Mein Blick schweifte über das spektakuläre Panorama, das sich vor mir ausbreitete, während ich meine geschwollenen, heißen Füße von mir streckte, die in den von trockenem Staub überzogenen Dienststiefeln steckten. Die Aussicht, die der Staffelberg in das Maintal und das Coburger Land schenkte, war eine wunderbare Belohnung für einen stundenlangen Marsch, der viele von uns an die Grenzen der Leistungsfähigkeit geführt hatte. Im ersten Ausbildungsjahr durchlaufen angehende Polizistinnen und Polizisten begleitet durch ein engagiertes Lehrpersonal mehrere Außenausbildungen – der Orientierungsmarsch ist hierbei der anstrengendste Abschnitt.
Mich erfüllte an diesem heißen Sommernachmittag tiefe Dankbarkeit und erinnerte mich an eine Bibelstelle, die eine solche zum Mittelpunkt ihrer Gedanken hat. Hierbei reflektiert ein unbekannter Autor die Geschichte Israels, deren Wüstenwanderung und die Überwindung dieser schweren Herausforderung in dankbaren Worten der erfahrenen Bewahrung. Mit etwas Amüsement stellte ich fest, dass die Israeliten laut Bibel selbst nach vierzig Jahren keine geschwollenen Füße hatten. Meine Füße hingegen fühlten sich an wie in einer viel zu heißen Sauna, pochten und schmerzten trotz einer durchaus weniger weiten Distanz als das Volk Israel durchlaufen hatte.
Deine Kleider sind nicht zerrissen an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre.
Dtn 8,4
Als Mittvierzigerin und Seminarälteste hatte mich dieser Orientierungsmarsch zugegebener Maßen an das Maximum meiner physischen Leistungsfähigkeit gebracht. An jedem beruflichen Ort, an den ich berufen wurde, ist es mein Anspruch, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Verstand präsent zu sein. Das galt für jeden beruflichen Abschnitt- ob Land-, Insel-, Großstadt-, EKD-Auslandspfarrerin oder Polizeiseelsorgerin. Die geschwollenen Füße nebst anderem kleinen „Souvenir“ nahm ich dabei gern in Kauf, denn es ist meine Aufgabe, meine Nächsten in deren Lebens- und Arbeitsumfeld zu begleiten. Nahe bei den Menschen zu sein, die uns Gott anvertraut hat, ist aus meiner Sicht die Aufgabe von Gottes „Bodenpersonal“.
An diesem heißen Sommertag, an dem wir Temperaturen bis 32•C hatten und meine Uhr am Ende von unserer Wanderung 34,4 km anzeigte, war ich die Beschenkte. Denn ich durfte miterleben, wie eine Lehrgruppe weiter zusammenwuchs, einander in schweren Phasen der Wanderung unterstützte und auch ich als Teil ihrer Gruppe in meinem persönlichen Tiefpunkt vom Seminarleiter und Auszubildenden gestützt wurde.
Die Gruppe angehender Polizistinnen und Polizisten durchzog das tiefe Tal einer herausfordernden Wanderung in imponierender Weise und ging von einer Kraft zur anderen bis sie endlich gemeinsam mit uns als Lehrpersonal den spektakulären Staffelberg erklommen hatte. Und vielleicht war es ja für den einen oder die andere wie für mich eine spirituelle Erfahrung, die Gemeinschaft, Umgang mit Grenzen, tiefen Leistungstälern und Kraftorten miteinander verband.
Psalm 84 bettet dies in wunderbare Glaubensworte, die ich auch meinen Auszubildenden von ganzem Herzen wünsche:
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.
Gebannt starte ich auf ein Kunstwerk, auf dessen schwarz gehaltenem Untergrund sich verschiedene Konturen von Personen und Symbolen, mal dominant, mal zart, mal fast durchsichtig scheinend abhoben. Während durch ein hell erleuchtetes Fenster, dessen Sims sich bei genauerer Betrachtung fast dreidimensional abhob, gleißendes Licht auf die Mitte des Bildes fiel, sah ich wie gebannt auf das diagonal im Bild unten liegende und bekannte Antlitz Martin Luthers. Wer kannte das Gemälde des bekannten Reformators nicht, das aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren stammte und so manches Lutherbuch oder Publikation über den ehemaligen Augustinermönch und Theologieprofessor zierte, dessen Thesen die Welt und die religiöse Welt veränderten?
Gerade in dieser Ausstellung des Diözesanmuseums Bamberg, an dessen Ausstellungseröffnung ist stellvertretend für den Leiter unseres Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrums teilnehmen durfte, hätte ich nie das Gesicht des evangelischen Reformators vermutet. Nachdem ich vielfach durch die Welt gereist bin, andere Religionen und Kulturen kennenlernen und ergründen durfte, ist es nun die römisch-katholische Glaubens- und Religionswelt, in die ich seit kurzem in Bamberg als dem „fränkischen Rom“ eintauchen darf.
Bevor ich ins Grübeln verfallen konnte, holte mich die Künstlerin Marion Albrecht in meinen Gedanken ab, indem sie Element um Element von der bekannten Darstellung Luthers aus das Leben und Wirken Caritas Pirckheimers, der Äbtissin des Klarissenklosters ausführte. Eine völlig neue Gedankenwelt eröffnete sich mir bei dieser Ausstellungseröffnung, die Frauen, ihre Lebensgeschichten und ihre Berufung zum Mittelpunkt von Kunst und Geschichte aus katholischer Perspektive in den Mittelpunkt rückten.
In meiner Identität als Lutheranerin und Frau rührte mich die Geschichte der mutigen Äbtissin an, denn sie zeigte eine überraschende Facette der Reformationsgeschichte auf, die mir in dieser Weise erst durch das Darstellungsmittel der Kunst emotional in seiner Tiefe bewusst wurde.
Während das eine Bild mich durch das Antlitz Luthers angezogen hatte, sprach mich das zweite Bild, das aus einer Kombination von Stoff und Malerei bestand, durch einen fast brutal wirkenden Riß an.
Ein Blick in die Geschichte half mir im Nachhinein, die Vehemenz dieser Darstellung verstehen zu können. Aber erst einmal der Reihe nach:
Eine wahrlich bedrohliche Situation muss es damals gewesen sein, als die Reformation so manche (damals noch nicht als römisch-katholisch bezeichnete) kirchliche Institution ereilte. Die damals noch eine Kirche war dringend reformbedürftig und durch die Thesen Martin Luthers und seiner Mitstreiter, die Gnade als Zugang zu Glaube und Erlösung im Gegensatz zu jeglichem Werk hervorhoben, in Frage gestellt worden. Nun wankte die römisch-katholische Kirche in ihren Grundfesten und damit alle betroffenen Bereiche.
Die Einführung der neuen Lehre in Nürnberg 1525 bedeutete das Ende des mittelalterlichen Klosterwesens und brachte damit die Klarrissen in Existenznöte.
Eva Schlotheuber: Willibald und die Klosterfrauen von Sankt Klara – eine wechselhafte Beziehung, in: Willibald Pirckheimer und sein Umfeld, Pirckheimer Jahrbuch für Renaissance- und Humanismusforschung, Band 28, Wiesbaden 2014, S. 59.
