Ich schluckte schwer während für alle Anwesenden der Schmerz im kleinen Wartebereich des Krankenhauses immer mehr Raum einnahm. Nun wurde klar, was keiner wahrhaben wollte: Es war unmöglich, dass der Sohn noch rechtzeitig zurückkommen würde. Die Mutter lag im Sterben und er befand sich viele tausend Meilen weit entfernt auf einem anderen Kontinent.
Während die Bitternis dieser schmerzhaften Wirklichkeit für die Familie unumgänglich war, schwappte eine Welle lang vergessener Erinnerungen über mich: Nach ungewöhnlich milden Wetter folgte im März 2020 begleitet durch klirrend kalte Temperaturen ein „harter“ Lockdown in meinem sonst so geschäftigen New Yorker Gemeindegebiet. Die Pandemie hatte früher als in Deutschland meinen Tätigkeitsbereich im Griff: Lokale Maßnahmen waren in Scarsdale und Westchester, wo sich unser Pfarrhaus befand, mehr als eine Woche früher als in Deutschland mit harter, durchgreifender Hand der Behörden implementiert worden.
Gleich zu Anfangs dieser Zeit erhielt ich den verzweifelten Anruf eines Gemeindegliedes, dessen Mutter sich mit dem Virus angesteckt hatte und aufgrund der Heftigkeit der Erkrankung innerhalb kürzester Zeit im Sterben lag. Verzweifelt überlegten wir gemeinsam hin und her, welche Möglichkeiten uns bereitstünden, während wir stündlich die Ausbreitung des Lockdowns beobachteten. Wie ein unsichtbarer tödlicher Nebel breiteten sich die Maßnahmen über den ganzen Tri-State aus und beschränkten meine Handlungsmöglichkeiten als Pfarrerin auf ganz wenig Zugänge – zumeist auf digitale Mittel. Ein Zugang zur Intensivstation war mir untersagt worden. So blieb mir trotz aller Bitten des Sohnes nur die Möglichkeit, eine digitale Begleitung via iPhone bzw. Smartphone vorzuschlagen. Bis heute ist mir das verzweifelte Weinen des Mannes im Ohr, dessen Mutter in solch einer Weise ohne physisch präsenten Trost und isoliert sterben musste. (Wie ich damit in der darauffolgenden pandemischen Zeit umging, ist ein ander Mal Teil eines Blogeintrags…)
Viele Jahre verdrängte ich diese berufliche Erfahrung bis vor wenigen Tagen die Erinnerung durch eine Sterbebegleitung wieder unglaublich präsent wurde.
Im Nachgang fiel mir auf, dass ich mich beim Verdrängen und Wiedergewinnen von Erinnerung in guter, wenn auch inhaltlich anders gelagerter Gesellschaft biblischer Figuren (Gen 40-41) befand: Der Mundschenk des Pharaos hatte eine andere schmerzhafte Erfahrung zwei Jahre lang verdrängt bis die Not des Pharaos ihn wachrüttelte und er sich an den Mithäftling und Traumdeuter Josef erinnerte. Dieser hatte ihm damals seine Träume erklärt, ihn getröstet und Perspektiven aufgezeigt. Als die verdrängte Erinnerung wieder präsent wurde, öffneten sich wichtige Möglichkeiten der Hilfe, die ohne diese Erfahrung nicht dagewesen wären.
Ich war weder Mundschenk noch Mann, sondern eine evangelische Seelsorgerin, die nach Möglichkeiten im eigentlich Unmöglichen der nicht überbrückbaren Distanz zwischen Sohn und Sterbender suchte. Erst war es eine vage Idee im Nebel der Erinnerung. Mit dem Hinweis aber auf stundenlange Telefonate mit der gezwungen abwesenden Person, die die Familie führte, trat eine Hilfsidee immer klarer aus meinem Nebel der Erinnerungen hervor: digitale Möglichkeiten.
Vorsichtig erwähnte ich die Idee einer Audionachricht, die der Sterbenden vorgespielt werden könne, um so die Meilen wenigstens für einen Moment dahinschmelzen zu lassen. Der Sohn hatte nur eingeschränkten Zugang zum Internet, aber eine Nachricht lies sich gut übertragen.

Die Familie nahm den Gedanken dankbar an. So konnte der Sohn zumindest noch seiner Mutter all das sagen, was er zu auf dem Herzen trug.
Für mich selbst war es eine tiefgreifende Erfahrung im Umgang mit erlebten schweren Zeiten, die ich allzu gern einmal verdränge. Manchmal liegt der Segen einer schweren Erfahrung nicht darin, dass sie mich und Sie verändert hat, sondern darin, dass wir uns im richtigen Augenblick an etwas erinnern, das einem anderen Menschen dann aufgrund des Lernhorizontes danach zum Segen werden kann.