Von Tränen und Erinnerungen

Ich drücke die AirPods fest und lehne mich in meinem Bürostuhl zurück. Während die samtweiche Stimme der Jazz-Pop Sängerin Lisa Ekdahl mich mit wohltuender Ruhe erfüllt, schließe ich die Augen und träume mich zurück in eine andere Zeit und lasse die neue Heimat Bamberg hinter mir.

„Cry me a river…“ singt es leise in mein Ohr. Vor mir erscheint das Crew-Hotel von Japan Airlines, das mir aufgrund meiner vielen dienstlichen Reisen als Flugbegleiterin vor einer gefühlten Ewigkeit neben den Twin Towers ans Herz gewachsen war. Damals vor über zwanzig Jahren war es ein selbstverständlicher Ort, an dem ich vertraute Strukturen auf meinen Reisen von Frankfurt über Tokyo nach New York gefunden hatte. Der Buchladen, an dem ich Stunden kaffeetrinkend und in Büchern schmökernd verbrachte, erschien vor meinem inneren Auge. Die herrlichen Auslagen, die verschachtelten Ebenen und unzähligen Sitzmöglichkeiten. Viele Bücher und dass Album „When did you leave heaven“ von Lisa Ekdahl sind stille Zeugen dieser längst vergangenen Heimat. Auch das Deli um die Ecke, wo wir uns trotz der verrückten Ankunftszeiten und Lebensrhythmen der Flugbegleiter stets etwas rund um die Uhr kaufen konnten, gehört der Vergangenheit an.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich Jahre später als Pfarrerin in New York tätig sein würde und bewegt vielen Erlebnissen dieses weltverändernden Tages zuhören durfte. Dieser Tag hat sich für alle in das Gedächtnis eingeprägt – denn er hat nicht nur unsere gefühlte Sicherheit erschüttert, sondern auch den Westen in eine tiefe Krise gestürzt, die das eigene Selbstverständnis hinterfragte.

„Cry me a river…“ singt Lisa Ekdahl in ihrem Liebeslied. Auch am heutigen Tag hält die Welt den Atem an und vergießt Tränen über ein nach wie vor erschütternd unglaubliches Ereignis. Lisa Ekdahl besingt den Verlust einer Liebe, den sie beweint. Zu beweinen ist am heutigen Tag der Verlust so vieler unschuldiger Seelen durch einen Terroranschlag, der in seiner Brutalität seinesgleichen sucht. So viele Menschen verloren an Ground Zero ihr Leben. Durch die nachfolgenden Auswirkungen verstarben unzählige an Krebs und anderen Leiden. Die Tränen sind ungezählt.

„Cry me a river…“

Ich öffne meine Augen während die letzten Zeilen ihres Liedes verklingen und blicke nachdenklich über die Dächer Bambergs während Tränen über mein Gesicht rinnen, die so frei fließen wie Lisa Ekdahls samtweiche Stimme. „Sammle (Gott) meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie“ heißt es in Psalm 56,9. Stille Zuversicht über Gottes Präsenz mischt sich in die Traurigkeit in meine Gedanken an diesem 11. September zwanzig Jahre später. All das Leid, das an diesem Tag über die westliche Welt hereinbrach, so verspricht es der Psalmist, ist bei Gott gezählt. Mögen all die Opfer in Gottes Ewigkeit geborgen ruhen.

You can cry me a river
Cry me a river
I cried a river over you
I cried a river over you
I cried a river over you


Kleine Erinnerungen meiner Reisen bei Japan Airlines nach New York:

Ein Gedanke zu “Von Tränen und Erinnerungen

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