Hierbei sei angemerkt, dass Nürnberg bereits ein Jahr vorher Veränderungen der Reformation umsetzen wollte. So sollten ab 1525 alle Klöster nach einer Forderung Luthers in Schulen umgewandelt werden. (1) Viele gingen dieser Veränderung wohlwollend und freiwillig nach. Doch beim Nürnberger Klarrissenkloster bot sich ein anderes Bild: Die Nonnen wollten sich dieser Forderung nicht anschließen, da sie in ihrer klösterlichen Gemeinschaft, die für sie wie eine Familie war, eine für sie stimmige Glaubens- und Lebensform gefunden hatten. Nun aber drohte die Auflösung dieser Glaubensgemeinschaft. Bei diesen Auseinandersetzungen erwies Caritas Pirckheimer unglaublichen Mut und nutzte die durch ihr familiäres und humanistisches Umfeld zugute gekommene Bildung, um zu überzeugen:
Pirckheimer verteidigte den Konvent mit allen Kräften, schrieb Eingaben und Briefe. Dabei berief sie sich – wie Luther in Worms – auf ihr gewissen und erinnerte die Evangelischen an die tolerante Haltung der Türken, die Andersgläubige unter ihrer Religion duldeten. […] In ihrer Not wandte sich Pirckheimer an ihren Bruder, den Humanisten Willibald Pirckheimer. Dieser schrieb im Frühjahr 1525 einen Brief an seinen alten Freund Melanchthon, schilderte ihm mit herzergreifenden Worten die Situation und bat ihn zu intervenieren.
Martin Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 41-42.
Auf die Bitten des Freundes hin besuchte Melanchthon die Klarrissinnen und als Caritas die Gnade Gottes als Mittelpunkt ihres Glaubens hervorhob, wurde zu einem ihrer Fürsprecher. Nur in der Frage des Gelübdes waren Melanchthon und die mutige Klarrissin nicht überein gekommen. Dennoch setzte Melanchthon sowie ihr Bruder Willibald sich beim Rat der Stadt für die Nonnen ein, die schließlich in der von ihnen gewählten Gestaltung des Glaubenslebens in ihrem Kloster verbleiben durften.
Kein Wunder, dass die Künstlerin Marion Albrecht aufgrund der großen Bedrohung für das Klarrissenkloster solch einen großen Riss in ihr Kunstwerk eingebracht hatte. Doch wie das Kunstwerk, hielt diese Gemeinschaft durch eine mutige, kluge Frau den negativen Auswirkungen Sturm der Reformation stand.
Als evangelische Pfarrerin, die in einer Ehe mit Kindern leben darf, ist mir der Gedanke der Ehelosigkeit fremd. Den Mut und das Opfer eines Verzichts auf Ehe und Familie, den meine katholischen Glaubensgeschwister für eine vollumfängliche Berufung leben, bewundere ich sehr. Solch ein schmerzhaften Verzicht könnte ich kaum leben.
Jenseits dessen war es der überraschende Perspektivwechsel durch die Künstlerin, die die Biografie einer standhaften Frau emotional greifbar machte und mich nachdenklich stimmte: letztgültig kämpfte Caritas Pirckheimer um eine von ihr gewählte Gestaltung ihres Glaubenslebens, die wir heute unter dem Grundrecht der Religionsfreiheit verorten würden. Dieses war damals vor über 500 Jahren durch die Reformation in Gefahr geraten. Eine düstere Facette der Reformationsgeschichte, die durch eine mutige katholische Frau mir als evangelische Pfarrerin eine andere, schmerzhafte Seite des Ursprungs meiner Konfession aufzeigt: in der Freude und Befreiung des einen kann unter Umständen der Schmerz und das Leid einer anderen liegen. Eine wichtige Mahnung aus der Zeit der Reformation, die uns verpflichtet für die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit in der Gegenwart einzutreten.
Ich kann Ihnen, lieber Leser und liebe Leserin, diese Ausstellung zu einem Besuch sehr anempfehlen. Diese wird bis zum 10.10.2023 im Diözesanmuseum Bamberg angeboten. Weitere Informationen erhalten Sie auf deren Webseite. Sicherlich werde ich dort noch öfter zu Gast sein und mich als evangelische Theologin von den katholischen Perspektiven mutiger Frauen inspirieren lassen.
(1) Martin Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 41.
Meine Hände griffen nach den prallen, verlockenden Früchten, die noch naß vom morgendlichen Gießen in der Sonne strahlten. Ich pflückte eine kleine, reife Erdbeere und barg sie gemeinsam mit ihren Nachbarfrüchten in einem meiner beiden großen Eimern. Der letzte „Pflücksamstag“ hatte mich nochmals auf das Feld des Erdbeerhofes Schuster gelockt, um nach Pflücken und Einkochen hoffentlich mit getanem Tagewerk viel Geschmack nach Sommer für Herbst und Winter in unseren Marmeladegläsern eingefangen zu haben.
Da ich einen möglichst süßen, aromatischen Fruchtaufstrich machen wollte, hatte mich die freundliche Dame an der Kasse zu einem Abschnitt des Erdbeerfeldes gewiesen, wo kleinere, aromatische Früchte der Sorte „Korona“ geerntet werden konnte. Ganz zu meiner Freude hatte es am vorhergehenden Tag geregnet und die Erdbeeren reichlich reifen lassen. Nachdem ungefähr die Hälfte meines Leergutes mit Früchten gefüllt war, beschloss ich zur Zeitersparnis den Rest mit größeren Erdbeeren anderer Sorten zügig aufzufüllen. Also ging ich querfeldein zu benachbarten Pflanzenreihen, die voller praller Früchte hingen.
Wenig später waren die beiden Eimer bis zum Rand gefüllt. Auf dem Rückweg zur Kasse las ich interessiert die Schilder der einzelnen Sorten:
„Sonata“ versprach große, feste, helle Erdbeeren, die besonders haltbar waren und sich perfekt für Kuchen eignen würden. „Allegro“ sei eine Sorte, die mittelgroße Früchte haben würde und ebenso gut für Kuchen sei. „Magnum“ – nomen es omen – würde sich durch sehr große Erdbeeren auszeichnen, die festes Fleisch besäßen und eher dunkel seien. Wahre Allrounder für den Genuss.
Bei der Erdbeersorte „Asia“ blieb ich erstaunt stehen. Schwarz auf weißem Hintergrund stand dort:
Riesengroße Früchte
Männersorte – sehr schnell gepflückt
Ideal für Facebook und Instagram-Posts 😉
Erdbeerhof Schuster
Dass der Erdbeerhof früher oder später in meinen Posts erwähnt werden würde, war mir vorher schon klar gewesen, denn das Erdbeerfeld ist zu einem der Herzensorte geworden, die ich im Umkreis von Bamberg gefunden habe. Dass es aber unter den Erdbeeren „Männersorten“ gab, war mir neu. Qualifizierte die Größe einer Frucht, welchem Geschlecht eine Erdbeere zugewiesen werden sollte? Irritiert sah ich das Schild nochmals genauer an, denn mit Erdbeeren hatte ich noch nie ein Geschlecht verbunden – weder mit der Pflanze an sich, noch eine Relation zwischen der Größe der Frucht und der konsumierenden Person gezogen.
Wollte man durch die Größe der Früchte darauf hinweisen, dass Männer lieber riesengroße Früchte verzehren wollen? Oder dass sie beim Pflücken schneller Erfolge sehen möchten? Erstaunt grübelte ich über die Andeutungen nach, die verschiedentlich (wahrscheinlich auch etwas scherzhaft) Vorurteile transportierten. War dieses harmlose Schild vielleicht ebenso eine kleine kulturelle Projektionsfläche, die gewisse Vorstellungen transportierte und im alltäglichen, harmlosen Gewand sich in unser Alltagsleben verborgen einweben würde?
Die US-amerikanische Ethikerin Emilie M. Townes beschreibt dies mit dem Fachausdruck der „Fantastic Hegemonic Imagination“:
The set of ideas that dominant groups employ in a society to secure the consent of subordinates to abide by their rule. The notion of consent is key because hegemony is created through coercion that is gained using the church, family, media, political parties, schools, unions and other voluntary associations –the civil society and all its organizations. This breeds a kind of false consciousness (the fantastic in neocultural and sociopolitical drag) that creates societal values and moralities such that there is one coherent and accurate viewpoint in the world.
Emilie M. Townes, Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil, (New York, NY: Palgrave, Macmillan, 2006), Seite 20.
Übersetzung:
Ideen, die dominante Gruppen in einer Gesellschaft anwenden, um die Zustimmung der Untergebenen zur Einhaltung ihrer [gesellschaftlichen] Dominanz sicherzustellen. Der Gedanke der Zustimmung ist von entscheidender Bedeutung, da Hegemonie durch Zwang geschaffen wird, der durch die Hilfe von Kirche, Familie, Medien, Parteien, Schulen, Gewerkschaften und anderen freiwilligen Vereinigungen – der Zivilgesellschaft und all ihren Organisationen – erzwungen wird. Dies erzeugt eine Art falsches Bewusstsein (das Fantastische in neokultureller und gesellschaftspolitischer Tragödie), das gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen schafft, als ob es einen kohärenten und genauen Standpunkt auf der Welt gäbe.
In ihrem Buch „Womanist Ethics and the Cultural Production of Evil“ erklärt sie anhand größerer und kleinerer Beispiele aus der US-amerikanischen Gesellschaft, wie Vorstellungen einer von einer dominanten Gruppe gewünschten Primärkultur tradiert und von Kindesbeinen an erlernt werden. Hierbei wählt sie vor allem Beispiele, die den in USA tiefverwurzelten Rassismus offen legen.
Aber wer kennt es nicht? Dass Vorstellungen, vielleicht sogar Vorurteile anhand von Produkten transportiert werden? Inzwischen gibt es – Gott sei Dank! – Diskussionen rund um unseren deutschen Bild- und Sprachwelten, die versuchen, dies zu verändern. Ob Gesellschaft, Politik oder Kirche. Kein Bereich ist von der „Fantastic Hegemonic Imagination“ ausgenommen. Es bedarf daher eines genauen Hinsehens, Nachdenkens und einer aktiven Veränderung in den jeweiligen Bereichen. Da denke ich zum Beispiel an den „Sarotti-Mohr“, der als Markenzeichen der gleichnamigen Schokolade bis 2004 verwendet wurde und nun durch einen umgestalteten Magier ersetzt wurde. Aber auch Spiele, Bezeichnungen für gewisse Speisen und so vieles mehr prägen Vorstellungen ein, ehe wir dies vielleicht reflektieren und tradieren ein Gedankengut, dass wir nicht unterstützen wollen – ob Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Sexismus oder andere diskriminierende Irrlehren und Einstellungen.
Wie lang ich gedankenversunken am Rande des Erdbeerfeldes gestanden haben muss, weiß ich nicht mehr. Doch als es mir schließlich unter meinem Sonnenhut heiß geworden war, gab ich mir einen Ruck, denn nicht nur sehnte ich mich nach all dem fleissigen Erdbeerpflücken nach etwas kühlem zum Trinken, sondern die Früchte, ob von Sorte „Korona“, „Sonata“, „Allegro“, „Magnum“ oder „Asia“, sollten heute noch ihrer Bestimmung im Marmeladeglas zugeführt werden. Als diverse Gemeinschaft von unterschiedlicher aromatischer Geschmacksdichte und Fruchtkonsistenz in einem Glas, die gerade durch die Unterschiedlichkeit den Gaumen meiner Familienmitglieder erfreuen sollte.
Ich grinste verschmitzt in mich hinein. Das Einkochen der Erdbeeren würde der große Gleichmacher für alle schmackhaften Früchte sein. Sozusagen Gleichberechtigung für alle, denn im Glas wären sie alle Teil eines Ganzen: leckere Erdbeermarmelade, die meine Familie an Sommer, Sonne und warme Temperaturen erinnern würde.
Das große Snoopy-Bild war schon etwas in die Jahre gekommen und wurde durch vier sehr unterschiedliche Magnete an unserer Kühlschranktür festgehalten. Fast täglich rückte ich den einen oder anderen bunten Magneten zurecht, damit das lieb gewonnene Bild beim hastigen Öffnen und Schließen der Türe nicht davon flatterte.
Heute aber hatte ich dank eines stillen Sonntages etwas Zeit und strich leise über die vier sehr unterschiedlichen Alltagshelfer, die für verschiedene Lebensstationen standen:
das kleine Flugzeug erinnerte mich an die Tätigkeit als Flugbegleiterin bei JAL während des kirchlichen Praxisjahres, der Orkney-Magnet stand stellvertretend für meine erste Auslandsverwendung als junge Pfarrerin, das etwas abgenutzte Einsatzauto der NYPD war ein Symbol für meine zurückliegende Tätigkeit bei der New Yorker Polizei, und das dunkle Quadrat hingegen stand für meine gegenwärtige Berufung als Seelsorgerin bei der Bundespolizei.
„Manchmal sieht man erst im Nachhinein, welche Wege Gott für uns schon vor langem geplant hat,“ sagte eine Person vor einigen Tagen zu mir als ich mich zugegebener Maßen niedergeschlagen zu einem Gespräch eingefunden hatte.
Ob Flieger, Insel, Megametropole oder polizeiliches Aus- und -fortbildungszentrum – ich war stets an eines gebunden: an eine Berufung, die mich mit Leib und Seele dort hat tätig sein lassen, wo Gott mich hin sandte. Ich war mir schon immer schmerzlich bewusst gewesen, dass ich weder aus einer Akademikerfamilie stamme, noch mächtige oder reiche Personen meinen Stammbaum schmücken. Eine Identität, die ich mit den meisten der über 8 Milliarden Menschen auf unserem Planeten teile. Die Alltäglichkeit meines Hintergrundes hat mir in meiner eigenen Biografie schon manche Stolperfalle gestellt oder sagen wir es so: lies manche Türen für andere aufgehen, die für mich fest verschlossen waren. Die Bibel aber hat mir schließlich einen Trost geschenkt und das Bild in manchem zurecht gerückt. Gottes Wort geht oftmals andere Wege als unser menschlicher Verstand dies vielleicht annehmen würde. Im ersten Brief weist Paulus die Korinther darauf hin, dass eine Berufung oft im Schwachen und Geringen zu finden ist:
Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«
1. Kor 1,26-31
Was in der Lutherübersetzung als „töricht“ wiedergegeben ist, kann ebenso als „absurd“ übersetzt werden. Aber irgendwie trifft ja beides in meiner eigenen Biografie zu, die ungewöhnliche, manchmal unvernünftige Pfade jenseits einer durchschnittlichen Pfarramtslaufbahn einschlug. Und im Nachhinein fange ich an, die weisen Worten meines letztwöchigen Gesprächspartners in meinem von außen betrachteten etwas töricht erscheinenden oder vielleicht für eine Theologin und Pfarrerin absurd wirkenden Lebenslauf zu entdecken. Gott rief mich stets an besondere Orte. In manchem kann ich gegenwärtig durchaus entdecken, wie diese Stationen mich auf meine gegenwärtige Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin am größten polizeilichen Aus- und -fortbildungszentrums vorbereitet haben bzw. mir dabei nun helfen.
Als Flugbegleiterin bereiste ich in jungen Jahren die Welt während ich Deutsch, Englisch und Japanisch geordnet nebeneinander, manchmal nach biblisch-babylonischem Verwirrungsprinzip durcheinander jonglierte, um tausende Menschen über Grenzen hinweg auf ihrer Reise zu begleiten.
In dieser Zeit hatte ich vielfache Berührungspunkte mit Polizeivollzugsbeamten. Nicht nur in Deutschland, sondern international. Das betraf nicht nur die Ein- und Ausreise, sondern auch Grenzsituationen, in denen ich dankbar war um die geleistete polizeiliche Hilfe. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an einen Randalierer an Board, der nach vielen angespannten Flugstunden von Frankfurt nach Tokyo nach der Landung von der japanischen Polizei in Gewahrsam genommen wurde.
Während meiner Zeit als Pfarrerin auf einer schottischen Insel war es die Unterstützung der örtlichen, aber auch der neuseeländischen Polizei, die mir bei der Begleitung einer traumatisierten Familie eine große Hilfe war. Es waren tiefgreifende pastorale Erfahrungen, die ohne die Hilfe der Polizeien in Schottland und Neuseeland nie zu einer gelingenden Begleitung in solch einer schweren Situation geführt hätten.
Und dann war da meine New Yorker Zeit. Was erst als ein kleines Projekt ehrenamtlich mit Einladungen zu Feierlichkeiten wie Beförderungen, Sommerprogrammen und Gemeindeversammlungen begann, wuchs zu einem wichtigen Bestandteil meiner Tätigkeit als Pfarrerin am Big Apple heran. Die Nachbegleitung von belastenden Einsätzen, der schwere Einsatz während des Corona-Ausbruchs, die massiven Demonstrationen aufgrund der Ermordung von George Floyd bereiteten mich unauffällig, aber stetig wachsend auf die nächste Berufung vor.
Inzwischen bin ich zweieinhalb Jahre als hauptamtliche Seelsorgerin innerhalb der Bundespolizei tätig. Nicht selten fühle ich mich töricht. Manchmal sogar in meinem Dasein etwas absurd, da ich in diesem polizeilichen Kontext so anders bin als die mich umgebenden Polizeivollzugsbeamten. Ich habe noch keinen Coopertest gelaufen, keinen physischen Widerstand erlebt, keine Waffe gehalten, oder anderes typisch Polizeiliches in Deutschland durchlebt. Aber manchmal geht Berufung eben gerade einen anderen Weg, wie wir im biblischen Text hören: Gott wählt das Törichte, das Schwache, das Geringe, um seine Botschaft in die Welt zu tragen. Möge das uns allem zum Trost sein, wenn wir unter Umständen weder in einer hierarchisch machtvollen Position sind, noch einflussreich und oder monetär gut situiert. Dann bleibt uns darauf zu vertrauen, dass Gott trotzdem oder sogar gerade durch unser marginales Sein in diese Welt hinein spricht und uns auf unserem Lebensweg Schritt um Schritt formt zu dem, wofür er uns bestimmt hat.
Auf meinem Schreibtisch hatte sich leibgewonnene theologische Fachliteratur eingefunden, denn Wichtiges zeichnete sich am Horizont meiner beruflichen Aufgaben als Polizeiseelsorgerin ab: ich sollte an der bevorstehenden Vereidigung von 686 Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter predigten. In dem kurzen Gottesdienst vor der Vereidigungszeremonie waren fünf Minuten Predigtzeit vorgesehen, in denen ich den jungen Kolleginnen und Kollegen Gedanken mit auf ihren beruflichen Weg mitgeben durfte. Stärkend sollte es meiner Meinung nach sein, aber auch mit dem nötigen Anspruch an die vor ihnen liegende wichtige berufliche Aufgabe.
Nachdenklich sah ich auf den biblischen Text:
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Jesaja 41,10
Nach einem tiefen Seufzer der Ratlosigkeit, gab ich mir einen Ruck und tauchte in altbekannte theologische Gefilde des althebräischen Textes ab, der sich wie ein warmes Bad der Gelassenheit und Ruhe anfühlte.
Während Verben des Zuspruchs wie des Aufrufs sich nicht zu fürchten, der Zusage der Begleitung, der Stärkung und Hilfe an mir vorüber schwammen und ich an mancher Stelle tiefer in den Text und andere Bibelstellen eintauchte, die diese Worte ebenso beinhalteten, wich langsam aber sicher die Unruhe von mir. Die Frage, was ich meinen Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärtern mitteilen wollte, wich einer Faszination des Bibeltextes, der vor allem zum Ende hin immer dichter und aussagekräftiger wurde.
ימִ֥ין – rechte Hand
צִדְקִֽי – meine Gerechtigkeit
Die letzten beiden Begriffe zogen mich magisch an und wie aus dem Dampfnebel des althebräischen Bades zeichneten sich langsam, aber sicher die Konturen einer Predigtidee ab.
Das Eintauchen in das althebräische Bad hatte mir neue Kraft und Inspiration für die anstehende Herausforderung geschenkt. Nun war es Zeit, aus dem wohltuenden Bad des Althebräischen emporzusteigen und mich der Herausforderung der Predigt zu stellen. Während ich mich an den letzten beiden Begriffen festhielt, tauchte ich vollends aus dem biblischen Urtext auf.
Wenige Zeit später glitten meine Finger flink über die Tastatur des heimischen Computers und woben mit Zuversicht Gedanken zu einem kleinen Predigttext zusammen. Nun konnte die Vereidigung kommen.
Predigt anlässlich der Vereidigung von BA 22 II und 23 I am 13.5.2023
Bamberger Dom
– es gilt das gesprochene Wort –
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Hände.
Sie sind ein solch wichtiger Teil unseres Körpers.
Kein Wunder, das sie vom Anfang unserer Menschheitsgeschichte an sichtbare Spuren zum Beispiel in Architektur, Kunst und Malerei hinterließen.
Da denke ich zum Beispiel an die ersten Abbildungen der Höhlenmalerei, zu denen nicht nur als Jagdzauber gemalte Tiere gehören. Da sind auch die vielen Hände. Große und kleine. Blasser und stärker hervortretend. Spuren derer, die einst waren und die ihre Anwesenheit, ihre Gegenwart in den Fels schrieben.
Hände.
Sie spielen eine zentrale Rolle im Leben. Wer schon einmal auf eine Hand verzichten musste, weil er sie verletzt oder gebrochen hatte, weiß wovon ich rede.
Durch sie meistern wir unser Leben.
Durch Hände werden wir zu kreativen, schöpferischen Wesen.
Durch Hände lassen wir andere spüren, was uns bewegt. Manchmal schmerzhaft durch ihre Kraft. Manchmal liebevoll durch ihre Zärtlichkeit.
Durch Hände setzen wir Zeichen. Die Schwurhand ist ein visualisierter Ausdruck gewichtiger Worte.
Spätestens beim Eintritt in die Schule achten wir auf die Präferenz einer Hand.
Nun würde mich interessieren, liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher, welche Hand Ihre präferierte wäre. Aber eine solche Umfrage zu starten, wäre zu zeitaufwendig. Daher greife ich heute auf eine Untersuchung des Psychological Bulletins vom Jahr 2020 zurück, an der 2,396,170 Probanden teilnahmen. Laut dieser Untersuchung sind 89,4 % aller Menschen Rechtshänder. Wie diese so geprägt wurden, ist umstritten und würde zu weit führen.
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass der biblische Spruch, den ich für die heutige Vereidigung ausgewählt habe, das Bild der rechten Hand ebenso verwendet und auf Gottes Handeln überträgt.
Gott spricht:
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Die rechte Hand, von der Jesaja spricht, im Hebräischen als ימִ֥ין („Jamin“) bezeichnet, meint die rechte Hand Gottes, die von Gerechtigkeit geleitet, Sie in Ihrem Dienst halten und schützen soll.
Als Seelsorgerin hoffe ich, dass Sie diese Stärkung und Hilfe spüren und erleben können, denn Ihr Dienst und Ihr Einsatz für unser Grundgesetz, das auf christlich-jüdischem Fundament ruht, ist nicht einfach.
Viele von Ihnen begleite ich im berufsethischen Unterricht und Sie haben im Rahmen des Eidunterrichtes von der wechselhaften Geschichte des Eides erfahren. Darüber diskutiert und leider auch hören müssen, wie manche Eide für politische Zwecke missbraucht wurden. Sie aber stellen sich in den Dienst unseres Grundrechtes und werden nach dem Eid dieses in praktische Taten umsetzen – immer mit dem Blick auf das eigene Gewissen.
Im Bibelvers wird Ihnen daher Mut zugesprochen. Fürchte dich nicht!, heißt es dort. 124 mal findet man diese Ermutigung in der Bibel. Dieser Ausspruch wird gerade dort laut, wo etwas Neues beginnt oder ein neuer Weg noch recht jung ist und Menschen Zuspruch benötigen.
Da denke ich zum Beispiel
an den Stammvater Abraham, der aufbricht,
an Mose, der das Volk aus der Sklaverei führen sollte,
an Ruth, die ihre Schwiegermutter begleitete,
an die vielen Propheten, deren Aufgabe es war, Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt stark zu machen,
an die Geschichte der Maria oder die Hirten auf dem Feld.
Das erklungene „Fürchte dich nicht“ deckt natürlich nicht irgendwelche utopische Vorstellungen ab. Es ist vielmehr ein göttlicher Mutmacher.
Denn ein Einsatz für Recht und Gerechtigkeit ist eine große Herausforderung. Der heutige Bibeltext Ihrer Vereidigung spricht im Hebräischen von צדקי („Zedakah“), der Gerechtigkeit, die ihren Ursprung und Auftrag in Gott hat.
Sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, fordert die Bibel, nein besser: gehört der Bibel nach zum selbstverständlichen menschlichen Handeln. Die biblischen Propheten klagen Gerechtigkeit immer wieder ein. Dabei ist es ihnen egal, ob sie einem Herrscher, König, Bürgermeister oder einer anderen hochgestellten Person gegenüber treten. Ihr Gewissen, das ausgerichtet ist an Gottes Gerechtigkeit, gibt ihnen den Mut und Auftrag, dies zu tun. Wer sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt, ist in guter biblischer Gesellschaft.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute werden Sie Ihren Eid sprechen und sich verpflichten, unser Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland zu schützen, die im Herzen die Menschenwürde als Dreh- und Angelpunkt tragen. Immer mit dem Blick auf das eigene Gewissen.
Der heutige Bibeltext möge Sie in Ihrer Tätigkeit begleiten – in Zuspruch und Anspruch zugleich:
Denn Gott spricht:
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
I held my breath as the young police cadet started reading the names of places that once have been places of horror and death.
Auschwitz
Buchenwald
Dachau
It was Holocaust Remembrance Day. This year January 27 was a cold, crisp day with old snow and icy edges giving roads and sidewalks a rough appearance. As I made a small remark about the weather, the Rebbetzin, who stood next to me, looked at me and nodded: „I’ve heard that the weather on the day of the liberation of Auschwitz must have been the same.“ A cold shiver ran like a lighting down my spine and made me shiver even more.
To commemorate the liberation and commemorate the victims of the Holocaust, we had organised a ceremony at the Training Facility of the Federal Police in Bamberg. As its chaplain it was important to me. Not only am I a German citizen, but a clergy working for the Federal Police. Both, police and churches have been hurtfully complicit during the Nazi regime. My commitment is therefore even more urgent and our friendship has sealed my personal responsibility in ways I can’t describe.
Majdanek
Mauthausen
Mittelbau
Nine classes of police cadets with their teachers plus the leadership had gathered in neatly arranged rows. Over one hundred and fifty people in total filled the large space, which once was called „The Change of Command“ when the facility was an U.S. military base. Rabbi Dr. Yael Deusel, Rabbi Dr. Almekias-Siegel with Rebbetzin, and Mr. Rudolph, the chair of the Synagoge in Bamberg had followed my invitation to the commemoration ceremony. I was thankful that they joined us during this important remembrance to read a prayer. Many of my police cadets never have personally met Jews – and certainly haven’t had the honour to meet Rabbis.
Natzweiler-Struthof
Neuengamme
Riga-Kaiserwald
The grounds on which we stood on January 27 couldn’t have been more ambivalent and made a commemoration even more important. The land was used for military reasons for a long time. First built as the „Lagarde Kaserne“ for the Royal Bavarian Army as an infantry barracks, it was extensively used during World War I and World War II. It is said that almost every branch of the German Army was stationed here. The most elite group was the 35th Armor and the 17th Cavalry Regiments, which was composed of noblemen who were wealthy and had their own riding school. Claus von Stauffenberg was its most prominent member. He was known for an unsuccessful plot to assassinate Adolf Hitler. When both Rabbis presented their prayers I was filled with deep thankfulness. Hitlers evil plans hadn’t worked out – even if he did use this stretch of land decades ago, it is now under the leadership of Leading Police Director Thomas Lehmann used to educate generations of police cadets to uphold democracy and human rights.
Sachsenhausen
Stutthof
Plaszow
As Leading Police Officer Thomas Lehmann lead the Rabbis to the flag masts, we were supported by rows of police cadets and their leadership. While making our way to the masts, it felt as if they were forming a protective back up for those, who were grieving in remembrance. It might have been the same cold day in 1945 and 2023, but what happened back then, will never happen again. I can assure you, that many together with me will give their very best. May the memories of the victims never be forgotten, but for a blessing as we train young police cadets to protect and serve democracy.
Aus Gründen ist es Zeit, endlich das Schweigen zu brechen und in diesem Blogeintrag über prägende pandemische Erfahrungen als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin zu schreiben.
Jahresanfang und eine Woche Urlaub. Für mich die perfekte Kombination, um etwas Ordnung zu schaffen und dadurch offen zu werden für die nächsten zwölf Monate des noch recht jungen Jahres. Als ich den Inhalt meines Nachtkästchens ausleerte, fiel mir eine Stoffmaske in die Hand, die ich vor fast genau zwei Jahren direkt aus meinem Fluggepäck in der Schublade des Nachtkästchens verstaut hatte. Nachdenklich setzte ich mich auf den Rand meines Bettes. Laut Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Klinik Charité, befinden wir uns bereits am Ende der Pandemie und in Deutschland am Beginn einer Endemie. Das heißt nicht, dass das Virus uns nicht weiterhin im Griff hat, dennoch trifft es nicht in der vorher vorhandenen Härte, Intensität und Gefährlichkeit. Eine Endemie bedeutet, dass wir weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll sein müssen, aber lernen mit der sich verbreiteten Krankheit umzugehen. Dazu benötigt es auch das Element der Reflexion, um aus dem Erlebten zu lernen.
Die Stoffmaske wirkte an diesem ersten Samstag des neuen Jahres wie ein Relikt aus einem anderen Leben, das inzwischen weit weg erschien. Ich seufzte tief. Bilder in wirrer Reihenfolge erschienen vor meinem inneren Auge. Ich schüttelte mich, während so manche Emotion der in New York erlebten Pandemie von mir wieder Besitz ergriff. Die Maske musste aufbewahrt werden. Wie lange ich auf meiner Bettkante saß, weiß ich nicht- doch irgendwann gab ich mir einen Ruck und suchte all die anderen Stoffmasken, die wir aufgehoben hatten.
Ich fand unsere Sammlung an Stoffmasken im abgelegensten Schrank unserer Wohnung in der untersten Schublade hinter vielen Halstüchern. Während in Deutschland schon bald FFP2-Masken Pflicht geworden waren, trugen wir in den USA relativ lange waschbare Masken aus Stoff. Im Nachhinein schützen diese Masken nicht so gut, waren aber nun für mich wichtige Erinnerungsstücke – persönliche Artefakte einer sehr intensiven Dienstzeit geworden.
Vier Masken hatte ich besonders gerne getragen. Sie waren nicht nur gut geschneidert gewesen, sondern verbanden mich emotional mit wichtigen Stationen einer intensiv erlebten Dienstzeit:
Auf der Maske aus schwarzem Baumwollstoff war in großen Buchstaben FAITH ______OVER ______ FEAR aufgedruckt. Diese Maske steht für den Beginn und die erste Welle der Pandemie, die ich in New York als einem der ersten Corona-Hotspots der westlichen Welt erlebt hatte. Es waren Monate, in denen ich als Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin meine Berufung noch nie so intensiv gespürt hatte, wie in dieser Zeit. Eine Lehre dieser Zeit ist für mich, dass in Gefahr Berufung erst richtig beginnt. Noch gut erinnere ich mich an die Angst, mich selbst anzustecken- im Krankenhaus während ich Sterbende begleitete oder in den beengten New Yorker Bedingungen als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin, wo ein sicherer Abstand oftmals schwer möglich war.
Das Symbol der Synagoge war schon etwas abgegriffen – für mich strahlte es in seinem einfachen Weiß auf dieser azurblauen Maske umso mehr. Diese besondere Maske war mir von meiner jüdischen Synagoge geschenkt worden, wo ich mich ehrenamtlich engagiert hatte. Eine der bitteren Auswirkungen der Pandemie war in USA eine schnell eingetretene Massenarbeitslosigkeit, die vor allem aufgrund des nur rudimentären Sozialsystems die Ärmsten der Armen getroffen hatte. Diese Arbeit durfte daher nicht zum Erliegen kommen. Mit viel Fantasie und Engagement versuchten wir trotz der uns umgebenden viralen Gefahr für die zu sorgen, die sonst hungern würden.
Und dann nahm uns mitten in diesem pandemischen Chaos ein politisches Ringen Recht und Gerechtigkeit den Atem. Auf schwarzem Untergrund prangte neben dem Profil der Richterin Ruth Bader Ginsburg, die eine der größten Kontrahentinnen des damaligen Präsidenten Donald Trump war, in bunten Lettern die Aufschrift WOMEN BELONG IN ALL PLACES WHERE DECISIONS ARE BEING MADE. Ich hatte in USA ein Ringen um eine politisch gerechter gestaltete Welt erlebt, in der es einen Kampf um Inklusivität bzw. Exklusivität gab. Erinnerungen an wunderbare Frauennetzwerke und eine durchbangte Wahlnacht sind mir immer noch sehr präsent.
Eine weitere mir wichtige Maske strahlte und glitzerte mir auf einem galaktischen Hintergrund entgegen. Sie erinnert mich an die Träume, die mich in dieser intensiven Dienstzeit antrieben: Träume von Gesundheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Eine große Aufgabe, die wir nur gemeinsam Wirklichkeit werden lassen können. Wenn jeder eine Kleinigkeit dazu in seinem jeweils eigenen Bereich dazu tut, kann dies gelingen. In New York und jetzt in Bamberg versuche ich weiterhin meinen kleinen Teil dazu beizutragen.
Die Zahl der persönlichen Artefakte endete jäh mit meinem beruflichen Wechsel zur Bundespolizei – sicherlich auch verbunden mit der Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske. Mit meiner Rückkehr nahm so mancher Kollege wieder Kontakt zu mir auf. Eine Unterhaltung kurz nach meiner Rückkehr im Januar 2021 wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Anstatt mir ein offenes Ohr zu leihen, kritisierte er meinen beruflichen Wechsel zur Bundespolizei. Ich sei schon wirklich dumm gewesen. Wenn ich eine normale Pfarrstelle gewählt hätte, hätte ich sicherlich noch einige Monate eine ruhige Kugel schieben können. In Ruhe umziehen. Ankommen. Mich einfinden. Stattdessen hätte ich den Strudel des polizeilichen Dienstes gewählt. Ich war sprachlos über dieses opportunistische Denken, das ich bei diesem Kollegen wahrnehmen musste.
Als ich in Deutschland ankam, fragte man mich nicht nach meinen Erfahrungen noch bot man mir die Möglichkeit an, diese zu verarbeiten. Ein Sonderurlaub war bei einem solchen Wechsel nicht vorgesehen. Noch heute frage ich mich warum eigentlich, wenn ich viele dienstliche Sonderbelastungen getragen hatte? Supervision oder psychologische Begleitung wurde mir ebenso wenig angeboten. Also stürzte ich mich ins Neue und verarbeitete das Erlebte auf meine Weise.
Nach fast zwei Jahren sind diese Erfahrungen nun ein für mich wertvoller Teil meines Selbst geworden. So manches kann ich in den berufsethischen Unterricht der BPOL nebst zahlreicher Reportagen, die über meinen Dienst in New York gedreht wurden, einfließen lassen. So wird nun für andere zum Segen, was ich erlebt habe.
Für mich steht am Ende dieser endemischen Gedanken vor allem diese wichtige Lektion im Mittelpunkt der pandemischen Dienstzeit: eine Berufung zeigt sich in Gefahr – das verbindet mich zutiefst als Pfarrerin mit den mir anvertrauten Polizeikräften, die ich begleiten darf. Die eigene Berufung so stark spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk der pandemischen Dienstzeit, das mich begleiten wird – egal, wo ich meinen Dienst versehe.
The steps of my feet echoed on the pavement as I crossed through a smaller street in the old city center of Bamberg. My restless mind was weary and I tried to avoid the most popular streets, which were so prominent with tourists from all over the world.
Its now one and a half years since we had to abandon the life we had built in New York – and I had to leave the comfort of a special friend behind, who lived so close to me and shared my passion for those on the fringes of society. I feel alone in this German city that prouds itself of being a UNESCO World Heritage Site. It is full of history, broken history, and millions of tourists are flocking to see how splendid Germany must have one looked before the Second World War. I feel alone – sometimes even from G*d, I must admit. I often lament, why He has called me here to teach hundreds of Federal Police cadets instead of leaving me in the close comfort of our friendship.
So, in the last weeks I dug deeper into the wisdom of those, who have inspired my research during my doctoral studies. Abraham Josua Heschel, whose daughter Susannah I had the honour to meet in New York as I organised a panel discussion about „Luther and Antisemitism“ with the Leo Baeck Institute in 2017, I found an interfaith ally. As Heschel moved to Berlin to pursue his academic career, he felt alienated as a Hasidic in the bustling German capital. He roamed the streets – and maybe he even felt alone and lost in translation from one culture to the next as I do right now. I am aware that I’m a German citizen. I speak the language. I know the culture. I have been brought up with the food. But my life´s journey has put an undeniable multicultural imprint on me. My thoughts and ideas are as diverse as the cultures and places that have had an impact on me. But in this Roman Catholic city it seems like only a streamlined person with a monocultural background is accepted (preferably Franconian having lived here all of their lives). Immediately upon arrival in this Roman Catholic context I was told straight into the face that as a Lutheran pastor I should get used to being minor and should get used to this fact. No wonder, I find it hard to feel at home.
As I lamented one evening on my way beyond the tourist paths of Bamberg, it was a poem of the Rabbi I adore for his deep connection of faith and social justice that spoke consolation to me – it was as if through time the Rabbi spoke compassionate words of G*d´s presence to a lonesome German Lutheran pastor:
God follows me everywhere— spins a net of glances around me, shines upon my sightless back like the sun.
God follows me like a forest everywhere. My lips, always amazed, are truly numb, dumb, like a child who blunders upon an ancient holy place.
God follows me like a shiver everywhere. The desire in me is for rest; the demand within me is: Rise up, See how prophetic visions are scattered in the streets!
I go with my reveries as with a secret In a long corridor through the world— and sometimes I see high above me, the faceless face of God.
God follows me in tramways, in cafes. Oh, it is only with the backs of one’s eyes that one can see how secrets ripen, how visions come to be.
Abraham Josua Heschel, The Ineffable Name of God: Man, originally published Warsaw 1933, translated from the Yiddish by Morton M. Leifmann, New York 2007, p. 57.
These words spoke deeply to my soul and called my thoughts back into perspective. G*d has always been with me, no matter where I went throughout my life journey and the places he has led me to:
the long stretched, agricultural region of Franconiaand its society being aligned to monocultural structure during my childhood and youth
the beautiful American South, its mesmerising city of Charlestonand the tensions of its past and present
the industrial nation of Japan pressing forward in time and economy with its fascinating ancient culture that embraces the future
the lively city of Frankfurt, providing space for a multicultural society paving the way for Germany to become a more manifold and welcoming nation
the remote islands of Orkney with its stunning nature, which is one of the most beautiful places of G*ds creation I have ever seen
the state Bavaria dominated by its capital Munich as the industrial motor of Germanys South and its harsh cement desert
the diverse city of New York as the secret capitol of the Western world, which is one of a kind and took me in as one of its own
and the medieval city of Bamberg fascinating uncounted tourists by its beauty, but finding it difficult to embrace those who are different.
Its Heschel words of G*d´s presence are consoling as I am trying to come to terms that sometimes the paths we are led down are not the ones we maybe have wished for. And perhaps one day, if G*d provides, we will again roam down streets, neighbourhoods or islands together. Until then, may our faith and friendship be the bond that reminds us that G*d follows us everywhere.
This is the Yiddish original poem in a beautiful interpretation:
Schwer lag die kleine, schwere Glocke in meiner Hand. Ich wog sie nachdenklich hin und her, bevor ich sie zum Läuten brachte, um meine Familie an den reich gedeckten Abendessenstisch zu rufen. Wie unsere Familienglocke, so war es mir als ob die Institution Kirche in die Jahre gekommen war. Der Glanz ist weg und seit kurzem einem durchaus schmerzhaften Realismus gewichen. Seit gut eineinhalb Jahren arbeite ich nach vielen Jahren Gemeindedienst nicht mehr im Pfarramt und tauche nicht nur beruflich als Seelsorgerin bei der Bundespolizei in ein anderes Tätigkeitsfeld ein, sondern bin gemeinsam mit meiner Familie das erste Mal seit langer Zeit ein einfaches Gemeindeglied. Wochentag und Wochenende. Arbeitszeit und Freizeit. Es sind unbekannte Rhythmen, die mir neue, wertvolle Einblicke in die Realität eines Kirchenmitgliedes schenken. Ich sehne mich nach einer Gemeinschaft, die Freud und Leid, Höhen und Tiefen des Lebens mit uns teilt. Erleben darf ich sie an ganz anderer Stelle: im Bereich der Bundespolizei. Vereidigungen, Festtage, aber auch Tod und Trauer vereinen uns über Religions- und Konfesssionsgrenzen hinweg.
Kirchenmitgliedschaft ist dort alles andere als selbstverständlich. Durch meine Lehrtätigkeit als Polizeiseelsorgerin weiß ich, dass die meisten meiner Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter keiner verfassten Kirche angehören und sich sehr selten einer Religion zugehörig fühlen. Kirchenskepsis und starke Kirchenkritik prägen diese Generation von Auszubildenden, die zwischen 16 und Ende 30 sind. Der von Till Reiners kirchlich viel kritisierte Beitrag im Rahmen der „Heute-Show“ findet begeisterte Aufnahme. Man mag die Inhalte so viel diskutieren, wie man will- für viele ist das nur eine Bestätigung ihrer bereits geformten Meinung über Kirche und Glaube.
Ich erlebe nun in meiner Tätigkeit als Seelsorgerin die Zukunft dessen, was Kirchengemeinden erwarten wird: dass Kirche und Gläubige in der Minorität sein werden. Eher die Ausnahme als die Regel. Das sollte zumindest unsere evangelische Kirche wachrütteln. Für mich stellt sich angesichts meiner langjährigen Erfahrungen im In- und Ausland die Frage, was Kirche eigentlich ausmacht und wie sie trotz der bereits immanenten Krise sich als Botschafterin des Glaubens bewähren kann. Eine glaubwürdige Zeugin sollte sie wieder sein, die nach Innen und Außen wirkt und sich an ihre Berufung durch Jesus Christus orientiert. Von der Nabelschau auf unterschiedlichen kirchlichen Ebenen habe ich leider mehr als genug miterleben dürfen. Eine freudige Glaubensgemeinschaft wünsche ich mir, die in der Ambivalenz des Lebens nach Innen und Außen die hoffnungsvolle Zuversicht des Glaubens weiter schenkt.
Freude – wahre Freude. Keine durch Konsum evozierte, vergängliche, sondern eine Freude, die in den Höhen und Tiefen zusammenhält und trägt, weil sie aus der tiefen Quelle des Glaubens gespeist wird.
In New York und Bamberg durfte ich mehrere Schabbat-Gottesdienste besuchen. Ich war jedes Mal überwältigt von der Freude, die am Freitagabend in die gottesdienstlich versammelte Gemeinde einzog als der Schabbat wie eine geschmückte Braut freudig willkommen geheißen wurde. Nachdem wir aufstanden und sie symbolisch begrüßten, ging der Gesang in einen Jubel über, der uns alle erfasste. Ich vermisse solch eine überschwängliche, überfließende, sich anderen schenkende Freude in unseren lutherischen Gottesdiensten.
Die Theologin Angela Williams Gorrell hat ähnliche Erfahrungen rund um den Schabbat machen dürfen. Während ich offizielle Gottesdienste zum Beginn des Feiertages in New York und Bamberg mehrfach besucht habe, berichtet sie in ihrem Buch „The Gravity of Joy“ von einer anschließenden Einladung in einen Privathaushalt:
„After the worship service, we gathered in a dining hall that had been specially prepared for hours before sundown so that no work would be done during the dinner. The tables were set, the candles were lit, and the food had been cooked.
Our only job was to eat course after course and talk about life as we enjoyed the meal and conversation with one another.
About an hour into the dinner, a man stood up on a chair and started clapping and singing loudly – no instruments, just his energy and voice and hands sounding together. He invited everyone in the room to join hin.
We need other people to invite us to rejoice as much as we need other people to invite us to befriend anger and fear and open lament.
We need to be trained in crisis care, and we need to witness pain and respond meaningfully to suffering – but we need joy too. At different points in our lives, our capacity for joy is enhanced or restricted by what we are facing. People have different capacities of joy.“
Angela Williams Gorrell: The Gravity of Joy, Grand Rapids, Michigan, USA 2021, p. 174.
Es wäre doch schon mal ein gelingender Anfang, wenn wir diese Freude ausstrahlen würden, anstatt durch einen oftmals traditionellen Gottesdienst abzuschrecken, der nur noch von denen verstanden wird, die dessen Sprache gelernt haben zu sprechen. (Der kritische Leser wird anmerken, dass es durchaus moderne Formate gäbe. Dem kann ich nur zustimmen, wobei die meisten besuchbaren Gottesdienste klassisch gestaltet sind und moderne Formate die Ausnahme darstellen. Und welcher Jugendliche oder junge Erwachsene besucht schon gern um 9:30 Uhr oder 10 Uhr nach durchfeierter Nacht einen Gottesdienst?)
Ich läutete ungeduldig unsere kleine Essensglocke. Doch der Glockenklöppel verhakte sich immer wieder und gab nur einen dumpfen leisen Klopfton ab, der sicherlich nur schwer durch die Zimmertüren dringen würde. Ob es mir gelingen würde, meine eigenen Kinder für Kirche zu begeistern? Seit eineinhalb Jahren lag das nicht mehr in meiner Hand. Ich hatte über viele Jahre versucht, die Grundlagen dafür zu schaffen. Würde die Kirche als glaubhafte, zugewandte Glaubenszeugin, die Gemeinschaft stiftete und Sinn schenkte, zu ihnen durchdringen oder ihr Rufen vor deren Tür wie dumpfe Glockenschläge verklingen?
Das Toastbrot reihte sich in ordentlichen Reihen und unterschiedlichen Geschmacksrichtungen aneinander. Die Donuts in Erdbeer-Rosa wechselten sich mit denen in dunklem Schokoladen-Braun ab. Den saftigen Blattspinat hatte ich in Tüten portioniert und ebenso auf dem großen Tisch platziert als mir die Leiterin unserer Tafel eine großes Packet mit Bibeln in Ukrainisch entgegenstreckte, die uns von der Bamberger Gruppe des Gideonbundes geschenkt worden war. Als diese ihren Ort auf dem großen Tisch erhalten hatten, war es bereits Zeit für die Ausgabe. Wir eilten alle nach einem kleinen Briefing zurück an unseren Ausgabeort. Meine Hand strich leicht über die bereitgestellten Bibeln, die in einer mir fremden und so wichtigen Sprache gedruckt worden waren. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, schoß es mir heiß und kalt durch den Kopf. Doch nun war keine Zeit zum Einhalten. Die ersten Kunden warteten bereits an meinem Tisch darauf, die bereitgestellten Waren erhalten zu können.
Die Ausgabe war schon zur Hälfte verstrichen, als eine ukrainische Kundin mit ihren zwei Töchtern Toastbrote entgegennahm. Während ich der Mutter mit Händen und Füßen den Unterschied zwischen Vollkorn- und Buttertoastbrot erklären wollte, glitt die ältere, ungefähr zwölfjährige Tochter leise am Tisch entlang und strich vorsichtig über die ukrainischen Bibeln. Sie sah mich fragend mit ihren großen dunklen Augen an. Ich nickte aufmunternd und schob ihr lächelnd eine Bibel zu. Schnell nahm sie das dunkle Buch wie eine wertvolle Fracht entgegen und barg sie in einer zärtlichen Umarmung in ihren Händen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht,“ sagt Jesus in Mt 4 und verweist hierbei auf ein Schriftstück in der Thora (Den 8), die zum Mittelpunkt die Dankbarkeit gegenüber Gott hat, der trotz all der Herausforderungen für Speise gesorgt hat.
Das junge ukrainische Flüchtlingsmädchen verstand diese Anspielung Jesu intuitiv und hatte daher nicht nur dankbar Essen, das zur Grundsicherung half, entgegengenommen, sondern das Wort Gottes mit in ihr vorübergehendes deutsches Zuhause genommen. So half die Tafel durch den Gideonbund die aufbauenden und mutmachenden Worte Gottes weiter zuschenken. Ihr Strahlen und die zärtliche Umarmung der Bibel haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ein wunderbares Geschenk, das ich an diesem Samstag erhielt und auf das verwies, was wichtig ist: das Brot des Lebens – literal durch die Grundsicherung, die die Tafel schenkt, und übertragen durch die Bibeln, die nun nach und nach ihren Weg zu ukrainischen Flüchtlingsfamilien finden werden.