgerufen hatte.

Als junge Theologiestudentin hatte ich mich zielstrebig um die Zulassungsvoraussetzungen für das kirchliche Examen erkundigt, damit ich schnellstmöglich meinen Wunschberuf einer Pfarrerin ergreifen konnte und meine Studienkosten, die ich nach Abschluss abzuzahlen hatte, durch ein zügiges Studieren möglichst gering halten konnte. Eine wichtige Bedingung war der Nachweis eines „Praxisjahres für Theologiestudierende“. Mindestens ein Jahr Arbeitserfahrung sollten Theologiestudentinnen und -studenten vorweisen. Ich brachte meinem Unmut über diesen beruflichen Umweg, der kirchlich vorgeschrieben worden war, in vielen Unterhaltungen zum Ausdruck. Dann aber machte ich die Not zur Tugend und bewarb mich bei Japan Airlines, um meine Reiseaffinität und die finanziellen Konsolidierung unter einen Hut zu bekommen. Eineinhalb segensreiche Jahre als Flugbegleiterin bei Japan Airlines folgten, die mich aus dem kirchlichen Studium hinaus in die Welt führten und mir nebenbei ermöglichten in die bis dahin wenig bekannte japanische Sprache und Kultur einzutauchen.

Der kirchlich institutionalisierte Umweg lehrte mich viel für meine spätere Tätigkeit im Pfarramt, von Menschenkenntnis über Umgang mit Extremsituationen bis hin zum direkten Kontakt mit anderen Religionen und Kulturen. Mein Ethikunterricht für angehende Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei speist sich in einigem ebenfalls von denen bei Japan Airlines gesammelten Erfahrungen: ob dies die Notfallausbildung für Extremsituationen ist, der Umgang mit randalierenden Passagieren oder medizinische Notfallsituationen in der Luft…

Der folgende Artikel, der während meiner Studienzeit erschien und den Anfang meiner kirchlichen Medienarbeit darstellt, gibt einige Einblicke in diese für mich beruflich prägende Zeit:

Die persönliche „Detour To The Japanese Sector“ war für mich ein segensreicher Lebensabschnitt, der meine Arbeit als Pfarrerin mit geprägt hat und nun hilfreich ist für meine Tätigkeit als Seelsorgerin in der Bundespolizei um die zu verstehen, die für unsere Sicherheit an Grenzen, im Bahn- und Flugbereich sowie im Ausland sorgen. Manchmal sind Umwege diejenigen, die uns auf unserem Lebensweg bereichern und uns auf den von Gott gewünschten Pfad gehen lassen.

Ob Thomas Klingenstein dies auch so empfindet? Ich werde den bekannten Künstler wahrscheinlich nie kennenlernen, aber ich wünsche ihm, dass der Umweg nach Japan in der Retroperspektive für ihn gleichfalls segensreich ist. Die wunderschöne Ausgestaltung des Mauerabschnittes zeugt von so viel Kraft, Anmut und politisch Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Von Tränen und Erinnerungen

Ich drücke die AirPods fest und lehne mich in meinem Bürostuhl zurück. Während die samtweiche Stimme der Jazz-Pop Sängerin Lisa Ekdahl mich mit wohltuender Ruhe erfüllt, schließe ich die Augen und träume mich zurück in eine andere Zeit und lasse die neue Heimat Bamberg hinter mir.

„Cry me a river…“ singt es leise in mein Ohr. Vor mir erscheint das Crew-Hotel von Japan Airlines, das mir aufgrund meiner vielen dienstlichen Reisen als Flugbegleiterin vor einer gefühlten Ewigkeit neben den Twin Towers ans Herz gewachsen war. Damals vor über zwanzig Jahren war es ein selbstverständlicher Ort, an dem ich vertraute Strukturen auf meinen Reisen von Frankfurt über Tokyo nach New York gefunden hatte. Der Buchladen, an dem ich Stunden kaffeetrinkend und in Büchern schmökernd verbrachte, erschien vor meinem inneren Auge. Die herrlichen Auslagen, die verschachtelten Ebenen und unzähligen Sitzmöglichkeiten. Viele Bücher und dass Album „When did you leave heaven“ von Lisa Ekdahl sind stille Zeugen dieser längst vergangenen Heimat. Auch das Deli um die Ecke, wo wir uns trotz der verrückten Ankunftszeiten und Lebensrhythmen der Flugbegleiter stets etwas rund um die Uhr kaufen konnten, gehört der Vergangenheit an.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich Jahre später als Pfarrerin in New York tätig sein würde und bewegt vielen Erlebnissen dieses weltverändernden Tages zuhören durfte. Dieser Tag hat sich für alle in das Gedächtnis eingeprägt – denn er hat nicht nur unsere gefühlte Sicherheit erschüttert, sondern auch den Westen in eine tiefe Krise gestürzt, die das eigene Selbstverständnis hinterfragte.

„Cry me a river…“ singt Lisa Ekdahl in ihrem Liebeslied. Auch am heutigen Tag hält die Welt den Atem an und vergießt Tränen über ein nach wie vor erschütternd unglaubliches Ereignis. Lisa Ekdahl besingt den Verlust einer Liebe, den sie beweint. Zu beweinen ist am heutigen Tag der Verlust so vieler unschuldiger Seelen durch einen Terroranschlag, der in seiner Brutalität seinesgleichen sucht. So viele Menschen verloren an Ground Zero ihr Leben. Durch die nachfolgenden Auswirkungen verstarben unzählige an Krebs und anderen Leiden. Die Tränen sind ungezählt.

„Cry me a river…“

Ich öffne meine Augen während die letzten Zeilen ihres Liedes verklingen und blicke nachdenklich über die Dächer Bambergs während Tränen über mein Gesicht rinnen, die so frei fließen wie Lisa Ekdahls samtweiche Stimme. „Sammle (Gott) meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie“ heißt es in Psalm 56,9. Stille Zuversicht über Gottes Präsenz mischt sich in die Traurigkeit in meine Gedanken an diesem 11. September zwanzig Jahre später. All das Leid, das an diesem Tag über die westliche Welt hereinbrach, so verspricht es der Psalmist, ist bei Gott gezählt. Mögen all die Opfer in Gottes Ewigkeit geborgen ruhen.

You can cry me a river
Cry me a river
I cried a river over you
I cried a river over you
I cried a river over you


Kleine Erinnerungen meiner Reisen bei Japan Airlines nach New York: